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[Buchtipp] „1938 – Warum wir heute genau hinschauen müssen“, von Barbara Schieb, Jutta Hercher, Klaus von Dohnanyi

 

Worum gehts?

1938 – ein Wendepunkt auf dem Weg in den Dritten Weltkrieg

Dieses Buch beschreibt sehr eindrücklich, wie sich der Nationalsozialismus 1938 gefestigt und in der Bevölkerung verankert hat – vor dem Schritt in den Dritten Weltkrieg. Daraus lässt sich viel lernen, um ähnliche Entwicklungen weltweit frühzeitig zu erkennen.

 

Verlagsbeschreibung zu “1938”

Klaus von Dohnanyi schreibt im Vorwort:

“So brauchen wir nicht nur die Erinnerung an 1938, an die Jahre davor und danach, sondern auch einen mutigen Blick nach vorn. Denn Freiheit und Demokratie müssen auch heute mit Mut und Zivilcourage verteidigt werden.”

Warum müssen wir heute wieder genau hinschauen? Vieles von dem, was 1938 damals ereignet hat, ist wieder aktuell geworden: Flüchtlingskrise, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, internationales Kräftemessen, ein Erstarken der rechten Parteien, Fake News.
1938 markiert einen Wendepunkt, nicht nur im Leben vieler Menschen hier, sondern weltweit. 1938 werden politische Entscheidungen getroffen, die in den großen, ein Jahr später ausbrechenden Flächenbrand münden. 1938 machen sich Hunderttausende auf die Flucht, sie suchen Schutz vor Verfolgung, aber keiner ist bereit, sie aufzunehmen. 1938 manipulieren politische Agitatoren durch Hetzkampagnen und Falschmeldungen die Bevölkerung und eine beispiellose Gewalt gegen Ausgegrenzte wird schweigend geduldet oder sogar begrüßt. Die Nachwirkungen der sich 1938 anbahnenden Katastrophe sind bis heute spürbar, und die Geister, die damals gerufen wurden, sind heute wieder aktiv.
Zeitzeugen, Überlebende und auch deren Enkel erzählen in persönlichen Berichten ihre Geschichte, darunter Gabriel Bach, Walter Frankenstein, Ruth Rotem, August Zirner, Mirna Funk, Linda Rachel Sabiers, Monica Dugot oder Arye Sharuz Shalicar. Noch nie veröffentlichte Dokumente, zahlreiche Fotografien und eine lebendige Gestaltung machen das Jahr 1938 greifbar und zeigen zudem Parallelen auf, die in Zeiten eines neu aufkommenden Nationalismus gefährlich werden können. Insofern ist dieses Buch auch ein warnender Weckruf.

Mit einem Vorwort von Klaus von Dohnanyi.

Hier bestellen beim Buchhaus: Zum Shop

Zu den Herausgeberinnen Barbara Schieb und Jutta Hercher

Barbara Schieb studierte Geschichtswissenschaft und Germanistik in Freiburg im Breisgau und Berlin und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand an der Gedenkstätte Stille Helden.
Jutta Hercher ist als Dokumentarfilmerin tätig und lebt als freie Autorin in Berlin.

Kommentar von Martin Koradi zum Buch “1938”

Die Geschichte wiederholt sich nie genau gleich. Trotzdem lässt sich an manchen Punkten viel aus ihre lernen. Und 1938 ist dafür tatsächlich ein ergiebiges Jahr. Hier zeigt sich, wie ein totalitäres Regime sich immer fester installiert, aber auch, wie rasch Menschen sich solchen Verhältnissen anpassen, aber auch, welche Möglichkeiten für des Sich-Entziehens und des Widerstands es gibt. 

Das Jahr 1938 war eine entscheidende Phase auf dem Weg in den Abgrund. Mit dem “Anschluss” Österreichs im März und  der Zerschlagung der Tschechoslowakei ab Herbst beginnt das Nazi-Regime, die infolge des Ersten Weltkrieges festgelegte Grenzordnung zu zerstören, währen der britische Premierminister Chamberlain glaubt, mit seiner Appeasement-Politik den Frieden sichern zu können. Aber auch im Innern des “Dritten Reiches” wurden laufend Grenzen aller Art überschritten. Die Herausgeberinnen schreiben in der Einleitung dazu:

“1938 war das Jahr,  in dem jeder sehen konnte, wie diese Diktatur funktionierte und auch, dass sie direkt in den Krieg führte. Im Januar 1938 kommentierte Joseph Goebbels die enorme Verschuldung des Staatshaushalts: «Aber an Schulden ist noch nie ein Volk zugrunde gegangen. Wohl aber an einem Mangel an Waffen.» Die NS-Politik funktionierte nur mit dem Vorgriff auf zukünftige Raubzüge; Goebbels im März 1938: «Wir haben einen bedeutenden Fehlbetrag. aber dafür Österreich.» Der sogenannte Anschluss wurde für beispiellose Plünderungen genutzt und ging einher mit bis dahin unvorstellbar offener Gewalt. Die vollständige Enteignung der jüdischen Bevölkerung war von vornherein kalkuliert und begann 1938 in grossem Stil.

Es war das Jahr, in dem das NS-Regime in die Offensive ging. Niemand mehr stellte sich der Politik ernsthaft in den Weg – weder Kriegsgegner noch konservative Bürger, weder Beamte noch Institutionen oder die Kirchen, und auch nich die anderen europäischen Regierungen.

Vieles geschah 1938 zum ersten Mal: die Inbesitznahme eines souveränen Nachbarstaates – Österreich – , offene Kriegsdrohung und Ultimatum – Anspruch auf das Sudetenland -,  Massenverhaftung und Arbeitszwang mit der Aktion ‘Arbeitsscheu Reich’, die erste grosse Abschiebung von Tausenden Juden mit polnischen Pässen. Es gab das Gesetz zur Beschlagnahme von sogenannter entarteter Kunst, die systematische Enteignung der jüdischen Bürger und schliesslich die berüchtigten Novemberpogrome – den offenen Terror.”

Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass es diese politischen Vorgänge anhand von persönlichen Schicksalen eindrücklich, konkret und hautnah nachvollziehbar macht.

Barbara Schieb und Jutta Hercher schreiben in der Einleitung:

“1938 war das Jahr, in dem Menschlichkeit zur Ausnahme wurde und Terror zur Normalität. Jede und jeder konnte damals wissen, worauf Deutschland zusteuerte, weil es vor aller Augen geschah. Ab 1933 wurde die Schicht  der Humanität Lage für Lage abgetragen, und zwar ohne grossen Protest, dafür aber nicht selten begleitet von der Begeisterung einer korrumpierten Bevölkerung. Wie die Gesetze von 1933 und 1935 gegen Juden und alle politischen Gegner zeigten, ging die Verwandlung Deutschlands vom Rechtsstaat zur Diktatur in atemberaubendem Tempo vor sich.

Wer jetzt nicht Hilfe von guten Freunden, mutigen oder einfach human denkenden Menschen bekam, war in seiner gesamten Existenz gefährdet. Was aber heisst das genau? Wie muss es gewesen sein, wenn die Miete nicht mehr bezahlt werden konnte oder dem Ladenbesitzer die Kundschaft wegbrach? Wie war das, wenn die einstmals gefeierten Mäzene der Stadt, die den Museen wertvolle Gemälde geschenkt, das Waisenhaus unterstützt, den Fussballverein gefördert oder die Bestuhlung des Gemeindesaals bezahlt hatten, aus den Kuratorien, Sportvereinen und Gemeinderäten geworfen und von den Einladungslisten gestrichen wurden, Hausverbot erhielten, sich Freunde und Bekannte wegdrehten, wenn sie einander auf der Strasse sahen. Wie war das, wenn die Kinder nicht mehr in die Schule gehen durften, in denen ihre Freunde waren? Oder die Freunde von einst auf sie spuckten, die Lehrer nicht mehr ihre jüdischen Schüler schützten, oder sie, im Gegenteil, dem Spott preisgaben.”

Das Buch zeigt eindringlich auf, wie eine Bevölkerung im Alltag nach und nach korrumpiert wird und sich korrumpieren lässt. Es ist in diesem Sinn eine Warnung und ein Aufruf zur Wachsamkeit. Es zeigt aber auch Widerstand und Zivilcourage.

Rechtspopulismus ist nicht schon Nationalsozialismus oder Faschismus. Aber weil Parteien wie AfD, FPÖ und Lega sich wiederkehrend nicht eindeutig von extremistischen Personen und Vorstellungen abgrenzen können oder wollen, ist eine Entwicklung in diese Richtung auch nicht ausgeschlossen. Leider sind die Übergänge hier oftmals sehr fliessend. Madeleine Albright verweist in ihrem Buch “Faschismus – eine Warnung” auf eine Äusserung des italienischen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Primo Levi hin, wonach jedes Zeitalter seinen eigenen Faschismus habe.

Das Buch “1938 – Warum wir heute genau hinschauen müssen“, bietet passend zur gegenwärtigen Lage eine sehr aktuelle, lebendige und packende Geschichtslektion.

 

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

 

[Buchtipp] “Wie Demokratien sterben – und was wir dagegen tun können”, von Steven Levitsky, Daniel Ziblatt

Verlagsbeschreibung

Warum die Demokratie bedroht ist – und wie wir sie retten können.
Demokratien sterben mit einem Knall oder mit einem Wimmern. Der Knall, also das oft gewaltsame Ende einer Demokratie durch einen Putsch, einen Krieg oder eine Revolution, ist spektakulärer. Doch das Dahinsiechen einer Demokratie, das Sterben mit einem Wimmern, ist alltäglicher – und gefährlicher, weil die Bürger meist erst aufwachen, wenn es zu spät ist. Mit Blick auf die USA, Lateinamerika und Europa zeigen die beiden Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, woran wir erkennen, dass demokratische Institutionen und Prozesse ausgehöhlt werden. Und sie sagen, an welchen Punkten wir eingreifen können, um diese Entwicklung zu stoppen. Denn mit gezielter Gegenwehr lässt sich die Demokratie retten – auch vom Sterbebett.  Zum Shop

Aus Buchbesprechungen

“Ein unaufgeregt nüchternes und zugleich eindringliches Buch”

ZDF aspekte

„Beeindruckend an dem Buch ist zweierlei: Erstens erstellt es einen scheinbar für alle Länder gültigen Katalog von Machtmitteln, mit denen gewählte Volksvertreterinnen eine Demokratie in ein autoritäres Regime verwandeln können. Zweitens zeigen die Autoren, wie fundamental die Veränderungen sind, die Amerika über die letzten fünfzig Jahre geprägt und die die politische Kultur des Landes zur Unkenntlichkeit entstellt haben. Trump, so sagen sie, ist nicht der Grund, sondern das Symptom des politischen Sittenzerfalls in den USA. Er ist das Schaumkrönchen zuoberst auf der gigantischen Welle von autoritären Kräften, die in Washington an Macht gewonnen haben. Die Bedrohung der amerikanischen Demokratie ist älter als das Trump-Phänomen – und wird nicht vorüber sein, wenn er wieder aus der Landschaft verschwinden sollte.“

Daniel Binswanger im Online-Magazin Republik

«„Wie Demokratien sterben“ ist ein wichtiges und aufrüttelndes Buch. Es legt dar, woran das langsame Sterben der Demokratien früh zu erkennen ist und wie Gegenwehr angelegt sein kann. In vielen Staaten des Westens sind die hier beschriebenen Probleme zu beobachten. Sie zu erkennen ist der erste Schritt, dagegen anzugehen der zweite. „Wie Demokratien sterben“ zeigt auch, wie hilfreich wissenschaftliche Erkenntnisse für die politische Praxis sein können. Es ist eine ausgezeichnete Aufklärung für alle, denen das demokratische Leben wichtig ist.»

Thomas Jäger im Magazin Focus

Zu den Autoren

Steven Levitsky und Daniel Ziblatt sind Professoren für Regierungslehre an der Universität Harvard. Steven Levitskys Forschungsschwerpunkte sind politische Parteien, Demokratien und Autokratien sowie die Rolle von informellen Institutionen vor allem in Südamerika. Daniel Ziblatt forscht hauptsächlich zu Demokratie und Autoritarismus in Europa, Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte führten ihn u.a. nach Berlin, Köln, Konstanz, München, Paris und Florenz. Forschung und Lehre beider Autoren sind preisgekrönt, als Experten auf ihren Forschungsgebieten haben sie mehrere Bücher und zahlreiche Fachartikel verfasst.

Kommentar von Martin Koradi

Die beiden US-amerikanischen Autoren schreiben im Vorwort, dass sie sich seit 15 Jahren mit dem Versagen von Demokratien an anderen Orten und zu anderen Zeiten auseinandersetzen – zum Beispiel in den dunklen 1930er Jahren in Europa und den repressiven 1970er Jahren in Lateinamerika – und nun feststellen, dass sie sich ihrem eigenen Land zuwenden müssen.

Dementsprechend nimmt die Entwicklung in den USA einen wichtigen Platz im Buch ein, doch sind vor allem auch dieVergleiche mit antidemokratischen Vorgängen in anderen Ländern interessant, zum Beispiel in Argentinien, Equador, Ungarn, Polen oder Peru.

Die Autoren haben vier Verhaltensweisen identifiziert, die als Warnzeichen dienen können, um autoritäre Politiker zu erkennen:

„Danach sollten wir uns Sorgen machen, wenn ein Politiker (1) in Wort oder Tat demokratische Spielregeln ablehnt, (2) politischen Gegnern die Legitimität abspricht, (3) Gewalt toleriert oder befürwortet oder (4) bereit ist, bürgerliche Freiheiten der Gegner, einschliesslich der Medien, zu beschneiden.“

Die Autoren kommen zum Schluss, dass Donald Trump während des Wahlkampfs und in seinem ersten Amtsjahr bereits alle vier Verhaltensweisen gezeigt hat. Sie belegen das mit Beispielen.

Levitsky und Ziblatt gehen dann ausführlicher darauf ein, was zu tun ist, wenn ein Möchtegern-Autokrat einmal erkannt ist.

Autoritäre Politiker von der Macht fernzuhalten sei leichter gesagt als getan:

„Demokratien sollen keine Parteien verbieten oder Kandidten von Wahlen ausschliessen – und auch wir befürworten solche Massnahmen nicht. Die Verantwortung für das Aussieben von Autokraten liegt vielmehr bei den Parteien und ihren Führungen – den Wächtern er Demokratie.“

Die etablierten Parteien müssen ihre Wächterfunktion (das „Gatekeeping“) wahrnehmen und extremistische Kräfte isolieren und besiegen, schreiben die Autoren.

Prodemokratische Parteien sollten:

  1. die Möchtegern-Autokraten von Wahllisten streichen,
  2. Extremisten an der Bassi aus ihren Reihen verbannen,
  3. jedes Bündnis mit antidemokratischen Parteien und Kandidaten meiden,
  4. Extremisten systematisch isolieren, anstatt sie zu legitimieren,
  5. wenn Extremisten als ernstzunehmende Wahlrivalen auftauchen, eine geschlossene Front bilden, um sie zu schlagen, wozu sie sich auch mit Gegnern zusammentun müssen, die ihnen ideologisch ernstehen, die aber die demokratische Ordnung aufrechterhalten wollen.

Levitsky und Ziblatt  beschreiben eindrücklich, wie Autokraten, nachdem sie durch Wahlen an die Macht gekommen sind, den Rechtsstaat und die Demokratie in Windeseile demontieren können:

„Um zu verstehen, wie gewählte Autokraten auf subtile Weise Institutionen untergraben, hilft es, sich ein Fussballspiel vorzustellen. Um ihre Macht zu festigen, müssen angehende Autokraten die Schiedsrichter gleichschalten, wenigstens einige der wichtigsten Spieler der gegnerischen Mannschaft neutralisieren und schliesslich die Spielregeln so umzuformulieren, dass sich für sie Vorteile ergeben und das Spiel zum Nachteil der Gegner verändert wird.“

Es geht dem Autokraten um die Schwächung und Ausschaltung aller Mächte, die seiner eigenen Macht Grenzen setzen könnten (insbesondere Parlament, Gerichte, Medien).

Die Autoren betonen, dass ihrer Meinung nach verfassungsmässige Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichen, um die Demokratie zu schützen. Sie beschreiben, dass auch gut durchdachte Verfassungen machmal versagen, und dass die Demokratie darüber hinaus starke demokratische Normen braucht. Zwei Normen seien für das Funktionieren einer Demokratie besonders wichtig: gegenseitige Achtung und institutionelle Zurückhaltung.

Gegenseitige Achtung meint vor allem die Überzeugung, dass politische Gegner keine Feinde sind.

Institutionelle Zurückhaltung kann man sich vorstellen als Unterlassen von Handlungen, die zwar den Buchstaben des Gesetze genügen, ihren Geist aber offensichtlich verletzen.

Starke Polarisierung zum Beispiel kann diese beiden Normen zerstören und die Demokratie in den Abgrund führen.

Levitsky und Ziblatt  beschreiben einen solchen Weg in die Polarisierung am Beispiel der USA und machen dabei deutlich, dass diese Entwicklung schon lange vor Trump begonnen hat.

In Bezug auf die USA empfehlen die Autoren, dass sich die prodemokratische Opposition nicht der gleichen schutzigen Machtspiele wie Trump bedienen, sondern auf die Wiederherstellung demokratischer Normen hinwirken sollte.

Trumps Gegner sollten nach Levitsky und Ziblatt  eine breite prodemokratische Koalition bilden:

„Heutzutage sind Koalitionen häufig Zusammenschlüsse von gleichgesinnten Gruppen…..Koalitionen von Gleichgesinnten sind wichtig, aber sie genügen nicht, um die Demokratie zu verteidigen. Die wirkungsvollsten Koalitionen sind diejenigen, in denen sich gruppen zusammenfinden, die in vielen Fragen unterschiedliche – und häufig gegensätzliche – Ansichten vertreten. Sie bestehen nicht aus Freunden, sondern aus Gegnern. Eine wirkungsvolle Koalition zur Verteidigung der amerikanischen Demokratie müsste also Progressive, Geschäftsleute und Unternehmer, religiöse (und insbesondere evangelikale) Führer und Republikaner aus Bundesstaaten mit republikanischer Mehrheit umfassen……Koalitionen zu bilden, die über unsere natürlichen Verbündeten hinausgehen, ist schwierig. Man muss bereit sein, Anliegen, die einem wichtig sind, für den Augenblick beiseite zu legen.“

Die Autoren werfen aber auch einen Blick in die Zukunft:

„Darüber nachzudenken, wie man gegen den Machtmissbrauch der Regierung Trump Widerstand leisten kann, ist wichtig. Aber das Grundproblem, vor dem die amerikanische Demokratie steht, bleibt die extreme Spaltung des Landes in verfeindete Lager, die nicht nur von politischen Meinungsverschiedenheiten verursacht wird, sondern auch von tiefersitzenden Ressentiments, einschliesslich rassischer und religiöser Unterschiede. Die grosse Spaltung Amerikas ging Trumps Präsidentschaft voraus, und sie wird diese sehr wahrscheinlich überleben.“

Das Buch bietet eine Fülle von Inputs und Hinweisen dazu, was für die Stärkung demokratischer Gesellschaften wichtig ist. Gerade auch von den Entwicklungen in den USA können wir in Europa viel lernen, damit unsere Gesellschaften nicht in dieselben Sackgassen laufen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] “Putins Kalter Krieg”, von Markus Wehner

Putins-kalter-KriegVerlagsbeschreibung

Wie Russland den Westen vor sich hertreibt

Viele im Westen wollen es nicht wahrhaben – Russland hat einen neuen Kalten Krieg vom Zaun gebrochen. Den führt es auf allen Ebenen: propagandistisch, durch Angriffe auf westliche Webseiten und Computernetze, etwa die des deutschen Bundestages, und ganz real als kaum getarnten Schießkrieg an der östlichen Außengrenze der NATO in der Ukraine. Markus Wehner nimmt den Russland-Verstehern die rosarote Brille ab: Denn die Lage ist ernst, und der Westen muss handeln. Zum Shop

 

 

Zum Inhalt:

  • Putins Ziele, Russlands Ideologie.
  • Krieg dem Westen: Russland und die farbigen Revolutionen.
  • Spiel ohne Regeln: Putin, die Krim und der Krieg in der Ukraine.
  • Die neue Militärmacht.
  • Russlands Informationskrieg.
  • Putins Spione.
  • Rechts und links: des Kremls extremistische Freunde.
  • Die Russland-Versteher.
  • Moskaus Spiel in Syrien.
  • Hilfloser Westen?
  • Was tun?

Zum Autor Markus Wehner

Markus Wehner, geboren am 24. August 1963 und aufgewachsen im Osthessischen, in der Bischofsstadt Fulda. Nach dem Abitur Studium der Osteuropäischen Geschichte, Politologie, Germanistik und Slawistik in Freiburg. Von dort zog es ihn in den Osten, zunächst nach Berlin, dann nach Moskau, wo er eine Weile als Übersetzer bei einer außenpolitischen Zeitschrift arbeitete. Seit der Öffnung der historischen Archive in Russland und in Ostdeutschland begann er dort eine rege Sucharbeit – unter anderem 1992/93 während eines einjährigen Forschungsaufenthaltes in Moskau. Seinen Niederschlag fand die Beschäftigung mit dem sowjetischen Stalinismus in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen und in einer Doktorarbeit über die sowjetische Bauernpolitik in den zwanziger Jahren. Seit 1992 war er zudem freier Mitarbeiter der F.A.Z., vor allem für die Geisteswissenschaften und die Politischen Bücher. Im Oktober 1996 Eintritt in die Nachrichtenredaktion, wo er für deutsche Innenpolitik zuständig war, sich aber auch russischen Themen widmete. Von Oktober 1999 an war er fünf Jahre lang Korrespondent in Moskau. Seit Herbst 2004 ist er Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Kommentar von Martin Koradi

Markus Wehner ist ein ausgewiesener Russlandkenner. Er beschreibt in seinem Buch präzis, was viele im Westen nicht wahr haben wollen. Der Kreml führt einen intensiven Propagandakrieg mit dem Ziel, die liberalen Demokratien zu destabilisieren. Putin kooperiert dazu skrupellos mit Rechtspopulisten und Linkspopulisten in verschiedensten Ländern und unterstützt sie finanziell und propagandistisch.

Die liberalen Demokratien Europas müssen dringend eine Strategie entwickeln, um dieser gefährlichen Herausforderung zu begegnen. Dazu braucht es wache Medien und eine wache Zivilgesellschaft, aber auch staatlich Abwehrmassnahmen, zum Beispiel wenn es um die Verteidigung gegen Hackerangriffe geht.

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] “Der neue Untertan – Populismus, Postmoderne, Putin”, von Boris Schumatsky

Der-neue-UntertanVerlagsbeschreibung

25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion steckt Europas Demokratie in der Krise. Alte politische Lager lösen sich auf. Die Linke tauscht Revolution gegen Nationalismus, und die Rechte borgt sich von der Linken als nützlichen Feind die Banken. Mit Bestürzung hört Boris Schumatsky den Beifall, den die russische Autokratie von überall bekommt. Ob links, rechts oder Mitte: Herrschaft macht Spaß, Freiheit strengt an. In den 1990er Jahren ritt man auf der Welle der Postmoderne in den ewigen Frieden. Nun ist daraus ein populistisches Monster entstanden. Scharf analysiert Boris Schumatsky die politischen Bewegungen der Gegenwart und blickt in eine mögliche Zukunft. Zum Shop

Zum Autor Boris Schumatsky

Boris Schumatskys, geboren 1965 in Moskau, studierte Kunstgeschichte in Moskau und Leningrad und Politologie in Berlin. Seit Beginn der 1990er Jahre lebt er in Deutschland als freier Autor und Publizist für deutschsprachige Zeitungen, später auch für Hörfunk und Fernsehen.

Kommentar von Martin Koradi

Boris Schumatsky legt eindrücklich dar, wie die Kreml-Propaganda in den letzten Jahren bis in die Mitte der Gesellschaft einwirkt und insbesondere im Rechtspopulismus und im Linkspopulismus angedockt hat. Mit Nachdruck kritisert er dabei auch das Versagen der Linken.

Was ihn als russischen Emigranten frustriert, ist nicht Putin allein:

„Was den Emigranten wirklich verzweifeln lässt, sind die Putinversteher im Westen. Menschen, die so viel Akzeptanz für eine banale Despotie haben oder sich sogar nach ihr sehnen….Heute sind die Diktaturversteher die gefährlichsten Gegner der ideelen Freiheit, die Emigranten wie ich im Westen suchen.“

Das Buch von Boris Schumatsky dreht sich nicht in erster Linie um Wladimir Putin und Russland, sondern um den Zustand unserer liberalen Gesellschaften in Mitteleuropa. Schumatzky geht auch der Frage nach, woher diese Anfälligkeit für autoritäre Propaganda kommt, die sich heute so deutlich zeigt. Es geht ihm dabei zum Beispiel um den pluralen Wahrheitsbegriff der Postmoderne:

„Die Wahrheit nicht so genau nehmen – diese Einstellung breitet sich durch alle politischen Lager und Kulturschichten aus. Wie in dem Apell deutscher Putinversteher, ‚niemand’ wolle Krieg, als der Krieg bereits seit zehn Monaten gefochten wurde. Die Leugnung eines klaren Tatbestands ist Teil der Politik der Unmündigkeit. Dahinter steht eine Einstellung, die sowohl den neuen Untertanen, als auch ihren Hirten eigen ist: Es ist nicht entscheidend, was Fakt ist. Wahr ist, was ich gerade brauche.“

Die Zersetzung des Wahrheitsbegriffs durch die Postmoderne verschafft der Propaganda freie Bahn.

Boris Schumatzky vermittelt mit seinem Buch den speziellen Blick eines russischen Emigranten auf die Gesellschaften Westeuropas sowie einen kenntnisreichen Blick auf die ehemalige Sowjetunion und das heutige Russland.

Zur Website von Boris Schumatzky:

http://www.schumatsky.de

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] “Freiheit verteidigen” von Ralf Fücks

FreiheitVerlagsbeschreibung

Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen

Wir stecken in einer Krise der liberalen Demokratie. Die verbreitete Furcht vor sozialem Abstieg, vor einer aus dem Ruder laufenden Globalisierung und unkontrollierter Zuwanderung erzeugt eine aggressive Grundstimmung. Das Vertrauen in die demokratischen Institutionen sinkt, populistische Demagogen haben Zulauf. Was liegt dieser Revolte zugrunde und wie können wir ihr begegnen? Diesen Fragen geht der Grünen-Vordenker Ralf Fücks in seinem Buch nach. Er verfolgt die langen Linien der Opposition gegen die liberale Moderne und zeigt, dass der Rückzug in die nationale Wagenburg und die Abkehr von der offenen Gesellschaft in Teufels Küche führen. Dagegen setzt Fücks die Erneuerung der demokratischen Republik: Wir brauchen starke öffentliche Institutionen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern – und Bürgerinnen und Bürger, die für die gleiche Freiheit aller eintreten. Zum Shop

Zum Autor Ralf Fücks

Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Mitglied der Grünen seit 1982, ehemaliger Bundesvorsitzender der Partei und Senator für Umwelt und Stadtentwicklung in Bremen. Zahlreiche Aufsätze und Artikel zu politisch-programmatischen Fragen. Er lebt derzeit in Berlin.

Kommentar von Martin Koradi

Ralf Fücks schreibt differenziert  und spricht die wichtigsten Entwicklungen an, die unsere Freiheit gefährden – und das sind nicht wenige.

Themen des Buches sind zum Beispiel:

  • Die Antiliberale Querfront: Über die auffälligen Berührungspunkte der nationalen Rechten und der souveränistischen Linken.
  • Der Feldzug des Kremls gegen die liberalen Demokratien des Westens.
  • Die antiliberale Zeitenwende und der Ungeist des Radikalismus.
  • Utopien der Homogenisierung als Quelle der Gewalt.
  • Grossrussische Ideologie: Alexander Dugins Kreuzzug gegen die Moderne.
  • Glanz und Elend des Liberalismus.
  • Die langen Linien der Demokratie.
  • Die Krise der linken Mitte.
  • Mehrheitsherrschaft ist noch keine Demokratie.
  • Parlamentarismus erneuern.
  • Die grösste Gefahr für die Demokratie kommt von innen.
  • Die Linke und die Demokratie: Von der antiautoritären Revolte zur Verachtung der Demokratie. Warum sich manche Linke schwertun damit, die liberale Demokratie zu verteidigen.
  • Kampffeld Migration.
  • Vom Umgang mit Islam und Islamismus.
  • Für eine freiheitliche Ökologiepolitik und gegen Autoritarismus in Grün.
  • Zivilisierung des Kapitalismus.
  • Wider den Utopismus.
  • Globalisierung gestalten.
  • Hat der Nationalstaat ausgedient?
  • Wie wir die EU wieder flott machen können.
  • Sicherheit im Wandel.
  • Freiheit verteidigen – den Westen zusammenhalten.
  • Was jeder(r) tun kann.

Natürlich kann man diese vielfältigen Themen nicht in einem einzigen Buch umfassend abhandeln. Ralf Fücks spricht aber immer wieder wichtige Punkte an, schreibt verständlich, engagiert und angenehm unideologisch, mit einer grünen Grundhaltung, aber ohne jeden Fundamentalismus.

Interessant finde ich  unter anderem folgende Feststellung:

„Die Systemfrage unserer Zeit lautet nicht Kapitalismus oder Sozialismus, sondern Demokratie oder autoritäre Herrschaft.“

Meinem Eindruck nach zeigt das Buch sehr gut auf, dass wir nicht einfach ein Problem mit „Populismus“ haben. Die Herausforderungen sind sehr viel breiter gefächert – und in diese Herausforderungen führt Ralf Fücks sehr gut ein. Ich empfehle es daher gerne zur aufmerksamen Lektüre.

Das  Buch “Freiheit verteidigen” wird in einem sehr interessanten Vortrag von der Ökonomin und Philosophin Lisa Herzog besprochen und mit dem Autor Ralf Fücks diskutiert. Hier zu sehen als YouTube-Video.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

P.S.: Hier finden Sie einen Text von mir zu Karl Poppers Konzept über die Unterschiede zwischen offener Gesellschaft und geschlossener Gesellschaft:

Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

 

Krebstherapie: Sport und Phytotherapie bei Fatigue

Zahlreiche Krebspatienten leiden während und nach einer Chemotherapie unter Fatigue. Das sogenannte Erschöpfungssyndrom kann die Erkrankten in ihrer Lebensqualität stark beeinträchtigen. Auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin haben Fachleute diskutiert, wie den Betroffenen geholfen werden kann.

Fatigue ist eine häufige Begleiterscheinung in der Tumorbehandlung. Zwischen 60 und 100 Prozent der Krebspatienten klagen während der Therapie über ausgeprägte Müdigkeit und bei mehr als jedem Vierten tritt das Erschöpfungssyndrom als Langzeitfolge nach Abschluss der Behandlung auf. Die dem Erschöpfungssyndrom zugrunde liegenden Mechanismen sind bislang unklar.

Wichtige Elemente für die Therapie der Fatigue sind die Verhaltenstherapie und die gezielte Schulung der Patienten. In Einzel- und Gruppengesprächen können sie lernen, mit ihrer Situation besser umzugehen, zum Beispiel mithilfe bestimmter Entspannungstechniken. Denn die reduzierte Leistungsfähigkeit führt häufig zu Stress und letztlich zu Depressionen.

Mit Sport bei Fatigue nicht übertreiben

Auch Sport kann dazu beitragen, das Befinden bei Fatigue zu verbessern. Dr. Freerk Baumann von der Deutschen Sporthochschule Köln warnt aber davor, die Erkrankten zu stark zu beanspruchen. Je nachdem, welche Folgeerscheinung der Krebstherapie man behandeln möchte, gebe es völlig unterschiedliche Bewegungsprogramme. Wer während der Behandlung unter Fatigue leidet, sollte etwa vier bis fünf Stunden pro Woche spazieren gehen. So ließe sich das beste Resultat erzielen. Mehr Bewegung bringe in diesem Fall eher schlechtere als bessere Resultate, erklärt Baumann.

Da Sport vom Körper als Stress wahrgenommen werde und zu einem höheren Energieverbrauch führe, müsse nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand das Pensum laut Baumann an die Schwere des Erschöpfungszustands angepasst werden. Je ausgeprägter die Fatigue ist, desto weniger intensiv sollte laut Baumann das Training ausfallen.

Zu klären bleibe beispielsweise, ob körperliche Aktivität an der frischen Luft einen höheren Nutzen habe als Training in der Halle oder im Fitnessstudio.

Ergänzend zu solchen Massnahmen kann auch der Einsatz pflanzlicher Arzneimittel erwogen werden, sagt Dr. Matthias Rostock vom Institut für komplementäre und integrative Medizin am Universitätsspital Zürich. Die Phytotherapie könne helfen, die Patienten für andere Maßnahmen zu aktivieren.

Günstig wirkt laut Rostock Guarana bei der akuten Fatigue während einer Chemotherapie bei Brustkrebspatientinnen. Verglichen mit Placebo habe sich die Symptomatik der Frauen bei der Behandlung mit Guarana signifikant verbessert und sie klagten deutlich weniger über Übelkeit und Schlafstörungen. Baldrian ist laut Rostock gegen Schlaflosigkeit zwar wenig effektiv, wirkt dafür jedoch gegen nervöse Erschöpfung. Das entspreche der ursprünglichen Indikation für den Einsatz von Baldrianwurzel, erklärt Rostock.

Gut erforscht sei insbesondere die Wirksamkeit von Ginseng. Bei Tagesdosen von 1 bis 2 g fühlen sich rund 30 Prozent der Patienten besser. Das zeigt nach Rostock aber auch, dass Ginseng nicht jedem hilft. Der positive Effekt von Ginseng sei während der Chemotherapie signifikant, nach Beendigung der Behandlung aber deutlich schwächer ausgeprägt.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=62425

Kommentar & Ergänzung:

Zum Thema „Sport & Fatigue“ siehe:

Krafttraining bessert krebsbedingte Erschöpfung bei Fatigue

Gut dosierter Sport lindert Müdigkeit bei Krebs und Fibromyalgie

 

Zum Thema „Ginseng & Fatigue“ siehe:

Ginseng-Behandlung reduziert Fatigue-Smptome bei Krebserkrankung

Onkologie: Fatigue & Roter Ginseng

Ginseng lindert Fatigue bei Krebskranken

Onkologie / Palliative Care: Was hilft bei Fatigue?

Zu Guarana:

Guarana enthält als wirksamen Inhaltsstoff Coffein. Zum Thema „Guarana & Fatigue“ gibt es eine Studie mit positivem Resultat:

„Guarana (Paullinia cupana) improves fatigue in breast cancer patients undergoing systemic chemotherapy…..

RESULTS: Guarana significantly improved the FACIT-F, FACT-ES, and BFI global scores compared to placebo on days 21 and 49 (p < 0.01). The Chalder Scale improved significantly on day 21 (p < 0.01) but not on day 49 (p = 0.27). Guarana did not produce any Common Terminology Criteria for Adverse Events grades 2, 3, or 4 toxicities and did not worsen sleep quality or cause anxiety or depression.

CONCLUSIONS: Guarana is an effective, inexpensive, and nontoxic alternative for the short-term treatment of fatigue in BC patients receiving systemic chemotherapy. Further studies are needed to confirm these results and to evaluate their generalizability to chronic CRF and to other types of cancer.“

Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21612429

Die Studie gibt zwar Hinweise auf einen günstigen Effekt von Guarana, sie ist aber von der Zahl der teilnehmenden Patienten her klein und kann die Wirksamkeit nicht einwandfrei belegen. Eigenartig ist bei dieser Studie die Dosierung von zweimal täglich 50mg Guarana. Normalerweise wird bei Guaranapulver als Tagesdosis 1 – 3 Gramm empfohlen (entsprechend etwa 50 – 150 mg Coffein). Eine Tasse Kaffee (150 ml) enthält aber auch bereits zirka 60 – 100 mg Coffein (Angaben aus: Biogene Arzneimittel).

Was Guarana gegenüber anderen Coffeinquellen wie Kaffee, Grüntee, Schwarztee oder Matetee für Vorteile haben soll, ist mir nicht plausibel ersichtlich.

Als Vorteil wird manchmal angeführt, dass das Coffein aus Guarana im Gegensatz zum Coffein aus Kaffee langsamer in den Körper aufgenommen werden soll, weil es an Gerbstoffe gebunden vorliegt. Das soll zu einer länger anhaltenden Wirkung führen.

Dieser postulierte Retard-Effekt konnte aber in neueren Untersuchungen nicht bestätigt werden. Die Freisetzung und Aufnahme von Coffein aus Guarana entspricht derjenigen aus Präparaten mit reinem Coffein (Angaben gemäss: Teedrogen und Phytopharmaka)

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Heilpraktiker-Ausbildung in der Kritik

Für die Ausbildung zum Heilpraktiker oder zur Heilpraktikerin gibt es weder Qualitätsstandards noch gesetzliche Regelungen. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Schweiz, wo anstelle von „Heilpraktiker“ eher von „Naturheilpraktiker“ oder „Naturarzt“ die Rede ist. Entsprechend wird dann auch eher von „Naturheilkunde-Ausbildungen“ gesprochen. In der Schweiz gibt es aufgrund der Volksabstimmung 2009 inzwischen eine Höhere Fachprüfung Komplementärtherapie, die zwar gesetzlich geregelt ist, aber ebenfalls ohne auch nur annähernd fundierte Qualitätsstandards auskommt, und daher eine Qualitätssicherung vorspiegelt.

Wir haben es jedenfalls hier mit einem veritabler Begriffssalat und einem intransparenten Wirrwar zu tun.

Die Zeitschrift „Annabelle“ hat ein Interview veröffentlicht mit der deutschen Autorin Anousch Mueller. Sie wollte Heilpraktikerin werden, doch während der Ausbildung an der Berliner Paracelsus-Schule beschlichen sie immer grössere Zweifel. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben („Unheilpraktiker“, Riemann Verlag 2016)

Zum Interview geht’s hier.

Auch wenn die Kritik hart klingen mag. Sie trifft in einer ganzen Reihe von Punkten glasklar zu.

Zu Recht kritisiert wird meiner Erfahrung nach zum Beispiel:

– Die weit verbreitete, völlig unkritische Glorifizierung von allem, was als traditionelle Naturheilkunde gilt. Tradition hat dann einen Wert, wenn man sich sorgfältig, offen, aber auch kritisch mit ihr auseinandersetzt. Tradition hat jedoch nicht immer Recht. Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

 

– Das weitgehende Fehlen einer auch nur einigermassen ernstzunehmenden Qualitätssicherung in Ausbildung und Praxis.

– Die nicht selten völlig überzogenen Versprechungen.

– Die Verwendung von Begriffen wie „Energie“, „Schwingungen“, „Ausleitung“ in völlig undefinierter Form, so dass sie willkürlich quasi als „Dienstmagd für alles“ zur Erklärung von x-Beliebigem eingesetzt werden können. Zu Recht sagt Anousch Mueller im Interview: „Wenn etwas nach Geschwurbel klingt, sollte man es kritisch hinterfragen. Das ist meine Botschaft.“

– Verbreitete Indoktrination mit irrationalen Theorien in der Ausbildung.

– Verbreitete pauschale Verteufelung von medizinischen Massnahmen, die in manchen Fällen richtig, wichtig oder gar lebensnotwendig sind (Kortison! Impfen! Chemotherapie!).

 

Ich will nicht generalisieren. Es gibt auch in diesem Bereich Leute, die ihre Arbeit sorgfältig machen, keine pauschalen Feindbilder gegen die böse „Schulmedizin“ und „Pharmaindustrie“ kultivieren und ihre Grenzen kennen. Aber das sind nach meiner Erfahrung eher die Ausnahmen als die Regel. Und das muss man klar benennen – vor allem, weil diese „Heilerszene“ meistens so sanft, ganzheitlich und menschenfreundlich daher kommt, was leider oft irreführend ist.

Im Interview wird Anousch Mueller gefragt:

„Sie halten die Naturheilkunde für rückständig?“

Antwort:

„Allerdings. Paradoxerweise wird der Schulmedizin ja immer vorgehalten, sie sei rückständig und orthodox. In Wahrheit ist es genau umgekehrt.“

Diese Aussage scheint mir zu pauschal. Sie mag ja vielleicht auf die Erfahrungen der Autorin mit der Paracelsus-Schule zutreffen….

Vor allem liegt dieser Aussage aber meinem Eindruck nach ein unklarer Begriff von „Naturheilkunde“ zugrunde, wie er heute leider weit verbreitet ist. Viele der Methoden, von denen Anousch Mueller im Interview spricht – zum Beispiel Bioresonanz, Kinesiologie, Homöopathie, Bachblüten, Schüsslersalze – gehören nicht zur Naturheilkunde, wenn man den Begriff genau verwendet.

Die Naturheilkunde hat, so wie dieser Begriff entstanden ist, ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Die Idee der Naturheilkunde-Begründer war, Faktoren für die Gesundwerdung direkt aus der Natur zu nehmen. Im Kern bestand diese klassische Naturheilkunde aus dem, was später mit den 5-Säulen der Kneipptherapie umschrieben wurde:

Hydrotherapie (Wasseranwendungen)

Ernährungstherapie

Heilpflanzen-Anwendungen

Bewegung, Luft, Licht

Lebensordnung

Grundsätzlich sind diese fünf Verfahren kompatibel mit Medizin und Wissenschaft. Sie sind wissenschaftlicher Forschung zugänglich, lassen sich mit wissenschaftlichen Begriffen und Theorien beschreiben und allfällige Effekte im menschlichen Organismus sind messbar.

Wenn man nun diese Verfahren genau so anwendet, wie das vor allem im 19. Jahrhundert oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht wurde, dann sind sie tatsächlich veraltet. Zu diesem Blödsinn wird aber niemand gezwungen:

Hydrotherapie lässt sich auf neueren Erkenntnissen begründen und wird dann anschlussfähig an Physiotherapie.

Ernährungstherapie kann sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen (auch wenn Ernährungsstudien oft wenig fundiert sind, siehe dazu: Viele Ernährungsstudien mit wenig Aussagekraft.

Heilpflanzen-Anwendungen sind ein Spezialbereich der Pharmakologie. Pflanzliche Wirkstoffe lassen sich im Labor testen. Effekte von Heilpflanzen-Präparaten können in klinischen Studien an Patienten überprüft werden

Altes Wissen kann so durch neue Forschung bestätigt oder als Irrtum verworfen werden. Diese erneuerte Form der Heilpflanzen-Anwendung nennt sich dann Phytotherapie.

Die hohe Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit ist in den letzten Jahren durch zahlreiche Studien dokumentiert worden.

Lebensordnung als angejahrter Begriff kann mit neuen Inhalten gefüllt werden, nennt sich dann vielleicht psychosomatische Medizin oder „Lifestyle-Modifikation“ und gehört zur Psychologie.

Voilà. Wir kommen so vom Methodischen her schon ziemlich nah an eine keineswegs veraltete, sondern zeitgemässe Naturheilkunde.

Was es dann noch braucht für eine seriöse Anwendung sind vor allem Elemente, die mit einer bestimmten Grundhaltung verbunden sind. Zum Beispiel:

– Erkennen von Grenzen der eigenen Methoden.

– Vermeiden von pauschalen Feindbildern und Verschwörungstheorien gegen „Schulmedizin“ und „Pharmaindustrie“ (was nicht Kritiklosigkeit heisst, aber Kritik muss auf Argumenten basieren und konkrete Punkte in Frage stellen).

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde-Ausbildung – was Sie wissen sollten (…wenn Sie sich für eine Naturheilkunde-Ausbildung interessieren)

http://heilpflanzen-info.ch/cms/2009/10/18/naturheilkunde-ausbildung-was-sie-wissen-sollten.html

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Komplementärmedizin: Genauer Nachdenken, differenzierter argumentieren

Naturheilkunde – was ist das?

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

 

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin, Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde: Nachfragen statt blind glauben

Naturheilkunde: Selber denken statt blind glauben

 

Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Naturheilkunde und Medizin – kein Entweder-oder

…….huch, das ist ja ein ganz schöner Marathon, aber er zeigt, dass mir das Thema ernst und wichtig ist.

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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Flohsamen bei Durchfall

Professor Dr. Gerald Holtmann von der australischen University of Queensland kam an einer Veranstaltung der Gastro-Liga in Berlin auf das Thema „Flohsamen“ zu sprechen:

„Bei milderen Formen des Durchfalls kann die Einnahme von Flohsamen (Psyllii semen) Linderung verschaffen. Der Gelbildner vermengt sich mit dem übrigen Darminhalt und wird von Darmbakterien nur teilweise abgebaut. »Somit kann Flohsamen harte Stühle weicher und flüssige Stühle konsistenter machen«, erklärte Holtmann.“

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=60394

Kommentar & Ergänzung:

Flohsamen (Psyllii semen) sind als mildes Mittel gegen Verstopfung bewährt und bekannt. Dass Flohsamen auch gegen Durchfall helfen können, ist dagegen eher ein „Insider-Tipp“. Es lohnt sich, diese Option im Auge zu behalten.

Interessant ist darüber hinaus folgendes Zitat aus dem gleichen Artikel:

„Prinzipiell hält Holtmann die Beeinflussung der Sekretion für einen Schlüsselmechanismus zur Therapie der Diarrhö. »Nachdem jahrelang nichts Neues kam, befinden sich mittlerweile einige neue Substanzen in weit fortgeschrittenen Phasen der Entwicklung.« Als Beispiel nannte der Referent R-568, einen Agonist am Calciumsensitiven Rezeptor, der die überschüssige Sekretion in den Darm bremst. Ebenfalls in Phase III der klinischen Prüfung befindet sich der Opioid-Rezeptor-Agonist Eluxadolin, der als Viberzi® in den USA bereits seit Mai 2015 zugelassen ist.“

Aufgefallen sind mir die Formulierungen „Prinzipiell hält Holtmann die Beeinflussung der Sekretion für einen Schlüsselmechanismus zur Therapie der Diarrhö“ und „…..Rezeptor, der die überschüssige Sekretion in den Darm bremst“.

Das passt aus phytotherapeutischer Perspektive auf die Anwendung von Gerbstoffpflanzen (Tormentill, Schwarztee u. a.), bei denen ebenfalls von einer Verminderung der Sekretion in den Darm ausgegangen werden kann. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Diese Verbindung zu den Gerbstoffpflanzen macht Holtmann natürlich nicht.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Alternativmedizin bei Rheuma kommentiert

Eine Pressemeldung zum 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) kommentiert die Möglichkeiten und Grenzen der Alternativmedizin bei Rheuma und kommt zum Schluss, die Wirksamkeit mehrerer komplementärer Methoden sei inzwischen wissenschaftlich belegt. Im Text wird jedoch für eine kritische Gewichtung plädiert, da es auch einige «schwarze Schafe» auf dem Markt gebe.

Eine Fastendauer von sieben bis zehn Tagen einmal pro Jahr unterstütze nachweislich die medikamentöse Therapie entzündlicher Prozesse, sagt Professor Dr. Andreas Michalsen. Er arbeitet als Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin und wendet derzeit vor allem eine Fastentherapie bei rheumatoider Arthritis an.
Schmerzlindernd wirken gemäss Michalsen auch die Kneipp’sche Hydrotherapie sowie Stressreduktion, Entspannungsübungen und Achtsamkeitsübungen. Allein, dass Betroffene sich mit ihrem Körper beschäftigen, führe oft zu einem gesünderen Lebensstil, sagt der Internist.

Die Homöopathie bewertet Michalsen wegen mangelnder Evidenz eher zurückhaltend. Er hält dazu fest, dass im Einzelfall der Placebo-Effekt die Schmerzen lindern könne und dass zumindest Nebenwirkungen in der Regel nicht zu befürchten seien.

Kritisch sieht der Fachmann in dieser Hinsicht – bezüglich Nebenwirkungen – den Einsatz verschiedener asiatischer Kräuter. Auch sei die Qualität von Arzneipflanzen aus Asien nicht immer gesichert.

Pflanzliche Mittel wie Ingwer, Grüner Tee, Granatapfel, Walnüssen oder Leinsamen zeigen laut Michalsen in Grundlagenstudien zwar entzündungshemmende Effekte. Er kommt aber zum Schluss, dass die Wirksamkeit dieser Mittel bei rheumatoider Arthritis bisher jedoch nicht belegt werden konnte.

Milde Effekte hätten sich gezeigt bei Borretschöl, Nachtkerzenöl und Katzenkralle. Die Nebenwirkungen dieser Mittel im Langzeitgebrauch seien aber noch nicht geprüft.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=59151

Kommentar & Ergänzung:

Dass Fasten temporär Entzündungsprozesse abschwächen kann, scheint mir gut belegt.

Und auch mit Hydrotherapie lassen sich manchmal Schmerzen und Entzündungen lindern, wobei die Massnahmen individuell und stadiengerecht angepasst sein müssen.

Stressreduktion, Entspannungsübungen und Achtsamkeitsübungen wirken zwar nicht direkt gegen die rheumatoide Arthritis, helfen den Patientinnen und Patienten aber oft in anspruchsvollen Umgang mit ihrer chronischen Erkrankung. Und das ist nicht wenig.

Asiatische Kräuter sind tatsächlich oft nur ungenügend auf mögliche Nebenwirkungen untersucht. Das fällt bei Thema Rheuma speziell ins Gewicht, weil in der Regel Langzeitanwendungen nötig sind. Und vor allem bei asiatischen Pflanzenpräparaten, die über das Internet bezogen werden. wurden bei Stichproben immer wieder nichtdeklarierte „chemische“ Arzneistoffe entdeckt (z. B. NSAR), die risikobehaftet sind.

Bei Ingwer, Grünem Tee, Granatapfel, Walnüssen und Leinsamen gibt es Hinweise auf günstige Wirkungen bei rheumatoider Arthritis, aber keine Gewissheit. Es fehlen grosse, einwandfreie Studien mit Patienten, die eine Wirksamkeit belegen könnten.

Bei Borretschsamenöl und Nachtkerzenöl bin ich eher skeptisch, ob das Anwendungsgebiet „rheumatoide Arthritis“ sinnvoll ist. Die Phytotherapie-Fachliteratur erwähnt bei Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl als Anwendungsbereich Neurodermitis (Atopische Dermatitis), insbesondere zur Juckreizlinderung. Zu dieser Indikation gibt es einige Studien mit positiven Ergebnissen, deren Aussagekraft allerdings auch kritisiert wird und die überwiegend sehr Hersteller-abhängig sind. gäbe es belastbare Daten aus klinischen Studien für den Anwendungsbereich rheumatoide Arthritis, würde die relevante Phytotherapie-Fachliteratur diesen Anwendungsbereich aufführen. Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl sind zudem nicht gerade billig und müssten sehr langfristig eingenommen werden. Eine allfällige Wirkung tritt erst nach 4 – 12 Wochen ein und ist schwierig zu beurteilen, da in der Regel die Gabe von Borretschsamenöl oder Nachtkerzenöl nicht die einzige therapeutische Massnahme ist.

Katzenkralle

Bei der Katzenkralle (Uncaria tomentosa) ist die Lage komplex. Inhaltsstoffe der Katzenkrallenwurzel zeigen im Experiment Wirkungen auf das Immunsystem. Sie nehmen direkt auf die T-Lymphozyten Einfluss, die bei rheumatoider Arthritis die Knorpelzellen in den Gelenken angreifen. Diese überaktiven Abwehrzellen werden beruhigt, während gleichzeitig die Bildung von harmlosen Abwehrzellen angeregt wird.
Verantwortlich für diese Effekte sind pentazyklische Oxindolalkaloide. Diese Wirkungen werden dosisabhängig durch tetrazyklische Oxindolalkaloide abgeschwächt.
Darum müssen Präparate aus Katzenkralle einen standardisierten Gehalt an pentazyklischen Oxindolalkaloiden aufweisen und frei sein von tetrazyklischen Oxindolalkaloiden. Das ist bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln aus Katzenkralle, die im Handel sind und vor allem über das Internet vermarktet werden, keineswegs garantiert. Als Arzneimittel zugelassen ist ein standardisiertes Katzenkrallen-Präparat gegenwärtig aber nur in Österreich und untersteht dort der Rezeptpflicht.
Von Teezubereitungen aus Katzenkralle ist aufgrund des aus genetischen Gründen schwankenden Alkaloidgehalts dringend abzuraten.

Genetisch bedingt bilden nämlich nicht alle Pflanzen der Art Uncaria tomentosa die für die Wirksamkeit relevanten pentazyklischen Oxindolalkaloide. Es existieren Chemotypen die andere Inhaltsstoffe, überwiegend tetrazyklische Oxindolalkaloide, bilden.

Das in Österreich als Arzneimittel zugelassene Katzenkrallen-Präparat ist offenbar an der Uniklinik Innsbruck in einer kleinen Studie an Patienten untersucht worden, die darüber hinaus mit einer antirheumatischen Basistherapie behandelt wurden:

„Die Studie wurde drei Jahre lang an 40 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren durchgeführt. Die Personen hatten bereits etwa sieben Jahre an der »aktiven chronischen Polyarthritis« gelitten. Durch diese Erkrankung kommt es zu einer schmerzhaften Schwellung mehrerer Gelenke. 20 Patienten wurden im Zuge der klinischen Untersuchung 24 Wochen lang mit Placebos behandelt, die andere Hälfte mit dem Verum. Während sich bei diesen bereits eine Besserung der Beschwerden einstellte, verspürte die erste Gruppe keine positiven Effekte, wie Muhr erläuterte. Anschließend erhielten alle Patienten für die Dauer von sieben Monaten die südamerikanische Heilpflanze Krallendorn – Uncaria tomentosa. Die Zahl der geschwollenen Gelenke sowie die Morgensteifigkeit habe dadurch bei allen Betroffenen nachweislich abgenommen.
Im Gegensatz zu den verbreiteten Rheumatherapien gibt es bei der Einnahme von Krallendorn kaum Nebenwirkungen. Der Wirkstoff nimmt direkt auf die T-Lymphozyten Einfluss, die bei Rheumatismus die Knorpelzellen in den Gelenken angreifen. Diese überaktiven Abwehrzellen werden beruhigt, gleichzeitig wird die Bildung von harmlosen Abwehrzellen angeregt.“
Quelle:

http://web.archive.org/web/20070928015611/http://www.oeaz.at/zeitung/3aktuell/2003/01/info/info01_2003tiro.html

Diese placebokontrolliert geführte Studie wurde Original publiziert im Journal of Rheumatology (2002;29:678 – 681). Ihre Aussagekraft ist sehr eingeschränkt durch die kleine Probandenzahl. Darüber hinaus gibt es eine Anwendungsbeobachtung mit 112 Patienten, der aber die Placebokontrolle fehlt. Ein klinischer Wirkungseintritt bei der rheumatoiden Arthritis kann erst nach 3-4 Monaten erwartet werden. Eine kürzere Einnahmedauer von Krallendorn ist daher nicht sinnvoll.
Zentrale Werke der Phytotherapie-Fachliteratur zeigen sich von diesen klinischen Studien allerdings nicht sehr überzeugt und bewerten ihre Aussagekraft kritisch (z. B. Schilcher, Leitfaden Phytotherapie; Wyk / Wink / Wink, Handbuch der Arzneipflanzen).

Damit dürfte deutlich geworden sein, wie komplex die Geschichte mit der Katzenkralle ist.

Mir fehlt in der Pressemeldung ein Kommentar zum Thema „Weihrauch bei rheumatoider Arthritis“. Da gibt es ebenfalls einige Patientenstudien, die auf eine Wirksamkeit hinweisen, aber auch keine Gewissheit verschaffen.

Begriff klären: Alternativmedizin, Komplementärmedizin, Naturheilkunde

Darüber hinaus bietet die Pressemeldung eine Illustration dafür, wie vage und unklar Begriffe wie Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Naturheilkunde oft verwendet werden.
Prof. Andreas Michalsen ist Chefarzt einer Abteilung für Naturheilkunde.
Klassische Naturheilkunde lässt sich etwa umreissen mit den 5 Säulen nach Kneipp:

Ernährung
Heilpflanzen-Anwendungen
Hydrotherapie
Bewegung, Luft, Licht
Lebensordnung

Das von Michalsen erwähnte Fasten gehört zweifellos zur Naturheilkunde.
Ebenso Achtsamkeitsübungen, Entspannungsübungen und Stressreduktion, die samt und sonders zur Lebensordnung gezählt werden können. Und dass die aufgeführten pflanzlichen Präparate zur Naturheilkunde gehören, steht ausser Frage.
Aufgeführt werden die erwähnten Verfahren aber unter den Begriffen Alternativmedizin und Komplementärmedizin, die ihrerseits auch nicht differenziert werden.

Meiner Ansicht nach gibt es aber keine plausiblen Argumente, um Verfahren der Naturheilkunde zu den Bereichen Alternativmedizin oder Komplementärmedizin zu zählen. Naturheilkunde ist meines Erachtens klar ein (randständiger) Bereich der Medizin. Alle „Säulen“ der Naturheilkunde sind grundsätzlich kompatibel mit wissenschaftlich-medizinischem Denken.

Siehe auch:
Naturheilkunde – was ist das?
Demgegenüber gehört Homöopathie nicht zur Naturheilkunde. Sie setzt keine „Wirkfaktoren“ aus der Natur ein, sondern – glaubt man Hahnemann – eine „geistartige Kraft“, die nicht in der Natur vorkommt und durch ein spezielles Ritual – schrittweise Verdünnung, Verschüttelung – ausgelöst wird. Und da Homöopathie den Grundlagen von Physik, Chemie und Biologie widerspricht und daher mit wissenschaftlich-medizinischem Denken nicht kompatibel ist, gehört sie in die Bereiche Komplementärmedizin oder Alternativmedizin – je nach dem, wie Alternativmedizin und Komplementärmedizin definiert werden und welche Vorstellungen von Homöopathie man vertritt.

Wenn Begriffe wie Naturheilkunde, Komplementärmedizin und Alternativmedizin ungeklärt und ohne klare Definition wild durcheinander gemixt verwendet werden, dann redet man aneinander vorbei, weil jede und jeder sich etwas anderes darunter vorstellt.

Darum bin ich immer vorsichtiger geworden mit ihrer Verwendung.
Das gibt auch für den unsäglichen Begriff „Schulmedizin“.

Siehe dazu:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
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Professor Dr. Heinz Schilcher gestorben

Professor Dr. Heinz Schilcher galt als einer der anerkanntesten Experten im Bereich der Phytopharmazie. Der von ihm mitherausgegebene „Leitfaden Phytotherapie“ zählt zur Standardliteratur in der Phytotherapie. Nun ist Schilcher im Alter von 85 Jahren verstorben.

Der Pharmazeut lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1995 an der Freien Universität Berlin und galt als Begründer einer standardisierten und reproduzierbaren Phytotherapie.

Er war Mitglied in zwölf wissenschaftlichen Gremien, darunter 25 Jahre lang als Mitglied der Sachverständigen Kommission E beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Schilcher hat mehr als 300 Publikationen sowie 19 Lehr- und Handbücher verfasst.

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/wissenschaft/nachricht-detail-wissenschaft/phytotherapie-professor-schilcher-verstorben-pharmazie-apotheke-pflanzlich-salus/

Kommentar & Ergänzung:

Der Tod von Prof. Heinz Schilcher ist ein grosser Verlust für die Phytotherapie. Schilcher hat sich sein ganzes Berufsleben lang intensiv für die wissenschaftliche Fundierung von Phytopharmazie und Phytotherapie engagiert. Die Phytotherapie braucht solche wissenschaftlichen Experten mit langjähriger Erfahrung und dem damit verbundenen Insider-Wissen. Es ist zu hoffen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ebensolchem Engagement in Schilchers Fussstapfen treten.

Zum „Leitfaden Phytotherapie“.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

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