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Ab 2019: Iberogast und Sinupret auch in Drogerien erhältlich

In der Schweiz gibt es 2019 Änderungen in den Abgabebestimmungen von Arzneimitteln.

Hunderte bisher rezeptfreier, jedoch apothekenpflichtiger Medikamente werden auch in Drogerien erhältlich sein. Das betrifft auch eine ganze Reihe von Phytopharmaka.

Zugleich sollen Apotheken etwa 100 bisher freiverkäufliche Medikamente nur noch mit einer ärztlichen Verordnung oder nach Prüfung der Personalien abgeben dürfen.

Eine entsprechende Übersicht wurde nun von der Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic in Bern publiziert.

Mehr Heilmittel in die Drogerie

Um die Selbstmedikation zu vereinfachen, beschloss der Bundesrat die Neueinteilung die Arzneimittel in der Schweiz. Dazu soll die bisherige Abgabekategorie C (Verkauf nur in Apotheken, aber ohne Rezept) abgeschafft werden. Im Rahmen der Revision des Heilmittelgesetzes beurteilte Swissmedic unter Einbezug externer Fachleute total zirka 650 Arzneimittel, wovon 22 Tierarzneimittel. Dabei standen auch Aspekte des Medikamentenmissbrauchs sowie mögliche Interaktionen im Vordergrund.

Rund 85 Prozent und 550 Medikamente aus dieser Kategorie werden nun in die Kategorie D herabgestuft (Verkauf in Apotheken und Drogerien ohne Rezept). Darzu zählen etwa Iberogast, Sinupret, Buscopan, Talcid, Loperamid oder Voltaren Dolo forte und pflanzliche Arzneimittel mit Johanniskraut-Extrakt. Für diese Medikamente wird in Zukunft nur eine Fachberatung vorausgesetzt, egal ob durch Drogerie oder Apotheke. Die Patienten sollen zudem mit einem Warnhinweis auf der Verpackung für die nötige Fachberatung sensibilisiert werden.

Etwa 15 Prozent der überprüften Medikamente wurden dagegen heraufgestuft in die Kategorie B Verkauf in Apotheken mit Rezeptpflicht). Zwei Drittel der total etwa 100 Arzneimittel enthalten Opiatderivate als Wirkstoffe (Codein oder Dextromethorphan) und wurden von Swissmedic als Stoffe mit einem erheblichen Missbrauchspotential eingestuft. Codeinhaltige Arzneimittel dürfen zukünftig nur durch Personen mit einer Betäubungsmittelbewilligung abgegeben werden. Ergänzend zum Missbrauchspotential gebe es bei zahlreichen dieser Medikamente zusätzlich ein erhebliches Risiko von schwerwiegenden Wechselwirkungen, begründete Swissmedic diese Entscheidung. Bei den anderen für die Abgabekategorie B vorgesehenen Medikamente seien es vorwiegend schwerwiegende Interaktionen mit anderen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln oder eine zwingend notwendige Dokumentation der Abgabe, welche eine Fachberatung durch Ärzte oder Apotheker erfordern.

Betroffen durch diese Neuerungen sind zum Beispiel Medikamente wie etwa Hustensirup mit dem Wirkstoff Codein. Der codeinhaltige Hustensaft Makatussin beispielsweise wird ab dem 1. Januar 2019 nur noch auf Rezept erhältlich sein. Wird das Arzneimittel nicht von einem Arzt verschrieben, muss der Apotheker ein Beratungsgespräch durchführen und die Abgabe entsprechend dokumentieren.

Der Berner Kantonsapotheker Samuel Steiner sagte dem Nachrichtenportal 20min.ch:„Wir gehen davon aus, dass mittlerweile 80 Prozent des Makatussin-Konsums missbräuchlich sind.“

Auf der Plattform Saferparty.ch, die unter anderem von der Stadt Zürich betrieben wird, ist zu lesen, dass ein Codein-Entzug bei längerer Einnahme genau so lang und schmerzhaft sein kann wie bei Heroin. Laut Fachleuten kann der Wirkstoff schnell zu einer Abhängigkeit führen, die Entzugserscheinungen wie Krämpfe und Übelkeit mit sich bringt. Diese sind zudem deutlich stärker als bei anderen Drogen. Deutschland hat Codein im Betäubungsmittelgesetz als verschreibungsfähiges Betäubungsmittel eingestuft, wobei niedrige Dosen beziehungsweise Mengen von betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften ausgenommen sind, solange sie nicht an Betäubungsmittel- oder alkoholabhängige Personen verschrieben werden. Anfang 2017 führte Frankreich bereits eine Rezeptpflicht für codeinhaltige Arzneimittel ein.

Mehr Heilmittel in Supermärkte wie Migros und COOP

Im Rahmen der Revision des Heilmittelgesetztes überprüft Swissmedic gegenwärtig auch 400 Medikamente der Kategorie D, die aktuell nur in Apotheken und Drogerien erhältlich sind. Welche dieser Arzneimittel in Zukunft auch im Supermarkt verkäuflich sein werden, will Swissmedic in den nächsten Wochen bekanntgeben.

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/internationales/ab-2019-iberogast-und-sinupret-in-drogerien-rezeptpflicht-fuer-codein-schweiz/

Kommentar & Ergänzung:

Diese Neuerungen werden den Arzneimittelmarkt in der Schweiz gehörig aufmischen, insbesondere den  Bereich der Selbstmedikation.

Die Drogerien werden davon profitieren, dass sie neu viele umsatzstarke Medikamente verkaufen dürfen, die bisher den Apotheken vorbehalten waren. Bei den pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka) betrifft dies vor allem Sinupret, Iberogast und Johanniskrautextrakt-Präparate. Ich bin gespannt, ob auch Gelomyrtol / Gelodurat in die Drogerie wandert.

Drogerien und Apotheken werden aber beide möglicherweise starke Einbussen erleiden, wenn ab 2019 tatsächlich eine grössere Zahl von Arzneimitteln auch bei Migros und COOP im Regal stehen.

Dem stehe ich eher skeptisch gegenüber. Obwohl mich Drogerien und Apotheken bezüglich Beratung zu Phytopharmaka nur selten überzeugen, ist keine Beratung im Supermarkt noch schlechter.

Wenn Sie sich selber fundiertes Wissen über Naturheimittel und Heilpflanzen-Anwendungen erwerben möchten, dann können Sie das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

[Buchtipp] „Pflanzliche Arzneimittel – was wirklich hilft“ von Robert Fürst

Verlagsbeschreibung:

Efeuextrakt, Ingwerwurzelpulver oder Melissenblätter – sicher haben Sie auch schon einmal ein pflanzliches Arzneimittel verwendet. Viele Menschen schätzen die meist milde Wirksamkeit und gute Verträglichkeit. Doch es gibt große Unterschiede zwischen den Mitteln, selbst wenn sie aus derselben Arzneipflanze hergestellt wurden. In diesem Buch erklärt Robert Fürst, welche Pflanzen bei welchen Erkrankungen eingesetzt werden können und nachweislich wirksam sind. Er nennt die Kriterien, die wichtig sind, um pflanzliche Arzneimittel beurteilen zu können, und bietet einen Überblick über zahlreiche Präparate gegen die häufigsten Gesundheitsbeschwerden. Dazu gehören beispielsweise: Erkältungskrankheiten, Magen-Darm-Beschwerden oder nervös bedingte Einschlafstörungen. Robert Fürst ist Professor für Pharmazeutische Biologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Dort erforscht er die Wirkungen von Naturstoffen und bringt angehenden Apothekern bei, worauf es bei der Pflanzenheilkunde ankommt. Für seine Arbeiten zu pflanzlichen Extrakten wurde Fürst von der Gesellschaft für Arzneipflanzen- und Naturstoff-Forschung ausgezeichnet. Zum Shop

Zum Autor Robert Fürst

Robert Fürst ist seit 2012 Professor für Pharmazeutische Biologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und erforscht dort mit seinem Team die zellulären und molekularen Wirkungen von entzündungshemmenden Naturstoffen. Seine Arbeiten zu pflanzlichen Extrakten sind mit dem renommierten bionorica-Phytoneering-Pris der Gesellschaft für Arzneipflanzen- und Naturstoff-Forschung ausgezeichnet worden.

In den Bereichen der universitären Lehre und der berufliche Fortbildung von Apothekerinnen und Apothekern engagiert sich Prof. Fürst stark für die evidenzbasierte Phytotherapie. Er ist Mitglied im Beirat der Gesellschaft für Arzneipflanzen- und Naturstoff-Forschung, Vorsitzender der Landesgruppe Hessen der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und darüber hinaus einer der Herausgeber der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Planta Medica.

Kommentar von Martin Koradi

Professor Robert Fürst – das ist aus der obigen Beschreibung ersichtlich – ist sehr engagiert in der Arzneipflanzenforschung. Dementsprechend handelt diese Publikation auch hauptsächlich von Phytopharmaka (= pflanzliche Arzneimittel), zu denen wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen. Es geht also nicht um traditionelle Pflanzenheilkunde, sondern um denjenigen Teil der Phytotherapie, der wissenschaftliche Belege für Wirksamkeit vorlegen kann. Hier bietet dieses kleine, gut lesbare Büchlein eine sehr gute Übersicht. Heilpflanzen-Bücher, die ohne kritische Überprüfung Überlieferungen und Heilungsgeschichten wiedergeben, gibt es schon mehr als genug.

Robert Fürst geht auch auf einen Punkt ein, der im Umgang mit Heilpflanzen oft vernachlässigt wird: Entscheidend ist nicht nur, welche Heilpflanze für eine bestimmte Krankheit wirksam ist, sondern auch, in welcher Arzneiform die Anwendung geschieht. Man kann also eigentlich nicht einfach nur sagen: “Johanniskraut hilft gegen Depressionen”. Genauso wichtig ist die Frage, ob Johanniskrauttee, Johanniskrauttinktur oder Johanniskrautextrakt am besten wirkt. Und bei Johanniskrauttee, Johanniskrauttinktur und Johanniskraut gibt es jeweils unterschiedliche Arten der Herstellung, die sich in der Wirksamkeit nochmals unterscheiden.

“Pflanzliche Arzneimittel – was wirklich hilft” geht darum in einem speziellen Kapitel darauf ein, wie ein pflanzliches Arzneimittel hergestellt wird und wie seine Qualität geprüft wird.

Wenn Sie Wissen sowohl über traditionelle Pflanzenheilkunde als auch über wissenschaftliche Phytotherapie in verständlicher und fundierter Formerwerben möchten, dann können Sie das in meinen Lehrgängen – dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen.

„Freundin“ behauptet: „Johanniskrauttee macht glücklich“

Gemeint ist hier die Zeitschrift „Freundin“. Und die muss ihren Leserinnen wohl immer ein paar Sensationen anbieten, damit sie gekauft wird. Diät und Abnehmen sind nun mal Themen, die sehr gut ankommen.

Was genau sagt die „Freundin“?

„Johanniskrauttee kann während der Diät fast die Schokolade ersetzen. Das Kraut, dem antidepressive Wirkungen nachgesagt werden, regt die körpereigenen Glückshormone an und hilft durch das Motivationstief. Ein idealer Tee zum Abnehmen!“

Quelle:

https://www.freundin.de/lifestyle-gesundheit-tee-zum-abnehmen-diese-sorten-sollen-helfen-266071.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Gewagte Aussage. Ja, für Johanniskrautextrakte konnte eine stimmungsaufhellende Wirkung bei leichten und mittleren Depressionen gezeigt werden. Mit Johanniskrauttee wurde das nicht untersucht, doch ist eine solche Wirkung denkbar bei etwa drei Tassen täglich, wobei die Wirkung erst nach frühestens 14 Tagen zu erwarten ist.

Es ist immer fragwürdig, wenn solche Dosierungsfragen ausser Acht gelassen werden, wie im Zitat der „Freundin“. Das erweckt den Eindruck, dass man während der Diät gelegentlich ein Tässchen Johanniskrauttee trinken kann, um die Stimmung zu heben. Heilpflanzen-Anwendungen brauchen aber in der Regel ein gewissen Mass an Disziplin bezüglich Dosierung, Anwendungsdauer, Anwendungsform.

Und ja, Johanniskraut zeigt Einflüsse auf Neurotransmitter wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin, indem es an der Synapse die Wiederaufnahme dieser „Glückshormone“ hemmt. Es ist aber keineswegs geklärt, ob gesunde, also nicht-depressive Menschen mit „normalen“ Transmitter-Spiegeln von Johanniskraut profitieren.

Die Vorstellung, sich mit ein bisschen Johanniskrauttee aus dem „Motivationstief“ zu holen, ist sehr fragwürdig und wird auch dem Johanniskraut als Heilpflanze nicht gerecht.

Aber darum geht’s der „Freundin“ ja auch nicht.

 

Wenn Sie fundiertes Wissen über Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Johanniskraut und anderen Heilpflanzen erwerben möchten, können Sie das in meinen Lehrgängen – dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

Johannisblütenöl und Orangenblütentee als Abendritual

Im “Migros Magazin” (8. Oktober 2018) wird die Skirennfahrerin Michelle Gisin aus Engelberg (Obwalden) portraitiert. Dabei kommt die Athletin auch auf Naturheilmittel zu sprechen: “Habe ich Schmerzen, trage ich Quarkwickel auf.”

Sie erwähnt ausserdem das Johannisblütenöl:

“Damit reibe ich mich vor dem Schlafengehen von Kopf bis Fuss ein. Dann trinke ich einen Orangenblütentee und ab in die Federn.”

Interessantes Abendritual. Johannisöl aus den Johanniskrautblüten wird durch Auszug mittels (meisten) Olivenöl hergestellt. Von der ESCOP wird es empfohlen zur Behandlung leichter Haut­entzündungen (z. B. Sonnenbrand) oder zur Heilung kleiner Wunden. 

Eine direkte beruhigende Wirkung durch die Haut scheint mir sehr unwahrscheinlich, aber eine Einreibung am Abend ist eine schöne Idee.

Orangenblütentee hat sich als Abendtee in der Schweiz vor allem in Pflegeinstitutionen durchgesetzt. In Pflegeheimen und Kliniken wird Orangenblütentee gereicht als Einschlafhilfe. Interessanterweise ist diese Anwendung in Pflegeinstitutionen in Deutschland und Österreich viel weniger gebräuchlich.

 Die Wirksamkeit von Orangenblütentee als Einschlafhilfe wurde allerdings nie genauer untersucht und in der Phytotherapie-Fachliteratur taucht die Pflanze in der Regel gar nicht auf.

Orangenblüten enthalten aber zirka 0,2-0,5 % ätherisches Öl mit hauptsächlich Monoterpenen (Linalylacetat, alpha-Pinen, Limonen, Linalool, Nerol, Geraniol), ausserdem Anthranilsäuremethylester und Bitterstoffe.
Die Zusammensetzung des ätherischen Öles zeigt damit gewisse Ähnlichkeit mit dem Lavendelöl (Linalylacetat, Limonen, alpha-Pinen, Linalool, Geraniol). Da für Lavendelöl eine beruhigende Wirkung bei Unruhe und Einschlafstörungen gut belegt ist, kann eine solche Wirkung auch für den Orangenblütentee vermutet werden. Es würde sich dann beim Trinken von Orangenblütentee dann quasi um eine Aromatherapie via Duftebene handeln. Darum wäre wohl die Empfehlung sinnvoll, den Orangenblütentee langsam schluckweise zu trinken, damit das ätherische Öl gut auf die Geruchsrezeptoren einwirken kann.

In der Natur entfalten Orangenblüten einen betörenden Duft. Das habe ich bei Velotouren durch Orangenfelder in China selber eindrücklich erlebt. In Spanien wird die Costa del Azahar als Küste der Orangenblüten bezeichnet und verdankt diesen Namen den grossen Orangenhainen, die unweit von der Küste wachsen und mit dem Orangenblütenduft zum Teil die ganze Umgebung erfüllen.

Mehr zum Orangenblütentee gibts hier:

Orangenblütentee bei Einschlafstörungen

Wie weit bei Michelle Gisins Abendritual mit Johannisblütenöl und Orangenblütentee auch Wirkstoffe aus den Pflanzen zur Wirkung kommen, ist also weitgehend ungeklärt.

Einschlafrituale haben aber auch für sich einen Wert und sollten in dieser Hinsicht nicht unterschätzt werden.

 

 

 

Inhaltsverzeichnis: Phytotherapie im Bereich Psyche / Nervensystem

Krankheiten und Beschwerden im Bereich Psyche / Nervensystem sind ein wichtiger Bereich der Phytotherapie. Hier finden Sie die wichtigsten Themen, die ich im Heilpflanzen-Seminar und in der Phytotherapie-Ausbildung im Bereich Psyche / Nervensystem vermittle.

Wir befassen uns hier vor allem mit Heilpflanzen-Anwendungen in folgenden Themenbereichen:

☛ Schlafstörungen

Mit Heilpflanzen-Anwendungen lässt sich nicht jedes Schlafproblem lösen. Die grossen Vorteile der Heilpflanzen-Anwendungen liegen aber in der guten Verträglichkeit und dem fehlenden Abhängigkeitsrisiko. Daher sind Heilpflanzen bei Schlafstörungen eine wichtige Option.  Man muss aber genau wissen, welche Heilpflanze in welcher Anwendungsform sinnvoll ist. Diese Kenntnisse vermittle ich in den Lehrgängen. Ausserdem lassen sich Heilpflanzen-Anwendungen bei Schlafstörungen gut mit einem Einschlafritual verbinden, das zur Wirkung beitragen kann (Abendbad, Schlafkissen, Einreibung, Kräutertee…).

 

☛ Angst & Angsterkrankungen

Auch hier gilt: Es gibt sehr unterschiedliche Angsterkrankungen und Heilpflanzen-Anwendungen helfen allein nicht in jedem Fall. Sie können aber oft sinnvoll unterstätzend eingesetzt werden. Lernen Sie die Möglichkeiten in meinen Lehrgängen kennen.

 

☛ Depressionen

Beim Thema „Depressionen“ stehen Heilpflanzen-Anwendungen mit Johanniskraut im Zentrum. Damit verbunden sind eine ganze Reihe von Fragen: Bei welchen Formen der Depression sind Johanniskraut-Anwendungen geeignet und bei welchen nicht? Welche Anwendungsform von Johanniskraut ist wirksam und sicher zugleich (Johanniskauttee, Johanniskrauttinktur, Johanniskrautextrakt)? Wie unterscheiden sich die verschiedenen Tinkturen und Extrakte und wie wirkt sich das auf die Wirksamkeit aus? Wie lange muss eine wirksame Johanniskraut-Anwendung eingenommen werden, damit eine Wirksamkeit erwartet werden kann? Welche Dosierungen sind dazu nötig? Welche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind zu beachten? Solche Fragen und die antworten dazu schauen wir uns in meinen Lehrgängen an.

 

☛ Schmerz

Auch bei Schmerz gilt: Es gibt Schmerzzustände, für deren Linderung synthetische Pharmaprodukte oder stark wirkende Medikamente aus der Pflanzenwelt (Opiate) nötig sind.

In Heilpflanzen-Seminar und in der Phytotherapie-Ausbildung lernen Sie aber eine ganze Reihe von Heilpflanzen-Anwendungen kennen, die bei Schmerzzuständen Linderung bringen können. Damit lassen sich manchmal auch die Dosierungen synthetischer Schmerzhemmer reduzieren, wodurch deren Nebenwirkungsrisiko vermindert wird.  Wir besprechen hier zum Beispiel Migräne und Spannungskopfschmerzen als phytotherapeutisch beeinflussbare Schmerzzustände.

☛ Übelkeit / Erbrechen

Hier geht es um Übelkeit und Erbrechen, das nicht primär vom Verdauungstrakt ausgelöst wird: Reisekrankheit, Übelkeit / Erbrechen nach Operationen oder während Chemotherapie, Schwangerschaftsübelkeit.

☛ Und hier eine Aufstellung der wichtigsten Heilpflanzen, mit denen wir  uns beim Thema „Psyche / Nervensystem“ befassen:

Valerianae radix – Baldrianwurzel

Melissae folium – Melissenblatt

Lavandulae flos – Lavendelblüte / Lavendelöl

Aurantii flos – Orangenblüte

Passiflorae herba – Passionsblumenkraut

Lupuli strobulus – Hopfenzapfen

Cannabis-Produkte

(CBD-Hanf, THC-Hanf, legale Wege zur Cannabis-Therapie)

Hyperici herba – Johanniskraut

Zingiberis rhizoma – Ingwer-Wurzelstock

Caryophylli flos – Gewürznelken

Tanaceti parthenii herba – Mutterkraut

Petasitidis rhizoma – Pestwurz-Wurzelstock

Petasitidis folium – Pestwurzblatt

Menthae piperitae aetheroleum – Pfefferminzöl

Kava-Kava rhizoma – Kava-Wurzelstock

Das Heilpflanzen-Seminar vermittelt einen kompakten Überblick über diese Themen. In der Phytotherapie-Ausbildung, die doppelt so lange geht, haben wir mehr Zeit für Vertiefung, Repetition und für medizinische und psychologische Zusammenhänge.

Melden Sie sich jetzt für das Heilpflanzen-Seminar oder die Phytotherapie-Ausbildung an, wenn Sie fundiertes, verständliches Wissen über Heilpflanzen-Anwendungen erwerben möchten.

 

 

 

 

 

 

Sidroga bringt Durchfalltee mit Odermennigkaut auf den Markt

Die Teefirma Sidroga bringt in Deutschland für Patienten mit unkompliziertem Durchfall einen Tee mit Odermennigkraut auf den Markt.

Odermennig (Agrimonia eupatoria) ist eine Heilpflanze, die heutzutage eher selten eingesetzt wird.

Die Plattform Apotheke adhoc schreibt zur Wirkung von Odermennigkraut gegen Durchfall:

„Gerbstoffe wirken adstringierend auf die Darmschleimwände, was Durchfallerregern das Eindringen erschwert und den Verlust von Flüssigkeit und Mineralstoffen reduziert. Einigen Gerbstoffen werden außerdem antibakterielle und antivirale Eigenschaften zugeordnet. In Odermennigkraut sind zwischen 4 % und 10 % Gerbstoffe – vorwiegend Catechingerbstoffe – enthalten.“

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/branchennews/alle-branchennews/branchennews-detail/sidroga-durchfalltee-n-mit-odermennigkraut-seit-april-im-handel-4/

 

Kommentar & Ergänzung:

Schön, dass Sidroga den Odermennig in ihrem Durchfalltee verwendet.

Die Beschreibung der Gerbstoff-Wirkung ist nachvollziehbar. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Heilpflanzen mit einem Gerbstoffgehalt zwischen 4 und 10%. Daher muss es bei Durchfall nicht unbedingt Odermennig sein – auch Grüntee, Schwarztee, Johanniskraut, getrocknete Heidelbeeren, Hamamelis….kommen beispielsweise in Frage.

Es geht mir hier nicht darum, Werbung für eine bestimmte Marke machen, aber es ist sehr zu begrüssen, dass Sidroga ein breites Sortiment an Kräutertees pflegt.

Kräutertee als Arzneiform wird nicht selten unterschätzt, zum Beispiel in Vergleich mit Pflanzentinkturen.

Odermennigtee eignet sich auch zu Spülungen bei Mundschleimhautentzündung und Rachenschleimhautentzündung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Fatigue bei Krebserkrankungen

Martina Schmidt und Karen Steindorf haben gerade in der „Pharmazeutischen Zeitung“ einen sehr informativen Artikel veröffentlicht zum Thema Fatigue bei Krebserkrankungen. Sie empfehlen vor allem Sport und psychologische Interventionen, gehen aber in einem Abschnitt auch auf phytotherapeutische Möglichkeiten ein.

Zahlreiche Krebspatienten leiden während der Behandlung unter Fatigue, einer extremen Erschöpfung, die die Lebensqualität massiv einschränkt. Bei rund einem Drittel der Betroffenen hält dieser belastende Zustand Monate oder gar Jahre nach Ende der Krebstherapie an. Die Fatigue ist eine der häufigsten Komplikationen während und nach einer Krebserkrankung und -therapie. Sie wird oft unzureichend behandelt und beeinträchtigt die Lebensqualität des Patienten und das soziale Umfeld (Partnerschaft, Familie, Freunde) stark.

Die Erkenntnisse zu Ursachen und Pathophysiologie von Fatigue sind insgesamt noch sehr diffus und unzureichend.

Um einer Chronifizierung vorzubeugen, sollte die Fatigue so früh wie möglich verhindert sowie therapiert werden, in der Regel meist schon während der Krebsbehandlung.

Die Autorinnen weisen darauf hin, dass nach dem gegenwärtigen Stand der Empfehlungen sind nicht-pharmakologische Verfahren aufgrund ihrer nachgewiesenen Wirksamkeit in den Vordergrund zu stellen sind. In begründeten Einzelfällen können sie durch eine pharmakologische Behandlung ergänzt werden.

Als derzeit vielversprechendste nicht-pharmakologische Therapieansätze gelten Sport und Bewegungstherapien sowie psychologische Interventionen. Eine aktuelle Metaanalyse über 113 randomisiert-kontrollierte Interventionsstudien zeigte signifikant bessere Effekte von Sport sowie psychologischen Interventionen im Vergleich zu Medikamenten.

In einen kleinen Abschnitt gehen die Autorinnen auch auf phytotherapeutische Möglichkeiten ein:

„Zu Nahrungsergänzungsmitteln, Vitaminen, Phytotherapeutika oder anderen Arzneimitteln der besonderen Therapierichtungen gibt es wenig klare Evidenz. Nur für Ginseng gibt es einige Hinweise auf eine mögliche Wirksamkeit. Amerikanischer Ginseng (Panax quinquefolius) verbesserte in einer großen doppelblinden randomisiert-kontrollierten Studie die Fatigue. Auch der asiatische Ginseng (Panax ginseng), der in Deutschland als Arzneimittel gegen Erschöpfung zugelassen ist, reduzierte signifikant die Beschwerden. Ein aktueller Review schätzte die Evidenz für eine positive Wirkung von Panax ginseng als gut ein. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf mögliche positive Effekte von Guaranà (Paullinia cupana).“

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=75039

 

Kommentar & Ergänzung:

Der Artikel ist insgesamt sehr lesenswert, insbesondere natürlich für Menschen, die mit Fatigue zu tun haben, als Betroffene, als Angehörige von Betroffenen oder als medizinische oder pflegerische Fachleute.

Siehe auch:

Krebstherapie: Sport und Phytotherapie bei Fatigue

Onkologie: Johanniskraut beim Chronischen Fatigue-Syndrom

Krafttraining bessert krebsbedingte Erschöpfung (Fatigue)

Onkologie / Palliative Care: Was hilft bei Fatigue?

Onkologie: Roter Ginseng bei Fatigue

Ginseng lindert Fatigue bei Krebskranken

Bei der Anwendung von Ginseng ist zu beachten, dass es bei den im Handel erhältlichen Ginsengpräparaten grosse Qualitätsunterschiede gibt. Empfehlenswert sind auf einen bestimmten Gehalt an Ginsenosiden standardisierte Ginsengextrakte (z. B. der G115-Extrakt von Ginsana).

Bei Guaranà dürfte die Wirkung vor allem auf dem Gehalt an Koffein basieren.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie: Interessantes Gerichtsurteil zum Baldrianpräparat Baldriparan

Hersteller Pfizer darf sein Präparat Baldriparan im Fernsehen nicht mehr mit dem Satz „1 Dragee am Abend“ bewerben. Das Landgericht Berlin hat den Spot des Pharmakonzerns als irreführend beurteilt.

Geklagt gegen den Spot hatte die Wettbewerbszentrale. Der Hinweis „1 Dragee am Abend“ ist aus Sicht der Wettbewerbszentrale ein Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz und das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb.

Verbraucher würden aufgrund dieser Werbeaussage nämlich erwarten, dass schon mit der Einnahme nur eines Dragees ein ruhiger Schlaf erreicht werden könne. Tatsächlich sei Baldriparan laut Gebrauchsinformation aufgrund der allmählich einsetzenden Wirkung nicht zur akuten Behandlung von nervös bedingten Schlafstörungen geeignet. Der Hersteller Pfizer selbst empfiehlt eine kontinuierliche Behandlung mit Baldriparan über zwei bis vier Wochen.

Der TV-Spot zeigt eine friedlich schlafende Frau verbunden mit der Aussage: „Gut ein- und durchschlafen. Baldriparan stark für die Nacht hilft dabei mit einem Dragee am Abend.“

Eingeblendet wird zudem die Baldriparan-Packung mit einer roten Banderole „1 Dragee am Abend“, der Satz wird in einem großen roten Punkt noch einmal wiederholt. Darüber hinaus wird darauf hingewiesen, dass „der hochkonzentrierte Baldrian“ beim Einschlafen helfe und die natürlichen Schlafphasen bis zum Morgen unterstütze.

Bezüglich des Werbespots gab das Landgericht der Wettbewerbszentrale Recht und wies darauf hin, dass die Aussage „1 Dragee am Abend“ in dem Werbefilm als gute und effiziente Wirkweise und als Versprechen eines schnellen Ein- und Durchschlafens verstanden werde.

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/pfizers-frau-schlaeft-zu-schnell-ein-tv-spot-verboten-baldriparan-spot/

Kommentar & Ergänzung:

Die Wettbewerbszentrale und offenbar auch dieses Gericht scheinen gute Kenntnisse der Phytotherapie zu haben. Studien zeigen, dass die Wirkung von Baldrianextrakt sich erst klinisch signifikant nach 2 – 4 Wochen zeigt. Darum ist es sehr fragwürdig, wenn die Werbung eine Sofortwirkung verspricht. Allerdings kann bei der Einnahme vor dem Schlafengehen wohl oft mit einem schnell eintretenden Placeboeffekt gerechnet werden. Und wenn das der Fall ist, dann kann das auch als Erfolg betrachtet werden. Ein Placeboeffekt ist auch etwas wert. Das volle Potenzial von Baldrian nutzt man aber offensichtlich nur bei einer Anwendung über längere Zeit. Die fehlende Sofortwirkung trägt im Übrigen wesentlich dazu bei, dass die Einnahme von Baldrian kein Abhängigkeitsrisiko mit sich bringt.

Interessant an diesem Fall ist zudem, dass Badriparan zum Pharmakonzern Pfizer gehört. Pfizer ist der grösste Pharmakonzern der Welt.

Man hört ja immer wieder einmal die leicht verschwörungstheoretisch angehauchte Vorstellung, dass die grossen Pharmakonzerne die Pflanzenheilkunde kaputt machen wollen, um sich unliebsame Konkurrenz vom Leibe zu halten. Das ist wohl ziemlich abwegig. Pharmakonzerne sind nicht so ideologisch fixiert auf „Chemie“. Sie verkaufen im Wesentlichen, was sich als Arzneimittel verkaufen lässt. Und wenn es Nachfrage gibt nach bestimmten Heilpflanzen-Präparaten, dann werden sie solche Extrakte entwickeln oder aufstrebende Firmen aufkaufen. So gehört zum Beispiel die Beinwellsalbe Kytta zu Merck Pharma und der Phytopharmaka-Hersteller Steigerwald wurde von Bayer übernommen. Steigerwald ist bekannt für das Verdauungspräparat Iberogast, den Hustensirup Phytohustil mit Eibischextrakt und das Johanniskrautpräparat Laif (in der Schweiz Solevita). Das ist im Übrigen nicht nur schlecht. Diese Pharmakonzerne haben in der Regel viel Know-how in der Forschung und können auch relevante finanzielle Mittel dafür locker machen. Es gibt aber natürlich auch eine ganze Reihe von unabhängigen Phytopharmaka-Herstellern, in der Schweiz zum Beispiel Zeller in Romanshorn oder Bioforce in Roggwil.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Artikel zum Thema “Johanniskraut & Depression” in der Fachzeitschrift “Pflegen:Palliativ”

In der Fachzeitschrift “Pflegen: Palliative” ist gerade ein Beitrag von mir erschienen mit dem Titel: “Johanniskraut – eine phytotherapeutische Intervention”.

Stimmungseinbrüche kommen im Leben vieler Menschen immer wieder vor und sind auch in der Palliativ Care von Bedeutung. Johanniskraut wird bereits seit Längerem als Heilpflanze bei dieser Indikation angewendet. Johanniskrautextrakte zählen zu den am besten wissenschaftlich untersuchten und belegten pflanzlichen Arzneimitteln. Eine wirksame und sichere Anwendung von Johanniskraut setzt jedoch einige Fachkenntnisse voraus. Dieser Beitrag liefert dazu die nötigen Grundlagen.

 

Sie finden den Beitrag hier:

Johanniskraut – eine phytotherapeutische Intervention (Pflegen: Palliative 34 / 2017)

Medikamentenverkauf: Migros versus Apotheken & Drogerien

Ab 2019 werden in der Schweiz gewisse Medikamente auch im Detailhandel erhältlich sein. Dabei geht es auch um Heilpflanzen-Präparate.

Gegenwärtig prüft die Heilmittelbehörde Swissmedic, welche Arzneimittel in Zukunft von dieser Liberalisierung betroffen sind. Damit setzt Swissmedic die im revidierten Heilmittelgesetz angestrebte Förderung der Selbstmedikation um.

Grossverteiler wie Migros und COOP begrüssen diese Entwicklung selbstverständlich und möchten möglichst viele Präparate verkaufen dürfen.

Die Branchenvertreter der Apotheken und Drogerien sind ebenso selbstverständlich dagegen und warnen vor Gefahren.

Beide Seiten operieren mit fragwürdigen Argumenten.

Bisher sind in der Schweiz die meisten Medikamente nur in Apotheken und Drogerien erhältlich. Die Migros strebt aber deutsche Verhältnisse an. In Deutschland werden viel mehr Arzneimittel im Detailhandel verkauft.

Martin Bangerter, Zentralpräsident des Schweizerischen Drogistenverbandes, macht auf die Gefahren aufmerksam, wenn man sich unbesehen an den Verkaufsvorschriften anderer Länder orientiere, etwa wenn in Deutschland Johanniskraut-Dragées im Supermarkt verkauft werden. Diese gegen Depressionen und Stimmungsschwankungen eingesetzten pflanzlichen Mittel könnten im Zusammenhang mit anderen Medikamenten unerwünschte Nebenwirkungen haben, sagt Bangeter. Er weist darauf hin, dass Johanniskraut die Wirkung der Pille zur Schwangerschaftsverhütung abschwächen könne und dass dieses Beispiel zeige, weshalb eben auch bei scheinbar unproblematischen Heilmitteln eine Fachberatung nötig sei.

Diese Argumentation ist grundsätzlich nachvollziehbar. Johanniskraut-Extrakte mit ihren möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten taugen nicht für den Verkauf im Supermarkt.

Aber was sagt dazu die Migros?

Jürg Maurer, bei Migros stellvertretender Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik, kontert: «Wir fordern keine Höchstdosierungen, sondern moderat dosierte Präparate, die in Deutschland in jedem Supermarkt seit Jahren erhältlich und absolut selbstbedienungstauglich sind.»

Der Migros sei kein einziger Fall bekannt, bei welchem es mit einem frei verkäuflichen Johanniskrautpräparat zu den genannten Interaktionen gekommen sei, betont Maurer.

Damit hat er höchstwahrscheinlich Recht. Mit den niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten, wie sie die Supermärkte in Deutschland verkaufen, sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kaum zu erwarten.

Was Maurer nicht sagt: Von diesen niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten sind auch keine Wirkungen zu erwarten.

Effekte in diesem tiefen Dosisbereich sind weder plausibel noch durch Studien belegt (im Gegensatz zu den hochdosierten Extrakten).

Das scheint für die Migros aber kein Kriterium zu sein. Hauptsache, sie kann mehr Medikamente verkaufen…….

Ins Regal stellen will die Migros künftig auch Schmerzmittel auf pflanzlicher Basis mit Weidenrinde-Pulver. Das Präparat wird sich bestimmt gut verkaufen, aber auch hier fällt ein wesentlicher Punkt unter den Tisch: Studien mit positiven Ergebnissen gibt es nur für Weidenrindenextrakt-Präparate, die wesentlich konzentrierter sind und dadurch einen deutlich höheren Gehalt an schmerzstillendem Salicin haben. Wirksamkeit scheint auch hier für die Migros kein Kriterium.

Die Vertreter der Apotheken und Drogerien argumentieren aber auch nicht überzeugend.

Der Apothekerverband Pharmasuisse weist darauf hin, dass die Kundschaft im Detailhandel vermehrt durch «Pseudomedikamente» getäuscht werden könnte, speziell verpackte Medizinprodukte, Ernährungsergänzungsmittel oder Nahrungsmittel, die eine unrealistische Wirkung versprächen.

Pharmasuisse-Generalsekretär Marcel Mesnil sagt:

«Im Selbstbedienungsladen gibt es an der Kasse niemanden, der die Leute berät.»

Dort müssten sich die Patienten auf ihre eigene Einschätzung verlassen, die auch falsch sein könne. In der Apotheke oder Drogerie dagegen könne eine falsche Selbsteinschätzung im Beratungsgespräch korrigiert werden.

Das ist zumindestens schönfärberisch. Apotheken und Drogerien verkaufen selber aktiv und passiv (auf Verlangen) sehr viele „Pseudomedikamente“, ohne dass ihnen das grossen Kummer bereitet, solange es zum Umsatz beiträgt.

Für Bachblüten, Schüssler-Salze, Homöopathika und Spagyrika gibt es keine überzeugenden Belege. Unrealistische Wirkungsversprechungen dazu präsentieren die Schaufenstern von Apotheken und Drogerien aber noch und noch, ganz abgesehen von den Beratungen in den Geschäften.

Bei den Phytopharmaka ist nur eine Minderheit fundiert durch Studien belegt und viele Heilpflanzen-Präparate fallen durch unsinnige Zusammensetzung oder ungenügende Dosierung auf. Und auch eine ganze Reihe von synthetischen Medikamenten hat ihre Zulassung vor einigen Jahrzehnten bekommen auf der Grundlage von Studien, die heutigen Qualitätskriterien bei weitem nicht genügen.

Dass Mitarbeitende in Apotheken und Drogerien die Kundschaft hier kritisch beraten ist meiner Erfachrung nach eher die Ausnahme als die Regel. Wer mit fundiertem Heilpflanzen-Wissen in Apotheken und Drogerien fachliche Fragen stellt, bekommt oft falsche oder nichtssagende Antworten. Und Testkäufe von Konsumentenorganisationen zeigen immer wieder lückenhafte und falsche Beratungen.

Hier ein Beispiel für skrupellose Kundentäuschung aus der Apotheke:

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtsreduktion

Apotheken und Drogerien sollten also den Mund nicht zu voll nehmen, was ihre überragende Beratungskompetenz gegenüber den Grossverteilern angeht.

Die Migros ist jedoch genauso wenig überzeugend. Sie begründet ihren Druck zugunsten einer Liberalisierung des Medikamentenverkaufs natürlich nicht mit dem zusätzlichen Markt und dem Umsatz, den sie damit machen kann. Sie präsentiert sich als Preisbrecherin zugunsten der Konsumenten.

In Drogeriemärkten in Deutschland seien frei verkäufliche Arzneimittel zum Teil erheblich günstiger, sagt Martin Schläpfer, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik bei der Migros. Einen Grund für die hohen Preise in der Schweiz sieht er im fehlenden Preiswettbewerb. Schläpfer ist überzeugt, dass die Konkurrenz durch die Detailhändler die Preise in der Schweiz endlich ins Rutschen bringen werde.

Das kann sein. Die Preise werden sinken, aber die Wirksamkeit der Präparate auch. Wandert ein grosser Teil des Umsatzes mit Heilpflanzen-Präparaten zu den Grossverteilern, werden die Hersteller weniger Geld in die Entwicklung hochwertiger Extrakte und in die klinische Forschung zum Nachweis der Wirksamkeit investieren.

Um beim Beispiel Johanniskraut zu bleiben: Hersteller, die ihr niedrig dosiertes Johanniskraut-Präparat im Supermarkt verkaufen, brauchen keine Forschung, weil kein Wirksamkeitsnachweis gefordert wird. Darum wird es in diesem Bereich auch keine Forschung geben.

Hersteller, die ihr hochkonzentriertes, aber teureres Johanniskraut-Präparat als Arzneimittel in Apotheken und Drogerien verkaufen, werden weniger Umsatz machen und daher weniger in Forschung investieren können. Das schadet der Phytotherapie.

Ich selber bin bereit, einen höheren Preis für ein Heilpflanzen-Präparat zu bezahlen, wenn ich weiss, dass der Hersteller in Forschung und Entwicklung investiert hat. Trittbrettfahrer, die ein billiges, aber wirkungsloses Präparat in den Supermarkt werfen und vom Forschungs-, Entwicklungs- und Marketingaufwand anderer Hersteller profitieren, gehen bei mir leer aus.

Quelle der Zitate und Stellungnahmen:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/streit-um-medikamente-im-supermarkt/story/25388132

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch