Inulin als Appetithemmer?

Die Pressemitteilungen der Forschungsgruppe Klostermedizin der Universität Würzburg zeichnen sich durch Verlässlichkeit aus. Die Mitteilung unter der Schlagzeile “Beim Abnehmen bremst Inulin den Hunger” kommt allerdings etwas reisserisch daher.
Hier eine kurze moderierte Zusammenfassung:

Gegen quälenden Hunger beim Abnehmen könne der Ballaststoff Inulin helfen. Entsprechende Präparate bewirkten ein Sättigungsgefühl und trügen so zur Gewichtssenkung bei, erklärt Johannes Gottfried Mayer von der Forschungsgruppe Klostermedizin in Würzburg.

“Inulin ist ein nach dem Alant benannter Ballaststoff, der auch Alantstärke genannt wird”, sagt Mayer. Weil es den Blutzuckerspiegel nicht beeinflusse, lasse sich Inulin auch als Stärkeersatz bei Diabetes verwenden.

Genutzt wird Mayer zufolge heute ausschließlich die Wurzel der seit Jahrtausenden bekannten Heilpflanze Alant (Inula helenium), die bis zu 44 Prozent Inulin enthält. Der menschliche Körper könne es nicht aufnehmen, weil ihm das dazu nötige Enzym fehlt. “Dafür dient es den nützlichen Milchsäurebakterien im Darm als Nahrung”, erklärt der Forscher. Weil dadurch eine gesunde Darmflora gefördert wird, haben Krankheitserreger und Entzündungen weniger Chancen. In der modernen Pflanzenheilkunde – der Phytotherapie – finde sich Alantwurzel darüber hinaus in einigen Kombinationspräparaten für Magen-Darm-Beschwerden und in Leber-Galle-Mitteln.

Quelle:
http://www.geomix.at

Kommentar & Ergänzung:

Inulin als Schlankheitsmittel, als Appetithemmer?
Was genau ist Inulin?
Inulin ist ein Gemisch von Polysacchariden aus Fruchtzucker-Molekülen (Fructose) mit einer Kettenlänge bis zu 100 Molekülen, und einem endständigen Glucoserest, und zählt zu den Fructanen. Inulin wird in zahlreichen Pflanzen als Reservestoff eingelagert, vor allem in Arten der Korbblütler: etwa Topinambur, Zichorien, Dahlie, Artischocke, Gewöhnlicher Löwenzahn, Schwarzwurzeln, aber auch in Doldenblütlern, beispielsweise in der Pastinake. Inulin wurde 1804 im Alant (Inula helenium L.) entdeckt.
Inulin kann in der Behandlung der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) als Stärke-Ersatz eingesetzt werden, denn es beeinflusst den Blutzucker-Spiegel nicht. Inulin wird im Dünndarm nicht resorbiert, weil dem menschlichen Organismus das abbauende Enzym (Inulinase) fehlt. Stattdessen wird es im Enddarm durch Bakterien zu kurzkettigen Fettsäuren abgebaut. Die bei diesem mikrobiellen Abbau produzierten Gase können bei empfindlichen Menschen zu Flatulenzen führen (Flatulenz (von lat. flatus “Wind, Blähung”, Blähungen) – der einzigen bekannten Nebenwirkung beim Verzehr inulinhaltiger Pflanzenteile. Inulin dient hauptsächlich den nützlichen Darmbakterien (Milchsäurebakterien) als Nahrung. Dabei schafft der Abbau solcher Präbiotika ein saures Milieu, welches dem Überleben krankheitserregender Bakterien entgegenwirkt und Darminfektionen vorbeugt. Regelmäßiger Verzehr geeigneter Mengen führt zur Verbesserung der Darmflora.
Inulin wird heutzutage häufig als Zutat in der Lebensmittelherstellung verwendet (Joghurt), beispielsweise als Fettersatz und um den Geschmack, die Textur und das Mundgefühl zu verbessern. Auch wird Inulin Wurstwaren zur Steigerung ihres Ballaststoff-Anteils zugegeben. Inulin dient weiterhin als Grundstoff zur Produktion von Fructose. Wird Inulin regelmäßig mit der Nahrung aufgenommen, senkt das die Blutfettwerte und fördert die Anwesenheit von Bifidus.
(Zusammengefasst aus Wikipedia)

Inulin ist vor allem ein Füllmittel in Lebensmitteln. Es gibt der Nahrung Volumen und kann daher möglicherweise ein Sättigungsgefühl bewirken – und es hat gleichzeitig nur wenig Kalorien. Aber ob das wirklich reicht, um Inulin als Appetithemmer oder gar Schlankmacher zu propagieren?
Oft als “Appetitzügler” vermarktet wird im übrigen Helianthus tuberosus (Topinambur). Helianthus-Tropfen werden vor allem im Internet und in Drogerien angeboten.
Topinambur ist bei Diabetikern beliebt (“Diabetiker-Kartoffel”) da er zu rund 16 % aus Kohlenhydraten in Form des Mehrfachzuckers Inulin besteht. Die Anpreisung von Helianthus-Tropfen als “Appetitzügler” ist sehr fragwürdig, ein Ballaststoff-Effekt kann von solchen Naturheilmitteln auf Tinkturbasis jedenfalls nicht erwartet werden. Auch nur einigermassen plausible Belege oder Begründungen für eine solche Wirkung habe ich jedenfalls bisher nicht gefunden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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