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Naturheilkunde: Bewährte Hausmittel für Kinder

Der österreichische „Kurier“ bricht eine Lanze für bewährte Hausmittel. Dabei kommt auch der Kinderarzt Karl Zwiauer zu Wort. Er ist Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Universitätsklinikum St. Pölten:

„Mit dem Aufkommen der modernen Medizin – Stichwort Antibiotika – sind viele Hausmittel in Vergessenheit geraten. Jetzt gibt es eine gewisse Rückbesinnung.“

Als Beispiel erwähnt er warme Wickel (z. B. gegen Husten oder Halsschmerzen), welche die Durchblutung verbessern, Regenerationsprozesse anregen und die lokale Abwehr stärken. Da gehe es einem schnell besser. Früher hätten die Ärzte viel rascher Antibiotika verschrieben, heute sei man da konservativer. Der Kinderarzt weist aber auch auf die Grenzen der Hausmittel hin: Bessere sich ein schlechter Zustand von Säuglingen und Kleinkindern nicht innert eines Tages wesentlich, sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.

Bei Heilpflanzen rät Zwiauer zu Präparaten in Arzneibuchqualität (erhältlich in Apotheken und Drogerien): „Da weiß man, was drinnen ist und kann sich auf die Wirkung verlassen.“

Quelle:

https://kurier.at/gesund/warum-jetzt-omas-heilwissen-wieder-in-ist/400309764

 

Kommentar & Ergänzung:

Sehr vernünftiges Statement.

Irgendwie scheint heute nämlich über weite Strecken das richtige Mass abhanden gekommen zu sein. Einerseits gibt es Eltern, die schon mit kleineren Beschwerden ihrer Kinder – zum Beispiel einer normalen Erkältung – überfordert sind und mit den Kleinen zum Arzt oder gleich ins Spital rennen. Ihnen würden wohl bessere Kenntnisse bewährter Hausmittel mehr eigenen Handlungsspielraum verschaffen und mehr Gesundheitskompetenz vermitteln. Andererseits gibt es gerade auch in Kreisen der Alternativmedizin Eltern, die den eigenen Methoden zuviel zutrauen und zu spät ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, wodurch immer wieder auch Kinder zu Tode kommen. Darum ist es wichtig, wie Zwiauer auch auf Grenzen der Selbstbehandlung hinzuweisen.

Ich bin auch mit dem Hinweis einverstanden, bei Heilpflanzen-Präparaten Arzneibuchqualität zu bevorzugen, weil damit ein gewisser Qualitätsstandard gewährleistet ist. Vor allem würde ich keine Heilkräuter und auch sonst keine Arzneimittel via Internet beziehen. Dort werden derart viele Fälschungen angeboten, dass die Sicherheit der Produkte nicht gewährleistet ist.

Eine fundierte Phytotherapie eignet sich im übrigen bestens, um verlorengegangenes Wissen über Hausmittel in erneuerter Form wieder aufzubauen.

Wer sich für fundiertes Heilpflanzen-Wissen für die Anwendung bei Kindern und Erwachsenen interessiert, dem empfehle ich meine Lehrgänge – das Heilpflanzen-Seminar und die Phytotherapie-Ausbildung.

 

 

EU will hormonschädigende Stoffe stärker unter die Lupe nehmen

Die EU-Kommission will in den kommenden Wochen und Monaten die Auswirkungen von hormonschädigenden Chemikalien in Europa genauer erfassen. Die diesbezügliche EU-Gesetzgebung soll auf Schlupflöcher hin untersucht werden.

Hormonell wirksame Substanzen – sogenannte endokrine Disruptoren – finden sich zum Beispiel in Kunststoffen und Körperpflegeprodukten. Sie werden mit hormonbedingten Krebserkrankungen sowie Fortpflanzungsstörungen und Fruchtbarkeitsstörungen in Verbindung gebracht.

Europäische Umweltorganisationen und Verbraucherschutzorganisationen hatten zuletzt eine umfassendere EU-Strategie verlangt.

Die Grünen im Europaparlament verlangen strengere Prüfverfahren, da hormonell wirksame Substanzen bereits in sehr geringer Dosis Menschen schaden könnten. Darüber hinaus pocht die Fraktion auf einen offenen Zugang zu allen Studien, die solche Chemikalien untersuchen.

Eine von den Grünen selbst in Auftrag gegebene Studie hat aufgezeigt, dass die Ablagerung von Pestiziden, die endokrine Disruptoren enthalten, sich im menschlichen Körper häufig nachweisen lässt. Ein französisches Forschungsinstitut analysieerte dazu etwa 150 Haarproben aus sechs EU-Ländern. In rund 60 Prozent der Haare fanden die Wissenschaftler mindestens ein Pestizid.

Am häufigsten kam die Substanz Fipronil vor, die hauptsächlich durch einen Skandal mit verseuchten Eiern bekannt wurde. Der Grünen-Europapolitiker Sven Giegold hält die Ergebnisse für einen Weckruf. Er weist darauf hin, dass niemand sich selbst vor den giftigen Stoffen schützen kann, da sie in vielen Alltagsprodukten enthalten sind.

Quelle:

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/98990/Bruessel-will-hormonschaedigende-Stoffe-staerker-in-den-Blick-nehmen

 

FAQ der EU-Kommission zu endokrinen Disruptoren:

http://europa.eu/rapid/press-release_MEMO-17-1907_de.htm

 

Kommentar & Ergänzung:

Das ist ein wichtiges Thema, das über weite Strecken wohl noch unterschätzt wird.

Eine US-Studie kommt im übrigen zum Schluss, dass auch Lavendelöl und Teebaumöl als endokrine Disruptoren wirken undden Hormonhaushalt stören können – in Körperpflegeprodukten verwendet wirkten sie offenbar wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Allerdings waren das vielleicht auch Einzelfälle aufgrund von individueller Disposition. Es spricht aber viel dafür, Lavendelöl und Teebaumöl nicht einfach so täglich in Körperpflege- oder Wellnessprodukten zu verwenden, sondern nur mit einer sinnvollen Indikation.

Siehe:

Stören Lavendelöl und Teebaumöl den Hormonhaushalt?

Ausserdem zu diesem Thema:

Die Alternativmedizin spiegelt Menschen oft eine individuelle Lösbarkeit für die Probleme mit Umweltgiften vor:

Mit all den Entgiftungskuren, Blutreinigungstees, Detox-Diäten etc. wird er Eindruck erweckt, man könne mit sochen Mitteln Umweltgifte ausleiten.

Das ist Unsinn.

Sieh dazu auch:

Detox ist Unsinn

Detox entschlankt nur den Geldbeutel

Brennnesseltee für Detox?

Entgiftungsdiäten & Detox-Diäten – bodenlose Versprechungen

Detox-Pflaster zur Entgiftung

Detox: Fragwürdiger Trend mit Entgiftungskuren

Detox-Rezepturen & Entgiftungsmittel meiden

Michèle Binswanger im Tages-Anzeiger über Entgiftung für Detox-Deppen

Das Problem der Umweltgifte muss auf gesellschaftlicher Ebene gelöst werden. Wer den Menschen vorgaukelt, sie könnten mit individuellen „Putzmassnahmen“ wie Detox-Kuren diesen Substanzen quasi entkommmen, täuscht die Menschen und lenkt von ursächlichen Problemlösungen ab.

 

 

Was ist Oscillococcinum®?

Oscillococcinum ist ein Homöopathikum, das häufig zur Vorbeugung und Behandlung von Grippe und grippalen Infekten empfohlen wird. In homöopathischen Praxen, aber auch in manchen Apotheken, wird das Präparat auch als homöopathische Grippeimpfung propagiert.

Oscillococcinum wird von der französischen Pharmafirma Boiron produziert, einem der weltweit grössten Hersteller von Homöopathika. Für das Jahr 2009 gab Boiron einen weltweiten Umsatz von 526 Millionen Euro an und einen Gewinn von 91 Millionen Euro.

Zur Entstehungsgeschichte von Oscillococcinum®

Oscillococcinum geht auf den französischen Arzt Joseph Roy zurück, der während des Ersten Weltkriegs als Lazarettarzt arbeitete. Er glaubte, in Ausscheidungen von Opfern der Spanischen Grippe in seinem Mikroskop Bakterien beobachtet zu haben, die er für die Erreger der Grippe hielt. Roy beschrieb kugelförmige Gebilde verschiedener Größe, die rasche, schwingende Bewegungen machten und die er für Mikroben hielt. Aus diesem Grund nannte er seine Entdeckung Oszillokokken – schwingende Bakterien. Später meinte er, sie auch noch im Blut und den Tumoren von Krebspatienten entdeckt zu haben. Da Roy diese „ Oszillokokken“ besonders häufig in der Leber von Enten zu finden glaubte, wird Oscillococcinum konsequenterweise aus Entenleber und Entenherz hergestellt.

Im homöopathischen Fachjargon heisst das dann Anas barbariae hepatis et cordis extractum 200 K.

Biologisch ist der Artname falsch, weil eigentlich die Moschusente Cairina moschata (frz. Canard de Barbarie) gemeint ist, die zur Gattung Cairina und nicht Anas gehört.

Bestandteile der Entenorgane sind – zur Beruhigung der Veganer  –  im fertigen Homöopathikum wegen der hochgradigen Verdünnung mit keinem einzigen Molekül mehr enthalten: 200 K ( K= nach Korsakow) entspricht einer Potenz von C200, also einer Verdünnung von 1 : 10400.

Es lässt sich im Nachhinein nicht klären, was genau Roy in seinem Mikroskop beobachtet hatte. In der Zwischenzeit wurde jedoch klar, dass weder Krebs noch die Grippe noch eine der anderen Krankheiten, für die Roy seine Oszillokokken als Verursacher vermutete, überhaupt durch Bakterien ausgelöst werden. Grippe wird durch Viren verursacht, die bedeutend kleiner als Bakterien sind. In einem optischen Mikroskop, wie es Roy zur Verfügung stand, lassen sich Grippeviren nicht beobachten. Erst um das Jahr 1930 herum gelang die Darstellung von Viren mit Hilfe der Elektronenmikroskopie.

Roys Beobachtungen konnten von keinem anderen Mikrobiologen bestätigt werden.

Zudem ist bis heute kein Bakterium bekannt, das in Entenleber zu finden ist und Grippe bewirken kann. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass Roy in seinem Mikroskop Luftbläschen beobachtete, deren Zittern durch die thermische Brown’sche Molekularbewegung verursacht wurde.

Da die Ausgangssubstanz „Entenleber & Entenherz“ nichts enthält, was eine Grippe oder vergleichbare Symptome wie eine Grippe auslösen könnte, kann das durch Prüfung am Gesunden nach homöopathischen Regeln erstellte Arzneimittelbild für Oscillococcinum® auch nicht auf die Anwendung bei Grippe passen. Das Präparat widerspricht somit sogar den Prinzipien der Homöopathie.

Wie ein Arzneimittelbild aus der Arzneimittelprüfung am Gesunden entsteht, wird in diesem Blog-Beitrag beschrieben:

Homöopathie-Forschung: Arzneimittelprüfung mit Okoubaka

Nun wird Oscillococcinum® aber oft auch als Vorbeugung gegen Grippe empfohlen, nicht selten sogar im Sinne einer alternativen Grippeimpfung. Das Prinzip der Vorbeugung und das Prinzip der Impfung stehen jedoch in fundamentalem Widerspruch zum Homöopathie-Modell, wie es der Gründer Samuel Hahnemann (1755 – 1843) postuliert hat.

Dieses heute noch zum Kernbestand der Homöopathie gehörende Modell setzt eine vorhandene, akute Krankheit voraus. Hahnemann war der Auffassung, dass von der “Krankheit”, der “verstimmten geistigen Lebenskraft”, die Summe der äußerlich sichtbaren Symptome zu wissen sei. Seines Heilmethode ist dann die Suche nach dem Mittel, das der “verstimmten geistigen Lebenskraft” exakt entgegenwirken möge (§§ 17 und 18 des Organon). Beim gesunden Menschen, der einer Grippe vorbeugen oder sich homöopathisch “impfen” lassen möchte,  ist diesbezüglich aber gar nichts verstimmt. Eine homöopathische “Impfung” kann hier also auch nichts bewirken. Detaillierter beschrieben werden diese Zusammenhänge in einem Beitrag auf dem Portal Netzwerk-Homöopathie:

“Homöopathische Impfungen” – gibt es das?

Schon die Entwicklungsgeschichte von Oscillococcinum® ist also ausgesprochen fragwürdig. Sie basiert auf einer ganzen Reihe von krassen und zum Teil zeitbedingten Irrtümern. Würden die Käuferinnen und Käufer dieses Produktes die Entwicklungsgeschichte kennen, würden wohl einige von ihnen den Kaufentscheid überdenken. Aber Transparenz beim Endverbraucher zu schaffen scheint nicht im Interesse des Herstellers und der Apotheken.

Zur Herstellung von Oscillococcinum®

Norbert Aust weist in seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ eindrücklich nach, dass Oscillococcinum® gar nicht so hergestellt werden kann, wie es auf der Packung steht:

„Oscillococcinum ist ein homöopathisches Präparat aus dem Extrakt von Leber und Herz einer bestimmten Entenart, das in der Potenz K200 angeboten wird. Dabei handelt es sich um eine Korsakoff-Potenz, die in Verdünnungsschritten 1:100 in einem speziellen vereinfachten Verfahren hergestellt wird. Sie entspricht somit einer Verdünnung von 1:10^400. Die letztere Zahl ist eine Eins mit 400 Nullen und mit keiner Anschauung der Welt plausibel zu machen. Die Anzahl der Atome im Universum beträgt nur etwa 10^80. Wenn auch nur eine einzige Ente je auf Erden verschieden wäre und sich ihr Herz und ihre Leber nach der Zersetzung im gesamten Wasservorrat der Erde verteilt hätte, entspräche das einer Verdünnung von vielleicht D23. Folge: K200 entsprechend D400 ist nicht herstellbar, weil man kein Wasser zur Verfügung haben kann, das hinreichend wenig (!) Entenleber enthält. Selbst wenn es im gesamten Universum nur ein einziges ‚Entenleberwirkstoffmolekül‘ gäbe, wäre dies nur eine Potenz von etwa K39 oder K40, je nach Größe dieses Moleküls.“

Zur Studienlage betreffend Oscillococcinum®

Boiron hat mit Oscillococcinum® einige Studien durchgeführt. Die unabhängige Cochrane Collaboration hat die Studien in einer Metaanalyse analysiert und kommt zum Schluss, dass die vorliegenden Studiendaten die Anwendung nicht unterstützen.

Auch die Homöopathie-nahe Carstens-Stiftung hält es für zweifelhaft, „dass Oscillococcinum® bei grippalen Effekten über Placeboeffekte hinaus wirkt.“

Eine detaillierte Darstellung der Studienlage mit Quellenangaben gibt’s hier bei Homöopedia:

Studienlage zu Oscillococcinum®

In den USA wurde Boiron mittels Sammelklage wegen irreführender Werbung angeklagt, strebte vor Gericht einen Vergleich an und zahlte fünf Millionen US-Dollar an unzufriedene Kunden zurück, um ein Urteil zu vermeiden.

In der Schweiz warnte die Arzneimittelbehörde Swissmedic schon 2011 in einem Newsletter, dass Oscillococcinum® selbst von Fachpersonen vermehrt zur homöopathischen Grippeimpfung empfohlen wurde. Swissmedic bezeichnete solche Empfehlungen als irreführend und für Risikopersonen gesundheitsgefährdend.

Im Jahr 2011 versuchte Boiron, einen italienischen Blogger mit Drohbrief und Klageandrohung einzuschüchtern, weil er sich kritisch zu Oscillococcinum® geäussert hatte.

Das Präparat ist also insgesamt fragwürdig. Und noch fragwürdiger ist, dass manche Apotheken ein solches Präparat aktiv verkaufen.

Wer heilt hat Recht?

Das wird aber viele Leute nicht davon abhalten, Oscillococcinum® für wirksam zu halten, nach dem Motto: „Mir hilft es halt!“ oder „Wer heilt hat Recht!“.

Siehe dazu: 

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin:Wer heilt hat Recht (2)

Die Erfahrung, dass jemand nach Einnahme von Oscillococcinum® von einer Grippeerkrankung gesund wird, ist durchaus ernst zu nehmen. Die Interpretation dieser Erfahrung, wonach diese Genesung durch die Einnahme von Oscillococcinum® verursacht wurde, lässt sich aber mit sehr guten Gründen in Frage stellen. Grippe und  „grippale Erkrankungen“, bei denen Oscillococcinum®  eingesetzt wird, bessern in der Regel auch von selbst.  Sagt jemand „Mir hilft es halt!“, dann wäre die Person zu fragen, ob sie sicher ist, dass die Erkrankung ohne Oscillococcinum®  länger gedauert hätte. Bejaht die Person die Frage, dann wäre nachzufragen, woher sie das weiss. An dieser Stelle lauert nämlich ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss: Die Gleichzeitigkeit zweier Vorgänge (Gesundwerden &  Oscillococcinum®-Einnahme) wird irrtümlich als Ursache-Folge-Beziehung interpretiert (Gesundwerden wegen Oscillococcinum®-Einnahme).

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der “Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss” als häufige Irrtumsquelle

 

Quellen:

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oscillococcinum

https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Boiron

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=844

Mehr kritische Reflexion nötig

Ich bewege mich seit mehr als 40 Jahren im Umfeld von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Alternativmedizin. In dieser Zeit ist mir immer klarer geworden, dass es in diesen Bereichen fundamental an kritischer bzw. selbstkritischer Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Methoden mangelt. Es spielt oft kaum eine Rolle, ob eine Heilungsversprechung wahr ist, wenn sie ins eigene Konzept passt. Das führt nicht selten zur Täuschung und manchmal auch zur Gefährdung von Patientinnen und Patienten.

Weiteres dazu hier:

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

P. S.:

Hier noch ein Hinweis aufgrund meiner Erfahrung, dass ich auf solche Beiträge jeweils ein paar Mails bekomme mit der Frage, wieviel dem Autor als “Pharmaknecht” von der Pharmaindustrie für diesen Artikel bezahlt wurde:

Nein, liebe Verschwörungstheoretiker, dieser Beitrag wurde ohne finanzielle Beteiligung der Pharmaindustrie verfasst.😉

 Zudem weise ich darauf hin, dass auf dieser Website auch kritische Texte zu kritikwürdigen Aspekten der Pharmaindustrie vorhanden sind….

Diskutieren nach Art eines Weisen

Zitat aus dem Milinda-Panha:

«Der König sprach: „Ehrwürdiger Nagasena, möchtest du noch weiter mit mir diskutieren?“

„Wenn du nach Art eines Weisen diskutieren willst, o König, dann schon; willst du aber nach Art eines Königs diskutieren, dann nicht.“

Wie diskutieren denn Weise, ehrwürdiger Nagasena?“

„Bei den Diskussionen der Weisen, o König, zeigt sich ein Auf- und Abwickeln, ein Überzeugen und Zugestehen; Nebeneinanderstellungen und Gegenüberstellungen werden gemacht. Und doch geraten die Weisen dabei nicht ausser sich. So, o König, diskutieren Weise.“»

Aus dem Milinda-Panha, einem altindischen Text aus dem 2. Jahrhundert v. u. Z., zitiert aus: Jens Soentgen, Selbstdenken, Peter Hammer Verlag 2003

 

Kommentar & Ergänzung:

Was sagt uns diese schöne, alte Geschichte für die Gegenwart und für die Bereiche Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde / Alternativmedizin?

Mir scheint, wir brauchen deutlich mehr Diskussionen nach Art der Weisen. Es gibt zu viele Heilsysteme, die vollständig auf dem Mist einer Einzelperson gewachsen sind. Sie gleichen den Diskussionen nach Art der Könige. Eine angeblich geniale Einzelperson erfindet ein Heilsystem und verkündet es den Untertanen bzw. AnhängerInnen. Solchen monomanen Heilmethoden ist nicht zu trauen.

Engagierte Auseinandersetzungen nach Art der Weisen führen zu fundierterem Wissen. In der wissenschaftlich orientierten Phytotherapie findet man diese arbeitsteilige Form der Erkenntnisgewinnung. Wissen wird hier immer wieder überprüft und nötigenfalls korrigiert. Es gibt lebhafte Diskussionen zwischen den Fachleuten und ein gemeinsames Ringen darum, der Wahrheit näher zu kommen. Auch wenn den Beteiligten klar ist, dass die endgültige Wahrheit nicht erreicht werden kann.

So bleibt das Wissen der Phytotherapie im Fluss. Es ist nicht statisch wie die fest gefügten Heilsysteme einzelner Monomanen.

Prüfen Sie doch, wie das jeweilige Wissen zustande kommt (oder gekommen ist), wenn Sie mit irgendeiner Heilmethode zu tun bekommen.

 

Karin Spaink zum Gesundheitsideal der Alternativmedizin

Gesundheitsideale sind zeit- und kulturabhängig und ausserdem auch zumindestens ein Stück weit unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Sich über die hier und heute herrschenden Gesundheitsideale klar zu werden und sich dabei auch das eigene Gesundheitsideal klar zu machen, ist interessant und zudem nützlich.

Hierzu ein anregendes Zitat der Schriftstellerin Karin Spaink (1) zum Gesundheitsideal der Alternativmedizin:

“Ein tiefer liegender Nährboden für den alternativen Sektor ist die Angst vor dem Tod, die Angst vor körperlichem Versagen. Mit all ihrer Kritik bestätigen alternative Heiler das Bild, das die Mediziner so gern ablegen wollen: das unmögliche Ideal permanenter Gesundheit, die für jeden erreichbar sei. Sie ergeben sich in – nur teilweise gerechtfertigter – Kritik an der medizinischen Welt und malen deren Unzulänglichkeiten in grellen Farben aus, stärken ihrerseits jedoch den Glauben der Öffentlichkeit, permanente Gesundheit sei für jedermann machbar und erreichbar – wir bräuchten nur einen anderen Weg einzuschlagen. Natürlich, so hält der alternative Sektor seiner Klientel vor, sei es bei einer derart eingeengten Sicht auf den Menschen auch kein Wunder, dass Sie nicht geheilt werden konnten. Mit unseren Methoden dagegen….Eine Heilung sei jederzeit für jedermann möglich; es komme nur darauf an, intensiv genug nach der richtigen Behandlung, dem richtigen Weg zu suchen. Das schürt das latente Schuldgefühl, das kranke Menschen manchmal haben, nur noch mehr: Ich habe nicht ausdauernd genug gesucht, noch nicht alles ausprobiert.

Früher musste man sich mit den Launen, den Unzulänglichkeiten und Störungen des Körpers abfinden – das war nicht leicht und gelang auch bei weitem nicht jedem. Heute dagegen kann man den Moment, in dem man einsieht, dass man die Launen seines Körpers vielleicht akzeptieren muss, dadurch immer wieder hinausschieben, dass man es mit noch einer Kur, noch einer Behandlung, noch einem Therapeuten versucht, dass man erst den regulären Medizinbetrieb durchläuft, danach endlos im alternativen Bereich sucht – und als Folge dieser Flucht nach vorn braucht man sich der Notwendigkeit, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht einzugestehen.”

Zitat aus: Karin Spaink, Krankheit als Schuld? Rororo 1994

(1) Karin Spaink, geboren 1957, arbeitete unter anderem als Englischdozentin und Systemprogrammierein. Seit Anfang der 1980er Jahre ist sie als freie Schriftstellerin tätig und schreibt für verschiedene Zeitungen. Sie lebt in Amsterdam. Karin Spaink ist eine mutige Kritikerin von Scientology. Im Buch “Krankheit als Schuld” kritisiert sie auch die Psychologisierung körperlicher Krankheit, wie sie durch Bücher wie “Krankheit als Weg” von Dethlefsen / Dahlke betrieben wird. Sie hält es unter anderem für anstössig, dass die Autoren “sich anmaßen, aufgrund der physischen Verfassung eines Menschen einen Röntgenblick in dessen Seele werfen zu können.“ 

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine Kritik, die in den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde /Alternativmedizin natürlich in der Regel nicht gerne gehört wird. Ich selber arbeite nun seit über 40 Jahren in diesem Terrain und muss sagen, dass ich die von Karin Spaink geschilderte Haltung an allen Ecken und Enden antreffe.

Hinter einer menschenfreundlichen Fassade sehe ich oft eine ziemliche Portion Anmassung. Mit genauso viel Überzeugung wie Naivität wird häufig die Ansicht vertreten, dass man für jedes gesundheitliche Problem die einzige und richtige Lösung kenne. Ich habe in der sogenannten „Schulmedizin“ – mit der ich mich auch nicht einfach identifiziere – deutlich mehr Bescheidenheit angetroffen – suche mir hier allerdings meine Leute auch sorgfältig aus.

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin – oder wie immer man es nennen möchte – dient meiner Erfahrung nach mit ihren grossen Heilungsversprechungen sehr oft der Abwehr von Ohnmachtserfahrungen und ich bin überzeugt davon, dass das häufig nicht zum Wohle der Patientinnen und Patienten ist. Bei Beschwerden und Krankheiten, die nicht heilbar sind, wäre es meines Erachtens oft konstruktiver, die Betroffenen darin zu unterstützen, dass sie ihre Krankheit als nun zu ihrem Leben gehörend akzeptieren können. Kraft, Zeit und Geld, die für eine permanente Suche nach der endgültigen Heilung verwendet wurden, könnten dann dafür eingesetzt werden, mit der Krankheit eine möglichst gute Lebensqualität anzustreben. Das ist allerdings für die Behandelnden eine schwierigere  und demütigere Rolle: Hier kann man nicht mehr einfach als grossartige Heilerin oder grossartiger Heiler auftreten. Gefragt ist die viel unspektakulärere Rolle einer langfristigen Begleitung der kranken Person über alle Besserungen und Rückschläge hinweg. Das ist viel anspruchsvoller auf der Ebene der therapeutischen Beziehung.

Meines Erachtens wäre es sehr wichtig, dass sowohl Behandelnde als auch Behandelte im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Alternativmedizin sich ernsthaft mit der Kritik von Karin Spaink auseinandersetzen würden. Das würde unter anderem auch heissen, sich mit den eigenen Gesundheitsidealen zu befassen, sie zu hinterfragen und allenfalls weiter zu entwickeln.

Übersäuerung und basische Ernährung – ein fragwürdiges Konzept

Immer wieder ist zu hören, dass wir an Übersäuerung leiden, eine Basendiät brauchen, eine basische Ernährung oder gar Basenpulver.

Dieses Konzept ist sehr fragwürdig. Unser Organismus hat eine ganze Reihe von Regulationsmechanismen, um das Säure-Basen-Gleichgewicht in einem engen Rahmen stabil zu halten. Schon sehr kleine Abweichungen vom normalen pH-Wert würden schon zu gravierenden medizinischen Störungen führen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat zu dieser Frage so Stellung genommen:

“Durch Basenfasten soll der Körper entsäuert werden – eine Methode, die häufig in der Alternativmedizin angewendet wird. Basenfastende dürfen nur Lebensmittel verzehren, die als basisch gelten, wie Gemüse, Obst sowie einige Nüsse und hochwertiges Lein-, Oliven- oder Rapsöl. Als Getränke stehen Quellwasser sowie verdünnte Kräutertees zur Verfügung. Wissenschaftliche Beweise für die Wirkung dieser Fastenmethode fehlen jedoch: Weder die Existenz von Schlacken im Körper ist nachgewiesen noch die Annahme, dass säurebildende Lebensmittel den Säure-Basen-Haushalt des Körpers stören. Weil lebenswichtige Nährstoffe auf Dauer in zu geringen Mengen zugeführt werden könnten, rät die DGE von langfristigem Basenfasten ab.”

Quelle:

https://www.dge.de/presse/pm/heilfasten-basenfasten-intervallfasten/

Kommentar & Ergänzung:

Heikel an dieser Basentheorie ist, dass uns damit etwas eingeredet wird. Du bist verschlackt und übersäuert. So schlimm. Dann kann man dir eine Basendiät aufschwatzen und Basenprodukte aller Art. Man muss die Leute zuerst krank reden, damit man ihnen etwas verkaufen kann – eine Idee, Spezialpräparate etc.

Damit wird auch das Vertrauen in den eigenen Organismus untergraben. Wir haben in der Regel eine kompetente Leber und kompetente Nieren, die unsere Ausscheidungsprozesse managen. Und natürlich sollten wir diesen Organen Sorge tragen Die Basentheorie – so scheint mir – redet sie konsequent schlecht.

Klar ist aber auch: Die Lebensmittelempfehlungen der Säure-Basen-Theorie sind durchaus sinnvoll: Viel Obst und Gemüse, Nüsse, wenig Fleisch, Zucker, Weissmehl.

Dagegen gibt es keine Einwände, einfach weil diese Lebensmittelzusammenstellung gute Voraussetzungen für eine gesunde Ernährung bietet – aber nicht wegen dem pH-Wert.

Siehe auch:

Fragwürdigen Basenfasten

Basenbäder für die Bikini-Figur?

Basendiät gegen Übersäuerung des Körpers?

Übersäuerung macht krank – stimmt das?

Auch die Zeitschrift “Gesundheitstipp” hat zum Thema Basenpulver und Übersäuerung Fachleute befragt:

“«Produkte wie Basenpulver sind überhaupt nicht nötig», sagt Caroline Bernet, Ernährungsberaterin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Und der österreichische Ernährungsmediziner Kurt A. Moosburger rät von Basenmitteln nicht nur wegen des Preises ab: Die Pulver können zu Verdauungsproblemen führen, da sie die Magensäure angreifen…..
«Die Übersäuerung durch Ernährung ist ein grosser Mythos», sagt dagegen Mediziner Moosburger.”

Quelle:

https://www.gesundheitstipp.ch/artikel/d/mythos-uebersaeuerung-keiner-isst-sich-sauer/

Inzwischen gibt es nicht nur Basenpulver, sondern auch Basentees auf dem Markt, zum Beispiel den Sidroga Basentee. Er besteht aus:

Brennnesselblätter (26%), Melissenblätter (15%)Hagebuttenschalen (14%), Fenchel,  Äpfel (10%)Zimtrinde, Lindenblüten (5%)Löwenzahnkraut (5 %), KümmelBirkenblätter (1%).

Es existieren keinerlei Belege dafür, dass mit einem Kräutertee der Säure-Basen-Haushalt im Organismus in relevantem Mass beeinflusst werden kann. Allenfalls zugeführte Basen gleicht der Körper aus. Es gibt auch keinerlei Belege dafür, dass ausgerechnet diese im Sidroga Basentee enthaltenen Kräuter basisch wirken würden. Ich würde sagen: Der Sidroga Basentee ist ein Fake.

Wenn Sie reale, fundierte Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Heilpflanzen  kennenlernen möchten, können Sie daw in meinen Lehrgängen – dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

Zitat von Heinz von Förster zum Thema Gesundheit, Krankheit und Heilung

Hier ein Zitat von Heinz von Förster zum Thema Gesundheit und Heilung:

“Wenn jemand von Gesundheit spricht, wenn das Wort Therapie oder unter den Anhängern eines New Age der Begriff der Heilung auftaucht, wird sofort die Idee der Krankheit eingeführt und der andere implizit pathologisiert.”

Heinz von Foerster, Physiker und Philosoph

aus: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, Carl-Auer Systeme Verlag 1999

 

Kommentar & Ergänzung:

Das scheint mir ein sehr bedenkenswerter Hinweis zu sein. Gerade im Umfeld von Esoterik, Naturheilkunde, Alternativmedizin, aber auch der Pflanzenheilkunde findet man einen ziemlich inflationären Gebrauch von Begriffen wie Gesundheit, Therapie und Heilung. Und ganz viele Leute, die im Schnellverfahren zum Therapeuten oder zur Heilerin geworden sind. Darin steckt auch etwas Verführerisches: Man kann sich dadurch leicht auf die „gesunde Seite“ stellen. In Wirklichkeit spricht aber viel dafür, dass gesund und krank nicht so klar zu trennen sind.

Meines Erachtens sollten wir Worte wie „Gesundheit“, „Therapie“ und „Heilung“ seltener gebrauchen und darüber nachdenken, wie wir sie durch weniger pathologisierende Begriffe ersetzen können.

Ein ähnlicher Vorgang geschieht, wenn man den Begriff “Schulmedizin” in die Welt setzt. Man führt damit sofort auch Begriffe wie “Alternativmedizin” und “Komplementärmedizin” ein – und bereitet damit den Boden für ein unfruchtbares Lagerdenken. Das Beispiel funktioniert natürlich auch umgekehrt.

Daraus lässt sich lernen, wie wichtig ein sorgfältiger Umgang mit Begriffen ist.

Heinz von Förster (1911 – 2002) war wegbereitend für das Fachgebiet der Kybernetik und ist philosophisch dem radikalen Konstruktivismus zuzuordnen.

 

[Buchtipp] “Die Reise ins Reich: Unter Reichsbürgern”, von Tobias Ginsburg

 Verlagsbeschreibung

Die Reichsbürger – das sind verführte Irre und böse Verführer, Sektierer, Rechtsradikale und Hetzer hinter konservativer Fassade. Sie alle glauben an eine Weltverschwörung gegen das deutsche Volk und bekämpfen diesen vermeintlichen Feind.
Der jüdische Autor und Regisseur Tobias Ginsburg begibt sich für dieses Buch undercover unter Reichsbürger. Er besucht quer durch Deutschland verschiedene Gruppierungen, wird Untertan eines Königreichs, macht mit bei Plänen zum Sturz der BRD GmbH und für ein germanisches Siedlungsprojekt in Russland. Er lernt gewaltbereite Neonazis und friedensbewegte Esoteriker kennen, aber auch Biedermänner, von denen manche heute für die AfD im Bundestag sitzen.
“Die Reise ins Reich” ist Reportage, Sachbuch und aberwitzige Abenteuergeschichte zugleich. Sie liefert kuriose, komische und bedrückende Auskünfte über eine Bedrohung, die längst die Mitte der Gesellschaft erreicht hat. Zum Shop

Aus einer Buchbesprechung

“Ein irrwitzig-wahnsinnig-komisches Buch über die weitverzweigte Sumpflandschaft der rechtsradikalen Reichsbürger. Tobias Ginsburg hat sich monatelang in ihrem ‘gemeinsamen Nest aus Menschenverachtung’ aufgehalten und erzählt als Literat und Aufklärer von dieser wahrhaft bedrohlichen Szene.”
Günter Wallraff

Zitat aus: Die Reise ins Reich

“In gewisser Weise ist Reichsideologie nur der gute, alte Nazidreck, der es qua Verschwörungstheorie in andere Milieus geschafft hat. Wen sollte es da verwundern, dass er es auch in die AfD geschafft hat? Er musste sich hier auch gar nicht einschmuggeln. Er konnte mit grossem Trara einfach aufmarschieren.”

Zum Autor Tobias Ginsburg

Tobias Ginsburg, geboren 1986 in Hamburg, studierte Dramaturgie, Literaturwissenschaft und Philosophie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der Ludwig-Maximilians Universität München. Seit seiner Studienzeit schreibt und inszeniert er Theaterstücke. Im Jahr 2007 debütierte er als Autor und Regisseur mit dem Stück Vergewaltigt. Danach war er als Dramaturg am Akademietheater, der Schauburg und in der freien Szene tätig. 2011 feierte sein Stück Nestbeschmutzung in der Reaktorhalle München Premiere. Den Jugendstückepreis 2015 erhielt das Theaterstück Weltenbrand, das er in Zusammenarbeit mit Daphne Ebner schrieb und an der Schauburg inszenierte. Es folgten weitere Arbeiten: Radikal. Monument der Verwesung im i-camp (2014), Goldland (2015) und im folgenden Jahr das Tanz- und Theaterprojekt Du und ich und das Meer dazwischen. Darüber hinaus war er 2016 Fellow des Hanse-Wissenschaftskollegs und ist Gründungsmitglied der Theatergruppe Fake to Pretend.

Kommentar von Martin Koradi

„Reichsbürger“ bestreiten die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als legitimer und souveräner Staat und weigern sich mit dieser Begründung, unter anderem Steuern und Bußgelder zu zahlen oder Gerichtsbeschlüssen und Verwaltungsentscheidungen Folge zu leisten.

Die „Reichsbürgerbewegung“ ist sehr heterogen und umfasst verschiedenste Gruppierungen, aber auch reichlich verwirrte Geister und Verschwörungsmythologen. Teile der „Szene“ sind in den letzten Jahren zunehmend militant geworden. 2016  tötete ein Angehöriger der Szene bei einer durchgeführten Razzia durch Schüsse einen SEK-Polizisten.

Der Undercover-Bericht von Tobias Ginsburg bietet eindrückliche Einblicke in die Reichsbürgerszene und zeigt auch Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen im Umfeld von NPD, AfD und Pegida. Auch die absonderliche Faszination für den Autokraten Putin scheint immer wieder mal auf.

Für mich war beim Lesen des Buches interessant zu erfahren, wie stark die Reichsbürgerbewegung mit Esoterik und Alternativmedizin verknüpft ist.

Das Buch ist keine systematische Beschreibung der Reichsbürgerszene. Als Undercover-Reportage zeigt es aber deren Stimmungen und Charakteristiken gut nachvollziehbar auf.

Tobias Ginsburg sagt in einem Interview auf „Zeit online“:

„Relativ naiv reiste ich zunächst in eine kuriose Reichsbürgersekte, das berüchtigte ‚Königreich Deutschland’. Es dauerte aber nicht lange, um zu erkennen, dass hinter dem scheinbaren Irrsinn ein System steckt, das auf rechtsextremen Ideen fußt.“

Er hält die Reichsbürgerbewegung für gefährlich:

„Die unmittelbarste Gefahr geht sicherlich von labilen Menschen aus, die glauben, in Notwehr handeln zu müssen und sich und ihr Umfeld akut gefährden. Aber noch beunruhigender ist es, dass durch neurechte Bewegungen und die AfD derartige Wahnvorstellungen normalisiert werden und immer mehr Einzug ins Bürgertum halten. Das Unheimliche war ja, dass mich meine Reise vom Rand der Gesellschaft immer weiter in ihre Mitte geführt hat.“

Auf die Frage, was dagegen zu tun ist:

„Wir brauchen dringend eine Sensibilisierung für rechtsradikale Verschwörungstheorien. Die Gesellschaft muss lernen, was politische Meinung, rechte Gesinnung und Verschwörungstheorie unterscheidet. Man kann es den Leuten nicht ansehen. Wer einer Verschwörungstheorie anhängt, hat eben nicht immer eine kaputte Biografie und trägt eine komische Mütze. Er kann auch eine Krawatte tragen und erfolgreich sein.“

Quelle: https://www.zeit.de/hamburg/2018-09/elbvertiefung-17-09-2018

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Krebstherapie: Bittere Aprikosenkerne, Amygdalin, „Vitamin B17“ – unwirksam und in höheren Dosen giftig

Erneute Warnung vor Bitteren Aprikosenkernen als untaugliches Mittel zur alternativen Krebstherapie. Sie werden schon seit langem in der Alternativmedizin als Krebsheilmittel propagiert, auch unter dem Namen Amygdalin, Laetrile  oder „Vitamin B17“.

Bittere Aprikosenkerne enthalten einen relativ hohen Gehalt an Amygdalin. Von diesem cyanogenen Glycosid spaltet sich während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab. Bei Einnahme grösserer Mengen besteht das Risiko einer Blausäurevergiftung.

Bittere Aprikosenkerne werden hauptsächlich zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen. Es gibt aber bisher keine wissenschaftlichen Belege zur vorbeugenden oder heilenden Wirksamkeit bei Krebs. Amygdalin ist als giftige Substanz ohne Effekte bei der Krebstherapie einzustufen.

Von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Gemäss ToxInfoSuisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten. Gemäss EFSA sollen Erwachsene nicht mehr als 1 grossen oder 3 kleine bittere Aprikosenkerne einnehmen. Bei kleinen Kindern ist die Menge auf maximal einen halben kleinen Aprikosenkern limitiert.

Arzneimittel mit Amygdalin oder seinen Derivaten (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) sind weder in der Schweiz noch in den Nachbarländern zugelassen und als bedenklich einzustufen. Trotzdem werden sie seit einiger Zeit wieder vermehrt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“ – als alternatives Heilmittel in der Krebstherapie und zur Tumorvorbeugung beworben und eingesetzt.

Literatur:

_ANSES: Amandes d’abricot : un risque d’intoxication au cyanure, 27.07.2018

_Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

_BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5144&NMID=5144&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Solche Warnungen erreichen allerdings diejenigen Leute kaum, die von der Wirksamkeit Bitterer Aprikosenkerne überzeugt sind. Es gibt da eine „Szene“, die für Argumente nicht mehr offen ist.

Das kann tödlich enden, wie in diesem Beispiel:

Alternativmedizin bei Krebs – gefährliche Esoterik

Aprikosenkerne gegen Krebs (Video)

Oder es kann zu Vergiftungen führen:

Aprikosen-Extrakt: Mann erleidet Zyanid-Vergiftung durch Alternativmedizin

Hier gibt es weitere Infos:

Unsinnige Krebstherapie: Bittere Aprikosenkerne

 

Amygdalin / “Vitamin B17” als angebliches Krebsmittel: alt, unwirksam und wieder aktuell

 

Alternative Krebstherapie mit Amygdalin: Bittere Aprikosenkerne / “Vitamin B17” – unwirksam und toxisch

 

Ausführlichere Informationen auf Onkopedia.

Die Anpreiser dieser Methode berufen sich meist nur auf vollkommen unkontrollierte Anekdoten und verschanzen sich dann zum Beispiel hinter Sprüchen wie: Wer heilt hat recht!

Das aber ist ein irreführender Kurzschluss.

Siehe:

Komentärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (2)

 

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkei

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Wildkräuter: Gundelrebe / Gundermann in der Küche & als Heilpflanze

Der Gundermann (Glechoma hederacea), auch Gundelrebe genannt, zählt zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceen). Mit ihren blauvioletten Blüten ist die Pflanze im Frühling recht auffällig.

Nur wenige nutzen Gundermann in der Küche. Das Bundeszentrum für Ernährung weist aber darauf hin, dass sein herbes bis leicht harziges Aroma viele Alltagsgerichte wie Pellkartoffeln und Eierspeisen interessanter macht.

Auch für Salate, Kräuterquark und Pesto sei der Gundermann eine Bereicherung. Zum Osterfest werde er traditionell in der Gründonnerstagsuppe serviert, die aus neun verschiedenen Kräutern zubereitet wird.

Wie die Zubereitung von statten geht, beschreibt das BZfE so:

„Alle Wildkräuter, darunter auch Brennnessel, Gänseblümchen und Löwenzahn, werden gewaschen, trocken getupft und fein geschnitten. Anschließend Zwiebeln und Knoblauch in etwas Butter andünsten, Gemüsebrühe und das frische Grün hinzugeben. Nun lässt man die Suppe zwanzig Minuten köcheln und schmeckt mit etwas Schmand, Salz und Pfeffer ab.“

Auch Tee und Kräuterlimonade könne mit Gundermann verfeinert werden, schreibt das BzfE weiter, weist aber darauf hin, dass sparsam dosiert werden soll, damit der Geschmack nicht zu intensiv wird.

Gundermann wird 10 bis 20 cm hoch und wächst am Waldrand, unter Hecken, aber auch in feuchten Wiesen. Er zählt Im Frühjahr zu den ersten verfügbaren Wildkräutern für die Küche und zeigt in den Monaten April bis Juni seine blauvioletten Blüten. Beim Zerreiben der Gundermannblätter entsteht ein scharfer Geruch, der etwas an Minze erinnert.

Die Pflanze enthält unter anderem Vitamin C, Mineralstoffe wie Kalium, ätherische Öle, Saponine, Gerbstoffe und Bitterstoffe. Im Mittelalter wurde Gundermann in klösterlichen Gärten als Arzneipflanze angebaut und zur Wundheilung eingesetzt. So leitet sich der Name wahrscheinlich vom althochdeutschen Wort „gund“ für Eiter oder Beule ab.

Quelle:

https://www.bzfe.de/inhalt/bzfe-newsletter-nr-12-vom-21-maerz-2018-31994.html#3

 

Kommentar & Ergänzung:

Gundermann eignet sich auch für Rahmspeisen wie Eiscreme oder Panna Cotta. Aber auch hier sparsam dosieren, sonst kippt der Geschmack ins Unangenehme. Schliesslich verwendete man früher bei den Sachsen den Gundermann anstelle von Hopfen als Bittermittel zum Bierbrauen.

Die Griechen und Römer in der Antike kannten den Gundermann nicht. Bei den Germanen war er aber wohl eine wichtige Heilpflanze. Im Mittelalter erwähnt ihn Hildegard von Bingen.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde wurde Gundermann für eine grosse Bandbreite von Erkrankungen eingesetzt, zum Beispiel innerlich bei Durchfall, Magenbeschwerden, Darmkatarrh, Bronchialerkrankungen, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Lungenleiden.

Diese „Indikationslyrik“ ist unübersichtlich, weil nicht mehr klar ist, wofür die Pflanze wirklich wirksam ist.

Es gibt keine fundierten Belege für solche Wirkungen des Gundermanns. Vermutet werden entzündungswidrige Wirkungen durch Flavonoide, Triterpentoide und Gerbstoffe, was bei äusserlicher Anwendung eine Rolle spielen könnte.

In der Alternativmedizin tauchen immer wieder Versprechungen auf, dass Gundermann / Gundelrebe zur Ausleitung von Schwermetallen wie Blei und Quecksilber wirksam ist.

Das ist natürlich eine attraktive Vorstellung – eine Pflanze, die Gifte rausholt. Darum stossen solche Versprechungen auf grosse Ressonanz.

Diese Versprechen sind aber sehr fragwürdig. Es gibt keine glaubwürdigen Argumente oder gar Belege für eine solche Wirkung. Es gibt auch keine plausible Erklärung dazu, wie der Gundermann eine solche Wirkung zustande bringen soll.

Zu Laborforschung und klinischen Studien mit Gundermann habe ich nur im Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ einen Hinweis gefunden – und zwar zum Thema Hyperpigmentierung.

Im Labor hemmte ein Gundermann-Extrakt die Melatoninsynthese und die Tyrosinaseaktivität bei B16-Melanomzellen, woraus auf eine mögliche Wirksamkeit bei der Behandlung von Hyperpigmentierungsflecken der Haut geschlossen wurde.

Eine Lotion mit Gundermann-Extrakt bewirkte nach 8-wöchiger Behandlung von UV-induzierten Pigmentflecken der Haut eine im Vergleich zu Placebobehandlung eine signifikante Depigmentierung und Entzündungshemmung.

Wie gut die Wirksamkeit dieser Lotion nun wirklich geklärt ist,  kann ich nicht beurteilen. Im Markt scheint sie jedenfalls bisher nicht erhältlich zu sein.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Gundelrebe / Gundermann