Phytotherapie verbindet Naturheilkunde und Medizin

Zwischen Naturheilkunde und Medizin klaffen immer noch breite und tiefe Gräben. Dabei wäre eine konstruktive Zusammenarbeit für viele Patientinnen und Patienten wichtig. Die beiden Lager stehen sich aber in vielen Bereichen sehr fremd gegenüber. Die Phytotherapie ist meiner Ansicht nach mit Abstand die geeignetste Methode, um Brücken zu schlagen zwischen Naturheilkunde und Medizin. In ähnlichem Sinn äusserte sich auch Prof. Dr. med. Gerd Nagel von der Stiftung Patientenkompetenz:
“Die Phytotherapie muss…..nicht etwas Trennendes zwischen Arzt und Patient sein. Sie kann auch vermitteln und verbinden….Phytotherapeutika sind…..ideale Mittler zwischen den Denkstilen von Arzt und Patient……Wegen ihrer guten Akzeptanz bei Patienten sowie der in vielen Fällen hervorragenden Dokumentationen von Qualität und Sicherheit eignen sich Phytotherapeutika besonders gut zur Verbindung der komplementären Wirklichkeiten von Arzt und Patient.”
(Quelle: Gerd Nagel, Phytotherapeutika – Mittel und Mittler zwischen kompetenten Patienten und ihren Ärzten, Zeitschrift “Phytotherapie” 1/2007)

Phytotherapie – vereinfacht gesagt die Anwendung von Heilpflanzen – wird in der Bevölkerung breit akzeptiert. Das dürfte nicht nur mit der langen Tradition zusammenhängen, welche die Pflanzenheilkunde in unserer Kultur aufweisen kann. Wesentlich ist dabei wohl ebenso, dass Heilpflanzen auch unabhängig von Ideologien, Glaubenssystemen und Dogmen angewendet werden können (aber nicht immer werden!). Das ist schon einmal eine gute Voraussetzung für eine Vermittlungsfunktion.
Und für die Medizin ist die Phytotherapie mit Abstand diejenige Methode aus dem Bereich der Naturheilkunde, welche ihre Wirksamkeit und Sicherheit am solidesten mit Studien auch an kranken Menschen dokumentieren kann. Fundierte Phytotherapie hat darum reelle Chancen, von offenen Medizinerinnen und Medizinern in ihre Arbeit integriert zu werden. Auch gut ausgebildete Pflegefachleute verbinden in ihrer Arbeit Medizin und Naturheilkunde. Beispiele dafür finden Sie hier im Presse-Echo:
moodle.heilpflanzen-info.ch/course/view.php
So kann eine professionelle, fundierte Phytotherapie einen Beitrag dazu leisten, dass die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten nach natürlichen Heilmethoden ernst genommen werden und zugleich die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapie in hohem Masse gewährleistet ist. Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass lange nicht alle Produkte, die unter dem Label “pflanzlich” daher kommen, dem beschriebenen hohen Standard entsprechen. Es gibt auch viele Präparate aus der Pflanzenheilkunde, über deren Wirksamkeit und Sicherheit so gut wie nichts bekannt ist., und die trotzdem überall verkauft werden, auch in Apotheken und Drogerien. Darum halte ich es für sehr wichtig, dass alle Leute, die sich ernsthaft für die Anwendung von Heilpflanzen interessieren, auch darin geschult werden, hier die Spreu vom Weizen trennen zu können. Nur wenn die Qualität gewährleistet ist, wird die Phytotherapie in der Lage sein ihre Vermittlerrolle zwischen Naturheilkunde und Medizin zu erfüllen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Süchtig nach Schlafmitteln – Phytotherapie bietet gesunde Alternativen

Viele ältere Menschen können ohne Medikamente nicht schlafen. Die Präparate können abhängig machen, werden aber trotzdem grosszügig verschrieben.
Die immer noch am häufigsten verschriebenen Schlaf- und Beruhigungsmittel, die Benzodiazepine, haben ein hohes Suchtpotenzial.
“Wer einmal damit begonnen hat, hört kaum mehr auf”, sagt der Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein in der NZZ am Sonntag vom 27. Juli 2008.
Benzodiazepine werden in tieferen Dosen als Beruhigungsmittel (Valium, Seresta, Temesta) und in höheren als Schlafmittel eingesetzt (Dalmadorm, Dormicum, Halcion). Eine Abhängigkeit kann schon bei geringen Dosen entstehen. Obschon das Problem seit längerem bekannt ist, werden Benzodiazepine immer noch oft ärztlich verordnet. Sie sind bei Medizinern und Patienten sehr beliebt, weil sie rasch wirken und zu Beginn gut verträglich sind. Albert Wettstein erklärt dazu in der NZZ am Sonntag: “Der schlafanstossende Effekt der Benzodiazepine hält nur kurze Zeit an, spätestens nach vier Wochen schlafen die Leute genauso schlecht wie vorher, und man behandelt nur noch die Abhängigkeit.”
Benzodiazepine sollten in der Regel nicht länger als zwei bis vier Wochen verschrieben werden. Viele Menschen schlucken sie jedoch über mehrere Jahre. Versuchen sie dann, die Medikamente abzusetzen, haben sie noch schlimmere Schlafstörungen als vor der Einnahme. Die NZZ am Sonntag erwähnt eine Studie mit gesunden, nicht schlafgestörten Studenten, bei denen schon die einmalige Einnahme von Halcion die Einschlafzeit am nächsten Abend ohne das Medikament stark verlängerte.
Zudem haben Benzodiazepine auch Nebenwirkungen. Oft werden sie nicht erkannt und dem Alter angelastet oder mit einer Demenz verwechselt. Häufige Begleiterscheinungen der Benzodiazepin-Einnahme sind Vergesslichkeit, fehlende körperliche Spannkraft, verminderter Antrieb und ein Mangel an gefühlsmässiger Beteiligung an der Umwelt. Der Stoffwechsel älterer Menschen arbeitet langsamer und viele Wirkstoffe verbleiben 3 – 5 mal länger im Organismus. Senioren sind deshalb nach der abendlichen Benzodiazepin-Einnahme oft noch am Tag darauf beduselt. Ein grosses Problem in diesem Zustand und beim nächtlichen Gang auf die Toilette ist die Sturzgefahr mit dem Risiko von Knochenbrüchen.
Ein abruptes Absetzen der Benzodiazepine ist jedoch nicht empfehlenswert, denn dies kann starke Entzugserscheinungen auslösen bis hin zu einem epileptischen Anfall. Stadtarzt Albert Wettstein fordert, dass die gesamte Stoffklasse der Benzodiazepine nicht mehr neu verordnet wird, abgesehen von bestimmten Situationen beispielsweise in der Notfall-, Intensiv- oder Palliativmedizin. Er hält die Alternativen auf lange Sicht für wirksamer: “Das Wichtigste sind Verhaltensweisen und eine Umgebung, die den gesunden Schlaf fördern. Eine Verhaltenstherapie kann in Kombination mit pflanzlichen Schlafmitteln wie Baldrian und Hopfen, schon viel bewirken. In bestimmten Situationen ist aber auch die vorübergehende Einnahme von schlaffördernden Antidepressiva sinnvoll. Sie haben den Vorteil, dass sie nicht abhängig machen.”
Soweit Informationen aus dem Artikel der NZZ am Sonntag vom 27. Juli 2008.
Die von Stadtarzt Albert Wettstein empfohlenen Heilpflanzen Baldrian und Hopfen sind jedenfalls tatsächlich frei von Suchtrisiko und den charakteristischen Nebenwirkungen synthetischer Schlafmittel. Kombinationspräparate aus Baldrian und Hopfen sind zudem mit Patientenstudien in ihrer Wirksamkeit immerhin so gut belegt, dass sie von den Krankenkassen aus der Grundversicherung bezahlt werden, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verschreibt. Stadtarzt Albert Wettstein betont aber sehr zurecht, dass es darüber hinaus noch viel an Information und Anleitung zu schlafförderndem Verhalten braucht und auch eine möglichst schlaffreundliche Umgebung.
Der Artikel in der NZZ am Sonntag greift meines Erachtens ein wichtiges Thema auf. Als Ausbildner von Pflegefachleuten im Bereich Phytotherapie fällt mir beispielsweise immer wieder auf, wie verbreitet Schlafstörungen und Schlafmittelabhängigkeit in den Pflegeheimen sind. Und es gibt starke Argumente dafür, dass die Phytotherapie hier in vielen Fällen gesunde Alternativen anbieten könnte, wenn die Anwendung von Heilpflanzen in einem fachlich fundierten Rahmen geschieht.

Quelle:
Süchtig nach Schlafmitteln, Artikel von Lena Stallmach, NZZ am Sonntag 27. Juli 2008

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Naturheilkunde und Nationalsozialismus – eine kaum bekannte, unheilsame Verbindung

Tabuthema Nr. 1 in der Naturheilkunde und daher fast unbekannt: Im “Dritten Reich” wurde die Naturheilkunde stark gefördert. Vollwerternährung und Vegetarismus wurden staatlich stark propagiert. Führende Nationalsozialisten wie Hess, Himmler und Streicher standen der Homöopathie oder Anthroposophie nahe und förderten entsprechende Projekte. Im KZ Dachau erstellten und bewirtschafteten Häftlinge unter brutalen Bedingungen riesige Heilpflanzen-Plantagen. In den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald wurden schlimme Menschenversuche mit Naturheilmitteln durchgeführt.

Keine Frage: Die damalige Medizin hat sich viele Ungeheuerlichkeiten zuschulden kommen lassen und es hat lange gedauert, bis sie sich mit diesen Verstrickungen auseinandergesetzt hat. Inzwischen hat eine solche Aufarbeitung aber immerhin stattgefunden.

Die Naturheilkunde dagegen blendet ihre eigene unheilsame Verwicklung mit dem nationalsozialistischen Regime weitestgehend aus. Als Reaktion auf die unerfreulichen Fakten kommt allenfalls noch die Aussage, dass hier halt eine gute Sache, die Naturheilkunde, von einem bösen Regime missbraucht wurde.
Damit macht man es sich aber viel zu einfach. Stark zu denken geben müsste nämlich vor allem der Umstand, dass die Ideologien, die Weltbilder von Naturheilkunde und Nationalsozialismus an vielen Punkten absolut kompatibel waren.

Daher wäre es meines Erachtens sehr wichtig, dass sich die heutige Naturheilkunde mit diesem tabuisierten Thema auseinandersetzen würde. Wir können viel daraus lernen für die Gegenwart, wo im Grenzbereich von Naturheilkunde und Esoterik fast unbemerkt und kaum hinterfragt antidemokratisches, menschenverachtendes oder gar “braun” angehauchtes Gedankengut wieder aufkommt. Verpackt in wohlklingende Worte und hinter menschenfreundlichen Fassaden sind solche unerfreulichen Aspekte oft schwer zu erkennen.

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist für die Naturheilkunde meines Erachtens aber auch noch aus einem anderen Grund wichtig: Mir ist in meiner inzwischen über 25jährigen Tätigkeit im Bereich der Naturheilkunde immer wieder aufgefallen, wie stark viele Naturheilkundige von einem Gut-Böse-Schema ausgehen: Hier die gute, lebens- und menschenfreundliche Naturheilkunde, dort die böse, lebens- und menschenfeindliche Medizin. Im Rahmen dieses “Lagerdenkens” ist immer fraglos klar, dass man moralisch auf der guten Seite steht. Das Thema “Naturheilkunde und Nationalsozialismus” bedroht diese eindeutige moralische Trennung in Gut und Böse. Das dürfte mit ein Grund für die Abwehr sein, auf welche dieses Thema stösst.
Wer sich ernsthaft mit der Rolle der Naturheilkunde im “Dritten Reich” auseinandergesetzt hat, wird dieses simple Schwarz-Weiss-Denken nicht mehr so einfach praktizieren können. Das wäre ein heilsamer Aspekt für die Naturheilkunde. denn die Aufweichung solcher Gut-Böse-Schemata scheint mir zentral, wenn sie sich konstruktiv weiter entwickeln soll.

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Kurshinweis, falls Sie sich fundierter über dieses Thema informieren möchten:

Naturheilkunde und Nationalsozialismus – eine fast unbekannte, unheilsame Verbindung
…und was wir heute daraus lernen können

Dieser Kurs informiert über die vorhandenen Fakten, nennt Personen, Firmen, Vorgänge und Verbindungen. Weitere Infos und den Anmeldetalon finden Sie hier: Naturheilkunde & Nationalsozialismus

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Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Phytotherapie: Wann sind pflanzliche Heilmittel sinnvoll?

Heilmittel aus Pflanzen sind beliebt und die Nachfrage steigt. Im Zuge dieses Trends werden wir jedoch auch überschwemmt mit teilweise sehr euphorischen Informationen und Empfehlungen zu diesem Thema. Gleichzeitig gibt es immer noch Ärztinnen und Ärzte, die den Heilpflanzen jede Wirksamkeit absprechen. Für sie kommen nur synthetische Arzneimittel in Frage. Was stimmt nun und wo liegen die Stärken der Pflanzenheilkunde?
Es gibt viele Anwendungsbereiche, in denen pflanzliche Heilmittel sehr sinnvoll eingesetzt werden können.
Phytotherapie – als Anwendung pflanzlicher Heilmittel – ist hauptsächlich in fünf verschiedenen Bereichen empfehlenswert:

1. Als Alternative zu chemisch-synthetischen Präparaten.
Bei zahlreichen Beschwerdebildern stehen sowohl chemisch-synthetische als auch pflanzliche Arzneimittel mit ähnlicher Wirksamkeit zur Verfügung. Ein Beispiel dafür sind Johanniskraut-Präparate bei leichten und mittleren Depressionen. Eine ganze Reihe von Studien belegt, dass sie den synthetischen Antidepressiva in der Regel ebenbürtig sind. In solchen Fällen besteht eine Wahlmöglichkeit. Weil die pflanzliche Variante meist weniger unerwünschte Nebenwirkungen zeigt, ist es bei ähnlicher Wirksamkeit oft sehr vernünftig, sie vorzuziehen.

2. Bei “Befindlichkeitsstörungen”
Viele Beschwerden sind zwar lästig, beeinträchtigen vorübergehend die Lebensqualität und sind trotzdem nicht als echte Krankheiten zu bezeichnen. Leichte Nervosität, eine temporäre, geringfügige Magenverstimmung oder gelegentliche Einschlafschwierigkeiten – solche Störungen brauchen keine “harten” Therapien mit chemisch-synthetischen Medikamenten. Pflanzliche Heilmittel können hier mit ihrer meist sanften Wirkung gut Abhilfe schaffen – und das mit geringerem Risiko.

3. Im Frühstadium von Erkrankungen
Bei den ersten Anzeichen einer Erkrankung angewendet, können pflanzliche Arzneimittel so wirksam sein, dass die Krankheit gar nicht voll ausbricht. Das lässt sich zum Beispiel beobachten, wenn Sie bei den ersten Symptomen einer Erkältung ein warmes Kräuterbad nehmen. Aber auch manche leichtere Blasenentzündung lässt sich mit pflanzlichen Mitteln im Anfangsstadium noch kupieren.

4. Wenn keine Alternative verfügbar ist
In gewissen Bereichen existieren gar keine chemisch-synthetischen Medikamente. Beispiele dafür sind die Leberschutzwirkung des Wirkstoffs Silymarin aus der Mariendistel, die Verbesserung der Stressbewältigung durch Ginseng oder die Anregung des Immunsystems durch Sonnenhut (Echinacea) oder Umckaloabo.

5. Ergänzend zu chemisch-synthetischen oder anderen Therapien
Die Wirkung pflanzlicher Heilmittel stösst in manchen Fällen an Grenzen. Für viele schwere, ernsthafte oder gar lebensbedrohliche Krankheiten reichen sie allein nicht aus. Hier wäre es verantwortungslos, auf chemisch-synthetische Arzneimittel zu verzichten. Oft eignen sich in solchen Fällen aber Heilmittel der Phytotherapie als begleitende Behandlung. Sie können dann genutzt werden zur Wirkungsverstärkung der Medikamente, zur Reduktion unerwünschter Wirkungen oder zur Verbesserung von Wohlbefinden und Lebensqualität. So bringt zum Beispiel die Anwendung von Heilpflanzen gegen Tumore nicht den durchschlagenden Erfolg, der in solchen Situationen eben nötig wäre. Mit Heilpflanzen lassen sich aber zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen von Chemo- oder Strahlentherapien lindern. Das kann ein nicht zu unterschätzender Gewinn an Lebensqualität sein.

So lässt sich also mit Fug und Recht behaupten, dass pflanzliche Heilmittel eine bedeutende Stellung einnehmen in der Behandlung unterschiedlichster Leiden. Zu beachten ist jedoch, dass es ganz unterschiedliche Zubereitungen aus Pflanzen gibt, die als Heilmittel angepriesen werden. Phytotherapeutika müssen grundsätzlich die gleichen Kriterien erfüllen wie die chemisch-synthetischen Medikamente. Das heisst: Ihre Wirksamkeit muss in kontrollierten Studien an Patienten belegt werden. Das ist nötig, weil bei der Anwendung eines Heilmittels sonst nie geklärt werden kann, ob der Organismus auch von selber wieder gesund geworden wäre (der grösste Teil aller Beschwerden und Krankheiten heilt “von selbst”) und wie gross der (immer mitspielende) Placebo-Effekt ist. So fehlen beispielsweise erfolgreiche kontrollierte Studien bisher für Bachblüten und Spagyrik. Beide Methoden gewinnen ihre Heilmittel auch aus Pflanzen und es gibt jeweils Menschen, die überzeugt sind von ihrer Wirkung. Die Frage, wie weit es sich dabei um einen Placebo-Effekt, um ein Selbstheilungsphänomen oder um eine spezifische Wirkung des Präparates handelt, bleibt dabei allerdings offen. Es ist wichtig, solche Differenzierungen zu machen und nicht alles in einen Topf zu werfen, was pflanzlicher Herkunft ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Wer sich fundiert mit verschiedenen Anwendungsformen pflanzlicher Heilmittel auseinandersetzen möchte, findet dazu auf www.phytotherapie-seminare.ch ein vielfältiges Angebot an Ausbildungen, Kursen und Exkursionen für Laien oder Personen aus Gesundheitsberufen, ein Heilpflanzen-Infoportal und eine grosse Bildergalerie.

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Heilpflanzen und Bergblumen auf dem Flimserstein

Am Wochenende von 8. – 10. August 2008 findet für dieses Jahr meine letzte Exkursion in der Natur statt.
Vorgesehen ist eine Bergwanderung über den Flimserstein, wozu uns die Bergbahn auf den Cassons bringt (2700 m ü.M.). Dort erwartet uns nicht nur ein eindrückliches Panorama und die geologisch interessante “Glarner Überschiebung”, sondern auch eine aussergewöhnliche Vielfalt an hochalpinen Polsterpflanzen – den Überlebenskünstlern der Bergwelt. Der Flimserstein verwöhnt uns mit einem grossartigen Bouquet von Alpenblumen. Mit etwas Glück zeigen sich auch Schneefinken, Steinadler oder andere Bergvögel. Die Tour endet in Bargis, von wo uns das Postauto zurückbringt.
Eine Wanderung führt uns ausserdem zum einzigartigen, smaragdgrün schillernden Crestasee, der mitten im Wald liegt (siehe Bildergalerie). Hier lassen sich oft Libellen beobachten und auf den Matten und an den Waldrändern fliegen zu dieser Jahreszeit besonders viele Schmetterlinge. Am Crestasee besteht die Gelegenheit für ein paar Schwimmzüge und eine kurze Erfrischung im Gasthaus.
Flimserstein und Crestasee sind beides faszinierende Landschaften mit reichhaltiger Tier- und Pflanzenwelt.
An diesem Wochenende werden Sie mit der Natur in ihren vielfältigen Facetten vertraut. Sie hören faszinierende Geschichten über die Bedeutung der Pflanzen im Volks- und Aberglauben, genauso wie auch neue Erkenntnisse der Heilpflanzenkunde. Sie lernen viele Pflanzen kennen, aber auch wunderschöne, farbenprächtige Schmetterlinge. Sie werden viele kleine und grosse Naturschönheiten entdecken, die Sie bisher nicht gekannt oder übersehen haben.
Mehr Infos über die Heilpflanzen- und Alpenblumen-Exkursion in Flims finden Sie auf www.phytotherapie-seminare.ch im Kurskalender und in der Bildergalerie.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Leiter von Heilpflanzen-Exkursionen seit 1986.

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Von krummen und geraden Wegen…..

Letzte Woche leitete ich den Kurs “Heilpflanzen und Alpenblumen” in Lenk im Simmental – einer Region mit ausgesprochen reichhaltiger Pflanzenwelt und eindrücklichen Landschaften. Auf dem Anstieg zum “Hohberg” wanderten wir über einen alten Feldweg. Nun wurde seit dem letzten Sommer parallel zum alten etwas weiter oben im Hang ein neuer Feldweg gebaut. Interessant war es nun, die beiden Wege zu vergleichen. Während der alte Weg sich mit einigen Krümmungen durch die Weide schlängelt und sich dem Gelände anpasst, verläuft der neue Weg viel gerader. Auch passt sich dieser Weg kaum der Landschaft an – im Gegenteil: das Terrain wurde mit Baumaschinen dem Weg angepasst.
Mir scheint, hier drückt sich ein sehr starkes Ideal unserer Kultur aus: Erstrebenswert ist immer der gerade Weg, die direkte, schnellste und ebenste Verbindung zwischen zwei Punkten, ein Weg, der unserer Fortbewegung möglichst wenig Widerstand bietet. Ich will nun nicht in Gejammer ausbrechen. Gerade und schnelle Wege haben ihre Vorteile, die ich durchaus zu schätzen weiss. Ich bin mir aber auch sehr sicher, dass wir für dieses oft starre Ideal des direktesten Weges einen nicht geringen Preis zahlen. Ein verwinkelter, unebener Weg, der uns da und dort Widerstand bietet, ermöglicht dadurch auch intensiveren Kontakt mit einer Landschaft. Dieser Kontakt geht mehr und mehr verloren auf direkten, schnellen und topfebenen Wegen. Wir gewinnen an Schnelligkeit, verlieren aber dabei quasi an Bodenhaftung. Das kann meines Erachtens Konsequenzen haben bis in den Bereich der Gesundheit. Jedes Lebewesen braucht nämlich ein gewisses Mass an Widerstand, um fit zu bleiben.

Dass es Alternativen zum Ideal des Direkten und Glatten gibt, zeigt das altchinesische Denken. Dort wurde der Umweg und der indirekte Zugang besonders geschätzt. In altchinesischen Gärten sind Wege und Bücken oft im Zickzack angelegt. Das zwingt die Spazierenden zu Langsamkeit und zu Richtungswechseln, die immer wieder neue Perspektiven eröffnen. Ausserdem können einem Geister auf Zickzackwegen schlechter folgen, weil sie nur geradeaus gehen können…..

Bei uns zeigt sich das Ideal des Direkten und Glatten nicht nur im Weg- und Strassenbau. Auch beim Erwerb von Wissen scheint es mir stark präsent zu sein. Auch lernen soll möglichst direkt, schnell, ohne Friktionen, Umwege und unnötige Anstrengungen geschehen. Möglicherweise zahlen wir auch hier einen Preis, denn Umwege und Brüche sind oft wichtige Aspekte für die Entwicklung der Persönlichkeit. Und an Widerständen wachsen wir.

Wenn beispielsweise die Schulleitung einer Ausbildungsstätte für Naturheilkunde die Ansicht vertritt, die Studierenden könnten Heilpflanzen ja im Botanischen Garten kennenlernen, dazu brauche es doch keine Exkursionen in die Natur, dann drückt sich in einer solchen Haltung genau dieses Ideal des Direkten & Glatten aus. Im Botanischen Garten sind die Heilpflanzen für die BesucherInnen quasi vorpräpariert. Sie “warten” schön geordnet nach Anwendungsbereichen und mit Namensschildern versehen darauf, “konsumiert” zu werden. Das geht glatt, effizient, direkt und mühelos vonstatten. Sehr fraglich bleibt dabei allerdings, ob sich so überhaupt eine Beziehung zu den Heilpflanzen knüpfen lässt. Dazu müsste man meines Erachtens nämlich – sorry für den unanständigen Ausdruck – ein wenig “den Arsch lupfen” und ein bisschen Zeit und Energie aufwenden, um die Heilpflanzen in ihren Lebensräumen zu besuchen. Beziehung gibt es nicht “gratis” – auch nicht zu Heilpflanzen. Dort, in ihren Lebensräumen, stehen die Heilpflanzen nicht schon gruppiert und angeschrieben herum, sondern immer wieder in überraschenden Konstellationen und zusammen mit ihren Nachbarn aus der Pflanzen- und Tierwelt. Für solche Besuche muss man sich vielleicht manchmal auch ein bisschen körperlich anstrengen und sich Wind und Wetter aussetzen. Aber um wieviel bereichernder ist eine solche (Beziehungs-) Erfahrung doch verglichen mit dem “Konsum” im Botanischen Garten (nichts gegen Botanische Gärten!) Das ist ein Unterschied wie zwischen einer Fast-Food-Mahlzeit und einem Gourmet-Dinner. Wer Heilpflanzen nur im Botanischen Garten kennenlernen will, könnte sich ja auch auf das Betrachten eines schönen Bildbandes beschränken, so gross ist der Unterschied dann nicht mehr, oder auf Fotos im Internet (ich empfehle meine Heilpflanzen-Bildergalerie …..). Dann leben wir schlussendlich in einer vollkommen glatten, mühelosen, wettersicheren, aber auch sterilen, beziehungslosen und virtuellen Welt. Das ist meines Erachtens keine wünschenswerte Entwicklung. Als Antidot (Gegenmittel) würde ich empfehlen: Rausgehen und Kontakt aufnehmen mit den Heilpflanzen und ihrem Lebensraum in der realen Natur. Ich selber schätze für diesen Zweck auch die Fortbewegung auf Bergwegen. Diese unebenen, verschlungenen Wege bringen starken Kontakt mit der Landschaft, wenn man dafür offen ist.
Gelegenheiten zu intensivem Naturkontakt und zu “Weg-Erfahrungen” finden Sie auch in meinen Heilpflanzen-Exkursionen

Selbst den Bereich der Erotik könnte das Ideal des Direkten und Glatten beeinflussen, lebt doch die Erotik wesentlich vom Indirekten, von der Andeutung. Im Modus des Direkten verflüchtigt sich die Erotik. Mehr zum Thema Erotik und erotische Berührung im soeben erschienenen Buch “Phänomen Haut”, das Sie auf www.phytotherapie-seminare.ch unter “Publikationen” anschauen und bestellen können.

Zusammenfassend denke ich, wir sollten das Direkte, Klare, Schnelle und Glatte durchaus nutzen und auch schätzen. Aber wir sollten auch immer wieder bewusst Erfahrungen mit dem Indirekten, Krummen und Unebenen suchen.

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Himbeerblätter zur Erleichterung der Geburt?

Im Bereich der Naturheilkunde schwirren unzählige Aussagen, Behauptungen und Versprechungen herum, die ungeprüft abgeschrieben und weiter erzählt werden. Ein Beispiel dafür ist die Empfehlung, Himbeerblättertee erleichtere die Geburt. Kaum ein Naturheilkunde-Führer für Frauen, der diesen Tipp nicht kolportiert. Auch viele Hebammen geben diesen Rat – ohne genauer nachzufragen – als gesicherte Erkenntnis weiter.
Dabei gibt es beim Thema Himbeerblätter zur Geburtserleichterung fast nur offene Fragen. Unklar ist nur schon die Quelle dieser Information. Wer hat sie in die Welt gesetzt, mit welcher Begründung, aufgrund welcher Beobachtungen oder Überlegungen? Antworten auf solche Fragen wären zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit dieser Versprechung zentral.
Fragt man genauer nach, wie denn diese Geburtserleichterung durch Himbeerblättertee zustande kommen soll, dann bekommt man unterschiedliche Antworten: Himbeerblätter sollen das Bindegewebe weich machen. Auf welchem Weg das geschehen soll, bleibt schleierhaft. Und schwer vorstellbar ist zudem, dass Himbeerblätter selektiv nur Bindegewebe in Bereich der Gebärmutter erweichen sollen. Würde Bindegewebe aber generell erweicht, müsste auch verstärkt mit der Entwicklung von Cellulite oder Krampfadern gerechnet werden.
Manchmal hört man auch, die Bänder im Bereich der Gebärmutter würden durch Himbeerblätter gelockert. Wieder selektiv nur diese Bänder? – Oder besteht das Risiko, dass auch Gelenke “schlotterig” werden? – Damit klar ist: Ich sehe bei der Anwendung von Himbeerblättertee kein erkennbares Risiko. Wer aber von solchen “Lockerungen” zur Geburtserleichterung überzeugt ist und sie propagiert, müsste sich mit solchen Fragen ernsthaft auseinandersetzten.
Schaden wird der Himberblättertee kaum. Für eine Wirksamkeit zur Geburtserleichterung gibt es allerdings in der gesamten Phytotherapie-Fachliteratur keinerlei Hinweise. Und es sind auch keine Wirkstoffe in Himbeerblättern bekannt, die einen solchen Effekt auslösen könnten. Es ist überhaupt schwer vorstellbar, was das für ein Wirkstoff denn sein könnte. Ebenso wenig findet sich diese Empfehlung in den Angaben der traditionellen Pflanzenheilkunde. Die Himbeerblätter werden weniger zu den Heilpflanzen gezählt und eher als Genusstee betrachtet.
Auch aus der “Erfahrung” lässt sich eine günstige Wirkung auf den Geburtsvorgang nicht ableiten, weil bei jeder individuellen Anwendung von Himbeerblättertee nie geklärt werden kann, wie denn die Geburt ohne diese Teekur verlaufen wäre.
Nun kann man natürlich sagen: Falls der Himbeerblättertee nichts nützt, dann schadet er jedenfalls nichts – und so kann man denn als Hebamme, KursleiterIn oder AutorIn den Tee empfehlen – und ausserdem wird er der Schwangeren Zuversicht geben, dass es schon gut kommt mit der Geburt, was auch nicht gering zu schätzen ist.
Andererseits finde ich aber, dass es gerade für Fachleute auch eine Frage der Glaubwürdigkeit ist, ob sie eine Empfehlung kritisch prüfen, bevor sie diese weitergeben. Blindes Nachplappern jedenfalls macht nicht gerade einen kompetenten Eindruck.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

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Curcumin gegen Krebs?

Der Zürcher Ex-Nationalrat Roland Wiederkehr propagiert Curcumin als Heilmittel gegen Krebs. Die Substanz stammt aus der seit langem bekannten Gewürz- und Heilpflanze Gelbwurz (Curcuma longa und Curcuma xanthorrhiza). Gelbwurz ist ein Bestandteil der Curry-Mischung und für deren gelbe Farbe verantwortlich. Durch Artikel im “Tages-Anzeiger” vom 8. und 16. Juli 2008 sowie durch die Diskussion in der Fernsehsendung “Club” vom 15. Juli auf SF 1 ist die Curcumin-Kampagne von Roland Wiederkehr zum Gespräch geworden. Roland Wiederkehr hat sich als Gründer von Road Cross, der früheren Vereinigung der Opfer von Strassenunfällen, sehr für die Sicherheit im Strassenverkehr verdient gemacht. Mit seiner Curcumin-Propaganda verrennt er sich meiner Ansicht nach aber einseitig auf einem Holzweg.

Curcumin gehört tatsächlich in den letzten 10 Jahren zu den am intensivsten wissenschaftlich untersuchten Naturstoffen. Unter anderem besitzt es antioxidative Eigenschaften. Es fängt also aggressive Sauerstoffradikale im Körper ab, die mit der Entstehung von Tumorerkrankungen in Zusammenhang gebracht werden. Dazu muss allerdings gesagt werden: Im Labor lässt sich mit Experimenten “in-vitro” (im Reagenzglas) sehr schnell und billig nachweisen, ob eine Substanz antioxidativ wirkt. Solche Untersuchungen werden daher auch in grossem Stil gemacht. Als antioxidativ hochwirksam zeigten sich bestimmte Flavonoide (in Obst und Gemüse), Chlorophylle (in Blattgemüse), Anthozyane (Farbstoffe in Beeren wie Heidelbeere oder Schwarze Johannisbeere), Catechine (im Grüntee) und eben auch Curcumin aus der Gelbwurz.
Der grosse Nachteil solcher Laborexperimente ist, dass sie keine Informationen darüber liefern, ob diese Verbindungen auch im Menschen wirksam sind. Mit einigen dieser Substanzen wurden auch Tierexperimente durchgeführt. Eine Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen ist aber aufgrund der hohen Dosierungen, die meist verwendet wurden, kaum möglich. Bei der Maus zeigten sich antioxidative Effekte eine Stunde nach oraler Verabreichung von 500 mg Curcumin pro Kilogramm Körpergewicht. (Schneider u.a., Arzneidrogen, Spektrum Verlag 2004). Macht auf den Menschen umgerechnet bei 80kg Körpergewicht die ziemlich absurde Menge von 40g reines Curcumin. Und das dann vielleicht noch alle paar Stunden?
Für eine Aussage über Wirksamkeiten beim Menschen wären aufwendige klinische Studien mit kranken Personen nötig.
Einen speziellen und inzwischen gut akzeptierten Ansatz, um antioxidative Effekte direkt beim Menschen nachzuweisen, verfolgen Univ. Prof. Dr. Siegfried Knasmüller und Mag. Franziska Ferk am Institut für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien. Das Comet Assay Verfahren gibt Auskunft über das Ausmass oxidativer Schäden im Organismus. Dabei werden Interventionsstudien gemacht, bei denen gesunde Probanden über einen bestimmten Zeitraum hinweg Nahrungsmittel konsumieren. Durch Vergleiche der Schäden vor und nach der Intervention ist es möglich, Schutzeffekte festzustellen. Knasmüller & Ferk schreiben dazu: “ Wir verwenden diese Methode nun bereits seit einigen Jahren und haben einige durchwegs unerwartete und teilweise Aufsehen erregende Befunde erhalten. Beispielweise zeigte sich, dass der Konsum von Kaffee (600ml/Person/Tag) einen deutlichen Schutz bewirkt. Mit einem Gewürz (Sumach), das in orientalischen Ländern weit verbreitet ist, fanden wir ebenfalls sehr deutliche antioxidative Effekte (Konsum von 3g/P/T). Weiteres war es möglich, als aktive Wirksubstanz eine kleinmolekulare phenolische Verbindung zu charakterisieren. Dieselbe Menge (berechnet auf das Körpergewicht) reichte aus, um in Laborratten in inneren Organen vor oxdidativen Schäden, die durch radioaktive Strahlung ausgelöst wurde, zu schützen.” (MMA, krebs:hilfe! 04/2006). Unter dem Titel: “ Ernüchterung bei großmolekularen Verbindungen” schreiben die Autoren weiter: “ Ernüchternd hingegen sind die Ergebnisse, die mit den “besten” In-vitro-Antioxdantien erhalten wurden: Weder Anthozyane noch Chlorophylle, Cucurmin und Catechine bewirken im Körperinneren deutliche Schutzeffekte. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass diese großmolekularen Verbindungen bei der Verdauung kaum aufgenommen werden, daher ist lediglich im Darmbereich mit Schutzeffekten zu rechnen. Nichtsdestotrotz werden auch derzeit noch zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel mit angeblich antioxidativen Eigenschaften vermarktet, ohne dass deren Wirksamkeit bei Menschen nachgewiesen wurde. Eine neue EU-Direktive schreibt vor, dass “health claims” (“Gesundheitsansprüche”) von Nahrungsmitteln und Supplementen nur dann zulässigerweise gemacht werden können, wenn diese durch entsprechende wissenschaftliche Befunde begründet werden.”

Solche Ergebnisse werden von den Curcumin-Propagandisten offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Sie müssten aber mitdiskutiert und mitberücksichtigt werden.
Wer die Phytotherapie-Fachliteratur zu antioxidativen Heilpflanzen wie Curcuma konsultiert, stellt zudem rasch fest, das die Situation gar nicht so eindeutig ist, wie die Curcumin-Propagandisten es darstellen. So schreiben zum Beispiel die sehr fundierten Hänsel & Sticher in “Pharmakognosie – Phytopharmazie” (Springer 2007): “Curcumin.. ist ein Hemmstoff verschiedener Enzyme, Proteine, Faktoren und Signaltransduktionswege, die mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang stehen.” Es steht dort aber auch: “Ob es sich bei den bisherigen positiven Resultaten um eine Überbewertung von Laborstudien handelt….oder ob daraus klinisch relevante Wirkungen abgeleitet werden können, ist zurzeit schwierig zu beurteilen, das kann erst in klinischen Studien nachgewiesen werden.”
Schilcher, Kammerer und Wegener schreiben im Standardwerk “Leitfaden Phytotherapie” (Urban & Fischer 2007) zur Heilpflanze Curcuma: “Die Wirkstoffe sind in einer Teezubereitung in überraschend hoher Konzentration enthalten.” – Fragt sich nur, ob sie über den Verdauungstrakt auch aufgenommen werden. Hänsel & Sticher dazu: “Die Bioverfügbarkeit von Curcumin nach oraler Verabreichung ist sehr gering.” Auch Schneider u. a. (2004) schreiben, dass Curcumin über den Verdauungstrakt schlecht aufgenommen und überwiegend mit dem Stuhl ausgeschieden wird.
Warum hört man von den Curcumin-Propagandisten davon nichts, obwohl sie selbstverständlich ihre Präparate über den Verdauungstrakt anwenden?
Bei Hänsel & Sticher (2007) wird noch auf epidemiologische Studien auf dem indischen Subkontinent verwiesen, wo Curcuma eine grosse Rolle in der täglichen Ernährung spielt: “Diese haben ergeben, dass in Indien Kolon-, Brust-, Prostata- und Lungenkarzinome im Gegensatz zu Europa und Amerika relativ wenig vorkommen”. Das ist den Inderinnen und Indern ja zu gönnen. Die dortige Bevölkerung und ihr Lebensstil unterscheiden sich allerdings an verschiedenen Punkten und nicht nur beim Curcumakonsum von europäischen und amerikanischen Verhältnissen. Falls diese Unterschiede aber doch mit Curcuma zusammenhängen, geht es dabei um einen sehr langfristigen vorbeugenden Effekt bei konstanter Einnahme von der Kindheit an. Damit lässt sich noch nicht im Ansatz eine therapeutische, krebsheilende Wirkung bei manifestem Tumor begründen und diese Therapie als sanfte Alternative zu Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie propagieren. Das schreibe ich ausdrücklich als Vertreter der Pflanzenheilkunde, weil ich überzeugt bin, dass wir nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Grenzen der Heilpflanzen diskutieren müssen. Zu einer allfälligen vorbeugenden Wirkung von Curcumin schreiben Schneider u.a. (2004): “Bei der Maus wird durch 1% Curcumapulver im Futter die Ausbildung von induziertem Magenkrebs (Benzpyren, Dimethylbenzanthracen) und spontanem Gebärmutterkrebs um 58% bzw. 60% gehemmt.”

Schilcher / Kammerer / Wegener (2007) fassen meines Erachtens sehr differenziert zusammen: “Trotz der zahlreichen positiven Ergebnisse aus der experimentellen Forschung lassen sich spezifische Indikationen in der Tumortherapie für Curcumawurzelstock oder Curcuminoide noch nicht ableiten, da bisher nur klinische Pilotstudien, jedoch noch keine echten klinischen Studien bekannt sind….Hinsichtlich der Verträglichkeit wurden in den klinischen Pilotstudien hohe Dosierungen bis zu 8 – 10 g tägl. ohne relevante Nebenwirkungen gut vertragen. Ein supportiver Einsatz könnte daher zwar möglich sein, jedoch nur dann, wenn die Therapie engmaschig kontrolliert würde.” (supportiv = unterstützend neben einer sonstigen angemessenen Tumortherapie, M.K.)

Soweit zum Stand des Fachwissens bezüglich Curcumin in der Phytotherapie. Nur schon diese kurze Auslegeordnung zeigt, dass die Lage sehr viel widersprüchlicher ist, als es von Roland Wiederkehr und anderen Curcumin-Propagandisten dargestellt wird. Die erwähnten Fachbücher sind im Buchshop auf dieser Website genauer vorgestellt und können dort auch erworben werden.

Darüber hinaus wirft die Curcumin-Kampagne aber noch weitere Fragen auf:

Mir fällt immer wieder auf, dass viele VertreterInnen der Naturheilkunde zwar bei der “Schulmedizin” alle Forschungsergebnisse stark in Frage stellen, die im Reagenzglas, im Tierexperiment und mit isolierten Substanzen gemacht werden. Sobald es aber Wasser auf die eigenen Mühlen leitet, werden solche Ergebnisse fraglos zur Verbesserung der eigenen Position ins Feld geführt. Oft allerdings ohne dass die Herkunft der Ergebnisse aus dem Labor oder aus Tierversuchen transparent gemacht wird. Das ist ein eklatanter Widerspruch. Auch die Curcumin-Kampagne deckt nicht voll auf, wie sehr sie sich auf solche Labor- und Tierexperimente mit beschränkter Aussagekraft stützt.

Im “Tages-Anzeiger” vom 8. Juli 2008 wird Roland Wiederkehr mit der Aussage zitiert: “Alles, was mit Naturstoffen zu tun hat, wird bei uns verboten”. Das ist ganz einfach nicht wahr. Natürlich gibt es immer wieder behördliche Einschränkungen und darüber kann man im Einzelfall aus fachlicher Sicht unterschiedlicher Meinung sein. Tatsache ist aber auch: Heilpflanzen-Extrakte, deren Wirksamkeit und Sicherheit in klinischen Studien belegt sind, werden sehr wohl zugelassen. Die am besten dokumentierten Präparate der Phytotherapie werden sogar von der Krankenkasse über die Grundversicherung bezahlt, wenn sie ärztlich verschrieben werden. So beispielsweise bei Heilpflanzen-Extrakten aus Ginkgo, Johanniskraut, Sabal, Artischocke, Baldrian, Weissdorn und vielen anderen mehr.
Selbst in der schulmedizinischen Tumortherapie werden durchaus Naturstoffe eingesetzt, beispielsweise Taxol aus der Pazifischen Eibe oder Vinca-Alkaloide aus einer Immergrün-Art (Vinca rosea). Das sind dann allerdings auch Giftpflanzen, die in der Tumorbehandlung auch unerwünschte Nebenwirkungen haben.
Auch mit dieser oben zitierten Aussage stellt Roland Wiederkehr meines Erachtens die Situation sehr einseitig und von “Lager-Denken” geprägt dar. Gefragt und angemessen wäre aber eine viel differenziertere und weniger polarisierte Betrachtungsweise. Vor allem, wenn es um eine so schwierige und komplexe Thematik wie Krebs geht. Chemotherapien, Operationen und Strahlenbehandlungen in der Tumortherapie sind oft belastend. Es ist so einfach, hier Hoffnungen zu wecken und Betroffenen eine (scheinbare) Alternative zu bieten. Gerade weil das so simpel ist, müssen die Anforderungen an solche Heilungsempfehlungen so strikt sein.

Sehr blind scheint mir auch, wenn Roland Wiederkehr im Tages-Anzeiger” vom 8. Juli und im “Club” auf SF 1 seinen Freund Bruno A. als Beispiel für eine Heilung durch die von ihm propagierte Zelltherapie mit (unter anderem) Curcumin präsentiert, nachdem dieser eine schulmedizinische Therapie mit Operationen und einigen Bestrahlungen durchgemacht hat. Da müsste mindestens in Erwägung gezogen werden, dass der Patient auch schon mit den Operationen geheilt worden sein könnte.

Dass Curcumin dann auch gleich noch unzählige andere Krankheiten wie AIDS, Arthritis, cystische Fibrose, , Arteriosklerose, Alzheimer etc. heilen soll, macht die Kampagne vollends unglaubwürdig. Das Märchen vom Allheilmittel, mit dem sich alle Krankheiten besiegen lassen, ist zwar uralt und wird in immer neuen Varianten wieder aufgefrischt, weil es offenbar so dringend benötigt wird. Sehr realistische ist es aber nicht, dass jemals ein solches Universalheilmittel gefunden wird. Das bleibt wohl leider ein schöner Wunschtraum.

Erstaunlich ist zudem immer wieder, dass offenbar viele Leute davon ausgehen, im Bereich der Pflanzenheilkunde brauche es keine fundiertere, längerfristige, breitere Auseinandersetzung mit den Grundlagen – oder gar eine Ausbildung – und sehr punktuell auf ein scheinbares Wundermittel aufspringen. Zum Thema Pflanzenheilkunde kann offenbar jede und jeder als Experte mitreden…..

Alles in allem wäre meine Bitte, dass sich Roland Wiederkehr doch besser wieder um Strassenverkehrsopfer kümmern soll. Für dieses Engagement bin ich ihm nämlich sehr dankbar.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Pflanzenheilkunde: Woran Sie fragwürdige Aussagen erkennen könnennnen

Pflanzenheilkunde findet erfreulicherweise zunehmend Interesse. Dadurch werden wir jedoch auch überschwemmt mit Ratschlägen, Versprechungen und Behauptungen zu diesem Thema. Im Gebiet der Naturheilkunde fehlt es weit gehend an Qualitätskontrolle – bei Therapeutinnen und Therapeuten, im Bereich der Ausbildungsinstitute, aber auch bei Apotheken und Drogerien. Papier ist sowieso geduldig. Gedruckt wird praktisch alles, was sich verkaufen lässt. Und im Internet findet sich neben hochwertiger Information auch jede Menge Schrott. Konsumentinnen und Konsumenten sind darum zum grossen Teil auf sich allein gestellt, wenn sie sich in diesem Dschungel eine eigene Meinung bilden wollen. Sie finden hier 14 Punkte, die zur Orientierung und Klärung beitragen können – und das nicht nur in der Pflanzenheilkunde.

1. Quellenangaben verlangen
Wenn Sie Ratschläge, Versprechungen oder Behauptungen auf Glaubwürdigkeit prüfen wollen, verlangen Sie konsequent Quellenangaben: Wer hat was, wann und wo gesagt oder geschrieben?

2. Begründungen verlangen
Akzeptieren Sie keine reinen Behauptungen. Verlangen Sie Begründungen. Auf Grund welcher Erfahrungen, Beobachtungen oder Überlegungen kommt jemand zu einer Aussage?
Wenn Sie Quelle und Begründungen kennen, lässt sich die Glaubwürdigkeit einer Behauptung eher einschätzen.
Skepsis ist angebracht, wenn Begründungen durch Schlagworte ersetzt werden. Ein oft gehörtes Beispiel dafür ist der Spruch: “Wer heilt hat recht!” – Er fegt scheinbar die Notwendigkeit von plausiblen Begründungen vom Tisch. Ausgeklammert bleibt dabei, ob die Heilung spezifisch mit der Therapie zusammenhängt, oder ob sie auf die Selbstheilungskräfte des Organismus zurück zu führen ist, oder auf den Placebo-Effekt, der bei jeder Behandlung mitbeteiligt ist.

3. Verständlichkeit verlangen
Verlangen Sie verständliche Begründungen. Erstarren Sie nicht vor Ehrfurcht, wenn Sie eine Erklärung nicht verstehen. Unverständlichkeit wird manchmal als Folge besonders tief greifender oder gar höherer Erkenntnis aufgefasst. Genauso gut kann sie aber ein Ergebnis wirrer Gedankengänge sein.

4. Bestätigung durch Fachwelt
Steht die zu prüfende Behauptung isoliert da oder wird sie von anderen Fachleuten oder Büchern geteilt? Zwar wird eine Meinung nicht unbedingt wahr dadurch, dass Sie von zahlreichen Personen geteilt wird – auch viele können sich irren. Von einer isoliert dastehenden Behauptung müssen jedoch besonders plausible Gründe verlangt werden. Die Glaubwürdigkeit einer Aussage steigt dagegen, wenn sie die kritische Diskussion in der Fachwelt “überlebt” hat.

5. Suspekte Heilungsgarantien
Vorsicht bei absoluten Heilungsversprechen, die zum beispielsweise mit “immer” oder “nie mehr” daher kommen. Menschliche Gesundheit und Krankheit sind viel zu komplex, als dass Garantien abgegeben werden könnten. Wer dies trotzdem tut, gehört wohl zu den “terrible simplificateurs”, den “schrecklichen Vereinfachern”.

6. Feindbilder meiden!
Wie in anderen Bereichen der Komplementärmedizin auch, gibt es in der Pflanzenheilkunde nicht wenige Leute, die Sie mit ihren eigenen Feindbildern gegen die “Schulmedizin” abfüllen wollen. Man erkennt solche Personen an ihrem Schwarz-Weiss-Denken: Hier die gute, lebens- und menschenfreundliche Naturheilkunde, dort die schädliche, menschenverachtende Medizin. Notwendig wäre dagegen eine kritisch-differenzierte Auseinandersetzung mit Medizin und Naturheilkunde. Wer nur kritisch gegenüber der sogenannten “Schulmedizin” auftritt, in der Naturheilkunde aber blauäugig alles wunderbar findet, ist nicht wirklich kritisch, sondern nur verhaftet in den eigenen Feindbildern.

7. Werden Misserfolge, unerwünschte Nebenwirkungen und Grenzen thematisiert?
Wer nur von Heilerfolgen redet oder schreibt, nie jedoch von Misserfolgen und Grenzen der eigenen Methoden, der blendet einen wichtigen Bereich der Realität aus. Es ist aussergesprochen unwahrscheinlich, dass es jemals eine Heilmethode gab oder geben wird, die weder Misserfolge noch Grenzen kennt.
Fragwürdig ist auch, wenn zum Beispiel in einem Heilpflanzenbuch nur von wunderbaren Heilwirkungen, nie aber von unerwünschten Nebenwirkungen die Rede ist. Es spricht viel dafür, dass, was therapeutische Wirkung entfaltet, auch unerwünschte Nebenwirkungen zeigen kann. Das gilt auch für Behandlungen mit Heilpflanzen.

8. Arbeitsteiliges Wissen bevorzugen
Vorsicht ist angebracht, wenn ein einzelner Mensch ein scheinbar geniales, aber durch andere unüberprüfbares Heilsystem aus dem Hut zaubert. Daraus entsteht oft die Grundlage für ein Guru-System. Solche Angaben kann man nur glauben oder nicht. Arbeitsteilig in kleinen Schritten gewonnene Erkenntnisse dagegen sind zwar viel weniger spektakulär, stehen dafür aber auf sichererem Fundament. Ein einzelner Mensch ist anfälliger für Irrtum und (Selbst-)Täuschung. Narzissmus und Selbstüberschätzung können beispielsweise dazu verführen, eigene Deutungen der Pflanzen für allgemeingültig zu erklären, statt klar zu stellen, dass es sich um Interpretationen handelt

9. Vorsicht bei grossen Versprechungen
Je grösser die Versprechungen, desto mehr Belege sind zu fordern! Achten Sie auf Leute mit Grössenphantasien. Charakteristisch für solche Personen ist, dass sie sich und ihren Methoden grundsätzlich alles zutrauen. Das äussert sich zum Beispiel in Sprüchen wie: “Gegen jede Krankheit ist ein Kräutchen gewachsen” oder “Die Schulmedizin behandelt nur Symptome, wir dagegen behandeln die Ursachen”. Letzteres trieft vor Arroganz, ist doch das Finden der letztendlichen Ursachen einer Krankheit ein äusserst schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen.

10. Diffuse Begriffe in Frage stellen!
In der Pflanzenheilkunde gibt es eine “Szene”, die mit äusserst vagen Begriffen operiert und damit viele Leute einnebelt. So wird zum Beispiel gern vom “Wesen der Pflanzen” gesprochen, das erkannt werden müsse, wenn Heilpflanzen erfolgreich angewendet werden sollen. Der bedeutungsschwer tönende Begriff vom “Wesen der Pflanzen” bleibt aber weitestgehend ungeklärt. So kann jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen damit verbinden. Werden diese nie thematisiert, reden die beteiligten Personen vollkommen aneinander vorbei, während sie zugleich glauben, sie würden sich gut verstehen. Unter dem Etikett des “Wesens” der Pflanzen werden dann eigene Deutungen als allgemein gültig verkauft. Anstelle eines sorgfältigen “so sehe ich diese Pflanze” gilt dann ein dogmatisierendes “so ist diese Pflanze”.

11. Transparenz verlangen!
Akzeptieren Sie es nicht, wenn Ihnen die Zusammensetzung eines Heilmittels, einer Teemischung oder eines anderen Präparates, verschwiegen wird. Mündige und aufgeklärte Patientinnen und Patienten wissen, was sie einnehmen.

12. Popularität ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit Qualität
Lassen Sie sich nicht täuschen von hohen Buchauflagen und grosser Bekanntheit. Beides entsteht hauptsächlich, wenn ein Buch oder ein Mensch Bedürfnisse weiter Kreise bedient. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die vertretenen Ansichten richtig und die Behandlung wirksam sein muss. Oder halten Sie McDonalds qualitativ für das beste Restaurant? Cola für das wertvollste Getränk?

13. Vorsicht bei Heilungsgeschichten
Bleiben Sie skeptisch bei überschwänglichen Heilungsgeschichten. Dabei werden oft Placebo-Effekte und Selbstheilungsvorgänge ausgeblendet.

14. “Erfahrung” reicht nicht als Begründung
Oft werden Ratschläge und Heilungsversprechungen nur begründet mit Aussagen wie: “Es wirkt doch, ich habe es selbst erlebt”. Dieser simple Rückgriff auf “Erfahrung” ist naiv, weil es keine reine Erfahrung geben kann, die uns unmittelbar etwas sagt. Wir kommen nur mit bereits (durch uns) wahrgenommener und interpretierter Erfahrung in Kontakt. Und jede Erfahrung ist bereits durch unsere vorgängigen Theorien und Überzeugungen beeinflusst. Erfahrung allein zählt zudem nicht, man muss auch aus ihr gelernt haben. Dazu braucht es Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen, Vergleiche mit den Erfahrungen anderer Leute in ähnlichen Situationen etc.

Diese 14 Punkte garantieren nicht, dass Sie sicher die Spreu vom Weizen trennen können. Sie schärfen aber die Wahrnehmung für Qualitätsunterschiede. Lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen! Prüfen Sie Behauptungen, Meinungen und Versprechungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung!

Naturheilkunde boomt. Gleichzeitig mit diesem Höhenflug zeigen sich aber auch je länger desto deutlicher die gravierenden Probleme in diesem faszinierenden Bereich. Nach über 25jähriger Tätigkeit in der Naturheilkunde vermisse ich immer stärker eine selbstkritische Auseinandersetzung. In naturheilkundlichen Büchern, Seminaren und Ausbildungen werden Behauptungen und Heilungsversprechungen in grosser Zahl in die Welt gesetzt. Dabei fehlt aber grossmehrheitlich jede sorgfältige Begründung. Meistens wird nur sehr diffus auf “positive Erfahrungen“ verwiesen. Und kritische Nachfragen werden oft mit “Totschlag-Argumenten” im Stile von “Wer heilt hat recht!” abgeblockt. So wird eine Schutzwand hochgezogen, hinter der man sich nicht mehr sorgfältig und selbstkritisch mit Argumenten und Begründungen auseinandersetzen muss. Mindestens vier fundamental wichtige Punkte werden dabei meines Erachtens oft ausgeblendet:
1. Der Placebo-Effekt.
Bei jeder Heilanwendung – sei sie nun phytotherapeutisch, homöopathisch, medizinisch oder was weiss ich auch immer sonst – ist mit einem Placebo-Effekt zu rechnen. Der Placebo-Effekt ist offenbar verbunden mit der Erwartungshaltung, die eine Behandlung auslöst. Wer einfach sagt: “Es wirkt!” und davon eine spezifische Wirksamkeit der Behandlung oder des angewandten Heilmittels ableitet, verschliesst vor dem faszinierenden Phänomen “Placebo” die Augen.
2. Selbstheilung des Organismus.
Die Mehrheit der Beschwerden und Krankheiten heilen auch ohne Therapie. Wer ein Heilmittel anwendet und eine Besserung verspürt, kann daraus noch nicht auf die Wirksamkeit des Heilmittels schliessen. Wer das trotzdem tut, missachtet die Selbstheilungskräfte des Organismus. Es stellt sich also immer die Frage, wie der Krankheitsprozess ohne das angewandte Heilmittel verlaufen wäre.
3. Schwankender Verlauf bei chronischen Krankheiten.
Chronische Krankheiten haben oft einen stark schwankenden Verlauf mit einem charakteristischen Auf und Ab der Beschwerden. Neue Behandlungen kommen sehr oft an einem Tiefpunkt zum Einsatz. Die Chance auf eine nachfolgende Besserung ist dabei gross, doch kann anstelle der Therapie auch schlicht der normale Verlauf dafür verantwortlich sein, weil auf ein Tief eben in der Regel die (vorübergehende) Besserung folgt.
4. Erfahrung kann täuschen – und sie tut es oft!
Die reine Erfahrung, die uns direkt zeigt, wie die Welt wirklich ist, existiert so nicht. Wenn wir von Erfahrung reden, handelt es sich immer schon um von uns interpretierte Erfahrung. Jede Erfahrung, die wir machen, wird zudem durch unsere Überzeugungen und Theorien vorstrukturiert. Dazu kommt noch, dass unser Gedächtnis mit Erfahrungen selektiv umgeht: Es speichert diejenigen Erfahrungen, die mit unseren Überzeugungen übereinstimmen, wesentlich besser als Erfahrungen, die mit unseren Überzeugungen im Widerspruch stehen. Das sind alles Gründe dafür, dass wir uns sehr selbstkritisch mit unseren Erfahrungen auseinandersetzen müssen.

Meinem Eindruck nach steckt ein grosser Teil der Naturheilkunde-Szene vor diesen vier Punkten den Kopf in den Sand und vermeidet es dadurch, sich mit solchen Fragen ernsthaft auseinandersetzen zu müssen.
Ich bin dagegen mit Nachdruck der Ansicht, dass Naturheilkunde und Pflanzenheilkunde sich diesen vier Herausforderungen stellen sollten.
Ihnen als Leserin oder Leser empfehle ich, naturheilkundliche Bücher, Seminare, Ausbildungen, aber auch Therapeutinnen und Therapeuten daraufhin genau unter die Lupe zu nehmen, wie sie mit diesen vier Punkten umgehen.
Ich selber fühle mich demjenigen Teil der Phytotherapie / Pflanzenheilkunde zugehörig, der diese vier Herausforderungen annimmt und sich damit auseinandersetzt. Die engagierte Suche nach einer offen-selbstkritischen Grundhaltung prägt auch meine Arbeit als Dozent in Phytotherapie-Ausbildungen und Heilpflanzen-Seminaren. Im Buchshop auf dieser Website finden Sie zudem eine ganze Reihe von Pflanzenheilkunde-Büchern, die in diesem Geist geschrieben sind.

Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema:
Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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