Die französische Behörde für Nahrungsmittelsicherheit, Umwelt und Arbeit (Ansas) vor Risiken in Zusammenhang mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Berberin gewarnt. Die Behörde rät Kindern, Jugendlichen, Schwangeren, Stillenden und bestimmten Risikogruppen (Diabetiker, Personen mit Leber- oder Herzbeschwerden) auf solche Präparate zu verzichten (Anses Actualités, 25.11.2019). Im Internet werden solche Produkte unter anderem gegen Diabetes vermarktet.

Die Warnung ist vom Pharmavista-Newsletter verbreitet worden.

Berberin ist ein Isochinolalkaloid, das in verschiedenen Pflanzen vorkommt, hauptsächlich in Berberitzen-Arten wie:

Berberis vulgaris = Gewöhnliche Berberitze, Sauerdorn heimisch in Europa, Vorderasien.

Berberis aquifolium = Gewöhnliche Mahonie aus dem westlichen Nordamerika, in Europa oft angepflanzt.

Berberis aristata = Begrannte Berberitze aus Nordindien, Nepal, Butan.

Berberinhaltige Pflanzen werden in Nahrungsergänzungsmitteln insbesondere zur Regulierung des Blutzucker- und des Cholesterinspiegels vermarktet, zum Beispiel bei Diabetes, obwohl auf europäischer Ebene entsprechende gesundheitsbezogene Hinweise nicht gestattet sind.

Laut einer Expertise der Anses können ab einer Dosierung von 400 mg/Tag bei Erwachsenen pharmakologische Effekte auf das Herz-Kreislauf-System (arterieller Blutdruck, Herzrhythmus), das Nervensystem (antikonvulsiv, antidepressiv, analgetisch), das Immunsystem (entzündungshemmend, immunsuppressiv) oder auch auf den Metabolismus (blutzucker-, lipidsenkend) festgestellt werden. Das heisst, dass Berberin in dieser Dosierung als Arzneimittel wirkt und nicht mehr als Nahrungsmittel zu betrachten ist. Es lässt sich nicht ausschliessen, dass die erwähnten Wirkungen auch in tieferen Dosierungen auftreten können.

In manchen Ländern Europas ist die Verwendung von Berberin in Nahrungsergänzungsmitteln reglementiert. In Belgien zum Beispiel wurde die maximale Tagesdosis an Isochinolalkaloiden auf 10mg limitiert.

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln auf der Grundlage von berberinhaltigen Pflanzen oder -zubereitungen bringt Risiken mit sich für Verdauungsstörungen, Hypoglykämie und Hypotonie. Zudem wurde auch eine Reihe von medikamentösen Wechselwirkungen auf Ebene CYP3A4, 2D6, 1A1 oder P-Glykoprotein festgestellt. Bei Patienten unter medikamentöser Therapie ist deshalb grösste Vorsicht geboten.

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5990&NMID=5990&LANGID=2&utm_source=hs_email&utm_medium=email&utm_content=80734292&_hsenc=p2ANqtz-8FO70Wb3laXVJiuxGKwuajpDag7WQ6atuScK1yw_cJabm-Y9PSwzOUwrOSA_gDHVEmg3fWZBLBuKdFzDdYBJFJ9D41FL–PhBByzUN6G38fsQAhlc&_hsmi=80734292

Kommentar & Ergänzung:

Ich habe mir den Markt mit Nahrungsergänzungsmitteln auf der Basis von Berberin im Internet angesehen. Hier werden locker Dosierungen von 3mal 500mg Berberis-Extrakt / Tag angeboten, der zu 97% aus Berberin besteht. So nimmt man weit mehr Berberin auf als die erwähnten 400mg/Tag.

Nahrungsergänzungsmittel brauchen für ihre Zulassung keine Wirksamkeit zu belegen, dürfen aber im Gegenzug auch nicht mit Heilwirkungen und Indikationen werben. Dies Vorschrift wird mit allerlei gewundenen Formulierungen umgangen. Auf den Webshops findet man bei den Berberinprodukten dann Formulierungen wie:

Traditionelles Produkt (ayurvedische Medizin) mit hohem Potenzial.

Trägt zur Gesundheit des Magen-Darm-Traktes und des Herz-Kreislauf-Systems bei.

Berberin begeistert seine Kunden regelmässig.

Nachhaltig.

Made in Germany.

100% Vegan.

Frei von Gentechnik

Zuckerfrei

Das sind alles schöne Schlagworte, die nichts über eine Wirksamkeit aussagen.

Etwas provokativ könnte man noch ergänzen:

Sinnfrei!!!

Niemand braucht Berberin.

Die Bezeichnung «Nahrungsergänzungsmittel» ist insofern irreführend. Ursprünglich waren damit Produkte gemeint, die Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente zuführen, die wir mit der Nahrung aufnehmen müssen, und von denen angenommen wurde, dass wir das in ungenügenden Mengen tun. Aber kein menschlicher Organismus benötigt Berberin. Wenn man diesen Stoff zuführt, dann nur, weil man eine arzneiliche Wirkung erwartet, die von der Werbung in mehr oder weniger verschleierter Form versprochen wird.

Dabei ist die Rede von tausenden von Studien, die eine Wirksamkeit belegen sollen. Ich habe mir die wichtigsten Studien angeschaut, die immer wieder aufgeführt werden, um eine Wirksamkeit von Berberin bei Diabetes zu belegen. Zum allergrössten Teil handelt es sich dabei um Laborstudien an isolierten Zellen oder Geweben. Solche Reagenzglas-Studien können nicht annähernd eine Wirksamkeit belegen. Die Situation im menschlichen Organismus ist viel komplexer als die Situation in einem Reagenzglas. Dann gibt es einige tierexperimentelle Studien, die sich aber auch nicht 1:1 auf den Menschen übertragen lassen. Und es gibt einzelne Studien mit Diabeteskranken mit sehr kleinen Probandenzahlen. Es handelt sich dabei um Pilotstudien. Solche Studien werden durchgeführt, um ein Studiendesign zu testen als Vorbereitung für eine grössere Studien. Pilotstudien können keine Wirksamkeit belegen. Eigentlich bleibt hier nichts Handfestes, das eine Wirksamkeit von Berberin bei Diabetes belegen könnte.

Das wird sehr wahrscheinlich auch so bleiben. Die Hersteller dieser Präparate haben kein Interesse, grössere Studien zu finanzieren, die eine Wirksamkeit belegen könnten. Da Nahrungsergänzungsmittel keine Wirksamkeit belegen müssen, brauchen sie keine solchen Studien und ihr Geschäft läuft auch so blendend. Ausserdem lässt sich Berberin nicht patentieren und so würden alle anderen Hersteller auch profitieren können, wenn eine Firma grosse Studien finanziert.

Meine Empfehlung ist grundsätzlich, bei der Anwendung von Heilpflanzen-Präparaten auf pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) zu setzen und nur in Ausnahmefällen auf pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel. Die Sicherheit und Qualität von Nahrungsergänzungsmitteln wird viel zu wenig überprüft.

Zu Berberin schreibt die «Verbraucherzentrale»:

«Bei Berberin-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln kommt es immer darauf an,

  • aus welcher Pflanze das Berberin stammt,
  • wie der Extrakt der Pflanze aussieht und
  • in welcher Menge Berberin enthalten ist.

Eine klare Regelung gibt es für Nahrungsergänzungsmittel nicht. Es fehlen Verbote, sowie Vorgaben zur Qualität und der Kennzeichnung. Der Hersteller bzw. Produzent ist für die Sicherheit seines Produktes verantwortlich.

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Untersuchungen (Tierexperimente, Tests an Zellkulturen) zu den pharmakologischen Effekten von Berberin veröffentlicht. In einer Reihe medizinischer Anwendungen scheint Berberin ein gewisses pharmakologisches Potential zu besitzen. Doch Nahrungsergänzungsmittel haben nicht den Zweck, Krankheiten zu heilen oder zu lindern – dies ist die Aufgabe von Arzneimitteln, deren Wirksamkeit und Nebenwirkungen geprüft sind.

Zugelassene gesundheitsbezogene Aussagen zu Berberin in Nahrungsergänzungsmitteln gibt es keine.

Bei Berberin sind Wechselwirkungen mit Medikamenten beschrieben, daher sollte die Verwendung solcher Nahrungsergänzungsmittel nur in Absprache mit dem Arzt erfolgen.»

Quelle:

https://www.klartext-nahrungsergaenzung.de/faq/projekt-klartext-nem/berberin-in-nahrungsergaenzungsmitteln-31181

Wer sich vertieftes Wissen über die verschiedenen Zubereitungsformen und Anwendungsbereiche von Heilpflanzen erwerben möchte, kann das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.