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Nahrungsergänzungsmittel: Aloe vera als Superfood?

Aloe vera ist eine interessante Heilpflanze mit vielfältigen Wirkungen.

Sie zählt zu den Sukkulenten, speichert also viel Wasser. Das zeigt sich an den dickfleischigen Blättern. Aus ihrem Inneren lässt sich Aloe-Gel gewinnen – eine durchsichtige Masse. Die äusseren Blattteile enthalten dagegen das bitter schmeckende, gelbe Aloe-Latex – auch Aloe-Saft genannt.

Aloe-Saft kann zu Abführmitteln verarbeitet werden, ist zu diesem Zweck ziemlich heftig und wird deshalb nur noch selten verwendet.

Aloe-Gel wird äusserlich mit einigem Erfolg angewendet als Wundheilmittel und gegen Hautentzündungen.

Innerlich wird Aloe-Gel als Nahrungsergänzungsmittel propagiert und soll gegen eine breite Palette von Krankheiten vorbeugend oder heilend wirken – zum Beispiel bei Diabetes, Krebs oder HIV-Infektionen. Es soll auch den Körper entgiften, das Immunsystem stärken und für Wohlbefinden sorgen. Im Aloe-Gel enthalten sind Glucomannan-Polysaccharide, Enzyme, Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Der absolut grösste Teil, etwa 99 Prozent des Gels, besteht jedoch aus Wasser.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband in Deutschland hat Aloe vera als Nahrungsergänzungsmittel unter die Lupe genommen und kommt zum nüchternen Schluss:

„Viele dieser Stoffe sind auch in heimischem Obst und Gemüse enthalten.”

Diesen Tipp würde auch Prof. Bernhard Uehleke Verbrauchern geben: Wer Obst und Gemüse der Saison isst, muss nicht auf Aloe vera setzen.

Uehleke arbeitet als Experte für Phytotherapie im Immanuel Krankenhaus in Berlin. Die überzogenen Heilungsversprechen rund um Aloe vera hält er für übertrieben und Aloe vera präventiv gegen Krebs einzunehmen für Quatsch.

Quelle:

https://www.t-online.de/heim-garten/garten/id_81439046/ist-aloe-vera-eine-wunderpflanze-.html

Kommentar & Ergänzung:

Es spricht meines Wissens nichts dafür, dass die Einnahme von Aloe-vera-Präparate auf der Basis von Aloe-vera-Gel schädlich sein könnte. Ausser vielleicht für den Geldbeutel.

Aloe vera ist allerdings in den letzten Jahren zu einem Wundermittel hochstilisiert worden, das alles und jedes heilen soll. Das ist immer suspekt. Wenn ein einziges Mittel derart viele und vor allem auch noch sehr unterschiedliche Krankheiten besiegen soll, dann sind diese Versprechungen mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit unseriös. Denn es ist äusserst unwahrscheinlich, dass eine einzige Arzneipflanze Krankheiten mit derart verschiedenen Ursachen heilen kann. Aber es ist natürlich ein Wunschtraum vieler Menschen, ein solches Wundermittel zu Verfügung zu haben. Der Umgang mit Aloe vera jedenfalls hat in manchen Kreisen fast schon pseudoreligiöse Züge angenommen. Früher erwarteten die Menschen womöglich von ihrem Schutzengel umfassende Hilfe, heute von Aloe vera.

Wenn Sie sich fundiertes Wissen über Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten erwerben möchten, können Sie das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

Cannabis als Heilmittel gegen Krebs: Grosse Versprechungen und Erwartungen, aber keine sicheren Belege

Wirkstoffe aus Cannabis sind nicht nur für Kiffer interessant. Sie können auch bei verschiedenen Krankheiten wirksam eingesetzt werden. In letzter Zeit hört man immer wieder, dass Cannabis auch gegen Krebs helfen soll.

„Cannabis soll Polo (71) heilen“, titelte die Boulevard-Zeitung zu einer Cannabis-Behandlung des Mundart-Rockers Polo Hofer, der inzwischen an seinem Lungenkrebs gestorben ist. Als „alternatives Krebsheilmittel“ bezeichnete die „Blick“ Cannabis gar. Das ist sehr reisserisch ausgedrückt, wie es sich für eine wackere Boulevard-Zeitung eben gehört. Siehe dazu:

Cannabis als alternatives Krebsheilmittel

Dass Cannabis sogar gegen den Krebs selber helfen könne, wird immer wieder auch in Internetforen oder in Social-Media-Gruppen behauptet, oft begleitet von  emotionalen Fallberichten.

Derartige „Informationen˝ sprechen Patienten oder deren Angehörige nicht selten stark an – gerade dann, wenn konventionelle Krebstherapien nicht die erhofften Erfolge erzielen und sich die Betroffenen in einer Ausnahmesituation befinden.

Der Frage, ob Cannabis als Krebsheilmittel wirksam ist, ging das Portal Medizin-Transparent in einer Recherche nach.

Die kurze Antwort: wissenschaftliche Belege für eine solche Wirkung am Menschen fehlen.

Experimente mit Zellen und Tieren haben zwar einige viel versprechende Hinweise geliefert. Tetrahydrocannabinol (THC) und weitere Substanzen aus Cannabis können das Wachstum und die Blutgefäßversorgung von Tumoren bremsen – zumindest im Labor bei Zellen und bei Versuchstieren. Dabei bleibt noch zu klären, ob Hanf-Substanzen auch Krebspatienten helfen können und ob eine solche Anwendung sicher wäre.

Für verlässliche Aussagen über eine Anti-Krebs-Wirkung von Cannabis und über die Sicherheitsrisiken beim Menschen fehlt bisher die Grundlage in Form von gut gemachten Studien. Bis auf eine kleine Pilotstudie aus dem Jahr 2002 in Spanien mit neun unheilbar kranken Gehirntumor-Patienten gibt es zur Zeit (noch) keine publizierten Untersuchungen.

Die neun Probanden dieser Studien waren Patienten mit einem Glioblastoma multiforme, also mit einem bösartigen Gehirntumor. Sie waren lebensbedrohlich erkrankt und hatten sich schon diversen Therapien unterzogen.

Patienten mit dieser Krebsform haben leider keine gute Prognose undv können bislang nicht durch Operationen, Bestrahlung oder Chemotherapie geheilt werden. Der Tumor kommt wieder, auch wenn er sich zurückdrängen lässt  – mal früher, mal später.

Das Wissenschaftlerteam schob Röhrchen direkt in den Schädel der Patienten, die am Gehirn operiert worden waren. Über diese Verbindung sollte eine THC-Lösung direkt an die Tumorzellen geleitet werden.

Mit diesen Experimenten wollten die Autoren dieser 2006 veröffentlichten Pilotstudie in erster Linie klären, ob die Verabreichung von THC mit besonderen Risiken verbunden ist. Die Sicherheit stuften die Wissenschaftler dann auch als zufriedenstellend ein.

Die Überlebensdauer der Patienten scheint diese Intervention wohl nicht entscheidend verändert zu haben. Sie starben im Durchschnitt 24 Woche nach dem Start der Tests. Aufgrund des Pilotcharakters der Studie (geringe Probandenzahl, fehlende Verblindung, fehlende Kontrollgruppen) erscheint es allerdings kaum möglich, hier eventuelle Wirkungen verlässlich aufzuspüren und richtig einzuordnen.

Seit der Publikation der Resultate aus dieser Studie im Jahr 2006 sind keine weiteren Untersuchungen von experimentellen Cannabis-Therapien an Krebspatienten zu verzeichnen.

Aus dieser Pilotstudie lassen sich daher keine verlässlichen Aussagen bezüglich einer Wirksamkeit gegen Krebs ziehen

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirkung von Cannabis gegen Krebs beschränken sich daher sehr weitgehend auf Laborbefunde und einzelne Fallberichte, die ebensowenig aussagekräftig sind.

Cannabinoide als charakteristische Inhaltsstoffe von Cannabis sind medizinisch jedoch durchaus interessant, weil sie verschiedene Abläufe im Körper beeinflussen können, zum Beispiel im Immunsystem und im Nervensystem.

Es gibt inzwischen auch einige Medikamente, für die einzelne Cannabis-Wirkstoffe künstlich nachgebildet worden sind. Beim bekanntesten dieser Cannabinoide handelt es sich um Tetrahydrocannabiol, kurz THC.

Cannabis-Tabletten oder Cannabis-Mundsprays werden etwa gegen Muskelverspannungen bei Multipler Sklerose, gegen chronische Schmerzen oder gegen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei HIV/Aids eingesetzt.

Vergleichsweise gut belegt ist auch ein gewisser Nutzen für Patienten mit chronischen Schmerzen. Dies berichteten zum Beispiel die Autoren einer 2015 publizierten Übersichtsarbeit samt Meta-Analyse. Sie haben dazu 79 Cannabis-Studien zu unterschiedlichen Krankheitsbildern mit rund 6500 Teilnehmern ausgewertet.

Auch Krebspatienten bekommen zu therapeutischen Zwecken mit unter Hanf-Wirkstoffe. Diese können zur Linderung von Nebenwirkungen der Krebstherapie beitragen: Cannabinoide helfen mitunter gegen die durch Chemotherapie ausgelöste Übelkeit samt Erbrechen, wenn andere (ältere!) Medikamente nicht wirken.

Zu diesem Schluss kommen jedenfalls die Verfasser einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration. Allerdings sind die Befunde aus dieser Publikation durchaus mit Vorsicht zu genießen – denn die Wissenschaftler haben bei ihrer Auswertung nur ziemlich alte Studien und Medikamente (1980er, 1990er) berücksichtigt.

Die Recherche von Medizin-Transparent hat dementsprechend ergeben:

Es wurden zwar etliche Studien zu Cannabis und Krebs publiziert. Es handelt sich aber dabei weitestgehend um Untersuchungen mit Zellen oder an Tieren (Mäuse, Ratten).

Bei diesen Experimenten zeigte sich, dass Cannabis-Substanzen (wie übrigens zahlreiche andere Substanzen auch) diverse Effekte auf Krebszellen und Tumoren von Tieren zeigen können. Cannabis-Substanzen bewirkten zum Beispiel das Absterben von Krebszellen, verhinderten die Ausbreitung von Krebszellen (Metastasierung), bremsten das Tumorwachstum oder hemmten die Blutversorgung von Tumoren.

Obwohl diese Befunde verheißungsvoll erscheinen mögen, ist es nicht möglich, von diesen präklinischen Studien mit Zellen und Tieren ohne weiteres auf eine günstige Wirkung für den tumorkranken Menschen zu schließen.

Und die erwähnte Untersuchung mit neun unheilbar erkrankten Krebspatienten ist als Pilotstudie nicht geeignet, um Aussagen über die Wirksamkeit von THC gegen Krebs zu treffen.

Daher muss als unbekannt gelten, ob Cannabis eine heilende oder zumindest lindernde Anti-Krebs-Wirkung hat bzw. für welche Krebsformen eine solche Wirkung eventuell denkbar ist.

Offen bleibt auch, ob einzelne Cannabis-Substanzen oder ein Wirkstoffgemisch besser geeignet sein könnten. Des weiteren fehlen verlässliche Informationen zu erforderlicher Dosis oder zu den Risiken bei einer Langzeiteinnahme von Cannabinoiden bei Krebspatienten. Ebenso ist nicht geklärt, wie die Cannabis-Substanzen wohl am besten eingenommen werden sollten – also zum Beispiel in Form von Mundspray, Tabletten oder Tee.

Es gibt also bei diesem Thema gewaltige Wissenslücken.

Medizin-Tansparent kann daher nicht bestätigen, dass einzelne oder mehrere Cannabis-Substanzen wirksame Anti-Krebs-Mittel sind. Die Wissenchaftler können eine positive Wirkung aber auch nicht rigoros ausschließen.

Inzwischen sollen laut Studienregister Clinicaltrials.gov  aber einige Untersuchungen mit menschlichen Probanden laufen. Es gibt offenbar etliche Wissenschaftler, die überprüfen möchten, was Cannabis-Substanzen tatsächlich gegen Krebs und andere Erkrankungen bewirken können.

Quelle

 

Kommentar & Ergänzung:

Naturstoffe werden in grosser Zahl auf eine mögliche Wirksamkeit gegen Krebs untersucht. Viele davon zeigen im Labor auch eine positive Wirkung, indem sie zum Beispiel im Reagenzglas Krebszellen töten können. Solche experimentellen Ergebnisse finden oft rasch den Weg in die Medien und werden manchmal unkritisch und vorschnell als Durchbruch in der Krebsbehandlung herumgereicht.

Dass Krebspatientinnen und Krebspatienten mit ihren verständlichen Hoffnungen auf Heilung auf solche Meldungen ansprechen, ist gut nachvollziehbar.

Krebspatientinnen und Krebspatienten sind aber keine Reaganzgläser. Ein lebendiger Organismus ist um ein Vielfaches komplexer als eine überschaubare experimentelle Laborsituation. Deshalb lassen sich Laborergebnisse nicht einfach die Krebsbehandlung übertragen. Es braucht klinische Studien mit Krebspatientinnen und Krebspatienten, um die Wirksamkeit einer Substanz zu belegen.

Wer über die Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis und anderen Heilpflanzen Bescheid wissen möchte, kann sich dazu das nötige Wissen erwerben in meinen Lehrgängen, der Phytotherapie-Ausbildung und dem Heilpflanzen-Seminar.

 

Techniker Krankenkasse veröffentlicht Cannabis-Report

Etwa ein Jahr nach der Freigabe von Cannabis auf Rezept in Deutschland hat die Techniker Krankenkasse (TK) in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen einen Cannabis-Report publiziert. Darin kommen die Autoren zum Schluss, dass Cannabis nur selten eine Alternative zu bewährten Therapien sei.

Einen Anlass, Cannabis für ein pflanzliches und damit grundsätzlich gutes Mittel zu halten, sehen die Verfasser des Reports um den Pharmakologen Gerd Glaeske nicht. Bestenfalls “denkbar” sei die Anwendung anhand der Studienlage bei chronischem Schmerz, Spasmen bei Multipler Sklerose, Epilepsien, bei Übelkeit durch Chemotherapie und um den Appetit bei HIV und Aids zu steigern, heißt es in der Untersuchung. Insgesamt bleibt für die Autoren weiter unklar, welchen Patientengruppen Cannabis in welcher Dosis und welcher Form helfen kann. Nötig seien belastbare und öffentliche finanzierte Studien, unterstreicht Gerd Glaeske.

Nach Erfahrung des Leitenden Oberarztes der Klinik für Anästhesiologie an der Charité, Michael Schäfer, sind es einzelne Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, bei denen Cannabis anspricht, nachdem andere Behandlungen versagten. Nebenwirkungen, die zum Abbruch der Therapie führen könnten, seien etwa Halluzinationen. Insgesamt seien die Nebenwirkungen – etwa Müdigkeit und Schwindel – angesichts zunächst geringer Dosierungen maßvoll, urteilt der Pharmakologe Glaeske.

Erhebliche Probleme sieht Glaeske hauptsächlich bei der Behandlung mit Cannabisblüten, deren Wirkstoffgehalte schwankten und die umständlich verdampft und mit einer Maske eingeatmet werden müssten. Für den Pharmakologen ist das ein “Rückfall in vorindustrielle Zeit”. Die vergleichsweise teuren Cannabisblüten zählen dem Report zufolge nach einem Öl mit teilsynthetischem THC inzwischen zu den gängigsten Formen.

Seit März 2017 ist es in Deutschland gesetzlich möglich, dass Patienten im Einzelfall Cannabis auf Rezept bekommen. Zuvor benötigten Patienten Ausnahmegenehmigungen. Nun müssen Ärzte die Wahl einer Cannabis-Behandlung umfangreich begründen. Einige Fachleute zeigten sich schon von Beginn an skeptisch und warnten davor, Schwerkranken falsche Hoffnungen zu machen.

Quelle:

https://www.n-tv.de/wissen/Bedenken-gegen-Cannabis-als-Arznei-article20440677.html

Pressemitteilung der TK:

https://www.tk.de/tk/themen/arzneimittelversorgung/cannabis-report-2018/982398

Der Cannabis-Report zum Herunterladen als PDF:

https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/982396/Datei/88084/TK-Studienband-Cannabis-Report-2018.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Cannabis ist kein Wunderheilmittel – insofern ist es verständlich, dass der Report die Erwartungen etwas herunterholt. Andererseits ist aber auch anzuerkennen, dass in den aufgeführten Anwendungsbereichen wie chronischer Schmerz, Spasmen bei Multipler Sklerose, Epilepsien, Übelkeit durch Chemotherapie und Appetitsteigerung bei HIV und Aids Patienten deutliche Linderung erfahren können.

Bei der in Deutschland seit 2017 möglichen Verordnung von Cannabisblüten kann der Wirkstoffgehalt im Gegensatz zu einem standardisierten Pharmaprodukt natürlich schwanken. Das lässt sich aber durch kontrollierten Anbau ein Stück weit auffangen. Dazu kommt noch, dass Medizinerinnnen und Mediziner mit dieser Anwendungsform einfach auch mehr Erfahrung sammeln müssen. Dann ist ein “Rückfall in vorindustrielle Zeit“ kein Desaster.

Dass weitere unabhängig finanzierte Studien zur medizinischen Anwendung von Cannabis nötig sind, ist jedoch klar.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

[Buchtipp] “Cannabis” von Klaus Häussermann, Franjo Grotenhermen, Eva Milz

CannabisVerlagsbeschreibung

Cannabis auf Rezept!
1976 pries der Song “Legalize it!” Cannabis als Medizin – und landete auf dem Index. 2016 lindert Vater Beimer in der “Lindenstraße” seine Parkinsonsymptome mit Gras und hat die Nation auf seiner Seite. Ein weiter Weg – doch jetzt ist es so weit: Cannabis auf Rezept aus der Apotheke! Dieses Szenario ist brandneu und wirft ungewohnte Fragen auf:
Welche Sorten und Darreichungsformen von Cannabis sind verfügbar?
Wem wird was auf welcher rechtlichen Grundlage verschrieben?
Welche Indikationen sprechen auf Cannabis an?
Wie sind Anwendung, Wirkung und Nebenwirkungen für den Patienten?
Wie gestaltet sich Beschaffung, Lagerung und Prüfung in der Apotheke?
Die Autoren, ausgewiesene Experten für BtM und cannabisbasierte Arzneimittel, liefern Ihnen eine kompakte Arbeitshilfe für die Apotheke. Profitieren Sie von diesem Wissen!

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Zum Autor Klaus Häußermann

Dr. Klaus Häußermann studierte Biologie an der Universität Stuttgart. Die Promotion folgte am Dr. Margarete-Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie in Stuttgart. Nach 20-jähriger Industrietätigkeit als Leiter Betäubungsmittel (BtM-Verantwortlicher, zuvor Leiter Med-Wiss. BtM & ZNS, ehemaliges Mitglied im Sachverständigenausschuss BtM beim BfArM) sind Schwerpunkte seiner freiberuflichen Tätigkeit Fortbildung (LAV Baden-Württemberg, verschiedene bundesweit auftretende Seminaranbieter) und Beratung im Betäubungsmittelwesen in Apotheke, Arztpraxis und Industrie. Er ist Autor von Fachartikeln in der Zeitschrift PTAheute und des BtM-Teils von “Das große PTAheute Handbuch”. Dr. Häußermann ist Mitglied der ACM/IACM und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

Kommentar von Martin Koradi

Die Möglichkeiten für den legalen Einsatz von Cannabis als Arzneimittel waren lange Zeit aus ideologischen Gründen komplet verschlossen. Das ändert sich seit einigen jahren Schritt für Schritt.

In der Schweiz  sind unter gewissen Umständen pharmazeutische Präparate wie Dronabinol, Sativex, Cannabistinktur und Ölauszuge (Sativa Öl) mit einer Bewilligung des BAG legal erhältlich. In Deutschland hat der Bundestag im Januar 2017 das „Cannabisgesetz“ angenommen.  Damit können Ärzte und Ärztinnen Cannabisblüten verschreiben, wenn sie begründet eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf oder vorhandene Symptome erwarten. Die Krankenkassen müssen diese Therapie in solchen Fällen bezahlen. Der Anbau des medizinischen Cannabis wird in Zukunft Sache des Staates sein.

Diese veränderte gesetzliche Situation stellt Ärzte und Apotheker vor neue Herausforderungen und verlangt vertieftes Wissen über Wirkungen, Nebenwirkungen, Interaktionen, Anwendungsformen, Dosierungen etc.

Diese A4-Broschüre mit 51 Seiten liefert das nötige Know-how.

Die rechtlichen Erläuterungen beziehen sich natürlich auf die Situation in Deutschland und lassen sich nicht auf die Schweiz übertragen.

Von den fachlichen Ausführungen profitieren jedoch alle, die sich mit der medizinischen Anwendung von Cannabis befassen.

Die Wirkungen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen, Risiken und Anwendungsformen (Präparate, Canabisblüten) werden detailliert und auf dem aktuellen Wissensstand beschrieben.

Als etablierte Indikationen für cannabisbasierte Medikamente führen die Autoren auf:

Übelkeit und Erbrechen bei Krebs-Chemotherapie

Appetitlosigkeit und Kachexie (Auszehrung) bei Krebs- oder HIV/Aids-Patienten

Neuropathische und chronische Schmerzen

Spastik bei multipler Sklerose.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Cannabis als Medizin: Unterschiedliche Wirkung von Cannabis sativa und Cannabis indica

Professor Dr. Theo Dingermann, Seniorprofessor an der Universität Frankfurt, hat auf einer Fortbildungsveranstaltung die verschiedenen Cannabisarten mit ihren unterschiedlichen Wirkungen beschrieben.

Die Pflanzengattung Hanf (Cannabis) gehört in die Familie der Hanfgewächse und besteht aus drei verschiedenen Arten, auf die sich jede erhältliche Mischung oder Kreuzung zurückführen lässt: Cannabis sativa, Cannabis indica und Cannabis ruderalis.

Zu Cannabis sativa, der bekanntesten Art, sagt Dingermann:

„Das High, das solche Sorten erzeugen, wird meist als psychedelisch, verträumt und kreativitätsfördernd beschrieben. Der Effekt ist sowohl geistig als auch körperlich spürbar.“

Diese Cannabis-Sorten werden insbesondere zur Behandlung von Übelkeit und Brechreiz eingesetzt, beispielsweise verursacht durch eine Chemotherapie oder durch HIV/Aids-Medikamente, ausserdem bei Appetitlosigkeit, Migräne, Depression, chronischen Schmerzen und verwandten Symptomen.

Das High von Cannabis indica beschrieb Dingermann als schwer und stark und in der Regel wie ein Beruhigungsmittel wirkend. Diese Empfindung sei vor allem körperlicher Natur und wirke entspannend, da die Muskelspannung vermindert werde. Bevorzugte Anwendungsbereiche sind daher die Behandlung von Muskelspasmen und Tremor-Symptomen (beispielsweise bei Multiple Sklerose und Parkinson) sowie chronische Schmerzen, Schlaflosigkeit oder Ängste.

Cannabis ruderalis ist eine kleinwüchsige, struppige Pflanze, die nur äußerst wenig THC enthält und wegen ihrer frühen Blüte in der Züchtung eine Rolle spielt.

Quelle:

ptaforum 06/2016

http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=8597

Kommentar & Ergänzung:

Interessante Differenzierung, die auch für die medizinische Anwendung wichtig ist. Für die unterschiedliche Wirkung von Cannabis sativa und Cannabis indica dürfte unter anderem der höhere Gehalt an Cannabidiol (CBD) in Cannabis indica verantwortlich sein. Mit reinen THC-Präparaten wie Dronabinol ist jedenfalls nicht allen Patientinnen und Patienten optimal geholfen. CBD kann die Wirkung offenbar in manchen Fällen günstig modulieren.

Siehe dazu auch:

Cannabis-Wirkstoffe: Neben THC zunehmend auch Cannabidiol (CBD) im Fokus

Sativex-Spray mit Cannabisextrakt gegen Spastik bei Multipler Sklerose in der Schweiz zugelassen

Zu Möglichkeiten des legalen Bezug von Cannabis-Präparaten für Patientinnen und Patienten in der Schweiz:

Cannabis für Patienten in der Schweiz legal erhältlich

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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Capsaicin-Pflaster Qutenza™: Indikationserweiterung „schmerzhafte diabetische Neuropathie“

Das Capasicin-Pflaster Qutenza™ kann neu bei Patienten mit schmerzhafter diabetischer Neuropathie eingesetzt werden.

Vor jeder Anwendung von Qutenza und bei den folgenden Arztbesuchen soll eine sorgfältige Untersuchung der Füsse durchgeführt werden, um Hautläsionen in Zusammenhang mit der zugrundeliegenden Neuropathie oder vaskulären Insuffizienz zu diagnostizieren.

Diabetes-Patienten, die zusätzlich an koronarer Herzerkrankung, Hypertonie oder kardiovaskulärer autonomer Neuropathie leiden, sollte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?LangID=2&CommID=0

(Fachinformation Qutenza™)

Kommentar & Ergänzung:

Das Alkaloid Capsaicin kommt als Scharfstoff in verschiedenen Paprika-Arten vor.

Capsaicin wird schon seit langem äusserlich schmerzlindernd eingesetzt als Creme, Salbe oder Pflaster.

Qutenza ist eine neuere Entwicklung. Die Capsaicin-Konzentration im Qutenza-Pflaster ist dabei um ein vielfaches höher (8%) als in herkömmlichen Capsaicin-Anwendungen. Das Produkt darf daher nur unter ärztlicher Anleitung von instruiertem Fachpersonal angewendet werden. Es wird zur Schmerzlinderung bei Menschen angewendet, die Nervenschmerzen aufgrund von geschädigten Nerven in der Haut haben.

Hautnerven können durch verschiedene Krankheiten wie beispielweise Gürtelrose und HIV-Infektion, bestimmte Arzneimittel und andere Zustände geschädigt werden.

Diabetes-Kranke waren bisher von der Behandlung mit Qutenza ausgeschlossen.

Die neue Indikation „schmerzhafte diabetische Neuropathie“ bringt hier eine wesentliche Erweiterung.

Siehe auch:

Schmerztherapie: Capsaicin aus Cayennepfeffer

Chili-Pflaster gegen Nervenschmerzen

Paprika-Wirkstoff Capsaicin bald als Patch

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Lavendelöl und Salbeiöl gegen HIV-Infektion – „Heiler“ verurteilt

Ein selbsternannter „Heiler“ aus dem Wallis soll eine Patientin gefährdet haben. Nun wurde der Mann zu einer Strafe in Höhe von 1000 Franken verurteilt.

Im Unterwallis soll ein selbsternannter „Heiler“ einer seiner Patientinnen Lavendelöl und Salbeiöl verschrieben haben. Die Frau litt an einer HIV-Infektion. Gemäss einem Bericht in der Zeitung «Nouvelliste» gab der „Heiler“ seiner Patientin den Rat, die HIV-Medikamente abzusetzen. Nun wurde er deswegen verurteilt. Der „Heiler“ hat gemäss Strafbefehl gegen das kantonale Gesundheitsrecht verstossen, weil die Frau «auf seine Aufforderung hin ihre Anti-HIV-Behandlung Ende 2014 abgebrochen hatte».

Der Mann gab bei der Befragung durch die Polizei an, dass er seiner Patientin lediglich empfohlen habe, die Medikamente abzusetzen. Wie dem Strafbefehl jedoch zu entnehmen ist, hat er die Therapie mit herkömmlichen HIV-Medikamenten als nutzlos abgestempelt, was auf seiner Homepage zu sehen gewesen sei.

Durch seine Empfehlungen habe er die Frau in Gefahr gebracht, weil eine HIV-Infektion unheilbar sei und nur eine korrekte Behandlung eine Verzögerung des Ausbruchs von Aids ermöglicht.

Quelle:

http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Walliser-Schamane-wollte-Aids-mit-Lavendel-heilen-15426304

http://www.lenouvelliste.ch/articles/valais/martigny-region/il-propose-de-la-lavande-a-une-malade–562381

 

Kommentar & Ergänzung:

Solche Fälle kommen selten zur Anzeige. Oft sind betroffene Patientinnen oder Patienten kritiklos von ihrem „Heiler“ überzeugt oder es ist ihnen peinlich, auf einen Scharlatan hereingefallen zu sein.

Aber man muss klar festhalten: Das grösste Risiko der „Alternativmedizin“ und „Komplementärmedizin“ liegt darin, dass „Heilerinnen“ oder „Heiler“ für sich und ihre Methoden keine Grenzen sehen.

Allmachtsvorstellungen, Grössenphantasien und Schwarz-Weiss-Denken sind in dieser „Szene“ leider nicht selten. Sie können dazu führen, dass Patienten von notwendigen medizinischen Abklärungen und Therapien abgehalten werden.

Dadurch werden Patientinnen und Patienten gefährdet.

Im vorliegenden Fall hat der Kanton Wallis Anzeige erhoben. Und mit Sicherheit wird nun zu wehleidigen Klagen kommen über die Verfolgung und Unterdrückung der „Alternativmedizin“ durch die böse „Schulmedizin“ oder die „Pharmaindustrie“.

Dabei sind hier weder verschwörungstheoretische Konstrukte noch blinde Solidarisierung am Platz.

Wer so fahrlässig „therapiert“ und falsche Versprechungen macht, handelt verantwortungslos und nutzt die Hoffnungen und Ängste von kranken Menschen schamlos aus. Dem sollte wo immer möglich ein Riegel geschoben werden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Zistrose (Cistus incanus): Extrakte der Zistrose inaktivieren HI-Viren, Ebola-Viren und Marburg-Viren

Extrakte der Zistrose (Cistus incanus) inaktivieren in Laborexperimenten HI-, Ebola- und Marburg-Viren und verhindern ihre Vermehrung.

Für virale Infektionen wie beispielsweise HIV/Aids braucht es infolge von Resistenzbildung immer wieder neue antivirale Wirkstoffe. Gegen Ebola- oder Marburg-Viren existieren gegenwärtig noch gar keine zugelassenen Präparate. Forscher vom Institut für Virologie des Helmholtz-Zentrums München konnten nun zeigen, dass Extrakte aus der Zistrose (Cistus incanus) virostatische Eigenschaften besitzen. Der Pflanzenextrakt blockiert das Andocken der Viren an Zellen, indem Inhaltsstoffe selektiv an die Viruspartikel binden und so die Infektion verhindern. Die Wissenschaftler arbeiteten mit klinischen Isolaten des HI-Virus vom Typ 1 und 2, einschließlich eines HIV-Stammes, der gegen mehrere therapeutisch eingesetzte antivirale Wirkstoffe resistent ist.

Dabei inaktivierten die Zistrose-Extrakte die HI-Viren bei allen Experimenten.

Die Wirkstoffe blockieren virale Hüllproteine, womit das Andocken der Viren an die Wirtszellen verhindert wird. Selbst nach 24-wöchigen Labortests entwickelten sich keine Resistenzen.

Prof. Dr. Ruth Brack-Werner vom Institut für Virologie sagt: “Unsere Ergebnisse zur Anti-HIV-1-Wirkung von Cistus incanus liefern erste Hinweise, dass käuflich erhältliche Extrakte aus der Zistrose für die Entwicklung von neuartigen und wissenschaftlich fundierten Phytotherapeutika gegen HIV genutzt werden könnten”. Da die antivirale Wirkungsweise der von uns untersuchten Pflanzenextrakte sich von allen bisher klinisch eingesetzten Medikamenten gegen HIV-1 unterscheidet, wären solche Präparate eine wertvolle Ergänzung der Palette an etablierten Arzneistoffen.”

Die Cistus-Extrakte waren nicht nur gegen HIV, sondern auch gegen Viruspartikel mit Hüllproteinen von Ebola- bzw. Marburg-Viren aktiv. Die Forscher fanden auch Hinweise dafür, dass Zistrose-Extrakte zahlreiche antivirale Inhaltsstoffe enthalten, die in Kombination wirken könnten. Zusammen mit der schon in der Literatur beschriebenen antiviralen Aktivität von Zistrose-Extrakten gegen Grippeviren, belegen die Resultate die breite antivirale Wirkung von Cistus-Extrakten gegen wichtige humanpathogene Viren.

Virusbedingte Infektionen gehören zu den zehn weltweit häufigsten Todesursachen bei Menschen.

Die Wissenschaftler können sich aufgrund ihrer Resultate eine Reihe neuer Anwendungen im globalen Kampf gegen virale Infektionskrankheiten vorstellen, zum Beispiel die Entwicklung von optimierten antiviralen Gemischen aus Pflanzenextrakten als Phytotherapeutika. Möglicherweise könnten Cremes oder Gels als Mikrobizide die sexuelle Verbreitung von Erregern wie HIV verhindern, da Cistus-Extrakte die Infektiosität von Viruspartikel blockieren. Ausserdem sind Cistus-Extrakte vielversprechende Quellen für die Isolierung von neuen Wirkstoffklassen bzw. -Molekülen.

Quelle:

http://derstandard.at/2000030308072/Zistrose-Heilpflanze-gegen-HIV-und-Ebolaviren

Originalpublikation:

Potent in vitro antiviral activity of Cistus incanus extract against HIV and Filoviruses targets viral envelope proteins
Stephanie Rebensburg et al.; Scientific Reports, doi: 10.1038/srep20394; 2016

http://www.nature.com/articles/srep20394

Kommentar & Ergänzung:

Das sind interessante Untersuchungen. Es muss aber unterstrichen werden, dass es sich um Laborergebnisse handelt. Die Situation im menschlichen Organismus unterscheidet sich davon stark. Im Reagenzglas lassen sich Viren und Zistrose-Extrakt isoliert von allen anderen Einflüssen zusammenbringen. Das ermöglicht ein direktes Einwirken von Inhaltsstoffen auf die Viren. Im menschlichen Organismus gibt es dagegen viele zusätzliche Einflüsse, die als Störfaktoren wirken können.

Die gegen Viren wirksamen Substanzen in der Zistrose gehören zu den Gerbstoffen.

Dazu ist zu sagen, dass viele Pflanzen Gerbstoffe mit antiviraler Wirkung enthalten, zum Beispiel Melisse und Salbei. Melissenextrakt und Salbeiextrakt werden daher in Salben gegen Herpesviren eingesetzt. Es stellt sich daher die Frage, ob die gezeigte antivirale Wirksamkeit der Zistrose-Extrakte wirklich so speziell ist, oder ob Gerbstoffe aus anderen Pflanzen vergleichbare Effekte zeigen würden.

Der Klarheit halten ist zudem festzuhalten, dass die antivirale Wirkung der Gerbstoffe sich auf lokale Anwendungen auf Haut und Schleimhaut beschränkt. Es gibt bisher keine Belege, dass Gerbstoffe über den Verdauungstrakt ins Blut gelangen und dort systemisch antiviral wirken. Daher ist es auch überzogen, wenn in Medienberichten über diese Untersuchungen bereits von einer neuen Waffe aus der Pflanzenwelt gegen HIV gesprochen wird. Damit wird eine systemische Wirkung suggeriert, mit der sich eine HIV-Infektion heilen liesse.

Beispiel:

„Pflanzenextrakt hilft gegen HIV und Ebola“

(Quelle: http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-19808-2016-02-03.html)

 

Ein solcher Titel spricht natürlich mehr an und tönt attraktiver als eine realistischere, nüchterne Überschrift wie:

„Pflanzenextrakt inaktiviert Virus im Reagenzglas“.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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S3-Leitlinie bestätigt Empfehlung für Johanniskraut als Erstlinientherapie der unipolaren Depression

Nach ihrer ersten Publikation im November 2009 wurde nun in der S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression wiederum die Empfehlung bestätigt, Johanniskraut-Präparate für die Neueinstellung von Patienten mit leichter oder mittelschwerer Depression einzusetzen. Im 5. Update vom Juni 2015 bestätigt das aus beinahe 30 Fachgesellschaften Deutschlands bestehende Expertengremium sein positives Fazit für das pflanzliche Antidepressivum.

Dass Johanniskraut-Präparate damit in eine Reihe mit synthetischen Antidepressiva gestellt werden, verdanken sie ihrer klinisch belegten Wirksamkeit und guten Verträglichkeit, die als wichtigste Kriterien bei der Auswahl eines Präparates gelten. Bedingung für die S3-Empfehlung ist allerdings, dass ausschließlich Johanniskraut-Extrakte “zur Therapie einer leichten und mittelgradigen depressiven Symptomatik eingesetzt werden, für die eine klinische Wirksamkeit durch eigene Studien belegt ist”.

Quelle:

http://www.journalmed.de/newsview.php?id=46428

Kommentar & Ergänzung:

Im folgenden Zitate aus der erwähnten Leitlinie mit kurzen Kommentaren von mir (gekennzeichnet mit M.K.).

Seite 34:

Zitat Leitlinie: „Wenn bei leichten oder mittelgradigen depressiven Episoden eine Pharmakotherapie erwogen wird, kann bei Beachtung der spezifischen Nebenwirkungen und Interaktionen ein erster Therapieversuch auch mit Johanniskraut unternommen werden.

Patienten, die Johanniskraut einnehmen, sollten über die unterschiedliche Wirkstärke der verfügbaren Zubereitungen und die sich daraus ergebenden Unsicherheiten informiert werden. Sie sollten ebenfalls aufgeklärt werden über mögliche schwere Wechselwirkungen von Johanniskraut mit anderen Medikamenten (einschließlich oraler Kontrazeptiva, Antikoagulantien und Antiepileptika).“

M.K.: Ja, es ist sehr zentral sich klar zu machen, dass die verfügbaren Johanniskraut-Zubereitungen sich sehr in der Wirkstärke unterscheiden. Johanniskrauttee, Johanniskrauttinktur, Johanniskraut-Extrakt sind nicht identische Anwendungen.

Und ja, die Information über Wechselwirkungen ist wichtig, und zwar nicht nur von Arzt zu Patient, sondern auch umgekehrt: Wer Johanniskraut-Präparate auf eigene Faust einnimmt, soll seinen Arzt, seine Ärztin darüber informieren, wenn andere Medikamente verschrieben werden, damit allfällige Wechselwirkungen erkannt werden können.

Seite 96:

Zitat Leitlinie: „Bei der Behandlung depressiver Störungen mit Phytopharmaka spielen nur Johanniskrautextrakte (Hypericum perforatum) aufgrund ihrer häufigen Verordnung in Deutschland eine Rolle. Sie werden häufig wegen ihrer vermeintlich geringeren Nebenwirkungen für die Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen eingesetzt.“

M.K.: Die Formulierung der „vermeintlich“ geringeren Nebenwirkungen von Johanniskraut scheint mir nicht angemessen. Die Nebenwirkungen der synthetischen Antidepressiva variieren je nach Stoffklasse, doch zeigen Johanniskraut-Präparate vergleichsweise ein sehr günstiges Nebenwirkungsprofil. Die geringeren Nebenwirkungen sind nicht „vermeintlich“.

Zitat Leitlinie: „Die Wirksamkeit von Johanniskraut in der Therapie der Depression ist allerdings umstritten. Es gibt sowohl klinische Studien, die eine Wirksamkeit belegen, als auch solche, die keine Überlegenheit gegenüber Placebo zeigen. Eine neue Metaanalyse kommt zum Ergebnis, dass Johanniskrautextrakte bei der Behandlung von leichter und mittelgradiger depressiver Symptomatik wirksam sind. Für schwere oder chronisch verlaufende Depressionen sind keine Effekte belegt.“

M.K.: Leider sind die Unterschiede zu Placebo bei den qualitativ guten Studien grösser und bei den Studien besserer Qualität kleiner. Dieses Phänomen gibt es allerdings nicht nur bei Johanniskraut-Studien, sondern bei vielen Medikamentenstudien.Je besser die Qualität der Studie, desto geringer der Nutzen des untersuchten Präparats.

Bei den qualitativ guten Studien wirkt Johanniskraut nur wenig besser als Placebo. Das lässt sich aber auch von synthetischen Antidepressiva sagen, zum Beispiel bei SSRI:

„So ist bei leichtgradigen Depressionen häufig keine statistisch nachweisbare Überlegenheit gegenüber der Gabe von Scheinmedikamenten (Placebo) festzustellen.“

Quelle: Wikipedia

Auf diesem Hintergrund spricht das bessere Nebenwirkungsprofil oft für Johaniskraut.

Zitat Leitlinie: „Hauptproblem ist, dass für diese pflanzlichen Präparationen erhebliche Standardisierungsprobleme mit stark schwankenden Dosen der möglicherweise bioaktiven Substanzen (u. a. Hyperforin und Hypericin) bestehen. So ist nicht hinreichend bekannt, welche Konstituenten des Johanniskrautextrakts bei welchen Konzentrationen über welchen Wirkungsmechanismus für die antidepressive Wirkung verantwortlich sind. Daher sollten nur Präparate zur Therapie einer leichten und mittelgradigen depressiven Symptomatik eingesetzt werden, für die eine klinische Wirksamkeit durch eigene Studien belegt ist.“

M.K.: Ja, über den Anteil einzelner Inhaltsstoffe an der Johanniskraut-Wirkung ist wenig Gesichertes bekannt. Daher gilt der Gesamtextrakt als Wirkstoff. Und ja, es gibt bei Naturprodukten naturgemäss Schwankungen. Die guten Hersteller grenzen diese Schwankungen aber durch Standardisierung auf eine Leitsubstanz ein. Von erheblichen Standardisierungsproblemen zu sprechen ist meines Erachtens überzogen und ziemlich theoretisch. Belege, dass dadurch reale Probleme entstehen, sind mir jedenfalls nicht bekannt.

Einverstanden: Für jedes Johanniskraut-Präparat muss die klinische Wirksamkeit separat belegt werden und Präparate, die diese Belege liefern, sind vorzuziehen, wenn es um die Behandlung einer depressiven Symptomatik geht. Allerdings kommen dann nur patentierte Johanniskraut-Extrakte in Frage, weil nur für diese Zubereitungsart klinische Studien vorliegen. Für Johanniskrauttinktur fehlen relevante Studien und ihr Wirkstoffgehalt dürfte weit unter dem nötigen Niveau liegen. Für Johanniskrauttee gibt es ebenfalls keine Studien, doch kann ich mir hier vorstellen, dass eine relevante Wirkstoffzufuhr möglich ist.

Zitat Leitlinie: „Unerwünschte Wirkungen…..: Johanniskrautpräparate haben sich in den publizierten Studien als sehr gut verträglich erwiesen, obwohl die Ergebnisse der meist kleinen Studien für seltenere und evtl. auch schwerere Neben- oder Wechselwirkungen nur von sehr limitierter Aussagekraft sind. Zur oft erwähnten Phototoxizität existieren nur vereinzelte Berichte. Von gesicherter klinischer Relevanz ist jedoch, dass Johanniskraut als Induktor von Isoenzymen des Cytochroms P450 zur Wirkungsbeeinträchtigung (inkl. oraler Kontrazeption) und ggf. bei Absetzen zur erhöhten Toxizität zahlreicher Wirkstoffe mit geringer therapeutischer Breite, wie z.B. Ciclosporin, Tacrolimus, Digoxin, Theophyllin, Antidepressiva (Amitriptylin, Nortriptylin), Antikoagulantien, Antikonvulsiva und mehreren HIV-wirksamen Medikamenten, führen kann.“

M.K.: Die verstärkte Lichtempfindlichkeit (Phototoxizität) unter Johanniskraut-Einnahme ist tatsächlich nur schwach belegt. Dieser Aspekt sollte nicht dramatisiert, aber auch nicht völlig negiert werden. Während der Johanniskraut-Einnahme ist starke Sonnenbestrahlung zu meiden (wie sonst auch). Die beschriebenen Wechselwirkungen sind dagegen viel klarer relevant. Johanniskraut aktiviert in der Leber gewisse Enzyme, die bestimmte Fremdstoffe abbauen. Dadurch sinken die Blutspiegel mancher Medikamente und ihre Wirkung kann sich verringern.

Zitat Leitlinie: „Wegen der Unsicherheiten über die richtige Dosierung, der variablen Zusammensetzung der Extrakte und insbesondere der möglichen schweren Wechselwirkungen mit anderen verschriebenen Medikamenten wird Johanniskraut nicht als chemischen Antidepressiva überlegen angesehen. Da die Präparate aber von manchen Patienten als ‚natürliches Produkt’ eher akzeptiert werden als chemisch definierte Antidepressiva, kann einer solchen Patientenpräferenz bei leichten bis mittelschweren Depressionen als erster Behandlungsversuch gefolgt werden. Es ist wichtig, Patienten, die Johanniskraut einnehmen möchten, über die unterschiedliche Wirkstärke der verfügbaren Zubereitungen und die sich daraus ergebenden Unsicherheiten der Dosierung zu informieren. Außerdem ist eine Aufklärung über mögliche schwere Wechselwirkungen von Johanniskraut mit anderen Medikamenten (einschließlich oraler Kontrazeptiva, Antikoagulantien und Antiepileptika) notwendig, ebenso eine ärztliche Betreuung von Patienten, die Johanniskraut einnehmen.“

M.K.: Es kommt nicht darauf an, ob Johanniskraut-Präparate synthetischen Antidepressiva überlegen sind oder nicht. Johanniskraut ist in manchen Situationen einfach eine gute Option (und in manchen nicht).

Mir fehlt in dieser Leitlinie der Hinweis, dass Johanniskraut-Präparate erst nach etwa 14 Tagen ihre Wirksamkeit entfalten. Diese Information ist wichtig für Patientinnen und Patienten.

Quelle der Zitate:

http://www.leitlinien.de/mdb/downloads/nvl/depression/depression-1aufl-vers5-lang.pdf

In den Zitaten fehlen die im Original aufgeführten Literaturangaben.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

Suchtgefahr durch Bachblüten-Notfalltropfen?

Kürzlich wurde ich gefragt, ob es bei der Anwendung von Bachblüten-Notfalltropfen eine Suchtgefahr gebe.

„Sucht“ ist die umgangssprachliche Bezeichnung für „Abhängigkeit“ und der Begriff ist nicht ganz einfach zu fassen und zu definieren.

Klar ist: Es gibt keine substanzgebundene Abhängigkeit bei Bachblüten-Tropfen, weil darin keine Wirkstoffe enthalten sind.

Und wo keine Wirkstoffe sind, gibt es weder pharmakologische Abhängigkeit noch andere unerwünschte Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit Medikamenten.

Es gibt aber meinem Eindruck nach sehr wohl eine Art psychischer Abhängigkeit von Bachblüten-Tropfen, weil es für jede Lebenslage Bachblüten-Tropfen im Angebot gibt.

Ich kenne jedenfalls Leute, die bei jeder Befindlichkeitsstörung und in jeder Lebenslage ihre Bachblüten-Tropfen einwerfen – ob Liebeskummer, Nervosität bei Schulanfang, Einsamkeit, Trauer beim Verlust eines Haustieres……

An solche „kleinen Helferlein“ in allen Lebenslagen kann man sich sehr wohl gewöhnen.

Das ist meines Erachtens ungesund. Es unterminiert das Vertrauen in die Fähigkeit des eigenen Organismus, mit leichten Befindlichkeitsstörungen selber fertig zu werden.

Ich für meinen Teil vertrete eine sehr viel zurückhaltendere Linie:

Ich kann und will nicht für jede Lebenslage ein Pflanzenpräparat empfehlen.

Das ist allerdings nicht attraktiv für Leute, die davon überzeugt sind, dass es für alles und jedes ein Mittelchen geben muss.

Diesen Menschen muss man aber manchmal eine Ent-Täuschung ihrer grenzenlosen, überzogenenVorstellungen zumuten. Langfristig ist das gesünder.

Siehe auch:

Bach-Blütentherapie – worum gehts?

Gibt es Interaktionen zwischen Bachblüten und HIV-Medikamenten

Studie untersucht Bachblüten-Wirkung bei Prüfungsangst und ADHS

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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