“Apfelschalen halten Blutdruck in Schach”

So titelt die Berliner-Zeitung einen Beitrag in der Rubrik „Gesundheit“. Es fehlt allerdings der Zusatz „im Reagenzglas“. Aber dort gibt es doch keinen Blutdruck….

Die Meldung ist ein gutes Beispiel für eine populistische Schlagzeile, die zwar beim Publikum gut ankommen mag, aber schlicht und einfach nicht wahr ist.

Worum geht es?

Äpfel mit Schale zu essen, sei offenbar gesünder als gedacht, schreibt die Berliner-Zeitung:

„In der Schale enthaltene Substanzen können den Blutdruck senken. Forscher wollen die sogenannten Flavonoide als ACE-Hemmer einsetzen.“

Und wie kommt diese Aussage zustande?

„Zumindest hemmt ein Extrakt der Schalen mit sämtlichen Flavonoiden ein Enzym, das an der natürlichen Regulation des Blutdrucks beteiligt ist. Auf der Hemmung desselben Enzyms beruht die Wirkung mehrerer blutdrucksenkender Medikamente. Tierversuche und klinische Studien sollen nun prüfen, ob die natürlichen Inhaltsstoffe für einen therapeutischen Einsatz vielleicht besser geeignet sind, schreiben die Forscher im Fachblatt Food Chemistry. Über Flavonoide wusste man bisher nur, dass sie zellschädigende Substanzen abfangen, also antioxidativ wirken.“

Die Resultate der Untersuchungen zeigen, dass ein Apfelschalenextrakt mit hohem Flavonoidgehalt über das Potential von effektiven ACE-Hemmern verfügt. Das sagen Nileeka Balasuriya und Vasantha Rupasinghe vom Nova Scotia Agricultural College in Truro.

ACE-Hemmer sind verbreitet eingesetzte Arzneimittel, die das Angiotensin-konvertierende Enzym (ACE) blockieren. So entsteht weniger Angiotensin II, ein Hormon, das die Blutgefäße verengt und dadurch den Blutdruck steigert.

Sowohl bei einem Extrakt mit sämtlichen Flavonoiden als auch bei einzelnen Gruppen dieser Substanzen wie Anthocyane, Flavonole, Flavone oder Flavanone fanden die Forscher in Reagenzglasversuchen einen starken ACE-Hemmeffekt. Die blutdrucksenkende Wirkung der Apfelflavonoide soll nun in neuen Studien überprüft und mit derjenigen von Medikamenten wie Captopril, Enalapril oder Ramipril verglichen werden.

Quelle:

http://www.berliner-zeitung.de/wissen/gesunde-substanz-entdeckt-apfelschalen-halten-blutdruck-in-schach,10808894,16924978.html

Kommentar & Ergänzung:

Äpfel sind gesund und ihr regelmässiger Konsum kann nur allen wärmstens ans Herz gelegt werden. Nicht umsonst heisst es „An apple a day keeps the doctor away“, auch wenn das nicht ganz wörtlich zu nehmen ist und man trotz Apfelkonsum krank werden kann.

Unbestritten ist auch, dass der Gehalt an Flavonoiden in den Apfelschalen am höchsten ist.

Und Flavonoide werden beispielsweise für eine ganze Reihe von Wirkungen von Heilpflanzen verantwortlich gemacht.

Beispiele sind Buchweizenkraut mit Rutin gegen Venenbeschwerden oder Mariendistelsamen mit Silymarin bei Lebererkrankungen. Darum ist auch sehr zu begrüssen, wenn Apfelflavonoide genauer auf ihre möglichen Wirkungen untersucht werden.

Aber: Wenn Apfelflavonoide im Reagenzglas eine Wirkung wie ACE-Hemmer zeigen, dann heisst das noch lange nicht, dass sie das auch im menschlichen Organismus bei Patienten mit Bluthochdruck tun. Im Labor kann man fast beliebige Konzentrationen eines Wirkstoffs in den Vorgang einbringen. Im Organismus ist es dagegen oft schwierig, solch hohe Konzentrationen aufzubauen. Hinderlich kann dabei erstens eine potentielle Giftigkeit der Substanz sein – das dürfte bei Flavonoiden, die grundsätzlich sehr verträglich sind, eher unproblematisch sein. Zweitens ist die Aufnahme von Pflanzeninhaltsstoffen in den Körper oft limitiert oder die Ausscheidung zu schnell – diese Fragen stellen sich bei Flavonoiden sehr wohl. Sehr zu Recht weisen die Studienautoren deshalb darauf hin, dass weitere Forschungen folgen müssen. Insbesondere braucht es Belege aus Untersuchungen mit Patienten.

Eine Schlagzeile wie „Apfelschalen halten Blutdruck in Schach“ ist daher völlig aus der Luft gegriffen.

Sie wird aber deutlich mehr Leute zum Lesen des Textes animieren als ein wahrheitsgemässer und seriöser Titel wie zum Beispiel: „Flavonoide aus Apfelschalen wirken im Reagenzglas wie ACE-Hemmer“.

Meiner Erfahrung nach lohnt es sich zu lernen, wie man Gesundheitsaussagen auf ihre Substanz hin abklopfen kann.

Eine Möglichkeit dazu bieten meine Phytotherapie-Ausbildung oder das Heilpflanzen-Seminar.

Wer sich für Heilpflanzen und ihre Wirkungen interessiert, sollte sich meines Erachtens nicht nur durch Gesundheitszeitschriften, Buchautorinnen (-autoren) und Dozierende mit wunderbaren Heilungsgeschichten abfüllen lassen, sondern auch die kritische Auseinandersetzung mit Aussagen und Versprechungen lernen.

Wer das nicht kann, wird meiner Erfahrung nach bei Gesundheitsthemen – auch aus dem Bereich Komplementärmedizin und Naturheilkunde – über weite Strecken schlicht „verarscht“ (sorry, für diesen ungehobelten Ausdruck, aber ich habe tatsächlich keinen passenderen gefunden….).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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www.phytotherapie-seminare.ch

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