Cannabis & Psychose-Risiko

Ein Cannabiskonsum von Teenagern geht, hauptsächlich wenn er früh einsetzt, mit einem vergrösserten Risiko auf eine nicht affektive Psychose einher. Dies zeigte eine prospektive Beobachtungsstudie die in den Archives of General Psychiatry (2010; doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2010.6) publiziert wurde. Sie untermauert eine in früheren Studien aufgefallene Assoziation, ohne dass sie die Kausalität beweisen kann.

Die Mater-University Study of Pregnancy begleitet 3 600 Kinder der Jahrgänge 1981 bis 1983 seit der Schwangerschaft ihrer Mütter. Inzwischen haben die Teilnehmenden das 21. Lebensjahr erreicht und die Hälfte davon hat schon einmal Cannabis konsumiert.

Fast jede/r sechste hatte vor dem 15. Geburtstag damit angefangen und dieser frühe Konsum ging vierfach häufiger mit gesteigerten Punktwerten in dem „Peters et al Delusions Inventory“ einher, der Wahnvorstellungen erfasst.

Und die Diagnose einer nicht affektiven Psychose (mit Halluzinationen) wurde bei diesen jungen Erwachsenen doppelt so oft wie bei Nicht-Konsumenten gestellt. Je später die Jugendlichen zu der auch in Australien verbotenen Droge griffen, desto geringer ausgeprägt war die Assoziation.

John McGrath vom Queensland Centre for Mental Health Research in Brisbane deutet diese Dosis-Wirkung-Beziehung als Hinweis auf eine Kausalität zwischen Cannabiskonsum und dem Auftreten der Psychose. Unterstrichen wird dieser Zusammenhang noch durch die Untersuchung von 228 Geschwisterpaaren, welche nach Ansicht McGraths den Einfluss von gemeinsamen genetischen und Umwelteinflüssen ausschließt.

Klar ist jedoch, dass eine Beobachtungsstudie nicht beweisen kann, dass der Cannabiskonsum die Ursache der Psychose ist oder sie begünstigt. Möglich bleibt immer eine reverse (umgekehrte) Kausalität, nach der Jugendliche mit einer beginnenden Psychose krankheitsbedingt eine zunehmende Affinität zur Droge entwickeln – so wie Patienten mit Schizophrenie sehr oft starke Raucher sind, ohne dass der Tabakkonsum ernsthaft als Auslöser für die Psychose diskutiert wird.

Zahlreiche Wissenschaftler sehen in der Schizophrenie eine genetisch bedingte Entwicklungsstörung des Gehirns, die sich oft während und nach der Pubertät manifestiert. Zu den möglichen Auslösern gehört das “Disrupted-in-Schizophrenia 1” oder DISC1-Gen, welches zuerst in einer schottischen Familie nachgewiesen wurde.

Die Forschergruppe um Akira Sawa von den Johns Hopkins Medical Institutions in Baltimore berichtete vor kurzem in Nature Neuroscience (2010; 13: 327-332), dass DISC1 die Bildung von Synapsen reguliert. Dies könnte ein Grund sein für das häufige Auftreten der Schizophrenie nach der Pubertät. Während dieser Entwicklungsphase werden nämlich besonders viele „Drähte“ im Gehirn neu verknüpft. Hirnforscher vergleichen dies übrigens mit dem Beschneiden von Ostbäumen („pruning“).
In „Neuron“ (2010; 65: 480-489) stellte die Forschergruppe vor kurzem auch ein Tiermodell vor, bei dem die Aktivität des DISC1-Gens in jeder Entwicklungsphase ausgeschaltet werden kann. Dies bewirkte in ersten Experimenten einen Dopaminmangel in präfrontalen Hirnregionen, was durchaus mit der Pathogenese der Schizophrenie vereinbar ist.

Quelle: www.aerzteblatt.de

Zu den Originalarbeiten:

http://archpsyc.ama-assn.org/cgi/reprint/2010.6v1.pdf

http://www.nature.com/neuro/journal/v13/n3/full/nn.2487.html

Kommentar & Ergänzung:

Cannabis ist in genau definierten Bereichen eine wirksame und nützliche Heilpflanze,  bspw. bei Spastik infolge von Multipler Sklerose.

Siehe dazu:

US-Studie: Hasch wirksam gegen Spastik bei Multipler Sklerose

Cannabis-Extrakt hilft Multiple-Sklerose-Kranken

Gleichzeitig liegt aber auch auf der Hand, dass Cannabis nicht einfach harmlos ist.

Die Anzeichen häufen sich, dass vor allem regelmässiger Cannabiskonsum in einem Alter, in dem das Gehirn noch nicht ausgereift ist, negative Folgen haben könnte.

Dieser Artikel im Ärzteblatt ist dafür eine weiterer Hinweis, auch wenn zurecht erwähnt wird, dass die Ursache-Wirkungs-Beziehung auch umgekehrt sein könnte: eine sich anbahnende Psychose würde dann den Cannabiskonsum verstärken.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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