In der Spitex-Zeitschrift „Schauplatz Spitex“ (6/09) ist ein Interview erschienen mit Eva Brändli, Leiterin der Spitex Meikirch-Kirchlindach im Kanton Bern.

Zitat: „Vorbei die Zeiten, wo ‚nur’ Beine gewaschen oder Medikamente gerichtet wurden – das Team von Eva Brändli rückt ‚den ganzen Menschen’ ins Zentrum der Pflege und macht die Anthroposophie zur Philosophie der Organisation.“

Da stellt sich zuerst einmal grundsätzlich die Frage, ob es angemessen ist, dass eine öffentliche, staatliche Organisation wie die Spitex „die Anthroposophie zur Philosophie der Organisation“ macht. Meiner Ansicht nach nein.

Das Interview ist zudem voller schönfärberischer und oberflächlicher Aussagen zur Anthroposophischen Pflege.

Es kommen all die wunderbar-sanften Schlagworte wie:

„Anthroposophische Pflege: Der Mensch als Ganzes steht im Mittelpunkt“ oder „Zur Selbstheilung anregen“.

Ausgeblendet wird wieder einmal die Grundlage, auf welcher Anthroposophie, Anthroposophische Medizin und Anthroposophische Pflege stehen – die Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Egoismus führt in einem späteren Leben zu Anfälligkeit für Infektionen, Lügenhaftigkeit zu Behinderung etc.

Siehe:

http://heilpflanzen-info.ch/blog/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

Keine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung!

Meiner Ansicht nach ist es ein wichtiger Fortschritt der Moderne, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr als Folge moralischer Schuld aufgefasst werden.

Die Förderung von Anthroposophischer Medizin und Anthroposophischer Pflege ist meines Erachtens ein Rückschritt in Richtung  einer Remoralisierung  von Krankheit und Behinderung.

Rudolf Steiner als alles überstrahlende Führerfigur der Anthroposophie sah sich selber nicht gerade bescheiden als Reinkarnation von Aristoteles und Thomas von Aquin. Und Ita Wegmann, seine Mitarbeiterin im Bereich „Anthroposophische Medizin“, galt ihm als Reinkarnation Alexander des Grossen. Nur schon solche Grössenphantasien müssten meines Erachtens eigentlich jede Glaubwürdigkeit in Frage stellen.

Rudolf Steiner’s „minderwertige Kinder“

Behinderte Kinder nennt Rudolf Steiner in seinen Vorträgen dagegen immer wieder „minderwertige Kinder“

(z. B. GA 317, S. 21, 33, 36, 39 [2x], 40 [2x], 41, 70, 106, 124, 145, 148 [2x], 153, 156, 162, 173 [4x], 175, 185)

Bei geistig Behinderten redete Rudolf Steiner gar von „Trottelinkarnation“.

(nach Strohschein, Albrecht: Die Entstehung der anthroposophischen Heilpädagogik, S. 214).

Einen körperlich behinderten Knaben, dem ein Bein fehlt, nennt Rudolf Steiner „Krüppelkind“ (GA 300, Bd. 1, S. 113).

Ob der Ausdruck „behinderte Kinder“ adäquat ist, darüber kann man geteilter Ansicht sein. Die von Rudolf Steiner verwendeten Ausdrücke „minderwertige Kinder“, „Trottelinkarnation“ und „Krüppelkind“ enthalten aber sehr abwertende Urteile. Weil die Betreffenden karmisch so tief stehen?

Lügnerische Menschen haben nach Rudolf Steiner eine schlechtere Wundheilung:

„So sonderbar es für unser Zeitalter klingt, wahr ist es aber doch, dass bei Menschen, die viel lügen, zum Beispiel Wunden unter sonst gleichen Bedingungen schwerer zu heilen sind als bei wahrhaften Menschen. Selbstverständlich darf man da nicht absolut schliessen, es können auch andere Gründe da sein. Aber alles übrige in gleicher Art vorausgesetzt, sind bei verlogenen Menschen Wunden schwerer zu heilen als bei wahrhaftigen Menschen. Es ist gut, solche Dinge im Leben zu beachten.“

(GA 125, S. 209, zit. nach Peter Selg, „Krankheit, Heilung und Schicksal des Menschen – über Rudolf Steiners geisteswissenschaftliches Pathologie- und Therapieverständnis, Verlag am Goetheanum 2004, S. 217)

Für Spitex-Pflegefachleute ist das relevant, weil sie häufig mit chronischen Wunden zu tun haben.

Spitex-Pflegefachleute sollten sich vorsehen bei Wundpatienten und deren Aussagen besonders genau überprüfen…!

Ich möchte jedoch nicht, dass irgendwann eine anthroposophisch imprägnierte Pflegefachfrau mit solch moralisierenden Wahnideen und Unterstellungen im Kopf beispielsweise mein Unterschenkelgeschwür behandelt.  Solche Remoralisierungen von Krankheit und Behinderung halte ich für hoch fragwürdig.

Keine Geistermedizin in staatlichen Pflegeinstitutionen!

Ein wichtiges Anliegen von Anthroposophischer Medizin (und damit auch Anthroposophischer Pflege) ist der Kampf gegen die anthroposophischen Widersachermächte Ahriman und Luzifer. In Lehrgängen für „Anthroposophische Pflege“ taucht als Richtziel auf:

„Ich weiss von den geistigen Hierarchien und verstehe die Bedeutung von Inkarnation und Karma, abgeleitet aus der anthroposophischen Menschenkunde.“

Die Rede von den „geistigen Hierarchien“ tönt für Aussenstehende einfach ein bisschen skurril und irritierend. Sie kaschiert aber geschickt, dass es in der anthroposophischen Vorstellungswelt wimmelt von Dämonen, Engeln, Gnomen etc. und dass diese Geisterwelt entscheidend einwirkt auf Gesundheit und Krankheit. Da stellt sich die Frage, ob wir eine solche Geistermedizin wollen – vor allem in staatlichen Pflegeinstitutionen.

Beispiel:

„Nehmen wir zum Beispiel eine solche Krankheit wie die Lungenentzündung. Sie ist eine Wirkung in der karmischen Folge, welche dadurch entsteht, dass der Betreffende während seiner Kamalokazeit zurückblicken kann auf einen Charakter, der in sich hatte Hang und Neigung zu sinnlichen Ausschweifungen, der in sich hatte sozusagen ein Bedürfnis, sinnlich zu leben. Verwechseln wir ja nicht, was jetzt einem früheren Bewusstsein zugeschrieben wird, mit dem, was im Bewusstsein der nächsten Inkarnation auftritt. Damit hat es zunächst nichts zu tun. Wohl aber wird das, was der Mensch während der Kamalokazeit sieht, sich so umwandeln, dass sich ihm Kräfte einprägen zu Vorgängen, welche die Lungenentzündung überwinden. Denn gerade in der Überwindung der Lungenentzündung, in der Selbstheilung, welche dabei vom Menschen angestrebt wird, wirkt die menschliche Individualität entgegen den luziferischen Mächten, führt einen förmlichen Krieg gerade gegen die luziferischen Mächte. Daher ist in der Überwindung der Lungenentzündung eine Gelegenheit, dasjenige abzulegen, was ein Charaktermangel in einer vorherigen Inkarnation war. So sehen wir förmlich wirken in der Lungenentzündung den Kampf des Menschen gegen die luziferischen Mächte.

Anders stellt sich uns die Sache dar, wenn wir bei dem, was wir im heutigen Sprachgebrauch Lungentuberkulose nennen…….Wo derartiges vor sich ging, ist wieder ein Kampf aufgeführt worden der menschlichen inneren Wesenheiten gegen das, was ahrimanische Kräfte angestellt haben.“

(aus: Rudolf Steiner, GA 120, S. 85ff., zit nach Peter Selg, „Krankheit, Heilung und Schicksal des Menschen – über Rudolf Steiners geisteswissenschaftliches Pathologie- und Therapieverständnis, Verlag am Goetheanum 2004)

Merke: Lungenentzündung hängt nach Rudolf Steiner zusammen mit dem Charaktermangel sinnlicher Ausschweifung in einem früheren Leben. Es steht ein Kampf gegen Luzifer an…

Da könnte doch statt Anthroposophischer Medizin und Anthroposophischer Pflege genauso gut auch ein katholischer Exorzismus helfen? Wie wäre es mit einer vergleichenden Studie?

Wenn Eva Brändli im Interview festhält, dass es bei Sterbenden vor allem darum gehe, den Mensche bis zur Schwelle zu begleiten, was mit anthroposophischem Hintergrund einfacher sei, dann kann ich dazu nur sagen, dass ich beim Sterben auf keinen Fall von einer anthroposophisch imprägnierten Pflegefachperson begleitet werden möchte, die den Raum voller Engel und Dämonen sieht und ihr „Wissen“ darüber in die Pflege einfliessen lässt.

Eva Brändli:

„Stelle ich beim Klienten Defizite fest, beziehe ich dieses Wissen in die Behandlung ein.“

Nein danke! Aber vielleicht erfahre ich ja gar nicht, dass ich anthroposophisch gepflegt werde. Eva Brändli: „Also, die Menschen wissen ja nicht, dass ich sie anthroposophisch pflege.“ Aha.

Einen offenen, transparenten Umgang und ein Erstnehmen der Mündigkeit des Patienten stelle ich mir anders vor. Wenn ich an meinem Wohnort die „Katholische Spitex“ engagiere, dann ist das erstens eine private, nicht staatliche Organisation und zweitens weiss ich, woran ich bin.

Zum Schluss des Interviews stellt die Journalistin noch die Frage: „Sehen Sie die Anthroposophie als Glauben?“

Eva Brändli: „Anthroposophie sehe ich als Geisteswissenschaft, als Philosophie. Mit diesem Hintergrund zu pflegen, schützt vor Burnout.“

Dazu gäbe es viel zu sagen.

Erstens: Als „Geisteswissenschaft“ sieht wohl nur die Anthroposophie sich selber. John Dewey (1859 – 1952) hat als „erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens…“ die „volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“ bezeichnet (in: „Erfahrung, Erkenntnis und Wert“, Suhrkamp 2004). Davon kann bei anthroposophischen Überzeugungen, die einzig der behaupteten Einsicht des „Menschheitsführers“ Rudolf Steiner in „höhere Welten“ entspringen wohl kaum ernsthaft die Rede sein. Anthroposophie versteht sich zudem als Geheimwissenschaft, voll verständlich nur jenen, die auf dem geistigen Pfad weit genug fortgeschritten sind. Das passt ebenfalls ziemlich schlecht zur Öffentlichkeit aller Materialien und Prozesse.

Zweitens: Zu den „Erkenntnissen“ anthroposophischer „Geisteswissenschaft“ gehören auch ausgesprochen fragwürdige und problematische Ideen.

Zum Beispiel wenn Rudolf Steiner meint, dass blonde und blauäugige Menschen intelligenter sind als andere („Die blonden Haare geben eigentlich Gescheitheit“ Rudolf Steiner, GA 348, S. 98/99), dass die Indianer nicht von den Weissen ausgerottet wurden, sondern wegen ihrem schlechten Karma die Kräfte erwerben mussten, die sie zum Aussterben führten (Rudolf Steiner, GA 121, S. 79). Angesichts solcher Peinlichkeiten stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit dieser „Geisteswissenschaft“.

Drittens: Schon denkbar, dass Anthroposophie vor Burnout schützt. Schliesslich handelt es sich dabei um ein starkes Sinnsystem: Krankheit, Behinderung, Unglücksfälle, alle Unwägbarkeiten des Lebens, denen wir ausgesetzt sind, erscheinen zutiefst sinngetränkt.

Das erleichtert manches, kommt aber auch sehr heteronom daher – pfannenfertig von aussen geliefert. Made by Rudolf Steiner halt….

Bei stark Versteinerten jedenfalls scheint mir das ähnlich wie ein „Methadon-Programm“ für Sinnsüchtige.

Ich halte es für wertvoller und menschengemässer, Sinn im Kleinen selber zu entwickeln, sehr gegenwärtig, nicht über eine ganze Reihe von Reinkarnationen hinweg bis zu Aristoteles zurück, nicht unter Einbezug des ganzen Kosmos und einer Wurzelrassenlehre mit den Ariern an der Spitze der geistigen Entwicklung und den Indianern als dekadenter Abzweigung zwischen Ariern und Affen, wie das Rudolf Steiner tut (GA 100, S. 240 / S. 241 / S. 243).

Gefragt und gesünder wäre meines Erachtens eine kleine, bescheidene, immer unvollendet bleibende, eigene Sinnproduktion – oder gar eine „Sinndiät“ (Odo Marquard, Hans Blumenberg), weil unsere Ansprüche an Sinn vielleicht überzogen sind.

Nun nochmals zurück zur Anthroposophischen  Pflege:

Ich bestreite keineswegs, dass Anthroposophische Pflege wertvolle und wohltuende Elemente enthält wie Einreibungen und Wickel. Ich bin aber überzeugt davon, dass Einreibungen und Wickel auch ohne die fragwürdigen anthroposophischen Konstrukte eingesetzt werden können und dann genauso wertvoll und wohltuend sind. Oder sogar noch wirksamer.

Und im übrigen sind „ die Zeiten, wo ‚nur’ Beine gewaschen oder Medikamente gerichtet wurden“ auch jenseits der anthroposophischen Pflege wohl schon lange vorbei, wenn es sie denn je gab.

Politik & Komplementärmedizin – ein Trauerspiel

Nötig wäre meines Erachtens eine offene Diskussion über die Weltbilder und Werthaltungen in den verschiedenen Methoden der Komplementärmedizin. Meinem Eindruck nach meiden die meisten Politikerinnen und Politiker aus Nationalrat & Ständerat diese offene Diskussion wie der Teufel das Weihwasser.

Klar scheint mir, dass jeder Mensch an die anthroposophischen Widersachermächte Ahriman und Luzifer glauben darf. Und auch die meiner Ansicht nach höchst fragwürdige und diskriminierende anthroposophische Vorstellung, dass geistige Behinderung durch Lügenhaftigkeit in einem früheren Leben bewirkt wird, ist durch die Meinungs- und Religionsfreiheit geschützt.

Ob aber solche Lehren durch staatliche Unterstützung gefördert werden sollen, wie es leider ziemlich blind  und populistisch vor allem ParlamentarierInnen der Sozialdemokratischen Partei (SPS) und der Grünen Partei (GPS) fordern, ist eine Frage, die ernsthaft und offen diskutiert werden müsste.

Ob solche Lehren zum Beispiel ins Medizinstudium und in die Pflegeausbildung integriert werden sollen, wie es leider wiederum vor allem PolitikerInnen der Sozialdemokratischen Partei (SPS) und der Grünen Partei (GPS) fordern, müsste ernsthaft und offen diskutiert werden. Die beiden Parteien verweigern sich jedoch bisher dieser Debatte.  Eine differenzierte Haltung zur Komplementärmedizin scheint jedenfalls in weiter Ferne.  Komplementärmedizin ist ja grundsätzlich gut und wunderbar – genaueres Hinschauen erübrigt sich da……

SPS und GPS zeigen meinem Eindruck nach an diesem Punkt ein Mass an Fundamentalismus und Populismus,  das ich diesen Parteien gar nicht zugetraut hätte.

Dass es auf der rechten Seite des politischen Spektrums Fundamentalismus und Populismus gibt,  ist ja ziemlich offensichtlich.

Im Bereich der Komplementärmedizin sehen wir meinem Eindruck nach bei SPS und GPS eine linke Variante dieser Phänomene.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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