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Edzard Ernst zu Nutzen und Risiken von Pflanzenheilmitteln

Phytotherapie

Avatar-FotoMartin Koradi26.06.2015

Edzard Ernst ist emeritierter Professor für Alternativmedizin an der Universität Exeter (Grossbritannien). Der profilierte Kritiker der Homöopathie stellt sich im Interview mit dem Tages-Anzeiger den Fragen von Kai Kupferschmidt.

In der Alternativmedizin wird oft behauptet, dass alternative Heilverfahren sich nicht eignen für die Prüfung in klinischen Studien im Vergleich zu Scheinpräparaten (Placebos). Ernst hält diese Behauptung für Humbug und findet, dass diejenigen, die so argumentieren, einfach nicht zu einem endgültigen Ergebnis kommen wollen.

Im Interview wird Ernst gefragt, ob denn gar nichts wirke in Naturheilkunde und Alternativmedizin. Doch, er habe einmal in einer Publikation nur die positiven Dinge rausgestellt, antwortet Ernst. Da seien etwa 20 Therapieformen genannt, vornehmlich Pflanzenheilmittel, aber auch physikalische Massnahmen wie Massage.

Warum gerade Pflanzenheilmittel gut abschneiden, fragt der Interviewer weiter.

Antwort Ernst:

„Viele moderne Medikamente haben eine pflanzliche Basis. Pflanzen enthalten pharmakologisch aktive Moleküle, es ist nicht erstaunlich, dass sie etwas Gutes bewirken können. Gleichzeitig können sie aber auch Schaden verursachen.“

Diesen Faden nimmt der Interviewer auf mit der Feststellung, dass viele glauben, dass ein pflanzliches Mittel nicht schaden kann.

Darauf Ernst:

„Dabei sind viele regelrecht gefährlich. Chinesische Phytotherapeutika zum Beispiel sind meist Kombinationen. Da weiss niemand, was wirklich mit was interagiert. Oft sind sie mit Schwermetallen verunreinigt, oder es sind chemische Präparate reingemischt. Johanniskraut kann bei Depressionen helfen, aber wenn es mit anderen Medikamenten interagiert, etwa mit Gerinnungshemmern, kann es den Spiegel dieser Medikamente im Blut so stark senken, dass Patienten einen Schlaganfall erleiden.“

Quelle:

https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Wir-lassen-uns-viel-zu-viel-gefallen/story/20481809

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Behauptung, dass alternative Heilverfahren sich nicht eignen für die Prüfung in klinischen Studien im Vergleich zu Scheinpräparaten (Placebos), ist meiner Ansicht nach oft tatsächlich fragwürdig. Und sie dient dann wohl wirklich nur zur Abwehr negativer Studienergebnisse.

Heilpflanzenpräparate (Phytopharmaka) jedenfalls eignen sich grundsätzlich gut zur Überprüfung mittels klinischer Studien im Vergleich zu Placebos.

Trotzdem muss man aber meines Erachtens berücksichtigen, dass es in der Forschung über Phytopharmaka einige spezifische Schwierigkeiten gibt:

– Firmen investieren hauptsächlich dann im grossen Stil Geld in Forschung, wenn die dazu gehörenden Produkte patentierbar sind. Bei neu entwickelten chemischen Verbindungen ist das Patentieren einfacher. Heilpflanzen als solche können nicht patentiert werden.

Beispiel: Johanniskraut als Kräutertee wird nicht erforscht, weil sich das für keine Firma rentiert. Jeder könnte die Forschungsergebnisse für sich nutzen. Daher konzentriert sich die Forschung auf firmenspezifisch entwickelte Johanniskraut-Extrakte, die patentierbar sind.

– Die verschiedenen Präparate aus einer Heilpflanze unterscheiden sich bezüglich Wirkstoffgehalt und Wirkung oft beträchtlich. Die Forschung kann daher genau genommen nichts Generelles sagen über die Wirkung beispielsweise von Baldrian, sondern nur über die Wirkung des jeweils untersuchten Präparats.

Beispiel:

Forschungsresultate eines bestimmten Baldrianextrakts lassen sich nicht 1:1 auf andere Baldrianextrakte und schon gar nicht auf Baldriantinktur oder Baldriantee übertragen.

Jeder Hersteller muss daher die Wirksamkeit seines Präparats separat belegen, was aufwändig ist. Und weil die Präparate oft sehr unterschiedlich sind, lassen sich die Forschungsresultate auch nicht so einfach für Metastudien zusammenfassen.

Und ja, Professor Ernst hat Recht mit dem Hinweis, dass Pflanzenpräparate auch Schaden können. Das kommt zwar eher selten vor und ist meistens die Folge von falscher Anwendung, doch müssen allfällige Nebenwirkungen und Interaktionen berücksichtigt werden.

Das ist ein Unterschied zu Homöopathika, Schüssler Salzen oder Bach-Blütentropfen, die keine Wirkstoffe enthalten und daher keine spezifischen Wirkungen, aber auch keine spezifischen Nebenwirkungen und keine Interaktionen auslösen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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