Kult des Positiven Denkens

Als Schüler haben mich die Bücher des New Yorker Pastors Norman Vincent Peale zur „Kraft des Positiven Denkens“ sehr angesprochen. Erst viel später habe ich realisiert, wie verlogen dieses zwangshafte „Positive Thinking“ ist und wie ungesund.

Im Portal „Geschichte der Gegenwart“ gibt die Historikerin Brigitta Bernet einen interessanten Einblick in die Geschichte dieser Bewegung. Wie stark Peale auch eine politische Mission verfolgte und mit seinen Schriften rechtskonservative Normen verbreitete, war mir bisher nicht klar.

Bernet schreibt, dass Peales politische Mission ihn zum Freund von Richard Nixon und Ronald Reagan machte, aber auch von Bill Clinton und Donald Trump. Trump, habe als Kind mit seiner Familie regelmässig an den Gottesdiensten von Peale teilgenommen und sich 1978 (mit seiner ersten Frau Ivana) von diesem trauen lassen. Er habe seine Prägung durch Peale stets hervorgehoben und sich auch jüngst wieder als „firm believer in the power of being positive“ bezeichnet.

Bernet verweisst auf Carl Cederström, der im Guardian schrieb, dass Trumps Begriff von Wahrheit und alternativen Fakten direkt auf Peales Glaube an die Macht des positiven Denkens zurückzuführen sei. Dieses Denken laufe darauf hinaus, sich eine eigene Wirklichkeit zu konstruieren, über die man die vollständige Verfügungsgewalt hat. Bei Trump sei das absichtliche Ausblenden der äusseren Umstände zur politischen Kerntugend geworden. Daran knüpfe eine Moral an, die von den Einzelnen verlangt, die Verantwortung für ihr Handeln auch dort zu übernehmen, wo die Rahmenbedingungen längst zu ihren Ungunsten festgelegt sind.

Bernet geht aber auch auf den Boom des „Positiven Denkens“ in Managment- und Motivationskursen ein:

„Der gegenwärtige Kult des positiven Denkens mag Vorgesetzten und Arbeitgebern entgegenkommen, denen vorgetäuschter Frohsinn lieber ist als Klagen und Kritik. Für die Betroffenen aber ist er alles andere als leicht. Anstatt die Menschen ernst zu nehmen und ihnen zu einer realistischen Sicht zu verhelfen, übt die Glückspsychologie das Schönreden des Status quo ein. Ihre Techniken zielen darauf, Gefühle wie Angst und Auflehnung zu verleugnen und hinter einer kosmetischen Schicht von Munterkeit zu verbergen.“

Bernet verweisst auch auf den dänischen Psychologen Svend Brinkmann, der in seinem Anti-Ratgeber Stand Firm. Resisting the Self-Improvement Craze von 2017 betonte, dass der aktuelle Kult des Optimismus für viele Menschen zu einer Belastung geworden ist. Wer Unsicherheit, Angst oder Enttäuschung zeige, stehe im positiven Unternehmen schnell einmal als Losertyp da, von dem sich auch KollegInnen fernhalten, um nicht in den Strudel der „Abwärtsspirale“ zu geraten.

Die Folgen der neuen Happiness-Kultur seien nicht nur Egozentrik und Verblödung, sondern auch ein Verlust an Empathie, Toleranz und Solidarität:

„Die Gefahren des Self-Made-Man wie auch der Self-Made-Nation liegen darin, dass durch die positive Selbstmanipulation der Sinn für die Realität verloren geht. Denn offensichtlich ist die neue Glückspsychologie kein Mittel, das auf die Erhöhung des allgemeinen Wohlstands oder des individuellen Glücks zielt. Viel eher ist sie ein Schmiermittel für den Umbau der Subjekte nach Massgabe der globalen Marktwirtschaft und eine Ideologie, die soziale Ungleichheiten zu legitimieren und zu verschleiern hilft.“

Quelle:

http://geschichtedergegenwart.ch/smile-or-die-der-kreuzzug-des-gluecks-gegen-die-vernunft/

Kommentar & Ergänzung:

Der „Kult des Positiven Denkens“ kann auch im Bereich von Gesundheit und Krankheit zu ausgesprochen fragwürdigen Auswüchsen führen.

Dann heisst es zum Beispiel: Wer gesund werden will, wird gesund – und wer krank bleibt, will nicht wirklich gesundwerden.

Die Vorstellung, Gesundheit könne zu 100% beeinflusst werden, wenn man nur genug stark wolle, ist eine Allmachtsphantasie. Damit werden oft Ohnmachtsgefühle vermieden, die mit Krankheiten verbunden sein können. Konstruktiver wäre es, mit Ohnmachtsgefühlen umgehen zu lernen. Dazu gehört auch zwischenmenschliche Solidarität.

Besonders abstosssend wird es, wenn chronisch kranken Menschen unterstellt wird, dass sie einfach nicht gesund werden wollen. Das ist nur noch pure Arroganz.

Wer derart radikal ausblendet, dass wir Menschen unsere Gesundheit niemals vollständig in der eigenen Hand haben können, kann sich auch sehr einfach von jeglicher zwischenmenschlichen Solidarität absetzen. Wer krank ist, ist dann selber schuld.

Wir sind nicht ohne Einfluss auf unsere Gesundheit und stehen in dieser Hinsicht auch in einer Verantwortung. Dieser Einfluss und diese Verantwortung sind aber limitiert. Sie sind nicht immer vorhanden und nicht an jedem Punkt. Krankheit kann jeden Menschen treffen, zufällig, schicksalshaft, oder wie auch immer man das benennen will.

Nur wenn wir akzeptieren, dass Krankheit jeden und jede treffen kann, entsteht ein solider Boden für zwischenmenschliche Solidarität. Denn wenn ich mir einrede, dass ein Kranker gar nicht gesund werden will und folglich an seinem Zustand selber schuld ist, dann kann ich mir auch einreden, dass wir uns als Gesellschaft nicht an entstehenden Pflegekosten zu beteiligen brauchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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