Hier finden Sie eine kritische Auseinandersetzung mit Themen aus den Bereichen Naturheilkunde, Alternativmedizin, Komplementärmedizin. Und zwar weil es meiner Ansicht nach mangelt an fundierter Auseinandersetzung mit “Problemzonen” und Fragwürdigkeiten innerhalb dieser “Szene”.

John Stuart Mill über Irrtum und Erfahrung

Hier ein interessantes Zitat von John Suart Mill über Irrtum und Erfahrung:

“….Quelle alles Achtenswerten im Menschen….dass er seine Irrtümer korrigieren kann. Er ist fähig, seine Missgriffe durch Diskussion und Erfahrung richtigzustellen. Nicht durch Erfahrung allein: Diskussion tut not, um zu zeigen, wie die Erfahrung zu deuten ist. Falsche Urteile und Bräuche geben allmählich den Tatsachen und Überlegungen Raum…Sehr wenige Tatsachen sind imstande, ihre eigene Geschichte zu erzählen…”

John Stuart Mill, 1806–1873, Philosoph, Psychologe und Soziologe; Über die Freiheit, Reclam 2004

 

Kommentar & Ergänzung:

Erfahrungen sprechen nicht für sich, wir müssen sie erst zum Sprechen bringen. Jede Erfahrung ist mit verschiedenen Deutungen kompatibel. Das gilt auch für Erfahrungen mit Heilmitteln und Heilmethoden. Wenn daher von „Erfahrungsmedizin“ die Rede ist, so sagt das noch gar nichts aus. Erfahrung allein kann uns nicht sicher zeigen, ob ein Heilmittel hilft oder nicht. So zeigte sich beispielsweise in der Medizingeschichte immer wieder, dass sich Irrtümer über Jahrhunderte halten können und trotz aller Erfahrung nicht erkannt werden. Erfahrung bringt den Irrtum nicht mit Gewissheit zu Tage.

Entscheidend ist, und das sagt Mill deutlich, wie wir mit unseren Erfahrungen umgehen. Nötig ist eine kritische Diskussion aller Erfahrungen, ein Distanznehmen von eigenen Erfahrungen, um sie zu reflektieren, mit anderen Erfahrungen zu vergleichen und einzuordnen.

Wenn mir also jemand sagt, dass Heilmittel XY seiner Erfahrung nach bei Krankheit Z hilft, dann frage ich immer genau nach, wie diese Erfahrung gemacht wurde, wie sie zustande kam, und wie der betreffende Mensch sich mit seiner Erfahrung auseinander gesetzt hat. Die Antwort auf diese Fragen ist oft enttäuschend.

Es fehlt häufig jede Distanz zur eigenen Erfahrung, jedes Bewusstsein dafür, dass Erfahrung täuschungsanfällig ist und jede fundierte Auseinandersetzung mit der eigenen Erfahrung, nicht nur bei Laien, sondern auch bei Fachleuten aus Apotheken oder Drogerien, bei Praktizierenden und Lehrenden der Naturheilkunde.

Wir brauchen in diesen Bereichen mehr Bewusstsein über die eigene Irrtumsanfälligkeit und mehr krtische Auseinandersetzung mit „Erfahrungen“. Das sind Kompetenzen, die ich auch in meinen Lehrgängen zu vermitteln suche, in der Phytotherapie-Ausbildung und im Heilpflanzen-Seminar.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

 

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Vom Umgang mit Erfahrung in der Pflanzenheilkunde

 

 

Was ist Oscillococcinum®?

Oscillococcinum ist ein Homöopathikum, das häufig zur Vorbeugung und Behandlung von Grippe und grippalen Infekten empfohlen wird. In homöopathischen Praxen, aber auch in manchen Apotheken, wird das Präparat auch als homöopathische Grippeimpfung propagiert.

Oscillococcinum wird von der französischen Pharmafirma Boiron produziert, einem der weltweit grössten Hersteller von Homöopathika. Für das Jahr 2009 gab Boiron einen weltweiten Umsatz von 526 Millionen Euro an und einen Gewinn von 91 Millionen Euro.

Zur Entstehungsgeschichte von Oscillococcinum®

Oscillococcinum geht auf den französischen Arzt Joseph Roy zurück, der während des Ersten Weltkriegs als Lazarettarzt arbeitete. Er glaubte, in Ausscheidungen von Opfern der Spanischen Grippe in seinem Mikroskop Bakterien beobachtet zu haben, die er für die Erreger der Grippe hielt. Roy beschrieb kugelförmige Gebilde verschiedener Größe, die rasche, schwingende Bewegungen machten und die er für Mikroben hielt. Aus diesem Grund nannte er seine Entdeckung Oszillokokken – schwingende Bakterien. Später meinte er, sie auch noch im Blut und den Tumoren von Krebspatienten entdeckt zu haben. Da Roy diese „ Oszillokokken“ besonders häufig in der Leber von Enten zu finden glaubte, wird Oscillococcinum konsequenterweise aus Entenleber und Entenherz hergestellt.

Im homöopathischen Fachjargon heisst das dann Anas barbariae hepatis et cordis extractum 200 K.

Biologisch ist der Artname falsch, weil eigentlich die Moschusente Cairina moschata (frz. Canard de Barbarie) gemeint ist, die zur Gattung Cairina und nicht Anas gehört.

Bestandteile der Entenorgane sind – zur Beruhigung der Veganer  –  im fertigen Homöopathikum wegen der hochgradigen Verdünnung mit keinem einzigen Molekül mehr enthalten: 200 K ( K= nach Korsakow) entspricht einer Potenz von C200, also einer Verdünnung von 1 : 10400.

Es lässt sich im Nachhinein nicht klären, was genau Roy in seinem Mikroskop beobachtet hatte. In der Zwischenzeit wurde jedoch klar, dass weder Krebs noch die Grippe noch eine der anderen Krankheiten, für die Roy seine Oszillokokken als Verursacher vermutete, überhaupt durch Bakterien ausgelöst werden. Grippe wird durch Viren verursacht, die bedeutend kleiner als Bakterien sind. In einem optischen Mikroskop, wie es Roy zur Verfügung stand, lassen sich Grippeviren nicht beobachten. Erst um das Jahr 1930 herum gelang die Darstellung von Viren mit Hilfe der Elektronenmikroskopie.

Roys Beobachtungen konnten von keinem anderen Mikrobiologen bestätigt werden.

Zudem ist bis heute kein Bakterium bekannt, das in Entenleber zu finden ist und Grippe bewirken kann. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass Roy in seinem Mikroskop Luftbläschen beobachtete, deren Zittern durch die thermische Brown’sche Molekularbewegung verursacht wurde.

Da die Ausgangssubstanz „Entenleber & Entenherz“ nichts enthält, was eine Grippe oder vergleichbare Symptome wie eine Grippe auslösen könnte, kann das durch Prüfung am Gesunden nach homöopathischen Regeln erstellte Arzneimittelbild für Oscillococcinum® auch nicht auf die Anwendung bei Grippe passen. Das Präparat widerspricht somit sogar den Prinzipien der Homöopathie.

Wie ein Arzneimittelbild aus der Arzneimittelprüfung am Gesunden entsteht, wird in diesem Blog-Beitrag beschrieben:

Homöopathie-Forschung: Arzneimittelprüfung mit Okoubaka

Nun wird Oscillococcinum® aber oft auch als Vorbeugung gegen Grippe empfohlen, nicht selten sogar im Sinne einer alternativen Grippeimpfung. Das Prinzip der Vorbeugung und das Prinzip der Impfung stehen jedoch in fundamentalem Widerspruch zum Homöopathie-Modell, wie es der Gründer Samuel Hahnemann (1755 – 1843) postuliert hat.

Dieses heute noch zum Kernbestand der Homöopathie gehörende Modell setzt eine vorhandene, akute Krankheit voraus. Hahnemann war der Auffassung, dass von der “Krankheit”, der “verstimmten geistigen Lebenskraft”, die Summe der äußerlich sichtbaren Symptome zu wissen sei. Seines Heilmethode ist dann die Suche nach dem Mittel, das der “verstimmten geistigen Lebenskraft” exakt entgegenwirken möge (§§ 17 und 18 des Organon). Beim gesunden Menschen, der einer Grippe vorbeugen oder sich homöopathisch “impfen” lassen möchte,  ist diesbezüglich aber gar nichts verstimmt. Eine homöopathische “Impfung” kann hier also auch nichts bewirken. Detaillierter beschrieben werden diese Zusammenhänge in einem Beitrag auf dem Portal Netzwerk-Homöopathie:

“Homöopathische Impfungen” – gibt es das?

Schon die Entwicklungsgeschichte von Oscillococcinum® ist also ausgesprochen fragwürdig. Sie basiert auf einer ganzen Reihe von krassen und zum Teil zeitbedingten Irrtümern. Würden die Käuferinnen und Käufer dieses Produktes die Entwicklungsgeschichte kennen, würden wohl einige von ihnen den Kaufentscheid überdenken. Aber Transparenz beim Endverbraucher zu schaffen scheint nicht im Interesse des Herstellers und der Apotheken.

Zur Herstellung von Oscillococcinum®

Norbert Aust weist in seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ eindrücklich nach, dass Oscillococcinum® gar nicht so hergestellt werden kann, wie es auf der Packung steht:

„Oscillococcinum ist ein homöopathisches Präparat aus dem Extrakt von Leber und Herz einer bestimmten Entenart, das in der Potenz K200 angeboten wird. Dabei handelt es sich um eine Korsakoff-Potenz, die in Verdünnungsschritten 1:100 in einem speziellen vereinfachten Verfahren hergestellt wird. Sie entspricht somit einer Verdünnung von 1:10^400. Die letztere Zahl ist eine Eins mit 400 Nullen und mit keiner Anschauung der Welt plausibel zu machen. Die Anzahl der Atome im Universum beträgt nur etwa 10^80. Wenn auch nur eine einzige Ente je auf Erden verschieden wäre und sich ihr Herz und ihre Leber nach der Zersetzung im gesamten Wasservorrat der Erde verteilt hätte, entspräche das einer Verdünnung von vielleicht D23. Folge: K200 entsprechend D400 ist nicht herstellbar, weil man kein Wasser zur Verfügung haben kann, das hinreichend wenig (!) Entenleber enthält. Selbst wenn es im gesamten Universum nur ein einziges ‚Entenleberwirkstoffmolekül‘ gäbe, wäre dies nur eine Potenz von etwa K39 oder K40, je nach Größe dieses Moleküls.“

Zur Studienlage betreffend Oscillococcinum®

Boiron hat mit Oscillococcinum® einige Studien durchgeführt. Die unabhängige Cochrane Collaboration hat die Studien in einer Metaanalyse analysiert und kommt zum Schluss, dass die vorliegenden Studiendaten die Anwendung nicht unterstützen.

Auch die Homöopathie-nahe Carstens-Stiftung hält es für zweifelhaft, „dass Oscillococcinum® bei grippalen Effekten über Placeboeffekte hinaus wirkt.“

Eine detaillierte Darstellung der Studienlage mit Quellenangaben gibt’s hier bei Homöopedia:

Studienlage zu Oscillococcinum®

In den USA wurde Boiron mittels Sammelklage wegen irreführender Werbung angeklagt, strebte vor Gericht einen Vergleich an und zahlte fünf Millionen US-Dollar an unzufriedene Kunden zurück, um ein Urteil zu vermeiden.

In der Schweiz warnte die Arzneimittelbehörde Swissmedic schon 2011 in einem Newsletter, dass Oscillococcinum® selbst von Fachpersonen vermehrt zur homöopathischen Grippeimpfung empfohlen wurde. Swissmedic bezeichnete solche Empfehlungen als irreführend und für Risikopersonen gesundheitsgefährdend.

Im Jahr 2011 versuchte Boiron, einen italienischen Blogger mit Drohbrief und Klageandrohung einzuschüchtern, weil er sich kritisch zu Oscillococcinum® geäussert hatte.

Das Präparat ist also insgesamt fragwürdig. Und noch fragwürdiger ist, dass manche Apotheken ein solches Präparat aktiv verkaufen.

Wer heilt hat Recht?

Das wird aber viele Leute nicht davon abhalten, Oscillococcinum® für wirksam zu halten, nach dem Motto: „Mir hilft es halt!“ oder „Wer heilt hat Recht!“.

Siehe dazu: 

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin:Wer heilt hat Recht (2)

Die Erfahrung, dass jemand nach Einnahme von Oscillococcinum® von einer Grippeerkrankung gesund wird, ist durchaus ernst zu nehmen. Die Interpretation dieser Erfahrung, wonach diese Genesung durch die Einnahme von Oscillococcinum® verursacht wurde, lässt sich aber mit sehr guten Gründen in Frage stellen. Grippe und  „grippale Erkrankungen“, bei denen Oscillococcinum®  eingesetzt wird, bessern in der Regel auch von selbst.  Sagt jemand „Mir hilft es halt!“, dann wäre die Person zu fragen, ob sie sicher ist, dass die Erkrankung ohne Oscillococcinum®  länger gedauert hätte. Bejaht die Person die Frage, dann wäre nachzufragen, woher sie das weiss. An dieser Stelle lauert nämlich ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss: Die Gleichzeitigkeit zweier Vorgänge (Gesundwerden &  Oscillococcinum®-Einnahme) wird irrtümlich als Ursache-Folge-Beziehung interpretiert (Gesundwerden wegen Oscillococcinum®-Einnahme).

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der “Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss” als häufige Irrtumsquelle

 

Quellen:

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oscillococcinum

https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Boiron

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=844

Mehr kritische Reflexion nötig

Ich bewege mich seit mehr als 40 Jahren im Umfeld von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Alternativmedizin. In dieser Zeit ist mir immer klarer geworden, dass es in diesen Bereichen fundamental an kritischer bzw. selbstkritischer Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Methoden mangelt. Es spielt oft kaum eine Rolle, ob eine Heilungsversprechung wahr ist, wenn sie ins eigene Konzept passt. Das führt nicht selten zur Täuschung und manchmal auch zur Gefährdung von Patientinnen und Patienten.

Weiteres dazu hier:

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

P. S.:

Hier noch ein Hinweis aufgrund meiner Erfahrung, dass ich auf solche Beiträge jeweils ein paar Mails bekomme mit der Frage, wieviel dem Autor als “Pharmaknecht” von der Pharmaindustrie für diesen Artikel bezahlt wurde:

Nein, liebe Verschwörungstheoretiker, dieser Beitrag wurde ohne finanzielle Beteiligung der Pharmaindustrie verfasst.😉

 Zudem weise ich darauf hin, dass auf dieser Website auch kritische Texte zu kritikwürdigen Aspekten der Pharmaindustrie vorhanden sind….

Was ist Himalaya-Salz?

Das Magazin „focus“ hat sich mit verschiedenen Salzsorten befasst und darüber mit Sabine Hülsmann gesprochen. Sie ist Ernährungsberaterin bei der Verbraucherzentrale Bayern. Im Beitrag werden die zum Teil sehr teueren Luxussalze wie das Himalayasalz  in Frage gestellt. Sie werden oft als besonders gesund angepriesen. Nimmt man die Versprechungen allerdings genauer unter die Lupe, bleibt meistens kaum mehr etwas davon übrig.  Das sieht auch die Verbraucherzentrale so. Was ist Himalayasalz?

Hier das Zitat zum Stichwort Himalayasalz aus dem Focus-Artikel:

„Himalaya Salz enthält eine geringe Menge Eisenoxid, was für seine Rosafärbung verantwortlich ist. Zu 97 Prozent besteht es jedoch aus Natriumchlorid. Der Anteil des enthaltenen Eisens ist Hülsmann zufolge so gering, dass keine gesundheitlichen Vorteile beim Konsum des rosafarbenen Salzes auftreten. Aber nicht nur die Zusammensetzung, auch sein Name ist trügerisch. Denn der Name Himalaya-Salz ist eine Handelsbezeichnung für rosafarbiges Steinsalz. Das Salz kommt hauptsächlich aus dem Salzbergwerk Khewra in der pakistanischen Provinz, 200 Kilometer südwestlich des Himalayagebirges. Die Verbraucherzentrale rät daher, auch im Hinblick auf den hinterlassenen ökologischen Fußabdruck, besser Salz aus der Region zu verwenden.“

Quelle:

https://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/besonders-oder-doch-alles-das-gleiche-die-salzluege-himalaya-salz-steinsalz-oder-fleur-de-sel-wie-hersteller-ihre-kunden-taeuschen_id_9313121.html

Kommentar & Ergänzung:

Die Heilungsversprechungen der Himalayasalz-Verkäufer sind zum Teil wirklich grenzenlos und allesamt ohne Substanz. Aber was teuer und exotisch ist, muss wohl in den Augen von nicht wenigen Menschen ganz besonders gut und heilsam sein. Das einfache, normale, gewöhliche Salz kann da nicht mithalten.

Dass man ein Steinsalz einfach mit dem Trick, dass man es mit dem wundersamen Begriff „Himalaya“ verbindet, so stark mit Vorstellungen von Natürlichkeit, Kraft und Ursprünglichkeit aufladen kann, ist schon eindrücklich. Ein gutes Beispiel für Manipulation in der Werbung.

Einen ausführlichen, kritischen Artikel zum Himalayasalz hat das Portal Psiram veröffentlicht.

Einen weiteren Blog-Artikel von mir zu den Luxussalzen gibt es hier:

Himalayasalz, Blausalz & Co. – leere Versprechungen zu gesalzenen Preisen

Nahrungsergänzungsmittel: Aloe vera als Superfood?

Aloe vera ist eine interessante Heilpflanze mit vielfältigen Wirkungen.

Sie zählt zu den Sukkulenten, speichert also viel Wasser. Das zeigt sich an den dickfleischigen Blättern. Aus ihrem Inneren lässt sich Aloe-Gel gewinnen – eine durchsichtige Masse. Die äusseren Blattteile enthalten dagegen das bitter schmeckende, gelbe Aloe-Latex – auch Aloe-Saft genannt.

Aloe-Saft kann zu Abführmitteln verarbeitet werden, ist zu diesem Zweck ziemlich heftig und wird deshalb nur noch selten verwendet.

Aloe-Gel wird äusserlich mit einigem Erfolg angewendet als Wundheilmittel und gegen Hautentzündungen.

Innerlich wird Aloe-Gel als Nahrungsergänzungsmittel propagiert und soll gegen eine breite Palette von Krankheiten vorbeugend oder heilend wirken – zum Beispiel bei Diabetes, Krebs oder HIV-Infektionen. Es soll auch den Körper entgiften, das Immunsystem stärken und für Wohlbefinden sorgen. Im Aloe-Gel enthalten sind Glucomannan-Polysaccharide, Enzyme, Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Der absolut grösste Teil, etwa 99 Prozent des Gels, besteht jedoch aus Wasser.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband in Deutschland hat Aloe vera als Nahrungsergänzungsmittel unter die Lupe genommen und kommt zum nüchternen Schluss:

„Viele dieser Stoffe sind auch in heimischem Obst und Gemüse enthalten.”

Diesen Tipp würde auch Prof. Bernhard Uehleke Verbrauchern geben: Wer Obst und Gemüse der Saison isst, muss nicht auf Aloe vera setzen.

Uehleke arbeitet als Experte für Phytotherapie im Immanuel Krankenhaus in Berlin. Die überzogenen Heilungsversprechen rund um Aloe vera hält er für übertrieben und Aloe vera präventiv gegen Krebs einzunehmen für Quatsch.

Quelle:

https://www.t-online.de/heim-garten/garten/id_81439046/ist-aloe-vera-eine-wunderpflanze-.html

Kommentar & Ergänzung:

Es spricht meines Wissens nichts dafür, dass die Einnahme von Aloe-vera-Präparate auf der Basis von Aloe-vera-Gel schädlich sein könnte. Ausser vielleicht für den Geldbeutel.

Aloe vera ist allerdings in den letzten Jahren zu einem Wundermittel hochstilisiert worden, das alles und jedes heilen soll. Das ist immer suspekt. Wenn ein einziges Mittel derart viele und vor allem auch noch sehr unterschiedliche Krankheiten besiegen soll, dann sind diese Versprechungen mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit unseriös. Denn es ist äusserst unwahrscheinlich, dass eine einzige Arzneipflanze Krankheiten mit derart verschiedenen Ursachen heilen kann. Aber es ist natürlich ein Wunschtraum vieler Menschen, ein solches Wundermittel zu Verfügung zu haben. Der Umgang mit Aloe vera jedenfalls hat in manchen Kreisen fast schon pseudoreligiöse Züge angenommen. Früher erwarteten die Menschen womöglich von ihrem Schutzengel umfassende Hilfe, heute von Aloe vera.

Wenn Sie sich fundiertes Wissen über Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten erwerben möchten, können Sie das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

Blick ins Pflanzenlexikon: Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera)

Das Drüsige Springkraut (Foto auf Wikipedia) ist ein Neophyt, der ursprünglich aus dem Himalaya stammt und ursprünglich als Zierpflanze verwendet wurde. Seit etwa 50 Jahren ist die schöne Pflanze in weiten Teilen der Welt vollkommen eingebürgert, vor allem in Weiden-Auenwäldern, im Auengebüsch und an Ufern. Sie liebt nasse, nährstoffreiche Böden.

Auf Wikipedia ist die Ausbreitungsgeschicht von Impatiens glandulifera beschrieben:

„Die ursprünglich aus dem Himalaya stammende Art wurde 1839 aus Kaschmir erstmals nach England importiert und gelangte von dort als Zierpflanze auf den europäischen Kontinent………….Elf Jahre nach der Einführung als Gartenzierpflanze waren bereits erste wild vorkommende Pflanzen zu beobachten, in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts konnten bereits Verwilderungen in Frankreich, an der deutschen sowie der niederländischen Nordseeküste festgestellt werden, bald auch am Oberrhein abwärts von Basel. Heute ist sie nahezu auf dem gesamten europäischen Kontinent verbreitet.“

Das Drüsige Springkraut wird nach seinere asiatischen Herkunft auch Indisches Springkraut genannt. Es verdrängt die einheimische Vegetation an manchen Stellen, insbesondere in Feuchtgebieten und an Flussläufen, und wird daher aus Naturschutzgründen manchmal bekämpft.

 Allerdings ist sie spät im Jahr noch eine gute Nahrungsquelle für Bienen (Bienenweide), was für die Natur positiv vermerkt werden kann. Das Drüsige Springkraut liefert etwa vierzigmal so viel Nektar wie eine vergleichbare einheimische Pflanze und bietet drüber hinaus hochwertigen Pollen an.

Der lateinische Name Impatiens bedeutet übrigens „Ungeduld“. Er kommt wahrscheinlich vom Schleudermechanismus der reifen Früchte, der schon bei geringer Berührung ausgelöst wird.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde hat das Drüsige Springkraut keine Bedeutung. Das hängt wohl damit zusammen, dass es sich erst verhältnismässig spät bei uns ausgebreitet hat.

Im System von Edward Bach (1886-1936) hat das Drüsige Springkraut als Bachblüte Nr. 18 Impatiens eine Bedeutung und wird unter anderem bei Schlafstörungen, Unruhe und Nervosität empfohlen. Dieser Einsatz basiert ausschliesslich auf der Idee von Edward Bach und hat keinen Anschluss an Erfahrungen traditioneller Pflanzenheilkunde oder an die wissenschftliche Phytotherapie. Aufgrund der Herstellungsweise der Bachblüten-Präparate sind darin auch keine Wirkstoffe vorhanden. Es gibt keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die Wirkung von Impatiens und anderen Bachblüten-Präparaten über Placebo hinaus geht. Studien gibt es dazu aber meines Wissens nur zu Prüfungsangst und zu ADHS. Siehe dazu:

Studie untersucht Bachblüten-Wirkung bei Prüfungsangst und ADHS

Wenn Sie die Pflanzenwelt „out-door“ kennenlernen möchten, dann biete ich dazu von Mai bis Juli ein vielfältiges Programm mit Kräuterwanderungen an.

Und falls Sie interessiert sind an fundiertem Wissen über Pflanzenheilkunde / Phytotherapie, dann empfehle ich Ihnen meine Lehrgänge Heilpflanzen-Seminar und Phytotherapie-Ausbildung.

 

Hildegard von Bingen und die „Hildegard-Medizin“

Die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 – 1179) ist eine eindrückliche Persönlichkeit, die sich neben kirchlich-religiösen und politischen Fragen auch mit der Heilkunde befasst hat. In den letzten Jahren ist eine eigentliche Hildegard-Medizin entstanden, die sich angeblich nach den Ratschlägen und Regel der Hildegard von Bingen richtet.

Fachleute wie der Medizinhistoriker Johannes Gottfried Mayer sehen das durchaus kritisch. Lange nicht überall, wo Hildegard drauf steht, ist auch Hildegard drin. Das Portal katholisch.de hat mit Mayer ein Interview geführt.

Im Gespräch kommt die Rede zum Beispiel auch auf die Dinkelbackrezepte nach Hildegard, die im Umlauf sind. Mayer sagt dazu:

„Hildegard von Bingen hat kein einziges Backrezept mit Dinkel verfasst. Sie lobt in ihren naturkundlichen Schriften zwar diese Getreidesorte, weil sie gesund sei und ein frohes Gemüt verschaffe, aber sie gibt keine Tipps für die Zubereitung von Speisen. Im Gegenteil. Wenn Hildegard ein Rezept empfiehlt, dann betrifft dies immer die Heilwirkung einer Pflanze. Alles andere, also sämtliche Kochbücher und Backbücher nach Hildegard sind eine reine Erfindung der Neuzeit.“

Mayer wird dann gefragt, ob es spezielle Hildegard-Kräuter gebe.

Antwort:

„Ja, das sind Kräuter, die vor ihrer Zeit in ihrer Heilwirkung noch nicht erwähnt oder entdeckt waren, aber in ihren heilkundlichen Werken eine bedeutende Rolle spielen. Hildegard von Bingen war zum Beispiel die erste, die die Ringelblume nennt und konkrete Anwendungen auf der Haut festlegt. Und sie nennt auch ein Wundkraut, das aus heutiger Sicht die Arnika sein könnte……………………Fenchel ist eines ihrer Lieblingskräuter. Auch hier nennt sie konkrete Rezepte für medizinische Anwendungen. Erstaunlich ist auch, dass sie asiatische Gewürzpflanzen kennt wie Ingwer, Muskatnuss oder Galgant. Das sind auch sogenannte Hildegard-Kräuter, aber keine Entdeckung von Hildegard selbst. Berühmt ist aber ihre Gewürztherapie mit Galgant für eine bessere Verdauung.“

Die Überlieferungen der traditionellen Pflanzenheilkunde und auch der Klostermedizin sind für die heutige Phytotherapie wichtig als Inspiration. Mayer legt aber auch zu Recht Wert darauf, dass man sich mit der Tradition kritisch auseinandersetzen muss. Es brauche Umsicht in der Bewertung der Anwendungen Hildegard von Bingens.

Es gibt in diesem Fundus Wert- und Sinnvolles, wie die Anwendung von Ringelblume bei Wunden. Es gibt aber auch Irrtümer und aus heutiger Sicht schlicht Unbrauchbares.

Der Medizinhistoriker Johannes Gottfried Mayer sagt dazu:

„Man kann vieles aus Hildegards Heilkunde nachmachen, aber es ist auch Vorsicht geboten. Zum Beispiel empfiehlt Hildegard bei Epilepsie eine Handvoll Maiglöckchen zu essen. Das geht gar nicht, denn damit würde man sich selbst vergiften.“

Quelle der Zitate:

https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/krauterkunde-nach-hildegard-heilsam-bis-giftig

Kommentar & Ergänzung:

Der Medizinhistoriker Johannes Gottfried Mayer ist ein Experte für die Klostermedizin. Er lehrt am Institut für Medizingeschichte der Universität Würzburg und leitet als Geschäftsführer die Forschergruppe Klostermedizin.

Mir fällt immer wieder auf, dass es im Umfeld der „Hildegard-Medizin“ viele Anhängerinnen und Anhänger gibt, die jedes Wort und jeden Rat der Hildegard von Bingen als absolute Wahrheit auffassen. Das ist meines Erachtens fragwürdig und es ist eine offene Frage, ob Hildegard das so gewollt hätte.

Tradition braucht nicht gedankenloses  Nachplappern, sondern eine interessiert-kritische, sorgfältige Auseinandersetzung. Dazu gehört auch, dass man sich um ein Verständnis bemüht über den geschichtlichen Kontext, aus dem ein alter Text stammt. Man muss eine Idee davon haben, in welchem Menschenbild und Weltbild eine Person wie Hildegard von Bingen gelebt hat, um Texte einordnen zu können.

Siehe auch:

Komplementärmedizin: Hat Tradition Recht?

Es gehört zu den interessanten und anregenden Aspekten der Phytotherapie, dass sie einen Bogen schlägt durch die Geschichte der Menschheit bis zu den modernen Erkenntnissen der Arzneipflanzenforschung.

Wenn Sie diese Verknüpfung von altem und neuem Wissen über Heilpflanzen anspricht, können Sie sich solches Wissen erwerben in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

Diskutieren nach Art eines Weisen

Zitat aus dem Milinda-Panha:

«Der König sprach: „Ehrwürdiger Nagasena, möchtest du noch weiter mit mir diskutieren?“

„Wenn du nach Art eines Weisen diskutieren willst, o König, dann schon; willst du aber nach Art eines Königs diskutieren, dann nicht.“

Wie diskutieren denn Weise, ehrwürdiger Nagasena?“

„Bei den Diskussionen der Weisen, o König, zeigt sich ein Auf- und Abwickeln, ein Überzeugen und Zugestehen; Nebeneinanderstellungen und Gegenüberstellungen werden gemacht. Und doch geraten die Weisen dabei nicht ausser sich. So, o König, diskutieren Weise.“»

Aus dem Milinda-Panha, einem altindischen Text aus dem 2. Jahrhundert v. u. Z., zitiert aus: Jens Soentgen, Selbstdenken, Peter Hammer Verlag 2003

 

Kommentar & Ergänzung:

Was sagt uns diese schöne, alte Geschichte für die Gegenwart und für die Bereiche Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde / Alternativmedizin?

Mir scheint, wir brauchen deutlich mehr Diskussionen nach Art der Weisen. Es gibt zu viele Heilsysteme, die vollständig auf dem Mist einer Einzelperson gewachsen sind. Sie gleichen den Diskussionen nach Art der Könige. Eine angeblich geniale Einzelperson erfindet ein Heilsystem und verkündet es den Untertanen bzw. AnhängerInnen. Solchen monomanen Heilmethoden ist nicht zu trauen.

Engagierte Auseinandersetzungen nach Art der Weisen führen zu fundierterem Wissen. In der wissenschaftlich orientierten Phytotherapie findet man diese arbeitsteilige Form der Erkenntnisgewinnung. Wissen wird hier immer wieder überprüft und nötigenfalls korrigiert. Es gibt lebhafte Diskussionen zwischen den Fachleuten und ein gemeinsames Ringen darum, der Wahrheit näher zu kommen. Auch wenn den Beteiligten klar ist, dass die endgültige Wahrheit nicht erreicht werden kann.

So bleibt das Wissen der Phytotherapie im Fluss. Es ist nicht statisch wie die fest gefügten Heilsysteme einzelner Monomanen.

Prüfen Sie doch, wie das jeweilige Wissen zustande kommt (oder gekommen ist), wenn Sie mit irgendeiner Heilmethode zu tun bekommen.

 

Karin Spaink zum Gesundheitsideal der Alternativmedizin

Gesundheitsideale sind zeit- und kulturabhängig und ausserdem auch zumindestens ein Stück weit unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Sich über die hier und heute herrschenden Gesundheitsideale klar zu werden und sich dabei auch das eigene Gesundheitsideal klar zu machen, ist interessant und zudem nützlich.

Hierzu ein anregendes Zitat der Schriftstellerin Karin Spaink (1) zum Gesundheitsideal der Alternativmedizin:

“Ein tiefer liegender Nährboden für den alternativen Sektor ist die Angst vor dem Tod, die Angst vor körperlichem Versagen. Mit all ihrer Kritik bestätigen alternative Heiler das Bild, das die Mediziner so gern ablegen wollen: das unmögliche Ideal permanenter Gesundheit, die für jeden erreichbar sei. Sie ergeben sich in – nur teilweise gerechtfertigter – Kritik an der medizinischen Welt und malen deren Unzulänglichkeiten in grellen Farben aus, stärken ihrerseits jedoch den Glauben der Öffentlichkeit, permanente Gesundheit sei für jedermann machbar und erreichbar – wir bräuchten nur einen anderen Weg einzuschlagen. Natürlich, so hält der alternative Sektor seiner Klientel vor, sei es bei einer derart eingeengten Sicht auf den Menschen auch kein Wunder, dass Sie nicht geheilt werden konnten. Mit unseren Methoden dagegen….Eine Heilung sei jederzeit für jedermann möglich; es komme nur darauf an, intensiv genug nach der richtigen Behandlung, dem richtigen Weg zu suchen. Das schürt das latente Schuldgefühl, das kranke Menschen manchmal haben, nur noch mehr: Ich habe nicht ausdauernd genug gesucht, noch nicht alles ausprobiert.

Früher musste man sich mit den Launen, den Unzulänglichkeiten und Störungen des Körpers abfinden – das war nicht leicht und gelang auch bei weitem nicht jedem. Heute dagegen kann man den Moment, in dem man einsieht, dass man die Launen seines Körpers vielleicht akzeptieren muss, dadurch immer wieder hinausschieben, dass man es mit noch einer Kur, noch einer Behandlung, noch einem Therapeuten versucht, dass man erst den regulären Medizinbetrieb durchläuft, danach endlos im alternativen Bereich sucht – und als Folge dieser Flucht nach vorn braucht man sich der Notwendigkeit, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht einzugestehen.”

Zitat aus: Karin Spaink, Krankheit als Schuld? Rororo 1994

(1) Karin Spaink, geboren 1957, arbeitete unter anderem als Englischdozentin und Systemprogrammierein. Seit Anfang der 1980er Jahre ist sie als freie Schriftstellerin tätig und schreibt für verschiedene Zeitungen. Sie lebt in Amsterdam. Karin Spaink ist eine mutige Kritikerin von Scientology. Im Buch “Krankheit als Schuld” kritisiert sie auch die Psychologisierung körperlicher Krankheit, wie sie durch Bücher wie “Krankheit als Weg” von Dethlefsen / Dahlke betrieben wird. Sie hält es unter anderem für anstössig, dass die Autoren “sich anmaßen, aufgrund der physischen Verfassung eines Menschen einen Röntgenblick in dessen Seele werfen zu können.“ 

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine Kritik, die in den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde /Alternativmedizin natürlich in der Regel nicht gerne gehört wird. Ich selber arbeite nun seit über 40 Jahren in diesem Terrain und muss sagen, dass ich die von Karin Spaink geschilderte Haltung an allen Ecken und Enden antreffe.

Hinter einer menschenfreundlichen Fassade sehe ich oft eine ziemliche Portion Anmassung. Mit genauso viel Überzeugung wie Naivität wird häufig die Ansicht vertreten, dass man für jedes gesundheitliche Problem die einzige und richtige Lösung kenne. Ich habe in der sogenannten „Schulmedizin“ – mit der ich mich auch nicht einfach identifiziere – deutlich mehr Bescheidenheit angetroffen – suche mir hier allerdings meine Leute auch sorgfältig aus.

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin – oder wie immer man es nennen möchte – dient meiner Erfahrung nach mit ihren grossen Heilungsversprechungen sehr oft der Abwehr von Ohnmachtserfahrungen und ich bin überzeugt davon, dass das häufig nicht zum Wohle der Patientinnen und Patienten ist. Bei Beschwerden und Krankheiten, die nicht heilbar sind, wäre es meines Erachtens oft konstruktiver, die Betroffenen darin zu unterstützen, dass sie ihre Krankheit als nun zu ihrem Leben gehörend akzeptieren können. Kraft, Zeit und Geld, die für eine permanente Suche nach der endgültigen Heilung verwendet wurden, könnten dann dafür eingesetzt werden, mit der Krankheit eine möglichst gute Lebensqualität anzustreben. Das ist allerdings für die Behandelnden eine schwierigere  und demütigere Rolle: Hier kann man nicht mehr einfach als grossartige Heilerin oder grossartiger Heiler auftreten. Gefragt ist die viel unspektakulärere Rolle einer langfristigen Begleitung der kranken Person über alle Besserungen und Rückschläge hinweg. Das ist viel anspruchsvoller auf der Ebene der therapeutischen Beziehung.

Meines Erachtens wäre es sehr wichtig, dass sowohl Behandelnde als auch Behandelte im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin sich ernsthaft mit der Kritik von Karin Spaink auseinandersetzen würden. Das würde unter anderem auch heissen, sich mit den eigenen Gesundheitsidealen zu befassen, sie zu hinterfragen und allenfalls weiter zu entwickeln.

Übersäuerung und basische Ernährung – ein fragwürdiges Konzept

Immer wieder ist zu hören, dass wir an Übersäuerung leiden, eine Basendiät brauchen, eine basische Ernährung oder gar Basenpulver.

Dieses Konzept ist sehr fragwürdig. Unser Organismus hat eine ganze Reihe von Regulationsmechanismen, um das Säure-Basen-Gleichgewicht in einem engen Rahmen stabil zu halten. Schon sehr kleine Abweichungen vom normalen pH-Wert würden schon zu gravierenden medizinischen Störungen führen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat zu dieser Frage so Stellung genommen:

“Durch Basenfasten soll der Körper entsäuert werden – eine Methode, die häufig in der Alternativmedizin angewendet wird. Basenfastende dürfen nur Lebensmittel verzehren, die als basisch gelten, wie Gemüse, Obst sowie einige Nüsse und hochwertiges Lein-, Oliven- oder Rapsöl. Als Getränke stehen Quellwasser sowie verdünnte Kräutertees zur Verfügung. Wissenschaftliche Beweise für die Wirkung dieser Fastenmethode fehlen jedoch: Weder die Existenz von Schlacken im Körper ist nachgewiesen noch die Annahme, dass säurebildende Lebensmittel den Säure-Basen-Haushalt des Körpers stören. Weil lebenswichtige Nährstoffe auf Dauer in zu geringen Mengen zugeführt werden könnten, rät die DGE von langfristigem Basenfasten ab.”

Quelle:

https://www.dge.de/presse/pm/heilfasten-basenfasten-intervallfasten/

Kommentar & Ergänzung:

Heikel an dieser Basentheorie ist, dass uns damit etwas eingeredet wird. Du bist verschlackt und übersäuert. So schlimm. Dann kann man dir eine Basendiät aufschwatzen und Basenprodukte aller Art. Man muss die Leute zuerst krank reden, damit man ihnen etwas verkaufen kann – eine Idee, Spezialpräparate etc.

Damit wird auch das Vertrauen in den eigenen Organismus untergraben. Wir haben in der Regel eine kompetente Leber und kompetente Nieren, die unsere Ausscheidungsprozesse managen. Und natürlich sollten wir diesen Organen Sorge tragen Die Basentheorie – so scheint mir – redet sie konsequent schlecht.

Klar ist aber auch: Die Lebensmittelempfehlungen der Säure-Basen-Theorie sind durchaus sinnvoll: Viel Obst und Gemüse, Nüsse, wenig Fleisch, Zucker, Weissmehl.

Dagegen gibt es keine Einwände, einfach weil diese Lebensmittelzusammenstellung gute Voraussetzungen für eine gesunde Ernährung bietet – aber nicht wegen dem pH-Wert.

Siehe auch:

Fragwürdigen Basenfasten

Basenbäder für die Bikini-Figur?

Basendiät gegen Übersäuerung des Körpers?

Übersäuerung macht krank – stimmt das?

Auch die Zeitschrift “Gesundheitstipp” hat zum Thema Basenpulver und Übersäuerung Fachleute befragt:

“«Produkte wie Basenpulver sind überhaupt nicht nötig», sagt Caroline Bernet, Ernährungsberaterin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Und der österreichische Ernährungsmediziner Kurt A. Moosburger rät von Basenmitteln nicht nur wegen des Preises ab: Die Pulver können zu Verdauungsproblemen führen, da sie die Magensäure angreifen…..
«Die Übersäuerung durch Ernährung ist ein grosser Mythos», sagt dagegen Mediziner Moosburger.”

Quelle:

https://www.gesundheitstipp.ch/artikel/d/mythos-uebersaeuerung-keiner-isst-sich-sauer/

Inzwischen gibt es nicht nur Basenpulver, sondern auch Basentees auf dem Markt, zum Beispiel den Sidroga Basentee. Er besteht aus:

Brennnesselblätter (26%), Melissenblätter (15%)Hagebuttenschalen (14%), Fenchel,  Äpfel (10%)Zimtrinde, Lindenblüten (5%)Löwenzahnkraut (5 %), KümmelBirkenblätter (1%).

Es existieren keinerlei Belege dafür, dass mit einem Kräutertee der Säure-Basen-Haushalt im Organismus in relevantem Mass beeinflusst werden kann. Allenfalls zugeführte Basen gleicht der Körper aus. Es gibt auch keinerlei Belege dafür, dass ausgerechnet diese im Sidroga Basentee enthaltenen Kräuter basisch wirken würden. Ich würde sagen: Der Sidroga Basentee ist ein Fake.

Wenn Sie reale, fundierte Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Heilpflanzen  kennenlernen möchten, können Sie daw in meinen Lehrgängen – dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

Trost und Rat

Zwei Zitate zum Thema “Trost und Rat”:

“Rathgeber des Kranken. – Wer einem Kranken seine Rathschläge giebt, erwirbt sich ein Gefühl von Ueberlegenheit über ihn, sei es, dass sie angenommen oder dass sie verworfen werden. Desshalb hassen reizbare und stolze Kranke die Rathgeber noch mehr als ihre Krankheit.”

Friedrich Nietzsche, 1844 – 1900, Philosoph

 

“Trost und Rat ist oft die Abwehr des Nicht-Betroffenen gegen das Leid des Betroffenen. Trost und Rat sind – neben anderem – auch eine Maske der Distanz.”

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks, Diogenes 1995

Ludwig Marcuse (1894 – 1971) war ein deutscher Philosoph und Schriftsteller. Ab 1944 hatte er die amerikanische Staatsbürgerschaft

Kommentar & Ergänzung:

Die beiden Zitate von Friedrich Nietzsche und Ludwig Marcuse sprechen ein wichtiges Thema an. Chronischkranke und schwerkranke Menschen werden oft überschwemmt mit Tipps und guten Ratschlägen – gerade auch aus den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde. Das ist für die Betroffenen häufig eine grosse Belastung. Gar nicht so selten ist nämlich zu beobachten, dass die guten Ratschläge mit ziemlicher Anmassung und sogar unterschwellig aggressiv verabreicht werden. Wer sich als kranke Person weigert, einen guten Ratschlag anzunehmen, gilt dann schnell als undankbar und ist selber schuld, wenn die Krankheit nicht heilt. So kann man dann mit Recht sagen, dass Ratschläge auch Schläge sein können.

Die Maske der Distanz, von der Marcuse schreibt, dient oft der Abwehr von Ohnmachtsgefühlen. Schwere Krankheiten lösen auch Ängste und Ohnmachtsgefühle aus bei Nicht-Betroffenen im Umfeld. Von solchen Gefühlen kann sich distanzieren, wer Ratschläge von sich gibt. Damit unterstellt man nämlich, dass das Problem lösbar ist, wenn die Betroffenen nur die richtigen Ratschläge befolgen.

Es kann meines Erachtens allerdings nicht darum gehen, jeden Ratschlag zu verdammen. Es kommt sehr auf die Haltung an, in der ein Ratschlag gegeben wird. Aber dass mehr Sorgfalt und Zurückhaltung beim ratschlagen nötig wäre, scheint mir sehr klar.

Auch beim Trost gilt es zu differenzieren: Ob Trost Distanz schafft oder Nähe, das hängt auch von der Haltung ab, mit der Trost „daher kommt“. Vermutlich wird ein Trost, der mehr durch „Dasein“ wirkt, eher zu Nähe führen. Ein aktivistisch daherkommender, überschwappender Trost dagegen scheint mir eher der Distanzierung zu dienen.