Hier finden Sie philosophische Gedanken und Texte zu Themen, die mich in Beruf und Alltag beschäftigen: Natur, Gesundheit, Medizin, Gesellschaft, Wissen, Wahrheit..und einiges mehr.

Philosophische Anmerkungen zum Umgang mit Pflanzen und zur Signaturenlehre

Das folgenden Zitat stammt vom französischen Philosophen Alain (1868 – 1951). Es spricht ein sehr interessantes und grundlegendes Phänomen in unserem Umgang mit Pflanzen an und hat damit auch Bedeutung für die Pflanzenheilkunde:

„Ein Mann, der die Samen seiner Kapuzinerkresse bekämpfte, um Platz zu schaffen für andere Blumen, sagte naiv: „Sie verstecken sich, sehen Sie. Seit ich ihnen den Kampf angesagt habe, haben sie sich alle unter einem Blätterdach versteckt. Sie lernen es, sich meinen Blicken zu entziehen, wie Tiere es tun würden.“ Von Natur sind wir alle Dichter, und wir beurteilen zunächst alle Dinge nach unseren politischen Ideen. In der Tat blieben nach einigen Tagen nur noch die Samenkörner, die durch ihre günstige Lage den wachsamen Gärtner getäuscht hatten. Ich erinnere mich, dass ich, als ich in einem Frühjahr von allen Seiten von einem stark wuchernden Unkraut angegriffen wurde, dessen Blätter denen der Veilchen ähnelten, fast gedacht hätten, es zöge sich in die Veilchenstauden zurück. Der erste Gedanke, der uns kommt, ist immer ein ungezügelter Gedanke; und ich wurde einen Augenblick lang von der törichten Idee ergriffen, es stecke eine pflanzliche List dahinter. Tatsächlich aber wuchs diese Pflanze fast überall; die Nachbarschaft der Veilchen bewahrte sie eine gewisse Zeit vor der Hacke.

Als Darwin auf den Gedanken kam, auf einer schottischen Weide ein kleines Stück einzufrieden, um es vor dem Vieh zu schützen, und bald Kiefern darauf wachsen sah, hätte man auch sagen können, dass die Samen der Kiefer, als sie die Einfriedung bemerkten, sich sogleich darein flüchteten. Aber Kiefern wuchsen auf der ganzen Weide; und Darwin hatte diese Sprosse wohl bemerkt, die durch die Hufe und Zähne des Rindviehs ständig knapp über dem Boden gehalten wurden. Auf den durch den Krieg unbestellten Feldern, die sich zwischen Artillerie und Infanterie erstrecken, habe ich mehr als eine Feststellung getroffen, und besonders habe ich in einem Luzernenfeld einen kleinen Wald von Hagebuchen gesehen, der dort wuchs; diese Wahrnehmung rief in meinem Geist die Feststellung Darwins wach, die so einfach ist, der es für mich aber an Anschauung fehlte. Grosse Gedanken haben etwas Kindliches, das bewirkt, dass die Schöngeister immer an ihnen vorbeigehen, ohne sie zu sehen.

Man kann also die Ökonomie eines Instinktes der Pflanzen aufstellen, die darin bestände, dass sie ein günstiges Gelände, Schutz und Licht suchen und finden. Nur metaphorisch wird man sagen, dass die Gänseblümchen einen besonnten Hang erstürmen; ihre kriechenden Stengel und ihre Samen wachsen besser auf dieser Seite. Die Winde ringelt sich in einer einzigen Nacht um einen vergessenen Spazierstock; aber sie stürzt sich nicht auf diese Stütze, um sich zum Licht zu erheben; nur da der Teil des Stengels, der auf einen festen Körper trifft, sich weniger schnell entwickelt als der freie Teil, wird der Stengel nach der Form des Stocks gebogen. Alle diese Wesen leben, so gut sie können, oder gehen ein, und ihre Formen drücken Bedingungen aus. Diese Idee führt weit; und beachten Sie, dass sie uns von der Inhärenz abwendet, wie der Schatten Platons sagte, als er die Verhältnisse des Lebens nicht so sehr durch die Eigenschaften der Pflanze als durch ihre Beziehung zur Nachbarschaft erklärte; zur Umwelt, dem Schatten, der Sonne, dem Wind, den anderen Pflanzen und Tieren, Insekten, Vögeln, Vieh, die mit der Pflanze ein einziges Wesen bilden. Ebenso bilden die Gezeiten mit der Sonne und dem Mond eine einzige Tatsache; und der Tag bildet mit der Nacht und der Mondfinsternis eine einzige Tatsache. Nach dieser Abfolge unserer Ideen in der Geschichte der Wissenschaften kann man eine neue Idee beurteilen, nicht allein nach der Erfahrung; denn die Erfahrung bestätigt oft eine törichte Idee, wie meine Beispiele zeigen. Deshalb folgte Descartes dem Königsweg, als er den Tieren jegliches Denken bestritt; denn man unterstellt den Tieren und sogar den Menschen immer zuviel Denken. Und man muss viele Abstriche machen an der List der Politiker wie an der List der Pflanzen; die Ursachen sind immer einfacher, als man annimmt, und überdies die letzten, an die man denkt; aber daraus entspringt auch eine Sicherheit des Tuns, sobald man die Ursachen erkennt. Um den Ungeduldigen zu beruhigen, bieten Sie ihm einen Sessel an.“

  1. Mai 1922

 

Alain (eigentlich Emile Auguste Chartier), Philosoph, 1868 – 1951,

Zitat aus: Sich beobachten heisst sich verändern, Insel Taschenbuch 1994

 

Kommentar & Ergänzung

Alain beschreibt in diesem Text ein interessantes Phänomen: Wir Menschen neigen dazu, die Natur zu vermenschlichen. Wir unterstellen beispielsweise den Pflanzen menschliche Verhaltensweisen, zum Beispiel eine List, oder Gefühle wie Sympathie und Fröhlichkeit. Dadurch reduzieren wir Fremdheit diesen Lebewesen gegenüber. Denn in menschliche Regungen können wir uns besser einfühlen. Allerdings bleibt der ganze Vorgang eine Unterstellung. Und so sind wir dann in der Begegnung mit diesen Pflanzen nur mit eigenen Teilen (Projektionen) in Kontakt, die wir den Pflanzen vorgängig unterschoben haben. Wer Pflanzen wirklich begegnen will, darf sie meines Erachtens nicht durch solche Unterstellungen vermenschlichen. Das setzt aber voraus, dass wir auch die Fremdheit und Andersartigkeit der Pflanzen akzeptieren und ihr auf diesem Hintergrund gegenüber treten.

Solche Vermenschlichungen von Pflanzen durch Unterstellungen passieren heutzutage rasch im Umfeld von Büchern, die Kommunikation und soziales Verhalten bei Pflanzen beschreiben, wie sie zum Beispiel Florianne Köchlin und Peter Wohlleben verfasst haben. Darin werden durchaus interessante Phänomene beschrieben. Aber die Formulierungen legen es oft nahe, den Pflanzen bewusste Ziele, soziales Verhalten oder List zu unterstellen. Da stellt sich dann die Frage, ob solche Beschreibungen noch pflanzengerecht sind.

Alain’s kleine Pflanzengeschichte drückt zudem aus, dass die Form der Pflanzen und der Ort, an dem sie jeweils wachsen, von ihren Lebensbedingungen bestimmt werden. Dieser gut dokumentierte Zusammenhang scheint bei manchen Vertreterinnen und Vertretern der Pflanzenheilkunde unbekannt zu sein. So hört man zum Beispiel immer wieder ernsthaft die Behauptung, dass diejenigen Heilpflanzen, die in meinen Garten kommen, auch diejenigen sind, welche ich brauche um gesund zu werden. Diese Überzeugung hat einen grossen „Vorteil“: Sie verleiht absolute Sicherheit darüber, welche Heilpflanze ich gerade brauche – und zwar ohne dass ich nachdenken oder etwas über Heilpflanzen lernen muss….und es ist ja auch schön, dass da jemand kommt, und sich um mich kümmert, und das ganz ohne Ansprüche zu stellen.

Im Ernst: Wir sollten bescheiden genug sein, um zu erkennen, dass wir nicht so bedeutend sind für die Pflanzen, dass sie sich um uns kümmern und zu uns kommen, wenn wir sie brauchen. Pflanzen wachsen genau dort, wo sie für sich günstige Bedingungen finden.

Und Pflanzen wachsen mit ihren Formen und Farben auch nicht so, dass sie uns dadurch mitteilen, welche Heilkräfte sie für uns bereithalten. Diese heute wieder manchmal zu hörende oberflächliche Neuauflage einer Signaturenlehre aus der Renaissance übersieht, dass die Formen und Farben der Pflanze sich genau so entwickeln, wie die Pflanze es für sich braucht – nicht für uns.

Doch auch mit diesen Erkenntnissen können wir uns an Pflanzen freuen, sie als Heilpflanzen mit Respekt nutzen und über ihre Schönheit und ihre faszinierende Lebensweise staunen.

 

John Stuart Mill über Irrtum und Erfahrung

Hier ein interessantes Zitat von John Suart Mill über Irrtum und Erfahrung:

“….Quelle alles Achtenswerten im Menschen….dass er seine Irrtümer korrigieren kann. Er ist fähig, seine Missgriffe durch Diskussion und Erfahrung richtigzustellen. Nicht durch Erfahrung allein: Diskussion tut not, um zu zeigen, wie die Erfahrung zu deuten ist. Falsche Urteile und Bräuche geben allmählich den Tatsachen und Überlegungen Raum…Sehr wenige Tatsachen sind imstande, ihre eigene Geschichte zu erzählen…”

John Stuart Mill, 1806–1873, Philosoph, Psychologe und Soziologe; Über die Freiheit, Reclam 2004

 

Kommentar & Ergänzung:

Erfahrungen sprechen nicht für sich, wir müssen sie erst zum Sprechen bringen. Jede Erfahrung ist mit verschiedenen Deutungen kompatibel. Das gilt auch für Erfahrungen mit Heilmitteln und Heilmethoden. Wenn daher von „Erfahrungsmedizin“ die Rede ist, so sagt das noch gar nichts aus. Erfahrung allein kann uns nicht sicher zeigen, ob ein Heilmittel hilft oder nicht. So zeigte sich beispielsweise in der Medizingeschichte immer wieder, dass sich Irrtümer über Jahrhunderte halten können und trotz aller Erfahrung nicht erkannt werden. Erfahrung bringt den Irrtum nicht mit Gewissheit zu Tage.

Entscheidend ist, und das sagt Mill deutlich, wie wir mit unseren Erfahrungen umgehen. Nötig ist eine kritische Diskussion aller Erfahrungen, ein Distanznehmen von eigenen Erfahrungen, um sie zu reflektieren, mit anderen Erfahrungen zu vergleichen und einzuordnen.

Wenn mir also jemand sagt, dass Heilmittel XY seiner Erfahrung nach bei Krankheit Z hilft, dann frage ich immer genau nach, wie diese Erfahrung gemacht wurde, wie sie zustande kam, und wie der betreffende Mensch sich mit seiner Erfahrung auseinander gesetzt hat. Die Antwort auf diese Fragen ist oft enttäuschend.

Es fehlt häufig jede Distanz zur eigenen Erfahrung, jedes Bewusstsein dafür, dass Erfahrung täuschungsanfällig ist und jede fundierte Auseinandersetzung mit der eigenen Erfahrung, nicht nur bei Laien, sondern auch bei Fachleuten aus Apotheken oder Drogerien, bei Praktizierenden und Lehrenden der Naturheilkunde.

Wir brauchen in diesen Bereichen mehr Bewusstsein über die eigene Irrtumsanfälligkeit und mehr krtische Auseinandersetzung mit „Erfahrungen“. Das sind Kompetenzen, die ich auch in meinen Lehrgängen zu vermitteln suche, in der Phytotherapie-Ausbildung und im Heilpflanzen-Seminar.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

 

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Vom Umgang mit Erfahrung in der Pflanzenheilkunde

 

 

Allwissenheit

Ein Zitat von Martin Seel zum Thema Allwissenheit:

“Wer alle Grillen hört, kann keine einzige hören. Wer alle Fakten kennt, hat keins von ihnen erfasst. Wer alles weiss, weiss nicht das Geringste. Allwissenheit wäre Unwissenheit.”

Zitat aus: Martin Seel, Theorien, S. Fischer Verlag 2009

Martin Seel, Theorien, S. Fischer Verlag 2009

Martin Seel (*1954) ist ein deutscher Philosoph und Hochschullehrer, der seit 2004 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt lehrt.

Kommentar:

Wenn Allwissenheit Unwissenheit ist, dasn sollten wir vorsichtig sein, wenn jemand auf jede Frage eine Antwort hat. Wer auf jede Frage eine Antwort hat, ist nicht tief genug ein ein Thema eingedrungen. Oder vielleicht sind dann unsere Fragen nicht herausfordernd genug.

Auch wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, bin ich eher skeptisch, wenn jemand auf jede Frage eine eindeutige, endgültige Antwort hat. Denn die Wirklichkeit ist selten so eindeutig und klar.

 

Diskutieren nach Art eines Weisen

Zitat aus dem Milinda-Panha:

«Der König sprach: „Ehrwürdiger Nagasena, möchtest du noch weiter mit mir diskutieren?“

„Wenn du nach Art eines Weisen diskutieren willst, o König, dann schon; willst du aber nach Art eines Königs diskutieren, dann nicht.“

Wie diskutieren denn Weise, ehrwürdiger Nagasena?“

„Bei den Diskussionen der Weisen, o König, zeigt sich ein Auf- und Abwickeln, ein Überzeugen und Zugestehen; Nebeneinanderstellungen und Gegenüberstellungen werden gemacht. Und doch geraten die Weisen dabei nicht ausser sich. So, o König, diskutieren Weise.“»

Aus dem Milinda-Panha, einem altindischen Text aus dem 2. Jahrhundert v. u. Z., zitiert aus: Jens Soentgen, Selbstdenken, Peter Hammer Verlag 2003

 

Kommentar & Ergänzung:

Was sagt uns diese schöne, alte Geschichte für die Gegenwart und für die Bereiche Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde / Alternativmedizin?

Mir scheint, wir brauchen deutlich mehr Diskussionen nach Art der Weisen. Es gibt zu viele Heilsysteme, die vollständig auf dem Mist einer Einzelperson gewachsen sind. Sie gleichen den Diskussionen nach Art der Könige. Eine angeblich geniale Einzelperson erfindet ein Heilsystem und verkündet es den Untertanen bzw. AnhängerInnen. Solchen monomanen Heilmethoden ist nicht zu trauen.

Engagierte Auseinandersetzungen nach Art der Weisen führen zu fundierterem Wissen. In der wissenschaftlich orientierten Phytotherapie findet man diese arbeitsteilige Form der Erkenntnisgewinnung. Wissen wird hier immer wieder überprüft und nötigenfalls korrigiert. Es gibt lebhafte Diskussionen zwischen den Fachleuten und ein gemeinsames Ringen darum, der Wahrheit näher zu kommen. Auch wenn den Beteiligten klar ist, dass die endgültige Wahrheit nicht erreicht werden kann.

So bleibt das Wissen der Phytotherapie im Fluss. Es ist nicht statisch wie die fest gefügten Heilsysteme einzelner Monomanen.

Prüfen Sie doch, wie das jeweilige Wissen zustande kommt (oder gekommen ist), wenn Sie mit irgendeiner Heilmethode zu tun bekommen.

 

Karin Spaink zum Gesundheitsideal der Alternativmedizin

Gesundheitsideale sind zeit- und kulturabhängig und ausserdem auch zumindestens ein Stück weit unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Sich über die hier und heute herrschenden Gesundheitsideale klar zu werden und sich dabei auch das eigene Gesundheitsideal klar zu machen, ist interessant und zudem nützlich.

Hierzu ein anregendes Zitat der Schriftstellerin Karin Spaink (1) zum Gesundheitsideal der Alternativmedizin:

“Ein tiefer liegender Nährboden für den alternativen Sektor ist die Angst vor dem Tod, die Angst vor körperlichem Versagen. Mit all ihrer Kritik bestätigen alternative Heiler das Bild, das die Mediziner so gern ablegen wollen: das unmögliche Ideal permanenter Gesundheit, die für jeden erreichbar sei. Sie ergeben sich in – nur teilweise gerechtfertigter – Kritik an der medizinischen Welt und malen deren Unzulänglichkeiten in grellen Farben aus, stärken ihrerseits jedoch den Glauben der Öffentlichkeit, permanente Gesundheit sei für jedermann machbar und erreichbar – wir bräuchten nur einen anderen Weg einzuschlagen. Natürlich, so hält der alternative Sektor seiner Klientel vor, sei es bei einer derart eingeengten Sicht auf den Menschen auch kein Wunder, dass Sie nicht geheilt werden konnten. Mit unseren Methoden dagegen….Eine Heilung sei jederzeit für jedermann möglich; es komme nur darauf an, intensiv genug nach der richtigen Behandlung, dem richtigen Weg zu suchen. Das schürt das latente Schuldgefühl, das kranke Menschen manchmal haben, nur noch mehr: Ich habe nicht ausdauernd genug gesucht, noch nicht alles ausprobiert.

Früher musste man sich mit den Launen, den Unzulänglichkeiten und Störungen des Körpers abfinden – das war nicht leicht und gelang auch bei weitem nicht jedem. Heute dagegen kann man den Moment, in dem man einsieht, dass man die Launen seines Körpers vielleicht akzeptieren muss, dadurch immer wieder hinausschieben, dass man es mit noch einer Kur, noch einer Behandlung, noch einem Therapeuten versucht, dass man erst den regulären Medizinbetrieb durchläuft, danach endlos im alternativen Bereich sucht – und als Folge dieser Flucht nach vorn braucht man sich der Notwendigkeit, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht einzugestehen.”

Zitat aus: Karin Spaink, Krankheit als Schuld? Rororo 1994

(1) Karin Spaink, geboren 1957, arbeitete unter anderem als Englischdozentin und Systemprogrammierein. Seit Anfang der 1980er Jahre ist sie als freie Schriftstellerin tätig und schreibt für verschiedene Zeitungen. Sie lebt in Amsterdam. Karin Spaink ist eine mutige Kritikerin von Scientology. Im Buch “Krankheit als Schuld” kritisiert sie auch die Psychologisierung körperlicher Krankheit, wie sie durch Bücher wie “Krankheit als Weg” von Dethlefsen / Dahlke betrieben wird. Sie hält es unter anderem für anstössig, dass die Autoren “sich anmaßen, aufgrund der physischen Verfassung eines Menschen einen Röntgenblick in dessen Seele werfen zu können.“ 

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine Kritik, die in den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde /Alternativmedizin natürlich in der Regel nicht gerne gehört wird. Ich selber arbeite nun seit über 40 Jahren in diesem Terrain und muss sagen, dass ich die von Karin Spaink geschilderte Haltung an allen Ecken und Enden antreffe.

Hinter einer menschenfreundlichen Fassade sehe ich oft eine ziemliche Portion Anmassung. Mit genauso viel Überzeugung wie Naivität wird häufig die Ansicht vertreten, dass man für jedes gesundheitliche Problem die einzige und richtige Lösung kenne. Ich habe in der sogenannten „Schulmedizin“ – mit der ich mich auch nicht einfach identifiziere – deutlich mehr Bescheidenheit angetroffen – suche mir hier allerdings meine Leute auch sorgfältig aus.

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin – oder wie immer man es nennen möchte – dient meiner Erfahrung nach mit ihren grossen Heilungsversprechungen sehr oft der Abwehr von Ohnmachtserfahrungen und ich bin überzeugt davon, dass das häufig nicht zum Wohle der Patientinnen und Patienten ist. Bei Beschwerden und Krankheiten, die nicht heilbar sind, wäre es meines Erachtens oft konstruktiver, die Betroffenen darin zu unterstützen, dass sie ihre Krankheit als nun zu ihrem Leben gehörend akzeptieren können. Kraft, Zeit und Geld, die für eine permanente Suche nach der endgültigen Heilung verwendet wurden, könnten dann dafür eingesetzt werden, mit der Krankheit eine möglichst gute Lebensqualität anzustreben. Das ist allerdings für die Behandelnden eine schwierigere  und demütigere Rolle: Hier kann man nicht mehr einfach als grossartige Heilerin oder grossartiger Heiler auftreten. Gefragt ist die viel unspektakulärere Rolle einer langfristigen Begleitung der kranken Person über alle Besserungen und Rückschläge hinweg. Das ist viel anspruchsvoller auf der Ebene der therapeutischen Beziehung.

Meines Erachtens wäre es sehr wichtig, dass sowohl Behandelnde als auch Behandelte im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin sich ernsthaft mit der Kritik von Karin Spaink auseinandersetzen würden. Das würde unter anderem auch heissen, sich mit den eigenen Gesundheitsidealen zu befassen, sie zu hinterfragen und allenfalls weiter zu entwickeln.

Zitat von Heinz von Förster zum Thema Gesundheit, Krankheit und Heilung

Hier ein Zitat von Heinz von Förster zum Thema Gesundheit und Heilung:

“Wenn jemand von Gesundheit spricht, wenn das Wort Therapie oder unter den Anhängern eines New Age der Begriff der Heilung auftaucht, wird sofort die Idee der Krankheit eingeführt und der andere implizit pathologisiert.”

Heinz von Foerster, Physiker und Philosoph

aus: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, Carl-Auer Systeme Verlag 1999

 

Kommentar & Ergänzung:

Das scheint mir ein sehr bedenkenswerter Hinweis zu sein. Gerade im Umfeld von Esoterik, Naturheilkunde, Alternativmedizin, aber auch der Pflanzenheilkunde findet man einen ziemlich inflationären Gebrauch von Begriffen wie Gesundheit, Therapie und Heilung. Und ganz viele Leute, die im Schnellverfahren zum Therapeuten oder zur Heilerin geworden sind. Darin steckt auch etwas Verführerisches: Man kann sich dadurch leicht auf die „gesunde Seite“ stellen. In Wirklichkeit spricht aber viel dafür, dass gesund und krank nicht so klar zu trennen sind.

Meines Erachtens sollten wir Worte wie „Gesundheit“, „Therapie“ und „Heilung“ seltener gebrauchen und darüber nachdenken, wie wir sie durch weniger pathologisierende Begriffe ersetzen können.

Ein ähnlicher Vorgang geschieht, wenn man den Begriff “Schulmedizin” in die Welt setzt. Man führt damit sofort auch Begriffe wie “Alternativmedizin” und “Komplementärmedizin” ein – und bereitet damit den Boden für ein unfruchtbares Lagerdenken. Das Beispiel funktioniert natürlich auch umgekehrt.

Daraus lässt sich lernen, wie wichtig ein sorgfältiger Umgang mit Begriffen ist.

Heinz von Förster (1911 – 2002) war wegbereitend für das Fachgebiet der Kybernetik und ist philosophisch dem radikalen Konstruktivismus zuzuordnen.

 

Untaugliche Standard-Heilsrezepte

Hier ein Zitat von Karl Jaspers zum Umgang mit Krankheit:

“Immer ist der Mensch in seiner Lage als ein Einzelner vor die Aufgabe gestellt, mit seiner Krankheit in seiner Welt eine Lebensform zu finden, die nicht allgemein entworfen und nicht identisch wiederholt werden kann.”

Karl Jaspers, Philosoph, 1883 – 1969

Kommentar & Ergänzung:

Das spricht gegen alle Standard-Heilsrezepte, mit denen wir überschwemmt werden.

Karl Jaspers spricht bezüglich dem Umgang mit Krankheit auch aus eigener Erfahrung:

“Von Kindheit an litt Jaspers an Bronchialproblemen (angeborenen Bronchiektasen), die seine körperliche Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigten und ihn anfällig für Infektionen machten. Strikte Disziplin zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit bestimmte und beschränkte nach autobiographischen Zeugnissen daher sein Leben, das allerdings wie das seiner Geschwister zusätzlich durch familiäre Umstände erheblich belastet war und ihn für psychologische Fragen sensibilisierte.”

Quelle: Wikipedia

 

Älterwerden mit Anne Morrow Lindbergh…..

Hier ein Zitat von Anne Morrow Lindbergh zum Thema “Älterwerden”:

“Denn könnte man die Mitte des Lebens nicht als eine Zeit zweiter Blüte, zweiten Wachstums betrachten, ja sogar als eine Art zweiter Jugend? Zugegeben, die Gesellschaft trägt im allgemeinen nicht dazu bei, die zweite Lebenshälfte unter diesem Aspekt zu sehen. Und deshalb ist diese Phase der Entwicklung oft tragischen Missverständnissen ausgesetzt. Vielen Menschen gelingt es nie, über die Hochebene der vierziger Jahre hinauszugelangen. Die Wachstumsschmerzen, die meiner Ansicht nach jenen der früheren Jugend so ähnlich sind – Unzufriedenheit, Ruhelosigkeit, Zweifel, Verzweiflung, Sehnsucht – werden fälschlich als Zeichen des Verfalls gedeutet. In der Jugend missdeutet man diese Anzeichen nicht so häufig; man nimmt sie ganz richtig als Wachstumsschmerzen in Kauf. Man nimmt sie ernst, beobachtet sie und richtet sich nach ihnen. Man hat Angst. Natürlich. Wer fürchtet sich nicht vor dem absoluten Raum – dieser atemberaubenden Leere hinter einer offenen Tür? Aber trotz aller Furcht geht man in das anstossende Zimmer.

Aber im beginnenden Alter deutet man aus der falschen Annahme, dass nun ein Verfall einsetzen muss, diese Lebenszeichen paradoxerweise als Anzeichen des nahenden Todes. Statt sich ihnen zu stellen, flieht man sie und flüchtet sich in Depressionen, Nervenzusammenbrüche, Trunk, Liebeleien oder sinn- und gedankenlose Überarbeitung. Nur nicht sich ihnen stellen und von ihnen lernen! Man versucht, die Wachstumsschmerzen zu heilen, sie auszutreiben, als seien sie Teufel, wo sie eigentlich Engel der Verkündigung sein könnten.

Engel der Verkündigung? Welcher Verkündigung? Eines neuen Lebensabschnittes, der uns nun, da wir die physischen Kämpfe, den weltlichen Ehrgeiz, die materiellen Belastungen des aktiven Lebens hinter uns gebracht haben, Zeit lässt, uns der bislang vernachlässigten Hälfte des Ich zu widmen. Man könnte frei sein, Gemüt, Herz und Talente zu entwickeln; endlich frei für ein geistiges Wachstum, befreit von der Umklammerung der Sonnenaufgangs-Muschel. So schön sie war, sie war doch eine geschlossene Welt, der man entwachsen musste. Und vielleicht kommt auch die Zeit, in der man – so bequem und anpassungsfähig sie auch sein mag – sogar der Auster entwächst.”

Anne Morrow Lindbergh, Schriftstellerin; Ehefrau, Co-Pilotin und Navigatorin von Charles A. Lindbergh, 1906 – 2001. Zitat aus: Muscheln in meiner Hand, dtv-Verlag 1983.

 

Kommentar: Wie Menschen älter werden und wie sie mit den Beschwerden des Älterwerdens umgehen, hängt stark davon ab, welche Haltung sie zum Älterwerden einnehmen. Eine kontextsensible Naturheilkunde bzw. Pflanzenheilkunde weiss um die Wichtigkeit solcher Aspekte und sucht das Heil nicht nur in der isolierten Empfehlung von Knoblauch, Ginkgo etc.

Anne Morrow Lindbergh schildert in diesem Text ihren Zugang zum Älterwerden (das Buch erschien 1955). Zu diesem Thema wird jedoch jeder Mensch seine eigene Haltung entwickeln müssen. (M.K.)

Zitat von Friedrich Nietzsche zur Neutralität der Natur

Dazu ein Zitat von Friedrich Nietzsche:

«Die Neutralität der grossen Natur (in Berg, Meer, Wald und Wüste) gefällt, aber nur eine kurze Zeit: Nachher werden wir ungeduldig. „Wollen denn diese Dinge gar nichts zu uns sagen? Sind wir für sie nicht da?“ Es entsteht das Gefühl eines crimen laesae majestatis humanae.»

Friedrich Nietzsche, Philosoph, 1844 – 1900,

aus: Menschliches, Allzumenschliches, zweiter Nachtrag: Der Wanderer und sein Schatten (1880)

 

Kommentar & Ergänzung:

Es entsteht also nach Nietzsche ein Gefühl der Beleidigung seiner Majestät, des Menschen, wenn klar wird, dass die Natur uns nichts zu sagen hat, sich nicht an uns richtet. So könnte man den Schluss dieses Zitates frei übersetzen. Nietzsche trifft hier wohl tatsächlich eine empfindliche Stelle des modernen Menschen. Im Mittelalter galt die Erde als Mittelpunkt des Kosmos und der Mensch als Krone der Schöpfung. Die ganze Welt war sinndurchtränkt. und – auch in der Renaissance – erfüllt mit Zeichen und Botschaften für den Menschen. In der Neuzeit verlor die Erde ihre zentrale Stellung im Kosmos und der Mensch seine herausgehobene Position in der kosmischen Veranstaltung. Dieser Vorgang wird immer wieder als eine Art Kränkung beschrieben. Man könnte Nietzsches Philosophie als Aufforderung deuten, diesem Verlust ins Auge zu sehen und die Welt auch dann zu lieben, wenn sie keinen vorgegebenen Sinn und keine Botschaft für uns bereit hält, sich nicht um uns kümmert.

Auf die Pflanzenheilkunde bezogen könnte man sagen: Das Festhalten an der Vorstellung, dass Pflanzen eine Signatur für uns bereithalten, ist eine Weigerung, die Entthronung des Menschen zu akzeptieren. Die damit verbundene Kränkung wird abgewehrt. Der emotionale Gewinn, die Vorstellung, von den Pflanzen gemeint zu sein, vernebelt dabei, dass es keine auch nur einigermassen plausiblen Gründe gibt für die Annahmen, dass Formen und Farben der Pflanzen mit ihren Wirkungen zusammenhängen.

Die Signaturenlehre ist historisch sehr interessant. Wenn man sich aber kritiklos an ihr orientiert entstehen krasse Fehlbehandlungen. 

 

Trost und Rat

Zwei Zitate zum Thema “Trost und Rat”:

“Rathgeber des Kranken. – Wer einem Kranken seine Rathschläge giebt, erwirbt sich ein Gefühl von Ueberlegenheit über ihn, sei es, dass sie angenommen oder dass sie verworfen werden. Desshalb hassen reizbare und stolze Kranke die Rathgeber noch mehr als ihre Krankheit.”

Friedrich Nietzsche, 1844 – 1900, Philosoph

 

“Trost und Rat ist oft die Abwehr des Nicht-Betroffenen gegen das Leid des Betroffenen. Trost und Rat sind – neben anderem – auch eine Maske der Distanz.”

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks, Diogenes 1995

Ludwig Marcuse (1894 – 1971) war ein deutscher Philosoph und Schriftsteller. Ab 1944 hatte er die amerikanische Staatsbürgerschaft

Kommentar & Ergänzung:

Die beiden Zitate von Friedrich Nietzsche und Ludwig Marcuse sprechen ein wichtiges Thema an. Chronischkranke und schwerkranke Menschen werden oft überschwemmt mit Tipps und guten Ratschlägen – gerade auch aus den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde. Das ist für die Betroffenen häufig eine grosse Belastung. Gar nicht so selten ist nämlich zu beobachten, dass die guten Ratschläge mit ziemlicher Anmassung und sogar unterschwellig aggressiv verabreicht werden. Wer sich als kranke Person weigert, einen guten Ratschlag anzunehmen, gilt dann schnell als undankbar und ist selber schuld, wenn die Krankheit nicht heilt. So kann man dann mit Recht sagen, dass Ratschläge auch Schläge sein können.

Die Maske der Distanz, von der Marcuse schreibt, dient oft der Abwehr von Ohnmachtsgefühlen. Schwere Krankheiten lösen auch Ängste und Ohnmachtsgefühle aus bei Nicht-Betroffenen im Umfeld. Von solchen Gefühlen kann sich distanzieren, wer Ratschläge von sich gibt. Damit unterstellt man nämlich, dass das Problem lösbar ist, wenn die Betroffenen nur die richtigen Ratschläge befolgen.

Es kann meines Erachtens allerdings nicht darum gehen, jeden Ratschlag zu verdammen. Es kommt sehr auf die Haltung an, in der ein Ratschlag gegeben wird. Aber dass mehr Sorgfalt und Zurückhaltung beim ratschlagen nötig wäre, scheint mir sehr klar.

Auch beim Trost gilt es zu differenzieren: Ob Trost Distanz schafft oder Nähe, das hängt auch von der Haltung ab, mit der Trost „daher kommt“. Vermutlich wird ein Trost, der mehr durch „Dasein“ wirkt, eher zu Nähe führen. Ein aktivistisch daherkommender, überschwappender Trost dagegen scheint mir eher der Distanzierung zu dienen.