Der Zürcher Ex-Nationalrat Roland Wiederkehr propagiert Curcumin als Heilmittel gegen Krebs. Die Substanz stammt aus der seit langem bekannten Gewürz- und Heilpflanze Gelbwurz (Curcuma longa und Curcuma xanthorrhiza). Gelbwurz ist ein Bestandteil der Curry-Mischung und für deren gelbe Farbe verantwortlich. Durch Artikel im “Tages-Anzeiger” vom 8. und 16. Juli 2008 sowie durch die Diskussion in der Fernsehsendung “Club” vom 15. Juli auf SF 1 ist die Curcumin-Kampagne von Roland Wiederkehr zum Gespräch geworden. Roland Wiederkehr hat sich als Gründer von Road Cross, der früheren Vereinigung der Opfer von Strassenunfällen, sehr für die Sicherheit im Strassenverkehr verdient gemacht. Mit seiner Curcumin-Propaganda verrennt er sich meiner Ansicht nach aber einseitig auf einem Holzweg.

Curcumin gehört tatsächlich in den letzten 10 Jahren zu den am intensivsten wissenschaftlich untersuchten Naturstoffen. Unter anderem besitzt es antioxidative Eigenschaften. Es fängt also aggressive Sauerstoffradikale im Körper ab, die mit der Entstehung von Tumorerkrankungen in Zusammenhang gebracht werden. Dazu muss allerdings gesagt werden: Im Labor lässt sich mit Experimenten “in-vitro” (im Reagenzglas) sehr schnell und billig nachweisen, ob eine Substanz antioxidativ wirkt. Solche Untersuchungen werden daher auch in grossem Stil gemacht. Als antioxidativ hochwirksam zeigten sich bestimmte Flavonoide (in Obst und Gemüse), Chlorophylle (in Blattgemüse), Anthozyane (Farbstoffe in Beeren wie Heidelbeere oder Schwarze Johannisbeere), Catechine (im Grüntee) und eben auch Curcumin aus der Gelbwurz.
Der grosse Nachteil solcher Laborexperimente ist, dass sie keine Informationen darüber liefern, ob diese Verbindungen auch im Menschen wirksam sind. Mit einigen dieser Substanzen wurden auch Tierexperimente durchgeführt. Eine Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen ist aber aufgrund der hohen Dosierungen, die meist verwendet wurden, kaum möglich. Bei der Maus zeigten sich antioxidative Effekte eine Stunde nach oraler Verabreichung von 500 mg Curcumin pro Kilogramm Körpergewicht. (Schneider u.a., Arzneidrogen, Spektrum Verlag 2004). Macht auf den Menschen umgerechnet bei 80kg Körpergewicht die ziemlich absurde Menge von 40g reines Curcumin. Und das dann vielleicht noch alle paar Stunden?
Für eine Aussage über Wirksamkeiten beim Menschen wären aufwendige klinische Studien mit kranken Personen nötig.
Einen speziellen und inzwischen gut akzeptierten Ansatz, um antioxidative Effekte direkt beim Menschen nachzuweisen, verfolgen Univ. Prof. Dr. Siegfried Knasmüller und Mag. Franziska Ferk am Institut für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien. Das Comet Assay Verfahren gibt Auskunft über das Ausmass oxidativer Schäden im Organismus. Dabei werden Interventionsstudien gemacht, bei denen gesunde Probanden über einen bestimmten Zeitraum hinweg Nahrungsmittel konsumieren. Durch Vergleiche der Schäden vor und nach der Intervention ist es möglich, Schutzeffekte festzustellen. Knasmüller & Ferk schreiben dazu: “ Wir verwenden diese Methode nun bereits seit einigen Jahren und haben einige durchwegs unerwartete und teilweise Aufsehen erregende Befunde erhalten. Beispielweise zeigte sich, dass der Konsum von Kaffee (600ml/Person/Tag) einen deutlichen Schutz bewirkt. Mit einem Gewürz (Sumach), das in orientalischen Ländern weit verbreitet ist, fanden wir ebenfalls sehr deutliche antioxidative Effekte (Konsum von 3g/P/T). Weiteres war es möglich, als aktive Wirksubstanz eine kleinmolekulare phenolische Verbindung zu charakterisieren. Dieselbe Menge (berechnet auf das Körpergewicht) reichte aus, um in Laborratten in inneren Organen vor oxdidativen Schäden, die durch radioaktive Strahlung ausgelöst wurde, zu schützen.” (MMA, krebs:hilfe! 04/2006). Unter dem Titel: “ Ernüchterung bei großmolekularen Verbindungen” schreiben die Autoren weiter: “ Ernüchternd hingegen sind die Ergebnisse, die mit den “besten” In-vitro-Antioxdantien erhalten wurden: Weder Anthozyane noch Chlorophylle, Cucurmin und Catechine bewirken im Körperinneren deutliche Schutzeffekte. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass diese großmolekularen Verbindungen bei der Verdauung kaum aufgenommen werden, daher ist lediglich im Darmbereich mit Schutzeffekten zu rechnen. Nichtsdestotrotz werden auch derzeit noch zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel mit angeblich antioxidativen Eigenschaften vermarktet, ohne dass deren Wirksamkeit bei Menschen nachgewiesen wurde. Eine neue EU-Direktive schreibt vor, dass “health claims” (“Gesundheitsansprüche”) von Nahrungsmitteln und Supplementen nur dann zulässigerweise gemacht werden können, wenn diese durch entsprechende wissenschaftliche Befunde begründet werden.”

Solche Ergebnisse werden von den Curcumin-Propagandisten offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Sie müssten aber mitdiskutiert und mitberücksichtigt werden.
Wer die Phytotherapie-Fachliteratur zu antioxidativen Heilpflanzen wie Curcuma konsultiert, stellt zudem rasch fest, das die Situation gar nicht so eindeutig ist, wie die Curcumin-Propagandisten es darstellen. So schreiben zum Beispiel die sehr fundierten Hänsel & Sticher in “Pharmakognosie – Phytopharmazie” (Springer 2007): “Curcumin.. ist ein Hemmstoff verschiedener Enzyme, Proteine, Faktoren und Signaltransduktionswege, die mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang stehen.” Es steht dort aber auch: “Ob es sich bei den bisherigen positiven Resultaten um eine Überbewertung von Laborstudien handelt….oder ob daraus klinisch relevante Wirkungen abgeleitet werden können, ist zurzeit schwierig zu beurteilen, das kann erst in klinischen Studien nachgewiesen werden.”
Schilcher, Kammerer und Wegener schreiben im Standardwerk “Leitfaden Phytotherapie” (Urban & Fischer 2007) zur Heilpflanze Curcuma: “Die Wirkstoffe sind in einer Teezubereitung in überraschend hoher Konzentration enthalten.” – Fragt sich nur, ob sie über den Verdauungstrakt auch aufgenommen werden. Hänsel & Sticher dazu: “Die Bioverfügbarkeit von Curcumin nach oraler Verabreichung ist sehr gering.” Auch Schneider u. a. (2004) schreiben, dass Curcumin über den Verdauungstrakt schlecht aufgenommen und überwiegend mit dem Stuhl ausgeschieden wird.
Warum hört man von den Curcumin-Propagandisten davon nichts, obwohl sie selbstverständlich ihre Präparate über den Verdauungstrakt anwenden?
Bei Hänsel & Sticher (2007) wird noch auf epidemiologische Studien auf dem indischen Subkontinent verwiesen, wo Curcuma eine grosse Rolle in der täglichen Ernährung spielt: “Diese haben ergeben, dass in Indien Kolon-, Brust-, Prostata- und Lungenkarzinome im Gegensatz zu Europa und Amerika relativ wenig vorkommen”. Das ist den Inderinnen und Indern ja zu gönnen. Die dortige Bevölkerung und ihr Lebensstil unterscheiden sich allerdings an verschiedenen Punkten und nicht nur beim Curcumakonsum von europäischen und amerikanischen Verhältnissen. Falls diese Unterschiede aber doch mit Curcuma zusammenhängen, geht es dabei um einen sehr langfristigen vorbeugenden Effekt bei konstanter Einnahme von der Kindheit an. Damit lässt sich noch nicht im Ansatz eine therapeutische, krebsheilende Wirkung bei manifestem Tumor begründen und diese Therapie als sanfte Alternative zu Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie propagieren. Das schreibe ich ausdrücklich als Vertreter der Pflanzenheilkunde, weil ich überzeugt bin, dass wir nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Grenzen der Heilpflanzen diskutieren müssen. Zu einer allfälligen vorbeugenden Wirkung von Curcumin schreiben Schneider u.a. (2004): “Bei der Maus wird durch 1% Curcumapulver im Futter die Ausbildung von induziertem Magenkrebs (Benzpyren, Dimethylbenzanthracen) und spontanem Gebärmutterkrebs um 58% bzw. 60% gehemmt.”

Schilcher / Kammerer / Wegener (2007) fassen meines Erachtens sehr differenziert zusammen: “Trotz der zahlreichen positiven Ergebnisse aus der experimentellen Forschung lassen sich spezifische Indikationen in der Tumortherapie für Curcumawurzelstock oder Curcuminoide noch nicht ableiten, da bisher nur klinische Pilotstudien, jedoch noch keine echten klinischen Studien bekannt sind….Hinsichtlich der Verträglichkeit wurden in den klinischen Pilotstudien hohe Dosierungen bis zu 8 – 10 g tägl. ohne relevante Nebenwirkungen gut vertragen. Ein supportiver Einsatz könnte daher zwar möglich sein, jedoch nur dann, wenn die Therapie engmaschig kontrolliert würde.” (supportiv = unterstützend neben einer sonstigen angemessenen Tumortherapie, M.K.)

Soweit zum Stand des Fachwissens bezüglich Curcumin in der Phytotherapie. Nur schon diese kurze Auslegeordnung zeigt, dass die Lage sehr viel widersprüchlicher ist, als es von Roland Wiederkehr und anderen Curcumin-Propagandisten dargestellt wird. Die erwähnten Fachbücher sind im Buchshop auf dieser Website genauer vorgestellt und können dort auch erworben werden.

Darüber hinaus wirft die Curcumin-Kampagne aber noch weitere Fragen auf:

Mir fällt immer wieder auf, dass viele VertreterInnen der Naturheilkunde zwar bei der “Schulmedizin” alle Forschungsergebnisse stark in Frage stellen, die im Reagenzglas, im Tierexperiment und mit isolierten Substanzen gemacht werden. Sobald es aber Wasser auf die eigenen Mühlen leitet, werden solche Ergebnisse fraglos zur Verbesserung der eigenen Position ins Feld geführt. Oft allerdings ohne dass die Herkunft der Ergebnisse aus dem Labor oder aus Tierversuchen transparent gemacht wird. Das ist ein eklatanter Widerspruch. Auch die Curcumin-Kampagne deckt nicht voll auf, wie sehr sie sich auf solche Labor- und Tierexperimente mit beschränkter Aussagekraft stützt.

Im “Tages-Anzeiger” vom 8. Juli 2008 wird Roland Wiederkehr mit der Aussage zitiert: “Alles, was mit Naturstoffen zu tun hat, wird bei uns verboten”. Das ist ganz einfach nicht wahr. Natürlich gibt es immer wieder behördliche Einschränkungen und darüber kann man im Einzelfall aus fachlicher Sicht unterschiedlicher Meinung sein. Tatsache ist aber auch: Heilpflanzen-Extrakte, deren Wirksamkeit und Sicherheit in klinischen Studien belegt sind, werden sehr wohl zugelassen. Die am besten dokumentierten Präparate der Phytotherapie werden sogar von der Krankenkasse über die Grundversicherung bezahlt, wenn sie ärztlich verschrieben werden. So beispielsweise bei Heilpflanzen-Extrakten aus Ginkgo, Johanniskraut, Sabal, Artischocke, Baldrian, Weissdorn und vielen anderen mehr.
Selbst in der schulmedizinischen Tumortherapie werden durchaus Naturstoffe eingesetzt, beispielsweise Taxol aus der Pazifischen Eibe oder Vinca-Alkaloide aus einer Immergrün-Art (Vinca rosea). Das sind dann allerdings auch Giftpflanzen, die in der Tumorbehandlung auch unerwünschte Nebenwirkungen haben.
Auch mit dieser oben zitierten Aussage stellt Roland Wiederkehr meines Erachtens die Situation sehr einseitig und von “Lager-Denken” geprägt dar. Gefragt und angemessen wäre aber eine viel differenziertere und weniger polarisierte Betrachtungsweise. Vor allem, wenn es um eine so schwierige und komplexe Thematik wie Krebs geht. Chemotherapien, Operationen und Strahlenbehandlungen in der Tumortherapie sind oft belastend. Es ist so einfach, hier Hoffnungen zu wecken und Betroffenen eine (scheinbare) Alternative zu bieten. Gerade weil das so simpel ist, müssen die Anforderungen an solche Heilungsempfehlungen so strikt sein.

Sehr blind scheint mir auch, wenn Roland Wiederkehr im Tages-Anzeiger” vom 8. Juli und im “Club” auf SF 1 seinen Freund Bruno A. als Beispiel für eine Heilung durch die von ihm propagierte Zelltherapie mit (unter anderem) Curcumin präsentiert, nachdem dieser eine schulmedizinische Therapie mit Operationen und einigen Bestrahlungen durchgemacht hat. Da müsste mindestens in Erwägung gezogen werden, dass der Patient auch schon mit den Operationen geheilt worden sein könnte.

Dass Curcumin dann auch gleich noch unzählige andere Krankheiten wie AIDS, Arthritis, cystische Fibrose, , Arteriosklerose, Alzheimer etc. heilen soll, macht die Kampagne vollends unglaubwürdig. Das Märchen vom Allheilmittel, mit dem sich alle Krankheiten besiegen lassen, ist zwar uralt und wird in immer neuen Varianten wieder aufgefrischt, weil es offenbar so dringend benötigt wird. Sehr realistische ist es aber nicht, dass jemals ein solches Universalheilmittel gefunden wird. Das bleibt wohl leider ein schöner Wunschtraum.

Erstaunlich ist zudem immer wieder, dass offenbar viele Leute davon ausgehen, im Bereich der Pflanzenheilkunde brauche es keine fundiertere, längerfristige, breitere Auseinandersetzung mit den Grundlagen – oder gar eine Ausbildung – und sehr punktuell auf ein scheinbares Wundermittel aufspringen. Zum Thema Pflanzenheilkunde kann offenbar jede und jeder als Experte mitreden…..

Alles in allem wäre meine Bitte, dass sich Roland Wiederkehr doch besser wieder um Strassenverkehrsopfer kümmern soll. Für dieses Engagement bin ich ihm nämlich sehr dankbar.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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