„Wer heilt hat Recht!“ – Dieses Schlagwort beendet oft jede Diskussion, wenn es um Methoden der Komplementärmedizin geht. Der Satz wird als ultimatives Killerargument eingesetzt, welches jede weitere Auseinandersetzung zu erübrigen scheint. Der Satz ist perfid, weil er auf den ersten Blick und als Ganzes betrachtet kaum zu widerlegen ist. Natürlich spricht viel dafür, dass wer heilt auch Recht hat. Fragwürdig ist allerdings der erste Teil des Satzes – „wer heilt“. Hier wird nämlich von den Verwendern dieses Satzes in aller Regel sehr vorschnell festgelegt, wer oder was heilt.

Ähnliches geschieht bei den häufig zu hörenden anekdotischen Heilungsberichten, wenn beispielsweise jemand sagt, dass ein bestimmtes Heilverfahren “bei mir wirklich wirkt”. Diese Personen verstehen nicht, dass sie keinen Grund haben zu behaupten, dass es “wirkt”. Alles was sie sagen können ist, dass sie nach der Behandlung eine Besserung festgestellt haben. Das kann eine echte Wirkung anzeigen. Genauso gut kann es sich aber auch eine ungenaue Beobachtung handeln. Oder um einen “post hoc ergo propter hoc” Fehler, die falsche Annahme, dass zeitliche Nähe einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bedingt.

Wir sehen einen Patienten, dem es nach der Behandlung besser geht – und wir interpretieren, dass die Behandlung die Besserung verursacht hat. Diese Interpretation kann richtig sein kann, doch sehr oft wird es sich dabei um eine Fehlinterpretation handeln, um eine falsche Zuordnung.

Denn wir täuschen uns oft. Die Medizingeschichte ist voll von Fehlinterpretationen, die sich über Jahrhunderte gehalten haben, wie zum Beispiel der Aderlass. Mag schon sein, dass wir heute mehr wissen, doch unsere gegenwärtigen Fehlinterpretationen sind einfach noch nicht bekannt.

Wie können sich Menschen so irren? Sie? Ich? Generationen von Ärzten und HeilerInnen aller Art? Wie konnten sie glauben, dass etwas heilt,  wenn es ihnen in Wirklichkeit vielleicht sogar mehr schadet als nützt?

Es gibt zahlreiche Gründe, die uns zu Fehlinterpretationen verleiten und an Behandlungen glauben lassen, die eigentlich unwirksam sind.

1. Natürlicher Krankheitsverlauf.

Zahlreiche Krankheiten sind selbst-limitierend; Die körpereigenen Selbstheilungskräfte stellen nach einer gewissen Zeit die Gesundheit wieder her. Ein Schnupfen verschwindet nach einer Woche von alleine. Um beurteilen zu können, ob eine Schnupfenmedizin wirkt, muss man Erfolge und Fehlschläge bei einer großen Zahl von Patienten aufzeichnen, um herauszufinden ob sie mit dem Mittel schneller wieder gesund werden als ohne.

2. Viele Krankheiten verlaufen zyklisch.

Die Symptome jeder Krankheit verändern sich mit der Zeit. Uns allen ist wohl bekannt, dass Menschen mit Arthritis gute und schlechte Tage erleben. Die Schmerzen verschlimmern sich eine Zeit lan, dann werden sie wieder besser. Wenn Sie ein Heilmittel einnehmen, wenn die Schmerzen stark sind, wären sie vermutlich sowieso bald besser geworden. Doch wir neigen in solchen Fällen dazu, die Besserung dem Heilmittel zuzuschreiben, obwohl es damit nichts zu tun hat.
3. Alle Menschen sind beeinflussbar.

Sagt man jemandem, etwas tut weh, dann tut es vermutlich auch weh. Sagt man jemandem, etwas macht es besser, dann wird es das wohl auch tun. Das wissen wir und deshalb pusten wir die Schrammen und blauen Flecke unserer Kinder. Alles was uns von unseren Symptomen ablenkt wird uns vermutlich helfen. In wissenschaftlichen Studien, die eine echte Therapie mit einem Placebo vergleichen, sagen im Schnitt 35% der Leute, dass es ihnen nach dem Placebo besser geht. Die echte Therapie muss mehr leisten, wenn wir sie für wirksam erachten sollen.

4. Möglicherweise gab es zwei Behandlungen, und der falschen wurde das Verdienst der Heilung zugeschrieben.

Wer eine Pille einnimmt und zugleich ein Hausmittel anwendet, schreibt nicht selten das Verdienst dem Hausmittel zu. Oder vielleicht ändert sich sonst irgendwas im Leben des Patienten und diese Veränderung ist der wahre Grund der Besserung, die dem Medikament gut geschrieben wird.

5. Die ursprüngliche Diagnose war möglicherweise falsch.

Zahlreiche Menschen sind angeblich von Krebs geheilt worden, die daran nie erkrankt waren. Mediziner,  die einem Patienten noch sechs Monate geben, schätzen das nur und können sich irren. Bestenfalls können sie voraussagen, dass der durchschnittliche Patient in diesem Zustand noch sechs Monate lebt – ein Durchschnittswert bedeutet aber auch, dass ein Teil der Patienten länger lebt.

6. Vorübergehende Stimmungsschwankungen werden manchmal mit Heilung verwechselt.

Wenn ein Arzt oder eine neue Heilmethode Optimismus vermittelt  und Hoffnung gibt, denkt eine kranker Mensch vielleicht seine Krankheit habe sich gebessert wenn sie in Wirklichkeit unverändert ist.

7. Psychische Bedürfnisse beeinflussen unser Verhalten und unsere Wahrnehmung.

Wenn jemand unbedingt daran glauben will, kann er sich selbst überreden, ihm wäre geholfen worden. Zum Beispiel wenn man für eine Behandlung viel Geld ausgegeben hat.

Manche Menschen leugnen ganz offensichtliche Fakten. Sie weigern sich anzuerkennen, dass der Tumor weiter wächst, weil diese Erkenntnis zu bedrohlich wäre.  Wir sehen in hohem Masse, was wir sehen wollen; Wir erinnern uns häufig so, wie wir wünschen es wäre geschehen. Wenn ein Arzt oder eine Ärztin sich aufrichtig bemüht, jemandem zu helfen, dann fühlt derjenige sich verpflichtet, sich auch besser zu fühlen.

8. Verwechslung zeitlicher Abfolge mit der Ursache.

Nur weil eine Wirkung auf eine Handlung folgt, heisst das nicht, dass die Handlung die Wirkung ausgelöst hat. Wenn der Hahn kräht und die Sonne geht auf, ist uns klar, dass es nicht das Krähen war, welches die Sonne aufgehen lässt. Aber wenn wir ein Medikament nehmen und wir fühlen uns danach besser, dann schliessen wir fast automatisch daraus, dass die Besserung von diesem Medikament kommt. Wir denken nicht daran, dass es einen andere Gründe für die Besserung geben könnte – zum Beispiel unsere Selbstheilungskräfte. Wir ziehen überstürzte Schlussfolgerungen wie der Mann, der Flöhe abrichtet zu tanzen, wenn sie Musik hören und ihnen dann die Beine eins nach dem anderen abzwickt bis sie nicht mehr tanzen können und daraus schliesst, dass die Hörorgane der Flöhe in ihren Beinen sitzen.

Es gibt also zahlreiche Wege, wie wir etwas falsch verstehen können. Wissenschaftliche Untersuchungen dienen dem Versuch, solche Fehlinterpretationen zu erkennen und auszuschliessen. Es handelt sich um eine Sammlung von Methoden, mit denen Aussagen getestet werden können. Um ein Medikament zu prüfen kann man eine große Gruppe von Patienten in zwei gleiche Gruppen aufteilen und einer Gruppe den zu überprüfenden Wirkstoff geben und der anderen ein Placebo, also beispielsweise eine Zuckerpille. Wenn es der Gruppe mit dem echten Medikament deutlich besser geht, dann wirkt die Behandlung vermutlich.

Allerdings ergibt einen einzige Studie kaum je ein endgültiges Ergebnis und es gibt auch widersprüchliche Resultate von Studien zum gleichen Medikament. Die Studien müssen daher immer auch interpretiert und  verbessert werden, damit die Resultate der Wahrheit näher kommen.

Das nächste Mal wenn Ihnen ein Freund begeistert von einer neuen Therapie erzählt, dann halten Sie doch einen Moment inne und denken Sie daran, dass er sich auch täuschen könnte. Täuschungen sind bei solchen Anekdoten möglicherweise eher die Regel als die Ausnahmen. Manchmal verstehen wir etwas falsch.

Quelle:

http://blog.psiram.com/2009/08/warum-wir-wissenschaft-brauchen-ich-habs-mit-eigenen-augen-gesehen-ist-nicht-genug/#more-271

Der Originalbeitrag stammt von Harriet Hall

Kommentar & Ergänzung:

Dieser von mir stark gekürzte und leicht modifizierte Beitrag aus dem Esowatch-Blog fasst die häufigsten Selbsttäuschungsvarianten gut zusammen. Es scheint mir sehr wichtig, dass wir uns bewusst darüber sind, wie gross das menschliche Täuschungspotential ist. Das ist auch der Grund, weshalb Heilungsanekdoten nicht einfach so verlässlich sind. „Wer heilt hat Recht!“ – dieses Schlagwort übersieht meistens die beschriebenen Täuschungsmöglichkeiten.

Vor allem der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ unterläuft uns fast ständig. Gerade im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde,  wo zu vielen Fragestellungen Studien fehlen, braucht es ein waches Bewusstsein für diese bedeutsame Fehlerquelle.

Hier zum Abschluss noch eine detailliertere Erklärung dieses interessanten Phänomens:

„Bei post hoc Argumenten (oder korrekt bei post-hoc-ergo-propter-hoc (“Danach und daher deshalb“-Argumente)) wird aus einer zeitlichen Aufeinanderfolge (oder auch Gleichzeitigkeit) unzulässigerweise auf eine kausale Beziehung zwischen zwei Ereignissen oder Fakten geschlossen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass Ereignisse aus unterschiedlichen Gründen nacheinander oder gleichzeitig auftreten können (auch aus Zufall) und dass speziell in der Wissenschaft Ursache-Wirkungsbeziehungen meist im Rahmen eines theoretischen Ansatzes formuliert werden müssen, der einen derartigen Trugschluss eigentlich vermeiden sollte. Post-hoc Argumente treten deshalb häufig bei der vorschnellen und theoretisch zu wenig reflektierten Interpretation eigener Daten auf, die im Rahmen explorativer Fallstudien erhoben wurden.

Ein bei Statistikern beliebtes Beispiel für einen solchen Fehlschluss ist das zeitliche Zusammenfallen des Eintreffens der Störche mit einer erhöhten Geburtenrate im Frühjahr in vielen Gegenden Österreichs. Naive Gemüter könnten daraus den Schluss ziehen, dass diese Korrelation tatsächlich ein empirisches Argument dafür sei, dass Störche die kleinen Kinder bringen. Tatsächlich führt die erhöhte sexuelle Aktivität vieler Paare im Sommerurlaub zu einer erhöhten Geburtenrate im darauf folgenden Frühjahr. Damit zeigt dieses Beispiel auch, dass post-hoc Fehlschlüsse oft auch dann auftreten, wenn intervenierende Faktoren (Variable), die von den Untersuchenden nicht oder nicht ausreichend in Betracht gezogen werden, einen Einfluss auf Ereignisse haben.“

Quelle: http://www.univie.ac.at/linguistics/schreibprojekt/Grundlagen/6_4.htm

Zusammengefasst nochmals für die Heilkunde: Wenn wir krank sind, ein Medikament einnehmen und danach eine Besserung verspüren, ziehen wir daraus oft vorschnell den Schluss, dass es das Medikament war, welches die Besserung bewirkte. Dabei werden andere mögliche Faktoren (z. B. Selbstheilungskräfte, natürliche Schwankungen im Krankheitsverlauf, Placebo-Effekt, Änderung der Lebensumstände) übersehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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www.phytotherapie-seminare.ch

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