Die österreichische Apotheken-Kundenzeitschrift „Die Apotheke“ (Dezember 2018) gibt den Leserinnen und Lesern Tipps für eine entspannte Weihnachtszeit und kommt dabei auch auf Heilpflanzen zu sprechen. Empfohlen werden vor allem sogenannte adaprogene Heilpflanzen:

„Als Adaptogene werden jene Pflanzen bezeichnet, welche dem Organismus helfen, besser mit Stresssituationen umzugehen, widerstandsfähiger zu werden und einen positiven Effekt bei bereits eingetretenen stressinduzierten Krankheiten wie z. B. Burn-out ausüben. Zu diesen Pflanzen zählen Rosenwurz, Shizandra, Ginkgo oder Ginseng. Durch eine regelmäßige Einnahme solcher Nahrungsergänzungsmittel werden die Energiekraftwerke in unseren Zellen unterstützt und dadurch unsere Leistungsfähigkeit verbessert. Was bereits die Wikinger wussten, ist mittlerweile auch durch Studien belegt: Rhodiola rosea, die Rosenwurz, drosselt die Ausschüttung von Cortison und dient so als Kraftspender für Ausdauer und Widerstandskraft.

Shizandra, der chinesische Limonenbaum, wirkt regenerierend und verbessert ebenso die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit wie Ginseng und Ginkgo, welche im asiatischen Raum seit Jahrtausenden verwendet werden und somit zu den ältesten Stärkungsmitteln der Welt zählen.

Da sich die Wirkung pflanzlicher Arzneimittel kontinuierlich aufbaut und erste Effekte meist erst nach einigen Einnahmetagen spürbar werden, empfiehlt sich ein frühzeitiger Einnahmebeginn, damit einer freudvollen und entspannten Weihnachtszeit im Kreise lieber Menschen nichts mehr im Wege steht.“

Kommentar & Ergänzung:

Die Definition der Adaptogene ist treffend. Als Adaptogene gelten Heilpflanzen, die den Organismus bei der Bewältigung belastender Situationen unterstützen. Dass die Weihnachtstage als solche belastende Situation empfunden werden können, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Sinnvoller wäre es dann aber natürlich, mit dieser Situation anders umzugehen, so dass es keine Adaptogene braucht. Schliesslich sind die Weihnachtstage grundsätzlich keine behandlungsbedürftige Situation.

Gemäss einer Definition des Committee on Herbal Medicinal Products (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur EMA sollen Adaptogene die Resistenz des Organismus gegen ein breites Spektrum an widrigen biologischen, chemischen und physikalischen Faktoren erhöhen. Im Gegensatz zu Tonika und Stimulanzien fällt eine durch Adaptogene gesteigerte Arbeitskapazität nach Absetzen nicht wieder ab. Darüber hinaus sollen Adaptogene gut verträglich und ohne Nebenwirkungen sein.

Den Kriterien der EMA hat bis jetzt nur eine Handvoll pflanzlicher Wirkstoffe geschafft, den Kriterien der EMA zu genügen, darunter Chinesisches Spaltkörbchen (Schisandra chinensis), Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus), Ginsengwurzel (Panax ginseng) und die Rosenwurz (Rhodiola rosea). 

Aber schauen wir uns die empfohlenen adaptogenen Heilpflanzen kurz an:

Rosenwurz (Rhodiola rosea) wächst in arktischen Regionen der Nordhalbkugel von Europa bis Asien und Nordamerika. Die Hauptverbreitungsgebiete dieser sukkulenten Hochgebirgspflanze liegen in Skandinavien und Russland. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der EU (HMPC) hat für Rosenwurz folgende Anwendungsgebiete anerkannt: vorübergehende Besserung von Stresssymptomen wie Müdigkeit, Leistungsschwäche (traditional use). Das Portal Medizin-transparent hat die Studienlage zu Rosenwurz analysiert und kommt zum Schluss, dass diese widersprüchlich ist. Es finden sich Studien mit positiven und solche mit negativen Ergebnissen. Mit der Qualität der Studien sind die Experten nicht zufrieden.

Quelle: https://www.medizin-transparent.at/rosenwurz-wirkung

Shizandra (Chinesisches Spaltkölbchen, Schisandra chinensis) ist eine Arzneipflanze der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die „Zeitschrift für Phytotherapie (Nr. 1 / 2016) schreibt zur traditionellen Anwendung in der chinesischen Medizin:

„Im asiatischen Raum wird S. chinensis traditionell als Stärkungsmittel eingesetzt. So fördert es nach chinesischen Vorstellungen das Qi und die Bildung aktiver Säfte. Es wird verwendet zur Eindämmung der Schweißbildung und wirkt adstringierend. Es soll dem Funktionskreis Niere (orbis renalis) Energie zuführen und gleichzeitig beruhigen. Es kann bei langanhaltendem Husten und Keuchatmungnächtlichem Samenverlust, Enuresis und Pollakisurie angewendet werden. Schisandrae fructus findet zudem Anwendung bei langanhaltenden, unstill­baren Durchfällen, spontanen Schweißausbrüchen, Schweiß im Schlaf, Durst aufgrund einer Schädigung der aktiven Säfte, Kurzatmigkeit, und Angstzuständen mit Herzklopfen.Andere Quellen nennen auch Diabetes mellitus, schlechte Sehfähigkeit, Ekzeme, schwaches Gehör, Asthma, Depressionen, Hepatitis, Erkältungskrankheiten sowie Impotenz als Einsatzgebiete.“

Zu diesen Anwendungsbereichen gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen.

Zur adaptogenen Wirkung wurden Untersuchungen mit Shizandra durchgeführt, allerdings vor allem im Labor und  im Tierexperiment, und nur vereinzelt mit Menschen. Nochmals die „Zeitschrift für Phytotherapie“( Nr. 1 / 2016):

„In älteren Untersuchungen am Versuchs­tier zeigten die Droge und ihre isolierten Lignane eine deutlich gesteigerte Toleranz gegenüber Kälte, Hitze, Lärm, Sauerstoffmangel und körperlicher Belastung. In neueren Studien an Tieren und Menschen zeigte sich eine signifikante Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit unter Anwendung der Droge. Pferde zeigten nach oraler Gabe eines Schisandraextrakts eine deutliche Senkung der Herzfrequenz von 105 Schlägen/min nach einem Galopp mit einer Geschwindigkeit von 700 m/min über 5 Minuten, gegenüber 130 Schlägen/min bei einem Lauf ohne Drogengabe. Auch beim Menschen wurden leistungssteigernde Effekte festgestellt. Auf zellulärer Ebene wurde über eine Förderung des Dendritenwachstums durch Schisandrin und neuroprotektive Effekte berichtet. Dies könnte bedeuten, dass durch die Schisandra-chinensis-Einnahme die Lern- und Erinnerungsleistung gesteigert werden könnte, worauf auch Tierexpe­rimente hinweisen. Eine protektive Wirkung durch das von Schisandrin B induzierte Glutathion-Peroxidase-System und die damit verbundene antioxidative Wirkung erscheint plausibel.“

Grosse, qualitativ hochstehende Studien mit Menschen, die eine adaptogene Wirkung von Shizandra einwandfei belegen könnten, gibt es aber offenbar nicht.

Im Artikel der Zeitschrift „Die Apotheke“wird als adaptogene Heilpflanze auch Ginkgo erwähnt. Das ist wohl ein Irrtum. Ginkgo biloba zählt in der Phytotherapie-Fachliteratur nicht zu den Adaptogenen. Die wichtigsten Anwendungsbereiche von Ginkgo-biloba-Extrakt sind Demenz im Frühstadium und periphere arterielle Durchblutungsstörungen (PAVK).

Ginseng (Panax ginseng) wurde ursprünglich ebenfalls hauptsächlich in der traditionellen chinesischen Medizin eingesetzt. Die Ginsengwurzel wird aber schon seit einigen Jahrzehnten nach wissenschaftlichen Kriterien im Hinblick auf die adaptogene Wirkung untersucht – im Labor, im Tierexperiment, aber auch in klinischen Studien mit Menschen. Dabei sind immer wieder positive Resultate zu finden. Aber auch hier fehlen die grossen, qualitativ einwandfeien Studien, die eine Wirksamkeit zweifelsfrei belegen. Bei den Ginseng-Präparaten gibt es auch prägnant viele qualitativ fragwürdige und/oder unterdosierte Produkte. Daher sollten standardisierte Ginsengextrakte vorgezogen werden (zum Beispiel G115-Extrakt in Ginsana).

Nicht erwähnt wird im Artikel der Zeitschrift „Die Apotheke“die Taigawurzel aus Eleutherococcus senticosus. Die Taigawurzel wurde anfangs der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Wissenschaftlern der damaligen Sowjetunion gezielt als Ersatz  für die teurere und nicht in genügender Menge zur Verfügung stehende Ginsengwurzel erforscht und bekannt gemacht. Die Bezeichnung „Sibirischer Ginseng“ ist jedoch irreführend, weil die Inhaltsstoffe der beiden Pflanzen sehr unterschiedlich sind.

 Aufgund dieser Geschichte gibt es zu Taigawurzel viele ältere, russische Forschungsarbeiten, die nur zum Teil auch auf Englisch erschienen sind. Insgesamt scheint mir die Studienlage zu Taigawurzel weniger transparent als zu Ginsengwurzel. Die neueren Studien sind zwar transparenter, doch sind die Resultate auch hier widersprüchlich.

Fazit: Adaptogene gelten in der Regel als gut verträglich, müssen aber über längere Zeit eingenommen werden. Die Studienlage ist für alle Adaptogene widersprüchlich. Ich selber würde Ginseng und Rosenwurz bevorzugen.

Das Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“schreibt zu den Adaptogenen:

„Das Konzept der adaptogenen Substanzen, das ursprünglich ebenfalls von den russischen Forschern entwickelt worden ist, hat wegen seiner etwas vagen Formulierung in der naturwissenschaftlich geprägten Medizin bisher noch keine allgemein akzeptierte Anerkennung gefunden, sodass hier viele Angaben noch mit Skepsis betrachtet werden.“

Dazu kommt nach, dass bei milden Wirkungen, wie sie von den Adagtogenen erwartet werden, zum Beleg für die Wirksamkeit Studien mit verhältnismässig hohen Probandenzahlen nötig sind. Solche Studien sind auch entsprechend teuer und dadurch sind sie für die Erforschung eines Produktes, das nicht patentierbar ist, oftmals nicht lohnen.

Wer sich für fundiertes Wissen über Heilpflanzen-Anwendungen interessiert, kann solches erwerben in meinen Lehrgängen – dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.