Es gibt viele Krankheiten, welche für die Forschung und die Medizin interessant sind. Herzinfarkt, Krebs, Alzheimer, auch Rheuma oder Grippe: In diesen Bereichen werden Medikamente entwickelt, die Forschung lohnt sich für die Pharmafirmen. Es gibt jedoch auch bedeutende Krankheiten, welche Millionen von Menschen bedrohen und an deren Behandlung trotzdem weltweit nur wenige Wissenschaftler arbeiten. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Thomas Schmidt vom Institut für Phytochemie der Universität Münster.

Schmidt ist ein Kenner der sogenannten “Neglected Diseases”, der vernachlässigten Krankheiten, die in Afrika, Lateinamerika oder Asien nach Schätzungen von Gesundheitsexperten eine Milliarde Menschen bedrohen, und für die keine wirksamen Medikamente existieren.

Ein Beispiel dafür ist die Schlafkrankheit, an der in Afrika jährlich schätzungsweise 50 000 Menschen sterben, erklärt Schmidt. Die Schlafkrankheit wird von einzelligen Lebewesen über die Tse-Tse-Fliege als Wirt übertragen. Vor 80 Jahren, als zahlreiche der heutigen afrikanischen Staaten noch von Kolonialmächten beherrscht wurden, seien noch sehr einfache Medikamente produziert worden, sagt Schmidt. Inzwischen interessiere sich für die Schlafkrankheit und etwa 13 weitere Krankheiten, welche von Einzellern übertragen werden, aber kaum noch jemand.

Wer von der Schlafkrankheit infiziert wird, dessen Gehirn wird durch die Infektion angegriffen. Mit der Zeit fallen die Patienten in einen Dämmerzustand, der meistens zum Tod führt. Mangelnde Hygiene in bitter armen Regionen führe zur Ausbreitung dieser und anderer Krankheiten, sagt Schmidt – Medikamente zu entwickeln, sei für die Pharmaindustrie in der Regel aber nicht lukrativ genug.

Schmidt ist unabhängig, und die Suche nach Wirkstoffen gegen die vernachlässigten Krankheiten ist bereits seit Jahren eines seiner Spezialthemen. Weil bekannt ist, dass Arnika im 19. Jahrhundert auch gegen Malaria in Deutschland angewendet wurde, testete Schmidt zuerst diese Heilpflanze als potenzielles Gegenmittel zur Schlafkrankheit. Später wurden Korbblütler wie Gänseblümchen oder Sonnenblume untersucht. Für die Experimente arbeitet der Forscher mit dem Schweizer Tropeninstitut zusammen.

Als eine sudanesische Kollegin am münsterischen Institut arbeitete, brachte sie Korbblütler aus ihrer Heimat mit. Schmidt testete diese ebenfalls gegen die Erreger der Schlafkrankheit. Sie zeigten eine speziell starke Wirkung. Für eine dieser Pflanzen hat der Münsteraner in der Zwischenzeit den Wirkstoff, der den Erreger vernichtet, isoliert.

“Eine grundlegende Erkenntnis, aber nur ein kleiner Schritt, bis zur Entwicklung eine Medikaments”, erklärt der Heilpflanzen-Experte. Denn über die Nebenwirkungen einer solchen Phytomedizin ist noch so gut wie nichts bekannt. Fest steht allerdings, dass der Wirkstoff auch gesunde Zellen zerstört, beispielsweise an Schleimhäuten.

Der Weg bis zum wirksamen Arzneimittel ist noch weit. Schmidt ist jedoch optimistisch. “Das Wichtigste wissen wir jetzt: Es gibt Gegenmittel.” Weitere Untersuchungen sind in Vorbereitung. Schmidt wird weitermachen: “Es gibt noch viele vernachlässigte Krankheiten.”

Quelle: Ibbenbürener Volkszeitung, www.ivz-online.de

Kommentar:

Diese Heilpflanzen-Forschung an der Universität in Münster ist natürlich sehr weit weg von einer Anwendung in der Phytotherapie.

Es ist aber einer der spannendsten Aspekte der neuzeitlichen Phytotherapie, dass sie in einem grossen Bogen die Erfahrungen der traditionellen Pflanzenheilkunde mit den Ergebnissen moderner Arzneipflanzenforschung verbindet.
Seriöse, sorgfältige Phytotherapie kann meiner Ansicht nach auf keinen dieser beiden Bereiche verzichten.

Das heisst: Nicht einfach nur auf alte Tradition “abfahren”, weil Tradition sich auch oft geirrt hat, und sich in vielen Fällen nicht einfach 1 :1 in die Gegenwart übertragen lässt.
Aber auch nicht nur isolierte Forschungsergebnisse sammeln abgetrennt von Kultur und Geschichte der Heilpflanzen. Sondern beides in Verbindung bringen – wach und interessiert die alten Überlieferungen aufnehmen und mit neuen Forschungen vergleichen und überprüfen.

Die Experimente in Münster zeigen zudem, dass sich die wissenschaftliche Phytotherapie-Forschung für Heilpflanzen aus aller Welt interessiert. Genutzt wird schliesslich, was sich als wirksam und zweckmässig erweist. Zahlreiche Heilpflanzen aus Afrika, Asien, Amerika und Austalien haben so unsere mitteleuropäische traditionelle Pflanzenheilkunde bereichert.

Erinnert sei hier beispielsweise an Ginkgo biloba (bei Demenz und peripheren arteriellen Durchblutungsstörungen), Ginseng (Stress, Rekonvaleszenz), Teufelskralle (Rheuma, Arthrose), Ballonrebe (Ekzeme, Allergien), Kapland-Pelargonie ( = Umckaloabo, Bronchitis, Sinusitis, Erkältungskrankheiten, als Immunstimulans), Echinacea ( = Sonnenhut, als Immunstimulans), Traubensilberkerze (Wechseljahrbeschwerden wie zum Beispiel Wallungen), Ingwer (Reisekrankheit, Übelkeit), Aloe (Wundheilung), Weihrauch (Polyarthritis, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa).

Es gibt aber auch bei den einheimischen Heilpflanzen immer wieder Überraschungen durch neue Forschungsergebnisse, zum Beispiel die entzündungshemmenden Effekte der Hagebutte bei Arthrose, die allerdings noch nicht ausreichend geklärt und belegt sind.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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