Ich lese gerade wieder einmal in “Chrut und Uchrut” von Kräuterpfarrer Johann Künzle (1857 – 1945). Künzle ist neben Sebastian Kneipp im deutschsprachigen Raum wohl der bekannteste Kräuterpfarrer und in der Schweiz ein Pionier der Kräuterheilkunde.

Die kleine Broschüre “Chrut und Uchrut” erschien erstmals 1912 und ist interessant zu lesen. Aber es hat sich auch viel verändert in der Pflanzenheilkunde und deshalb sollte mal alte Texte nicht unbesehen übernehmen.

Da steht zu Beispiel:

“Habichtskraut ist auch ganz vorzüglich gegen Wassersucht und alle Urinansammlungen.”

Wie lässt sich eine solche Angabe überprüfen?

In den wissenschaftlichen Phytotherapie-Fachbüchern taucht Habichtskraut in der Regel nicht auf, und wenn doch, dann nur als Randnotiz.

Das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) der EU hat Habichtskraut mit Wurzel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft. Basierend auf langjähriger Erfahrung kann Habichtskraut mit Wurzel deshalb zur Erhöhung der Harnmenge und damit zur Durchspülung der Harnwege unterstützend bei leichten Harnwegsbeschwerden eingesetzt werden.

Voraus­setzung für diese “traditional use”-Zulassung ist, dass die Pflanze oder pflanzliche Zubereitung mindestens 30 Jahre, davon mindestens 15 Jahre in der Europä­ischen Union, medizinisch in Verwendung ist und von ihr unter den angegebenen Anwen­dungs­bedingungen keine Gesundheits­gefahren ausgehen. Das heisst aber auch, dass keine wissenschaftlichen Wirksamkeitsbelege vorhanden sind. Im Fall des Habichtskrautes ist es sehr wahrscheinlich, dass entsprechende Untersuchungen einfach nie durchgeführt wurden. Letztlich kann man deshalb eine Wirksamkeit nicht versprechen, aber auch nicht mit Gewissheit ausschliessen.

An der Aussage von Künzle ist aber ein anderer Punkt problematisch. Sie ist sehr ungenau.

Wenn da steht, dass Habichtskraut ganz vorzüglich gegen Wassersucht wirkt, dann müsste zuerst geklärt werden, welche Art von Wassersucht gemeint ist. Unter Wassersucht versteht man Ödeme, also Wasseransammlungen im Gewebe. Dafür gibt es aber ganz unterschiedliche Ursachen. Sie können zum Beispiel ausgelöst werden durch die Nieren, die Leber, das Herz, oder durch Venenschwäche.

Es ist nun nicht wirklich vorstellbar, dass das Habichtskraut in allen diesen Fällen hilft, also unabhängig von der Ursache. Solche Ungenauigkeiten sollten eher skeptisch stimmen.

Nebenbemerkung: Mir persönlich ist bei diesem “traditional use” der Zeitraum von 30 Jahren, über den eine Pflanzen für einen bestimmten Zweck angewendet werden muss, um als traditionell zugelassen zu werden, etwas gar kurz. Unter “Tradition” stelle ich mir deutlich längere Zeiträume von.

Von den Habichtskräuter gibt es im übrigen viele verschiedene Arten, die zum Teil nicht gerade einfach zu bestimmen sind. Bei Künzle und auch in der HMPC-Monografie wird Hierarchium pilosella aufgeführt, das Kleine Habichtskraut, auch Mausohr-Habichtskraut oder Langhaariges Habichtskraut genannt. Es ist wegen den sehr langen Haaren auf den Blättern nicht so schwierig zu erkennen.

Die meisten Habichtskräuter sind gelb. Hier abgebildet ist das sehr farbenprächtige Orangerote Habichtskraut, aufgenommen auf einer Kräuterwanderung in der Lenk im Simmental.

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Kräuterwanderungen in anderen Teilen der Schweiz finden Sie im Kurskalender.

Dort werden auch die Kursausschreibungen veröffentlicht für meine Lehrgänge, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung. In diesen Lehrgängen können sie unter anderm lernen, wie man Angeben aus der traditionellen Pflanzenheilkunde auf ihre Stimmigkeit überprüft.