Bis zu 90 % der Krebspatienten nutzen zusätzlich  die komplementäre und alternative Medizin. Ob heimische Pflanzen bei Mundschleimhautentzündung (Mukositis) helfen, ist schwer zu beurteilen, stellt ein Beitrag in der Medical Tribune fest. 

Die deutsche S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen Patienten führt als Naturheilprodukte bei durch Strahlentherapie bedingter Mundschleimhautentzündung Aloe vera, Kamille und Manuka-Öl oder Kanuka-Öl auf. Eine Empfehlung gibt die Leitlinie mangels Evidenz allerdings in keinem Fall.

Judith Büntzel von der Universitätsklinik Göttingen hat recherchiert, ob die genannten Pflanzen der heutigen Studienlandschaft entsprechen und auch von der traditionellen europäischen Medizin (TEM) empfohlen werden. Bei ihrer Recherche fand sie 33 Studien, in denen eine der TEM bekannten Heilpflanzen kontrolliert auf ihre Wirkung untersucht wurde.

Studien zu Heilpflanzen bei Mundschleimhautentzündung

Die beste Studienlage zeigte sich dabei für Kamille und Ingwer. Bei der Überprüfung von 14 heimischen Ratgeberbüchern stiess Büntzel jedoch auf Diskrepanzen zwischen Pflanzen, die in Studien untersucht wurden, und denen, die empfohlen werden. Die Ratgeberliteratur führte 78 Pflanzen auf, die bei Mund- und Rachenentzündung wirksam sein sollen. Nur zu etwa 15 % der genannten Pflanzen existierten Studien. 

Schlussendlich beschränkte sich die Evidenz auf die Kamille (acht Studien) sowie auf Salbei und Thymian (je eine Studie). Für die Wirksamkeit der Kamille ergab sich gemäss der Beurteilung der Referentin damit zumindest eine gewisse Evidenz. Alle Studien hatten einen signifikanten Effekt der untersuchten Pflanzen gegenüber der Kontrolle nachweisen können.  

Der Beitrag basiert auch einem Referat an der DGHO*-Jahrestagung 2019

* Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie

Quelle:

https://www.medical-tribune.de/medizin-und-forschung/artikel/helfen-kamille-salbei-und-thymian-bei-mukositis/

Leitlinie:

https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Supportivtherapie/LL_Supportiv_Langversion_1.2.pdf

(Seite 400)

Kommentar & Ergänzung:

Um beurteilen zu können, ob diese Ergebnisse aussagekräftig sind, müsste man mehr wissen über die untersuchten Produkte und über die Art der bewerteten Studien.

Es wird nicht viel für Forschung investiert in Produkte wie Salbeitee, die nicht patentiert werden können.

Wichtig wäre auch zu differenzieren ob es um Vorbeugung oder Behandlung von Mundschleimhautentzündung geht. Und dann auch, ob es bei der Behandlung um eine akute Phase von wenigen Tagen geht oder um eine längerfristige Anwendung. Kurzfristig akut sind Gerbstoffe oft gut wirksam (zum verdünnte Beispiel Tormentilltinktur = Blutwurztinktur). Längerfristig sind eher Spülungen mit Schleimstoffen (Lindenblüten, Leinsamen, Eibischwurzel) passend.

Bei Kamille ist die entzündungswidrige Wirkung auf Haut und Schleimhaut relativ gut dokumentiert, wobei meistens Kamillenextrakt untersucht wurde (Kamillosan).

Salbei wirkt vor allem durch den Gehalt an Gerbstoffen (Lamiaceen-Gerbstoff) in akuten Situationen gut, ich würde ihn aber nicht lägerfristig anwenden, weil Gerbstoffe die Schleimhaut austrocknen könnten.

Thymian enthält vor allem antimikrobiell wirkendes Thymianöl und Lamiaceen-Gerbstoff. Thymian ist etwas ungewöhnlich bei Mukositis. Sein Hauptanwendungsgebiet ist der produktive Husten.

Bei den 14 heimischen Ratgeberbücher auf der Basis von TEM wäre auch interessant zu wissen, um welche Werke es sich handelt. Eine fundierte Grundlage scheint mir das nicht. TEM ist weitgehend ein Marketing- und Lobbyingbegriff, der unter anderem der Profilierung gegenüber der TCM dient. Ein überzeugendes Konzept hat TEM aber meiner Ansicht nach nicht.

Eigenartig ist ausserdem, dass in dieser Recherche Ingwer auftaucht. Ingwer ist unüblich bei Mundschleimhautentzündung, wird aber im Rahmen der Onkologie bei Übelkeit und Erbrechen während Chemotherapie eingesetzt. Hier scheint etwas durcheinander gekommen zu sein.

Wer sich vertieftes Wissen über die verschiedenen Zubereitungsformen und Anwendungsbereiche von Heilpflanzen erwerben möchte, kann das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.