Die Zeitschrift für Phytotherapie ( Nr. 3 / 2011) veröffentlichte einen Beitrag zum Stand des Wissen betreffend einer antidiabetischen Wirkung der Bittermelone.

Hier daraus die wichtigsten Informationen:

In Fachzeitschriften und in der Laienpresse wird in den letzten Jahren immer wieder einmal über die blutzuckersenkenden Eigenschaften der Bittermelone (Momordica charantia, Fam. Cucurbitaceae) berichtet. Andere Bezeichnungen der Pflanze sind sind Bittergurke oder Balsambirne. Es handelt sich um eine einjährige Kletterpflanze, die ursprünglich in Indien und China heimisch war. Zu den pharmakologisch aktiven Inhaltsstoffen gehören Charantin, dem ein hypoglykämischer Effekt zugeschrieben wird, p-Insulin (verwandt, aber nicht kreuzreaktiv mit bovinem Insulin), die antiviralen Proteine MAP 30 (Momordica anti-protein) und RIPs (Ribosome inactivating proteins) und Momorcharin (Ribosomen-inaktivierende und immunmodulatorische Glykoproteine).

Die den Blutzucker beeinflussenden Eigenschaften waren in den ersten größeren randomisierten klinischen Studien eher marginal, als Begleitbehandlung im Einzelfall merklich. Bei früheren Untersuchungen handelt es sich durchweg um kleine Fallserien, die sich für eine Bewertung der Sicherheit und Verträglichkeit nicht oder nur eingeschränkt eignen. Zwar gibt es noch eine neuere pakistanische Publikation, deren Autoren sogar eine bessere Blutzuckerkontrolle mit Bittermelonensaft (55 ml/Tag) als mit Rosiglitazon (4 mg/Tag) postulieren. Die Studie weist allerdings zahlreiche formale und inhaltliche Mängel auf.

Die Autoren fassen den neuesten Stand so zusammen:

„Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2010 identifizierte lediglich 3 klinische Studien von geringer Datenqualität, die keine signifikanten Unterschiede zwischen der Bittermelone und Placebo oder Glibenclamid hinsichtlich einer Senkung des Blutzuckerspiegels zeigten. Die Dauer der Behandlung reichte von 4 Wochen bis zu 3 Monaten. Insgesamt wurden 350 Patienten mit Typ-2-Diabetes untersucht. Die Nebenwirkungen waren moderat und schlössen Diarrhö und abdominelle Schmerzen ein. Die Autoren des Reviews kommen zu dem Schluss, dass es eine unzureichende Evidenz für den Einsatz der Bittermelone bei Typ-2-Diabetes gibt. Weitere Studien sind als Grundlage für eine Standardisierung und der Qualitätskontrolle der Präparate erforderlich. Auch für eine Verwendung als Nahrungsergänzung sind weitere Beobachtungsstudien zur Bewertung des Effektes erforderlich, bevor eine Empfehlung für die Verwendung ausgesprochen werden kann.“

Als Fazit schreiben sie:

„Ausmaß und Nutzen der blutzuckersenkenden Eigenschaften von Momordica charantia sind in nur wenigen kontrollierten klinischen Studien mit unzureichender Datenqualität untersucht und daher nicht einschätzbar. Erforderlich sind weitere kontrollierte klinische Studien als Grundlage für die Bewertung eines Nutzens und einer Standardisierung der vielen Präparate. Zu einer Verwendung kann derzeit nicht geraten werden.“

Quelle: Zeitschrift für Phytotherapie Nr. 3 / 2011

Kommentar & Ergänzung:

Diabetes ist eine Krankheit, deren Bedeutung in den nächsten Jahren wohl noch deutlich steigen wird. Insofern ist die Forschung betreffend antidiabetischer Wirkung von Bittermelone / Bittergurke sehr interessant.

Allerdings – und das ist nicht selten so – wird die Heilpflanze Bittermelone bereits intensiv vermarktet, obwohl die wesentlichen Fragen noch nicht annähernd beantwortet sind.

Hier ergänzende Informationen zur Wirkung der Bittermelone / Bittergurke aus Wikipedia:

„Im Jahr 2004 veröffentlichte die Österreichische Apothekerzeitung einen Artikel, der zu dem Schluss kam:

‚Momordica charantia wird im amerikanischen Raum, wie zahlreiche Patente beweisen, zur Zeit im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel und Supplemente propagiert. In der Forschung werden verschiedene Wirkstoffe u.a. in der HIV-Behandlung oder wegen ihrer antikanzerogenen Wirkung näher untersucht. Der Blutzucker senkenden Wirkung von M. charantia bei Typ II-Diabetikern stehen einerseits noch die schlechte klinische Datenlage und andererseits eine meist ungenügende Standardisierung und Deklaration allfälliger am Markt erhältlicher Produkte gegenüber. In Österreich und Deutschland existieren derzeit keine Arzneispezialitäten. Als Nicht-Arzneimittel sind in Österreich z. B. »charantea«, ein Tee aus getrockneten Samen und Früchten für Diabetiker, in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel (z. B. Glukokine) oder als Diätetisches Lebensmittel für Diabetiker erhältlich. Die additive Anwendung von M. charantia ist zusätzlich zu medikamentöser Therapie, Ernährungsmaßnahmen und einem sinnvollen Bewegungsprogramm bei Typ II-Diabetikern immer unter Aufsicht des behandelnden Arztes durchzuführen.’

Es gibt nach wie vor nur wenige klinische Studien, die positive Wirkungen der Bittermelone belegen. Folgende Wirkungen sind seit 2004 wissenschaftlich in Laborstudien und Tierversuchen gezeigt worden:

– sie wirkt anthelmintisch gegen Wurmbefall mit Caenorhabditis elegans und bei viralen Erkrankungen mit Sindbis und Herpes simplex Typ I;

– der Saft hat einen schützenden Effekt auf die Magenschleimhaut von Ratten;

– sie ist möglicherweise bei Ratten gegen Fettsucht wirksam durch Eingriff in den Fettstoffwechsel;

– durch antiandrogene Wirkung werden bei Ratten Spermien geschädigt;

– Linolensäuren aus den Samen erzeugten Zelltod in bestimmten Krebszellen;

– die Pflanze enthält antifungal wirksame Stoffe, auf die die Pilze Candida albicans, Trichophyton rubrum und Cryptococcus neoformans empfindlich sind.“

Und zu den Nebenwirkungen schreibt Wikipedia:

„Im Falle einer Überdosierung kann es zu Magen- und Bauchschmerzen oder zu Durchfall kommen. Auch leichte Blutvergiftungen können kurzfristig auftreten. Der Tee sollte so zubereitet werden, dass er schmeckt und nicht zu bitter ist. Vor allem bei Diabetes und Durchblutungsstörungen wird eine Menge von einem Liter täglich pro Kapsel oder Portion empfohlen. Schwangeren wird vom Gebrauch abgeraten, da einzelne Inhaltsstoffe fruchtschädigende Wirkung zeigten.“

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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