Der neuste Furz aus dem Weissen Haus. Dort wird offenbar gerade darüber gesprochen, ob der giftige Pflanzenwirkstoff Oleandrin gegen Covid-19 propagiert und zugelassen werden soll.  Was ist davon zu halten?

Oleandrin ist ein giftiges Herzglykosid, das im Oleander (Nerium oleander) vorkommt. Mike Lindell, ein finanzkräftiger Unterstützer von Donald Trump, hat dem Präsidenten von dem pflanzlichen Produkt zur angeblichen Heilung von Covid-19 berichtet. Lindell berichtet, Trump habe „im Prinzip gesagt“, dass die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA es zulassen sollte. Hohe Regierungsmitarbeiter bestätigten gegenüber der Nachrichtenagentur Axios, dass es im Weissen Haus Gespräche über Oleandrin gebe. Am Gespräch beteiligt war Andrew Whitney, ein Vorstand der Firma Phoenix Biotechnology, die Oleandrin herstellt. Trumps Freund Mike Lindell ist Gründer und Chef des Unternehmens My Pillow und ein grosser Werbetreibender bei Fox News. Er hat sich finanziell an Phoenix Biotechnology beteiligt und Whitney dann das Treffen mit Donald Trump arrangiert.

Gegenüber Regierungsmitarbeitern soll Whitney behauptet haben, dass Oleandrin Covid-19 innerhalb von zwei Tagen heile. Belege dafür lieferte er allerdings bisher nicht. Whitney verteidigte sich in einem Interview mit Axios: Oleandrin sei am Menschen auf seine Wirksamkeit gegen Covid-19 getestet worden, die Studie sei jedoch noch nicht öffentlich.

Quelle:

https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/coronavirus-trumps-neues-wundermittel-oleandrin-16908894.html

Kommentar & Ergänzung:

Oleandrin ist der Hauptwirkstoff im Oleander, genauer in den Oleanderblättern. Die Pflanze gilt als äusserst giftig und gibt immer wieder Anlass zu Anfragen bei Giftberatungsstellen. Oleandrin ist ein Herzgift. Wikipedia führt als Vergiftungssymptome für Oleander auf:

«Die orale Aufnahme von Oleander kann gastro-intestinale und Herzbeschwerden verursachen. Die gastro-intestinalen Beschwerden können sich in Form von Übelkeit und aus erbrechender, überschüssiger Speichelabsonderung, Abdominalschmerz und Diarrhoe äußern. Die Herzbeschwerden können unregelmäßiger Puls und schnelles Herzklopfen sein, das in eine unterdurchschnittliche Pulsfrequenz mündet. Die Extremitäten werden durch die mangelhafte Durchblutung blass und kalt. Die Vergiftungssymptome können auch das zentrale Nervensystem (ZNS) betreffen, Schläfrigkeit, Tremor oder Muskelzittern bis zum Zusammenbruch mit Koma beinhalten und in der Folge schließlich zum Tod führen.*

Oleandrin ist ein Digitalisglykosid. Es hat deshalb potenziell eine ähnliche Wirkung am Herzen wie die Digitalis-Präparate aus dem ebenfalls giftigen Fingerhut, die früher oft bei Herzschwäche eingesetzt wurden. Auch Oleanderblätter und Präparate daraus kamen früher als Herzmittel zur Anwendung. Weil die wirksame Dosis nach bei der giftigen Dosis liegt (= kleine therapeutische Breite), ist das aber keine gute Idee. Oleanderblätter haben als Herzmittel nur noch historische Bedeutung. Sie wurden früher aber auch zu gefährlichen Abtreibungsversuchen verwendet. Alles andere als harmlos, was da im Weissen Haus gerade diskutiert wird.

Keine Hinweise auf antivirale Wirkung für Oleandrin

In der Fachliteratur von Toxikologie und Phytotherapie finde ich keine Hinweise auf eine antivirale Wirkung von Oleandrin. Zudem ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein derart potenter Giftstoff Viren im Organismus töten könnte in einer Dosis, die beim Patienten keine gefährlichen Nebenwirkungen auslöst.

Hochgradig skeptisch muss zudem stimmen, wenn Whitney behauptet, dass Oleandrin Covid-19 in zwei Tagen heilt. Das wäre tatsächlich das Wundermittel, das Donald Trump gegen die Corona-Pandemie sucht. Schon das von ihm propagierte Wundermittel Cloroquin war ein gefährlicher Rohrkrepierer und sein Vorschlag, Desinfektionsmittel zu trinken oder zu injizieren, hat zu Vergiftungen geführt. Aber der «Grösste Pharmakologe aller Zeiten» (GröFaZ), als der er sich anscheinend sieht, hat daraus nichts gelernt.

Ganz abgesehen davon, dass wir es hier mit Korruption zu tun haben: Wir sehen den schamlosen Versuch, einem Unterstützer ein höchst fragwürdiges Geschäft zuzuschanzen.

Die FAZ schreibt:

«Für Whitney gibt es nun zwei Wege zum Erfolg. Zum einen könnte Oleandrin als Medikament anerkannt werden. Das würde aber eingehende Prüfungen voraussetzen. Eine andere Möglichkeit, die Whitney nach eigenen Angaben prüft, ist es, Oleandrin als Nahrungsergänzungsmittel anerkennen zu lassen. Das würde schneller gehen. In dem Fall dürfte das Unternehmen aber nicht mehr damit werben, dass das Mittel gegen Covid-19 wirkt. Umso hilfreicher könnte es für die Firma und ihre Investoren sein, wenn der Präsident diese Behauptung öffentlich aufstellen sollte.»

Es ist zu hoffen, dass die Zulassungsbehörden einem allfälligen Wunsch des Präsidenten nach Zulassung widerstehen. Es ist ausserordentlich unwahrscheinlich, dass fundierte Studien zu Oleandrin gegen Covid-19 vorliegen, die eine Zulassung als Arzneimittel benötigen würde.

Und für eine Zulassung als Nahrungsergänzungsmittel braucht es zwar keine Wirksamkeitsstudien. Aber die Unschädlichkeit des Mittels muss dokumentiert werden, was bei Oleandrin nicht ganz so einfach sein dürfte. Im Umgang mit der Corona-Pandemie wäre eine gewissen Ernsthaftigkeit im Weissen Haus wünschbar.