Verlagsbeschreibung

Im Zeitalter der digitalen Medien sind wir konfrontiert mit Lügen, Fake News und Verschwörungstheorien: Bullshit ist überall. Der Begriff steht für all das, was falsch, irreführend oder einfach so dahergesagt ist. Mit der viralen Verbreitung von Bullshit, vor allem in den sozialen Netzen, gerät die Demokratie in Gefahr. Philipp Hübl erklärt, inwiefern uns Stammesverhalten und unkritisches Denken für Bullshit anfällig machen und warum uns die Fakten nicht egal sein dürfen. Er zeigt auf, wie wir resistenter, also widerstandsfähiger werden können, um uns zu schützen. Bullshit-Resistenz in der Tradition der Aufklärung bedeutet: “Die Verantwortung für die Wahrheit liegt bei jedem Einzelnen selbst.” Zum Shop

Zum Autor Philipp Hübl

Philipp Hübl ist Philosoph und Autor. Er war Juniorprofessor an der Universität Stuttgart und hat zuvor an der RWTH Aachen und der Humboldt-Universität Berlin gelehrt. Hübl studierte Philosophie und Sprachwissenschaft in Berlin, Berkeley, New York und Oxford. Er schreibt über gesellschaftliche und politische Themen, beispielsweise für DIE ZEIT, FAZ, taz und NZZ. Im “Philosophie Magazin” erscheint seine Kolumne “Hübls Aufklärung”. Als Buchautor veröffentlichte er u. a. “Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie” (2012).

Kommentar von Martin Koradi

„Bullshit-Resistenz ist eine Kardinaltugend für das 21. Jahrhundert“, schreibt Philipp Hübl als allerletzten Satz seines Buches. Und damit hat er meines Erachtens Recht.

Warum Bullshit-Resistenz so wichtig ist, fasst der Autor in folgendem Abschnitt zusammen:

„Ein Grossteil der aufgeklärten Gesellschaft wehrt  sich gegen Bullshit: gegen Fake News, Verschwörungstheorien und den Fakten-fernen Denkstil in der Politik. Das zeigt, dass wir Unwahrheit als Problem ansehen, oder anders gesagt: dass uns die Wahrheit am Herzen liegt. Gäbe es keinen Unterschied zwischen Tatsachenbehauptungen und Lügen, dann könnten wir nicht mehr über Arbeitslosenzahlen, Wirtschaftswachstum oder die Einkommensverteilung sprechen, geschweige denn über Gerechtigkeit und über Massnahmen, um die Zustände zu verbessern. Dann gäbe es auch keine Politik mehr.“

Bullshit gab es schon immer. Hübl zeigt auf, weshalb das Problem heute virulenter geworden ist:

„Durch die digitalen Medien haben Lüge und andere Arten von Bullshit neue Dimensionen erlangt. Sie sind einfach zu produzieren und zu reproduzieren, haben im Prinzip ewig Bestand  und sind nicht mehr blos auf das persönliche Umfeld beschränkt, sondern verbreiten sich schnell und vor allem exponentiell. Die digitalen Medien haben das Lügen zudem verführerisch leicht gemacht. Im Schutz von Distanz und Anonymität sinkt die Hemmschwelle, Bullshit zu erzeugen oder weiterzuleiten, vor allem weil die Täter selten unmittelbare oder langfristige Konsequenzen fürchten müssen.“

Philipp Hübl zeigt gut verständlich auf, welche Denkfehler uns für Bullshit anfällig machen und was wir vorkehren und lernen müssen, um gegen Bullshit resistenter zu werden. Dabei setzt er auf die Verantwortung des einzelnen Menschen:

„Meine These lautet: Die Verantwortung für die Wahrheit liegt bei jedem Einzelnen. Um die Demokratie und uns selbst  vor Busshit zu schützen, müssen wir selbst resistenter, also widerstandsfähiger zu werden. Die dafür benötigte Bullshit-Resistenz  bedeutet nicht nur, dass wir uns vor Fake News und anderem Unfug schützen, sondern auch, dass wir uns selbst davor bewahren, zum Lügner, Bullshiter oder Trottel zu werden. Insofern steht Bullshit-Resistanz in der Tradition der Aufklärung.“

Indem er die Verantwortung ganz beim Einzelnen sieht, positioniert sich Hübl auch kritisch zu staatlichen Massnahmen gegen Bullshit und Fake News. Er sieht darin Risiken, die nicht von der Hand zu weisen sind. Wenn staatliche Instanzen oder monopolistische Social-Media-Konzerne entscheiden sollen, was Lügen, Falschnachrichten oder Wahrheiten sind, stecken darin potenzielle Risiken für Machtmissbrauch.

Allerdings ist Philipp Hübl meiner Ansicht nach zu optimistisch, wenn er die Verantwortung ausschliesslich beim Einzelnen sieht.

Falschinformationen, Desinformation und Propaganda sind eine grosse Herausforderung für demokratische Gesellschaftssysteme. Die Verteidigung gegen solche Angriffe ausschliesslich der Verantwortung der Einzelnen zu überlassen, würde einen sehr hohen Stand an politischer Bildung und an Medienkompetenz in der Bevölkerung voraussetzen. Es scheint mir fraglich, ob dies in einer weitgehend entpolitisierten Bevölkerung erreichbar ist.

Wenn die Verantwortung ausschliesslich bei den einzelnen Menschen liegt müssten wir das Ideal einer redaktionellen Gesellschaft erreichen, wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem Buch „Die grosse Gereiztheit“ beschreibt. Nach seiner Vorstellung müssten die Grundfragen des Journalismus nach der Glaubwürdigkeit und Relevanz von Information zu einem Element der Allgemeinbildung werden. Jeder Bürger und jede Bürgerin müsste die Kompetenzen erwerben, um Informationen auf ihre Richtigkeit oder Falschheit hin zu überprüfen. Das scheint mir als Ziel zwar sinnvoll, aber wohl kaum voll erreichbar. Schon gar nicht in Staaten mit tiefem Bildungsniveau und desolater Medienlandschaft wie Myanmar, wo Desinformation via Facebook zu systematischen Massakern an der Rohingya-Minderheit geführt hat.

Aber auch in Europa lässt die tiefgreifende Medienkrise daran zweifeln, ob ein Appell an die Verantwortung des Einzelnen ausreicht, um den Desinformationen und Falschmeldungen etwas entgegen zu setzen.

Es wird daher meines Erachtens nötig sein, die sogenannten „Sozialen Medien“ und den Staat in die Verantwortung einzubinden, wobei nach Lösungen zu suchen ist, die das Risiko für Machtmissbrauch begrenzen:

Es ist zu prüfen, ob Facebook, Google und Twitter dem Presserecht unterstellt werden können, wie es zum Beispiel Corinna Milborn & Markus Breitenecker in ihrem Buch fordern („Chance the Games“ – Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern).

Der Staat kann und soll optimale Bedingungen schaffen für unabhängige Medien – sowohl zeitgemässe Service-public-Medien als auch Privatmedien. Und er kann und soll in politische Bildung und Medienkompetenz investieren.

Hier ausführlichere Texte von mir zum Thema:

Triumph der Meinung über Fakten, Wahrheit und Fachwissen – das kann nicht gut gehen!

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern     (zur Medienkrise)

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

 

P. S.: Bullshit-Resistenz braucht’s nicht nur in der Politik. Bullshit gibt’s überall. Die Versprechungen der Kosmetik-Industrie beispielsweise sind weitgehend Bullshit. Aber auch im Bereich der Alternativmedizin und Naturheilkunde ist es eine grosse Herausforderung, reele Aussagen von Bullshit zu unterscheiden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.