Das Konsumentenmagazin “Saldo” profiliert sich als unkritisches Propagandablatt für die Anwendung des homöopathischen Mittels Oscillococcinum gegen Schweinegrippe. Die hoch verzerrte Darstellung der Sachlage ist meines Erachtens unverzeihlich, aber ein gutes Beispiel für unseriösen Umgang mit Themen aus dem Bereich Komplementärmedizin.

“Globuli gegen Schweinegrippe”, titelt “Saldo” (13/2009) und fährt fort: “Neue Studien zeigen: Ein homöopathisches Mittel aus Entenleber hilft gegen die Grippe fast so gut wie chemische Virenmedikamente – aber ohne deren Nebenwirkungen.
Homöopathie kann gegen die Schweinegrippe helfen. Das renommierte internationale Cochrane-Institut hat mehrere Studien über das homöopathische Mittel Oscillococcinum ausgewertet. Ergebnis: Mit den Globuli verschwinden die Symptome früher – sie stehen dem chemischen Virenmittel Tamiflu kaum nach.”

Dann folgt eine Empfehlung durch einen deutschen Homöopathen: “Ich würde bei der Schweinegrippe Oscillococcinum einnehmen. Und zwar sofort, wenn Anzeichen auftreten wie Fieber, Husten, Schnupfen und Gliederschmerzen.”

Kritikpunkte:

1. Zum Zeitpunkt der erwähnten Studien war der Schweinegrippevirus noch nicht im Umlauf. Untersucht wurden also die damals üblichen Grippeerkrankungen. Ergebnisse dieser Untersuchungen einfach auf die Schweinegrippe zu übertragen, ist ausgesprochen spekulativ. Falls das Mittel gegen die damaligen Grippeviren genützt haben sollte, kann kein Mensch sagen, ob es auch beim Schweinegrippevirus wirksam ist.

2. “Saldo” schreibt von neuen Studien, welche die Wirksamkeit von Oscillococcinum zeigen. Die Cochrane-Analyse stammt aus dem Jahre 2000 bzw. vom Mai 2006. Die darin untersuchten Patientenstudien sind um Jahre älter. Aber “neu” verkauft sich halt den Leserinnen und Lesern gegenüber besser.

3. “Saldo” stellt die Analyse des renommierten Cochrane-Instituts ins Zentrum. Schaut man nur schon flüchtig in diese Analyse, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus:

– Von sieben für die Überprüfung beigezogenen Studien enthielten nur zwei ausreichende Informationen für eine wissenschaftliche Auswertung. Wenn “Saldo” schreibt, Cochrane habe mehrere Studien ausgewertet, tönt das doch etwas gar aufgeblasen.

– “Saldo” schreibt korrekt, dass Cochrane aus den Studien eine Verkürzung der Influenza-Erkrankung durch Oscillococcinum um “fast sieben Stunden” herausliest. Genau sind es 0,28 Tage. Das ist auf die Gesamtdauer der Grippe nicht gerade berauschend viel und könnte bei der sehr mageren Datenbasis wohl auch ein zufällig zustandegekommenes Resultat sein. Die Cochraneforscher jedenfalls bemängeln die schwache Datenlage und fordern mehr Forschung.

– “Saldo” nimmt zwar den Ruf des renommierten Cochrane-Instituts für Oscillococcinum in Anspruch, verschweigt aber gleichzeitig, dass Cochrane die Anwendung von Oscillococcinum für Prophylaxe und Therapie der Influenza ausdrücklich wegen mangelnder Aussagekraft der Studien nicht empfiehlt. Zur Prävention der Grippe durch Oscillococcinum schreibt Cochrane: “Current?evidence does not support a preventative effect of? Oscillococcinum-like homeopathic medicines in influenza and ?influenza-like syndromes.”
Zur Therapie der Grippe mit Oscillococcinum stellt Cochrane fest, dass die Daten zu schwach sind, um eine allgemeine Empfehlung zur First-Line-Behandlung mit diesem Mittel zu rechtfertigen: “Though promising, the data were not strong enough to make a general recommendation to use Oscillococcinum for first-line treatment of influenza and influenza-like syndromes.”
Die Schlussfolgerungen der Autoren sind jedenfalls sehr zurückhaltend:
“Trials do not show that homoeopathic Oscillococcinum can prevent influenza. However, taking homoeopathic Oscillococcinum once you have influenza might shorten the illness, but more research is needed.”
(http://www.cochrane.org/reviews/en/ab001957.html)

Oscillococcinum könnte also die Krankheit verkürzen, aber mehr Forschung ist nötig, was soviel heisst wie: Viele Fragen sind noch ungeklärt. Vorsichtiger lässt sich dies wohl kaum ausdrücken.

Damit Leserinnen und Leser sich eine eigene Meinung von dieser Behandlung bilden können, müssten meines Erachtens diese doch sehr einschränkenden Aussagen auch auf dem Tisch liegen. Dass “Saldo” als Konsumentenmagazin diese Information verschweigt, halte ich für sehr fragwürdig. So entsteht ein unkritischer Propaganda-Jubelartikel, mit dem die Leserinnen und Leser eingelullt und “verarscht” werden.
Dieser Umgang mit Studien ist im Bereich der Komplementärmedizin leider nicht gerade selten. Man zupft aus der Fülle von Studienmaterial immer genau jenen Zipfel hervor, der die eigene Position stützt, während gegenteilige Resultate und Aussagen unter den Tisch gewischt werden.

Es ist unter anderem genau dieser hoch selektive Umgang mit der Realität, welcher auf Seiten von Medizin und Wissenschaft immer wieder zu Vorbehalten gegenüber der Komplementärmedizin führen. Leider zu recht, würde ich dazu sagen.

An diesem Punkt müsste sich die Komplementärmedizin ändern, wenn sie ernster genommen werden möchte. Dazu bräuchte es im komplementärmedizinischen “Lager” möglichst viele Leute, die solche Verzerrungen kritisieren und auf einer ausgewogeneren Auseinandersetzung mit den eigenen Methoden bestehen. Das heisst: Nicht nur mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nach Bestätigungen suchen, sondern auch einen kritischen Blick auf mögliche Schwächen, Irrtümer und Fehler werfen, sie zugeben, diskutieren….

Stattdessen hat die Komplementärmedizin in der Schweiz leider einen anderen Weg gewählt: Sie will mit politischen Mitteln erzwingen, dass sie ernst genommen wird.
Das wird scheitern, wenn sie nicht zugleich auch ihre eigene Haltung in Frage stellt und ändert.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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