Zu diesem Thema zwei Zitate von Matthias Zehnder aus seinem lesenswerten Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“:

„Extrempositionen sind…gern gesehen in Talkshows, weil sie Aufmerksamkeit generieren. Politiker, die extreme Positionen vertreten, werden entsprechend häufiger eingeladen. Medien und Politik verstärken sich gegenseitig. Beide sind abhängig von der Droge ‹Aufmerksamkeit›. Schlimmer noch: Politiker können sich Aufmerksamkeit verschaffen, indem sie etwas Aufsehenerregendes tun, was von den Medien gerne und oft weiterverbreitet wird, weil das auch den Medien das verschafft, was sie so dringend brauchen: Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat Politiker und Medien in eine gegenseitige Abhängigkeit und in eine Aufmerksamkeitsspirale gezwungen. Das Resultat sind Boulevardmedien – und Boulevardpolitik……

Weil Diskussionen mit Extrempositionen gerne in laute Konflikte münden, statt konstruktiv zu verlaufen, hinterlassen sie den Eindruck von tiefen gesellschaftlichen Gräben, von unversöhnlichen Lagern, die sich feindlich gegenüberstehen. Dabei stehen sich nur die Extrempositionen so unversöhnlich gegenüber. Das Gros der Gesellschaft aber steht ganz friedlich dazwischen und könnte sich wohl problemlos auf eine Lösung einigen. Quotengaranten wie Roger Köppel ziehen sie aber an die extremen Pole und verhindern so die konstruktive Einigung. Kurz: Die Fokussierung auf Aufmerksamkeit und der Briefträger-Effekt führen dazu, dass die Gesellschaft auseinanderdriften.“

Den Briefträger-Effekt erklärt Matthias Zehnder so:

„Es gibt die alte Journalistenweisheit: Wenn ein Hund den Briefträger beisst, ist das keine Nachricht. Wenn der Briefträger aber einen Hund beisst, das ist eine Nachricht. Anders gesagt: Das Erwartbare, das Normale hat keinen Nachrichtenwert. Gemeldet wird das Ausseregewöhnliche, das Überraschende.“

Zitate aus:

Matthias Zehnder,

Die Aufmerksamkeitsfalle – Wie die Medien zu Populismus führen,

Zytglogge Verlag 2017

Das sehr informative Buch schildert eindrücklich die Krise, in der die Medien heute stecken. Ein Verständnis dieser Krise ist wichtig für jedes genauere Verständnis der schwierigen gesellschaftlichen und politischen Situation, in der wir uns gegenwärtig befinden.

Das Buch von Matthias Zehnder können Sie in meinem Buchshop anschauen und dort auch via buchhaus.ch kaufen (hier).

Eine Zusammenfassung des Buches habe ich hier publiziert:

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern

P.S.:

Wichtig wäre es in dieser Situation, mehr Aufmerksamkeit zu richten auf differenzierte, „mittlere“ Aussagen und Positionen – und weniger Aufmerksamkeit auf einseitige, polemische Extrempositionen. Das gilt im Übrigen nicht nur für den gesellschaftlich-politischen Bereich. Auch in den Themen, mit denen ich mich beruflich befasse – Gesundheit, Heilpflanzen, Naturheilkunde – setzen sich zunehmend Extrempositionen durch, während differenziertere Darstellungen mehr und mehr untergehen. Verbreitet in den Medien und den sogenannten sozialen Medien bevorzugt alarmistische Warnungen oder grossartige Heilungsversprechungen. Dagegen kommen differenzierte, sorgfältige Darstellungen und Aussagen nur schwer an.