Hier finden Sie Gedanken, Texte, Buchtipps und Kommentare zu gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die gerade brennend sind: Verteidigung von Demokratie & Rechtsstaat, Populismus, Extremismus jeder Sorte, Globalisierung, Medienkrise, Digitalisierung und ihre Folgen.

Europäische Werte verteidigen

Susan Neiman schreibt zu diesem Thema:

„Europa kann ein Beispiel dafür geben, wie kulturelle Vielfalt mit politischer Einheit zusammenkommt – nämlich dann, wenn Europa seine eigenen Ideale (wieder)entdeckten würde. Für viele Europäer ist Europa heute nur ein Binnenmarkt, betrieben von einer Bürokratie in Brüssel, die selbst wiederum von einer neoliberalen Wirtschaft bestimmt wird. Zu einer Zeit, wo man täglich über das Ende der EU spekuliert, kann es tollkühn erscheinen, Europa zu preisen. Doch Aussenseiter sehen manches deutlicher als die Europäer selbst. Für sie bleibt Europa trotz aller Schwierigkeiten nicht nur ein Ort, wo hundertjährige Kriege durch friedliche Verhandlungen ersetzt wurden, sondern auch ein Ort, wo die Ideale einer sozialen Solidarität lebendig praktiziert werden: wo medizinische Versorgung, Wohnen und Bildung nicht nur als Güter, sondern als Rechte verstanden werden. Für Menschen von Dakar bis Dallas ist Europa ein Ort, wo Rechtsstaatlichkeit in hohem Mass herrscht und Gleichheit vor dem Gesetz anerkannt wird.

Jeder, der Zeitung liest, weiss aber auch, wie oft Europa seine eigenen Ideale verletzt. Es liegt an den Bürgern Europas selbst, darauf zu bestehen, dass Europa seinen besten Qualitäten treu bleibt. Zunächst müssen die Bürger erkennen, dass kein anderer Ort der Welt so viel für demokratische, ja, sozialdemokratische Werte tut wie dieses oft so beschimpfte Europa.  Identitäten werden auf Traditionen aufgebaut, die von Musik über Feste bis hin zu Idealen reichen. Europa darf nicht mehr verstanden werden als etwas, das wir nur ertragen, sondern als etwas, das wir aktiv anstreben.“

Zitat aus:

Widerstand der Vernunft, Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. Ecowin Verlag 2017

Das kleine und gut lesbare Buch kann in meinem Buchshop angeschaut und dort via Buchhaus bestellt werden (hier).

Die Philosophin Susan Neiman wurde 1955 in Atlanta, USA, geboren und ist Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Sie weist meines Erachtens zu Recht auf die Bedeutung europäischer Werte hin. Nur scheinen diese Werte vielen Europäerinnen und Europäern gar nicht bekannt zu sein. Wie sollen sie diese dann verteidigen und einfordern gegen innen – zum Beispiel gegenüber Angriffen von Populisten und Extremisten aller Art, aber auch gegenüber manchen Massnahmen der eigenen Regierungen – und gegen aussen – zum Beispiel gegen Autokratien? Und natürlich basiert auch die Schweiz auf den von Neiman postulierten europäischen Werten.

Der Wert eines funktionierenden Rechtsstaates und einer von der Regierung unabhängigen Verwaltung beispielsweise kann vielleicht nur jemand wirklich erfassen und schätzen, der ohne diese europäische Errungenschaft auskommen muss. Dass Populismus den Rechtsstaat gefährdet oder gar demontiert, sieht man in Ungarn, in Polen, in den USA, und in Ansätzen sogar in der Schweiz.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

 

Sylke Tempel: „Hinführung zur Demokratie ist immer auch Hinführung zur Komplexität“

Sylke Tempel (1963 – 2017) war eine deutsche Politologin, Journalistin und Publizistin. Seit 2008 leitete sie als Chefredakteurin die renommierte „Zeitschrift für internationale Politik“.  Sie starb im Oktober 2017 durch einen tragischen Unfall während des Sturmtiefs Xavier.

Die unvergleichliche Stärke der Demokratie sah Sylke Tempel darin, dass sie von der Einsicht ausgeht, dass der Mensch weder gänzlich gut noch gänzlich schlecht, sondern ein fehlerhaftes Wesen sei: „Er irrt, und zwar beständig. Für dieses fehlbare Wesen ist ein System angebracht, das Kontrolle vorsieht und Korrektur erlaubt.“ Nicht perfekt zu sein, hielt Tempel für die Stärke der Demokratie – aber auch für ihre Schwäche, die dann zutage tritt, wenn die unendlichen Mühen der Konsensbildung gescheut werden.

Quelle dieses Abschnitts:  https://www.welt.de/debatte/kommentare/article169419815/Demokratie-macht-Spass-der-Westen-ist-sexy.html

 

Silke Tempel schrieb (1):

„Hinführung zur Demokratie ist immer auch Hinführung zur Komplexität. Der Reflexionsprozess ist wichtig. Die Demokratie ist kein Billy-Regal, das man einmal zusammenschraubt,  an die Wand stellt und das war’s. In einer Demokratie gibt es einen inneren Zusammenhalt von Unverhandelbarem. Einen Wertekanon. Das sind keine absoluten Wahrheiten, nur relative. Wir müssen die Paradoxien hinkriegen. Es gibt keine perfekte Lösung, immer nur eine Annäherung ans Ziel. Mehr schaffen wir nicht.“

Hinsichtlich des Populismus mit seinen simplen Lösungsvorschlägen ist Tempel’s „Hinführung zur Komplexität“ geradezu ein Gegenprogramm. Mit der zunehmenden Komplexität moderner Gesellschaften umgehen zu können ist eine Aufgabe für die Bildung und insbesondere auch der politischen Bildung.

Auf Demokratie im Alltag angesprochen antwortet Silke Tempel:

„Merkt man doch immer. Wenn ich über eine rote Ampel radle, weil die Strasse gesperrt ist und keiner kommen kann, und ich zweihundert Meter später von der Fahrradpolizei angehalten werde, dann weiss ich genau, die können nicht alles machen mit mir, und wenn sie’s versuchen, könnte ich Einspruch erheben. Diese Verlässlichkeit ist ein hohes Gut.“

Quelle ab (1) ist das Buch:

Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“, von Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Mayer, Evelyn Roll und Elke Schmitter; Verlag Kunstmann 2017

Das Buch kann in meinem Buchshop angeschaut und via Buchhaus bestellt werden (hier).

Mit dem Fahrradbeispiel spricht Silke Tempel das zentrale Thema „Rechtsstaat“ an. Dass Polizei und Justiz an Regeln gebunden sind und nicht willkürlich oder nach politischen Kriterien handeln dürfen, ist eine Errungenschaft, die keineswegs selbstverständlich ist. Das zeigen unter anderem die Entwicklungen in Ungarn und Polen, wo Populisten an der Macht subito den Rechtsstaat angreifen und die Justiz und die Verwaltung vereinnahmen. Darum ist es wichtig, den Rechtsstaat zu verteidigen. Überall.

[Buchtipp] „Freiheit gehört nicht nur den Reichen “ von Lisa Herzog

Verlagsbeschreibung

Die Ökonomin und Philosophin Lisa Herzog  mit einem Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus

Freiheit ist mehr als die Freiheit, zu wirtschaften. Dieses Buch stellt dar, wie Liberalismus heute gedacht werden muss, damit er nicht im Widerspruch zu Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und einem gelingenden Leben steht. Freiheit, so das Plädoyer, muss vielschichtiger verstanden werden, um zu sehen, welche Rolle Märkte für eine gute Gesellschaft spielen können. Jenseits des politischen Schubladendenkens wird das Bild einer Gesellschaft entworfen, die allen Mitgliedern ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht und dabei mit den begrenzten Ressourcen der natürlichen Welt vereinbar ist.
Das Buch führt in zentrale Themen der Ideengeschichte, Wirtschaftstheorie und Sozialphilosophie ein und legt die Denkmuster offen, die viele heutige Debatten prägen. Unter anderem geht es um die Frage nach einem realistischen Menschenbild jenseits des homo oeconomicus, um das Verhältnis negativer, positiver und republikanischer Freiheit und um die Frage, wie eine Politik aussehen kann, die sich auch jenseits des Wachstumszwangs an einem selbstbestimmten Leben für alle Menschen orientiert. Nicht zuletzt zeigt das Buch auf, wie mit einem zeitgemäßen Freiheits- und Menschenbild Märkte wieder in den Dienst einer gerechten Gesellschaft gestellt werden können.  Zum Shop

Zur Autorin Lisa Herzog

Lisa Herzog ist Professorin für Politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik / Technischen Universität München. Ihre Forschung verbindet Philosophie und Ökonomie, z. B. in dem Buch “Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus”.

Kommentar von Martin Koradi

Als Philosophin und Ökonomin ist Lisa Herzog bestens gerüstet für dieses Thema und es gelingt ihr ausgezeichnet, wirtschaftliches und philosophisches Wissen zu verknüpfen. Dabei bleibt sie immer gut lesbar und verständlich.

Der Wirtschaftsliberalismus hat unter anderem durch die Finanzkrise 2008 und durch wiederkehrende Exzesse in weiten Kreisen an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Um von breiten Schichten akzeptiert und getragen zu werden, muss er aufzeigen, dass nicht nur eine kleine Finanzelite von ihm profitiert, sondern dass er allen zu Gute kommt. Dazu muss der Liberalismus neu gedacht und aktualisiert werde, und zu dieser Debatte leistet Lisa Herzog mit ihrem Buch einen Beitrag. Sie zeigt dabei auch die Vielschichtigkeit des Freiheitsbegriffs auf.

In der philosophischen Tradition hat sich um diesen Begriff herum eine Dreiteilung entwickelt:

Im ersten Bereich wird Freiheit gesehen als Abwesenheit von Hindernissen und Zwang.

Im zweiten Bereich meint Freiheit Selbstbestimmung und die damit verbundene Fähigkeit, eigene Ziele setzen und verfolgen können.

Im dritten Bereich wird Freiheit betrachtet im Sinne der politischen Freiheit, die den Menschen die Möglichkeit gibt, Teil eines Gemeinwesens zu sein und in diesem Rahmen gemeinsam die Spielregeln festzulegen, nach denen man leben will. 

Diese verschiedenen Facetten der Freiheit und ihre vielfältigen Beziehungen zum “Markt” stellt Lisa Herzog gut nachvollziehbar dar.

Die Theorien der Ökonomie sind zwar meistens heftig umstritten und keineswegs so gut belegt, wie die Ökonominnen und Ökonomen es wohl gerne hätten und oft auch darstellen. Nicht nur trotzdem, sondern gerade auch deswegen geht die Diskussion um Liberalismus und Wirtschaft alle etwas an, nicht nur ökonomische Fachleute. Wer nicht gerade ein Studium in diese Richtung absolviert, bekommt von diesen Themen aber meistens erbärmlich wenig mit. Das Buch von Lisa Herzog bietet dazu einen guten Einstieg und liefert zudem auch Orientierungshilfen in vielen politischen Fragen.

 

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung: Kann man heute noch liberal sein wollen?
    Was hat “Liberalismus” mit “Freiheit” zu tun?
    Die soziale Dimension der Freiheit
    Das Bild vom guten Markt
    Ausblick
    Dank
    Liberalismus ohne Psychologie – Wie ein einseitiges Menschenbild den Liberalismus unfreiwillig herzlos machte
    Einleitung
    Die Herren des Vertrags
    Ein “realistisches” Menschenbild?
    Echte Menschen – Was die Verhaltensökonomie uns lehrt
    Die Befähigung zur Freiheit
    III. Liberalismus ohne Gerechtigkeit – Wie “soziale Gerechtigkeit ” zum Unwort wurde, und was sie heute bedeuten könnte
    Einleitung
    Die Facetten von Freiheit
    “Verdienst” im Markt
    “Verdienst” im Staat
    Eine neuer Sinn von sozialer Gerechtigkeit
    IV. Liberalismus ohne Komplexität – Wie der Liberalismus soziale Strukturen vernachlässigte
    Einleitung
    Die Rolle sozialer Normen
    Freiheit und Komplexität
    Formelle und informelle Machtstrukturen
    Umbau auf hoher See
    V. Liberalismus ohne Endlichkeit – Wie der Liberalismus die
    Umwelt vergaß, und warum ein Umsteuern uns zufriedener machen könnte
    Einleitung
    Wirtschaften in einer endlichen Welt
    Wozu das Ganze – die Frage nach dem Sinn
    Und der Rest der Welt?
    VI. Schluss: Unterwegs zu einem zeitgemäßen Liberalismus
    Anmerkungen

Von Lisa Herzog gibt es auch zwei Sendungen der”Sternstunde Philosophie”:

Lisa Herzog: Was ist schlecht an Ungleichheit?

Markt, Macht und Freiheit

 

 

 

Die neue politische Konfliktlinie: Demokratie oder Autoritarismus

Wer in Mitteleuropa aufgewachsen ist und lebt, für den basieren die politischen Bedingungen seit vielen Jahrzehnten mit grosser Selbstverständlichkeit auf Demokratie und Rechtsstaat, und die politischen Konfliktlinien verlaufen zwischen rechts und links.

Möglicherweise geht diese Selbstverständlichkeit gerade verloren und die Konfliktlinien verschieben sich. Zu dieser Entwicklung hat sich Ralf Fücks Gedanken gemacht in seinem Buch „Freiheit verteidigen“:

„Die Systemfrage unserer Zeit lautet nicht Kapitalismus oder Sozialismus, sondern Demokratie oder autoritäre Herrschaft…….

Die neue Scheidelinie europäischer Politik verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen der offenen Gesellschaft und dem Rückzug in die Volksgemeinschaft, zwischen globaler Integration und nationaler Abschottung. Die alte Links-rechts-Achse wird überlagert von der neuen Konfliktachse zwischen autoritärer und liberal-demokratischer Politik.“

Zitat aus:

„Freiheit verteidigen“, von Ralf Fücks, Hanser Verlag 2017.

Dieses lesenswerte und anregende Buch stelle ich in meinem Buchshop vor. Dort können Sie es auch via Buchhaus bestellen (hier).

Kommentar & Ergänzung:

Meinem Eindruck nach wird die alte Links-rechts-Achse nicht verschwinden. Die von Ralf Fücks beschriebene neue Konfliktachse zwischen Demokratie und autoritärer Herrschaft wird jedoch stark in den Vordergrund treten.

Genauer: Die Konfliktlinie zwischen Demokratie & Rechtsstaat einerseits und autoritärer Herrschaft andererseits.

Und die Generationen, die bei uns in der Selbstverständlichkeit von Demokratie und Rechtsstaat aufgewachsen sind, werden herausgefordert, sich mit diesen Veränderungen auseinanderzusetzen.

Das heisst:

  1. Sich klar machen, was gerade passiert. Sich informieren. „Futter“ dazu finden Sie unter anderem hier:                                                           Meine gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen (Buchshop)

 

  1. Sich organisieren. Institutionen, Organisationen und unabhängige Medien aufbauen und unterstützen, welche Demokratie und Rechtsstaat stärken und verteidigen. Entweder durch Mitarbeit oder durch finanzielle Unterstützung. Vorschläge und Empfehlungen dazu in meiner Linkliste unter der Rubrik „Gesellschaft“.

Mir selbst ist jedenfalls erst vor etwa 2 – 3 Jahren so richtig klar geworden, dass Demokratie und Rechtsstaat auch bei uns in Europa keine Selbstverständlichkeit mehr sind, und dass sie nur existieren, wenn sie verteidigt werden. Und das muss schon in einem möglichst frühen Stadium geschehen, wenn diese Errungenschaften gefährdet sind.

 

 

Zum Wert der Fakten

“Wenn Fakten nichts mehr zählen, bricht die Demokratie zusammen”, schreibt Evelyn Roll. Und sie hat damit meines Erachtens recht. Sie führt dazu weiter aus:

“Zwei Schlachten waren schon verloren, als die Angegriffenen verstanden, dass Krieg ist. die einst als Instrumente der Basisdemokratie bejubelten «sozialen Medien» hatten sich – weil der Mensch ist, wie der Mensch ist – in asoziale Medien verwandelt. Dann waren sie zu Waffen geworden im teuflischen Zusammenspiel der neuen Nationalisten mit den Zersetzungsstrategien des Ex-KGB-Mannes Wladimir Putin und den Hetzredakteuren von «Daily Mail», «Sun» und «Fox News». Scheinbar stabile Demokratien waren schon sturmreif geschossen in diesem Informations- und Cyberkrieg, als nach dem Brexit und mit der Trump-Wahl endliche alle aufwachten.

Eine Lüge ist eine Lüge ist eine Lüge? Das war plötzlich vorbei. Wenige Jahre vorher wären Boris Johnson oder Donald Trump politisch tote Männer gewesen. In Demokratien galt die Regel: Wer lügt und dabei erwischt wird, geht. Jetzt konnte man mit nichts als Lügen Brexit-Superstar werden und britischer Aussenminister, oder sogar Präsident der Vereinigten Staaten………

Wenn Fakten nichts mehr zählen, bricht das beste demokratische System zusammen. Es kann nicht existieren, ohne dass die pluralistische Öffentlichkeit sich über Argumente verständigt auf der Basis von Tatsachen, die alle als richtig und wahr anerkennen. Indifferenz über die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge ist die Voraussetzung für autoritäre Staatssysteme. Wenn nichts mehr wahr ist, kann Macht nicht mehr kontrolliert werden.

Das war und ist also ein hochgefährlicher Moment in der Geschichte der Demokratie. Bei jeder grossen technischen Revolution in der Weltgeschichte gab es solche Momente: diese Phase, in der das Denken und die regulierende Politik so erschütternd viel langsamer sind als die neuen, technischen Möglichkeiten.”

Quelle:

Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“, 

von Gabriele von Arnim / Christiane Grefe / Susanne Mayer / Evelyn Roll, Verlag Antje Kunstmann 2017

Dieses Buch stelle ich in meinem Buchshop vor, wo Sie es auch via Buchhaus bestellen können (hier).

Zwei weitere Bücher zur Krise der Fakten im Buchshop:

Fake statt Fakt – Wie Populisten, Bots und Trolle unsere Demokratie angreifen“, von Ute Schaeffer.

Postfaktisch“,

Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien von Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard.

Und hier ein Buch aus dem Buchshop zum Thema “soziale Medien”:

Change the Game – Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern“  von Corinna Milborn, Markus Breitenecker.

Und zum Schluss noch ein Text von mir zum Thema:

Triumph der Meinung über Fakten, Wahrheit und Fachwissen – das kann nicht gut gehen!

Was ist Populismus?

„Populismus“ wird seit einiger Zeit fast inflationär als politischer Kampfbegriff eingesetzt. Populist ist dann, wer lauthals simple Lösungen anpreist und sich beim „Volk“ anbiedert.

Derart ungenau verwendet, verliert der Begriff seine Erklärungskraft. Dabei wäre es wichtig präzis zu verstehen, womit wir es beim Populismus zu tun haben – und worin seine Gefahr für demokratische Gesellschaften besteht.

Der Politologe Jan-Werner Müller von der Universität Princeton schafft es in seinem Buch „Was ist Populismus“, den Populismus gut verständlich auf den Punkt zu bringen.

Populisten sind demnach erkennbar am Anspruch, dass sie, und nur sie, das Volk vertreten. Dabei setzen sie ein Volk voraus, das einheitlich ist und so nur in ihrer Fiktion existiert. In dieser homogenen Vorstellung des „Volkes“ spielen unterschiedliche Interessenlagen und unterschiedliche politische Ansichten keine Rolle.

Populismus ist antipluralistisch

Weil Populisten behaupten, dass nur sie das Volk vertreten, werden in ihren Augen alle anderen politischen Ansichten und Akteure potenziell illegitim. Populismus wird dadurch antipluralistisch und letzlich auch antidemokratisch. Das zeigt sich unter anderem auch darin, dass Populisten Schwierigkeiten haben, politisch Niederlagen zu akzeptieren. Weil sie doch in ihrer Vorstellung das ganze Volk repräsentieren, kann eine Niederlage nur Folge von Lüge, Betrug und Verschwörung sein.

Jan-Werner Müller beschreibt auch eindrücklich, was geschieht, wenn Populisten an die Macht kommen. Sie besetzten Gerichte und Verwaltung mit Parteimitgliedern, reissen sich die Medien unter den Nagel und demontieren damit alle Instanzen, die ihrem Machtanspruch Grenzen setzen könnten. Zu beobachten ist diese Entwicklung gerade zum Beispiel in Polen und Ungarn.

Das Buch von Jan-Werner Müller ist meiner Ansicht nach ein Standard-Werk für aktuelle politische Bildung. Wer gegenwärtige gesellschaftspolitische Entwicklungen verstehen will, ist damit gut bedient. Und diese Entwicklungen gehen uns etwas an. Denn die lange Phase von Frieden und Stabilität, die wir in Mitteleuropa erlebt haben, ist vielleicht weniger selbstverständlich, als wir uns das vorstellen.

Das Buch „Was ist Populismus?“ von Jan-Werner Müller, habe ich in meinem Buchshop genauer vorgestellt. Sie können es hier anschauen und auch via Buchhaus bestellen.

Eine Zusammenfassung des Buches habe ich hier publiziert:

Was ist Populismus? Und was nicht?

 

Desinformation ist die Pest der digitalisierten Gesellschaft

Professor Stephan Russ-Mohl schreibt:

“Desinformation ist die Pest der digitalisierten Gesellschaft. Sie breitet sich nicht nur epidemisch aus, sie verändert auch unsere Wahrnehmung dessen, was wir für wahr halten. Diese Pest zu bekämpfen, wird mehr und mehr zur zentralen Herausforderung für seriöse Medien, ja für die Demokratie und für freiheitliche Gesellschaften. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie sich Info-Müll und mentale Umweltverschmutzung eindämmen lassen.”

Dieses Zitat stammt aus dem Buch:

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde

Warum die Digitalisierung  unsere Demokratie gefährdet

Herbert von Halem Verlag 2017

Dieses sehr informative Buch habe ich in meinem Buchshop vorgestellt. Sie können es dort über das Buchhaus bestellen (hier).

Stephan Russ-Mohl ist Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Universität Lugano sowie Gründer des Europäischen Journalismus-Observatoriums (EJO).

Die Warnung, die Russ-Mohl in diesem Zitat ausspricht, halte ich für sehr berechtigt. Desinformation in Verbindung mit Digitalisierung bedroht die Stabilität demokratischer Gesellschaften. Dieses Problem benötigt volle Aufmerksamkeit von uns allen. Das Buch von Stephan Russ-Mohl ist eine gute Einführung in dieses Thema.

Weitere empfehlenswerte Bücher dazu:

Lügen im Netz? 

Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik

Autorin: Ingrid Brodnig

Im Buchshop anschauen hier.

Change the Game 

Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern.

Von Corinna Milborn und Markus Breitenecker

Im Buchshop anschauen hier.

Smartphone-Demokratie

Fake News, Facebook, Bots, Populismus, Weibo, Civic Tech

Von Adrienne Fichter (Hrsg.)

Im Buchshop anschauen hier.

 

Facebook, YouTube und Twitter belohnen und fördern Extremismus – das darf nicht so bleiben!

Wie das geschieht, schildert folgendes Zitat: „Demokratie braucht nüchterne Debatten. Qualitätsmedien setzen in ihren Informationsformaten traditionell auf das nüchterne Berichten von Fakten, auf emotionslose Sprache und haben den Anspruch, zwischen Bericht und Meinung zu unterscheiden. Facebook und YouTube machen das Gegenteil. Den Test kann jeder selbst durchführen: Was bekommt mehr Reaktionen auf Facebook – eine […]

Mutige Menschen 1938: Elisabeth Schmitz (1893 – 1977)

„Elisabeth Schmitz (1893 – 1977) gehörte zu den wenigen Frauen im höheren Schuldienst. Aus ihrer eindeutig ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus macht sie von Beginn an keinen Hehl und wird im September 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche. Ihre Wohnung teilt Elisabeth Schmitz mit ihrer Freundin Martha Kassel, die evangelisch getauft  ist, jedoch aus einer jüdischen Familie stammt. Sie verlor deshalb ihre Stelle als Ärztin in einer Kinderklinik, und konnte ihre Wohnung nicht mehr bezahlen. Durch ihre Freundin erlebt Elisabeth Schmitz hautnah mit, wie zerstörerisch die NS-Rassenpolitik auf das Leben einzelner Menschen wirkt. 1935 verfasste Schmitz die bedeutende Denkschrift «Zur Lage der deutschen Nichtarier». Diese Denkschrift gehört zu den wenigen mutigen Äusserungen, die gerne «der evangelischen Kirche» zugeschrieben wird. Nein, die Denkschrift ist das Werk einer einzelnen mutigen Frau, die sich nicht abfinden wollte mit der indifferenten Haltung der Kirche in der NS-Diktatur.“

Elisabeth Schmitz war Lehrerin am Luisen-Oberlyzeum in Berlin-Moabit. Am 10. November 1938, einen Tag nach den Novemberprogromen, beschliesst sie, ihre Schule nicht mehr zu betreten. Ihre Entscheidung begründet sie am 31. 12. 1938 in einem Brief  an Oberregierungsrat König mit folgenden Worten:

„Es ist mir in steigendem Masse zweifelhaft geworden, ob ich den Unterricht bei meinen rein weltanschaulichen Fächern – Religion, Geschichte, Deutsch – so geben kann, wie ihn der nationalsozialistische Staat von mir erwartet und fordert. Nach immer wiederholter eingehender Prüfung bin ich schliesslich zu der Überzeugung gekommen, dass das nicht der Fall ist.“

Die Zitate zum Wirken dieser mutigen Frau stammen aus dem Buch:

„1938 Warum wir heute genau hinschauen müssen“,

von Barbara Schieb und Jutta Hercher (Hrsg.)

Das Buch ist in meinem Buchshop genauer beschrieben und kann dort via Buchhaus auch bestellt werden (hier)

 

Ein weiterer mutiger Mensch in dieser düsteren Zeit war der stille, wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in Wien. Wie es ihm gelang, die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt zu verstecken, schildert Erich Hackl im Roman:

„Am Seil“

(im Buchshop hier).

Zu den erwähnten Novemberpogromen im November 1938 gibt es eine eindrückliche Schilderung von Sven Felix Kellerhoff in seinem Buch:

„Ein ganz normales Pogrom“

Dieses Buch bietet einen berührenden Einblick in das Aufkommen des Antisemitismus durch die Schilderung der Ereignisse rund um die Novemberpogrome am Beispiel des Weindorfes Guntersblum.

(im Buchshop hier)

Wir sind zwar nicht in einer vergleichbar dramatischen Lage wie 1938, aber es ist nicht mehr undenkbar, dass  Zivilcourage und Mut in Zukunft wieder vermehrt notwendig werden.

Wer Demokratie und Rechtsstaat bewahren will tut meines Erachtens gut daran, sich vorzubereiten mit Wachsamkeit, Informiertheit und durch Stärkung von Institutionen und Organisationen, die für diese Anliegen eintreten. In der Schweiz formiert sich in diesem Bereich zum Beispiel gerade die Bewegung Courage Civil.

Auf internationaler Ebene ist meines Erachtens zum Beispiel Amnesty International unterstützenswert. Es gibt aber noch eine ganze Reihe von Organisationen in diesen Bereichen.

 

 

Über konstruktive Konflikte und Filterblasen

Der Soziologe und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer hat in der “Süddeutschen” ein informatives Interview gegeben. Hier ein Zitat daraus:

“Eine moderne Gesellschaft kommt ohne konstruktive Konflikte nicht weiter. Aber wir haben inzwischen gar keine Öffentlichkeit im Singular mehr, sondern wir haben Öffentlichkeiten im Plural, die aber in sich abgedichtet sind, so dass sich in diesen Filterblasen homogene Gruppen entwickeln. Die sozialen Medien muss man inzwischen asoziale Medien nennen. Homogene Gruppen haben es in sich. In diesen gibt es vor allem Aufschauklungsprozesse. Widerspruch wird nicht mehr zugelassen, um die Ambiguität der realen Verhältnisse abzumildern. Ganz schlimm wird das, wenn dann noch Verschwörungstheorien hinzukommen. Das macht mir besondere Sorgen. Dagegen hilft kein Argument mehr.”

Quelle: 

https://www.sueddeutsche.de/politik/wachsender-autoritarismus-kein-mensch-kann-auf-dauer-ohne-anerkennung-leben-1.4203226

Kommentar und Ergänzung:
 
Meine Generation hat das Glück gehabt, Demokratie, Rechtsstaat und Frieden über Jahrzehnte als weitgehend selbstverständliche Grundbegebenheit im Leben verfügbar zu haben. Diese Selbstverständlichkeit löst sich gerade auf.
Es sieht ganz danach aus, dass wir gerade eine Verantwortung zu übernehmen haben, für diese nicht mehr selbstverständlichen Werte einzustehen. Es scheint an der Zeit, dass wir uns verstärkt um gesellschaftliche Entwicklungen kümmern müssen. Das kann allerdings nur sehr begrenzt als Individuum geschehen. Nötig ist auch der Aufbau und die Stärkung von Strukturen, Institutionen und Organisationen, die 
demokratische und rechtsstaatliche Grundwerte schützen. Dazu gibt es verschiedenste Möglichkeiten. In den letzten Wochen ist zum Beispiel gerade Courage Civil aktiv geworden, eine Initiative, die meinem Eindruck nach Potenzial hat und wohlwollende Unterstützung verdient.
 
Zum Thema Filterblasen und asoziale Medien gibts gerade ein neues, sehr informatives Buch in meinem Buchshop:
 
 
Mehr Hintergrundinformationen zum Thema von mir gibts hier:
 
 

Meine Blogtexte zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Was ist Populismus? Und was nicht?

Zusammenfassung des Populismus-Konzepts von Jan-Werner Müller.

 

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trockenlegen

Hauptsächlich eine Zusammenfassung von „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

 

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern.

Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

 

– Demokratie braucht diskursive Gesprächskultur

Zum Mittelweg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

 

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

Liberale Demokratien sind weltweit unter Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

 

– Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.

Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

 

– Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen liberaler Demokratien

Schleichender Autoritarismus, Staatsversagen, Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung, neuer Regionalismus.

 

– Lob der Kritik

Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

 

– Triumph der Meinung über Fakten, Wahrheit und Fachwissen – das kann nicht gut gehen!

Zur Bedeutung der Krise von Wissen und Wahrheit für Alltag und Demokratie.

 

Buchempfehlungen in meinem Buchshop:

Bücher zu den Themen:

 

Medien / Internet / Facebook / Hass im Internet / Digitalisierung

 

Populismus

 

Demokratie / Menschenrechte / Offene Gesellschaft / Islamismus

 

Fake News / Bullshit / Lügen im Netz / Verschwörungstheorien

 

Russland / Wladimir Putin / Ukraine

 

Rechtsextremismus / Faschismus / Nationalsozialismus

 

Donald Trump / USA

Die Bücher in meinem Buchshop werden geliefert von Buchhaus.ch