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[Buchtipp] „Bullshit-Resistenz“ von Philipp Hübl

Verlagsbeschreibung

Im Zeitalter der digitalen Medien sind wir konfrontiert mit Lügen, Fake News und Verschwörungstheorien: Bullshit ist überall. Der Begriff steht für all das, was falsch, irreführend oder einfach so dahergesagt ist. Mit der viralen Verbreitung von Bullshit, vor allem in den sozialen Netzen, gerät die Demokratie in Gefahr. Philipp Hübl erklärt, inwiefern uns Stammesverhalten und unkritisches Denken für Bullshit anfällig machen und warum uns die Fakten nicht egal sein dürfen. Er zeigt auf, wie wir resistenter, also widerstandsfähiger werden können, um uns zu schützen. Bullshit-Resistenz in der Tradition der Aufklärung bedeutet: “Die Verantwortung für die Wahrheit liegt bei jedem Einzelnen selbst.” Zum Shop

Zum Autor Philipp Hübl

Philipp Hübl ist Philosoph und Autor. Er war Juniorprofessor an der Universität Stuttgart und hat zuvor an der RWTH Aachen und der Humboldt-Universität Berlin gelehrt. Hübl studierte Philosophie und Sprachwissenschaft in Berlin, Berkeley, New York und Oxford. Er schreibt über gesellschaftliche und politische Themen, beispielsweise für DIE ZEIT, FAZ, taz und NZZ. Im “Philosophie Magazin” erscheint seine Kolumne “Hübls Aufklärung”. Als Buchautor veröffentlichte er u. a. “Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie” (2012).

Kommentar von Martin Koradi

„Bullshit-Resistenz ist eine Kardinaltugend für das 21. Jahrhundert“, schreibt Philipp Hübl als allerletzten Satz seines Buches. Und damit hat er meines Erachtens Recht.

Warum Bullshit-Resistenz so wichtig ist, fasst der Autor in folgendem Abschnitt zusammen:

„Ein Grossteil der aufgeklärten Gesellschaft wehrt  sich gegen Bullshit: gegen Fake News, Verschwörungstheorien und den Fakten-fernen Denkstil in der Politik. Das zeigt, dass wir Unwahrheit als Problem ansehen, oder anders gesagt: dass uns die Wahrheit am Herzen liegt. Gäbe es keinen Unterschied zwischen Tatsachenbehauptungen und Lügen, dann könnten wir nicht mehr über Arbeitslosenzahlen, Wirtschaftswachstum oder die Einkommensverteilung sprechen, geschweige denn über Gerechtigkeit und über Massnahmen, um die Zustände zu verbessern. Dann gäbe es auch keine Politik mehr.“

Bullshit gab es schon immer. Hübl zeigt auf, weshalb das Problem heute virulenter geworden ist:

„Durch die digitalen Medien haben Lüge und andere Arten von Bullshit neue Dimensionen erlangt. Sie sind einfach zu produzieren und zu reproduzieren, haben im Prinzip ewig Bestand  und sind nicht mehr blos auf das persönliche Umfeld beschränkt, sondern verbreiten sich schnell und vor allem exponentiell. Die digitalen Medien haben das Lügen zudem verführerisch leicht gemacht. Im Schutz von Distanz und Anonymität sinkt die Hemmschwelle, Bullshit zu erzeugen oder weiterzuleiten, vor allem weil die Täter selten unmittelbare oder langfristige Konsequenzen fürchten müssen.“

Philipp Hübl zeigt gut verständlich auf, welche Denkfehler uns für Bullshit anfällig machen und was wir vorkehren und lernen müssen, um gegen Bullshit resistenter zu werden. Dabei setzt er auf die Verantwortung des einzelnen Menschen:

„Meine These lautet: Die Verantwortung für die Wahrheit liegt bei jedem Einzelnen. Um die Demokratie und uns selbst  vor Busshit zu schützen, müssen wir selbst resistenter, also widerstandsfähiger zu werden. Die dafür benötigte Bullshit-Resistenz  bedeutet nicht nur, dass wir uns vor Fake News und anderem Unfug schützen, sondern auch, dass wir uns selbst davor bewahren, zum Lügner, Bullshiter oder Trottel zu werden. Insofern steht Bullshit-Resistanz in der Tradition der Aufklärung.“

Indem er die Verantwortung ganz beim Einzelnen sieht, positioniert sich Hübl auch kritisch zu staatlichen Massnahmen gegen Bullshit und Fake News. Er sieht darin Risiken, die nicht von der Hand zu weisen sind. Wenn staatliche Instanzen oder monopolistische Social-Media-Konzerne entscheiden sollen, was Lügen, Falschnachrichten oder Wahrheiten sind, stecken darin potenzielle Risiken für Machtmissbrauch.

Allerdings ist Philipp Hübl meiner Ansicht nach zu optimistisch, wenn er die Verantwortung ausschliesslich beim Einzelnen sieht.

Falschinformationen, Desinformation und Propaganda sind eine grosse Herausforderung für demokratische Gesellschaftssysteme. Die Verteidigung gegen solche Angriffe ausschliesslich der Verantwortung der Einzelnen zu überlassen, würde einen sehr hohen Stand an politischer Bildung und an Medienkompetenz in der Bevölkerung voraussetzen. Es scheint mir fraglich, ob dies in einer weitgehend entpolitisierten Bevölkerung erreichbar ist.

Wenn die Verantwortung ausschliesslich bei den einzelnen Menschen liegt müssten wir das Ideal einer redaktionellen Gesellschaft erreichen, wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem Buch „Die grosse Gereiztheit“ beschreibt. Nach seiner Vorstellung müssten die Grundfragen des Journalismus nach der Glaubwürdigkeit und Relevanz von Information zu einem Element der Allgemeinbildung werden. Jeder Bürger und jede Bürgerin müsste die Kompetenzen erwerben, um Informationen auf ihre Richtigkeit oder Falschheit hin zu überprüfen. Das scheint mir als Ziel zwar sinnvoll, aber wohl kaum voll erreichbar. Schon gar nicht in Staaten mit tiefem Bildungsniveau und desolater Medienlandschaft wie Myanmar, wo Desinformation via Facebook zu systematischen Massakern an der Rohingya-Minderheit geführt hat.

Aber auch in Europa lässt die tiefgreifende Medienkrise daran zweifeln, ob ein Appell an die Verantwortung des Einzelnen ausreicht, um den Desinformationen und Falschmeldungen etwas entgegen zu setzen.

Es wird daher meines Erachtens nötig sein, die sogenannten „Sozialen Medien“ und den Staat in die Verantwortung einzubinden, wobei nach Lösungen zu suchen ist, die das Risiko für Machtmissbrauch begrenzen:

Es ist zu prüfen, ob Facebook, Google und Twitter dem Presserecht unterstellt werden können, wie es zum Beispiel Corinna Milborn & Markus Breitenecker in ihrem Buch fordern („Chance the Games“ – Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern).

Der Staat kann und soll optimale Bedingungen schaffen für unabhängige Medien – sowohl zeitgemässe Service-public-Medien als auch Privatmedien. Und er kann und soll in politische Bildung und Medienkompetenz investieren.

Hier ausführlichere Texte von mir zum Thema:

Triumph der Meinung über Fakten, Wahrheit und Fachwissen – das kann nicht gut gehen!

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern     (zur Medienkrise)

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

 

P. S.: Bullshit-Resistenz braucht’s nicht nur in der Politik. Bullshit gibt’s überall. Die Versprechungen der Kosmetik-Industrie beispielsweise sind weitgehend Bullshit. Aber auch im Bereich der Alternativmedizin und Naturheilkunde ist es eine grosse Herausforderung, reele Aussagen von Bullshit zu unterscheiden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] „Freiheit gehört nicht nur den Reichen “ von Lisa Herzog

Verlagsbeschreibung

Die Ökonomin und Philosophin Lisa Herzog  mit einem Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus

Freiheit ist mehr als die Freiheit, zu wirtschaften. Dieses Buch stellt dar, wie Liberalismus heute gedacht werden muss, damit er nicht im Widerspruch zu Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und einem gelingenden Leben steht. Freiheit, so das Plädoyer, muss vielschichtiger verstanden werden, um zu sehen, welche Rolle Märkte für eine gute Gesellschaft spielen können. Jenseits des politischen Schubladendenkens wird das Bild einer Gesellschaft entworfen, die allen Mitgliedern ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht und dabei mit den begrenzten Ressourcen der natürlichen Welt vereinbar ist.
Das Buch führt in zentrale Themen der Ideengeschichte, Wirtschaftstheorie und Sozialphilosophie ein und legt die Denkmuster offen, die viele heutige Debatten prägen. Unter anderem geht es um die Frage nach einem realistischen Menschenbild jenseits des homo oeconomicus, um das Verhältnis negativer, positiver und republikanischer Freiheit und um die Frage, wie eine Politik aussehen kann, die sich auch jenseits des Wachstumszwangs an einem selbstbestimmten Leben für alle Menschen orientiert. Nicht zuletzt zeigt das Buch auf, wie mit einem zeitgemäßen Freiheits- und Menschenbild Märkte wieder in den Dienst einer gerechten Gesellschaft gestellt werden können.  Zum Shop

Zur Autorin Lisa Herzog

Lisa Herzog ist Professorin für Politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik / Technischen Universität München. Ihre Forschung verbindet Philosophie und Ökonomie, z. B. in dem Buch “Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus”.

Kommentar von Martin Koradi

Als Philosophin und Ökonomin ist Lisa Herzog bestens gerüstet für dieses Thema und es gelingt ihr ausgezeichnet, wirtschaftliches und philosophisches Wissen zu verknüpfen. Dabei bleibt sie immer gut lesbar und verständlich.

Der Wirtschaftsliberalismus hat unter anderem durch die Finanzkrise 2008 und durch wiederkehrende Exzesse in weiten Kreisen an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Um von breiten Schichten akzeptiert und getragen zu werden, muss er aufzeigen, dass nicht nur eine kleine Finanzelite von ihm profitiert, sondern dass er allen zu Gute kommt. Dazu muss der Liberalismus neu gedacht und aktualisiert werde, und zu dieser Debatte leistet Lisa Herzog mit ihrem Buch einen Beitrag. Sie zeigt dabei auch die Vielschichtigkeit des Freiheitsbegriffs auf.

In der philosophischen Tradition hat sich um diesen Begriff herum eine Dreiteilung entwickelt:

Im ersten Bereich wird Freiheit gesehen als Abwesenheit von Hindernissen und Zwang.

Im zweiten Bereich meint Freiheit Selbstbestimmung und die damit verbundene Fähigkeit, eigene Ziele setzen und verfolgen können.

Im dritten Bereich wird Freiheit betrachtet im Sinne der politischen Freiheit, die den Menschen die Möglichkeit gibt, Teil eines Gemeinwesens zu sein und in diesem Rahmen gemeinsam die Spielregeln festzulegen, nach denen man leben will. 

Diese verschiedenen Facetten der Freiheit und ihre vielfältigen Beziehungen zum “Markt” stellt Lisa Herzog gut nachvollziehbar dar.

Die Theorien der Ökonomie sind zwar meistens heftig umstritten und keineswegs so gut belegt, wie die Ökonominnen und Ökonomen es wohl gerne hätten und oft auch darstellen. Nicht nur trotzdem, sondern gerade auch deswegen geht die Diskussion um Liberalismus und Wirtschaft alle etwas an, nicht nur ökonomische Fachleute. Wer nicht gerade ein Studium in diese Richtung absolviert, bekommt von diesen Themen aber meistens erbärmlich wenig mit. Das Buch von Lisa Herzog bietet dazu einen guten Einstieg und liefert zudem auch Orientierungshilfen in vielen politischen Fragen.

 

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung: Kann man heute noch liberal sein wollen?
    Was hat “Liberalismus” mit “Freiheit” zu tun?
    Die soziale Dimension der Freiheit
    Das Bild vom guten Markt
    Ausblick
    Dank
    Liberalismus ohne Psychologie – Wie ein einseitiges Menschenbild den Liberalismus unfreiwillig herzlos machte
    Einleitung
    Die Herren des Vertrags
    Ein “realistisches” Menschenbild?
    Echte Menschen – Was die Verhaltensökonomie uns lehrt
    Die Befähigung zur Freiheit
    III. Liberalismus ohne Gerechtigkeit – Wie “soziale Gerechtigkeit ” zum Unwort wurde, und was sie heute bedeuten könnte
    Einleitung
    Die Facetten von Freiheit
    “Verdienst” im Markt
    “Verdienst” im Staat
    Eine neuer Sinn von sozialer Gerechtigkeit
    IV. Liberalismus ohne Komplexität – Wie der Liberalismus soziale Strukturen vernachlässigte
    Einleitung
    Die Rolle sozialer Normen
    Freiheit und Komplexität
    Formelle und informelle Machtstrukturen
    Umbau auf hoher See
    V. Liberalismus ohne Endlichkeit – Wie der Liberalismus die
    Umwelt vergaß, und warum ein Umsteuern uns zufriedener machen könnte
    Einleitung
    Wirtschaften in einer endlichen Welt
    Wozu das Ganze – die Frage nach dem Sinn
    Und der Rest der Welt?
    VI. Schluss: Unterwegs zu einem zeitgemäßen Liberalismus
    Anmerkungen

Von Lisa Herzog gibt es auch zwei Sendungen der”Sternstunde Philosophie”:

Lisa Herzog: Was ist schlecht an Ungleichheit?

Markt, Macht und Freiheit

 

 

 

Geschenkgutschein für Kräuterwanderungen

Suchen Sie einen Geschenkgutschein für eine Person, die gerne wandert und interessiert ist an Heilpflanzen, Wildkräutern und Alpenblumen?

Dann ist unser Geschenkgutschein für Kräuterwanderungen eine passende Möglichkeit. Dieser Gutschein gibt die Gelegenheit zur Teilnahme an Kräuterwanderungen in verschiedenen Regionen der Schweiz, zum Beispiel in den Kantonen Aargau, Schwyz, St. Gallen, Bern, Basel, Luzern, Obwalden, Schaffhausen, Graubünden, Wallis, Glarus, Zürich.

Sie finden den Geschenkgutschein hier:

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Weitere Informationen zu den Kräuterwanderungen gibt’s hier.

Die Detailausschreibungen der Kräuterwanderungen finden Sie in meinem Kursprogramm.

 

Friede der Kreatur (1878), von Gottfried Keller

Spinnen waren mir auch zuwider

All meine jungen Jahre,

Liessen sich von der Decke nieder

In die Scheitelhaare,

Sassen verdächtig in den Ecken

Oder rannten, mich zu erschrecken,

Über Tischgefild und Hände,

Und das Töten nahm kein Ende.

 

Erst als schon die Haare grauten,

Begann ich sie zu schonen,

Mit den ruhiger Angeschauten

Brüderlich zu wohnen;

Jetzt mit ihren kleinen Sorgen

Halten sie sich still geborgen,

Lässt sich einmal eine sehen,

Lassen wir uns weislich gehen.

 

Hätt ich nun ein Kind, ein kleines,

In väterlichen Ehren,

Recht ein liebliches und feines,

Würd ich’s mutig lehren,

Spinnen mit dem Händchen fassen

Und sie freundlich zu entlassen;

Früher lernt’ es Frieden halten,

Als es mir gelang, dem Alten!

 

Gottfried Keller (1819 – 1890), Schweizer Dichter und Politiker

 

Kommentar & Ergänzung:

Sie fragen sich, was ein solches „Spinnen-Gedicht“ auf einer Pflanzenheilkunde-Website zu suchen hat?

Lassen Sie mich das erklären und dazu ein wenig ausholen:

Wer Heilpflanzenkunde nur am Pult oder vor dem Computer betreibt, verpasst einen ganz wesentlichen Aspekt. Heilpflanzen muss man auch in ihrem Lebensraum kennen lernen.

Nur so entsteht ein anregender Kontakt und eine lebendige Beziehung zur Pflanzenwelt. Es geht dabei nicht um ein abgehobenes „Eso-Gesäusel“. Es geht nicht um eine fragwürdige „Vermenschung“ der Pflanzen, die ihnen Dialogfähigkeit, Sprachfähigkeit und Emotionalität unterschiebt. Mensch bleibt Mensch und Pflanze bleibt Pflanze. Sehr unterschiedliche Welten. Trotzdem kann der Mensch in Kontakt treten, Beziehung aufnehmen, mich auf eine anregende Begegnung einlassen.

Vielleicht machen gerade die Unterschiede zwischen Mensch und Pflanze die Qualität dieser Beziehung aus. Kontakt entsteht aus der Wertschätzung der Unterschiede (sagt die Gestalttherapie) und das Spezielle an der Natur ist, dass sie keine Meinung über uns hat (sagt Nietzsche).

Wer sich nun achtsam auf der Suche nach Heilpflanzen in der Natur bewegt, wird hoffentlich irgendwann merken: Es gibt auch viele Pflanzen, die keine heilkundliche Verwendung finden.

Ist es nicht eigenartig, wenn wir uns nur isoliert für Heilpflanzen interessieren, also für das, wovon wir uns einen direkten Nutzen versprechen? Daran schliessen sich knifflige Fragen an: Warum sind Heilpflanzen Heilpflanzen geworden und Nicht-Heilpflanzen Nicht-Heilpflanzen geblieben?

Mein Wunsch: Beachten wir die Nicht-Heilpflanzen mit gleich viel Interesse wie die Heilpflanzen. Und wer das nicht ganz ohne Eigennutz vermag: Zu mindestens ästhetisch bieten uns auch die Nicht-Heilpflanzen sehr viel Genuss.

Wer sich nun also nicht nur auf die Heilpflanzen fixiert, sondern offen ist für die Pflanzenwelt überhaupt, wird irgendwann hoffentlich bemerken: Mit und auf den Pflanzen und um sie herum gibt es ganz viel zu entdecken, was da „kreucht und fleucht“. Wunderschöne oder schlichtere Schmetterlinge….. die muss man ja nicht alle mit Namen ansprechen können (es gibt rund 3000 Arten in Mitteleuropa).

Aber warum kennen sehr viele Menschen – auch naturheilkundlich interessierte – nicht einmal mehr die häufigsten und auffälligsten? Schmetterlinge sind faszinierend von ihrer Lebensweise her und von ihren Farben und Formen eine Augenweide. Immerhin sind sie im Reich der Insekten für die Menschen noch so etwas wie Sympathieträger.

Aber Käfer? – Da kommen wir schon in schwierigere Gefilde. Auch hier gilt: Man muss sie nicht alle mit Namen ansprechen können (es gibt mehr als 8000 Käferarten in Mitteleuropa). Aber wenn man sich einmal Zeit nimmt und einen Käfer von nah anschaut – zum Beispiel die Fühler unter der Lupe oder mit dem Binokular-Mikroskop: Eine ganz neue Welt tut sich auf. Wunderbare Formen und schillernde Farben.

Und erst die Wanzen! – Wanzen? – Ja genau – die verdanken ihren schlechten Ruf der Bettwanze. Auf den Pflanzen gibt es aber ganz harmlose Wanzen mit einem exzellenten Farbdesign. Schauen Sie sich mal die Streifenwanze an in den Bildergalerien von Flims und Jeizinen. Sie könnte locker einen Design-Wettbewerb gewinnen. Aber auch hier muss sich niemand einen Stress daraus machen, alle Wanzen zu kennen (es gibt etwa 700 Wanzenarten in Mitteleuropa, darunter auch einige ausgesprochene „beauties“).

Und jetzt noch die Spinnen. Hier kommen wir beziehungsmässig in ziemlich desolates Gelände. Spinnenfreunde lassen sich meist an einer Hand abzählen (Spinnenfreundinnen an einer halben). Aber ehrlich: Was wissen Spinnenverächter überhaupt von Spinnen: hoch faszinierende Jagdstrategien, perfekte Balzrituale für ein „unfallfreies“ Rendez-vous (Spinnenmännchen müssen ihrer Angebeteten klar machen, dass es jetzt nicht ums Fressen geht….),  eindrückliche Netzbaukunst.

Und wer schon mal einer Spinne in ihre acht Augen geschaut hat….das kann ausprobieren, zum Beispiel mit meinem Binokular-Mikroskop, das ich an den Wochenend- und Wochenkursen dabei habe. Dieses Binokular-Mikroskop hat schon manche Spinnenabneigung in unverhohlene Faszination verwandelt. Und schlussendlich: Haben Sie die Springspinne schon gesehen, die in Ihrer Wohnung lebt? Die Zitterspinne? Die grosse Hauswinkelspinne? Alles sehr regelmässige Nachbarn des Menschen, mit interessanter Lebensweise. Warum eigentlich sind Mensch und Spinne sich so fremd?

Damit sind wir wieder beim Gedicht von Gottfried Keller. Ich wollte Ihnen zeigen: Pflanzenheilkunde kann auch ein Einstieg und ein Weg sein, um die Vielfalt der Natur genauer wahrzunehmen, um Beziehungen zu knüpfen zu unterschiedlich Lebewesen aus Pflanzen- und Tierwelt. Das führt schliesslich über die erweiterte Wahrnehmung zu einer Bereicherung der Welt, in der wir leben.

Nicht die Welt wird reicher – sie ist heute schon voller kleiner Wunder am Wegrand – nur laufen die meisten Menschen ziemlich blind durch die Gegend. Wer Pflanzen und Tiere aber einmal genau wahrgenommen hat, wird ihnen immer wieder begegnen. Dadurch kann sich auch eine tragfähigere Verankerung in der Welt entwickeln, eine Beheimatung in der Natur sozusagen.

Aus diesen Gründen scheint es mir wichtig, auf Heilpflanzen-Exkursionen zwar die Heilpflanzen (und andere Pflanzen) ins Zentrum zu stellen, aber auch die Augen offen haben für die kleinen Wunder aus der Tierwelt.

Schauen Sie sich im Kurskalender doch mal die Daten und Orte für meine Kräuterwanderungen an.

 

[Buchtipp] „Change the Game – Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern,“ von Corinna Milborn, Markus Breitenecker

 

Worum gehts?

Macht und Einfluss von Google und Facebook auf Einzelne 

Macht und Einfluss von Google und Facebook auf Einzelne

 

 

Verlagsbeschreibung

Im Silicon Valley haben einige wenige Tec-Giganten globale Medienmonopole aufgebaut. Konzerne wie Google oder Facebook machen uns süchtig und sind nur auf den ersten Blick kostenlos, bequem und attraktiv. Die renommierte Journalistin Corinna Milborn und der Mediengründer Markus Breitenecker zeigen auf, wie die Machtkonzentration der Plattformkonzerne unsere Demokratie zerstört und benennen, was wir dagegen tun können. Sie entwickeln neue Ideen für einen öffentlich-rechtlichen Auftrag, der die europäischen Medien dabei unterstützt, eigene (Social-) Media-Destinationen mit Qualitätsanspruch zu entwickeln und dabei auf Kooperation statt Konkurrenz setzt, um gegen die US-Tec-Monopole zu bestehen.

Bestellen bei Buchhaus.ch: Zum Shop

Aus Buchbesprechungen

“Das heimische Medienduo präsentiert Ideen für eine Neuordnung perverser Geschäftsmodelle und liefert mit dem Band eine kompakte Zusammenfassung zur aktuellen Medienkrise.”
Michaela Knapp, trend. Das Wirtschaftsmagzin.

„Die Euphorie ist vorbei. Zumindest bei zwei Schwergewichten der österreichischen Medienlandschaft: Corinna Milborn (…) und Markus Breitenecker (…) haben gemeinsam ein viel erwartetes Buch über die Dominanz der internationalen Digitalkonzerne wie Facebook und Google geschrieben. Und das Urteil der beiden Medienexperten fällt zutiefst kritisch aus.“

„’Change the Game’ liest sich wie der Schlachtplan zur Rückeroberung europäischer Mediensouveränität.”
Anna-Maria Wallner, Die Presse

Zur Autorin / zum Autor

Corinna Milborn ist Journalistin, TV-Moderatorin und renommierte Autorin. Seit 2013 ist sie Informations-direktorin der Sendergruppe ProSieben, Sat.1, Puls4-Österreich, 2017 wurde sie zur “Journalistin des Jahres” gekürt.

Markus Breitenecker ist Gründer von PULS_4 und des Digital-Festivals 4GAMECHANGERS. Er ist CEO von ProSieben, Sat.1, PULS 4 in Österreich und wurde mehrmals zum “Medienmanager des Jahres” gewählt.

Kommentar von Martin Koradi

Dieses Buch ist sehr ergiebig und informativ. Wer wissen will, wie Facebook, Google und YouTube funktionieren – und worauf es dabei ankommt, bekommt hier Auskunft.

Milborn und Breitenecker (M&B) beschreiben eindrücklich, wie diese “sozialen” Plattformen in grossem Stil Werbegelder absaugen und dadurch dem Qualitätsjournalismus die ökonomische Grundlage radikal entziehen. Das allein ist schon gefährlich für die Demokratie. Und die Spiesse sind zugunsten der monopolhaften Plattformen sehr ungleich lang. M&B plädieren meines Erachtens überzeugend dafür, die “Sozialen Medien” unter die Mediengesetzgebung zu stellen, damit sie Verantwortung übernehmen müssen für die Medieninhalte, die sie verbreiten, so wie das Zeitungen und TV-Stationen und Radio-Stationen auch müssen.

M&B sind langjährige Kaderpersonen im Privat-TV-Bereich. Umso erstaunlicher ist es, dass sie von der Wichtigkeit öffentlich-rechtlicher Medien auch für die Zukunft überzeugt sind und dazu detaillierte und gut überlegte Vorschläge machen. Sie sehen für die Öffentlich-Rechtlichen eine wichtige Funktion zum Ausgleich des Marktversagens im Bereich qualitativ hochstehender Medien. Öffentlich-rechtliche Medien sollten nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil ausgebaut werden, aber mit einem modifizierten und modernisierten Auftrag, der an das digitale Zeitalter angepasst ist. Diese Vorschläge sind sehr bedenkenswert.

Es braucht sehr grosse Anstrengungen von öffentlich-rechtlichen und privaten Medien, damit Europa den US-amerikanischen Tech-Monopolen aus dem Silicon Valley etwas entgegensetzen kann mit Alternativen, die Datensicherheit und Qualitätsjournalismus ermöglichen.

Diese Buch bietet sehr viel aktuelles Wissen zu Medienkompetenz und Medienpolitik. Sehr empfehlenswert.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Bestellen bei Buchhaus.ch: Zum Shop

[Buchtipp] „Kinder – natürlich gesund,“ von Walter Dorsch

 

Thema des Buches:

Naturheilverfahren in der Kinderheilkunde

Das Buch stellt bewährte Hausmittel für die Behandlung von Kinderkrankheiten vor und nutzt dabei Verfahren aus der Naturheilkunde. Eltern bekommen dadurch nützliche Tipps, wie sie ihre Kinder mit Naturheilmitteln gesund halten können. Das Buch ist frei von übertriebenen Versprechungen und zeichnet sich durch eine hohe Glaubwürdigkeit aus. (Kurzkommentar von Martin Koradi)

 

Verlagsbeschreibung:

Naturheilverfahren, die wirklich helfen

Hilft eine Bachblütentherapie bei Neurodermitis? Kann man ADHS biodynamisch auspendeln? Welche Naturheilverfahren tatsächlich heilende Wirkung haben, weiß der renommierte Kinderarzt und überzeugte Naturheilmediziner Walter Dorsch. Dieses Buch ist seine persönliche Bilanz aus jahrzehntelanger Forschung und Praxis.
Wenn der Nachwuchs krank ist, wünschen sich viele Eltern für ihre Kinder eine möglichst natürliche Behandlung und keinen Arzt, der bei einer Erkältung Antibiotika verschreibt. Doch was genau heißt “natürlich”? Welche Naturheilverfahren sind sinnvoll? Der erfahrene Kinderarzt und Naturheilmediziner Walter Dorsch beschreibt, welche Verfahren wann zum Einsatz kommen sollten und wie sie zur Heilung beitragen können. In vielen Fällen sind Pflanzenheilkunde, Hydrotherapie und andere Naturheilverfahren unverzichtbar und ergänzen sinnvoll die klassische Medizin. Doch es gilt zu unterscheiden zwischen obskuren Angeboten und seriöser Anwendung: Dieses Buch ist ein Leitfaden für Eltern, damit sie eine selbstbestimmte Entscheidung treffen können.

Hier bestellen beim Buchhaus: Zum Shop

Zum Autor Walter Dorsch

Prof. Dr. med. Walter Dorsch, geboren 1949 in Weilheim, war Professor für Allergologie und Pneumologie an der Universitätskinderklinik Mainz. Er entdeckte u.a. die heilsame Wirkung der Hauszwiebel bei der Behandlung von Asthma bronchiale. Seit 1994 arbeitet er in eigener Praxisgemeinschaft in München. Er ist Vater von sechs Kindern, einem Stiefsohn und Großvater von acht Enkeln.

Kommentar von Martin Koradi

In der Kinderheilkunde liegt die Naturheilkunde und damit auch die Phytotherapie zunehmend im Trend, weil Eltern vermehrt nach natürlichen Alternativen fragen.

Schaut man sich die Ratgeberliteratur zu diesem Thema an, wird allerdings auch viel “Schrott” publiziert. Das Buch von Walter Dorsch ist da eine löbliche Ausnahme. Kinderarzt Dorsch ist offen für Naturheilkunde, aber nicht unkritisch. Er nimmt differenziert und fundiert Stellung zu gebräuchlichen Methoden und Massnahmen und er zeigt in einem speziellen Kapitel auf, woran man eine seriöse Naturheilkunde erkennen kann.

Der Autor orientiert sich erkennbar an den 5-Säulen nach Kneipp, die den Kern der klassischen Naturheilkunde gut ausdrücken. 

Früher wurden Hausmittel zur Behandlung von unkomplizierteren Beschwerden auch der Kinder von Generation zu Generation weitergegeben. Viele Menschen machten damit in der eigenen Kindheit gute Erfahrungen. Heute fehlt dieser Wissenstransfer oft. Das hat zur Folge, dass Eltern nicht selten mit banalen Erkrankungen ihrer Kinder nicht mehr umzugehen verstehen und damit in die kinderärztliche Praxis oder sogar in Notfallstationen von Kinderspitälern kommen. Andererseits gibt es auch Eltern, die den Kontakt zur Medizin möglichst meiden und bei Erkrankungen zu lange selber “herumwursteln”.

Beides ist problematisch.

Indem das Buch von Walter Dorsch fundiertes Wissen über Naturheilkunde bei Kinderkrankheiten vermittelt, schliesst es eine Lücke. Es bietet mit konkreten Anleitungen und Rezepturen Anleitung zur Selbsthilfe, bleibt dabei aber erfreulich auf dem Boden und macht keine überzogenen Versprechungen.

Die langjährige Erfahrung des Autors in der Kinderheilkunde zeigt sich in jedem Kapitel.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen

[Buchtipp] „Fake statt Fakt – Wie Populisten, Bots und Trolle unsere Demokratie angreifen,“ von Ute Schaeffer

 

Worum gehts?

Fake News und Propaganda

Populismus und Demokratie

Ein ausgezeichnetes Buch über die Gefährdung der Demokratie durch Bots, Trolle und Fake News.

 

 

 

Verlagsbeschreibung

Inhalt:

Die digitale Manipulation
Der öffentliche Raum hat sich fundamental verändert. Was als Tweet oder Post beginnt, führt zu praktischer Gewalt und hat unmittelbaren Einfluss auf Wahlergebnisse. Ein regelrechter Informationskrieg ist entstanden, der unsere Gesellschaft spalten und demokratische Institutionen unglaubwürdig machen soll. Es geht um Stimmungen, nicht um Fakten. Populisten und Extremisten brauchen eine Story: mit Opfern und Tätern, klaren Feinden und Helden. Somit sind die Echo- und Meinungsräume im Internet ein Biotop für beide. Ute Schaeffer hat sich fast zwei Jahre undercover in diese Räume begeben. Sie beschreibt die Akteure hinter den Kampagnen, analysiert die Storys und zeigt, auf welche Weise die Funktionen des Netzes die Wirkung der Propaganda verstärken.

Hier bestellen beim Buchhaus: Zum Shop

Zusammenfassung

Aufgedeckt von einer der versiertesten Journalistinnen Deutschlands: Mechanismen und Akteure hinter den Fake News, die die öffentliche Meinung manipulieren.

Aus Buchbesprechungen

“Schaeffer warnt davor, auszublenden, was im Netz verhandelt wird. ”
emotion 1. Juli 2018

»Das Buch liefert wesentliche Informationen zum Hintergrund und viele Diskussionsansätze. «
3. September 2018, Hessischer Bildungsserver

»Sie analysiert, wie Meinungen gemacht werden, und zeigt auf, warum dies für die Demokratie gefährlich ist. «
30. Juli 2018, Martina Dannert, ekz-bibliotheksservice

»Wichtigste Voraussetzung für eine wirksame Abwehr ist die Kenntnis der Mechanismen, mit denen die Netz-Fälscher in Politik, Werbung und Medien verfahren. Hierfür liefert der Band wertvolle Hilfe. «
11. Juli 2018, Badische Neueste Nachrichten

»Was Schaeffer schreibt, verwundert wenig, macht aus einem Ahnen aber durch sorgfältiges und umfassendes Ausleuchten ein Wissen. «
3. Juli 2018, Goslarsche Zeitung

»Schaeffer entdeckte zu ihrem Bedauern professionelle Content- und Vertriebsstrategien sowie viel Desinformation. Aber mit Blick auf den etablierten Journalismus hat sie auch einiges nachdenklich und selbstkritisch gemacht.«
13. Juni 2018, Frank Hauke-Steller, kress news

»Gegenmaßnahmen für eine resiliente Demokratie …«
6. Juli 2018, Wolfgang Taus, Wiener Zeitung

»Sie zeigt dabei, wie Sprache Wirklichkeit umstülpen kann. «
18. Juni 2018, www.kultur-punkt.ch

»Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, also bedarf es wirksamer Gegenmaßnahmen, um uns und unsere Demokratie zu schützen. Solide Informationen über das Geschehen im Netz sind der erste wichtige Schritt – und dazu leistet die Autorin einen wesentlichen und wichtigen Beitrag!«
17. Juni 2018, Dietmar Langusch, www.lehrerbibliothek.de

»Eine ihrer Erkenntnisse lautet, dass sich eine immer größere werdende Gegenöffentlichkeit in eigenen Echokammern bildet. «
1. Juni 2018, Team Vorarlberg – Standpunkte für Wirtschaft und Gesellschaft

»Schaeffer entdeckte zu ihrem Bedauern professionelle Content- und Vertriebsstrategien sowie viel Desinformation. Aber mit Blick auf den etablierten Journalismus hat sie auch einiges nachdenklich und selbstkritisch gemacht.«
13. Juni 2018, Frank Hauke-Steller, kress news

Zur Autorin Ute Schaeffer

Ute Schaeffer war Chefredakteurin der Deutschen Welle und ist heute Leiterin Medienentwicklung und stellvertretende Direktorin der DW-Akademie. Sie hat lange Jahre aus Afrika, Osteuropa und den arabischen Staaten Bericht erstattet und kennt viele Herkunftsregionen der Flüchtlinge persönlich.

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch von Ute Schaeffer ist sehr ergiebig und  geht meines Erachtens weit über das Thema „Fake statt Fakt“ hinaus. Die Autorin liefert einen hautnahen Einblick in die Kommunikations- und Marketingstrategien der AfD und der Identitären Bewegung. Überaus erkenntnisreich und gut lesbar. Die demagogischen Strategien und auch die Verführungskraft werden dadurch auf vielfältigen Ebenen sichtbar. Für meinen Geschmack zitiert das Buch die demagogischen Slogans fast zu häufig. Man sollte Lügengeschichten nicht zu oft wiederholen und sie bei jeder Gelegenheit konsequent widerlegen. Aber eindrücklich ist dieser Einblick allemal.

Schaeffers Buch zeigt auch, wie konsequent rechtpopulistische und rechtsextreme Akteure mit Falschmeldungen demokratische Istitutionen diskreditieren und damit ihre eigene Agenda verfolgen.

Ein eigenes Kapitel ist der Einflussnahme der Kreml-Propaganda gewidmet, die konsequent rechtspopulistische und rechtsextreme Akteure unterstützt und gezielt Misstrauen, Konflikte und Polarisierung in demokratischen Staaten schürt.

Ein weiteres Kapitel handelt vom Einfluss  türkischer TV-Stationen als Multiplikatoren der AKP-Politik in Deutschland.

Auch der raffinierte Medien-Dschihad des IS wird in einem eigenen Kapitel vorgestellt.

Und dann- ein absolutes Zukunftsthema – geht es um Big Data, Microtargeting und Profiling am Beispiel des Wahlkampf Donald Trumps. Hier kommt etwas auf uns zu, das grosse Aufmerksamkeit erfordert, weil dadurch demokratische Prozesse vollständig unterspülen kann.

Ute Schaeffer beschliesst ihr Buch mit ein paar Vorschlägen, wie wir die digitale Öffentlichkeit gestalten können.

Das Thema verlangt meines Erachtens darüber hinaus aber von uns allen Nachdenken und Aktivwerden, um diesen Herausforderungen demokratischer Gesellschaften Widerstand entgegen setzen zu können.

Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis von „Fakt statt Fakt“ finden Sie anschliessen sweiter unten.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen

 

Inhaltsverzeichnis

TEIL 1

WIR GEGEN DIE ANDEREN – DIE GEGENÖFFENTLICHKEIT IM NETZ

Umzug in die andere Echokammer. Die Recherche    13

Fake statt Fakt – das heißt was? ∙ Mitmachen und erleben – nicht mehr nur kommunizieren ∙ Warum das Buch zum Thema? ∙

Radikalisierung über das Netz ∙ Wie Sprache Wirklichkeit verändert ∙
Der Selbstversuch
Eine Gegenöffentlichkeit schaffen –

Medien der Neuen Rechten im Netz       25

Die Akteure – von der nationalkonservativen Traditionsmarke bis zum Blog ∙ Protest aus dem Nichts – Emotionen füllen nachrichtenarme Zeiten ∙ Tendenzmedien und Politik-PR
– verbreitet wird vor allem Werbung ∙ Die Medien der Neuen Rechten ∙ Mitmachen und erleben – jeder kann aktiv werden ∙ Echokammer-Live: mein Besuch auf der Compact–Konferenz 2016 ∙ Vielfältiges Angebot: vom Verschwörungsportal bis zum anonymen Fake-Blog ∙ Gemeinsam sind wir stark: die rechte Filterblase ∙ Die Strategie ∙ Reichweite erhöhen: Social Bots in der digitalen Gegenöffentlichkeit ∙ Inhaltliche Schlagseite – Fake als redaktionelles Mittel ∙ Schlüsselthemen: Flüchtlinge und Terror ∙ Emotion als Verstärker

Die Grenze des Sagbaren verschieben    62

Die rechte Brille, mit der ich die Welt betrachte ∙ Katalysator-Themen ∙Die Erzählungen in der rechten Echokammer ∙ Alles darf gesagt werden – ?

Die »Wir-gegen-die!«-Kommunikation der AfD: Provokation und Protest statt Programm und Problemlösung  106

Der direkte Draht zum Volk – Soziale Medien als ideales Medium der Populisten ∙ Tabubruch durch Spitzenpolitiker ∙ Eskalation zur besten Sendezeit: die AfD und die »Systemmedien« ∙ Deutungshoheit durch hohe Frequenz ∙ Zielgruppengerechte Ansprache: Emotionen schaffen, um sie zu bedienen ∙ Protest braucht Feinde ∙ Mit wenigen Themen punkten ∙ Provokation um jeden Preis ∙ Die Echokammern der AfD: Einladung für rechtsextreme Positionen ∙ Menschenrechte? Ja, aber nicht für alle! ∙ Die Twitterstrategie der AfD ∙ Reichweite über Contentsharing ∙ Parolen statt Programm

Rechtsextremer Flashmob –die Identitäre Bewegung   135

Digitaler Flashmob – Sponti-Aktionen online und offline ∙ Netz- Avantgarde und Widerstandsgruppe ∙ Die Kriegserklärung: die IB als europäische Marke ∙ Der rote Faden identitärer Erzählungen ∙ Etikettenschwindel: die »Wortschmiede« der Identitären ∙ Genderwahn bei der IB ∙ Wie aus abstrakten Begriffen Botschaften und Aktionen werden

Bericht aus der Echokammer – Erfahrungen nach zwei Jahren Selbstversuch  155

Persönlichkeitsspaltung zu Recherchezwecken ∙ Keine Ideologie ohne Erzählung ∙ Einheitsmeinung statt Meinungsvielfalt

TEIL 2

AKTEURE VON AUSSEN

Alte Methoden, digitale Technik – und eine Botschaft der Stärke. Die (Des-)Informationsarbeit des Kreml   167

Russlands digitale Medienstrategie für Westeuropa ∙ Russische Medien als Teil der Gegenöffentlichkeit in Deutschland ∙ Die Rollenverteilung – das starke Russland, das schwache Europa ∙ Alte Methoden, neue Technik ∙ Digitale Verstärker: Vernetzung mit Plattformen der Neuen Rechten ∙ Politische Verbindungen zu Rechtspopulisten in Deutschland ∙ Regieanweisungen der Politik: Schlüsselbegriffe und Themen ∙ Politische Destabilisierung – und Polarisierung der öffentlichen Meinung ∙ Die Kampagne #unserelisa. Die Kampagne #lügenpresse ∙ Medien im Zensurstaat Russland: Information als Herrschaftsinstrument ∙ (Des-)Information als Waffe im hybriden Krieg ∙ Informationen als Waffe – die Strategie des Verteidigungsministeriums ∙ Die Ukraine als Testfall des hybriden Krieges ∙ Agendasetting im Krieg: Anweisungen des Kreml für die Ostukraine ∙ Die Ukraine-Erzählung in den russischen Auslandsmedien ∙ Politisches Marketing: Trolle im Dienste der Politik ∙ Die Wirkung: Misstrauen und Verunsicherung

Deutschland ist der Feind der Türkei – wie Erdoğan über seine Medien die deutsche Öffentlichkeit polarisiert        204

Die deutsch-türkische Beziehungskrise 2016/17 ∙ Türkische TV – Sender als Multiplikatoren der AKP-Politik in Deutschland ∙ Türken in Deutschland – für Erdoğan wichtige politische Zielgruppe ∙ Das Netzwerk der AKP in Deutschland ∙ Die Proteste im Gezipark 2013 – der Beginn einer neuen AKP-Medienstrategie ∙ Erdoğans Trolle ∙

Medien stramm auf Erdoğan-Kurs ∙ Der Stoff, aus dem die Erzählungen der AKP sind ∙ Deutschland steht auf Seiten der Feinde der Türkei und unterstützt den Terror ∙ Die Türken werden wegen ihres Glaubens, ihrer Werte, ihrer Identität beschimpft ∙ Medien und Politik verbreiten Lügen über die Türkei ∙ Deutschland ähnelt der Nazidiktatur, es herrscht Rassismus ∙ »Nazimädchen Merkel« – das Echo der Botschaften Erdoğans in den Sozialen Medien ∙ Die freiwilligen Unterstützer im Netz

Der Medien-Dschihad des IS – Informationen als Werkzeug des Terrors   229

Radikalisierung vor dem Computer – wie Dschihadisten in Deutschland angeworben werden ∙ Anis Amri – Berlin, Anschlag auf den Breitscheidplatz 19. 12. 2016 ∙ Ohne digitale Medien kein globaler Dschihad des IS ∙ Wer radikalisiert sich? ∙ Dschihad und Terror in Echtzeit – den Schrecken multiplizieren ∙ Kein Weltreich ohne internationale Propaganda – die Entwicklung seit 2014 ∙ Die Medienstrategie des globalen Dschihad ∙ Informationen als Waffe im Kampf gegen die »Kreuzzügler« ∙ Flexible Wege zum Kunden ∙ Moderne mediale Verpackung ∙ Der Kampf findet auch auf dem Schlachtfeld der Medien statt ∙ Die Medienunternehmen des digitalen Kalifats ∙ Medienplattformen für unterschiedliche Zielgruppen ∙ Der Terror-Ticker Amaq – die Nachrichtenagentur des IS ∙ Die Zielgruppen des IS ∙ Die Erzählung für die Zielgruppen in Deutschland: Komm raus aus Isolation und Ungerechtigkeit und werde ein Held! ∙ Scharia statt Demokratie – die verfassungsfeindliche Botschaft kommt bei den Nutzern in Deutschland an

Big Data, Microtargeting, Profiling – wie mit Donald Trump ein Populist Präsident wurde   254

Die Marke Trump: made by social media ∙ Die Fiktionalisierung der Politik ∙ Der Twitter-Präsident: Politik in 140 Zeichen ∙ Mobilisierung durch Provokation: Trumps Angriff auf Staat und Medien ∙ Alternative Medien verbreiten alternative Fakten ∙ Medium gegen das Establishment:

Breitbart.com ∙ Das Internet als Schlüsseltechnologie für das Erstarken der Alt-Right-Bewegung ∙ Die technischen Zutaten für den Erfolg von Trump ∙ Warum ein Trump-Wahlkampf in Deutschland (noch) nicht funktioniert ∙ Wahlkampf via Direktmarketing ∙ Kommerzielle Trolle in Mazedonien machen Werbung für Trump

Digitales Marketing – wie das Netz mir hilft, an den Fakten vorbeizusehen   278

Wie Facebook gläserne Nutzer serviert ∙ News oder Marketing? – Wenn die Gesetze der Werbung den Stellenwert von Informationen bestimmen ∙ Eine gute Platzierung bei Google schafft Reichweite ∙ Algorithmen bestimmen, was ich sehe – bestimmen sie auch, wie ich mich verhalte? ∙ Kinderleicht: Facebook-Werbung schalten ∙ Werbung leicht gemacht: Erstwähler über Facebook für die AfD begeistern ∙ Achtung ansteckend! Warum sich vor allem Gefühle so gut im Netz verbreiten lassen und warum Soziale Medien so wirkungsvolle Verstärker sind ∙ Roboter, die sich verhalten wie Menschen: Social Bots

Kein Algorithmus der Welt wird uns das kritische Denken abnehmen  289

Wie groß ist der politische Schaden? ∙ Es geht um einen anderen Gesellschaftsentwurf ∙ Weltvereinfachungsformeln für eine komplexe Welt ∙ Desinformation als Mittel zum Zweck ∙ Postfaktisch ist nicht neu ∙ Digitales Agendasetting und Meinungsbildung ∙ Und nun? Digitale Öffentlichkeit gestalten – ein paar Vorschläge ∙ Der digitale Strukturwandel ist eine großartige Chance auf mehr Demokratie

Anhang   315

Anmerkungen ∙ Quellen ∙ Glossar ∙ Dank

Heilpflanzen-Seminar: Nächster Lehrgang startet ab 14. Juni 2019

Das Heilpflanzen-Seminar über 6 Wochenenden mit Start im Dezember 2018 ist bereits ausgebucht. Deshalb habe ich einen zusätzlichen Lehrgang ausgeschrieben mit Start am 14. Juni 2019.

Dieser Lehrgang beginnt mit dem Wochenende vom 14. – 16. Juni in Feldis (Graubünden). Wir werden dort auf Kräuterwanderungen Heilpflanzen, Wildkräuter und Alpenblumen in der Natur kennenlernen. Anschliessend mach der Lehrgang eine Sommerpause und fährt fort mit fünf Wochenenden (Sa/So) in Winterthur verteilt auf die Monate September / Oktober / November / Dezember.

Sie können in diesem Lehrgang in kompakter, verständlichen Form fundiertes Wissen über Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Heilpflanzen erwerben.

Hier finden Sie die Detailausschreibung und die Anmeldemöglichkeit:

Heilpflanzen-Seminar Winterthur

 

[Buchtipp] „Ein ganz normales Pogrom“ von Sven Felix Kellerhoff

 

Worum gehts?

Novemberpogrome 1938 im “Dritten Reich”

Antisemitismus im Nationalsozialismus

Das Buch bietet einen eindrücklichen Einblick in das Aufkommen des Antisemitismus durch die Schilderung der Ereignisse rund um die Novemberpogrome am Beispiel des Weindorfes Guntersblum.

 

Verlagsbeschreibung

November 1938 in einem deutschen Dorf

Im November 1938 geht im ganzen Deutschen Reich die Saat des Hasses auf. In Hunderten Gemeinden demütigen Einwohner ihre jüdischen Nachbarn. Sven Felix Kellerhoff zeigt am Beispiel des rheinhessischen Weindorfes Guntersblum, wie der Hass wucherte, ausbrach und welche Folgen er hatte.
Das heutige Bild des Novemberpogroms 1938 wird von den Vorgängen in Berlin und einigen anderen großen Städten wie München oder Essen dominiert. Doch das eigentlich Schockierende an den antisemitischen Übergriffen der “Reichskristallnacht” war, dass sie anders als frühere organisierte Pogrome tatsächlich reichsweit und bis in die Provinz hinein stattfanden. Die Novemberpogrome sind die Zäsur zu einer neuen Qualität und Intensität der Verfolgung. Gerade der Blick in ein ganz normales Dorf macht die erschreckende Normalität des Judenhasses greifbar und unmittelbar einsichtig. Hier kannten sich Opfer und Täter tatsächlich, lebten eng zusammen. Sven Felix Kellerhoff erzählt von den ergreifenden Schicksalen der Betroffenen in Guntersblum. Er zeigt, wie das Gift des Antisemitismus sich ausbreitete, wie die Situation ab 1933 eskalierte, was im November 1938 genau geschah und wie die Vergangenheit den Ort bis heute nicht loslässt.

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Zum Autor Sven Felix Kellerhoff

Sven Felix Kellerhoff, geboren 1971 in Stuttgart, studierte Zeitgeschichte, Alte Geschichte und Medienrecht. Nach verschiedenen journalistischen Stationen arbeitet er seit 2003 als Leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte der »WELT«. Er ist Autor zahlreicher zeithistorischer Sachbücher. 2012 erhielt er den Ehrenpreis der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

Kommentar von Martin Koradi

Warum solche Bücher wichtig sind? Weil sie zeigen, wie wertvoll ein Rechtsstaat ist, dass der Rechtsstaat nicht als selbstverständlich angesehen werden kann, und dass die Decke der Zivilisation manchmal viel dünner ist, als wir meinen.

Das Weindorf Guntersblum wurde im November 2008 von seiner Geschichte  eingeholt.  Die „Welt“ veröffentlichte zwei Fotos aus dem Landesarchiv Speyer, die zu einer Serie von Aufnahmen gehören, die am 10. November 1938 in Guntersblum gemacht wurden und insgesamt sechs ältere Juden zeigen, die zu einem Demütigungsmarsch durch den Ort gezwungen worden waren.

Die sechs Gedemütigten und ihre Peiniger sind auf den Fotos gut zu erkennen und konnten identifiziert werden.

Kellerhoff bettet die Guntersblumer Geschehnisse ein in die historische Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg ein. Die Auswirkungen der Nazi-Propaganda und der Gesetze zur sozialen Ausgrenzung der Juden bezieht der Autor immer wieder auf die regionale Ebene herunter. Das Buch zeigt eindrücklich auf, wie erst die antisemitische Stimmung und dadurch der Kreis der Täter, Helfershelfer und Dulder anstieg.

Zum Guntersblumer Verbrechen liegen zahlreiche  Dokumente vor, darunter Vernehmungsprotokolle von Zeugen und Tätern, die von den Allierten befragt wurden. Dadurch konnte das Verbrechen fast lückenlos aufgearbeitet werden.

So kann Kellerhoff als Historiker nach Antworten suchen auf die fundamentalen Fragen, wie das geschehen konnte, wie Nachbarn plötzlich zu Barbaren werden können und jene Menschen als Aussätzige behandeln, mit denen sie eben noch friedlich nebeneinander wohnten.

Kellerhoff schildert aber auch, wie sich die Geschichte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiter entwickelte und wie es zur Aufarbeitung kam.

Im Abschlusskapitel mit dem Titel „Bedeutung“ geht der Autor der Frage nach: Wie was das möglich?

Er schreibt dazu:

„Die Novemberprogrome 1938 brauchten beides: den grundsätzlichen Auftrag der Staatsspitze und lokale Initiativen, in denen nationalsozialistische Aktivisten ihren aufgestauten Hass abreagierten und sich häufig gleich noch selbst bereicherten. Genauso war es bei der Judenverfolgung insgesamt: Möglich wurde dieses mit Abstand schlimmste Verbrechen der mitteleuropäischen Geschichte nur, weil der Wille der Regierung auf die Bereitschaft ausreichend vieler Täter traf, schrittweise und mit oft grausamer Kreativität die Diskriminierungs- und Verfolgungsmassnahmen gegen eine kleine Minderheit zu eskalieren. Erst dieser doppelte Antrieb führte zur ‚kumulativen Radikalisierung’, die der Historiker Hans Mommsen zu Recht als die treibende Kraft beschreib, die schliesslich zum Holocaust führte…..

Sechs Millionen Menschen mussten sterben, weil untergeordnete Dienststellen und Einzelpersonen sich die nationalsozialistische Maxime des Judenhasses zu eigen machten und sie mit aller Kraft so gründlich wie möglich umzusetzen versuchten. Erst dieses furchtbare Engagement sorgte dafür, dass völlig unschuldige Menschen bis in die letzten Winkel Deutschlands, später des besetzten Europa diskriminiert, deportiert und umgebracht wurden.

Dabei blieb den Tätern, ihren Helfershelfern und den Nutzniessern stets Handlungsspielräume. Das kann man wiederum am Beispiel Gunterblum erkennen: Derselbe NSDAP-Funktionär, der zu den Antreibern des Demütigungsmarsches gehörte, schützte später im Krieg die jüdische Frau des ‚arischen’ Dorfarztes. Das freilich ist keineswegs entlastend, sondern zeigt im Gegenteil gerade die Möglichkeiten, die es trotz der eindeutig radikal antisemitischen Regierungspolitik vor Ort immer noch gab – die aber nur selten genutzt und meist ignoriert wurden.“

Es braucht mehr Sensibilisierung für solche Prozesse der Dehumanisierung. Wir leben in einer Zeit, in der vergleichbare Vorgänge jederzeit wieder vor der Tür stehen können.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen

[Buchtipp] „1938 – Warum wir heute genau hinschauen müssen“, von Barbara Schieb, Jutta Hercher, Klaus von Dohnanyi

 

Worum gehts?

1938 – ein Wendepunkt auf dem Weg in den Dritten Weltkrieg

Dieses Buch beschreibt sehr eindrücklich, wie sich der Nationalsozialismus 1938 gefestigt und in der Bevölkerung verankert hat – vor dem Schritt in den Dritten Weltkrieg. Daraus lässt sich viel lernen, um ähnliche Entwicklungen weltweit frühzeitig zu erkennen.

 

Verlagsbeschreibung zu “1938”

Klaus von Dohnanyi schreibt im Vorwort:

“So brauchen wir nicht nur die Erinnerung an 1938, an die Jahre davor und danach, sondern auch einen mutigen Blick nach vorn. Denn Freiheit und Demokratie müssen auch heute mit Mut und Zivilcourage verteidigt werden.”

Warum müssen wir heute wieder genau hinschauen? Vieles von dem, was 1938 damals ereignet hat, ist wieder aktuell geworden: Flüchtlingskrise, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, internationales Kräftemessen, ein Erstarken der rechten Parteien, Fake News.
1938 markiert einen Wendepunkt, nicht nur im Leben vieler Menschen hier, sondern weltweit. 1938 werden politische Entscheidungen getroffen, die in den großen, ein Jahr später ausbrechenden Flächenbrand münden. 1938 machen sich Hunderttausende auf die Flucht, sie suchen Schutz vor Verfolgung, aber keiner ist bereit, sie aufzunehmen. 1938 manipulieren politische Agitatoren durch Hetzkampagnen und Falschmeldungen die Bevölkerung und eine beispiellose Gewalt gegen Ausgegrenzte wird schweigend geduldet oder sogar begrüßt. Die Nachwirkungen der sich 1938 anbahnenden Katastrophe sind bis heute spürbar, und die Geister, die damals gerufen wurden, sind heute wieder aktiv.
Zeitzeugen, Überlebende und auch deren Enkel erzählen in persönlichen Berichten ihre Geschichte, darunter Gabriel Bach, Walter Frankenstein, Ruth Rotem, August Zirner, Mirna Funk, Linda Rachel Sabiers, Monica Dugot oder Arye Sharuz Shalicar. Noch nie veröffentlichte Dokumente, zahlreiche Fotografien und eine lebendige Gestaltung machen das Jahr 1938 greifbar und zeigen zudem Parallelen auf, die in Zeiten eines neu aufkommenden Nationalismus gefährlich werden können. Insofern ist dieses Buch auch ein warnender Weckruf.

Mit einem Vorwort von Klaus von Dohnanyi.

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Zu den Herausgeberinnen Barbara Schieb und Jutta Hercher

Barbara Schieb studierte Geschichtswissenschaft und Germanistik in Freiburg im Breisgau und Berlin und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand an der Gedenkstätte Stille Helden.
Jutta Hercher ist als Dokumentarfilmerin tätig und lebt als freie Autorin in Berlin.

Kommentar von Martin Koradi zum Buch “1938”

Die Geschichte wiederholt sich nie genau gleich. Trotzdem lässt sich an manchen Punkten viel aus ihre lernen. Und 1938 ist dafür tatsächlich ein ergiebiges Jahr. Hier zeigt sich, wie ein totalitäres Regime sich immer fester installiert, aber auch, wie rasch Menschen sich solchen Verhältnissen anpassen, aber auch, welche Möglichkeiten für des Sich-Entziehens und des Widerstands es gibt. 

Das Jahr 1938 war eine entscheidende Phase auf dem Weg in den Abgrund. Mit dem “Anschluss” Österreichs im März und  der Zerschlagung der Tschechoslowakei ab Herbst beginnt das Nazi-Regime, die infolge des Ersten Weltkrieges festgelegte Grenzordnung zu zerstören, währen der britische Premierminister Chamberlain glaubt, mit seiner Appeasement-Politik den Frieden sichern zu können. Aber auch im Innern des “Dritten Reiches” wurden laufend Grenzen aller Art überschritten. Die Herausgeberinnen schreiben in der Einleitung dazu:

“1938 war das Jahr,  in dem jeder sehen konnte, wie diese Diktatur funktionierte und auch, dass sie direkt in den Krieg führte. Im Januar 1938 kommentierte Joseph Goebbels die enorme Verschuldung des Staatshaushalts: «Aber an Schulden ist noch nie ein Volk zugrunde gegangen. Wohl aber an einem Mangel an Waffen.» Die NS-Politik funktionierte nur mit dem Vorgriff auf zukünftige Raubzüge; Goebbels im März 1938: «Wir haben einen bedeutenden Fehlbetrag. aber dafür Österreich.» Der sogenannte Anschluss wurde für beispiellose Plünderungen genutzt und ging einher mit bis dahin unvorstellbar offener Gewalt. Die vollständige Enteignung der jüdischen Bevölkerung war von vornherein kalkuliert und begann 1938 in grossem Stil.

Es war das Jahr, in dem das NS-Regime in die Offensive ging. Niemand mehr stellte sich der Politik ernsthaft in den Weg – weder Kriegsgegner noch konservative Bürger, weder Beamte noch Institutionen oder die Kirchen, und auch nich die anderen europäischen Regierungen.

Vieles geschah 1938 zum ersten Mal: die Inbesitznahme eines souveränen Nachbarstaates – Österreich – , offene Kriegsdrohung und Ultimatum – Anspruch auf das Sudetenland -,  Massenverhaftung und Arbeitszwang mit der Aktion ‘Arbeitsscheu Reich’, die erste grosse Abschiebung von Tausenden Juden mit polnischen Pässen. Es gab das Gesetz zur Beschlagnahme von sogenannter entarteter Kunst, die systematische Enteignung der jüdischen Bürger und schliesslich die berüchtigten Novemberpogrome – den offenen Terror.”

Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass es diese politischen Vorgänge anhand von persönlichen Schicksalen eindrücklich, konkret und hautnah nachvollziehbar macht.

Barbara Schieb und Jutta Hercher schreiben in der Einleitung:

“1938 war das Jahr, in dem Menschlichkeit zur Ausnahme wurde und Terror zur Normalität. Jede und jeder konnte damals wissen, worauf Deutschland zusteuerte, weil es vor aller Augen geschah. Ab 1933 wurde die Schicht  der Humanität Lage für Lage abgetragen, und zwar ohne grossen Protest, dafür aber nicht selten begleitet von der Begeisterung einer korrumpierten Bevölkerung. Wie die Gesetze von 1933 und 1935 gegen Juden und alle politischen Gegner zeigten, ging die Verwandlung Deutschlands vom Rechtsstaat zur Diktatur in atemberaubendem Tempo vor sich.

Wer jetzt nicht Hilfe von guten Freunden, mutigen oder einfach human denkenden Menschen bekam, war in seiner gesamten Existenz gefährdet. Was aber heisst das genau? Wie muss es gewesen sein, wenn die Miete nicht mehr bezahlt werden konnte oder dem Ladenbesitzer die Kundschaft wegbrach? Wie war das, wenn die einstmals gefeierten Mäzene der Stadt, die den Museen wertvolle Gemälde geschenkt, das Waisenhaus unterstützt, den Fussballverein gefördert oder die Bestuhlung des Gemeindesaals bezahlt hatten, aus den Kuratorien, Sportvereinen und Gemeinderäten geworfen und von den Einladungslisten gestrichen wurden, Hausverbot erhielten, sich Freunde und Bekannte wegdrehten, wenn sie einander auf der Strasse sahen. Wie war das, wenn die Kinder nicht mehr in die Schule gehen durften, in denen ihre Freunde waren? Oder die Freunde von einst auf sie spuckten, die Lehrer nicht mehr ihre jüdischen Schüler schützten, oder sie, im Gegenteil, dem Spott preisgaben.”

Das Buch zeigt eindringlich auf, wie eine Bevölkerung im Alltag nach und nach korrumpiert wird und sich korrumpieren lässt. Es ist in diesem Sinn eine Warnung und ein Aufruf zur Wachsamkeit. Es zeigt aber auch Widerstand und Zivilcourage.

Rechtspopulismus ist nicht schon Nationalsozialismus oder Faschismus. Aber weil Parteien wie AfD, FPÖ und Lega sich wiederkehrend nicht eindeutig von extremistischen Personen und Vorstellungen abgrenzen können oder wollen, ist eine Entwicklung in diese Richtung auch nicht ausgeschlossen. Leider sind die Übergänge hier oftmals sehr fliessend. Madeleine Albright verweist in ihrem Buch “Faschismus – eine Warnung” auf eine Äusserung des italienischen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Primo Levi hin, wonach jedes Zeitalter seinen eigenen Faschismus habe.

Das Buch “1938 – Warum wir heute genau hinschauen müssen“, bietet passend zur gegenwärtigen Lage eine sehr aktuelle, lebendige und packende Geschichtslektion.

 

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.