Beiträge

Flavonoide zur Vorbeugung gegen Diabetes?

Bestimmte Nahrungsmittel können das Diabetesrisiko reduzieren. Dazu zählen Tee, Schokolade und Beerenobst – alles Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Flavonoiden. Die gesunden Pflanzenstoffe sollen demnach den Blutzuckerspiegel und das Maß der Insulinresistenz senken.

Lebensmittel mit einer hohen Konzentration an Flavonoiden können das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, deutlich reduzieren. Zu diesem Ergebnis kommen englische Wissenschaftler um die Ernährungswissenschaftlerin Aedin Cassidy. Die Studie konzentrierte sich auf die positive Wirkung bestimmter Flavonoide. Dazu zählen die blau-rot gefärbten Anthocyane in Beeren und Wein, aber auch Flavone, wie sie beispielsweise in Sellerie, Petersilie und Thymian vorkommen.

Die Studie sei eine der ersten großen zum Thema, wie diese bioaktiven Substanzen das Diabetesrisiko senken können, sagt Cassidy. Die Forscher untersuchten Blutproben von knapp 2.000 britischen Frauen auf Entzündungsmarker und prüften, wie gut die Regulierung des Blutzuckerspiegels bei den Testpersonen funktionierte. Die Insulinresistenz berechneten die Wissenschaftler aus Nüchternblutzucker und Nüchterninsulin. Ihre Ernährungsgewohnheiten dokumentierten die Frauen in einem umfangreichen Fragebogen.

Wie sich in der Studie zeigte, entwickelten Probandinnen, die mit der täglichen Ernährung viele Flavonoide aufnahmen, seltener eine Insulinresistenzwie sie für Diabetes charakteristisch ist.

Speziell Anthocyane zeigten darüber hinaus noch einen weiteren Vorteil: Sie verringerten das Risiko für chronische Entzündungsprozesse, die an der Entstehung von Krebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten beteiligt sind.

Professor Tim Spector, der ebenfalls an der Studie beteiligt war, äusserte sich angesichts der “aufregenden Ergebnisse” zuversichtlich: “Sie zeigen, dass auch Inhaltsstoffe von Lebensmitteln, die wir für ungesund halten – zum Beispiel Wein oder Schokolade – einen gesundheitlichen Nutzen haben könnten.“

Allerdings müssten die Resultate noch gründlich überprüft werden, bevor die Wissenschaftler eine generelle Empfehlung aussprechen wollen.

Ein Freibrief für Diabetiker, häufiger zur Zuckerbombe Schokolade zu greifen, ist die Studie daher nicht – zumal die gesunden Pflanzenstoffe hauptsächlich in Bitterschokolade mit hohem Kakao-Gehalt in grösseren Mengen vorkommen. Zudem wissen die Forsscher noch nicht, ab welcher Menge die Flavonoide ihren Diabetesschutz entfalten.

Flavonoide schützen das Erbgut vor Schäden

Flavonoide zählen zu den sekundären Pflanzenstoffen und umfassen neben den Anthocyanen und Flavonen Viele weitere Untergruppen wie Isoflavone und Chalkone. Im Laborversuch zeigen Flavonoide antioxidative Effekte, das bedeutet: sie haben die Fähigkeit, Schäden vom Erbgut und anderen Molekülen abzuwehren und möglicherweise die Entstehung von Krebs zu verhindern. Tiere können keine Flavonoide produzieren. Im Pflanzenreich findet man sie dagegen vom Apfel bis zur Zwiebel fast überall.

 

Quelle:

https://www.morgenpost.de/web-wissen/gesundheit/article215583715/Flavonoide-im-Essen-So-gut-schmeckt-Diabetesschutz.html

Kommentar & Ergänzung:

Flavonoide sind sowohl in der Ernährung interessante Inhaltsstoffe als auch in der Phytotherapie wichtige Wirkstoffe.

Allerdings kann man es nicht genug sagen: diese Art von Studie kann nie einen eindeutigen ursächlichen Zusammenhang belegen, sondern nur Hinweise auf mögliche Zusammenhänge liefern.

Hier wird das Ernährungsverhalten von Bevölkerungsgruppen erfasst und mit Krankheiten und Störungen in Beziehung gesetzt. So sollen Zusammenhänge gefunden werden wie in dieser Studie: Wer viele Lebensmittel mit hohem Gehalt an Flavonoiden isst, bekommt weniger Diabetes. Der Knackpunkt: Es könnte sein, dass Menschen, die viele Lebensmittel mit hohem Flavonoidgehalt essen – Zum Beispiel Früchte, Beeren – auch sonst einen gesünderen Lebensstil pflegen als der Durchschnitt. So könnte es sein, dass der günstige Effekt auf Diabetes durch einen anderen Faktor ausgelöst wird, der noch nicht bekannt ist.

Solche epidemiologischen Studien, so nennt man die, werden oft durchgeführt in der Ernährungswissenschaft und oft wird ihre begrenzte Aussagekraft nicht erwähnt, wie auch in diesem Artikel in der Berliner Morgenpost.

Siehe dazu:

Ernährungswissenschaft: Fragwürdige Studien stiften mehr Verwirrung als Nutzen

So ist also nicht einwandfrei geklärt, ob Flavonoide das Diabetesrisiko senken. Dass sie antioxidativ wirken ist geklärt, allerdings im Labor. Damit ist auch hier nicht geklärt, ob ein positiver Effekt auch ausserhalb des Reagenzglases auftritt, im lebendigen Menschen.

Es spricht aber sehr viel dafür, dass Flavonoide als Bestandteil einer vielfältigen Ernährung  sinnvoll sind. Äpfel sind reich an Flavonoiden, blaue Beeren mit hohemn Gehalt an Anthocyanen wie Heidelbeeren, Holunderbeeren, Schwarze Johannisbeeren, Brombeeren, Kirschen..

In der Phytotherapie gibt es eine ganze Reihe von Heilpflanzen, deren Wirkung insbesondere auf Flavonoide zurückgeführt wird. Zum Beispiel Weissdorn, Ginkgo, Mariendistel, Buchweizenkraut.

Flavonoid-Pflanzen sind im allgemeinen sehr gut verträglich. Das hat auch damit zu tun, dass Flavonoide rasch wieder ausgeschieden werden. Darum müssen die Dosierungen hoch genug sein.

Wenn Sie interessiert sind daran, Wirkstoffe, Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten der Heilpflanzen fundiert kennenzulernen, dann können Sie das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

 

Kann man Vogelbeeren essen?

Der Vogelbeerbaum (Eberesche, Sorbus aucuparia) fällt im Herbst auf durch seine leuchtend orange-roten Früchte. Sie werden oft als giftig angesehen, was aber nicht richtig ist. Die Beeren sind roh wenig schmackhaft und enthalten Parasorbinsäure, die zu Magenproblemen führen kann. Durch Kochen wird die Parasorbinsäure in Sorbinsäure umgewandelt, die gut verträglich ist. Gekochte Beeren können deshalb auch in größeren Mengen gegessen werden.

Durch die ersten Fröste wird die Parasorbinsäure ebenfalls zu Sorbinsäure abgebaut, wodurch die Früchte ihren bitteren Geschmack verlieren und leicht süßlich werden.

Es empfiehlt sich jedoch, die Beeren vor dem Verzehr zu kochen. Auf diese Art bekömmlich gemacht, sind sie vielseitig einsetzbar und schmecken als Konfitüre, Kompott, Sirup, Chuttney oder auch in Gebäck.

Vogelbeerschnaps hat in einigen Regionen Österreichs eine lange Tradition, so in Tirol, in der Region Salzburg und in der Steiermark. Beim Destillieren wird die Parasorbinsäure durch das Erhitzen vollständig abgebaut.

Sorbinsäure (E 200) wird übrigens als Konservierungsmittel für Lebensmittel verwendet.

Im „keltischen Baumkreis“ (keltischen Baumhoroskop) gehört die Eberesche zu den Lebensbäumen. Allerdings ist der keltische Baumkreis eine freie Erfindung des keltischen Neopaganismus (siehe dazu Wikipedia) aus dem 20. Jahhundert und hat mit den Kelten nichts zu tun.

Die Eberesche ist eine gute Nahrungsquelle für Vögel, Insekten und Säugetiere. Die Früchte wurden früher zur Schweinemast verwendet, was zum Namen Eberesche geführt haben könnte (Eber = das männliche Schwein). Wahrscheinlicher kommt der Name aber davon, dass die Blätter der Eberesche denjenigen der Gemeinen Esche (Fraxinus excelsior) ähneln, obwohl die beiden Pflanzenarten nicht verwandt sind.

Der Name Vogelbeeren stammt daher, dass die roten Beeren früher häufig als Köder beim Vogelfang eingesetzt wurden.

Weitere Infos auch zur Bedeutung der Vogelbeeren für die Tierwelt hier:

Sind Vogelbeeren giftig?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Helfen Erdbeeren gegen Darmentzündungen?

Erdbeeren hemmen bei Mäusen die Autoimmunreaktion der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.

Täglich eine Portion Erdbeeren könnte die Symptome von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa lindern. Darauf deuten Versuche mit Mäusen hin, die an der University of Massachusetts durchgeführt wurden. Der Erdbeergenuss hemmte die Entzündungen im Darm und die damit verbundenen Schäden. Gleichzeitig reduzierte das Erdbeerpulver die Zahl der entzündungsfördernden Immunzellen und -Botenstoffe im Darm. Ob diese “Erdbeer-Diät” auch beim Menschen wirksam ist, wollen die Wissenschaftler nun als nächstes untersuchen.

Chronisch-entzündliche Darmkrankheiten wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa sind weltweit verbreitet und betreffen Millionen von Menschen.

In Deutschland dürften an diesen Autoimmunerkrankungen etwa 300.000 Menschen leiden. Chronische Entzündungen der Darmschleimhaut lösen bei ihnen Durchfall und Bauchschmerzen aus und können im Laufe der Zeit sogar die Darmwand schwer schädigen. Die Auslöser dieser Krankheiten sind bisher nur zum Teil geklärt. Es gibt eine genetische Komponente, doch auch Umweltfaktoren wie Nanopartikel, Triclosan sowie die Darmflora könnten eine Rolle spielen.

Eine Heilung dieser entzündlichen Darmerkrankungen ist bisher nicht möglich. Die Entzündungen lassen sich aber durch Medikamente wie Cortison oder durch gezielte Antikörpertherapien hemmen. Auch Ernährungsmassnahmen können Linderung verschaffen.

Ein Lebensmittel, das offenbar heilsam bei entzündlichen Darmerkrankungen wirkt, haben identifiziert: Erdbeeren. Für ihre Studie mit Erdbeeren haben nun Forscher um Hang Xiao von der University of Massachusetts die Wirkung dieses Obstes an Mäusen getestet, die an einer induzierten chronischen Darmentzündung litten. Ein Teil dieser Mäuse bekam mit dem Futter ein Pulver aus gefriergetrockneten ganzen Erdbeeren.

Forscher Xiao erklärt dazu:

“Wenn man nur Extrakte und einzelne Verbindungen testet, bleiben eine Menge anderer wichtiger Inhaltsstoffe der Beeren auf der Strecke, darunter Ballaststoff-Fasern oder an sie geknüpfte phenolische Verbindungen, die sich durch Lösungsmittel nicht extrahieren lassen.“

Darum verabreichten die Forscher den Mäusen Komplettpulver, und zwar in einer Dosis, die etwa einer Tasse frische Erdbeeren täglich bei einem Menschen entspricht.

Erdbeeren reduzierten Symptome und Immunreaktion

Die Resultate der Studie zeigten, dass die Erdbeeren die Krankheitssymptome linderten. Sie verringerten die Schäden an den Darmgeweben der Mäuse und verhinderten die Verkürzung des Darms. Auch die Menge der entzündungsfördernden Immunzellen in der Darmschleimhaut wurde durch die Gabe des Erdbeer-Komplettpulvers reduziert.

Die Mäuse litten dadurch nicht mehr unter blutigen Durchfällen und nahmen auch wieder an Körpergewicht zu. Die Erdbeer-Diät hatte zudem einen günstigen Effekt auf die Darmflora der Tiere. Sie begann sich im Laufe der Studie zu normalisieren. Die Zahl der Akkermansia- und Dorea-Bakterien verminderte sich, dafür stieg die Menge von Lactobacillus und Bifidobacillus. Das wiederum normalisierte den Darmstoffwechsel und förderte die Bildung von gesunden, kurzkettigen Fettsäuren im Verdauungstrakt.

 

Wirkung beim Menschen noch ungeklärt

Noch haben die Wissenschaftler die günstige Wirkung der Erdbeeren nur bei Mäusen nachgewiesen. Sie halten es aber für durchaus wahrscheinlich, dass auch menschliche Patienten mit chronischen Darmentzündungen vom Konsum von Erdbeeren profitieren könnten und wollen dies nun in ersten Tests mit Darmpatienten untersuchen.

Dass Ernährungfaktoren bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa eine wichtige Rolle spielen können, ist schon länger bekannt. Der bewegungsarme Lebensstil und die Ernährungsgewohnheiten vieler Menschen hier bei uns – viel Zucker, viel tierisches Fett, aber wenig Ballaststoffe – könnten laut Xiao zu chronischen Darmentzündungen beitragen.

Sollte sich nun diese im Labor gefundenen Effekt der Erdbeeren bestätigen, dann hätten Betroffene eine zusätzliche Möglichkeit, ihr Leiden durch einfache Maßnahmen zumindest zu lindern – bereits eine Dreiviertel Tasse voller Erdbeeren täglich könnte dafür genügen. Die Forscher betonen aber, dass Darmpatienten vor einer Anwendung immer erst Rückspräche mit ihrem Arzt halten sollen, weil Erdbeeren auch Allergien auslösen können

 

Quelle:

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-23061-2018-08-21.html

(American Chemical Society 256th National Meeting, 2018)

 

Kommentar & Ergänzung:

Mal abgesehen von schwierigen ethischen Fragen, die solche Versuche immer auch aufwerfen, sind das natürlich interessante Ergebnisse.

Allerdings lassen sich Erkenntnisse aus Tierversuchen nicht einfach so direkt auf Menschen übertragen, worauf die Forscher richtigerweise auch hinweisen. Eine künstlich ausgelöste Entzündung bei der Maus entspricht eben nicht genau der Entzündung durch Morbus Crohn und Colitis ulcerosa beim Menschen.

Günstig ist hier allerdings der Umstand, dass die verwendete Dosis umgerechnet auf den Menschen in einer realistischen Grössenordnung liegt, einfach zu verabreichen ist und kostenmässig nicht gross ins Gewicht fällt. Dazu sind Erdbeeren nach gegenwärtigem Wissen unschädlich und darüber hinaus sogar gesund.

Und wer an einer Erdbeerallergie leidet, wird das in der Regel wohl wissen und diese Erdbeer-Diät bleiben lassen.

Würde ich an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa leiden, würde ich diese Option wohl ausprobieren und in der Erdbeersaison über 4 – 6 Wochen eine Tasse Erdbeeren über den Tag verteilt essen.

Aus sicht der Phytotherapie könnte man aber auch andere Arzneipflanzen in Betracht ziehen. So wirken zum Beispiel getrocknete Heidelbeeren durch ihren Gerbstoffgehalt gegen Durchfall und von den blauen Farbstoffen (Anthocyane) könnte eine entzündungswidrige Wirkung im Darm ausgehen. Auch der gelbe Farbstoff Curcumin aus der Gelbwurzel (Curcuma) wirkt möglicherweise gegen Entzündungen im Darm. Das sind allerdings ebenfalls nur Ableitungen aus Laborstudien. Sowohl für Heidelbeere als auch für Curcumin fehlen grössere Studien mit Patienten, die an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa leiden.

Interessant ist an diesem Forschungsbericht im übrigen auch, dass Forscher Xiao Argumente für die Verwendung von Erdbeer-Vollpulver und gegen isolierte Substanzen und Extrakte anführt.

In der Phytotherapie finden sich ähnliche Argumentationen. Phytotherapie arbeitet in der Regel mit „Teams“ von Wirkstoffen und nicht mit isolierten Einzelsubstanzen, verwendet aber durchaus auch Extrakte.

Die Schwierigkeit für Forschung mit einem Erdbeer-Vollpulver wird sein, dass sich ein solches Produkt nicht patentieren lässt. Dadurch wird es wenig Interesse von Firmen geben, massiv Geld in teure klinische Forschung zu investieren. Die Chance, dass sich eine solche Intestition später auszahlt, ist einfach zu gering, weil jede andere Firma diese Forschungsergebnisse auch für ihre Zwecke nutzen und ein Erdbeer-Vollpulver auf den Markt werfen kann. Patentierbare Einzelsubstanzen oder Spezialextrakte sind da viel attraktiver.

Diese ökonomische Tatsache ist wesentlich dafür mitverantwortlich, dass einfache Pflanzenprodukte wie ein Kräutertee oder eben ein Pflanzenpulver wenig erforscht werden. Solche Forschung kommt oft nicht über das billigere Laborstadium hinaus. Es spricht viel dafür, dass es dem Erdbeer-Vollpulver auch so gehen wird.

Und dann ist es einfach zu sagen, dass zuwenig aussagekräftige Studienergebnisse vorliegen…..

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Fuchsbandwurm durch Beerensammeln?

Auf Kräuterwanderungen werde ich immer wieder mal darauf angesprochen, ob es vertretbar sei, Wildbeeren zu sammeln und zu essen, wegen dem Risiko einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm.

Dazu ist zu sagen, dass ein Befall mit dem Fuchsbandwurm für den Menschen lebensgefährlich sein kann, aber sehr selten vorkommt.

In Deutschland waren die Meldezahlen im Vergleich zu den Vorjahren nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) im Jahr 2016 wieder rückläufig: 26 Fälle gab es, davon 10 aus Bayern, 8 aus Baden-Württemberg, wobei das RKI darauf hinweist, dass davon nicht in jedem Fall auf den Infektionsort geschlossen werden kann.

Infizierte Personen nehmen zunächst keine Beschwerden oder Schmerzen wahr, wie das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) erklärt. Der Erreger befalle unbemerkt die Leber, in der sich die Larven des Bandwurms entwickeln.” Manchmal wird auch die Lunge oder – seltener – das Gehirn befallen. Die Larven wachsen im Körper sehr langsam und zerstören tumorartig das Organ. Bis sich die ersten Symptome zeigen, kann es mehr als zehn Jahre dauern.

Noch vor 30 Jahren galt eine Ansteckung mit dem Fuchsbandwurm als Todesurteil. Inzwischen gibt es Medikamente, die den Erreger in Schach halten, eine komplette Heilung ist jedoch noch nicht möglich, erklärte Professor Klaus Brehm vom Institut für Hygiene am Uniklinikum Würzburg kürzlich im Bayerischen Rundfunk. Die Medikamente können das Wachstum der Larve im Organismus des Menschen eindämmen, sind jedoch nicht in der Lage, das Larvengewebe abzutöten, so dass Patienten das Medikament ein Leben lang nehmen müssen.

Die geschlechtsreifen, drei bis vier Millimeter langen Würmer leben im Darm von Fleischfressern, in Europa hauptsächlich von Rotfuchs, Marderhund und seltener auch bei Hund und Katze. Die Tiere scheiden die Eier des Parasiten mit dem Kot aus. Diese sind gegenüber Umwelteinflüssen sehr widerstandfähig und können unter günstigen Bedingungen mehrere Monate infektiös bleiben. Abtöten lassen sich die Eier nur durch kurzes Abkochen oder ein mehrere Tage dauerndes Einfrieren bei minus 80 Grad.

 

Und nun zu möglichen Übertragungswegen

Der Übertragungsweg des Fuchsbandwurms auf den Menschen sei noch nicht richtig erforscht, erläutert das Friedrich-Loeffler-Institut.

Die Übertragung des Parasiten von einem Haustier auf den Menschen ist weltweit bisher noch in keinem Fall nachgewiesen worden. Eine Übertragung vom Hund kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Deshalb sollten herumstreunende und Mäuse jagende Hunde regelmäßig auf Bandwürmer untersucht und entwurmt werden. Bei Katzen besteht nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts nur ein geringes Übertragungsrisiko, weil sie eine geringere Empfänglichkeit für den Fuchsbandwurm haben und im Falle einer Infektion sehr viel geringere Eizahlen ausscheiden.

Und nun zum Sammeln von Beeren und Pilzen…

Mikrobiologe Klaus Brehm von der Würzburger Uniklinik erklärt dazu, dass das Sammeln von Beeren oder Pilzen bisher in keiner Studie als Risikofaktor identifiziert worden ist. Er gibt ausserdem den wichtigen Hinweis, dass man mehrere Hundert Eier des Fuchsbandwurms aufnehmen müsse, um sich zu infizieren, und sagt darüber hinaus:

“Je höher eine Beere am Strauch hängt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Beere mit Fuchskot in Verbindung kommt. Das heißt, die Beere muss schon erkennbar mit Fuchskot verunreinigt sein und kaum jemand wird so eine Beere essen.”

Quelle:

https://www.n-tv.de/wissen/Ist-Pilze-und-Beerensammeln-riskant-article20582536.html

https://www.br.de/mediathek/video/unnoetige-aengste-infektion-mit-fuchsbandwurm-durch-beeren-kaum-moeglich-av:5b6ad150147dc800180ed0ba

Kommentar & Ergänzung:

Das sind immer so schwierige Themen, wenn es zwar äusserst unwahrscheinlich ist, dass ein Risiko eintrifft, doch wenn es trotzdem geschieht,  zum Beispiel die Fuchsbandwurm-Infektion, dann ist es eine sehr ernsthafte Sache.

Immerhin lässt sich die Krankheit inzwischen soweit behandeln, dass man nicht mehr an ihr sterben muss.

Beim Fuchsbandwurm scheinen die Warnungen vor einer Infektion durch den Genuss von gesammelten Beeren allerdings auf einer sehr schwachen Grundlage zu stehen.

Dafür sprechen auch Aussagen anderer Fachleute, zum Beispiel von der Uniklinik Ulm:

Fuchsbandwurm: Risiko durch Waldbeeren?

Waldbeeren & Fuchsbandwurm diffuse Ängste

Interessant und zuwenig bekannt acheint mir der Hinweis, dass es offenbar eine längerdauernde Aufnahme von mehreeren 100 Eiern braucht, bis eine Infektion stattfindet.

Offenbar kann man mit diesen Fuchsbandwurmeiern auf verschiedensten Wegen in Kontakt kommen. Im Merkblatt „Vorsicht Fuchsbandwurm“ des Instituts für Parasitologie der Universität Zürich stehen zum Beispiel auch die Hinweise:

– „Schuhe/Stiefel nicht im Wohnbereich benutzen und die Hände regelmässig waschen.

– Nach Arbeiten mit Erde oder Gras (Rasen) und Gartenarbeiten, sowie nach Kontakt mit Hunden jeweils die Hände gründlich waschen. „

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Detox ist Unsinn

Detox ist nicht nur überflüssig. Es untergräbt auch das Vertrauen in unseren Körper.  Jeden Frühling schwappt eine Detoxwelle wieder durch’s Land. Früher sagte man zu diesen körperinternen Putzaktionen Engiftungskur oder Entschlackungskur. Aber Detox tönt überzeugender. Die Frauenzeitschrift „Annabelle“ hat Michael Ristow gefragt, was der grösste Unsinn an Detox sei:

„Detox findet im Körper prinzipiell immer statt, dafür gibt es Organe wie die Leber oder die Nieren – und die funktionieren sehr gut. Es ist ein Irrglaube zu denken, man könnte durch Wunderkuren diese Vorgänge im Körper aktivieren oder beschleunigen. Was man allerdings tun kann, ist, die Leber zu behindern, etwa mit Alkohol. Wenn die Leber damit beschäftigt ist, den Alkohol abzubauen, kann sie sich nicht um andere Dinge kümmern, die sie abbauen sollte.“

Prof. Dr. Michael Ristow ist Arzt und Wissenschafter und als Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich tätig.

Quelle:

http://www.annabelle.ch/leben/gesundheit/«-detox-trend-aergert-mich-schon-sehr»-47732

Kommentar & Ergänzung:

Detox ist nicht nur überflüssig. Es untergräbt auch das Vertrauen in unseren Körper. Es missachtet die Arbeit von Leber und Nieren und redet uns ein, dass sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind.

Es gibt ernsthafte Lebererkrankungen und Nierenerkrankungen, bei denen die Funktion dieser Organe beeinträchtig ist oder gar versagt. Dann ist medizinische Hilfe nötig.

Aber gesunden Menschen einzureden, dass sie unbedingt Entgiftung und Entschlackung brauchen, ist nur ein gutes Geschäftsmodell.

Michael Ristow lässt im Annabelle-Interview im übrigen noch interessante Informationen einfliessen.

Er rät bei Obstsäften zur Vorsicht, da diese nicht nur gesunde Stoffe, sondern auch viel Zucker enthalten.  Ich würde empfehlen, Obstsäfte halb/halb mit Wasser zu verdünnen.

Auf die Frage, welches Obst er denn mit gutem Gewissen empfehlen könne, sagt Michael Ristow:

„Je kleiner die Frucht ist, desto gesünder ist sie. Das Gesunde im Obst steckt meist in der Schale und je mehr Schale, man bezogen aufs Gesamtvolumen isst, desto gesünder. Kleine Beeren oder allgemein alle kleinen Früchte, die rot, blau oder violett sind, kann ich empfehlen. Bei diesen Früchten ist die Chance höher, dass der ungünstige Zucker sich im Verhältnis zu den günstigen Polyphenolen lohnt. Polyphenolen sind nachweislich gesundheitsfördernde Pflanzenstoffe, die in Früchten und im Gemüse enthalten sind.“

Aus phytotherapeutischer Sicht ist der Hinweis auf rote, blaue oder violette Beeren interessant. Hier handelt es sich um Inhaltsstoffe aus der Gruppe der Anthocyane, einer Untergruppe der Flavonoide, die wiederum zu den Polyphenolen gehören.

Die wichtigste Heilpflanze mit Anthocyanen ist die Heidelbeere.

Auf die Heidelbeere weist Michael Ristow sogar speziell hin.

Anstelle von

«An apple a Day, keeps the Doctor away»

empfiehlt er „…eher 50 Blaubeeren a Day.“

Wobei aber leider die Blaubeeren / Heidelbeeren, die im Supermarkt verkauft werden, innen kaum blau sind und daher weniger Anthocyane enthalten als die „richtigen“, wildwachsenden Heidelbeeren.

Siehe dazu:

Heidelbeeren aus dem Supermarkt begtreffend Wirkstoffgehalt fragwürdig

Anthocyane sind Radikalfänger und hemmen Entzündungen. Eingeschränkt wird ihre Wirksamkeit aber oft durch stark eingeschränkte Aufnahme in den Organismus aus dem Verdauungstrakt.

Neben Heidelbeeren enthalten beispielsweise auch Himbeeren, Brombeeren, Schwarze Johannisbeeren, Auberginen (Schale), Aronia und Kirsche Anthocyane in relevanten Mengen. Man sollte diese Anthocyan-Quellen zwar nicht zu Wundermitteln hochjubeln, doch sind sie wertvolle Bestandteile einer vielfältigen Ernährung, wenn sie immer wieder mal auf den Speiseplan kommen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Können Flavonoide aus Rotwein, Heidelbeeren und Schwarztee vor Grippe schützen?

Das „Aerzteblatt“ schreibt über sehr interessante Studien, die sich mit Zusammenhängen zwischen der Darmflora und Grippe-Infektionen befassen.

So haben Studien zum Beispiel gezeigt, dass die Pathogenität von Grippe-Viren von der Darmflora beeinflusst wird (Pathogenität von pathogen = eine Krankheit verursachend).

Mäuse sterben häufiger an einer Grippe, wenn ihre Darmflora zuvor durch Antibiotika beseitigt wurde. Wissenschaftler der Washington University School of Medicine in St. Louis vermuten, dass die schützende Wirkung über das Immunsystem zustande kommt. Der Darm enthält die größte Ansammlung von Immunzellen im Organismus, und die Darmbakterien sind entscheidend daran beteiligt, die Abwehrzellen für ihre Aufgabe der Infektabwehr auszubilden. Dabei spielt die Aktivierung von Typ I-Interferonen eine bedeutende Rolle, die von verschiedenen Körperzellen als Reaktion auf Virusinfektionen gebildet werden.

Mäuse, die aufgrund eines Gendefekts verstärkt Typ I-Interferone bilden, zeigten in Experimenten eine erhöhte Resistenz gegen Grippe-Infektionen.

Eine ähnliche Schutzwirkung wie die Gene entfalteten in weiteren Untersuchungen Darmbakterien. Da diese Darmbakterien nicht die Lunge als Eintrittspforte der Grippe-Viren erreichenkönen, muss es eine vermittelnde Substanz geben, die den positiven Effekt bewirkt.

Die Wissenschaftler suchten daher systematisch nach Stoffwechselprodukten der Darmbakterien, die in der Lage sein könnten, die Produktion von Typ I-Interferonen zu erhöhen. Dabei stiessen sie auf Desaminotyrosin.

Das Darmbakterium Clostridium orbiscindens, ein Verwandter des gefürchteten Durchfallerregers Clostridium difficile, kann Desaminotyrosin bei der Verstoffwechselung von Flavonoiden aus Rotwein, Heidelbeeren oder bestimmten Teesorten herstellen.

Desaminotyrosin hat in tierexperimentellen Studien die Produktion von Typ I-Interferonen angeregt und Mäuse vor tödlichen Grippe-Infektionen geschützt. Die Studie wurde in Science (2017; 357: 498-502) publiziert und wirft ein neues Licht auf die Bedeutung der Darmflora für die Infektionsabwehr, auch wenn die klinische Bedeutung für die Humanmedizin offen bleiben muss.

Flavonoide sind eine Gruppe von Pflanzenfarbstoffen, die in unter anderem in Petersilie, Heidelbeeren, Schwarztee, Zitrusfrüchten und Rotwein enthalten sind.

Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass die orale Gabe von Desaminotyrosin Mäuse vor einer Grippe schützt. Die Substanz bewahrte die Mäuse vor einem sicheren Grippetod, der sie erwartete, wenn ihre Darmflora vor der Infektion durch einen Antbiotika-Cocktail aus Vancomycin, Neomycin, Ampicillin und Metronidazol eliminiert wurde. Das spricht dafür, dass Desaminoyrosin offenbar die Schutzwirkung der Darmflora vermittelt.

Es sind nur nur wenige Darmbakterien bekannt, die in der Lage sind, Flavonoide abzubauen. Dazu zählt Clostridium orbiscindens. Dieser normale Darmbewohner reagiert empfindlich auf die Antibiotika Vancomycin und Metronidazol, was erklären könnte, weshalb Antibiotika-Behandlungen (bei Mäusen) die Pathogenität einer Grippe steigern.

Welche Bedeutung diese Entdeckung für die klinische Medizin und damit für den Menschen hat, ist unklar.

Denkbar wäre die vorbeugende Behandlung mit Desaminotyrosin.

Tatsächlich überlebten Mäuse die für sie im Normalfall tödliche Grippe, wenn sie vorgängig eine Woche lang mit Desaminotyrosin behandelt wurden. Die Behandlung blieb wirkungslos, wenn die Behandlung erst zwei Tage nach der Infektion mit den Grippe-Viren begonnen wurde. Die Sterblichkeit war dann laut sogar erhöht. Eine andere Konsequenz aus diesen Erkenntnissen könnte die Vermeidung unnötiger Antibiotikatherapien sein.

 

Allerdings fehlt es weitgehend an epidemiologischen Daten, die eine gesteigerte Anfälligkeit von Menschen für grippale Infekte nach Antibiotikatherapien zeigen. Eine vorbeugende Wirkung von Desaminotyrosin müsste zudem noch in klinischen Studien untersucht und bestätigt werden.

Das „Aerzteblatt“ schliesst mit der Bemerkung:

„Die Nutzen-Schadenbilanz von Rotwein dürfte eher negativ ausfallen. Gegen eine gesunde ausgewogene Ernährung mit anderen Flavonoid-haltigen Nahrungsmitteln dürfte nichts einzuwenden sein.“

 

Quelle:

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Grippe%2FInfluenza?nid=77460

http://science.sciencemag.org/content/357/6350/498

 

Kommentar & Ergänzung:

Flavonoide gehören zur Gruppe der Polyphenole und sind eine sehr interessante Wirkstoffgruppe in der Phytotherapie. Über mögliche indirekte Wirkungen von Polyphenolen im Zusammenhang mit Verstoffwechselungsprozessen der Darmflora gibt es bereits einige Forschungsarbeiten.

Die hier präsentierten Forschungen zum Thema Grippeprophylaxe sind sehr spannend. Es zeigt sich dabei aber auch, dass diese Ergebnisse aus dem Labor und mit Mäusen noch sehr viele Fragen offen lassen, was eine wirksame Anwendung beim Menschen angeht.

Noch ist überhaupt nicht klar, ob Menschen von diesen Erkenntnissen profitieren, und falls das irgendwann der Fall sein sollte, wird wohl ein Pharmaprodukt auf der Basis von Desaminotyrosin daraus hervorgehen. Das lässt sich dann patentieren, wodurch die Forschungskosten wieder hereingespielt werden können. So funktionieren halt unsere Forschung und unsere Wirtschaft. Dass die Weinproduzenten eine klinische Studie mit Rotwein sponsern ist kaum anzunehmen.

Für die Phytotherapie scheint mir ein interessanter Punkt, dass Flavonoide über dieses Zusammenspiel mit der Darmflora eine ganz neue Kategorie von Wirkungen haben könnten. Auch unterstreichen diese Studien die grosse Bedeutung einer intakten Darmflora. Und dass flavonoidreiche Nahrungsmittel ein wichtiger Bestandteil einer vielfältigen Ernährung sind, wird durch diese Erkenntnisse erneut unterstrichen.

Beachtenswert sind dabei insbesondere die Anthocyane, eine Untergruppe der Flavonoide, die als blaue und rote Farbstoffe zum Beispiel in Beeren vorkommen (Heidelbeeren, Aroniabeeren, Schwarze Holunderbeeren, Schwarze Johannisbeern, Brombeeren, Himbeeren). Beiträge zum Thema „Anthocyane“ finden Sie, wenn Sie diesen Begriff als Suchwort oben rechts auf dieser Website ins Suchfeld eingeben.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern

Ein Text von Martin Koradi

Die Aufmerksamkeit der Konsumenten ist im Informationszeitalter zum unverzichtbaren Schlüsselgut der Medienanbieter geworden. Medien aller Art müssen sich diese Aufmerksamkeit um jeden Preis erkämpfen.

Und wie holt man sich Aufmerksamkeit? Durch Auffallen. Und wie fällt man auf?

Durch Emotionalisierung, Skandalisierung, Aufregung, Polarisierung, Kontrastierung. Provokationen, Tabubrüche.

Nun ist das Aussergewöhnliche und Aufregende aber nicht unbedingt auch das Relevante. Eine Medienlandschaft, in der Aufmerksamkeit die überlebenswichtige Währung ist, könnte daher dramatische Folgen für den Einzelnen und für die demokratische Gesellschaft haben, zum Beispiel im Hinblick auf die Meinungsbildung.

Matthias Zehnder beschreibt in seinem Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ die fatalen Folgen einer Publizistik, die sich ganz dem Aufmerksamkeitsmarkt verschrieben hat.

In diesem Text stelle ich die zentralen Aussagen aus diesem infomativen Buch zusammenfassend vor. Ergänzende Kommentare von mir sind kursiv gesetzt.

Wie es zum Schlaraffenlandproblem kam

Zehnder beschreibt sehr eindrücklich und illustrativ ein „Schlaraffenlandproblem“. Dazu kommt es so:

Die Menschen sind eigentlich Jäger und Sammler. Wir sind dafür gebaut, stundenlang durch die Savanne zu streifen und nach Beeren und Antilopen Ausschau zu halten.

In einer kargen Landschaft selten auftauchende Nahrung von weitem zu entdecken und dann auch gut zu verwerten war in den Anfängen der Menschheit überlebenswichtig.

Heute ist die Situation für die meisten Menschen vollkommen anders. Wir bewegen uns minimal und stehen vor übervollen Supermarktregalen. Demensprechend essen in den Industrieländern die meisten Menschen zu viel, zu süss, zu fettig, zu salzig. Und anstelle der Herausforderung, das spärliche Angebot zu finden und daraus viel Nahrung zu machen geht es nun darum, aus dem riesigen Angebot weniges, gesundes und leckeres auszuwählen.

Es kommt nicht mehr darauf an, in einem Meer von Blättergrün eine rote Beere zu entdecken, sondern aus unzähligen Joghurtsorten eine auszuwählen.

Im der Medienwelt und im Informationsbereich lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Information so wertvoll und schwer verfügbar wie eine Antilope für den Jäger in der Steppe. Dementsprechend sind die Menschen fundamental darauf angelegt, aus wenig Information viel Wissen und Meinung zu generieren. Unsere Gehirne sind geradezu optimiert dafür, aus wenig Information viel Zusammenhang zu machen. Ein Blick ins Gesicht eines Gegenübers genügt, um über dessen Gefühlslage einigermassen Bescheid zu wissen.

Zehnder schreibt dazu:

„Die Welt war für uns Menschen einst eine leere, weisse Leinwand, auf der jeder Farbtupfer eine grosse Bedeutung hatte. Heute leben wir in einem Action-Painting von Jackson Pollock, das ein verwirrendes Geflecht von Farben und Formen zeigt.“

Von der Steppe her sind unsere Gehirne auch darauf optimiert, primär Bewegung wahrzunehmen (es könnte ein Gepard sein oder eine Antilope). Dieses priorisierte Wahrnehmen von Bewegung hat zur Folge, dass wir uns heute unwillkürlich nach jedem Bildschirm umdrehen. Auch der belanglosesten Bewegung auf einem Monitor geben unsere Gehirne eine grössere Wichtigkeit als der bedeutsamsten Buchstabenfolge auf Papier.

Die Situation hat sich also für uns auch im Informationsbereich völlig verändert. Wir sind umzingelt von einem Informationssupermarkt und haben überall jederzeit Zugriff auf Bücher, Musik, Filme, Bilder, Nachrichten und ein unermessliches Meer von Websites. Dieses Riesenangebot ist nicht nur unendlich, sondern zum grössten auch noch gratis. Zumindestens die „Fett- und Zuckerbomben“ seien kostenlos, schreibt Zehnder: „Wer sich sinnvoll ernähren will, muss zahlen. Die Folgen lassen sich an einer Hand ausrechnen: Informative Fehlernährung, Mangelbildung durch Überinformation, geistige Adipositas bei gleichzeitiger Unterernährung des Verstandes. Es ist das mediale Schlaraffenlandproblem.“

Im medialen Supermarkt greifen wir gerne zu den kostenfreien Schleckereien fürs Gehirn und lassen die kostenpflichtigen geistigen Vitamine links liegen.

Zehnder stellt fest, dass ähnlich wie bei der Ernährung für das geistige Überleben ganz neue Fähigkeiten und Fertigkeiten erforderlich sind:

„Es kommt nicht mehr darauf an, etwas beschaffen zu können und es zu besitzen, es kommt darauf an, das Richtige auszuwählen und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Das Schlaraffenlandproblem fordert die Menschen ganz neu heraus, und nicht nur jene, die konsumieren, sondern auch die, die Inhalte schaffen. Sie drohen, wie die tausendste Joghurtsorte im Supermarktregal, zur beliebigen Variante des Überflusses zu verkommen. So wie es für das körperliche Überleben entscheidend ist, in der Fülle des Angebots die richtigen Nahrungsmittel in der richtigen Dosis auszuwählen, ist es für das geistige Überleben wichtig, die richtigen Informationen auszulesen.“

Zehnder konstatiert eine verzweifelte Unfähigkeit des Menschen, im (medialen) Supermarkt mit übervollen Regalen umzugehen und beschreibt dies mit dem Ausdruck „Schlaraffenlandproblem“. Besonders schlimm an dieser Diagnose sei, dass wir nicht auf die Hilfe des Marktes hoffen können. Die Wirtschaft sei nicht daran interessiert, dass wir uns selbst beschränken, genügsam nur das konsumieren, was uns guttut, und sonst den Supermarkt der Medien links liegen lassen: „Wir müssen uns selbst aus dem Schlamassel ziehen.“

Diese fundamentalen Veränderungen werfen daher wichtig Fragen auf:

  1. Welche Auswirkungen hat die grenzenlose Verfügbarkeit von Medien auf uns? Welche Folgen hat es, wenn wir immer und überall alles und jedes hören, sehen und lesen können?
  1. Was tut uns gut im Umgang mit den Medien, und was schadet? Ist mehr besser, oder wäre vielleicht weniger mehr?
  1. Welche Konsequenzen hat die veränderte Mediensituation auf die Erziehung? Wie können wir unsere Kinder gut auf die veränderten Weltbedingungen vorbereiten? Ist das überhaupt möglich? Was ist gut für unsere Kinder?

 

Zeitungsmodelle und Aufmerksamkeit

Im medialen Schlaraffenland ist die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit sehr gross. In den letzten 100 Jahren hat sich die Zeit, die wir mit Medien verbringen, wohl mindestens verzehnfacht. Um 1900 lag der Medienkonsum nur etwa bei zehn Stunden pro Woche. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn damals waren Medien nur knapp verfügbar. Rund 100 Jahre später waren es etwa 100 Stunden pro Woche, also ganze 14 Stunden pro Tag. Stark zugenommen hat in den letzen Jahren die Zeit, die wir im Internet sind, während die Zeit, die wir mit dem Lesen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften verbringen, kontinuierlich zurück geht. Die langen Verweilzeiten im Internet hängen stark damit zusammen, dass das Handy immer dabei ist. Viele Alltagsaktivitäten sind heute medial begleitet. Die Zeit, die wir im Internet verbringen, geht dadurch nicht unbedingt auf Kosten von anderen Freizeitaktivitäten, aber auf Kosten der Konzentration darauf. Die konstante Präsenz von Handy und Internet hat zur Folge, dass die Aufmerksamkeit immer häufiger nur geteilt ist.

In dieser geteilten Aufmerksamkeit müssen Medien sich nun behaupten und an diesem Punkt kommt die Wandlung der Zeitungsmodelle ins Spiel.

Die abonnierte Zeitung setzt auf eine kontinuierliche Beziehung zum Lesenden, die über die reine Vermittlung von Nachrichten hinausgeht. Sie ist eingebettet in die Gewohnheiten des Alltags. Das verlässliche Verhältnis zwischen Zeitung und Abonnent ist verbunden mit gegenseitigen Erwartungen. Der Abonnent weiss, was er an seiner Zeitung hat und deshalb muss ihm die Zeitung das nicht jeden Morgen oder mit jedem Artikel beweisen. Es wird pauschal einmal im Jahr abgerechnet und nicht jede Leistung einzeln.

Die Boulevardzeitung funktioniert völlig anders als eine Abo-Zeitung (Boulevardzeitung in Deutschland ab 1904, in der Schweiz ab 1959 mit „Blick“).

Ihr geht es nicht um die Pflege einer Vertrauensbeziehung und nicht um Verlässlichkeit, sondern darum, innert Sekundenbruchteilen am Kiosk oder auf der Strasse potenzielle Käufer zum Kauf zu animieren. Das braucht Titel als „Knaller“ und mit grossen Buchstaben. Ausgewogene, differenzierende Titel funktionieren nicht. Das Erfolgsrezept heisst emotionalisieren, skandalisieren und personalisieren. Es geht nicht einfach um eine Nachricht, und schon gar nicht um Argumente, sondern um starke Emotionen, Menschen, Schicksale, Skandale – nur damit bewegt man Menschen zum Kauf.

Die Gratiszeitung konkurriert in der Schweiz seit Ende der 1990er Jahre die klassische Boulevardzeitung. Kostenlose Zeitungen gibt es in der Schweiz allerdings schon seit vielen Jahren. Insbesondere die Zeitungen der beiden Grossverteiler „Coopzeitung“ und „Migros Magazin“ erscheinen in Millionenauflagen.

Sie sind hauptsächlich ein Werbemittel und werden den Genossenschaftern gratis und ungefragt ins Haus geliefert. Dort werden sie gelesen oder auch nicht. Den Zwang, sich mit jeder Ausgabe Leser zu erkämpfen, kennen sie nicht.

Das ist bei den Gratis-Pendlerzeitungen anders, die sich ab Ende der 1990er-Jahre durchsetzten. Sie müssen die vorübereilenden Passanten jeden Tag mit einer Schlagzeile dazu bringen, in die Zeitungsbox zu breifen und ein Exemplar herauszunehmen. Dabei muss die Motivation nicht so stark sein wie bei einer Boulevardzeitung, weil die Pendlerzeitung nichts kostet. Zudem greifen manche Leser wohl aus purer Gewohnheit in die Zeitungsbox.

Die gedruckte Pendlerzeitung dient dann oft einfach dem Zeitvertreib während der Fahrt, bekommt in dieser Funktion aber zunehmend harte Konkurrenz durch die Smartphones. Pendlerzeitungen könnte man als anorektische Zeitungen beschreiben. Sie befinden sich also im Zustand der Magersucht oder auf Dauerdiät. Für intensivere Recherchen fehlen in den Redaktionen die Ressourcen und für differenziertere Argumentationen der Platz im Blatt. Sie füttern die Lesenden mit einem kontinuierlichen Strom von Nachrichten, helfen aber kaum bei der Einordnung der verspiesenen Informationen in einen grösseren Zusammenhang. Kurzfutter halt, oder Schmalkost.

In der Schweiz gehören die beiden grössten Gratis-Tageszeitungen den beiden grössten traditionellen Verlagen Tamedia („20 Minuten“) und Ringier („Blick am Abend“). In Deutschland haben sich die Verlage der Kaufzeitungen bisher erfolgreich gegen Gratiszeitungen gewehrt.

Das Internet hat in den letzten Jahren diesen grossen Medienmarktplatz drastisch erweitert und völlig umgekrempelt. Im Internet ist jede regionale Begrenzung aufgehoben. Etwa eine Milliarde Websites buhlen um die Aufmerksamkeit der Benutzer und im Unterschied zum Zeitungskiosk kann niemand die Übersicht haben über das Angebot im Internet. Im Internet braucht es daher sehr starke Schlagzeilen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Internet, schreibt Zehnder, ist Boulevard total.

Hier scheint mir ein anderer Aspekt mindestens so wichtig:

Ob eine Website im Internet auffällt, hängt nicht nur von starken Schlagzeilen ab, sondern mindestens so stark davon, ob sie die Algorhythmen von Google und Facebook bedient. Die weitgehend intransparenten Algorithmen von Google und Facebook bestimmen, welche Websites und News aus dem unendlichen Meer des Internets einem Benutzer präsentiert werden. Firmen geben sehr viel Geld aus, um bei Google auf die erste Seite zu kommen – als Anzeige oder via Suchmaschinenoptimierung (SEO) in den organischen Suchresultaten.

Die Algorhythmen von Google und Facebook, die über die Positionierung und damit über die Sichtbarkeit im Internet entscheiden, sagen kaum etwas aus über Relevanz und Qualität der Informationen, die damit gefunden werden. Sie sind gleichmacherisch, indem völlig irrelevante oder lügnerische Information neben oder über sorgfältig aufbereiteter, differenzierter Information steht. Das Internet ist ein unendlich langes Buffet, aber welche Gerichte mir da aus welchen Gründen und mit welchen Interessen angeboten werden, ist weitgehend intransparent.

Wer blind einer Suchmachine vertraut delegiert die Auswahl an einen Konzern, der nach intransparenten Kriterien vorgeht und dessen Hauptinteresse einzig darin liegt, kommerziell verwertbare Nutzerdaten abzuziehen.

Das Phänomen Aufmerksamkeit besser verstehen

Aufmerksamkeit ist zum Schüsselfaktor in der Medienwelt geworden. Schon immer war Aufmerksamkeit die Grundvoraussetzung dafür, dass Medien Informationen transportieren können. Ohne Aufmerksamkeit würden die Inhalte der Medien nicht wahrgenommen. Matthias Zehnder formuliert das mit einem prägnanten Bild: „Ohne Aufmerksamkeit wird die Zeitung zur Fliegenklatsche, und der Fernseher verkommt zur Zimmerlampe.“

Bis vor ein paar Jahren haben die meisten Medien allerdings anders funktioniert als heute. Sie konnten davon ausgehen, dass sie die grundsätzliche Aufmerksamkeit ihrer Leser oder Zuschauer schon haben und diese nicht erst erobern müssen. Sie bauten auf eine Art von Vertrauensbeziehung, die zwischen dem Abonnenten und seiner Tageszeitung oder zwischen dem Zuschauer und seinem Fernsehsender bestand. Zehnder vergleicht diese konstante Grundbeziehung mit dem Verhältnis zwischen einem Gast mit Vollpension und dem Wirt in einem Hotel. Vielleicht wird auch mal gemurrt, aber grundsätzlich vertrauten die Vollpensiongäste darauf, dass der Wirt ihnen passende Mahlzeiten zum richtigen Zeitpunkt servierte. Der Wirt wiederum konnte davon ausgehen, dass seine Gäste bei ihm essen würden. Das erlaubte ihm, frisches Gemüse einzukaufen und eine abgestimmte Menge von Mahlzeiten zuzubereiten.

Solche Vertrauensverhältnisse gebe es heute kaum mehr, schreibt Zehnder. Der Gast sei zum Buffet-Hopper geworden. Er wende sich dem Stand zu, der gerade die farbigsten Angebote mache oder dessen Inhaber gerade am lautesten rufe.

Vergleichbares geschieht im Bereich der Medien. Kein Medium kann heute mehr davon ausgehen, dass es Aufmerksamkeit bekommt. Es muss sich die Aufmerksamkeit der Benutzer zuerst erkämpfen, und zwar für jeden Beitrag einzeln. Doch das Bufett in der Medienwelt ist unendlich gross geworden und dank Internet geogratisch ohne Grenzen. Im virtuellen Naschmarkt der Medien ist nicht mehr die Beziehung zwischen Vollpensiongast und Wirt entscheidend, sondern die Aufmerksamkeit in jedem Moment. Gewinnen wird jenes Angebot, dem es gelingt, die grösste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Awareness und attention

Das deutsche Wort Aufmerksamkeit zieht zwei verschiedene Geisteszustände zusammen, die im Englischen als „awareness“ und „attention“ auseinandergehalten werden.

„Awareness“ ist eine Art Stand-by-Modus des Bewusstseins, eine Breitbandaufmerksamkeit, vergleichbar mit dem Grundlicht auf der Bühne, das dafür sorgt, dass niemand über ein Requisit stolpert. „Awareness“ ist ein Zustand der wachen Bewusstheit mit der Bereitschaft zur Zuwendung. Die Wahrnehmung ist im Betriebsmodus „Auto-Pilot“.

„Attention“ dagegen ist fokussiert, zielgerichtet und darum auch selektiv. Dieses gezielte Achtgeben ist vergleichbar mit dem Verfolgungsscheinwerfer, der eine einzelne Figur auf der Bühne hell ausleuchtet. „Attention“ ist ein Zustand des gezielten Achtgebens, verbunden mit Informationsselektion und Informationsverarbeitung. Der Betriebsmodus ist eher vergleichbar mit der manuellen Steuerung durch den Piloten. Der Pilot entspricht dabei dem bewussten Ich, das gezielt seine Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand richtet und sich Zielen oder Aufgaben widmet. In diesem Zustand konsumieren wir Medien (sofern sie nicht nur als Hintergrundgeräusch mitlaufen), lesen eine Zeitung, verfolgen eine Sendung im Fernsehen…..

„Awareness“ und „attention“ sind zeitlich in einer bestimmten Abfolge angeordnet, weil „awareness“ die Voraussetzung dafür ist, dass es zu „attention“ kommen kann. Am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“ steht das Aufmerksamwerden, das „Aufmerken“. Das „Aufmerken“ entspricht also dem Aufwachen aus dem Stand-by-Modus am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“. Es ist vergleichbar mit dem Einschalten des Verfolgungsscheinwerfers.

Dem „Aufmerken“ geht immer etwas voraus. Etwas fällt uns auf, stört, unterbricht, bietet einen Anblick, erhebt einen Anspruch.

Was sind das genau für Reize, die zum „Aufmerken“ führen. Wodurch wechselt der Modus vom Autopiloten zur manuellen Steuerung durch den Piloten?

Die stärksten Steuerungsmechanismen sind hier die drei zentralen Elemente, die schon in der Steinzeit das langfristige Überleben der Menschen abgesichert haben:

1. Überleben in Gefahrensituationen,

2. Fortpflanzung,

3. Nachwuchspflege.

 

  1. Überleben in Gefahrensituationen

Wer als Mensch überleben will, muss Gefahren aller Art frühzeitig erkennen, um für Kampf oder Flucht bereit zu sein. Deshalb drehen wir uns unwillkürlich nach einer Bewegung am Rande unseres Gesichtsfeldes um. Es könnte ein Raubtier sein. Bewegungen haben in unseren Wahrnehmungsprozessen eine extrem hohe Priorität. Aus diesem Grund zieht Werbung, die sich bewegt, unsere Blicke magisch an und es fällt uns schwer, einen Fussballmatch auf dem Bildschirm im Restaurant zu ignorieren, auch wenn uns das Fussballspiel gar nicht interessiert.

  1. Fortpflanzung

Dass erotische Reize einen hohen Aufmerksamkeitseffekt haben, ist fest in unserer Evolution verankert. Schliesslich zeigen sie immer eine Gelegenheit zur Weitergabe der eigenen Gene an. Kein Wunder daher, dass Werbung mit erotischen Bildern funktioniert.

  1. Nachwuchspflege

Um seine Gene weiterzugeben ist es nicht nur wichtig, sich fortzupflanzen. Der entstandene Nachwuchs muss auch mindestens solange überleben, bis er wieder selbst fortpflanzungsfähig ist.

 

Weil Überleben, Fortpflanzung und Nachwuchspflege evolutionär bedingt fest in unseren Genen verankert sind, lassen sich Reize, die aus diesen Bereichen stammen, kaum mit dem Verstand kontrollieren. Diesen Effekt nutzt die Boulevardpresse. Deren Slogan umschreibt Zehnder so: „Blut, Brüste, Büsi (schweizerdeutsch für ‚Kätzchen’) sind die ‚drei grossen B’ des Boulevardjournalismus.“

 

– Mit Blut sind Berichte über Unfälle und Verbrechen gemeint.

Brüste kommen in Boulevardmedien mit dem klassischen „Seite-3-Girl“ zum Zug. Seriösere Medien bringen Bilder von flirtenden Promis, Modeaufnahmen mit jungen Frauen oder – top seriös – erotisch angehauchte Bilder im Rahmen von Beiträgen zur medizinischen Aufklärung.

– Mit Büsi sind insbesondere Berichte gemeint über Jungtiere – zum Beispiel Videos mit jungen Kätzchen als Quotenrenner.

Neben diesen evolutionär quasi fest verdrahteten Ur-Aufmerksamkeiten gibt es weitere Techniken der Aufmerksamkeitsgewinnung, derer sich insbesondere die Boulevardmedien bedienen. Matthias Zehnder führt dazu die wichtigen Stichworte an aus einer Untersuchung des Kommunikationswissenschaftlers Peter A. Bruck und des Sprach- und Literaturwissenschaftlers Günther Stocker:

– Familiarisierung nach dem Prinzip: Nähe schafft Aufmerksamkeit.

Benutzung von Spitznamen anstelle der richtigen Namen, Bevorzugung von umgangssprachlichen Wendungen und Fokussierung auf Menschen mit ihren Schicksalen und Erlebnissen schaffen Nähe zwischen dem Thema und dem Medienkonsumenten.

– Simplifizierung nach dem Prinzip: Kontraste schaffen Aufmerksamkeit.

Die Welt wird unterteilt in einfache Gegensätze wie „gut“ und „böse“, „links“ oder „rechts“. Die Komplexität wird reduziert unter anderem durch Personifizierung, Einpassen in übersichtliche Weltbilder und moralische Bewertung der Handlungen der Personen durch das Medium.

– Personalisierung nach dem Prinzip: Menschen schaffen Aufmerksamkeit.

Wirtschaftliche und politische Probleme werden überschaubar gemacht durch Reduktion auf ihre Protagonisten. Zehnder führt als Beispiele an: „So hat nicht mehr Deutschland ein kompliziertes Problem mit der Türkei, sondern Merkel mit Erdoğan, und die Credit Suisse kämpft nicht mit Renditeproblemen, sondern Tidjane Thiam muss sich etwas einfallenlassen.“

– Melodramatisierung nach dem Prinzip: Drama schafft Aufmerksamkeit.

Ein Thema wird dramatisiert, indem es nicht einfach sachlich dargestellt wird, sondern als Melodram, als Schicksal von Menschen erzählt. Der Medienkonsument wird abwechselnd als Voyeur und als Theaterzuschauer angesprochen.

– Visualisierung nach dem Prinzip: Gefahr und Gefühle schaffen Aufmerksamkeit.

Komplexe Themen werden über Bilder oder einfache Grafiken vermitttelt. Durch Bilder und eine bildhafte Sprache werden beim Zuschauer / Leser „Schauer und Entsetzen“ ausgelöst. Entscheidend für die Auswahl der Bilder ist ihr Schock-Gehalt, wobei die Abbildungen oft gar nicht die behandelte Sache abbilden, sondern Themenbilder sind.

– Spektakularisierung nach dem Prinzip: Teilnahme schafft Betroffenheit und Betroffenheit schafft Aufmerksamkeit.

Geschichten werden in der Gegenwartsform so erzählt, dass der Medienkonsument den Eindruck eines Live-Berichts bekommt. Ein drastisches Beispiel sind die Live-Streams in Sozialen Medien. Sie ermöglichen es den Benutzern, Ereignissen live zu verfolgen und vermitteln das Gefühl, dabei zu sein.

– Sensationalisierung nach dem Prinzip: Dringlichkeit schafft Aufmerksamkeit.

In diesen Bereich gehören grosse, fett gedruckte Titel mit ständigen Übertreibungen und der permanenten Konstruktion von Krisen.

Matthias Zehnder fügt noch ein weiteres Boulevardelement hinzu:

– Repetition oder Serialisierung.

Damit ist gemeint: Eine Geschichte wird nicht als Ganzes und in allen Aspekten erzählt, sondern aufgeteilt in einzelne Häppchen hintereinandergeschaltet. So entsteht der Eindruck einer sich ständig weiterentwickelten Story. Ein Teil einer solchen Story ist von Beginn weg geplant, ein weiterer Teil ergibt sich, wenn Betroffene widersprechen, sich wehren und eigene Standpunkte einbringen.

Weitere verschärfende Tricks und Phänomene

Im folgenden sollen einige weitere Phänomene und Tricks in der Medienlandschaft vorgestellt werden, welche die Aufmerksamkeitsfalle verschärfen und die Spaltungstendenzen in der Gesellschaft verstärken.

– Clickbaiting

Die Anzahl der Klicks ist für Online-Medien entscheidend, weil dadurch Werbegelder generiert werden. Beim Clickbaiting wird eine Schlagzeile so formuliert, dass der Leser fast nicht anders kann, als zu klicken. Der Leser wird mit einer Teilinformation „angefixt“, während das Wesentliche noch offengelassen wird. Beispielsweise: „Vier Änderungen der Steuergesetze, die Ihnen schlaflose Nächte bereiten können.“

Listen und Bildergalerien, durch die man sich klicken muss, dienen ebenfalls dem Clickbaiting und dem Verkauf von dazwischengeschalteter Werbung („Die zehn Schlankheitsdiäten, die Sie noch nicht kennen“).

– Boulevardmedien vertiefen über Stimmungsmache die Spaltung der Gesellschaft (Disjunktion)

Stimmmungen und Stimmungswechsel gibt es nicht nur bei Individuen, sondern auch in Gesellschaften. Dabei spielen die Medien eine zentrale Rolle. Sie erzeugen Räume der Stimmungen. Mit diesem Thema befasst sich der Soziologe Heinz Bude in seinem Buch „Das Gefühl der Welt – über die Macht von Stimmungen“.

Solche Räume der Stimmungen werden aufrecht erhalten durch einen gleichmässigen Strom von relevanten Informationen und durch gemeinsame Erregungen, wodurch das Erleben von Gesellschaft intensiviert wird. Heinz Bude unterscheidet dabei zwischen den traditionellen Medien, also beispielsweise den abonnierten Tageszeitungen, und den Boulevardmedien. Wesentlicher als ihr Inhalt ist bei den Boulevardmedien die direkte, emotionale, affektive Art ihrer Ansprache.

Die Boulevardmedien und die klickorientierten Internetmedien verbreiten Stimmungen nicht über die Inhalte, die sie transportieren, sondern über die Art und Weise, wie sie diese Inhalte vermitteln. Entscheidend ist dabei die Methode der direkten, affektiven Publikumsansprache. Dabei kommt es zu einem Wir-Gefühl unter Menschen, die sich im Opposition zur etablierten Gesellschaft und zu den etablierten Medien sehen – also zur sogenannten „Classe Politique“ und zur angeblichen „Lügenpresse“.

Wenn diese Annahmen Heinz Budes zutreffen, dann ist die zu beobachtende Disjunktion in der Politik, die Spaltung der Gesellschaft und das Auseinanderbrechen von Parteien und Gruppen, eine direkte Folge der Boulevardisierung der Medien. Die Spaltung entsteht dann aus einer direkten Folge einer immer stärkeren Ausrichtung der Medien auf den Aufmerksamkeitsmarkt. Indem die Medien in die Aufmerksamkeitsfalle tappen, verstärken sie die Spaltung der Gesellschaft.

Ergänzung: Heinz Bude bezieht sich an dieser Stelle in seinem Buch auf den französichen Soziologen Gabriel Tarde (1843 – 1904). Er publizierte 1898 und 1899 zwei Abhandlungen, in denen er sich den Stimmungsträgern des Publikums, der Masse und der öffentlichen Meinung widmete.

Heinz Bude schreibt:

„Wie kommen die Individuen, fragt Tarde im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert, die voneinander getrennt in der Stadt, zerstreut in einem Land oder nur schwer füreinander erreichbar auf einem Kontinent leben, zu dem Gefühl, dass sie in einer gemeinsamen sozialen Welt leben? Die Antwort lautet: Indem sie eine inländische oder eine ausländische Zeitung lesen. Der Unterschied zwischen Zeitungs- und Buchlektüre liegt darin, dass das Empörende, Verschreckende oder Abstossende, von dem ich gerade lese, in diesem Moment von einer grossen Zahl anderer Menschen geteilt wird, die, ebenfalls ein jeder für sich, auf dem Weg zur Arbeit oder sonstwo dieselbe Zeitung lesen. Die lebhafte Neugier, mit der der Abonnent noch in der Nachtkleidung am Morgen die Tageszeitung aus dem Briefkasten holt, wird von der unbewussten Einbildung gegleitet, dass eine grosse Zahl anderer Menschen im gleichen Augenblick ebenfalls zum Briefkasten unterwegs ist. Darin liegt das Geheimnis der Konstitution eines Publikums.“

Nach Tardes Ansicht hängt das Gefühl der Aktualität nicht an der bedrängenden Tatsächlichkeit der Ereignisse, sondern an der erregenden Gleichzeitigkeit ihrer Kenntnisnahme. Aktuell ist auf diesem Hintergrund nicht das, was gerade stattgefunden hat, sondern was im Moment ein allgemeines Interesse weckt – auch wenn es sich um ein längst vergangenes Ereignis handelt. Aktuell ist auf diesem Hintergrund alles, was besprochen wird. Das fiebrige Interesse an Aktualität begründet die Assoziation, den Zusammenschluss eines Zeitungspublikums. Es kommt zu einer Gruppenbildung aufgrund von geteilten Erregungen.

Diese Gruppenbildung, dieses Wir-Gefühl wird über die Boulevardmedien hinaus verstärkt durch die sogenannten Sozialen Medien. Hier wird die Ansprache noch personalisierter und emotionalisierter, weil sie quasi unter Freunden und in einer Filterblase stattfindet, die den Eindruck vermittelt, dass alle so denken.

Das begünstigt Radikalisierung.

Heinz Bude schreibt:

„Es ist nur konsequent, dass sich dieses verborgene, aber sich mächtig fühlende Volk schliesslich noch von den vorbereiteten Foren des Bürgerjournalismus emanzipiert und in Blogs und sozialen Netzwerken kommunikative Katakomben einer rebellischen Grundstimmung aufbaut. Die Affekte der Rebellion sind Wut und Zorn, die sich gegen diejenigen richtet, die in den ‚frivolen Jahren’ des Neoliberalismus unermesslich reich und unglaublich verlogen geworden sind. Sprecher dieser Stimmung wie die Komiker Beppo Grillo in Italien oder Dieudonné in Frankreich verleihen einem Systemmisstrauen in ihren Blogs mit Hunderttausenden von Followern Ausdruck, indem sie wieder eine vertikale Spaltung in den politischen Diskurs einführen: die Spaltung zwischen dem Palazzo, der die gleichgültigen, glatten und grausamen Mächtigen beherbergt, und der Piazza, wo das Volk murmelt, rumort und sich empört.

Gabriel Tarde wusste, dass aus einem überhitzten Publikum plötzlich eine kämpferische Masse werden kann, die durch die Strassen zieht oder sich auf Plätzen versammelt und Losungen und Parolen skandiert, die irgendetwas hochleben lassen oder irgendjemandem für irgendetwas die Schuld geben. In diesem Sinne liesse sich das Publikum als virtuelle Masse begreifen. Im Publikum bereitet sich vor, was in der Masse sich Luft verschafft. Der Absturz des letzlich passiven Publikums in die aktive Masse hat für Tarde etwas in höchstem Masse Gefährliches, findet seiner Wahrnehmung nach aber zum Glück nur selten statt.

Trotzdem ist der Umschlag immer möglich. Das Publikum führt ein, wie er an anderer Stelle sagt, schweigsames Leben, das zur friedlichen Verkettung der Möglichkeiten neigt, aber aufgrund zufälliger Bedingungen wie extremer Witterung, des Todes einer Ikone, eines bestimmten Tweets oder eines über Instagram geteilten Bildes oder Videos kann sich die Szene mit einem Mal wandeln.“

Heinz Bude zitiert zu diesem Punkt Gabriel Tarde:

„Eine Masse ist ein seltsames Phänomen: Sie ist eine Versammlung heterogener Elemente, die sich gegenseitig unbekannt sind; aber sobald ein Funke der Leidenschaft entstanden ist, der von einem ihrer Elemente ausgeht, wird dieses Durcheinander elektrisiert; auf diese Weise findet ein spontaner und plötzlicher Organisationsprozess statt. Die Inkohärenz wird kohärent, der Lärm wird zur Stimme; und die Tausende eng zusammengepferchten Leute verwandeln sich in nichts anderes als eine Bestie, ein wildes Tier ohne Namen.“

Zum Abschluss dieser Ergänzung noch ein Hinweis auf den Begriff „Disjunktion“, der hier im Sinne einer Spaltung der Gesellschaft steht. Der Begriff „Disjunktion“ wird auch in der Ökologie verwendet:

Die Disjunktion ist in der Ökologie ein Teilareal (Exklave), das vom übrigen Verbreitungsgebiet einer Pflanzen- oder Tierart räumlich getrennt wurde und mit den üblichen Verbreitungsmitteln dieser Art nicht überbrückt werden kann, aber noch ein Habitat darstellt.“

(Quelle: Wikipedia)

Das sagt auch einiges aus über die gesellschaftliche Disjunktion.

Nun aber zurück zum Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“.

– „Fake News“ verbreiten sich im Netz schneller als echte News

Gefälschte Nachrichten wurden schon immer in Umlauf gebracht, sei es in Form von Leserbriefen oder von professioneller Desinformation.

Noch nie jedoch konnten Lügenbarone ihre Falschmeldungen so einfach und grenzenlos verbreiten und damit sogar direkt Gewinn machen mittels bezahlter Werbeanzeigen, die neben den „News“ eingeblendet werden.

Weshalb sind „Fake News“ so erfolgreich? Weshalb glauben Menschen auch noch den grössten Humbug?

Die Antwort ist simpel: Weil sie den gefälschen Nachrichten glauben wollen. Und sie wollen den gefälschten Nachrichten glauben, wenn sie ihrer eigenen Meinung entsprechen und in ihr Weltbild passen.

Für diese Menschen scheint es keine glaubwürdigen Medien zu geben, sondern nur glaubwürdige Meinungen. Und glaubwürdig ist nur diejenige Meinung, die sie in ihren Ansichten bestätigt.

In der Folge richten die Menschen das Bild in ihrem Kopf nicht mehr nach der Welt, sondern bauen sich die Welt nach dem Bild in ihrem Kopf. Die Menschen basteln sich immer öfter jene Realität, die präzis zu ihrer eigenen Meinung passt.

„Fake News“ sind daher dann erfolgreich, wenn sie (unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt), erwünscht sind.

Verkompliziert wird die Diskussion um „Fake News“, weil dieser Begriff inzwischen auch ins Gegenteil gewendet verwendet wird. Donald Trump bezeichnet Nachrichten als „Fake News“, wenn sie aus seiner Sicht besonders unerwünscht sind. Unter „Fake News“ fällt bei ihm, was er nicht hören will.

„Fake News“ sind gefälschte News. Nicht jede falsche Information ist deshalb „Fake News“. Eine Wetterprognose, die sich als falsch heraus stellt, ist keine „Fake News“.

Ergänzung:

Eine Website, die sich mit „Fake News“ im Internet befasst, ist http://www.mimikama.at.

 

– Filterblasen

Das Internet wäre eigentlich prädestiniert dafür, jede „Fake News“ sogleich als falsch zu entlarven, denn die richtigen Informationen sind im Netz in der Regel verfügbar. Eine Suchmaschine, in welche man die Kernbegriffe einer Story eingibt, genügt dazu in vielen Fällen.

Leider passiert im Internet aber das genaue Gegenteil. Das Netz wird mehr und mehr zur grossen „Fake-News-Schleuder“. Ein wichtiger Grund dafür sind die sogenannten Filterblasen, die ebenfalls mit der Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit zusammenhängen.

Wenn Sie ein Suchsystem bei Google oder Facebook nutzen, werden Ihnen Resultate gezeigt, die aufgrund Ihres bisherigen Verhaltens im Internet zusammengestellt sind.

Google und Facebook sortieren die Ergebnisse speziell für Sie nach ihrer Wichtigkeit, nach ihrer „Relevanz“. Unter Wichtigkeit verstehen diese beiden privaten Supermächte allerdings nicht die Bedeutung der Ergebnisse für die Welt, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf ein Ergebnis klicken. – also auf die Bedeutung, die das Ergebnis für Sie hat.

Noch genauer gesagt geht es bei der Reihenfolge der Ihnen präsentierten Ergebnisse um die höchste Wahrscheinlichkeit, Ihnen Werbung einblenden zu können, die zu Ihren Bedürfnissen passt.

Das kann auf den ersten Blick betrachtet auch angenehm erscheinen, hat aber drastische Nebenwirkungen. Google und Facebook präsentieren Ihnen mit ihren Suchresultaten nur noch jene Welt, die sie suchen. Diese von Algorithmen nach den Vorlieben der Benutzer zurechtgefilterte Welt nennt man Filterblase („Filter Bubble“). Sie entsteht überall dort, wo Computerprogramme Resultate so auswählen, dass die Klickrate zunimmt, dass also die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Benutzer auf ein Resultat klickt. Dieses Prinzip funktioniert also überall dort, wo es darauf ankommt, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die verheerenden Folgen von Filterblasen lassen sich sehr gut in den USA beobachten, die scharf in Republikaner und Demokraten getrennt sind.

Linksliberale Personen sehen nur noch linksliberale News, Konservative nur noch konservative. Die Fähigkeit, in einer gemeinsam geteilten Welt Kompromisse zu finden, wird dadurch stark reduziert.

Die Zeitung „Wall Street Journal“ hat eine Seite aufgeschaltet, auf der links ein liberaler Newsfeed läuft und rechts ein konservativer. Diese beiden Newsstränge zeigen zwei völlig verschiedene Welten.

Bis zu einem gewissen Grad leben wir auch in der realen Welt in Filterblasen – entsprechend unserem Umfeld, unserem beruflichen oder bildungsmässigen Hintergrund.

Drei Gründe sprechen aber dafür, dass Google, Facebook & Co. dieses Problem drastisch verschärfen:

– Die Onlineangebote von Google, Facebook & Co. wenden einen geheimen Algorithmus an, sind also vollkommen intransparent. Sie können als Nutzer nicht wissen, weshalb sie online sehen, was Sie sehen.

– Sie haben keine Möglichkeit, auf diesen Plattformen dem Filter zu entkommen. Diese Seiten wollen uns möglicht gut gefallen und zeigen uns darum möglichst viele Dinge, die uns gefallen.

– Weil immer mehr Onlineangebote auf solchen Algorithmen basieren, wird es immer weniger möglich, dieser Filterblase zu entgehen.

Der Unterschied zur Nutzung klassischer Medien ist einschneidend: Wer durch eine Zeitung blättert oder durch die Fernsehprogramme zappt, stösst unvermeidlich auch auf Inhalte, die er oder sie nicht primär gesucht hat und die ihn oder sie nicht von vorneherein interessieren. Und manchmal werden solche Fundstücke dann doch konsumiert. Dieser Effekt heisst im Fachjargon „ Serendipity“, was sich übersetzen lässt mit „über die Ränder lesen“.

Online kommt dieser Effekt viel weniger zum Zug, weil wir sehr viel direkter und gezielter auf ein Ziel zusteuern. Wir sind online quasi im Schlüssellochmodus unterwegs. Online sehen wir immer nur einen kleinen Ausschnitt, nämlich genau den Ausschnitt, der unsere Aufmerksamkeit geholt hat, weil er unseren Erwartungen entspricht.

Aus der Filterblase hinaus zu treten bedeutet nicht, keine Meinung und keine Haltung mehr zu haben. Es bedeutet, sich mit anderen Meinungen zu konfrontieren, und damit auch jenen Menschen Respekt zu zollen, die anderer Meinung sind.

Ausserdem entdeckt man auf Umwegen nicht selten Wertvolles, dem man auf dem direktesten Weg nicht begegnet wäre. Der direkte Weg ist zwar oft der schnellste, aber er blendet auch sehr viel aus.

– Desensibilisierung

Alles, was unsere Aufmerksamkeit anspricht, unterliegt dem Gesetz der Desensibilisierung, oder etwas härter ausgedrückt: der Abstumpfung. Das Phänomen der Desensibilisierung lässt sich gut bei der Geschwindigkeit von Medien beobachten. Die Geschwindigkeit von Filmen hat sich über die Jahre dramatisch gesteigert. Die Reizintensität hat dadurch massiv zugenommen. Es braucht infolge dieser Entwicklung immer mehr und dichtere Reize, um dieselben Effekte wie früher zu erzeugen.

Auch erotische Reize, wie sie beispielweise in der Werbung eingesetzt werden, stumpfen ab. Es braucht immer mehr nackte Haut, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen.

Aber auch die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen müssen grösser und schriller werden, die Sprache im Fernsehen lauter und deftiger.

Auch Nachrichten unterliegen der Desensibilisierung. Früher war ein ankommender Brief ein einzelnes Ereignis, das sich im Gedächtnis einbrannte und dort eine einzelne Spur hinterliess. Heute werden wir mit Nachrichten überschwemmt. Eine einzelne Nachricht hinterlässt in der Regel keine Spur mehr. Ausnahmen von dieser Regel sind allenfalls Nachrichten von besonders glücklichen oder tragischen Ereignissen. Viele Menschen erinnern sich zum Beispiel noch an die Situation, als sie von den Anschlägen auf das Word Trade Center in New York erfuhren. Eine normale Facebook-Nachricht oder ein einzelnes SMS sind aber ausgesprochen flüchtige Ereignisse. Damit Nachrichten Spuren hinterlassen, müssen sie wiederholt vermittelt werden. Die einzelne Nachricht spielt keine Rolle, es braucht den kontinuierlichen Nachrichtenfluss, um Eindrücke zu erzeugen. Das stellt Medien vor die Herausforderung, laufend neue News anzubieten.

Solche Desensibilisierungseffekte machen es für die Medien immer schwerer, Aufmerksamkeit zu erreichen.

– Push-Meldungen

Push-Meldungen sind besonders wichtige Meldungen, die mit einem Alarmsignal versehen auf das Mobiltelefon ‚gepusht’ (also gestossen) werden, beim Surfen am Computer automatisch im Browser auftauchen oder sich durch Klopfen auf der Apple Watch melden. Für Medien sind Push-Meldungen die simpelste Form, um die Aufmerksamkeit der Benutzer zu bekommen.

Hinter jeder Push-Meldung verbirgt sich ein Beitrag mit einer ausführlichen Meldung. Mit wirksamen Push-Meldungen lassen sich Benutzer regelmässig auf das Angebot des Versenders lenken. Push-Meldungen sind oft weder eilig noch wichtig. Sie appellieren vielfach auch simpel an die Neugier des Benutzers und funktionieren dann nach dem altbewährten Boulevardprinzip. Sie treiben das Aufmerksamkeitsproblem auf die Spitze.

– Das Hirtenjungen-Problem

Mit dem Begriff „Hirtenjungen-Problem“ umschreibt Matthias Zehnder den Verlust der Glaubwürdigkeit von Medien mangels Sorgfalt im Umgang mit der Aufmerksamkeit der Leser oder Zuschauer. Die Geschichte vom Hirtenjungen und dem Wolf geht auf den antiken griechischen Dichter Äsop zurück. Der Hirtenjunge hatte mehrfach mit „Der Wolf! Der Wolf!“ um Hilfe gerufen, obwohl kein Wolf da war. Als der Wolf dann wirklich kam, um ein Schaf zu reissen, und der Hirtenjunge wieder um Hilfe rief, kam niemand mehr zu Hilfe.

Die Medien können gar nicht anders, als die Aufmerksamkeit des Publikums zu enttäuschen. Sie erscheinen regelmässig, egal ob sich etwas Wichtiges ereignet hat oder nicht. Die Medien haben Rezepte, mit denen sie auf Grossereignisse reagieren – zum Beispiel Sondersendungen. Für ereignislose Tage fehlen ihnen aber meist die Rezepte.

In solchen „Sommerloch-Zeiten“ ist die Versuchung sehr gross, Ereignisse herbeizuschreiben und unbedeutende Geschehnisse aufzublasen. Die Ereignislosigkeit wird durch die Medien nicht abgebildet. Sie warnen quasi vor Wölfen, die gar nicht existieren. Medien aber, die mehrmals ohne Anlass nach Aufmerksamkeit rufen, werden mit dem Enzug von Aufmerksamkeit bestraft.

– Die Briefträger-Verzerrung

Matthias Zehnder nennt die „Briefträger-Verzerrung“ eine „alte Journalistenweisheit“ und beschreibt sie so:

„Wenn ein Hund den Briefträger beisst, ist das keine Nachricht. Wenn ein Briefträger aber einen Hund beisst, das ist eine Nachricht. Anders gesagt: Das Erwartbare, das Normale, hat keinen Nachrichtenwert. Gemeldet wird das Aussergewöhnliche, das Überraschende…….“

Das hat einschneidende Konsequenzen:

„….Wenn nie gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, aber immer gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, verkehrt sich unser Weltbild ins Gegenteil dessen, was tatsächlich der Fall ist. Also glauben wir mit der Zeit, dass sehr viele Briefträger Hunde beissen und ganz wenige Hunde Briefträger beissen.“

Die „Briefträger-Verzerrrung“ ist im Bereich der Nachrichten laufend zu beobachten, zum Beispiel wenn über Flugzeugabstürze, Erdbeben, Terrorattacken und andere Katastrophen berichtet wird. Flugzeuge stürzen sehr selten ab und kommem dabei zuverlässig in die News. Über planmässig landende Flugzeuge wird dagegen nicht berichtet. Darum wird das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, systematisch überschätzt – und beispielsweise das Risiko von Gesundheitsgefährdungen wie der Luftverschmutzung oder mangelnder Bewegung unterschätzt.

Wenn Medien zunehmend auf die Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit fokussiert sind, steigert das die „Briefträger-Verzerrung“ und bewirkt in der Folge, dass wir uns ein falsches Bild der Welt machen. Das ist in einer direkten Demokratie fatal, weil das Bild, das wir uns als Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von der Welt machen, unser Abstimmungsverhalten beeinflusst.

Als eine Variante der „Briefträger-Verzerrung“ beschreibt Matthias Zehnder das

Konflikt-Prinzip: „Medien suchen den Konflikt.“

Für die Medien ist eine Geschichte dann interessant, wenn sie sich als Konflikt darstellen lässt. Insbesondere die Boulevardmedien suchen das Drama, die Zuspitzung. Je stärker die Medien auf Aufmerksamkeit angewiesen sind, desto mehr stellen sie die Welt als dramatischen Kampf dar. Matthias Zehnder schreibt dazu:

„Aus den harmlosen Gesprächen über eine Rentenreform wird ein ‚Ringen um unsere Renten’, aus der simplen Diskussion über die Klimaerwärmung wird der ‚Showdown’, die Wissenschaftler stehen sich ‚unversöhnlich’ gegenüber und kämpfen mit ‚harten Bandagen’.“

Dieser Kampf sei umso dramatischer, je ausgeglichener die Kräfte sind. Auch das verzerre das Bild der Welt. Am augenfälligsten sei das bei der Diskussion über den Klimawandel:

„99 von 100 Wisssenschaftlern sind sich heute einig, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht worden ist. Jeder Fernsehsender wird für eine Diskussion über den Klimawandel aber einen ‚Bestätiger’ und einen ‚Leugner’ einladen. Beim Fernsehzuschauer entsteht der Eindruck, dass die Diskussion fifty-fifty steht.

Wollte ein Fernsehsender die Diskussion über den Klimawandel korrekt abbilden, müsste er 99 Wissenschaftler einladen, die sich für einen menschengemachten Klimawandel aussprechen, und einen, der den Klimawandel leugnet.“

Entsprechend dem Konflikt-Prinzip erhalten kontradiktorische Diskussionen und Darstellungen in den Medien mehr Aufmerksamkeit – vermitteln manchmal aber auch ein völlig falsches Bild und neigen stark zur „Briefträger-Verzerrung“. Diskussionen in den Medien sind spannender, wenn sie nicht einfach die vorherrschende Meinung abbilden, sondern wenn Vertreter von Extrempositionen eingeladen werden. Sie sind zuverlässige Garanten dafür, dass Diskussionen nicht konstruktiv (und damit etwas langweilig) verlaufen, sondern konfliktbeladen und damit erregend.

Daraus entsteht eine doppelte „Briefträger-Verzerrung“:

Erstens werden Extrempositionen nur schon dadurch salonfähig, dass sie Sendezeit bekommen. Ihre Vertreter erhalten dadurch Gelegenheit, ansonsten eher Undenkbares auszusprechen und in den Raum zu stellen.

Zweitens hinterlassen Diskussionen mit Extrempositionen den Eindruck von tiefen Gräben, von unversöhnlichen Lagern, die sich feindlich gegenüberstehen, weil sie gerne in laute Konflikte münden, statt konstruktiv zu verlaufen.

Dabei stehen sich im realen Leben nur die Extrempositionen so unversönlich gegenüber, und die grosse Mehrheit in der Gesellschaft steht ganz friedlich dazwischen und könnte sich problemlos auf eine konstruktive Lösung einigen.

Die starke Fokussierung auf Aufmerksamkeit und die damit zusammenhängende „Briefträger-Verzerrung“ führen dazu, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet.

– Boulevardmedien und Boulevardpolitik Hand in Hand

Extrempositionen werden gerne in Talkshows eingeladen, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Entsprechend werden auch Politiker mit extremen Ansichten häufiger eingeladen (SVP-Nationalrat Rogel Köppel ist bspw. gern gesehener Gast in deutschen Talkshows). Dadurch verstärken sich Medien und (extreme) Politik gegenseitig. Beide hängen quasi an der Droge „Aufmerksamkeit“. Politiker können sich am leichtesten Aufmerksamkeit verschaffen, indem sie etwas Aufsehenerregendes tun.

Vor allem Tabubrüche werden von den Medien gerne weiterverbreitet und ausgewalzt, weil das auch für sie Aufmerksamkeit generiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte gegenüber ZEIT ONLINE (27. 9. 2017):

“‎Tabubrüche dürfen sich nicht auszahlen: wer für jede neue Provokation eine neue Einladung in eine Talkshow erhält, fühlt sich zum Provozieren ermuntert.”

Durch die Aufmerksamkeitsökonomie sind Politiker und Medien in eine gegenseitige Abhängigkeit geraten und werden in eine Aufmerksamkeitsspirale gezwungen. Es kommt zu einer fatalen Symbiose von Politik und Medien im Kampf um Aufmerksamkeit. Das Ergebnis ist eine Boulevardpolitik, die nicht Probleme löst, sondern sich im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit inzeniert.

Die Boulevardisierung der Medien führt zu einer Boulevardisierung der Politik. Das ist speziell in einer direkten Demokratie wie der Schweiz fatal, weil sich die Politik in der direkten Demokratie in der Öffentlichkeit abspielen muss – und darum auf Aufmerksamkeit angewiesen ist.

Laut Matthias Zehnder kommt es aber noch schlimmer: „Die Folge der Aufmerksamkeitsfalle, in der die Medien (und die Politik) stecken, ist letzlich Populismus.“

– Weshalb in der Aufmerksamkeitsfalle der Populismus lauert

Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller beschreibt in seinem Buch „Was ist Populismus?“ den Populismus als „eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen. – wobei diese Art von Eliten eigentlich gar nicht wirklich zum Volk gehören“. Populisten wenden sich also im Namen des Volkes gegen die Eliten, wobei sie der Ansicht sind, dass einzig sie „das wahre Volk vertreten; alle anderen vermeintlichen Repräsentanten der Bürger seien auf die eine oder andere Art illegitim“. Der Schlachtruf der Populisten ist also weniger „Wir sind das Volk“ als vielmehr „Nur wir vertreten das Volk“.

In einer modernen Demokratie gibt es aber kein homogenes Volk, sondern viele verschiedene Interessen, Perspektiven und Meinungen, die miteinander um Lösungen ringen.

In einer Demokratie besitzt auch niemand die absolute Macht, auch nicht das Volk. Es gibt vielmehr ein System von „Checks and Balances“ mit Institutionen wie einem Verfassungsgericht oder Bundesrichtern, die für eine Gewaltenteilung auf allen Ebenen sorgen. Populisten lehnen deshalb solche Institutionen ab, weil sie diesen einen, angeblich moralisch richtigen Volkswillen zum Beispiel mit Gerichtsurteilen verwässern.

Und wie tragen die Massenmedien zum Aufkommen des Populismus bei? 

Massenmedien und populistische Politik sind eng miteinander verwoben. Beide sind abhängig von Aufmerksamkeit und profitieren voneinander.

Populisten befinden sich permanent im Wahlkampf und buhlen um die Masse. Dabei bedienen sie sich derselben Mittel wie eine auf Masse und Aufmerksamkeit fokussierte Publizistik. Populistische Parteien, Bewegungen und Politiker könnten nicht existieren ohne die Nutzung von Massenmedien und die Grundzüge populistischer Politik kommen den Massenmedien entgegen.

Matthias Zehnder verweist an diesem Punkt auf die Kommunikationswissenschafterin Beate Ociepka. Sie hat drei wesentliche Merkmale populistischer Politik beschrieben, die sich besonders dafür eignen, von den Medien zum Zweck der Aufmerksamkeitserzeugung aufgenommen und genutzt zu werden:

1.) Das Charisma des populistischen Anführers ist wichtiger als politische Programme. Das kommt der Neigung der Medien zur Personalisierung entgegen. Jedes Thema wird wenn möglich an Personen aufgehängt.

2.) Populisten setzen auf eine vereinfachte Form der Kommunikation und stützen sich darum mehr auf emotionale als auf rationale Argumente (entspricht der Emotionalisierung im Boulevard) und auf einseitige anstelle von differenzierter Darstellung (kommt dem Konflikt-Prinzip der Medien entgegen).

3.) Die populistische Politik wird zum Spektakel (zum Beispiel durch Tabubrüche und Grenzüberschreitungen).

Diese Aufzählung lese sich wie ein Wunschkatalog von Boulevardmedien an die Politik, schreibt Matthias Zehnder. Populistische Politik und eine aufmerksamkeitsorientierte Publizistik seien natürliche Partner:

„Populisten vereinfachen, spitzen zu, emotionalisieren. Sie teilen die Welt ganz simpel in Freund und Feind, in Gut und Böse. Sie bedienen sich alter Stereotypen und sind deshalb fremdenfeindlich und nationalistisch. Das Funktionsprinzip eines populistischen Politikers ist die Sensation. Er tritt im Namen des Volkes gegen ‚die da oben’ an. Schliesslich ist er der Auserwählte, der das auserwählte Volk errettet und ‚great again’ macht. All diese Eigenschaften machen populistische Politiker zum Lieblingsobjekt von Boulevardmedien.“

Aber auch seriöse Medien können sich diesen Effekten nicht entziehen. Wenn Donald Trump lügt ist es für sie ein Skandal, über den sie gross berichten. Beispielsweise hat Trump wiederholt behauptet, Obama habe ihn im Wahlkampf abgehört. Dieser ungeheure Vorwurf wird noch durch die Provokation gesteigert, dass Trump es offensichtlich nicht für nötig gehalten hat, ihn durch Belege glaubhaft zu machen.

Die ständige Berichterstattung über solche Lügen machen sie grösser, hämmern sie in die Köpfe der Medienkonsumenten und lassen sie als eine reale Möglichkeit erscheinen (zumindestens bei Trumps Anhängern, und auf die kommt es ihm an).

Seriöse Medien sind darauf fokussiert, die Wahrheit zu finden. Im Populismus gibt es aber diese Wahrheit nicht mehr. Wahrheit wird zu einer Möglichkeit unter anderen Möglichkeiten (wir erinnern uns: Trumps Sprecherin präsentierte „Alternative Fakten“).

Wenn seriöse Medien nachweisen, dass Trump lügt, dann sagt Trump: „Die Medien lügen, sie sind Fake News“. Wenn Wahrheit kein unabhängiger Referenzwert mehr ist, dann bestimmt der Stärkere, was als wahr zu gelten hat – und der Stärkere ist dann derjenige, der die Medien dominiert. Und das ist, weil er dem Aufmerksamkeitsbedarf der Medien so gut in die Hände spielt, der Populist.

Matthias Zehnder schreibt:

„Je stärker die Medien in der Aufmerksamkeitsfalle sitzen und um die Aufmerksamkeit ihrer Leser, Hörer und Zuschauer buhlen, desto eher werden sie zur Beute populistischer Politik. Populismus führt im Endeffekt zu einer iliberalen Demokratie, einer antielitären und antipluralistischen Tyrannei der Mehrheit. Auf diese Weise wird letzlich die Aufmerksamkeitsfalle zur Gefahr für die liberale Demokratie.“

Wege aus der Aufmerksamkeitsfalle

Dass Medien in der Aufmerksamkeitsfalle stecken ist nicht nur für die Medien von Bedeutung, sondern für uns alle. Denn die Folgen dieser Entwicklungen sind für Politik und Gesellschaft unerwünscht.

Matthias Zehnder befasst sich gegen Schluss seines Buches mit Wegen aus der Aufmerksamkeitsfalle – einerseits für die Medien und anderseits für das Publikum.

Welche Auswege für die Medien?

Zehnder ist der Ansicht, dass die Hinwendung zu einer rein aufmerksamkeitsorientierten Publizistik für die meisten Medien eine Sackgasse ist. Er begründet das mit dem Phänomen der Desensibilisierung und weil es im unendlich grossen Medienschlaraffenland nicht möglich sei, die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten auf Dauer zu erhalten. Zwar brauche jedes Medium Aufmerksamkeit, doch gehe es um den Grund, warum es zum Aufmerken komme, also um die Ursache für ein Umschalten von „awareness“ zu „attention“.

Wenn dieses Aufmerken rein Neugier-basiert sei, dann sei die Aufmerksamkeit eine flüchtige und untreue Angelegenheit. Sie wende sich dem jeweils stärksten Reiz zu – und von diesem sogleich wieder ab, wenn ein anderer, stärkerer Reiz auftauche. Weil die Empfindlichkeit der Menschen sich wiederholenden Reizen gegenüber abnehme, brauche es immer stärkere Reize. So öffne sich die Aufmerksamkeitsfalle.

Matthias Zehnder zieht daraus den Schluss, dass die Aufmerksamkeit nicht aufgrund eines Reizes dem Medium zugewendet werden darf, sondern aufgrund eines Entscheides.

Früher, in der Vergangenheit, basierte die Mediennutzung auf einem Entscheid und der daraus sich entwickelnden Gewohnheit.

Gewohnheit kann aber nicht die Lösung sein, welche die Medien heute anstreben. Es braucht viel Zeit, bis Gewohnheiten aufgebaut sind und für die grosse Mehrheit der heutigen Bürgerinnen und Bürger scheint das kein atttraktives Angebot zu sein – sie verpflegt sich lieber jeweils spontan am grossen Medienbuffet.

Wenn sowohl die Aufmerksamkeit aus Neugier aufgrund von Reizen als auch aus Gewohnheit nicht realisierbar sind, bleibt nach Ansicht von Matthias Zehnder nur eine Lösung: Nutzen.

Das Medienangebot muss einen klar ersichtlichen Nutzen schaffen.

Für eine politische Zeitung würde das heissen: Information ohne Sensation, Erklärung statt Emotionalisierung, Bildung anstelle von Blut und Brüsten.

Der Nutzen eines solchen Medienangebots zeigt sich daran, ob seine Benutzer bereit sind, dafür zu zahlen, schreibt Zehnder.

Was können Medienkonsumenten tun?

Dieser Abschnitt ist im Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ leider etwas gar kurz. Zehnder weißt darauf hin, dass das Angebot der Nachfrage folgt. Er rät, die Aufmerksamkeitsstrategie der Anbieter nicht mit Aufmerksamkeit zu belohnen. In der Medienwelt steuert der Kunde mit seinem Verhalten das Angebot. Wer häufig auf Nackedeis klickt, wird mehr Nackedeis bekommen. Als Medienkonsument kann man sich auch vornehmen, nicht jeder Versuchung für einen Neugier-Klick nachzugeben.

Das sind allerdings sehr individuelle Lösungen, nicht ganz ohne Einfluss, aber mit doch sehr begrenzter Wirkung.

Darum sollten diese individuellen Verhaltensmassnahmen ergänzt werden durch grundsätzlichere Ansätze, auf die Zehnder abschliessend zu sprechen kommt:

„Verabschieden Sie sich vom Gedanken, dass gute Information gratis ist. Was gut ist, kostet. Und es soll Sie nicht nur Aufmerksamkeit kosten. Am direktesten steuern Sie das Angebot mit Ihrem Geld, sei das über Abobeiträge, freiwillige Donationen, Crowd-funding oder den Kauf von Medien.“

Mir fehlt hier noch eine gesellschaftlich-politische Ebene. Vielleicht braucht es auch Rahmenbedingungen, um die Qualität der Medienlandschaft zu schützen. Zum Beispiel könnte man Facebook, Google & Co. unter das Presserecht stellen. Diese privaten Supermächte müssten dann Verantwortung übernehmen für ihre Inhalte, so wie das klassische Medien auch müssen.

Abschliessend hält Matthias Zehnder ein beherzigenswertes „Plädoyer für die Aufklärung“:

„Letztlich ist es für unsere liberale, aufgeklärte Gesellschaft eine Überlebensfrage, dass wir uns aus der Aufmerksamkeitsspirale verabschieden, uns also der Aufmerksamkeitsfalle entziehen und uns wieder dem widmen, was unsere Gesellschaft im Kern ausmacht: der Aufklärung, also der Bildung.

Das Spiel mit der Aufmerksamkeit ist letzlich ein Spiel mit den Instinkten, mit den Überlebensinstinkten, welche die Evolution tief in uns eingepflanzt hat. Wir sprechen an auf Storys über Unfälle und Verbrechen, über Sex und über niedliche Kinder, weil wir evolutionär programmiert sind auf die Erhaltung unserer Art. Diese Instinkte waren wichtig für das Überleben in der Savanne. Für das Überleben in der Informationsgesellschaft, im Medienschlaraffenland, brauchen wir neue Instinkte und neue Verhaltensweisen. Es ist Zeit, den Verstand einzuschalten.“

Quelle: Mathias Zehnder, Die Aufmerksamkeitsfalle, Zytglogge 2017,

Das sehr empfehlenswerte Buch ist erhältlich in meinem Buchshop.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Was ist Populismus? Und was nicht? Eine Zusammenfassung des Essays von Jan-Werner Müller.

– Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Eine konstruktive Alternative zu Relativismus und Dogmatismus.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Dieser Text bietet vor allem eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Liberale Demokratien sind weltweit untere Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

– Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen liberaler Demokratien
Schleichender Autoritarismus, Staatsversagen, Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung, neuer Regionalismus.

Lob der Kritik. Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

Triumph der Meinung über Fakten, Wahrheit und Fachwissen – das kann nicht gut gehen.

Zur Krise von Wissen und Wahrheit und ihre Folgen für Alltag und Demokratie.

 

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

Weissdornbeeren für Sirup und Kompott

Wenn der Herbst ins Land zieht, leuchten die Früchte des Weissdorns rot in den Hecken. Dass die Beeren essbar sind, ist nur wenigen bekannt. Roh hat das Fruchtfleisch allerdings eine mehlige Konsistenz. Erst nach der Verarbeitung zu Kompott, Gelee, Saft, Sirup oder Chutney entfalten die Früchte ein angenehm süß-säuerliches Aroma. Sie lassen sich auch gut mit anderem Obst wie Äpfeln, Quitten und Holunderbeeren kombinieren. Ein Mus aus Weißdornbeeren kann als Brotbelag verwendet werden und gibt Müsli, Joghurt und Quark einen speziellen Geschmack. Dafür werden die Weissdornfrüchte in etwas Wasser für acht bis zehn Minuten weichgekocht, danach abgegossen und durch ein Sieb gestrichen. Wer es gerne süsser hat, kann einen Teelöffel Agavensirup oder Honig beigeben.

Auch in der traditionellen Pflanzenheilkunde ist der Weissdorn bekannt. Schon Pfarrer Sebastian Kneipp empfahl den Weißdorn als Heilpflanze für Herz und Kreislauf. Bei Bluthochdruck und Schwindel soll ein Weissdorntee aus den getrockneten Blüten und Blättern helfen. Die Früchte enthalten unter anderem viel Vitamin C und Provitamin A sowie den Ballaststoff Pektin.

Weissdornfrüchte reifen zwischen August und Oktober. Beim Pflücken sollte man Vorsicht walten lassen und Handschuhe tragen, da Weißdorn sehr dicht wächst und mit zahlreichen Dornen bestückt ist. Ausserdem können die roten Beeren unschöne Flecken auf Textilien hinterlassen. Vor der Zubereitung werden die Weissdornfrüchte vom Stiel abgezogen und vor der weiteren Verarbeitung gründlich gewaschen. Ein paar Früchte sollten jedoch am Strauch bleiben, da sie über 30 verschiedenen Vogelarten als Nahrung dienen. Auch für zahlreiche Insektenarten und kleine Säugetiere ist der Weißdornstrauch eine gute Lebensgrundlage.

Quelle:

https://www.bzfe.de/inhalt/weissdorn-30849.html

 

Kommentar & Ernährung:

Erfreulich, dass das „Bundeszentrum für Ernährung“ (BzfE) die Weissdornfrüchte als Nahrungsmittel vorstellt.

Die Phytotherapie verwendet meistens Weissdornblüten und Weissdornblätter als Weissdorntee, Weissdorntinktur oder Weissdornextrakt.

Weissdornfrüchte (genauer: Scheinfrüchte) werden selten eingesetzt, kaum als Tee, manchmal aber als Tinktur.

Die Weissdornfrüchte enthalten wie Blüten und Blätter die typischen Wirkstoffe des Weissdorns – Flavonoide und oligomere Poranthocyanidine – allerdings tendenziell in geringerer Konzentration. Gemäss den Standardwerken „Biogene Arzneimittel“ und „Teedrogen und Phytophamaka“ nimmt der Wirkstoffgehalt der Weissdornfrüchte mit zunehmender Reife ab.

Das dürfte die Wirksamkeit der Früchte einschränken, zumal Weissdorn über längere Zeit in recht hohen Dosierungen engenommen werden muss.

Diese nötige hohe Zufuhr an Wirkstoffen kann bei Weissdorntee und Weissdornextrakt aus Blüten und Blättern erreicht werden, kaum jedoch mit Weissdorntinktur.

Siehe dazu:

Pflanzentinkturen oder Kräutertees?

Bei Sirup oder Kompott aus Weissdornfrüchten müsste man wohl unrealistisch hohe Dosen täglich über lange Zeiträume einnehmen, um eine relevante Wirkstoffzufuhr zu erzielen. Als Heilmittel für Herz & Kreislauf sind Weissdornkompott und Weissdornsirup sehr fraglich, vor allem auch, weil dazu reife Früchte verwendet werden.

Zurecht weißt der Beitrag der BzfE auf die hohe Bedeutung des Weissdornstrauch als Nahrung für Vögel hin. Weissdorn ist bezüglich des Nutzens für die Tierwelt einer der besten einheimischen Sträucher.

Heikel ist allerdings, dass Weissdorn zu den Wirtspflanzen des Feuerbrands gehört, einer gefählichen Pflanzenkrankheit, die durch das Bakterium Erwinia amylovora verursacht wird und vor allem Kernobst befällt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Nutzen von Antioxidanzien erneut in Frage gestellt: Oft unnötig, manchmal schädlich

Freie Radikale und der von ihnen ausgelöste oxidative Stress gelten als schädlich. Sie werden mitverantwortlich gemacht für das Altern und sollen an der Entstehung verschiedener Krankheiten beteiligt sein (z. B. Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, rheumatoide Arthritis). Antioxidanzien, die freie Radikale inaktivieren, gelten daher als gesund. Sie werden daher in einer Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln als „Anti-Aging“-Präparate und zur Krankheitsprävention (z. B. vor Krebs) angeboten.

Diese von Laien und Fachleuten sehr populäre Ansicht wird seit geraumer Zeit von Wissenschaftlern in Frage gestellt.

So auch vom Team um Professor Dr. Pietro Ghezzi an der Brighton & Sussex Medical School in Großbritannien, das die vorhandene Evidenz zur vorbeugenden oder therapeutischen Anwendung von Antioxidanzien im «British Journal of Pharmacology» zusammengetragen hat. Darin kommen die Forscher zum Schluss, dass Antioxidanzien nur in Fällen eines nachgewiesenen Mangels zum Einsatz kommen sollten. Andernfalls hätten sie keine positiven Effekte und könnten sogar schaden.

Bisher habe noch kein Antioxidans in randomisierten klinischen Studien so erfolgreich abgeschnitten, dass es für eine entsprechende Zulassung gereicht hätte.

Antioxidanzien könnten im Gegenteil sogar Schaden anrichten, wenn sie nämlich freie Radikale abfangen, die an Reaktionen des Immunsystems und der Synthese von Hormonen beteiligt seien. Hier eine passende Dosis zu finden, die einen schädlichen Überschuss der Moleküle abfängt, die physiologisch notwendige Menge jedoch übrig lässt, sei vermutlich extrem schwierig.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=64406

DOI: 10.1111/bph.13544

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bph.13544/abstract;jsessionid=DAF575435A75A3CECC58897795628DC2.f04t04?systemMessage=Wiley+Online+Library+will+be+unavailable+on+Saturday+30th+July+2016+from+08%3A00-11%3A00+BST+%2F+03%3A00-06%3A00+EST+%2F+15%3A00-18%3A00+SGT+for+essential+maintenance.Apologies+for+the+inconvenience.

 

Kommentar & Ergänzung:

Der menschliche Organismus enthält schon endogen („von Haus aus“) eine ganze Reihe von antioxidativ wirksamen Stoffen, zum Beispiel Proteine wie Transferrin, Albumin, Coeruloplasmin, Hämopexin und Haptoglobin, sowie Enzyme wie Superoxiddismutase (SOD), Glutathionperoxidase (GPX) und Katalase. Für die antioxidative Aktivität dieser Enzyme sind Spurenelemente wie Selen, Kupfer, Mangan und Zink wichtig.

Wichtig sind aber auch exogene Antioxidanzien, die von aussen zugeführt werden.

Dazu gehören Stoffe wie Ascorbinsäure (Vitamin C), Tocopherol (Vitamin E) und Betacarotin (Provitamin A), die vom Organismus benötigt werden, aber nicht bedarfsdeckend selber produziert werden können und daher von aussen zugeführt werden müssen.

Darüber hinaus gibt es in in pflanzlichen Nahrungsmitteln eine ganze Reihe von Antioxidanzien, die zur Inaktivierung von freien Radikalen beitragen können, aber nicht zwingend von aussen zugeführt werden müssen, weil sie in dieser Funktion durch andere Antioxidanzien ersetzbar sind. Dabei handelt es sich um sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe wie Carotinoide (z. B. Lycopin, Lutein) und Polyphenole (Flavonoide, Anthocyane, Resveratrol, EGCG aus Grüntee), die in vielen Gemüsen, in Beeren und Obst sowie in Kräutern vorkommen.

Dass diese sekundären Pflanzeninhaltsstoffe als Bestandteil einer abwechslungsreichen Ernährung nützlich sind, steht ausser Frage.

Zunehmen kritisch gesehen wird nur die Zufuhr solcher Substanzen über Nahrungsergänzungsmittel – also in isolierter Form und in grösseren Mengen.

Dieses fragwürdige Geschäft boomt. Hersteller wie Burgerstein und Verkäufer – Internetshops, Apotheken, Drogerien – profitieren hier von überzogenen Hoffnungen und von Konsumentinnen und Konsumenten, die mit solchen Produkten ein schlechtes Gewissen beruhigen möchten, das ihnen nicht selten zuvor eingeredet wurde.

Siehe auch:

Antioxidanzien können Ausbreitung von Krebs beschleunigen

Antioxidanzien fördern möglicherweise Diabetes

Nicht übertreiben mit Antioxidanzien

Schwächen Antioxidantien die Muskelfunktion?

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidantien

Oxidativer Stress – weniger schädlich als gedacht?

Naturheilkunde – Früchte essen statt Burgerstein schlucken

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Heidelbeeren gegen Alzheimer-Symptome?

Heidelbeeren (Blaubeeren) könnten helfen, Gedächtnisprobleme bei beginnender Demenz zu lindern. Darauf weisen zwei Pilotstudien mit älteren Menschen hin. Die tägliche Einnahme von Heidelbeerpulver führte bei Testpersonen zu messbaren Verbesserungen von Gedächtnis und geistigen Leistungen, in der Placebogruppe war dies nicht der Fall. Grund für die Wirkung könnten die in den Beeren enthaltenen Anthocyane sein, wie US-Wissenschaftler berichten.

Heidelbeeren sind reich an Antioxidantien und bereits veröffentlichte Studien deuten auf risikosenkende Effekte für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs hin. Neue Studien legen nun nahe, dass auch das Gehirn von den Heidelbeeren profitieren könnte.

Robert Krikorian von der University of Cincinnati und seine Kollegen verabreichten für ihre Studie 47 über 68-Jährigen mit ersten Gedächtnisausfällen täglich etwa eine große Handvoll Heidelbeeren in Form eines Pulvers aus den gefriergetrockneten Beeren.

Eine zweite Gruppe bekam stattdessen ein ähnlich aussehendes Placebo-Pulver. Beim Start der Studie und nach 16 Wochen absolvierten alle Versuchspersonen Tests ihres Gedächtnisses und ihrer geistigen Leistungen.

Das Resultat: Probanden, welche die Heidelbeeren eingenommen hatten zeigten eine klare Besserung bei den geistigen Leistungen und der Hirnfunktion gegenüber den Placebo-Empfängern. Die Heidelbeer-Gruppe zeigte ein verbessertes Gedächtnis und einen besseren Zugang zu Wörtern und abstrakten Konzepten. Hirnscans mittels funktioneller Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) ergaben zudem eine stärkere Hirnaktivität bei den Heidelbeer-Teilnehmern.

Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte dieser günstige Effekt auf die Wirkung der Anthocyane zurückgehen. Dieses im blauen Pflanzenfarbstoff enthaltene Antioxidans zeigte in früheren Untersuchungen schon eine hirnschützende Wirkung bei Parkinsonpatienten und bei Tieren mit Alzheimerähnlichen Erkrankungen.

Nach Ansicht der US-Forscher aus Cincinnati bestätigen ihre Ergebnisse diese vorhergehenden Studien und stützen die Annahme, dass Heidelbeeren eine positive Wirkung auf das Gedächtnis und die geistigen Leistungen bei zumindest einigen älteren Menschen haben können.

In einer weitere Studie mit gut 90 Senioren ohne beginnende Gedächtnisausfälle zeigte sich allerdings keine so eindeutige Wirkung der Heidelbeeren.

Es kam in der Heidelbeer-Gruppe zwar zu leichten Verbesserungen bei den allgemeinen geistigen Leistungen, nicht aber beim Gedächtnis. Auch in den fMRT-Aufnahmen ergaben sich weniger Unterschiede zur Placebogruppe als bei den Senioren mit schon beginnenden Gedächtnisproblemen.

Die Wissenschaftler schließen daraus, dass die Heidelbeer-Inhaltsstoffe insbesondere dann positive Effekte zeigen, wenn es schon geistige Ausfälle gibt. Bei Personen, die noch keine Demenzsymptome zeigen, könnte die Wirkung dagegen weniger ausgeprägt sein – oder jedenfalls weniger leicht nachweisbar.

Ob das wirklich so ist, wollen die US-Forscher nun in einer Studie mit jüngeren Versuchspersonen klären.

Quelle:

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-19953-2016-03-14.html

American Chemical Society 251st National Meeting & Exposition, American Chemical Society, 14.03.2016 – NPO.

Kommentar & Ergänzung:

Die Anthocyane aus Heidelbeeren werden seit längerem wissenschaftlich untersucht und zählen zu den interessantesten Naturstoffen.

Die geschilderten Studienresultate sind sehr interessant.

Zwei Einschränkungen sind aber nötig:

– Pilotstudien mit derart kleinen Probandenzahlen dienen der Vorsondierung einer Fragestellung. Sie belegen keine Wirksamkeit. Dazu wären grössere Studien nötig.

– Die Studien aus Cincinnati sind offenbar auf einem Kongress der American Chemical Society vorgestellt worden. Auf einem wissenschaftlichen Kongress kann man pointiert ausgedrückt einiges erzählen. An Glaubwürdigkeit gewinnt eine Studien, wenn sie in einer anerkannten wissenschaftlichen Fachzeitschrift publiziert wurde. Das setzt nämlich in der Regel voraus, dass die Studie in einem sogenannten „Peer-Review-Verfahren“ auf ihre Solidität überprüft wurde.

Zum Peer-Review-Verfahren siehe Wikipedia.

Bei Kongressbeiträgen kann man nicht von dieser fachlichen Kontrolle ausgehen.

Zu den Heidelbeeren-Anthocyanen siehe auch:

Myrtillin aus Heidelbeeren gegen Entzündungen

Heidelbeeren reduzieren Blutdruck in kontrollierter Studie

Heidelbeeren: Anthocyane im Verdauungstrakt

Anthocyane aus Heidelbeeren und Erdbeeren: Günstige Wirkung auf Gehirnleistung im Alter

Zur Wirkung von Anthocyanen aus Heidelbeeren

Parkinson vorbeugen durch Holunderbeeren, Heidelbeeren, Kirschen, Auberginen?

Inhaltsstoff aus Heidelbeeren wirkt wie Cholesterinsenker

Farbstoffe aus Heidelbeeren hemmen Entzündungen

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

Infoportal

Weissdorn

WEISSDORN

Weissdornbeeren für Sirup und Kompott

Wenn der Herbst ins Land zieht, leuchten die Früchte des Weissdorns rot in den Hecken. Dass die Beeren essbar sind, ist nur wenigen bekannt. Roh hat das Fruchtfleisch allerdings eine mehlige Konsistenz. Erst nach der Verarbeitung zu Kompott, Gelee, Saft, Sirup oder Chutney entfalten die Früchte ein angenehm süß-säuerliches Aroma. Sie lassen sich auch gut mit anderem Obst wie Äpfeln, Quitten und Holunderbeeren kombinieren. Ein Mus aus Weißdornbeeren kann als Brotbelag verwendet werden und gibt Müsli, Joghurt und Quark einen speziellen Geschmack… Zum vollständigen Text hier…


Phytotherapie: Weissdorn-Präparate bei Herzinsuffizienz

Die Österreichische Apothekerzeitung veröffentlichte vor kurzem einen informativen Text zum Thema „Weissdorn“.

Hier die interessantesten Zitate:

„Weißdornpräparate (Crataegus monogyna, C. laevigata)……werden bei nachlassender Leistungsfähigkeit des Herzens entsprechend den Stadien I und II nach NYHA (New York Heart Association) angewandt. Ergänzend ist der Einsatz bei funktionellen Herzbeschwerden, koronarer Herzkrankheit sowie Herzrhythmusstörungen tradiert.“

Damit sind die gegenwärtig in der Phytotherapie etablierten Anwendungsbereiche gut umrissen.

Zu den Inhaltsstoffen und Anwendungsformen:.. Zum vollständigen Text hier…

PHYTOTHERAPIE: WEISSDORN ALS HEILPFLANZE FÜR DAS HERZ

Die Österrreichische Gesellschaft für Phytotherapie (ÖGPhyt) widmete die erste Ausgabe ihrer Zeitschrift im Jahr 2010 dem Schwerpunktthema „Pflanzliche Arzneimittel für Herz und Kreislauf“.

Der Vizepräsident der ÖGPhyt, Prof. Dr. Wolfgang Kubelka, stellt darin den Weissdorn als wichtige Heilpflanze für das Herz vor. Der Beitrag geht auf die Botanik des Weissdorns, auf seine Geschichte und seine Wirkungen und Anwendungsbereiche ein. Er zeigt damit die vielfältigen und spannenden Aspekte, welche in der Phytotherapie zusammenkommen…… Zum vollständigen Text hier…

WEISSDORN BESSERT HERZSCHWÄCHE

Die Ergebnisse einer Metaanalyse der Cochrane Collaboration zur Wirksamkeit von Weissdorn-Extrakten stellt Univ.-Prof. Dr. Heinz F. Hammer von der
Medizinischen Universität Graz in der Medical Tribune Österreich vor (Nr. 8/2009).

Wissenschaftler aus Deutschland untersuchten die Wirksamkeit von Extrakten aus getrockneten Blättern, Blüten und Früchten des Weißdorns (Crataegus) bei Patienten mit chronischer Herzschwäche (Herzinsuffizienz Stadien I bis III nach NYHA).

Sie analysierten dazu 14 Studien, in denen Weißdorn-Extrakt zumeist zusätzlich zur Basisbehandlung eingesetzt wurde. Zehn Studien mit 855 Patienten eigneten sich für eine Metaanalyse. Die mit Hilfe eines Ergometers überprüfte maximale Leistungsfähigkeit und die Belastungstoleranz nahmen unter der Behandlung mit Weißdorn-Extrakt im Vergleich zu Placebo signifikant zu.
Das Produkt aus Blutdruck und Herzfrequenz, Parameter für den kardialen Sauerstoffverbrauch, sank signifikant. Außerdem waren Kurzatmigkeit und Müdigkeit signifikant vermindert. Nebenwirkungen traten selten auf, waren geringfügig und von vorübergehendem Charakter.
Prof. Hammer empfiehlt für die Praxis: “Weißdorn-Extrakt kann bei Patienten mit leichteren Formen der chronischen Herzinsuffizienz eine zusätzliche orale Therapieoption sein”….. Zum vollständigen Text hier…