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Wirkt Zink gegen Erkältungen? Das ist sehr fraglich!

Um die Frage, ob Zink gegen Erkältungen helfen kann, gibt es immer wieder Diskussionen.

Auf den ersten Blick scheint die Studienlage darauf hinzuweisen, dass Zink, wenn es in der Dosierung von 75 mg / Tag eingenommen wird, die Erkrankungsdauer verringern kann. Nachweisen lässt sich ein solcher Effekt allerdings nur, wenn die Einnahme innerhalb von 24 Stunden nach Beginn der ersten Symptome geschieht.

Der Effekt ist jedoch bescheiden. Wer Zink-Präparate einnimmt, dürfte seine Erkältung um durchschnittlich einen Tag abkürzen. Eine Erkältung dauert unbehandelt im Durchschnitt etwa eine Woche.

Zur Frage, ob die Erkältung infolge der Zinkeinnahme milder verläuft, fallen die Resultate widersprüchlich aus. Dass die Schwere der Erkältungssymptome durch Zinkeinnahme gemildert wird, lässt sich jedenfalls nicht belegen.

Der Nutzen einer langfristigen Einnahme zur Vorbeugung, das heißt mindestens 75 mg pro Tag über fünf Monate, lässt sich bislang ebenfalls nicht beurteilen. Es existieren dazu schlichtweg zu wenige Daten.

Diese Bewertungen basieren auf einer systematischen Übersichtsarbeit & Meta-Analyse der Cochrane Collaboration von Sinh (2013). Diese Arbeit wiederum basiert auf der Auswertung von insgesamt 18 randomisiert-kontrollierten Studien mit total 1781 Personen.

Aber jetzt kommt der Clou:

 

Diese entscheidende Metaanalyse zu Zink & Erkältungen wurde inzwischen wegen gravierender Mängel zurückgezogen.

Infos dazu hier:

https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD001364.pub5/full

Da frühere Studien keinen Nutzen zeigen konnten, fehlt im Moment eine wissenschafltiche Basis,  um Zinkpräpraten eine Wirksamkeit zuzuschreiben.

Dazu kommt noch:

Zink-Präparate schmecken nicht besonders gut und können manchmal Übelkeit hervorrufen.

Als Sirup oder Tabletten sollen sie gemäss den vorliegenden wissenschaftlichen Studien jedoch besser verträglich sein  als in Form von Lutschpastillen.

Zink soll in der Regel nüchtern eingenommen werden, also eine Stunde vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit, weil gleichzeitig aufgenommene Nahrungsmittel, Genussmittel und Medikamente die Aufnahme in den Körper verringern können.  Das betrifft beispielsweise Kaffee, Schwarztee oder Getreideflocken.

Hohe Zink-Dosen sollen ohne Indikation nicht über längere Zeit eingenommen werden, weil daraus ein Kupfermangel entstehen kann.

Keinesfalls sollte Zink in den hohen Dosierungen, die gegen Erkältungen empfohlen werden (75mg/Tag), über längere Zeit eingenommen werden. Als Obergrenze für die tägliche Zink-Aufnahme nennt das  Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für Erwachsene 25 mg pro Tag – wobei Zink in Lebensmitteln mit einberechnet ist.

Den normalen Tagesbedarf an Zink kann man zudem gut mit der Ernährung decken.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Männer eine tägliche Zinkzufuhr von zehn Milligramm (mg), für Frauen von sieben mg.

Dieser Bedarf lässt sich beispielsweise über zwei Scheiben Vollkornbrot mit Käse und fünf Esslöffeln Haferflocken decken. Jürgen Thier-Kundke vom BfR.

 sagt: „Deutschland ist kein Zinkmangelgebiet. Ein sich ausgewogen ernährender Mensch braucht keine Nahrungsergänzungsmittel.“

 

Insgesamt lässt sich meines Erachtens der Schluss ziehen: Zinkpräparate sind sowohl hoch dosiet gegen Erkältungen als auch niedriger dosiert als Supplement in Nahrungsergänzungsmitteln von Spezielfällen abgesehen überflüssig. Nutzen daraus ziehen nur die Hersteller und Verkäufer der Präparate.

 

 

 

Quellen:

https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/erkaeltungskrankheiten/article/947057/erkaeltungpraevention-gewappnet-husten-schnupfen-heiserkeit.html

https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Zink

https://www.augsburger-allgemeine.de/wissenschaft/Zink-Gut-fuer-die-Gesundheit-aber-kein-Alleskoenner-id40521086.html

Cannabis-Therapie bei MS: Zusatznutzen für Sativex-Spray gegen Spastik bestätigt

In Deutschland hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) dem cannabinoidhaltigen Oromukosalspray Sativex® einen geringen Zusatznutzen für die mittelschwere bis schwere Multiple Sklerose (MS)-induzierte Spastik bestätigt.

Das teilte Sativex-Hersteller Almirall mit. Basis des Beschlusses sind zwei klinische Studien. 

Der Sativex-Spray wird in der Mundhöhle angewandt. Er enthält die zwei zurzeit wichtigsten Wirkstoffe aus Cannabis – Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) – die über die Schleimhäute resorbiert werden und Muskelverspannungen (Spastik) bei MS lindern. Wie alle THC-haltigen Arzneimittel unterliegt Sativex® den Vorschriften des Betäubungsmittelgesetzes. 

Positive Studien zu Sativex für MS-Patienten bei Spastik

Nun liegen zwei klinische Studien zur Wirksamkeit von Sativex vor: GWSP 0604 und SAVANT.

Auf der Grundlage von Auswertungen der klinischen Studien hat der G-BA dem Sativex® -Spray nun einen Hinweis auf einen geringen Zusatznutzen bescheinigt.

Der Ausschuss sieht den Zusatznutzen bestätigt für erwachsene Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund von MS, die nicht angemessen auf eine andere anti-spastische Arzneimitteltherapie mit mindestens zwei verschiedenen oralen, optimiert eingesetzten Spasmolytika angesprochen haben – davon mindestens ein Arzneimittel mit Baclofen oder Tizanidin als Wirkstoff. 

Die zweite Voraussetzung für den Zusatznutzen ist laut G-BA eine klinisch erhebliche Verbesserung der Symptome während eines Anfangstherapieversuchs mit Sativex®. Als zweckmäßige Vergleichstherapie hatte der G-BA eine optimierte  Standardbehandlung mit Baclofen (oral), Tizanidin oder Dantrolen unter Berücksichtigung der zugelassenen Dosierungen festgelegt.  

 Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/11/02/nach-dreimaliger-fristverlaengerung-g-ba-bescheinigt-sativex-zusatznutzen

Kommentar & Ergänzung:

Es ist sehr zu begrüssen, wenn Cannabis-Präparate nach und nach zu normalen Bestandteilen des Medikamenten-Sortiments werden, denn sie haben in einigen Situationen deutliche Vorteile. Begleitend dazu braucht es aber weitere Forschung und Überwachung, damit die Wirksamkeit, die genauen Anwendungsbereiche und auch die Risiken besser verstanden werden.

Zum Sativex-Spray siehe auch:

Sativex-Spray mit Cannabisextrakt gegen Spastik bei Multipler Sklerose in der Schweiz zugelassen

 

Cannabis als Heilmittel: Zulassung für Sativex-Spray in Deutschland

Wenn Sie sich für Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis und anderen Heilpflanzen interessieren und dazu fundiertes Wissen erwerben möchten, dann können Sie das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

 

80. Jahrestags der Reichspogromnacht am Freitag 9. 11. 2018

Vor 80 Jahren, am 9. auf den 10. November 1938 brannten im gesamten Deutschen Reich, in Deutschland und Österreich, aber auch in der Tschechoslowakei, die Synagogen.

 Der 9. November 1938 ist der Tag, an dem organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand steckten. Es ist der Tag, an dem tausende Jüdinnen und Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Spätestens an diesem Tag konnte jeder im „Dritten Reich“ sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren.

Die Nacht vom 9. Auf den 10. November 1938 war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa.

Für dieses Ereignis wurde über lange Zeit der verharmlosende Begriff „Reichskristallnacht“ verwendet, wegen der überall verstreuten Glasscherben vor den zerstörten Wohnungen, Läden und Büros, Synagogen und öffentlichen jüdischen Einrichtungen. Es liegt aber auf der Hand, dass die Glasscherben nicht der entscheidende Punkt waren.

Zum Begriff Reichspogromnacht

Der Begriff Reichspogromnacht (oder auch Pogromnacht bzw. Novemberpogrom) hat sich erst in jüngster Zeit verbreitet und im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt, um das belastete und beschönigende Wort “Reichskristallnacht” zu ersetzen.

Quelle: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Eine informative Einführung in dieses Thema hat die Landeszentrale hier veröffentlicht.

Weil es in einer Reihe von Ländern offenbar eine zunehmende Zahl von geschichtsvergessenen Leuten gibt, die den hirnlosen und menschenverachtenden Ideen dieser Zeit nachlaufen, ist es wichtig, das Wissen über die bodenlosen Verirrungen von Nationalsozialismus und Faschismus wach zu halten.

Passend zum Thema Reichspogromnacht gibt es in meinem Buchshop  zwei eindrückliche Publikationen:

Buchtipp: Ein ganz normales Pogrom, von Sven Felix Kellerhoff

 

Buchtipp: 1938  – Warum wir heute genau hinschauen müssen, von Barbara Schieb & Jutta Hercher, mit Vorwort von Klaus von Dohnanyi.

[Buchtipp] „Welt in Gefahr – Deutschland und Europa in unsicheren Zeiten“ von Wolfgang Ischinger

Verlagsbeschreibung

“Wir haben die gefährlichste Weltlage seit Ende des Kalten Krieges.”                                (aus dem Vorwort)

Die Welt steht am Abgrund. Uns drohen Großmachtkonflikte, ein Rüstungswettlauf und noch mehr nukleare Waffen. Die USA wollen nicht mehr Hüter der Weltordnung sein, während Peking und Moskau die EU-Partner gegeneinander ausspielen. Wie können Deutschland und die EU “weltpolitikfähig” werden? Der renommierteste deutsche Diplomat Wolfgang Ischinger gibt Antworten auf die drängenden Fragen der aktuellen Weltpolitik. Er erklärt die komplexen Ursachen der zahlreichen heutigen Krisen und skizziert seine Vision einer europäischen Zukunft in Frieden und Stabilität.
65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, Krisen und Konflikte allenthalben. Die Werte des Westens und die liberale Weltordnung werden infrage gestellt. Die Beziehungen zu Russland sind auf dem Tiefpunkt, unsere Abhängigkeit von China wächst, und unter Donald Trump ist Amerika als Europas wichtigster Verbündeter unberechenbar geworden.
Welche Verantwortung trägt Deutschland heute? Was erwartet die Welt von uns? Wie erreichen wir, dass die EU mit einer Stimme spricht, zu einem respektierten weltpolitischen Akteur wird und die Interessen der 500 Millionen EU-Bürger kraftvoll vertreten kann? Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, ist einer der erfahrensten Vermittler in der internationalen Politik. Er analysiert die Ursachen der aktuellen Krisen und Konflikte und zeigt: Ohne ein aktiveres Engagement unseres Landes in einer zunehmend chaotischen und konfliktreichen Welt werden die Grundlagen von Frieden und Wohlstand erodieren.  Zum Shop

Aus Buchbesprechungen

“Man spürt in jedem Satz dieses Buches, dass hier ein Mann der diplomatischen Praxis schreibt. Auch, wer Ischinger nicht an jeder Wegbiegung folgen mag, wird dieses Buch mit großem Gewinn lesen. Die Dilemmata und Zielkonflikte jeglichen politischen Handelns werden stets anschaulich beschrieben, ohne dass Ischinger sich vor klaren Bekenntnissen drückt. Der Autor schreibt klar, verständlich, flüssig und interessant. Das Buch Ischingers ist ein sehr gelungener Debattenbeitrag zu den Herausforderungen deutscher Außenpolitik.” Deutschlandfunk, Marcus Pindur

“Ischinger ist einer der scharfsinnigsten Analysten der internationalen Politik. Sein Buch sollte eine große Leserschaft erreichen.”  Henry Kissinger

“Wer weltpolitische Orientierung in schwierigen Zeiten sucht, sollte dieses Buch lesen. Wie nur wenige ist der erfahrene Diplomat Wolfgang Ischinger berufen, den Deutschen bei der Bestimmung ihres Standorts in den Krisen der Gegenwart zu helfen.”  Heinrich August Winkler

Zum Autor Wolfgang Ischinger

Wolfgang Ischinger, geboren 1946, ist seit 2008 Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz und gilt als einer der renommiertesten deutschen Diplomaten: Er war u.a. Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und Botschafter in Washington und London. Er lehrt als Professor an der Hertie School of Governance in Berlin und berät Regierungen, Unternehmen und internationale Organisationen in außen- und sicherheitspolitischen Fragen.

Kommentar von Martin Koradi

Zu Beginn dreht sich das Buches nach meinem Geschmack etwas zu stark um Ischinger und wen er wann getroffen hat. Dann wird es aber rasch informativ und gibt einen guten Einblick in die Welt der Diplomatie. Die rückblickende Reflexion über die politischen und militärischen Vorgänge der letzten Jahrzehnte ist ergiebig und zeigt sowohl die Zwänge als auch die Spielräume von Diplomatie und Sicherheitspolitik.

Ischinger war und ist zweifellos am Puls der internationalen Sicherheitspolitik. Was er als deutscher Sicherheitspolitiker berichtet, ist auch für die Schweiz interessant.

Das Verhältnis zu Russland und den USA, der Zustand der Vereinigten Nationen, die Krise und der Krieg in der Ukraine, der Krieg in Syrien, die Balkankriege, die Herausforderungen der Europäischen Union, die Intervention in Libyen, Abrüstungsfragen, Cyber-Sicherheit,, Regulierung autonomer Waffensysteme…..

Die Schilderungen und Einordnungen dieser diplomatischen, politischen und militärischen Vorgänge aus dem Rückblick, die Ischinger bietet, sind erhellend. In der Retrospektive lässt sich vieles besser verstehen.

Das Buch macht meinem Eindruck nach auch klar, dass Stabilität und Sicherheit nicht selbstverständlich sind. In Mitteleuropa sind wir im Gegensatz zu vielen Weltgegenden in dieser Hinsicht verwöhnt und vergessen diese Tatsache leicht. Diesem Thema Aufmerksamkeit zu widmen und sich für Sicherheit und Stabilität auf allen Ebenen, lokal und weltweit einzusetzen, ist ein Gebot der Stunde für Organisationen und auch für jeden einzelnen Menschen in seinem begrenzteren Rahmen.

 

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

 

[Buchtipp] „1938 – Warum wir heute genau hinschauen müssen“, von Barbara Schieb, Jutta Hercher, Klaus von Dohnanyi

 

Worum gehts?

1938 – ein Wendepunkt auf dem Weg in den Dritten Weltkrieg

Dieses Buch beschreibt sehr eindrücklich, wie sich der Nationalsozialismus 1938 gefestigt und in der Bevölkerung verankert hat – vor dem Schritt in den Dritten Weltkrieg. Daraus lässt sich viel lernen, um ähnliche Entwicklungen weltweit frühzeitig zu erkennen.

 

Verlagsbeschreibung zu “1938”

Klaus von Dohnanyi schreibt im Vorwort:

“So brauchen wir nicht nur die Erinnerung an 1938, an die Jahre davor und danach, sondern auch einen mutigen Blick nach vorn. Denn Freiheit und Demokratie müssen auch heute mit Mut und Zivilcourage verteidigt werden.”

Warum müssen wir heute wieder genau hinschauen? Vieles von dem, was 1938 damals ereignet hat, ist wieder aktuell geworden: Flüchtlingskrise, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, internationales Kräftemessen, ein Erstarken der rechten Parteien, Fake News.
1938 markiert einen Wendepunkt, nicht nur im Leben vieler Menschen hier, sondern weltweit. 1938 werden politische Entscheidungen getroffen, die in den großen, ein Jahr später ausbrechenden Flächenbrand münden. 1938 machen sich Hunderttausende auf die Flucht, sie suchen Schutz vor Verfolgung, aber keiner ist bereit, sie aufzunehmen. 1938 manipulieren politische Agitatoren durch Hetzkampagnen und Falschmeldungen die Bevölkerung und eine beispiellose Gewalt gegen Ausgegrenzte wird schweigend geduldet oder sogar begrüßt. Die Nachwirkungen der sich 1938 anbahnenden Katastrophe sind bis heute spürbar, und die Geister, die damals gerufen wurden, sind heute wieder aktiv.
Zeitzeugen, Überlebende und auch deren Enkel erzählen in persönlichen Berichten ihre Geschichte, darunter Gabriel Bach, Walter Frankenstein, Ruth Rotem, August Zirner, Mirna Funk, Linda Rachel Sabiers, Monica Dugot oder Arye Sharuz Shalicar. Noch nie veröffentlichte Dokumente, zahlreiche Fotografien und eine lebendige Gestaltung machen das Jahr 1938 greifbar und zeigen zudem Parallelen auf, die in Zeiten eines neu aufkommenden Nationalismus gefährlich werden können. Insofern ist dieses Buch auch ein warnender Weckruf.

Mit einem Vorwort von Klaus von Dohnanyi.

Hier bestellen beim Buchhaus: Zum Shop

Zu den Herausgeberinnen Barbara Schieb und Jutta Hercher

Barbara Schieb studierte Geschichtswissenschaft und Germanistik in Freiburg im Breisgau und Berlin und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand an der Gedenkstätte Stille Helden.
Jutta Hercher ist als Dokumentarfilmerin tätig und lebt als freie Autorin in Berlin.

Kommentar von Martin Koradi zum Buch “1938”

Die Geschichte wiederholt sich nie genau gleich. Trotzdem lässt sich an manchen Punkten viel aus ihre lernen. Und 1938 ist dafür tatsächlich ein ergiebiges Jahr. Hier zeigt sich, wie ein totalitäres Regime sich immer fester installiert, aber auch, wie rasch Menschen sich solchen Verhältnissen anpassen, aber auch, welche Möglichkeiten für des Sich-Entziehens und des Widerstands es gibt. 

Das Jahr 1938 war eine entscheidende Phase auf dem Weg in den Abgrund. Mit dem “Anschluss” Österreichs im März und  der Zerschlagung der Tschechoslowakei ab Herbst beginnt das Nazi-Regime, die infolge des Ersten Weltkrieges festgelegte Grenzordnung zu zerstören, währen der britische Premierminister Chamberlain glaubt, mit seiner Appeasement-Politik den Frieden sichern zu können. Aber auch im Innern des “Dritten Reiches” wurden laufend Grenzen aller Art überschritten. Die Herausgeberinnen schreiben in der Einleitung dazu:

“1938 war das Jahr,  in dem jeder sehen konnte, wie diese Diktatur funktionierte und auch, dass sie direkt in den Krieg führte. Im Januar 1938 kommentierte Joseph Goebbels die enorme Verschuldung des Staatshaushalts: «Aber an Schulden ist noch nie ein Volk zugrunde gegangen. Wohl aber an einem Mangel an Waffen.» Die NS-Politik funktionierte nur mit dem Vorgriff auf zukünftige Raubzüge; Goebbels im März 1938: «Wir haben einen bedeutenden Fehlbetrag. aber dafür Österreich.» Der sogenannte Anschluss wurde für beispiellose Plünderungen genutzt und ging einher mit bis dahin unvorstellbar offener Gewalt. Die vollständige Enteignung der jüdischen Bevölkerung war von vornherein kalkuliert und begann 1938 in grossem Stil.

Es war das Jahr, in dem das NS-Regime in die Offensive ging. Niemand mehr stellte sich der Politik ernsthaft in den Weg – weder Kriegsgegner noch konservative Bürger, weder Beamte noch Institutionen oder die Kirchen, und auch nich die anderen europäischen Regierungen.

Vieles geschah 1938 zum ersten Mal: die Inbesitznahme eines souveränen Nachbarstaates – Österreich – , offene Kriegsdrohung und Ultimatum – Anspruch auf das Sudetenland -,  Massenverhaftung und Arbeitszwang mit der Aktion ‘Arbeitsscheu Reich’, die erste grosse Abschiebung von Tausenden Juden mit polnischen Pässen. Es gab das Gesetz zur Beschlagnahme von sogenannter entarteter Kunst, die systematische Enteignung der jüdischen Bürger und schliesslich die berüchtigten Novemberpogrome – den offenen Terror.”

Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass es diese politischen Vorgänge anhand von persönlichen Schicksalen eindrücklich, konkret und hautnah nachvollziehbar macht.

Barbara Schieb und Jutta Hercher schreiben in der Einleitung:

“1938 war das Jahr, in dem Menschlichkeit zur Ausnahme wurde und Terror zur Normalität. Jede und jeder konnte damals wissen, worauf Deutschland zusteuerte, weil es vor aller Augen geschah. Ab 1933 wurde die Schicht  der Humanität Lage für Lage abgetragen, und zwar ohne grossen Protest, dafür aber nicht selten begleitet von der Begeisterung einer korrumpierten Bevölkerung. Wie die Gesetze von 1933 und 1935 gegen Juden und alle politischen Gegner zeigten, ging die Verwandlung Deutschlands vom Rechtsstaat zur Diktatur in atemberaubendem Tempo vor sich.

Wer jetzt nicht Hilfe von guten Freunden, mutigen oder einfach human denkenden Menschen bekam, war in seiner gesamten Existenz gefährdet. Was aber heisst das genau? Wie muss es gewesen sein, wenn die Miete nicht mehr bezahlt werden konnte oder dem Ladenbesitzer die Kundschaft wegbrach? Wie war das, wenn die einstmals gefeierten Mäzene der Stadt, die den Museen wertvolle Gemälde geschenkt, das Waisenhaus unterstützt, den Fussballverein gefördert oder die Bestuhlung des Gemeindesaals bezahlt hatten, aus den Kuratorien, Sportvereinen und Gemeinderäten geworfen und von den Einladungslisten gestrichen wurden, Hausverbot erhielten, sich Freunde und Bekannte wegdrehten, wenn sie einander auf der Strasse sahen. Wie war das, wenn die Kinder nicht mehr in die Schule gehen durften, in denen ihre Freunde waren? Oder die Freunde von einst auf sie spuckten, die Lehrer nicht mehr ihre jüdischen Schüler schützten, oder sie, im Gegenteil, dem Spott preisgaben.”

Das Buch zeigt eindringlich auf, wie eine Bevölkerung im Alltag nach und nach korrumpiert wird und sich korrumpieren lässt. Es ist in diesem Sinn eine Warnung und ein Aufruf zur Wachsamkeit. Es zeigt aber auch Widerstand und Zivilcourage.

Rechtspopulismus ist nicht schon Nationalsozialismus oder Faschismus. Aber weil Parteien wie AfD, FPÖ und Lega sich wiederkehrend nicht eindeutig von extremistischen Personen und Vorstellungen abgrenzen können oder wollen, ist eine Entwicklung in diese Richtung auch nicht ausgeschlossen. Leider sind die Übergänge hier oftmals sehr fliessend. Madeleine Albright verweist in ihrem Buch “Faschismus – eine Warnung” auf eine Äusserung des italienischen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Primo Levi hin, wonach jedes Zeitalter seinen eigenen Faschismus habe.

Das Buch “1938 – Warum wir heute genau hinschauen müssen“, bietet passend zur gegenwärtigen Lage eine sehr aktuelle, lebendige und packende Geschichtslektion.

 

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

 

Deutschland plant Verbot für gesüsste Baby-Tees

Damit kleine Kinder nicht an Zucker gewöhnt werden, will die deutsche Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) bis Ende 2019 süßende Zutaten in Baby-Tees gesetzlich verbieten. 

Warnung von gesüssten Babytees

Babys dürften nicht auf Zucker und Süße konditioniert werden, warnte Klöckner. Wer bereits als Baby an den Zuckergeschmack gewöhnt sei, werde auch später im Leben nicht darauf verzichten wollen. Die Ministerin beabsichtigt nun, bis Ende 2019 die Diätverordnung so ändern, dass Zucker und andere süßende Zutaten in Säuglingstees und Kindertees sowie in Kindermilch verboten sind. 

Unter süßenden Zutaten sind nach Auskunft von Klöckners Ministerium etwa Dextrose oder Süßstoff aus der Stevia-Pflanze zu verstehen.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ernaehrungsministerin-plant-gesetzliches-verbot/

 

Kommentar & Ergänzung:

Das ist überfällig. Ich weiss nicht genau, wie die gesetzliche Lage momantan in der Schweiz ist. Ich kann mich aber sehr gut an meine Lehrzeit als Drogist gegen Ende der 70er-Jahre erinnern. Wir haben tonnenweise Milupa Kindertee verkauft und der hohe Zuckergehalt war damals schon ein Thema, insbesondere weil dadurch Karies bei Säuglingen und Kleinkindern stark gefördert wurde.

Bekannt geworden ist dieses Phänomen unter der Bezeichnung Nursing-Bottle-Syndrom. Damit bezeichnet man Karies an den Milchzähnen von Babys und Kleinkindern, vor allem an den oberen Schneidezähnen und Backenzähnen, ausgelöst durch mittels Trinkflaschen verabreichten Getränken wie zum Beispiel Milch, mit Zucker oder Honig gesüßten Tees und Fruchtsäften.

Anfang der 1980er Jahre stellte sich heraus, dass der Milupa-Kindertee in Verbindung mit Produktbeigaben dieses Nursing-Bottle-Syndrom extrem förderte. Dutzende Betroffene zogen damals vor Gericht, Milupa versuchte auf zahnärztliche Gutachter einzuwirken, schlussendlich wurde jedoch 1991 vom Bundesgerichtshof letztinstanzlich entschieden, dass aufgrund der aggressiven Vermarktung und nicht ausreichender Warnhinweise ein Schmerzensgeld an die Betroffenen zu leisten ist. (Quelle: Wikipedia)

Aber die Gewöhnung an einen hohen Süsslevel in der Nahrung, die Klöckner beanstandet, ist genauso problematisch.

Dabei ist es nur konsequent, wenn auch andere Süssmittel wie Stevia in Kindertees verboten werden. Stevia verursacht zwar keine Karies und führt auch keine Kalorien zu, aber die Gewöhnung an süsse Getränke oder Nahrungsmittel kann damit genauso stattfinden wie bei Zucker.

Falls in der Schweiz noch kein derartiges Verbot wirksam ist, bin ich dafür, ein solches einzuführen. Betroffen sind natürlich vor allem diese gesüssten Instant-Kindertees. Ein Babytee oder Kindertee lässt sich selbstverständlich auch direkt mit getrockneten Kräutern mischen, zum Beispiel mit Fencheltee, Kamillenblütentee und Lindenblütentee. Allerdings würde ich empfehlen, Fencheltee nicht zur täglichen Flüssigkeitszufuhr zu geben,  sondern nur, wenn das Kleinkind Verdauungsstörungen wie Blähungen oder Bauchkrämpfe hat.

Wer sich für Heilkräuter und ihre Wirkungen interessiert, kann dazu mehr erfahren in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

 

 

 

 

 

Johannisblütenöl und Orangenblütentee als Abendritual

Im “Migros Magazin” (8. Oktober 2018) wird die Skirennfahrerin Michelle Gisin aus Engelberg (Obwalden) portraitiert. Dabei kommt die Athletin auch auf Naturheilmittel zu sprechen: “Habe ich Schmerzen, trage ich Quarkwickel auf.”

Sie erwähnt ausserdem das Johannisblütenöl:

“Damit reibe ich mich vor dem Schlafengehen von Kopf bis Fuss ein. Dann trinke ich einen Orangenblütentee und ab in die Federn.”

Interessantes Abendritual. Johannisöl aus den Johanniskrautblüten wird durch Auszug mittels (meisten) Olivenöl hergestellt. Von der ESCOP wird es empfohlen zur Behandlung leichter Haut­entzündungen (z. B. Sonnenbrand) oder zur Heilung kleiner Wunden. 

Eine direkte beruhigende Wirkung durch die Haut scheint mir sehr unwahrscheinlich, aber eine Einreibung am Abend ist eine schöne Idee.

Orangenblütentee hat sich als Abendtee in der Schweiz vor allem in Pflegeinstitutionen durchgesetzt. In Pflegeheimen und Kliniken wird Orangenblütentee gereicht als Einschlafhilfe. Interessanterweise ist diese Anwendung in Pflegeinstitutionen in Deutschland und Österreich viel weniger gebräuchlich.

 Die Wirksamkeit von Orangenblütentee als Einschlafhilfe wurde allerdings nie genauer untersucht und in der Phytotherapie-Fachliteratur taucht die Pflanze in der Regel gar nicht auf.

Orangenblüten enthalten aber zirka 0,2-0,5 % ätherisches Öl mit hauptsächlich Monoterpenen (Linalylacetat, alpha-Pinen, Limonen, Linalool, Nerol, Geraniol), ausserdem Anthranilsäuremethylester und Bitterstoffe.
Die Zusammensetzung des ätherischen Öles zeigt damit gewisse Ähnlichkeit mit dem Lavendelöl (Linalylacetat, Limonen, alpha-Pinen, Linalool, Geraniol). Da für Lavendelöl eine beruhigende Wirkung bei Unruhe und Einschlafstörungen gut belegt ist, kann eine solche Wirkung auch für den Orangenblütentee vermutet werden. Es würde sich dann beim Trinken von Orangenblütentee dann quasi um eine Aromatherapie via Duftebene handeln. Darum wäre wohl die Empfehlung sinnvoll, den Orangenblütentee langsam schluckweise zu trinken, damit das ätherische Öl gut auf die Geruchsrezeptoren einwirken kann.

In der Natur entfalten Orangenblüten einen betörenden Duft. Das habe ich bei Velotouren durch Orangenfelder in China selber eindrücklich erlebt. In Spanien wird die Costa del Azahar als Küste der Orangenblüten bezeichnet und verdankt diesen Namen den grossen Orangenhainen, die unweit von der Küste wachsen und mit dem Orangenblütenduft zum Teil die ganze Umgebung erfüllen.

Mehr zum Orangenblütentee gibts hier:

Orangenblütentee bei Einschlafstörungen

Wie weit bei Michelle Gisins Abendritual mit Johannisblütenöl und Orangenblütentee auch Wirkstoffe aus den Pflanzen zur Wirkung kommen, ist also weitgehend ungeklärt.

Einschlafrituale haben aber auch für sich einen Wert und sollten in dieser Hinsicht nicht unterschätzt werden.

 

 

 

[Buchtipp] “Die Reise ins Reich: Unter Reichsbürgern”, von Tobias Ginsburg

 Verlagsbeschreibung

Die Reichsbürger – das sind verführte Irre und böse Verführer, Sektierer, Rechtsradikale und Hetzer hinter konservativer Fassade. Sie alle glauben an eine Weltverschwörung gegen das deutsche Volk und bekämpfen diesen vermeintlichen Feind.
Der jüdische Autor und Regisseur Tobias Ginsburg begibt sich für dieses Buch undercover unter Reichsbürger. Er besucht quer durch Deutschland verschiedene Gruppierungen, wird Untertan eines Königreichs, macht mit bei Plänen zum Sturz der BRD GmbH und für ein germanisches Siedlungsprojekt in Russland. Er lernt gewaltbereite Neonazis und friedensbewegte Esoteriker kennen, aber auch Biedermänner, von denen manche heute für die AfD im Bundestag sitzen.
“Die Reise ins Reich” ist Reportage, Sachbuch und aberwitzige Abenteuergeschichte zugleich. Sie liefert kuriose, komische und bedrückende Auskünfte über eine Bedrohung, die längst die Mitte der Gesellschaft erreicht hat. Zum Shop

Aus einer Buchbesprechung

“Ein irrwitzig-wahnsinnig-komisches Buch über die weitverzweigte Sumpflandschaft der rechtsradikalen Reichsbürger. Tobias Ginsburg hat sich monatelang in ihrem ‘gemeinsamen Nest aus Menschenverachtung’ aufgehalten und erzählt als Literat und Aufklärer von dieser wahrhaft bedrohlichen Szene.”
Günter Wallraff

Zitat aus: Die Reise ins Reich

“In gewisser Weise ist Reichsideologie nur der gute, alte Nazidreck, der es qua Verschwörungstheorie in andere Milieus geschafft hat. Wen sollte es da verwundern, dass er es auch in die AfD geschafft hat? Er musste sich hier auch gar nicht einschmuggeln. Er konnte mit grossem Trara einfach aufmarschieren.”

Zum Autor Tobias Ginsburg

Tobias Ginsburg, geboren 1986 in Hamburg, studierte Dramaturgie, Literaturwissenschaft und Philosophie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der Ludwig-Maximilians Universität München. Seit seiner Studienzeit schreibt und inszeniert er Theaterstücke. Im Jahr 2007 debütierte er als Autor und Regisseur mit dem Stück Vergewaltigt. Danach war er als Dramaturg am Akademietheater, der Schauburg und in der freien Szene tätig. 2011 feierte sein Stück Nestbeschmutzung in der Reaktorhalle München Premiere. Den Jugendstückepreis 2015 erhielt das Theaterstück Weltenbrand, das er in Zusammenarbeit mit Daphne Ebner schrieb und an der Schauburg inszenierte. Es folgten weitere Arbeiten: Radikal. Monument der Verwesung im i-camp (2014), Goldland (2015) und im folgenden Jahr das Tanz- und Theaterprojekt Du und ich und das Meer dazwischen. Darüber hinaus war er 2016 Fellow des Hanse-Wissenschaftskollegs und ist Gründungsmitglied der Theatergruppe Fake to Pretend.

Kommentar von Martin Koradi

„Reichsbürger“ bestreiten die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als legitimer und souveräner Staat und weigern sich mit dieser Begründung, unter anderem Steuern und Bußgelder zu zahlen oder Gerichtsbeschlüssen und Verwaltungsentscheidungen Folge zu leisten.

Die „Reichsbürgerbewegung“ ist sehr heterogen und umfasst verschiedenste Gruppierungen, aber auch reichlich verwirrte Geister und Verschwörungsmythologen. Teile der „Szene“ sind in den letzten Jahren zunehmend militant geworden. 2016  tötete ein Angehöriger der Szene bei einer durchgeführten Razzia durch Schüsse einen SEK-Polizisten.

Der Undercover-Bericht von Tobias Ginsburg bietet eindrückliche Einblicke in die Reichsbürgerszene und zeigt auch Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen im Umfeld von NPD, AfD und Pegida. Auch die absonderliche Faszination für den Autokraten Putin scheint immer wieder mal auf.

Für mich war beim Lesen des Buches interessant zu erfahren, wie stark die Reichsbürgerbewegung mit Esoterik und Alternativmedizin verknüpft ist.

Das Buch ist keine systematische Beschreibung der Reichsbürgerszene. Als Undercover-Reportage zeigt es aber deren Stimmungen und Charakteristiken gut nachvollziehbar auf.

Tobias Ginsburg sagt in einem Interview auf „Zeit online“:

„Relativ naiv reiste ich zunächst in eine kuriose Reichsbürgersekte, das berüchtigte ‚Königreich Deutschland’. Es dauerte aber nicht lange, um zu erkennen, dass hinter dem scheinbaren Irrsinn ein System steckt, das auf rechtsextremen Ideen fußt.“

Er hält die Reichsbürgerbewegung für gefährlich:

„Die unmittelbarste Gefahr geht sicherlich von labilen Menschen aus, die glauben, in Notwehr handeln zu müssen und sich und ihr Umfeld akut gefährden. Aber noch beunruhigender ist es, dass durch neurechte Bewegungen und die AfD derartige Wahnvorstellungen normalisiert werden und immer mehr Einzug ins Bürgertum halten. Das Unheimliche war ja, dass mich meine Reise vom Rand der Gesellschaft immer weiter in ihre Mitte geführt hat.“

Auf die Frage, was dagegen zu tun ist:

„Wir brauchen dringend eine Sensibilisierung für rechtsradikale Verschwörungstheorien. Die Gesellschaft muss lernen, was politische Meinung, rechte Gesinnung und Verschwörungstheorie unterscheidet. Man kann es den Leuten nicht ansehen. Wer einer Verschwörungstheorie anhängt, hat eben nicht immer eine kaputte Biografie und trägt eine komische Mütze. Er kann auch eine Krawatte tragen und erfolgreich sein.“

Quelle: https://www.zeit.de/hamburg/2018-09/elbvertiefung-17-09-2018

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Ruediger Dahlke überzeugt nicht als Kokosöl-Verteidiger

Kokosöl wird als Superfood vermarktet, dem eine ganze Reihe von wunderbaren Eigenschaften zugeschrieben  wird. Unter anderem soll es gegen Alzheimer wirken.

Dass es für diese Versprechungen keinerlei Belege gibt und Kokosöl im Gegenteil sogar die Gesundheit schädigen kann, hat eine Medizin-Professorin der Universität Freiburg in einem Vortrag dargelegt.

In ihrem Vortrag bezeichnete Prof. Karin Michels Kokosöl als „schlimmer als Schweineschmalz und als reines Gift“. Der Vortrag und das Video auf YouTube stiessen auf grosse Resonanz, aber auch auf heftige Kritik der „Kokosöl-Gemeinde“.

Für die zugespitzte Formulierung hat sich die Direktorin des Instituts für Prävention und Tumorepidemiologie am Uniklinikum Freiburg später entschuldigt, inhaltlich aber an ihrer Kritik festgehalten.

Im Magazin „Spuren“ hat der Fastenarzt und fragwürdige Esoteriker Ruediger Dahlke wiederum das Kokosöl verteidigt und Karin Michels heftig kritisiert. Er liefert damit ein bemerkenswertes Beispiel für miserable Argumentation. Ich gehe nur auf die ersten paar Sätze ein, weil eine umfassende Auseinandersetzung den Rahmen hier sprengen würde. Dahlke schreibt:

„Dass immer wieder Schulmediziner auf den alten Irrtümern beharren, ist nichts Neues, aber dieser Versuch ist doch ziemlich populär geworden. Wie gut es den Menschen auf Bali, in den Philippinen, in Thailand und in allen Ländern, wo viel Kokosöl konsumiert wird, geht, ignoriert Prof. Karen Michels. Wie schlank und fit diese Leute mit diesem Öl bleiben, ist ihr offenbar entgangen.

Ausserdem ignoriert sie die guten Erfahrungen, welche die US-Ärztin Mary Newport in der Behandlung ihres an Alzheimer erkrankten Mannes machte und im Buch Alzheimer vorbeugen und behandeln (VAK Verlag, Freiburg 2014) dokumentierte. Sie holte ihren Mann mittels mittelkettiger Fettsäuren, wie sie im Kokosöl enthalten sind, aus der Demenz zurück.“

Quelle:

https://spuren.ch/content/single-ansicht-news/datum////fette-vorurteile.html
Kommentar:

Schon der erste Satz ist fragwürdig: Man aktiviere einleitend das bewährte Feindbild „Schulmedizin“, dann hat man die Lesenden schon mal auf seiner Seite.

Aber schauen wir uns die eigentliche Argumentation an:

„Wie gut es den Menschen auf Bali, in den Philippinen, in Thailand und in allen Ländern, wo viel Kokosöl konsumiert wird, geht, ignoriert Prof. Karen Michels. Wie schlank und fit diese Leute mit diesem Öl bleiben, ist ihr offenbar entgangen.“

Dahlke weist also darauf hin, dass es den Menschen in Ländern, in denen viel Kokosöl konsumiert wird, „gut“ geht. Unklar bleibt, was unter „gut“ hier verstanden wird, und Dahlke geht offenbar fraglos davon aus, dass Kokosöl für dieses „gut gehen“ verantwortlich ist.

Ein abenteuerlicher Kurzschluss, der übersieht, dass eine ganze Reihe von Einflüssen für „gut gehen“ verantwortlich sein kann.

Und in diesen Ländern sollen die Menschen offen besonders schlank und fit bleiben. Auch hier wird das umstandslos dem Kokosöl gut geschrieben. Eine vollkommen willkürliche Argumentation.

Wer so schlampig und eindimensional argumentiert, könnte auch die tiefere Lebenserwartung in Thailand (74,7 Jahre) gegenüber der Schweiz (82, 6 Jahre) auf den höheren Kokosöl-Konsum in Thailand zurückführen (Quelle: Wikipedia)

Und sind die Menschen zum Beispiel auf den Philippinen tatsächlich so fit, wie Ruediger Dahlke es darstellt? Daran kann mit Fug und Recht gezweifelt werden:

„Jede Minute sterben neun Menschen an Herzkrankheiten. Das ist auch auf ungesunde Ernährung zurückzuführen. Der traditionelle Speiseplan aus Gemüse, Fisch und nur wenig Fleisch ist gerade in den Städten durch vorverarbeitete Lebensmittel, ungesunde Fertigkost und fettere Speisen ‚ergänzt’ beziehungsweise verdrängt worden. Außerdem nimmt der Stress durch den wachsenden Leistungsdruck und das ‚moderne Leben’ zu….

Offiziellen Gesundheitsindikatoren zufolge hat sich die Gesundheitssituation in den Philippinen in den letzten Jahren verbessert. Die Lebenserwartung ist von 1970 bis 2009 um zehn Jahre gestiegen, von 58 auf 71 Jahre. Nur: In vielen vergleichbaren Ländern hat sich die Situation im gleichen Zeitraum um einiges mehr gebessert. Und: Selbst wenn sie sich leicht gebessert hat, ist sie generell weiterhin als katastrophal zu bezeichnen. Denn einer prozentualen Abnahme steht eine Zunahme in absoluten Zahlen entgegen – des Bevölkerungswachstums wegen.“

Quelle:

http://vernetzte-er.de/dev/index.php?option=com_content&view=article&id=29&Itemid=46

 

Zur Gesundheit in Thailand schreibt Wikipedia:

„Herausforderungen, denen sich das Gesundheitssystem Thailands gegenübersieht, sind neue Epidemien wie die Vogelgrippe H5N1 oder Wohlstandskrankheiten wie Fettleibigkeit.“

Warum also stellt Ruediger Dahlke die Situation so verzerrt dar? Wohl weil es so besser zu seiner Kokosöl-Vorstellung und seinem Weltbild passt?

Dann verweist Dahlke auf die Erfahrungen der US-Ärztin Mary Newport, die ihren Mann mit Kokosöl aus der Demenz zurück geholt haben soll. Grundsätzlich lässt sich mit einer solchen anekdotischen Einzelfallschilderung nie Wirksamkeit begründen. Auch hier können weitere Faktoren mitgewirkt haben. Zudem kann Alzheimer einen wechselhaften Verlauf mit Verschlechterungen und Verbesserungen zeigen. Besserungsphasen werden dann gerne einem gerade zeitgleich verabreichten Mittel wie hier den Kokosöl zugeschrieben, während sie eigentlich nur den natürlichen Verlauf zeigen. Und wenn Dahlke schreibt, dass Mary Newport ihren Mann mittels Kokosöl aus der Demenz zurückgeholt hat, dann lässt er weg, dass Steven Jerry Newport 2016 an Demenz gestorben ist. Aber es würde natürlich den Reiz der Story stören, wenn man das erwähnen würde…..

Weitere Informationen zum angeblichen Superfood Kokosöl gibt es hier bei der Verbraucherzentrale Hamburg:

Inzwischen haben auch eine Reihe von Fachleuten zur Debatte um Kokosöl Stellung genommen.

Die Ernährungswissenschaftlerin Antje Gahl, die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), sagte der Nachrichtenagentur dpa, Kokosöl enthalte viele gesättigte Fettsäuren, die eine Gesundheitsgefahr darstellten und unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigerten. Kokosöl habe zu Unrecht ein positives Image, erklärte Gahl. Die Aussagen von Michels seien pointiert, in der Sache seien sie jedoch korrekt. Mehrere internationale Studien belegen laut Gahl das Gesundheitsrisiko, das von Kokosöl ausgeht. Wer Kokosöl gelegentlich zum Kochen nutze, müsse sich keine Sorgen machen, sagte die Ernährungswissenschaftlerin. Häufig verwendet, sei es aber schädlich. Schlicht falsch seien die Versprechungen der Werbung, dass Kokosöl beim Abnehmen helfe.

Besser als Kokosöl seien Pflanzenöle wie zum Beispiel Rapsöl, Sojaöl, Olivenöl, Sonnenblumenöl oder Leinöl. Sie enthalten ungesättigte Fettsäuren und gelten daher als weniger bedenklich. Ungesättigte Fettsäuren seien gut für Herz und Kreislauf des Menschen, sagt Gahl.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=78234

 

Die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ sprach mit der Wiener Ernährungsexpertin Ingrid Kiefer über Kokosöl.

Die Ernährungswissenschafterin und Leiterin des Fachbereichs Risikokommunikation der Agentur für Ernährungs- und Lebensmittelsicherheit (Ages) sagt zu den Versprechungen, mit Kokosöl könne man leichter abnehmen oder es helfe gar gegen Demenz und Alzheimer:  “Das ist wissenschaftlich absolut nicht belegt, dazu gibt es keine seriösen Studien.”

Kokosöl sei tatsächlich von allen tierischen und pflanzlichen Ölen jenes, das den höchsten Gehalt an gesättigten Fettsäuren habe – er liege bei 90 Prozent, im Vergleich dazu enthalte Butter knapp unter 70 und Schweineschmalz 41 Prozent.

Kiefer lässt nur einen Vorteil von Kokosöl gelten: “Es ist beim Anbraten und Backen hitzestabil, weil der Schmelzpunkt niedrig und der Rauchpunkt hoch ist.” Diesen Vorteil haben allerdings auch andere, gesündere Öle. Als gesündere Alternative zum Erhitzen raten die Experten etwa zu Olivenäl, Rapsöl oder Erdnussöl.

Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien, sagt dem “Standard“: “Ich verstehen den Hype um das Kokosöl nicht. Ihm werden positive Eigenschaften zugeschrieben, die mir nicht verständlich sind. Es enthält viele gesättigte Fettsäuren, von deren Konsum wir eher abraten.” Eine bessere Alternative zu anderen pflanzlichen Ölen sei Kokosöl deshalb nicht.

König sagt aber auch, dass weder Kokosöl noch Schweineschmalz ein Gift ist und dass es immer um die Menge gehe:  “Es schmeckt halt, deshalb ist es völlig legitim, Kokosöl in die Ernährung einzubauen. Abwechslung ist schließlich gut. Wenn sich der Konsum in Grenzen hält, ist der Genuss von Kokosöl genauso in Ordnung wie der von Schweineschmalz.”

Quelle:

https://derstandard.at/2000085910930/Ernaehrungsexperte-Kokosoel-ist-kein-Gift-Schmalz-auch-nicht

Kokosöl oft mit schlechter Ökobilanz

Auch aus Sicht des Naturschutzes ist Kokosöl fragwürdig. Es hat wegen langer Lieferwege und oft fragwürdiger Anbaumethoden eine schlechte Öko-Bilanz. Darauf weist Ilka Petersen hin, Referentin Landnutzung und nachhaltige Biomasse bei der Umweltorganisation WWF Deutschland. Ökologische und soziale Mindeststandards würden beim Anbau kaum eingehalten und der Handel setze Kokosbauern zunehmend unter Druck. Diese könnten von ihren Erträgen trotz gestiegener Nachfrage kaum leben, der Großteil der Gewinne gehe an die vielen Zwischenhändler der Branche. Ilka Petersen fordert, dass die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen für die Bauern dringend verbessert werden.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=78234

 

Diese Stellungnahmen von Fachleuten zeigen meines Erachtens deutlich, wie fragwürdig die Argumentation von Ruediger Dahlke daher kommt.  Der Esoterik-Autor und das spirituelle „Spuren“-Magazin bewirtschaften hier schlicht und einfach das plumpe Feindbild „Schulmedizin“. Diese Feindbild-Bewirtschaftung ist ja eigentlich nicht so ganz kompatibel mit dem Weltbild, das sie sonst so predigen – aber was solls: Wenn man eine genügend unkritische Fangemeinde hat, mit der man diese Feindbilder teilt, dann wird der Widerspruch nicht zum Thema werden. Fundierte Argumente haben dann keine Bedeutung mehr.

Auch predigen genau diese Kreise stets von Ganzheitlichkeit, führen hier jedoch “gut gehen” und “fit sein” der Menschen zum Beispiel auf den Philippinen, aber auch die Heilung von Alzheimer eindimensional und monokausal auf Kokosöl zurück.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Benzodiazepine: Jede vierte Verordnung bei älteren Personen führt zur Abhängigkeit

Benzodiazepine sind eine Medikamentengruppe, die häufig gegen Schlafstörungen eingesetzt wird. Bekannte Präparate sind Valium, Lexotanil, Seresta und Temesta.

Der Missbrauch und die Abhängigkeit von Benzodiazepinen ist seit etwa 40 Jahren ein Thema. Das Abhängigkeitspotenzial dieser Medikamente wird häufig unter­schätzt.

Nach einer Studie, die in JAMA Internal Medicine (2018; doi: 10.1001/jamainternmed.2018.2413) publiziert wurde, erhielt ein Viertel aller älteren Patienten, denen Nichtpsychiater Benzodiazepine verschrieben hatten, auch nach einem Jahr weiterhin Rezepte.

Gerade im Alter sollten Benzodiazepine jedoch zurückhaltend eingesetzt werden.

Die Realität sieht allerdings oft anders aus. Die Teilnehmenden des US-Programms SUSTAIN („Supporting Seniors Receiving Treatment and Intervention“), das Senioren mit niedrigem Einkommen unterstützt, waren durchschnittlich 78 Jahre alt, als ihnen zum ersten Mal ein Benzodiazepin verordnet wurde. Dabei sollten Benzodiazepine Patienten über 65 Jahre nur im Ausnahmefall verordnet werden, erläutert Lauren Gerlach, die an der Universität in Michigan ein „Program for Positive Aging“ betreut.

SUSTAIN dokumentiert ausschliesslich Verordnungen von Nicht-Fachärzten. Diese Nicht-Fachärzte hatten Benzodiazepine in der Regel gegen Schlafstörungen verordnet. Da sich die Schlafstörungen mit diesen Medikamenten zwar (vorübergehend) verbessern, die Ursachen jedoch nicht beseitigt werden, besteht die Gefahr, dass Folgerezepte ausgestellt werden. Die Patienten, die ein Jahr nach der ersten Verordnung weiterhin Benzodiazepine bekamen, gaben viermal häufiger einen sehr schlechten Schlaf an als Patienten, die nur kurzzeitig Benzodiazepine einnahmen.

Gesamthaft lag der Anteil der Patienten mit einer chronischen Verschreibung in dieser Untersuchung bei 26,4 Prozent (152 von 576 Patienten). Lauren Gerlach empfiehlt den Allgemeinmedizinern, bei der Erstverschreibung von Benzodiazepinen immer auch den Ausstieg zu planen.

Das Problem der übermäsigen Benzodiazepin-Verordnung ist nicht auf die USA begrenzt. In Deutschland bekommen zirka 4 bis 5 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten jährlich mindestens eine Verordnung eines Benzodiazepins oder eines Benzodiazepin-Derivats. Wie gross die Zahl der Menschen in Deutschland ist, die von Benzodiazepinen abhängig sind, ist nicht bekannt. Die Schätzungen liegen zwischen  128.000 und1,6 Millionen.

 

Quelle:

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/97784/Benzodiazepine-Jede-vierte-Verordnung-bei-aelteren-Menschen-fuehrt-zur-Abhaengigkeit

 

https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2701626

 

Kommentar & Ergänzung:

Benzodiazepine sind in bestimmten Situationen wichtige Medikamente, zum Beispiel in der Psychiatrie. Aber so breit und langfristig, wie sie seit langem eingesetzt werden, gegen Schlafstörungen und Spannungszustände im Alltag, das ist skandalös. Das hohe Abhängigkeitspotenzial ist seit Jahrzehnten bekannt und wurde von den Herstellern kosequent kleingeredet. Irgendwie ist es auch absurd, dass chronischer Gebrauch von Benzodiazepinen gegen Schlafstörungen Schlafstörungen fördern kann.

Und damit das klar ist: Mir geht es nicht darum, ein plumpes, pauschales Feindbild „böse Pharmaindustrie“ zu bewirtschaften. Es gibt nützliche, wertvolle und notwendige Medikamente. Das soll aber nicht davon abhalten, Missstände klar zu benennen. Das hier ist ein solcher Missstand.

Schlafstörungen und Spannungszustände im Alltag sollten in erster Linie mit nicht-medikamentösen Bewältigungsstrategien angegangen werden. Unterstützend können auch Heilpflanzen-Anwendungen als Option in Frage kommen. Ätherische Öle wie Lavendelöl, Kräutertees wie Zitronenmelisse oder Orangenblüten, Phytopharmaka wie die Kombipräparate aus Baldrianextrakt und Hopfenextrakt. Sie helfen nicht in jedem Fall, sind aber völlig frei von jedem Abhängigkeitsrisiko. Deshalb lohnt es sich, sie in die Behandlungsoptionen einbezogen werden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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