Gesundheitsideale sind zeit- und kulturabhängig und ausserdem auch zumindestens ein Stück weit unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Sich über die hier und heute herrschenden Gesundheitsideale klar zu werden und sich dabei auch das eigene Gesundheitsideal klar zu machen, ist interessant und zudem nützlich.

Hierzu ein anregendes Zitat der Schriftstellerin Karin Spaink (1) zum Gesundheitsideal der Alternativmedizin:

“Ein tiefer liegender Nährboden für den alternativen Sektor ist die Angst vor dem Tod, die Angst vor körperlichem Versagen. Mit all ihrer Kritik bestätigen alternative Heiler das Bild, das die Mediziner so gern ablegen wollen: das unmögliche Ideal permanenter Gesundheit, die für jeden erreichbar sei. Sie ergeben sich in – nur teilweise gerechtfertigter – Kritik an der medizinischen Welt und malen deren Unzulänglichkeiten in grellen Farben aus, stärken ihrerseits jedoch den Glauben der Öffentlichkeit, permanente Gesundheit sei für jedermann machbar und erreichbar – wir bräuchten nur einen anderen Weg einzuschlagen. Natürlich, so hält der alternative Sektor seiner Klientel vor, sei es bei einer derart eingeengten Sicht auf den Menschen auch kein Wunder, dass Sie nicht geheilt werden konnten. Mit unseren Methoden dagegen….Eine Heilung sei jederzeit für jedermann möglich; es komme nur darauf an, intensiv genug nach der richtigen Behandlung, dem richtigen Weg zu suchen. Das schürt das latente Schuldgefühl, das kranke Menschen manchmal haben, nur noch mehr: Ich habe nicht ausdauernd genug gesucht, noch nicht alles ausprobiert.

Früher musste man sich mit den Launen, den Unzulänglichkeiten und Störungen des Körpers abfinden – das war nicht leicht und gelang auch bei weitem nicht jedem. Heute dagegen kann man den Moment, in dem man einsieht, dass man die Launen seines Körpers vielleicht akzeptieren muss, dadurch immer wieder hinausschieben, dass man es mit noch einer Kur, noch einer Behandlung, noch einem Therapeuten versucht, dass man erst den regulären Medizinbetrieb durchläuft, danach endlos im alternativen Bereich sucht – und als Folge dieser Flucht nach vorn braucht man sich der Notwendigkeit, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht einzugestehen.”

Zitat aus: Karin Spaink, Krankheit als Schuld? Rororo 1994

(1) Karin Spaink, geboren 1957, arbeitete unter anderem als Englischdozentin und Systemprogrammierein. Seit Anfang der 1980er Jahre ist sie als freie Schriftstellerin tätig und schreibt für verschiedene Zeitungen. Sie lebt in Amsterdam. Karin Spaink ist eine mutige Kritikerin von Scientology. Im Buch “Krankheit als Schuld” kritisiert sie auch die Psychologisierung körperlicher Krankheit, wie sie durch Bücher wie “Krankheit als Weg” von Dethlefsen / Dahlke betrieben wird. Sie hält es unter anderem für anstössig, dass die Autoren “sich anmaßen, aufgrund der physischen Verfassung eines Menschen einen Röntgenblick in dessen Seele werfen zu können.“ 

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine Kritik, die in den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde /Alternativmedizin natürlich in der Regel nicht gerne gehört wird. Ich selber arbeite nun seit über 40 Jahren in diesem Terrain und muss sagen, dass ich die von Karin Spaink geschilderte Haltung an allen Ecken und Enden antreffe.

Hinter einer menschenfreundlichen Fassade sehe ich oft eine ziemliche Portion Anmassung. Mit genauso viel Überzeugung wie Naivität wird häufig die Ansicht vertreten, dass man für jedes gesundheitliche Problem die einzige und richtige Lösung kenne. Ich habe in der sogenannten „Schulmedizin“ – mit der ich mich auch nicht einfach identifiziere – deutlich mehr Bescheidenheit angetroffen – suche mir hier allerdings meine Leute auch sorgfältig aus.

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin – oder wie immer man es nennen möchte – dient meiner Erfahrung nach mit ihren grossen Heilungsversprechungen sehr oft der Abwehr von Ohnmachtserfahrungen und ich bin überzeugt davon, dass das häufig nicht zum Wohle der Patientinnen und Patienten ist. Bei Beschwerden und Krankheiten, die nicht heilbar sind, wäre es meines Erachtens oft konstruktiver, die Betroffenen darin zu unterstützen, dass sie ihre Krankheit als nun zu ihrem Leben gehörend akzeptieren können. Kraft, Zeit und Geld, die für eine permanente Suche nach der endgültigen Heilung verwendet wurden, könnten dann dafür eingesetzt werden, mit der Krankheit eine möglichst gute Lebensqualität anzustreben. Das ist allerdings für die Behandelnden eine schwierigere  und demütigere Rolle: Hier kann man nicht mehr einfach als grossartige Heilerin oder grossartiger Heiler auftreten. Gefragt ist die viel unspektakulärere Rolle einer langfristigen Begleitung der kranken Person über alle Besserungen und Rückschläge hinweg. Das ist viel anspruchsvoller auf der Ebene der therapeutischen Beziehung.

Meines Erachtens wäre es sehr wichtig, dass sowohl Behandelnde als auch Behandelte im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin sich ernsthaft mit der Kritik von Karin Spaink auseinandersetzen würden. Das würde unter anderem auch heissen, sich mit den eigenen Gesundheitsidealen zu befassen, sie zu hinterfragen und allenfalls weiter zu entwickeln.