Meiner Ansicht nach brauchen wir im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde einen sorgfältigeren Umgang mit dem Begriff “Erfahrung”. Wie rasch kommt doch als Begründung für bestimmte Heilmethoden oder Heilmittel, dass es halt “Erfahrungen” seien, die dafür sprächen. Wilhelm Schmid zeigt im folgenden Zitat, wie komplex dieser Begriff der “Erfahrung” ist:

“Die Bereicherung des Erfahrungsschatzes hängt nicht etwa nur von der Vielzahl der Erfahrungen, sondern von deren Reflexion ab, um Erkenntnisse aus den gemachten Erfahrungen zu ziehen, vorschnelle Schlüsse aber zurückzuhalten. Die Reflexion erfordert eine Distanznahme zu dem, was dem Selbst widerfahren ist, um die Erfahrung, die gemacht worden ist, gleichsam von Aussen charakterisieren zu können als einzigartige oder aber anderen Erfahrungen ähnliche, als zufallsabhängige oder aber allgemeine Erfahrung, bedingt von Strukturen und eingebunden in bestimmte Zusammenhänge; was sich aus der Reflexion ergibt, ist als “Bestätigung, Korrektur oder Widerlegung” auf die Lebensführung zurückzubeziehen.
Der Reflexion förderlich ist der Erfahrungsaustausch mit Anderen; ohnehin erweisen sich wenige Sujets als so ergiebig für Gespräche wie das narrative Aufbereiten, das Vergleichen und Interpretieren von Erfahrungen. Zu deuten ist auch hier, ob die verschiedenen gemachten Erfahrungen dieselben oder ähnliche oder unterschiedliche sind, welche Gründe und Hintergründe sie haben könnten und welche Bedeutung ihnen zukommt. Kaum etwas verbindet Individuen so sehr wie gleiche oder ähnliche Erfahrungen, die der Selbstvergewisserung dienlich sind; kaum etwas hält sie nachhaltiger zueinander auf Distanz als die Unterschiedlichkeit von Erfahrungen, die verunsichernd wirkt und doch der wechselseitigen Bereicherung dienen könnte. Zur Annahme aber, dass es “authentische” Erfahrungen seien, die der eigenen Wissensproduktion Impulse verleihen, besteht kein Anlass: Erfahrungen sind in hohem Masse strukturell bedingt, und sie sind mithilfe von Vorstrukturierungen manipulierbar, sodass sie in dieser oder jener Form möglich oder unmöglich, wahrscheinlich oder unwahrscheinlich gemacht werden können. Die Art und Weise der Erfahrung und selbst ihrer Reflexion kann von Strukturen einer Kultur und von Gewohnheiten des Fühlens und Denkens vorgeprägt sein.”
(Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst, Suhrkamp 2000, S. 301)

Es gibt nicht diese reine Erfahrung, die uns direkt zeigt, wie es wirklich ist. Jede Erfahrung wird durch Theorien schon vorstrukturiert (nach Karl Popper). Jede Erfahrung, mit der wir zu tun bekommen, ist schon eine interpretierte und vorgeprägte Erfahrung. Darum braucht es einen aufwendigen Prozess der Auseinandersetzung, bis wir aus “Erfahrungen” Erkenntnisse gewinnen können. Es braucht unter anderem die von Schmid beschriebene Distanzierung von den eigenen “Erfahrungen”, damit sie reflektiert, eingeordnet, bewertet und mit “Erfahrungen” anderer Menschen verglichen werden können. Es braucht den Austausch und die kritische Auseinandersetzung mit anderen Menschen auch über unsere Erfahrungen mit Heilpflanzen.
Beruft sich jemand zur Begründung für die Anwendung einer Heilmethode oder eines Heilmittels einfach auf “Erfahrung”, müsste daher sehr genau nachgefragt werden, wie sorgfältig und selbstkritisch sich diese Person mit ihren sogenannten Erfahrungen auseinandergesetzt hat.
Hier zeigt sich meines Erachtens der Unterschied zwischen professionellem Handeln und Dilettantismus.
In der Pflanzenheilkunde / Phytotherapie sind wir es den Patientinnen und Patienten schuldig, dass wir sorgfältig und selbstkritisch mit Erfahrungen umgehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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