Sylke Tempel (1963 – 2017) war eine deutsche Politologin, Journalistin und Publizistin. Seit 2008 leitete sie als Chefredakteurin die renommierte „Zeitschrift für internationale Politik“.  Sie starb im Oktober 2017 durch einen tragischen Unfall während des Sturmtiefs Xavier.

Die unvergleichliche Stärke der Demokratie sah Sylke Tempel darin, dass sie von der Einsicht ausgeht, dass der Mensch weder gänzlich gut noch gänzlich schlecht, sondern ein fehlerhaftes Wesen sei: „Er irrt, und zwar beständig. Für dieses fehlbare Wesen ist ein System angebracht, das Kontrolle vorsieht und Korrektur erlaubt.“ Nicht perfekt zu sein, hielt Tempel für die Stärke der Demokratie – aber auch für ihre Schwäche, die dann zutage tritt, wenn die unendlichen Mühen der Konsensbildung gescheut werden.

Quelle dieses Abschnitts:  https://www.welt.de/debatte/kommentare/article169419815/Demokratie-macht-Spass-der-Westen-ist-sexy.html

 

Silke Tempel schrieb (1):

„Hinführung zur Demokratie ist immer auch Hinführung zur Komplexität. Der Reflexionsprozess ist wichtig. Die Demokratie ist kein Billy-Regal, das man einmal zusammenschraubt,  an die Wand stellt und das war’s. In einer Demokratie gibt es einen inneren Zusammenhalt von Unverhandelbarem. Einen Wertekanon. Das sind keine absoluten Wahrheiten, nur relative. Wir müssen die Paradoxien hinkriegen. Es gibt keine perfekte Lösung, immer nur eine Annäherung ans Ziel. Mehr schaffen wir nicht.“

Hinsichtlich des Populismus mit seinen simplen Lösungsvorschlägen ist Tempel’s „Hinführung zur Komplexität“ geradezu ein Gegenprogramm. Mit der zunehmenden Komplexität moderner Gesellschaften umgehen zu können ist eine Aufgabe für die Bildung und insbesondere auch der politischen Bildung.

Auf Demokratie im Alltag angesprochen antwortet Silke Tempel:

„Merkt man doch immer. Wenn ich über eine rote Ampel radle, weil die Strasse gesperrt ist und keiner kommen kann, und ich zweihundert Meter später von der Fahrradpolizei angehalten werde, dann weiss ich genau, die können nicht alles machen mit mir, und wenn sie’s versuchen, könnte ich Einspruch erheben. Diese Verlässlichkeit ist ein hohes Gut.“

Quelle ab (1) ist das Buch:

Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“, von Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Mayer, Evelyn Roll und Elke Schmitter; Verlag Kunstmann 2017

Das Buch kann in meinem Buchshop angeschaut und via Buchhaus bestellt werden (hier).

Mit dem Fahrradbeispiel spricht Silke Tempel das zentrale Thema „Rechtsstaat“ an. Dass Polizei und Justiz an Regeln gebunden sind und nicht willkürlich oder nach politischen Kriterien handeln dürfen, ist eine Errungenschaft, die keineswegs selbstverständlich ist. Das zeigen unter anderem die Entwicklungen in Ungarn und Polen, wo Populisten an der Macht subito den Rechtsstaat angreifen und die Justiz und die Verwaltung vereinnahmen. Darum ist es wichtig, den Rechtsstaat zu verteidigen. Überall.