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Meerrettichwein gegen Verdauungsprobleme

Der Bayerische Rundfunk berichtete kürzlich sehr informativ über Meerrettich und seine Wirkungen. Dabei kam die Rede auch auf den Meerrettichwein:

„Auch bei Verdauungsproblemen kann Meerrettich helfen. Gerieben mit dem Lieblingswein mischen – acht Tage im Dunkeln lagern, gelegentlich schwenken. Fertig ist der Verdauungstrunk.“

Quelle:

http://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/gesundheit/meerrettich-heilpflanze-gesundheit-100.html

Kommentar & Ergänzung:

Meerrettichwein ist ein altes Hausmittel, das vor allem als schleimlösendes Mittel bei Husten und Bronchitis eingesetzt wird.

Die Empfehlung bei „Verdauungsproblemen“ ist nachvollziehbar, aber sehr vage. Als „Verdauungsprobleme“ können sehr unterschiedliche Beschwerden bezeichnet werden.

Meerrettich regt die Verdauungssäfte an und soll deshalb gegen Appetitlosigkeit wirken.

Meerrettichwurzel enthält Senfölglykoside (Glukosinolate), die reizend und durchblutungsfördernd auf Haut und Schleimhäute wirken. Im Magen-Darm-Trakt könnten Senfölglykoside dadurch zu einer gesteigerten Magen- und Darmperistaltik führen. Das kennt man aus Studien mit dem Präparat Iberogast, das ebenfalls Senfölglykoside enthält (aus Iberis amara, Bittere Schleifenblume). Das legt die Vermutung nahe, dass Meerrettichwein auch bei Völlegefühl wirksam sein könnte. Genauer untersucht wurde die Wirkung von Meerrettichwein allerdings nicht.

Der Tipp des Bayerischen Rundfunks hält sich etwas knapp mit Angaben zur Zubereitung und Dosierung des Meerrettichweins. Wieviel Meerrettich pro Liter Wein? Wieviel Meerrettichwein pro Tag?

Glukosinolate und andere Scharfstoffe werden allerdings von Menschen unterschiedlich vertragen. Ich würde jedenfalls beim ersten Versuch zurückhaltend sein mit der Menge an zugegebener Meerrettichwurzel. Falls das Produkt dann zu schwach wirkt, lässt sich die Menge bei der nächsten Zubereitung immer noch steigern.

Siehe auch:

Meerrettich als “Penicillin des Gartens”?

Senföle aus Meerrettich und Kapuzinerkresse hemmen Grippeviren vom Typ H1N1

Meerrettich: Breitbandantibiotikum aus der Natur

Phytotherapie: Senföl aus Meerrettich und Kapuzinerkresse bekämpfen Influenzaviren

Phytotherapie: Meerrettich als Heilpflanze bei Husten und Blasenentzündung

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Holunderbeeren gegen Erkältungen

Der Schwarze Holunder (Sambucus nigra) hat schon lange einen Ruf als Helfer bei Erkältungskrankheiten. In der Phytotherapie wird ein Tee aus Holunderblüten verwendet. Er soll schweisstreibend wirken bei fieberhaften Infekten, wobei diese Wirkung allerdings nicht geklärt oder gar belegt ist. Experimentelle Studien deuten zudem auf eine auswurffördernde Wirkung bei Husten hin.

Der Saft aus Holunderbeeren wird traditionell empfohlen zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen.

Ein Spezialextrakt aus Holunderbeeren zeigte im Labor antivirale Aktivität gegen Influenzaviren vom Typ H1N1. Flavonoide aus den Holunderbeeren banden dabei an die Virusoberfläche und hemmten dadurch das Eindringen der Viren in die Wirtszellen.

Ob ein solcher Effekt auch im menschlichen Organismus auftritt, bleibt dabei allerdings offen. Überzeugende Daten aus Studien mit Patienten lagen bis vor kurzem nicht vor. Das könnte sich nun ein Stück weit ändern durch eine Studie, die im Jahr 2016 publiziert und in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ erwähnt wurde:

„Auch Oma lag mit ihrem Holundertee wohl nicht so falsch. In einer Studie mit 312 Flugreisenden verringerten sich die Symptome und die Dauer von Erkältungen bei den Teilnehmern, die regelmäßig einen Extrakt aus Holunderbeeren (Sambucus nigra) zu sich genommen hatten. Holunderbeeren sind sehr vitaminhaltig; sie enthalten Kupfer, Zink und Magnesium sowie Polyphenole in beachtlichen Mengen, was den Körper bei der Auseinandersetzung mit den Schnupfenviren offensichtlich unterstützt.“

Quelle:

http://www.spektrum.de/news/hilft-huehnersuppe-gegen-erkaeltung/1432792?_ga=1.189200047.529023555.1471969798

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27023596

Nutrients. 2016 Mar 24;8(4):182. doi: 10.3390/nu8040182.

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Studie war doppel-blind und placebokontrolliert.

Signifikant verringerten sich die Symptome und die Dauer von Erkältungen. In der Placebogruppe traten zudem mehr Erkältungen auf als in der Holunderbeeren-Extraktgruppe (17 versus 12), doch war dieser Unterschied nicht signifikant.

„Most cold episodes occurred in the placebo group (17 vs. 12), however the difference was not significant (p = 0.4). Placebo group participants had a significantly longer duration of cold episode days (117 vs. 57, p = 0.02) and the average symptom score over these days was also significantly higher (583 vs. 247, p = 0.05). These data suggest a significant reduction of cold duration and severity in air travelers. More research is warranted to confirm this effect and to evaluate elderberry’s physical and mental health benefits.“

Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27023596

Wenn das Ergebnis statistisch „signifikant“ ist, bedeutet das, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es zufällig zustande gekommen ist, unter 5% liegt (p < 0,05).

In der Studie wurde ein standardisierter Extrakt aus Holunderbeeren verwendet. Es ist offen, wieob und wie weit sich die Ergebnisse auf andere Zubereitungen aus Holunderbeeren übertragen lassen.

Wichtig ist jedoch: Der Genuss von rohen oder ungenügend erhitzten Holunderbeeren kann zu Übelkeit und Erbrechen führen. Sie enthalten nämlich den Giftstoff Sambunigrin. Erhitzt man die Holunderfrüchte, baut sich Sambinigrin vollständig ab.

Siehe auch:

Holunderbeeren – gesund und fein

Schwarzer Holunder: Holundersaft bei Grippe und Erkältung

Giftigkeit: Schwarzer Holunder – Roter Holunder – Zwergholunder

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Wirkstoffforschung: EGCG aus Grüntee und Curcumin aus Gelbwurz hemmen Viren

Auch pflanzliche Wirkstoffe können Grippeviren wirksam bekämpfen: wissenschaftlich belegt ist dieser Effekt beispielsweise beim Flavanol Epigallocatechingallat (EGCG) und beim Farbstoff Curcumin.

Epigallocatechingallat gilt als wichtigster Wirkstoff im Grüntee (Camellia sinensis). Deutsche und kanadische Wissenschaftler konnten in-vitro zeigen, dass EGCG Viren dabei hemmt, sich an die Zielzellen anzulagern. Für Influenzaviren ( = Grippeviren) und Hepatitis-C-Viren, HIV-1 sowie Herpes-simplex 1 und 2 konnte eine Wirksamkeit von EGCG nachgewiesen werden.

Auch Curcumin, der Farbstoff der Gelbwurz (Curcuma longa), ist einer Wissenschaftlergruppe aus Taiwan zufolge antiviral wirksam. So verhindert der Wirkstoff unter anderem die Virusreplikation, indem er die virale Hämagglutinin-Aktivität vermindert. Dieses Glycoprotein ist unter anderem „zuständig“ für die Bindung des Virus’ an seine Wirtszelle und bringt das Virusgenom in die Zielzelle. Anhand von Plaque-Assays konnten die Wissenschaftler belegen, dass Curcumin auch andere Viren hemmt.

Die Wissenschaftler haben ihre Resultate auf der „International Conference on Antiviral Research“ in Japan präsentiert. Insgesamt sechs Forschergruppen stellten dort Studien zu antiviralen und viruziden Effekten verschiedener Heilpflanzenextrakte gegen Influenza-Viren vor.

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/wissenschaft/gruentee-und-gelbwurzel-gegen-viren

Kommentar & Ergänzung:

Curcumin und EGCG gehören wohl zu den am intensivsten erforschten Naturstoffen.

Bei solchen Berichten muss man aber immer noch eine Einschränkung anfügen, die den beteiligten Forschern klar ist, die aber während der Verbreitung über die Medien meist verloren geht:

Dass ein Naturstoff wie EGCG oder Curcumin in-vitro (= im Labor, zum Beispiel an Zellen oder in Zellkulturen) eine antivirale Wirkung zeigt, heisst noch nicht, dass dieser Effekt auch bei Viruserkrankungen im menschlichen Organismus zum tragen kommt. Curcumin beispielsweise wird nur schlecht aus dem Verdauungstrakt in den Körper aufgenommen. Ob daher in Falle einer Grippeerkrankung im Organismus eine wirksame Curcumin-Konzentration aufgebaut werden könnte, ist sehr fraglich.

Und ob eine antiviral wirksame Curcumin-Konzentration – sollte sie erreicht werden können, für den menschlichen Organismus unproblematisch wäre, müsste sich auch erst zeigen.

Solche Laborergebnisse sind interessant, wenn aber auf dieser in-vitro-Basis bereits ein neues natürliches Grippemittel propagiert wird, ist das eine sehr fragwürdige Überinterpretation. Der Bericht auf apotheke-adhoc bleibt bei den Laborergebnissen und vermeidet diese überzogenen Versprechungen – im Gegensatz zu anderen Pressemeldungen welche über diese Studien verbreitet wurden.

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Knoblauch gegen Infektionen

Im Phyto-Forum der Aerztezeitung wurde die Frage aufgeworfen, wie ist es um die Wirksamkeit von Allium sativum (Knoblauch) bei viralen und bakteriellen Infekten bestellt ist.

Professor Jürgen Reichling gab dazu folgende Antwort:

„Zubereitungen aus der Knoblauchzwiebel (Allii sativi bulbus) werden adjuvant bei Erhöhung der Blutfettwerte und zur Vorbeugung altersbedingter Gefäßveränderungen angewendet. Verschiedentlich werden Zubereitungen aus der Droge auch zur Behandlung von Infektionen und Entzündungen des oberen Respirationstraktes empfohlen.

Diese Empfehlung stützt sich auf die Tatsache, dass Lauchöle in vitro sowohl gegen Gram-positive und Gram-negative Bakterien als auch gegen Candida-Arten (Hefepilze) und Influenzaviren wirksam sind. In Tierexperimenten am Meerschweinchen hemmten sie zudem das Wachstum verschiedener Hautpilze.“

„Droge“ meint hier „Heilpflanze“, also Knoblauch, nicht wie im heutigen Sprachgebrauch „Rauschmittel“.

Die Wirkung von Knoblauch gegen verschiedene Bakterien, Hautpilze und Viren ist verhältnismässig gut untersucht. Allerdings stellt sich bei diesen Experimenten in-vitro (= im Labor, im Reagenzglas) immer die Frage, ob und in wie weit sich solche Resultate auf Erkrankungssituationen beim Menschen übertragen lassen.

Bei lokalen Wirkungen auf der Haut beispielsweise ist eine solche Wirkung plausibel, ob sie aber auch systemisch nach Aufnahme in den Organismus aus dem Verdauungstrakt zu erwarten ist, bleibt oft fraglich. Prof. Reichling erwähnt in dieser Hinsicht folgende Studie:

„Laut einer Studie in England soll es bei einer täglichen Einnahme von 1 Knoblauchkapsel über einen Zeitraum von 4 Monaten zu weniger Erkältungskrankheiten im Vergleich zur Placebogruppe gekommen sein (24 versus 65 Prozent).“

Leider fehlen hier genauere Angaben zu dieser Studie, wodurch ihre Aussagekraft nicht beurteilt werden kann. Falls Knoblauchkapseln nämlich tatsächlich eine vorbeugende Wirkung gegen Erkältungskrankheiten haben sollten, wäre das sehr bemerkenswert.

Einen entsprechenden Ruf als Schutzmittel gegen Infektionen hat Knoblauch in der traditionellen Pflanzenheilkunde schon lange.

Quelle der Zitate:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/sonstige_fachbereiche/phytotherapie/article/811558/knoblauch-ingwer-infektionen.html?sh=8&h=-1673844218

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Homöopathische Grippeimpfung: Irreführende Versprechung

In den letzten Grippeperioden stellte die Arzneimittelbehörde Swissmedic vermehrt fest, dass von Medizinal- und Fachpersonen nebst der ”normalen” Grippeimpfung eine ”homöopathische Grippeimpfung” empfohlen wurde. Solche Empfehlungen seien irreführend und für Risikopersonen gesundheitsgefährdend schreibt Swissmedic im Newsletter.

Aus Sicht von Swissmedic ist der Begriff „homöopathische Grippeimpfung“ irreführend. Homöopathische Präparate, welche zur Behandlung bestimmter Grippesymptome empfohlen werden, haben nichts mit einer herkömmlichen Impfung zu tun. Gemäss den Grundlagen der klassischen Homöopathie haben Homöopathika in der Regel keine vorbeugende Wirkung.

Sie sollten nach den homöopathischen Vorstellungen also eigentlich erst dann eingesetzt werden, wenn bestimmte krankheitsbezogene Symptome bereits in Erscheinung getreten sind (Auswahl entsprechend Simile- Regel und dem entsprechenden Arzneimittelbild durch eine Medizinal- oder Fachperson mit entsprechender Bewilligung)

Auf die beiden wichtigsten Homöopathika, welche fälschlicherweise teilweise auch von Medizinal- und Fachpersonen in Apotheken und Drogerien als „homöopathische Grippeimpfung“ verkauft werden, geht Swissmedic im Newsletter kurz ein:

„Influenzinum

Bei der Herstellung des homöopathischen Präparats Influenzinum bzw. Influenzinum Nosode wird in der Regel ein Grippeimpfstoff entsprechend den homöopathischen Vorschriften verarbeitet und schrittweise potenziert. Alle homöopathischen Influenzinum-Präparate, welche sich mit einer Swissmedic-Zulassungsnummer im Handel befinden, wurden gemäss der Komplementär- und Phytoarzneimittelverordnung ohne Indikation zugelassenen. Sie dürfen folglich nicht mit Angaben zur Indikation oder Dosierung beworben werden. Werbemittel, wie z. B. Inserate, Handzettel, Packungsbeilagen oder Abgabeständer, Thekensteller und Aufkleber, die diesbezügliche Angaben enthalten, sind unzulässig.

Dies gilt auch für die Influenzinum-Präparate, die sich aktuell noch im Rahmen der Übergangsbestimmungen in Verkehr befinden. Homöopathische Präparate, die ohne Indikationen zugelassen wurden, dürfen nur im Rahmen einer Individualtherapie durch eine entsprechende Medizinal- oder Fachperson gemäss dem passenden Arzneimittelbild empfohlen oder abgegeben werden.

Die Auslobung, die Bewerbung und der Verkauf von Influenzinum als ‚homöopathische Grippeimpfung’ ist folglich nicht zulässig.“

Neben „Influenzinum“ geht Swissmedic auch noch auf „Oscillococcinum“ ein:

„Oscillococcinum

Bei der Herstellung des Präparates werden Entenleber und –herz verarbeitet und entsprechend den homöopathischen Vorschriften schrittweise potenziert (Anas barbariae hepatis et cordis extractum 200K). Das Präparat ist gemäss Patienteninformation für folgende Anwendung zugelassen: ‚Gemäss homöopathischem Arzneimittelbild kann Oscillococcinum zur Vorbeugung einer Grippe, bei beginnenden grippalen Beschwerden sowie bei eingetretener Grippeerkrankung angewendet werden’. Der Verkauf von Oscillococcinum als ‚homöopathische Grippeimpfung’ durch die Vertriebsfirma oder durch den Detailhandel ist nicht zulässig. Diese Angabe deckt sich nicht mit der Zulassung durch Swissmedic. Sie suggeriert, dass das Präparat dieselbe Wirkung wie eine echte Grippeimpfung aufweist. Ein echter Grippeimpfstoff enthält jedoch bestimmte, von der WHO in jedem Jahr neu festgelegte, inaktivierte Influenza-Viren oder deren Bestandteile, löst eine spezifische Immunantwort mit der Produktion spezifischer Antikörper gegen diese Influenza-Viren aus und sorgt dadurch für eine spezifische Schutzwirkung. Oscillococcinum kann diese spezifische Immunantwort nicht auslösen. In der Patienteninformation zu Oscillococcinum wird indirekt auf diesen wichtigen Unterschied aufmerksam gemacht, indem Risikogruppen empfohlen wird, einen Arzt oder eine Ärztin zu konsultieren.“

Quellen:

Swissmedic Schweizerisches Heilmittelinstitut / Newsletter

http://www.sprechzimmer.ch/sprechzimmer/Pharmazeutika/Homoeopathische_Grippeimpfung_Irrefuehrend_und_risikobehaftet.php

Kommentar & Ergänzung:

Zu Influenzinum schreibt das Pharmawiki:

„Influenzinum 9CH (Globuli, Boiron SA) ist ein Arzneimittel aus der Gruppe der Homöopathika, das zur Vorbeugung der Grippe angewandt wird. Aus rational-naturwissenschaftlicher Sicht kann das Medikament nicht wirksam sein. Es handelt sich nicht um eine Impfung.“

Zu Oscillococcinum schreibt das Pharmawiki:

„Oscillococcinum® (Boiron SA) ist in Form von Globuli zu je 6 Dosen x 1 g im Handel. Das Mittel wurde nach dem 1. Weltkrieg vom französischen Arzt Joseph Roy erfunden. Er glaubte im Blut von Grippetoten sogenannte Oscillokokken entdeckt zu haben, die aus zwei Kugeln bestanden und rasch vibrierten. Die Existenz dieser Bakterien konnte später jedoch nie belegt werden. Was genau Roy unter dem Mikroskop sah, ist unbekannt – die Grippe wird bekanntlich von Influenzaviren verursacht, die im Lichtmikroskop unsichtbar bleiben. Oscillococcinum® ist in Frankreich sehr beliebt und gehört dort zu den meistverkauften Arzneimitteln.

Oscillococcinum® Globuli enthalten eine homöopathische Zubereitung der Leber und des Herzens der Ente Anas barbaria, im Jargon bezeichnet als Anas barbariae hepatis et cordis extractum 200 K. Biologisch ist der Speziesname falsch, gemeint ist eigentlich die Moschusente Cairina moschata (frz. Canard de Barbarie), die zur Gattung Cairina und nicht Anas gehört. Bestandteile der Tierorgane sind im fertigen Produkt aufgrund der 200fachen Verdünnung nach Korsakov mit keinem einzigen Molekül mehr enthalten: Die Globuli bestehen aus Zucker und Milchzucker. Gemässs homöopathischem Arzneibild haben die Wirkstoffe eine Art „Abdruck“ hinterlassen, der die Wirkungen vermitteln soll.“

Zu Oscillococcinum siehe auch:

Oscillococcinum gegen Schweinegrippe

Im Bereich Komplementärmedizin fehlt es weitgehend an verbindlichen Qualitätsstandards und Therapieleitlinien.  Daher ist es nicht so erstaunlich, wenn  die Empfehlungen immer wieder einmal ins Nebulöse oder Grenzenlose abtriften. Die Rede von der „Homöopathischen Grippeimpfung“ ist meines Erachtens eine Täuschung der Konsumentinnen und Konsumenten. Gefährlicher wird es, wenn in Entwicklungsländern Homöopathie zur Malariaprophylaxe, gegen AIDS, Tuberkulose oder Durchfall propagiert wird. Für die Wirksamkeit dieser Behandlungen gibt es keinerlei Belege. Bei solchen Erkrankungen handelt es sich aber um derart ernste Situationen, dass zugunsten der Kranken darauf bestanden werden sollte, dass ausschliesslich Heilmittel eingesetzt werden, deren Wirksamkeit belegt ist. Fragwürdige Organisationen wie die „Homöopathen ohne Grenzen“ machen meines Erachtens auf der Basis von Allheilphantasien Menschenversuche in Entwicklungsländern.

Siehe:

WHO-Warnung vor Homöopathie in Entwicklungsländern

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Carrageen aus Rotalgen wirksam gegen H1N1-Viren

Die Wirksamkeit von Carrageen als Inhibitor (Hemmstoff) der Influenza A-Virus Infektion (H1N1) konnte in in-vitro und in-vivo Versuchen gezeigt werden. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die als Kooperationsprojekt zwischen Forschern des Instituts für Diagnostische Virologie (Friedrich-Loeffler-Institut, Riems, Deutschland), dem St. Anna Kinderspital in Wien, der Veterinärmedizinischen Universität Wien und einem Industriepartner durchgeführt wurde.

Carrageen ist ein Polymer aus Rotalgen, das zum Aufbau einer schützenden physikalischen Barriere in der Nasenhöhle führt und bereits antivirale Wirksamkeit bei der Behandlung von Erkältungen zeigte. Die hier beschriebene Studie untersuchte die Wirksamkeit von Carrageen gegen Influenzaviren, einschließlich des Influenza-Pandemiestamms H1N1. Die Resultate zeigten, dass das Polymer direkt an Influenza-Viren bindet und damit deren Anheftung an Zellen verhindert. Eine Weiterverbreitung der Viren wird dadurch behindert. Im Tierversuch zeigte Carrageen eine vergleichbaren Effekt wie das Medikament Tamiflu.

“Influenza-Viren stellen global immer noch eine große Bedrohung der öffentlichen Gesundheit dar und mit der zunehmenden Resistenz gegen Tamiflu steigt das Bedürfnis nach wirksamen Alternativen”, sagte Dr. Andreas Grassauer, CEO und Mitbegründer von Marinomed.“Diese Studie bestätigt, dass Iota-Carrageen eine Alternative zu Neuraminidase-Inhibitoren darstellen kann und weiter in klinischen Studien im Menschen zur Prävention und Behandlung von Influenza-A getestet werden sollte.”

Der wissenschaftliche Artikel mit dem Titel “Iota-Carrageenan is a Potent Inhibitor of Influenza A Virus Infection” von Andreas Leibbrandt, Christiane Meier, Marielle König-Schuster, Regina Weinmüllner, Donata Kalthoff, Bettina Pflugfelder, Philipp Graf, Britta Frank-Gehrke, Martin Beer, Tamas Fazekas, Hermann Unger, Eva Prieschl-Grassauer und Andreas Grassauer wird online publiziert in der Open-Access-Zeitschrift PLoS ONE: http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0014320

Quelle:

Veterinärmedizinische Universität Wien

http://www.journalmed.de/newsview.php?id=32519

Kommentar & Ergänzung:

Was ist Carragen?

„Carrageen (auch: Carragaheen, Karrageen oder Karragheen; englisch Carrageenan) ist eine Sammelbezeichnung für eine Gruppe langkettiger Kohlenhydrate (Polysaccharide), die wie die ähnlichen Substanzen Agar-Agar oder Alginat in den Zellen verschiedener Rotalgenarten vorkommen.“ (nach: Wikipedia)

Und wozu wird Carragen verwendet?

„In der Lebensmittelindustrie wird Carrageen als Geliermittel für Schlankheits- und Light-Produkte und in Fleischwaren (z. B. Wurst), sowie als Verdickungsmittel in kalt angerührten Marmeladen, Babynahrung, Milchprodukten, Milchshakes, Eiscreme und Desserts eingesetzt. Mit Hilfe von Carrageen können auch Trübungen in Weinen beseitigt werden. In der EU ist es als Lebensmittelzusatzstoff mit der Nummer E 407 zugelassen. Carrageen wird auch in der Kosmetikindustrie (Zahnpasta) verwendet.

Das Dickungsmittel Carrageen (E 407) ist auch nach der Europäischen Öko-Verordnung für Bio-Lebensmittel zugelassen.

Neuerdings wird Carrageen auch medizinisch eingesetzt. Unter dem Produktnamen Coldamaris prophylactic hat die österreichische Marinomed die Zulassung in Österreich für ein Produkt zur Schnupfenprävention erhalten. Das auf die Entwicklung von Medikamenten mit marinen Naturstoffen spezialisierte Spin-Off der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VUW) hat für das Produkt die europäische Zulassung erhalten. Der Wirkstoff ist nach Herstellerangaben Carragelose®, die aus Rotalgen gewonnen wird und die Nase vor äußeren Einflüssen wie zum Beispiel Schnupfenviren schützen soll. Der Wirkstoff soll sich wie ein schützender, natürlicher Film über trockene und gereizte Nasenschleimhaut legen und dadurch die natürliche Abwehr von Viren und Bakterien durch körpereigene Prozesse unterstützen. Derzeit wird das Produkt nur in Österreich und apothekenexklusiv vertrieben; der Vertrieb in Deutschland und anderen EU-Ländern ist beantragt.“

(nach Wikipedia)

Hier wird der Zweck der Carrageen-Forschung deutlicher. Wikipedia erwähnt als Herstellerin des Schnupfenmittels dieselbe Firma wie der Artikel im Journalmed. Der Hinweis auf das Schnupfenmittel ist interessant. Er wirft die Frage auf, ob ein prophylaktischer Effekt gegen Schupfen auch durch andere schleimhaltige Heilpflanzen erreicht werden könnte (Eibischwurzel?).

„Eine Studie aus dem Jahr 2006 zeigt eine deutliche, bisher nicht vollständig erklärte antivirale Aktivität gegen humane Papillomviren (HPV), die Gebärmutterhalskrebs auslösen können.

Des weiteren zeigen einige Arbeiten, dass Carrageen Einfluss auf die Aktivität von Makrophagen hat.“

(nach: Wikipedia)

Dieser Einfluss auf humane Papillomviren und auf Makrophagen ist tatsächlich schwer einzuordnen.

Grundsätzlich sind diese Forschungsergebnisse zu Carrageen aber sehr interessant. Von Carrageen hört man in der Phytotherapie-Forschung nämlich sonst nicht so oft, während andere schleimhaltige Heilpflanzen wie zum Beispiel Eibischwurzel in den letzten Jahren intensiv untersucht wurden. Dabei ergaben sich neue Erkenntnisse über die Wirkungsweise dieser Heilpflanzen.

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Echinacea-Extrakt gegen Erkältungen & grippale Infekte -antivirale Wirkung?

Unter dem Titel „Echinacea – neuste Studien zeigen Dreifachwirkung“ berichtet das Gesundheitsmagazin Vista (Nr. 6 / 2010) über die Wirkung von Sonnenhut (Echinacea).

Von allen Heilpflanzen der Phytotherapie ist Echinacea diejenige, welche am besten untersucht wurde bezüglich einer immunstimulierenden Wirkung. Nun gibt es offenbar Forschungsergebnisse, welche auf eine direkte Wirkung gegen Viren, Bakterien und Entzündungen hinweisen. Vista schreibt dazu:

„Neuste Studien zeigen: Standardisierte Extrakte aus Echinacea purpurea wirken gegen Viren, gegen Bakterien und gegen Entzündungen. Diese 3-fache Wirkung ist ideal, um Erkältungen vorzubeugen und sie zu behandeln.“

Echinacea-Extrakt soll also auf drei verschiedenen Ebenen zugleich wirken:

„Antivirale Wirkung: Die Präparate hemmten in den Versuchen das Wachstum von diversen Erkältungsviren – vor allem von jenen, die Hüllen besitzen. Besonders wirksam waren die Extrakte, wenn direkter Kontakt mit den Erregern bestand. Dies ist im Alltag dann der Fall, wenn die Extrakte vorbeugend oder zu Beginn einer Erkältung eingenommen werden: So angewendet können sie ihre Wirkung optimal entfalten und die Übertragung von einer infizierten Person auf andere Personen verhindern.

Antibakterielle Aktivität: Ebenso vermochte der standardisierte Extrakt das Wachstum von jenen Bakterien zu hemmen, die für die Folgeinfektionen verantwortlich sind; die normale Bakterienflora wurde dabei geschont.

Antientzündliche Aktivität: Der Echinaceaextrakt blockierte ausserdem in den Versuchen mit virusinfizierten Zellkulturen diverse Entzündungsbotenstoffe. Diese Wirkung zeigte sich bei sämtlichen getesteten Virenarten – auch bei jenen, die keine Hülle aufwiesen.“

Der Autor des Artikels kommt zum Schluss, dass Forschungsresultate mit dem standardisierten Echinacea-Extrakt die Annahme stützen, dass dieser dreifache Wirkmechanismus die Grundlage für die bekannte Wirkung von Echinacea sei:

„Der Extrakt zeigt nicht nur eine gute Wirkung bei der Behandlung von Erkältungskrankheiten, sondern eignet sich auch ideal zu deren Vorbeugung. „

Quelle:

Schapowal A. Dreifache Wirkung des pflanzlichen Arzneimittels Echinaforce® in der Therapie von Erkältungen und grippalen Infekten 2010.

Manuscript submitted.

Vista Nr. 6, November 2010

Kommentar & Ergänzung:

Echinacea gilt in der Phytotherapie als Immunstimulanz. Die hier beschriebenen Forschungen bezüglich antiviraler Wirkung zielen in einen ganz anderen Bereich. Die Idee dahinter: Echinacea als pflanzliche Alternative zu Medikamenten wie Tamiflu etablieren. Das ist zwar interessant – der Text wirft aber einige Fragen auf. Er sagt zwar nicht die Unwahrheit, aber er bleibt in einem wesentlichen Aspekt undeutlich und stellt die Forschung bezüglich Echinacea dadurch verzerrt und täuschend dar.

Die beschriebenen Echinacea-Forschungen beschränken sich offensichtlich auf Laborexperimente. Ob die dort gefundenen antiviralen Effekte sich auch im menschlichen Organismus zeigen,  ist damit noch nicht annähernd klar. Im Labor können viel höhere Konzentrationen auf Viren einwirken als im lebenden Menschen. Wird dieser Unterschied nicht klar benannt, entsteht ein falscher Eindruck. Es sieht dann so aus, als sei die Wirkung auch am Menschen bereits geklärt. Eine systemische Wirkung bei Erkältungskrankheiten ist aber eine ganz andere Sache als antivirale Effekte im Labor.

Die antivirale Wirkung trat offenbar vor allem bei Viren mit Hülle auf.

Rhinoviren, die sehr häufig für Erkältungen verantwortlich sind, haben keine Hüllen. Daher wird der beschriebene antivirale Effekt hier kaum auftreten.

Fast jede fünfte Erkältung geht auf Coronaviren zurückt, die eine Hülle besitzen und damit im Gegensatz zu Rhinoviren empfindlich sein sollten.

Auch Influenzaviren (Grippeviren) sind umhüllte Viren. Also wären sie potentiell auch empfindlich gegenüber Echinacea.

Aber wie gesagt: Ob diese im Labor gefundenen Effekte auch in einem kranken Organismus auftreten, wenn Echinacea wie üblich peroral zugeführt wird, ist ungeklärt. Denkbar – aber ebenso ungeklärt – sind lokale Effekte durch Anwendung im Mund-Rachenraum, oder zum Beispiel bei Fieberbläschen (Herpesviren besitzen auch eine Hülle).

Die Resultate der Echinacea-Forschung, von denen „Vista“ berichtet, sind offenbar nicht oder noch nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht worden, weil eine entsprechende Angabe fehlt. Damit ist die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse nicht zu überprüfen.

Fazit: Die Echinacea-Forschung hinsichtlich allfälliger antiviraler Wirkungen ist beachtenswert.  Die Berichterstattung darüber sollte aber nicht unter den Tisch wischen, dass es sich dabei um Laborergebnisse handelt, sonst erweckt sie den irreführenden Eindruck, dass solche Effekte schon beim Menschen bestätigt sind.

Falls Sie sich Kompetenz im Bereich der Selbstbehandlung von Erkältungskrankheiten mit Heilpflanzen wie Echinacea & Co. erwerben möchten:

Einen guten Überblick über die Behandlung von Erkältungskrankheiten mit Heilpflanzen bietet das Tagesseminar zu diesem Thema.

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Schweinegrippe: Heilpflanzen als Neuraminidase-Hemmer wirksam?

In den Diskussionen rund um Vorbeugung und Therapie der Schweinegrippe taucht immer wieder die Frage nach Heilpflanzen auf, die ähnlich wie der Neuraminidase-Hemmer Tamiflu® wirken könnten. Tatsächlich wurden zahlreiche Heilkräuter, die in der traditionellen Pflanzenheilkunde gegen Erkältungskrankheiten und Grippe eingesetzt wurden oder werden, auf allfällige Wirkungen als Neuraminidase-Hemmer untersucht. Aus diesen Untersuchungen lassen sich allerdings keine fundierten Empfehlungen betreffend einer wirksamen Vorbeugung oder Behandlung der Schweinegrippe ableiten. Trotzdem scheinen mir diese Ergebnisse interessant und der Kenntnisnahme wert.

Hier also eine kurze Erklärung zu den Neuraminidase-Hemmern generell, gefolgt von einer Zusammenstellung der Forschungsresultate bezüglich Heilpflanzen mit Hemmeffekt auf die Neuraminidase.

Neuraminidase und Neuraminidase-Hemmer

Neuraminidase-Hemmer bzw. Hemmstoffe der Neuraminidase sind virustatisch wirkende Arzneimittel, welche jenes Oberflächenprotein hemmen, das die Antigenität verschiedener Bakterien und Viren mitbestimmt. Das Influenzavirus (Grippevirus) bindet über virales Hämagglutinin an die Oberfläche der Wirtszelle, dringt in die Zelle ein und vermehrt sich im Zellinneren. Die neugebildeten Viren knospen an der Zelloberfläche aus, bleiben aber über Rezeptoren an die Zelle gebunden. Mit Hilfe der viralen Neuraminidase wird die Bindung gespalten. Die Viren werden freigesetzt und können weitere Zellen infizieren. Neuraminidasehemmer blockieren die Neuraminidase, so dass sich die Viren nicht von der Wirtszelle lösen können und sich nicht weiter im Körper ausbreiten.
Der bekannteste Neuraminidase-Hemmer ist Oseltamivir, vertrieben als Tamiflu® von Roche.

Heilpflanzen als Neuraminidase-Hemmer

Die “Zeitschrift für Phytotherapie” (2008; 29: 65-70) veröffentlichte eine Studie zur “Wirkung von Pflanzenextrakten auf die Neuraminidase-Aktivität”.

Danach zeigten folgende Heilpflanzen-Extrakte starke Hemmwirkung:

Die wässrigen Extrakte von Achillea millefolium (Gemeine Schafgarbe), Camellia sinensis (Teepflanze), Cistus incanus (Zistrose), Eucalyptus globulus (Eukalyptus), Geranium sanguineum (Blutroter Storchenschnabel), Ginkgo biloba, Melissa officinalis (Zitronenmelisse), Rubus idaeus (Himbeere), Salvia officinalis (Garten-Salbei), Sanicula europaea (Sanikel), Scutellaria baicalensis (Baikal-Helmkraut) und Thymus vulgaris (Garten-Thymian).

Außerdem zählten die methanolischen Extrakte von Achillea millefolium, Chelidonium majus (Schöllkraut), Melissa officinalis, Phytolacca americana (Amerikanische Kermesbeere), Rubus idaeus, Salvia officinalis, Sanicula europaea, Scutellaria baicalensis und Thymus vulgaris zu dieser Gruppe.

Die methanolischen Extrakte von Geranium sanguineum, Eucalyptus globulus, Ginkgo biloba und der ethanolische Extrakt von Bergenia ligulata (Kaschmir-Bergenie) zeigten eine besonders starke Hemmaktivität. Darüber hinaus wies auch der frische Milchsaft von Chelidonium majus (Schöllkraut) eine starke Hemmaktivität auf.

Mittlere Hemmaktivität zeigten folgende Heilpflanzen-Extrakte:

Wässrige Extrakte von Chelidonium majus, Datura stramonium (Gemeiner Stechapfel), Phytolacca americana, Sambucus nigra (Schwarzer Holunder) und Sutherlandia frutescens (Ballonerbse).

Auch die methanolischen Extrakte von Datura stramonium, Sambucus nigra und Sutherlandia frutescens sowie der wässrige und methanolische Extrakt des Milchsaftes von Chelidonium majus (Schöllkraut).

Schwache Hemmaktivität zeigen folgende Heilpflanzen-Extrakte:

Die wässrigen Extrakte von Allium sativum (Knoblauch), Echinacea angustifolia (Schmalblättriger Sonnenhut), Eleuterococcus senticosus (Taigawurzel), Eupatorium cannabinum (Gewöhnlicher Wasserdost) und Zingiber officinale (Ingwer) sowie die methanolischen Extrakte von Allium sativum (Knoblauch), Echinacea angustifolia, Eleuterococcus senticosus, Eupatorium cannabinum (Gewöhnlicher Wasserdost) und Zingiber officinale (Ingwer).
Ebenfalls schwach wirkten die untersuchten ätherischen Öle.

Die Autoren des Artikels in der “Zeitschrift für Phytotherapie”, Sverre Morten Schwerdtfeger und Matthias F. Melzig, schreiben zu diesen Ergebnissen:

“Alle getesteten ätherischen Öle zeigten nur schwache Hemmaktivität auf die Neuraminidase. Mögliche antivirale Wirkungen müssen daher auf anderen Mechanismen als der Inhibierung dieses Enzyms beruhen. Eine Antiinfluenza-Eigenschaft jener pflanzlichen Extrakte mit schwacher Hemmaktivität lässt sich weiterhin nicht ausschließen, liegt jedoch nicht in der Neuraminidase-Inhibierung begründet. Auch eine allgemeine Stimulierung des Immunsystems kommt für die Nutzung in der Volksmedizin bei Grippe oder grippalen Infekten in Betracht.”

Die Autoren gehen dann speziell noch auf Heilpflanzen-Extrakte ein, die in dieser Untersuchung die stärksten Effekte als Neuraminidase-Hemmer zeigten. Es sind dies:
– Bergenia ligulata

– Eukalyptus globulus
Eukalyptusöl war aber nicht wirksam, die Autoren vermuten Flavonoide als potenteste Substanzen

– Geranium sanguineum
Allerdings konnte die in vitro (im Reagenzglas) beobachtete starke antivirale Wirkung nicht in dem gleichen Umfang in vivo (im lebenden Organismus = Tier) nachgewiesen werden.

– Ginkgo biloba

– Scutellaria baicalensis

Im Ausblick schreiben die Autoren:

“Da die Influenzaviren über Aerosole zuerst mit den Schleimhäuten der Mund- und Nasenhöhlen sowie des Epi- und Mesopharynx in Kontakt treten, bietet sich hier eine erste antivirale Therapie an, da eine Neuraminidase-Inhibierung innerhalb der ersten 48 Stunden nach Infektion erfolgen muss, um eine effektive Grippebehandlung zu bewirken. Gurgellösungen, Lutschpastillen, Nasentropfen oder Sprays können einen Schutzfilm über dem Epithel bilden, treten folglich als Erstes mit den Viren in Kontakt und nützten damit effektiv das schmale Zeitfenster einer erfolgreichen Therapie bei einfacher Applikation. Zugleich kommen dadurch auch hochmolekulare Substanzen zum Einsatz, die das Lungenepithel nicht erreichen bzw. vom Darmepithel nur schlecht oder gar nicht resorbiert werden, wie es bei Geranium sanguineum der Fall zu sein scheint.”

Kommentar & Ergänzung:

Das sind interessante Ergebnisse, doch muss festgehalten werden, dass es sich um Laborresultate handelt. Die Autoren haben die kritischen Punkte bereits angesprochen. Sind die wichtigsten Inhaltsstoffe aus dem Verdauungstrakt überhaupt in relevanter Menge resorbierbar? Lässt sich damit überhaupt eine wirksame Konzentration im Organismus erreichen?

Im Reagenzglas ist es nämlich immer ziemlich einfach, irgendwelche Ergebnisse zu erzielen. Ob sich ein Resultat aber auch positiv am kranken Menschen zeigt, ist eine ganz andere Sache. Das hat sich offenbar beim Blutroten Storchenschnabel gezeigt, der zwar im Labor einen starken Hemmeffekt entfaltete, dessen Wirkstoffe aber offenbar kaum resorbiert werden.

So bleibt dann noch die von den Autoren aufgeworfene Idee mit Gurgelungen und Spülungen im Mund-Rachenraum oder von Lutschpastillen und Nasensprays.
Als einfachste Variante wären dann Spülungen / Gurgelungen zum Beispiel mit Grüntee / Schwarztee denkbar, weil Camellia sinensis als wässriger Effekt starke Hemmwirkung zeigte. Dabei müsste man den Tee dann wohl 8 – 10 Minuten ziehen lassen, um eine hohe Konzentration an Polyphenolen zu erreichen.
Und die Anwendung müsste wahrscheinlich vorbeugend geschehen, weil eine Neuraminidase-Hemmung nur in den ersten Phasen der Infektion Sinn macht. Die Nase als Eintrittspforte bleibt dabei unberücksichtigt. Nasenspülungen mit starkem Schwarztee / Grünttee kann ich mir nicht so recht vorstellen. Spülungen mit Kochsalzlösung wären hier aber ziemlich sicher nützlich

Siehe dazu:
Schweinegrippe – was bieten die Heilpflanzen?
(mit Infos zur Kochsalzlösung)

Eine komplexe und ungesicherte Sache also, diese Neuraminidase-Hemmung mit Heilpflanzen, wenn man sie konkret unter die Lupe nimmt. Spekulation auf der Basis von experimentellen Ergebnissen halt, aber immerhin eine preisgünstige und aller Voraussicht nach unschädliche Spekulation.

Eine Impfung – sollte sie nochwendig sein – lässt sich meines Erachtens damit allerdings nicht ersetzen.

Interessant ist an den geschilderten Ergebnissen auch, dass die gegen Schweinegrippe stark propagierte Zistrose (Cistus incanus) bezüglich Neuraminidase-Hemmung zwar gut abgeschnitten hat, aber gar nicht so allein auf weiter Flur dasteht, wie das die Werbung darstellt.

Zu Cistus incanus siehe auch:
Cistus incanus – Grippemittel mit vielen offenen Fragen

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Mit Pflanzenheilkunde gegen Grippe?

Die Möglichkeiten der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) beschränken sich nicht nur auf “banale” Erkältungen. Offenbar kann man sogar Grippeviren mit Heilpflanzen bekämpfen.

Influenzaviren werden mit synthetischen Neuraminidase-Hemmern bekämpft, mit Zanamivir oder Oseltamivir. Das bekannteste Produkt auf der Basis von Oseltamivir ist “Tamiflu®” von Roche.
Es gibt aber auch Heilpflanzen-Extrakte, welche das Enzym Neuraminidase in den Grippeviren wirksam hemmen. Das berichteten Wissenschaftler des Instituts für Pharmazeutische Biologie der FU Berlin auf dem Kongress “Phytopharmaka und Phytotherapie 2008”.
Ginkgo biloba hemmt Influenzaviren
Bei der Untersuchung von 25 in der Volksheilkunde beschriebenen Heilpflanzen fanden die Phytotherapeutika-Experten gut wirksame pflanzliche Auszüge. So zeigten methanolische Extrakte des bereits von den Aborigines verwendeten Eucalyptus globulus Labill., vom in der bulgarischen Volksheilkunde genutzten Geranium sanguineum (Blutroter Storchenschnabel) und von Ginkgo biloba L. eine starke Hemmaktivität gegenüber der Neuraminidase. Von den ethanolischen Auszügen hatten Extrakte aus der nepalesischen Pflanze Bergenia ligulata (Wall) Engl. sowie aus der Kapland-Pelargonie Pelargonium sidoides Dc. diese starke antivirale Eigenschaft. Unter den wässrigen Extrakten schließlich hemmte besonders stark die chinesische Arzneibuch-Pflanze Scutellaria baicalensis Georgi die Neuraminidase. Im Ganzen zeigten 23 % der untersuchten Extrakte sogar eine stärkere Neuraminidase-Hemmung als die Vergleichssubstanz Zanamivir.
Quelle: http://www.medical-tribune.de/patienten/news/23190/

Kommentar: Diese Ergebnisse sind sehr interessant, insbesondere was den Blutroten Storchenschnabel betrifft, welcher in der mitteleuropäischen Pflanzenheilkunde bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Auch betreffend Ginkgo biloba bringen die Untersuchungen der FU Berlin neue Erkenntnisse. Ginkgo gehört zwar bereits seit gut 20 Jahren zu den bedeutendsten Heilpflanzen in der Phytotherapie. Seine Hauptanwendungsgebiete sind aber Demenz und Periphere Arterielle Durchblutungsstörungen (PAVK). Darum sind die gefundenen antiviralen Effekte von Ginkgo-Extrakten eine echte Überraschung.
Erwähnt werden muss aber noch, dass es sich bei den beschriebenen Untersuchungen um Laborexperimente handelt (Enzymtest). Damit bleibt die Frage noch offen, ob die verwendeten Pflanzenextrakte auch im Organismus von Grippekranken eine vergleichbare Wirkung zeigen. Diese Präzisierung ist nötig, um nicht vorschnell überzogene Versprechungen in die Welt zu setzen.
Schwache Hemmeffekte erzielten im übrigen die Extrakte von Echinacea angustifolia (Sopnnenhut), Eleuterococcus senticosus (Taigawurzel) und Zingiber officinale (Ingwer). Diese Ergänzung fand ich in der Zeitschrift für Phytotherapie (2008; 29: 65-70).

Dieser Bericht der Medical Tribune ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Phytotherapie eben kein statisches Lehrgebäude ist, sondern sich dynamisch und vielfältig entwickelt, nicht zuletzt dank aktiver wissenschaftlicher Forschung. Neues kommt und Überholtes geht – diese kontinuierliche Erneuerung hält geistig fit und wirkt immer wieder faszinierend.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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