Polyphenole für Herz & Kreislauf – schwache Datenlage

Polyphenole aus Nahrungsmitteln und Heilpflanzen gelten als gesund für das Herz. Auf eine kardioprotektive Wirkung weisen zumindest In-vitro- und einige epidemiologische Untersuchungen hin. Die Datenlage ist allerdings dünn und Langzeitstudien fehlen.

Polyphenole sind aromatische Verbindungen, die zu den sekundären Pflanzenstoffen zählen. »Mit der Nahrung nehmen wir eine große Zahl verschiedener Polyphenole auf«, erklärte Professor Dr. Augustin Scalbert, Saint-Genès-Champanelle, Frankreich, auf dem 58. Jahreskongress der Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung (GA). Dem Thema »Anwendung von Polyphenolen gegen kardiovaskuläre Erkrankungen« war ein Symposium auf dem Kongress gewidmet, der in Berlin stattfand.

Die Polyphenole sind in verschiedenen Produkten enthalten, von Früchten und Gemüse über Tee, Kaffee, Kakao bis hin zu Wein. »Sie unterscheiden sich zum Teil stark in ihren Eigenschaften, zum Beispiel in der Bioverfügbarkeit«, erläuterte Scalbert. Innerhalb der komplexen Gruppe der Polyphenole unterscheidet man Lignine, Tannine und Flavonoide. Am besten untersucht sind die Flavonoide, zu denen unter anderem die Flavonole, Isoflavonoide und die Anthocyane zählen.

Über 6500 verschiedene Strukturen sind bekannt, die in unterschiedlichem Ausmaß in Pflanzen enthalten sind. Wer den Gehalt an bestimmten Flavonoiden von pflanzlichen Lebensmitteln wissen will, kann eine neue Datenbank nutzen, sagte Scalbert. Unter www.polyphenol-explorer.eu sind Gehaltsangaben von 500 verschiedenen Substanzen in mehr als 400 Lebensmitteln aufgeführt. Die Datenbank enthält für die einzelnen Substanzen auch die Originaldaten aus den Publikationen. Mit der Nahrung nimmt der Mensch insgesamt rund 1 Gramm Polyphenole täglich auf.

Wirkungen der Polyphenole im Labor

In einigen epidemiologischen Studien war eine obst- und gemüsereiche Ernährung mit einer niedrigeren Gesamtmortalität, hauptsächlich wegen einer niedrigeren Inzidenz von Tumor- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert. Der Effekt wurde teilweise den enthaltenen Polyphenolen zugeschrieben. In-vitro-Untersuchungen ergeben Hinweise für mögliche physiologische Funktionen.

So entfalteten Flavonoide in In-vitro-Tests antioxidative Wirkung, einige konnten die Thrombozytenaggregation hemmen. Einen weiteren möglichen Effekt präsentierte Professor Dr. Valerie Schini-Kerth von der Universität Louis Pasteur, Straßburg. In Untersuchungen an Koronararterien von Schweine­herzen hatte sie mit ihren Kollegen entdeckt, dass Flavonoide aus Trauben eine endothelabhängige Relaxation der Gefäße bewirken. Die Polyphenole regen die Endothelzellen zu einer vermehrten Bildung von Stickstoffmonoxid (NO) an, das zu einer Entspannung der glatten Muskelzellen der Blutgefäße führt. Dabei sind Flavonoide aus Traubensaft ebenso wirksam wie aus Rotwein, der jedoch wegen des Alkoholgehalts eine ungeeignete Polyphenolquelle darstellt.

Für Rotwein-Polyphenole konnte in Untersuchungen auch gezeigt werden, dass sie einen durch Angiotensin-2 künstlich induzierten Bluthochdruck bei Ratten verhindern können, sagte Schini-Kerth. Dies soll funktionieren, indem die Substanzen die durch Angiotensin-2 induzierte Expression von NADPH-Oxidase in den Aorten vermeiden. Dadurch wird die Produktion reaktiver Oxygen-Spezies (ROS) und somit oxidativer Stress verhindert. Dieser wiederum vermindert die Bildung von NO.

Wirkungen der Polyphenole beim Menschen

Inwieweit die in Laboruntersuchungen beobachteten Wirkungen der Polyphenole beim Menschen zum Tragen kommen, ist noch unklar. »Viele In-vitro-Studien zu oxidativem Stress konnten nie zu Effekten im Menschen in Relation gesetzt werden«, erklärte Scalbert. Ob Polyphenole aus der Nahrung tatsächlich kardioprotektive Wirkung entfalten, haben Professor Dr. Aedin Cassidy von der University of East Anglia in Norwich und ihre Kollegen in einer Metaanalyse untersucht (»American Journal of Clinical Nutrition«, 2008, Band 88,1, Seiten 38 bis 50). Dazu werteten sie 133 randomisierte kontrollierte klinische Studien aus, die jeweils eine Flavonoid-Intervention entweder mit einem Extrakt oder mit Flavonoid-reichen Nahrungsmittel beinhalteten. Endpunkte der Studien waren nicht die kardiovaskuläre Mortalität oder Morbidität, sondern Risikofaktoren wie Blutdruck, Cholesterolspiegel und die flussvermittelte Dilatation (FMD), sagte Cassidy. Letztere ist ein Parameter für die Endothelfunktion, wobei eine starke Dilatation als Zeichen für gesunde Gefäße gedeutet wird.

Der Metaanalyse zufolge verbesserten Rotwein, Trauben und Schwarztee die Endothelfunktion nicht. Schokolade und Kakao dagegen steigerten den FMD-Wert um 4 Prozent. Dabei lägen nur wenige Daten für einen regelmäßigen Konsum über einen längeren Zeitraum vor, hielt Cassidy fest. Die längste Studie erstreckte sich über zwölf Wochen. Beim Blutdruck erhielten die Wissenschaftler ähnliche Resultate: Während der wiederholte Genuss von Rotwein, Trauben und Tee keinen Einfluss hatte, konnten Schokolade und Kakao den Blutdruck um 6  mmHg systolisch und 3 mmHg diastolisch reduzieren. »Der Schutzeffekt von Schokolade für das Herz-Kreislauf-System ist aber so gering, dass mit Hinblick auf deren Fett- und Kaloriengehalt nicht zu einem regelmäßigen Verzehr geraten werden kann«, erklärte Cassidy.

Auf den HDL-Wert hatte keine der Flavonoid-Gruppen einen messbaren Effekt, der LDL-Wert konnte durch den Konsum von Grüntee vermindert werden. Für zahlreiche Flavonoid-Gruppen lägen keine ausreichenden Daten vor, um eine Bewertung vorzunehmen, sagte Cassidy. Insgesamt fehlen allerdings große Untersuchungen mit klinisch relevanten Endpunkten. Fehlende Daten dürften jedoch nicht als Wirkungslosigkeit der Flavonoide interpretiert werden, schrieb Cassidy in der Veröffentlichung von 2008. /

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=35170&type=0

Kommentar & Ergänzung:

Polyphenole sind eine wichtige Wirkstoffgruppe für die Phytotherapie bzw. Pflanzenheilkunde. Insbesondere die Flavonoide sind gut verträgliche und wirksame Inhaltsstoffe vieler Heilpflanzen wie zum Beispiel Weissdorn, Ginkgo, Mariendistel (Silymarin), Buchweizenkraut (Rutin).

Wenn Cassidy schreibt, dass fehlende Daten nicht al Wirkungslosigkeit der Flavonoide interpretiert werden dürfen, dann ist dem zuzustimmen.

Die Veröffentlichung in der Pharmazeutischen Zeitung spricht jedoch einen anderen zentralen Punkt an: Zwischen Ergebnissen im Labor und Wirkungen am Menschen ist strikt zu unterscheiden. Im Bereich der Polyphenole gibt es umfangreiche Laborforschung (z. B. mit EGCG aus dem Grüntee) mit interessanten Resultaten. Aber es ist rein von Laborergebnissen her jeweils noch nicht gewiss, ob die beobachteten Effekte sich auch beim lebenden Menschen zeigen. Diese Unterscheidung wird sehr oft auch in Medienmitteilungen, Presseartikeln und sogar in der Fachliteratur nicht oder zuwenig beachtet.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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