Die Blutwurz (Potentilla erecta) ist vom „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ zur Arzneipflanze des Jahres 2024 gewählt worden. Die an Gerbstoffen reiche Pflanze werde traditionell bei leichtem Durchfall und als Mundwasser angewendet, begründete der Studienkreis seine Entscheidung.

Darüber hinaus gebe es gute experimentelle Hinweise, dass die Blutwurz zur Hemmung von Viren und Bakterien beitragen könnte.

Blutwurz wird oft auch als Tormentill bezeichnet und ist als Arzneipflanze nicht sehr bekannt.

Die medizinische Verwendung der Fingerkräuter (Potentilla) reicht jedoch bis ins Altertum zurück. Mit der Tormentill wird 2024 zum ersten Mal eine Gerbstoffdroge zur Arzneipflanze des Jahres gekürt.

Die Äbtissin Hildegard von Bingen empfahl die Blutwurz Mitte des 12. Jahrhunderts in ihrer Naturkunde unter anderem gegen Fieber. In der Gegenwart stehen die antimikrobiellen und antiviralen Eigenschaften der enthaltenen Gerbstoffe (Tannine) im Zentrum der Untersuchungen. Dieses Arzneipotenzial würdigt der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg mit seiner diesjährigen Wahl.

Blutwurz gehört zu den Rosengewächsen

Die Blutwurz gehört zur vielgestaltigen Pflanzenfamilie der Rosengewächse (Rosaceen). Es handelt sich um eine krautige Pflanze von 10 bis 30 cm, die gut wächst auf Wiesen, Heiden und Wäldern mit mäßig saurem Boden. Sie blüht zwischen Mai und Oktober. Im Gegensatz zu anderen Vertretern der Gattung Potentilla trägt die Blüte nicht fünf, sondern nur vier gelbe Kronblätter.

Zur Verwendung als Heilpflanze wird der Wurzelstock genutzt. Er färbt sich an Bruch- und Schnittstellen aufgrund der Oxidation der Gerbstoffe rot. Das wurde als Hinweis auf eine Wirksamkeit gegen Wunden und Verletzungen gedeutet und hat zum Namen «Blutwurz» geführt.

Die Behandlung von Wunden gehört deshalb auch zu den ältesten bekannten Anwendungsgebieten von Blutwurz. Der Kräuterbuchautor Hieronymus Bock (1498 – 1554) empfahl die Heilpflanze in seinem Kräuterbuch von 1551 zudem äusserlich bei Nasenbluten, Menstruationsbeschwerden, Augenleiden und Feigwarzen. Innerlich soll Blutwurz etwa bei Vergiftungen und Pestilenz (damals alle ansteckenden Krankheiten), bei Fieber, Erbrechen und Durchfall helfen.

Blutwurz in der modernen Phytotherapie 

In der Gegenwart wird Blutwurz vor allem bei verschiedenen Formen von Durchfall verwendet. Äusserlich steht laut Studienkreis die Behandlung von Entzündungen in der Mund- und Rachenhöhle, Wunden und nässenden Ekzemen im Vordergrund. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) anerkennt die Zubereitungen aus dem Wurzelstock der Blutwurz als traditionelles pflanzliches Arzneimittel innerlich bei unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen und bei leichten Entzündungen im Mund- und Rachenraum.

Die Tormentill enthält als wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe 15 bis 22 Prozent Gerbstoffe sowie Flavonoide, Phenolcarbonsäuren und Triterpensäuren. Gerbstoffe entfalten eine zusammenziehende (adstringierende) Wirkung wegen ihrer Interaktion zwischen Tannin und den Proteinen von Haut und Schleimhaut. Auch die antibakteriellen und antiviralen Wirkungen der Tannine sollen laut neueren experimentellen Studien mit den Gerbstoffen zusammenhängen.

Der Studienkreis bedauert, dass die Jahrhunderte alten Erfahrungen mit der Blutwurz Gefahr laufen, verloren zu gehen, da keine klinischen Studien mehr durchgeführt werden. Dazu trägt bei, dass die Möglichkeiten zur Patentierung von Arzneipflanzen oder Zubereitungen daraus sehr eingeschränkt sind.

Während der Studienkreis an der Universität Würzburg jeweils die »Arzneipflanze des Jahres« kürt, vergibt der Verein NHV Theophrastus die Auszeichnung »Heilpflanze des Jahres«. Zur «Heilpflanzen des Jahres» wurde für 2024 der Schwarze Holunder (Sambucus nigra) gekürt.

Quellen:

Pflanzenheilkunde: Blutwurz ist die Arzneipflanze des Jahres  (Pharmazeutische Zeitung)

Phytotherapie: Die Blutwurz ist Arzneipflanze des Jahres 2024 (Ärztezeitung)

Anmerkungen zur Blutwurz:

– Die Anwendung als verdünnte Tinktur bei Aphthen und Mundschleimhautentzündung ist bewährt.

– Blutwurzpulver eignet sich als Blutstiller bei kleinen, oberflächlichen Schnitt- und Schürfwunden. Entgegen den Angaben des «Studienkreises» würde ich Blutwurz aber nicht zur Wundheilung einsetzen. In der Wundheilungsphase (Granulation) braucht die Wunde Feuchtigkeit, Gerbstoffe aber trockenen aus.

– Gerbstoffe werden aus dem Verdauungstrakt nicht relevant in den Organismus aufgenommen. «Fernwirkungen» im Körper sind deshalb nicht zu erwarten. Das spricht sehr klar gegen Indikationen wie Menstruationsbeschwerden, Augenleiden oder Fieber.