Granatapfel-Extrakt als natürlicher Wehenförderer?

Ein Extrakt aus Granatäpfeln soll die Gebärmutter von Schwangeren dazu bringen, sich zusammenzuziehen. Verantwortlich dafür sei ein Inhaltsstoff namens Beta-Sitosterin, der die Muskelzellen im weiblichen Fortpflanzungsorgan beeinflusst. Zu diesem Resultat sei Professor Sue Wray von der Universität im britischen Liverpool im Tierversuch gekommen.
Diese Nachricht wurde auf dem Newsportal von Yahoo verbreitet.
Hier eine Zusammenfassung der Meldung und anschliessend ein Kommentar dazu:

Zieht sich während der Wehen die Gebärmutter einer Schwangeren nicht genügend zusammen, können Ärzte das Hormon Oxytozin anwenden, um die Muskelkontraktionen herbeizuführen. Allerdings wirkt Oxytozin nicht bei allen Frauen, so dass häufig ein Kaiserschnitt nötig wird. Nun hoffen die britischen Forscher, aus dem Granatapfel-Extrakt, der aus den Kernen gewonnen wird, in Zukunft möglicherweise wirksame Medikamente herstellen zu können.
In der Vergangenheit haben sich viele Wissenschaftler intensiv mit dem Granatapfel und der medizinischen Bedeutung seiner Inhaltsstoffe beschäftigt. Diverse Untersuchungen haben bestätigt, dass Granatapfel-Extrakte bei Erkrankungen wie Zum Beispiel Krebs oder Arthritis eine günstige Wirkung auf die Gesundheit der Patienten haben können.

Quelle:
http://de.news.yahoo.com

Kommentar & Ergänzung:

Die Meldung scheint sensationeller als sie ist. Beta-Sitosterol ( = Beta-Sitosterin) kommt in der Pflanzenwelt ziemlich verbreitet vor und ist keineswegs ein spezifischer Inhaltsstoff in Granatapfel-Kernen (Punica granatum).

Beta-Sitosterin, ( = Beta-Sitosterol) gehört zur Gruppe der Phytosterine, deren chemische Strukturen Ähnlichkeit mit der von Cholesterin aufweisen.
Sitosterin wurde erstmals 1897 aus Weizenkeimöl isoliert.

In den folgenden Jahren wurde Beta-Sitosterin dann auch in zahlreichem anderen Pflanzenölen gefunden (z. B. in Maiskeimöl, Roggenkeimöl, Baumwollsamenöl, Avocadoöl, Olivenöl, Kürbissamenöl, Sojaöl). Es kommt aber auch vor in Tallöl, Calabarbohnen, Cinchonawachs und Cinchonarinde, in Pekannüssen, der Sägepalme (Serenoa repens), in Avocado (Persea americana), Kürbissamen (Curcurbita pepo), Prunus africana (Pygeum africanum), Cashewnüssen, Reiskleie, Sanddorn und Bocksdornfrüchten bzw. Gojifrüchten.

Im Bereich Pflanzenheilkunde / Phytotherapie spielt Beta-Sitosterol eine Rolle als Inhaltsstoff von Heilpflanzen gegen die Beschwerden bei gutartiger Prostatavergösserung (Benigne Prostatahyperplasie). Im Vordergrund stehen dabei Brennesselwurzel, Sägepalmenfrüchte, Hypoxis-rooperi-Rhizom, Pygeum afrikanum.
Wikipedia führt eine Liste der Pflanzenteile mit den höchsten Konzentrationen an Beta-Sitosterol (Angabe in parts per million):
Cherimoya-Samen (Annona cherimola MILL.): 10000-14000 ppm
Zweigriffliger Weißdorn-Blüten und Weissdorn-Blätter (Crataegus laevigata (POIR.) DC): 6500-7800 ppm in den Blüten; 5100-6200 ppm in den Blättern
Echter Schwarzkümmel-Samen (Nigella sativa L.): 3218 ppm
Gemeine Nachtkerzen-Samen (Oenothera biennis L.): 1186-2528 ppm
Salbei-Blätter (Salvia officinalis L.): 5-2450 ppm
Weiße Maulbeere (Morus alba L.): 2000 ppm in den Blättern
Senna obtusifolia (L.) H.IRWIN & BARNEBY: 1000-2000 ppm in den Samen
Buchweizen-Samen (Fagopyrum esculentum MOENCH.): 1880 ppm
Basilikum-Blätter (Ocimum basilicum L.): 896-1705 ppm
Mais (Zea mays L.): 1300 ppm in Maisgriffel, in Narbe/Stylus (Maisgriffel)
Salbei-Stiel (Salvia officinalis L.): 1214 ppm
Basilikum-Blüte (Ocimum basilicum L.): 1051 ppm
Sanddorn-Samen (Hippophae rhamnoides L.): 550-970 ppm
Sojabohne (Glycine max (L.) MERR.): 900 ppm in den Samen
Süßholz-Wurzel (Glycyrrhiza glabra L.): 500 ppm in Radix Liquiritiae
Basilikum-Wurzel (Ocimum basilicum L.): 408 ppm
Duftveilchen (Viola odorata L.): 330 ppm in der Pflanze
Basilikum-Sprossen (Ocimum basilicum L.): 230 ppm im Stiel des Keimlings
Ashwaganda-Wurzel, Schlafbeeren-Wurzel (Withania somnifera (L.) DUNAL): 200 ppm
Sägepalme-Früchte, Sabalpalme (Serenoa repens (W. BARTRAM) SMALL): 189 ppm

Zur pharmakologieschen Wirkung von Beta-Sitosterol

Die normale Aufnahme von Beta-Sitosterin durch die Nahrung beträgt etwa 250-300 mg pro täglich. Dabei werden im Magen-Darmtrakt etwa 5 % des aufgenommenen Beta-Sitosterins resorbiert.
Allein oder in Kombination mit ähnlichen Phytosterinen vermag Beta-Sitosterin in höheren Dosen (1-3 g pro Tag) den Cholesterinspiegel des Blutes zu reduzieren und wird daher manchmal als Mittel gegen Hypercholesterinämie eingesetzt, da es die Cholesterinaufnahme bremst.
Beta-Sitosterin wird in der Pflanzenheilkunde in niedrigeren Dosierungen (mg-Bereich) zur symptomatischen Behandlung einer beginnenden Benignen Prostatahyperplasie (BPH) eingesetzt.
Auch zur unterstützenden Behandlung von Prostatakarzinom und Brustkrebs wird es verwendet. Die Wirkprinzipien sind noch weitgehend unbekannt. Solide Studien fehlen. Diskutiert werden hormonartige Effekte (estrogenartig) und die Hemmung der Prostaglandinsynthese.

Auf welchem Weg Beta-Sitosterol wehenfördernd wirken soll, bleibt unklar. Eine Hemmung der Prostaglandinsynthese würde sich wohl eher negativ auswirken, da Prostaglandin E2 eine wichtige Rolle bei den Wehen spielt.
Den Artikel auf Yahoo-News kann man meines Erachtens zusammenfassen mit: Viel Wind, aber wenig Substanz.
Aber wer weiss, vielleicht zeigen ja zukünftige Forschungen, dass……..
Weitere Infos über Granatapfel:
Ellagsäure aus Granatapfel hemmt Brustkrebs im Labor
http://heilpflanzen-info.ch/cms/2010/02/13/ellagsaeure-aus-granatapfel-hemmt-brustkrebs-im-labor.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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