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[Buchtipp] „Bullshit-Resistenz“ von Philipp Hübl

Verlagsbeschreibung

Im Zeitalter der digitalen Medien sind wir konfrontiert mit Lügen, Fake News und Verschwörungstheorien: Bullshit ist überall. Der Begriff steht für all das, was falsch, irreführend oder einfach so dahergesagt ist. Mit der viralen Verbreitung von Bullshit, vor allem in den sozialen Netzen, gerät die Demokratie in Gefahr. Philipp Hübl erklärt, inwiefern uns Stammesverhalten und unkritisches Denken für Bullshit anfällig machen und warum uns die Fakten nicht egal sein dürfen. Er zeigt auf, wie wir resistenter, also widerstandsfähiger werden können, um uns zu schützen. Bullshit-Resistenz in der Tradition der Aufklärung bedeutet: “Die Verantwortung für die Wahrheit liegt bei jedem Einzelnen selbst.” Zum Shop

Zum Autor Philipp Hübl

Philipp Hübl ist Philosoph und Autor. Er war Juniorprofessor an der Universität Stuttgart und hat zuvor an der RWTH Aachen und der Humboldt-Universität Berlin gelehrt. Hübl studierte Philosophie und Sprachwissenschaft in Berlin, Berkeley, New York und Oxford. Er schreibt über gesellschaftliche und politische Themen, beispielsweise für DIE ZEIT, FAZ, taz und NZZ. Im “Philosophie Magazin” erscheint seine Kolumne “Hübls Aufklärung”. Als Buchautor veröffentlichte er u. a. “Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie” (2012).

Kommentar von Martin Koradi

„Bullshit-Resistenz ist eine Kardinaltugend für das 21. Jahrhundert“, schreibt Philipp Hübl als allerletzten Satz seines Buches. Und damit hat er meines Erachtens Recht.

Warum Bullshit-Resistenz so wichtig ist, fasst der Autor in folgendem Abschnitt zusammen:

„Ein Grossteil der aufgeklärten Gesellschaft wehrt  sich gegen Bullshit: gegen Fake News, Verschwörungstheorien und den Fakten-fernen Denkstil in der Politik. Das zeigt, dass wir Unwahrheit als Problem ansehen, oder anders gesagt: dass uns die Wahrheit am Herzen liegt. Gäbe es keinen Unterschied zwischen Tatsachenbehauptungen und Lügen, dann könnten wir nicht mehr über Arbeitslosenzahlen, Wirtschaftswachstum oder die Einkommensverteilung sprechen, geschweige denn über Gerechtigkeit und über Massnahmen, um die Zustände zu verbessern. Dann gäbe es auch keine Politik mehr.“

Bullshit gab es schon immer. Hübl zeigt auf, weshalb das Problem heute virulenter geworden ist:

„Durch die digitalen Medien haben Lüge und andere Arten von Bullshit neue Dimensionen erlangt. Sie sind einfach zu produzieren und zu reproduzieren, haben im Prinzip ewig Bestand  und sind nicht mehr blos auf das persönliche Umfeld beschränkt, sondern verbreiten sich schnell und vor allem exponentiell. Die digitalen Medien haben das Lügen zudem verführerisch leicht gemacht. Im Schutz von Distanz und Anonymität sinkt die Hemmschwelle, Bullshit zu erzeugen oder weiterzuleiten, vor allem weil die Täter selten unmittelbare oder langfristige Konsequenzen fürchten müssen.“

Philipp Hübl zeigt gut verständlich auf, welche Denkfehler uns für Bullshit anfällig machen und was wir vorkehren und lernen müssen, um gegen Bullshit resistenter zu werden. Dabei setzt er auf die Verantwortung des einzelnen Menschen:

„Meine These lautet: Die Verantwortung für die Wahrheit liegt bei jedem Einzelnen. Um die Demokratie und uns selbst  vor Busshit zu schützen, müssen wir selbst resistenter, also widerstandsfähiger zu werden. Die dafür benötigte Bullshit-Resistenz  bedeutet nicht nur, dass wir uns vor Fake News und anderem Unfug schützen, sondern auch, dass wir uns selbst davor bewahren, zum Lügner, Bullshiter oder Trottel zu werden. Insofern steht Bullshit-Resistanz in der Tradition der Aufklärung.“

Indem er die Verantwortung ganz beim Einzelnen sieht, positioniert sich Hübl auch kritisch zu staatlichen Massnahmen gegen Bullshit und Fake News. Er sieht darin Risiken, die nicht von der Hand zu weisen sind. Wenn staatliche Instanzen oder monopolistische Social-Media-Konzerne entscheiden sollen, was Lügen, Falschnachrichten oder Wahrheiten sind, stecken darin potenzielle Risiken für Machtmissbrauch.

Allerdings ist Philipp Hübl meiner Ansicht nach zu optimistisch, wenn er die Verantwortung ausschliesslich beim Einzelnen sieht.

Falschinformationen, Desinformation und Propaganda sind eine grosse Herausforderung für demokratische Gesellschaftssysteme. Die Verteidigung gegen solche Angriffe ausschliesslich der Verantwortung der Einzelnen zu überlassen, würde einen sehr hohen Stand an politischer Bildung und an Medienkompetenz in der Bevölkerung voraussetzen. Es scheint mir fraglich, ob dies in einer weitgehend entpolitisierten Bevölkerung erreichbar ist.

Wenn die Verantwortung ausschliesslich bei den einzelnen Menschen liegt müssten wir das Ideal einer redaktionellen Gesellschaft erreichen, wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem Buch „Die grosse Gereiztheit“ beschreibt. Nach seiner Vorstellung müssten die Grundfragen des Journalismus nach der Glaubwürdigkeit und Relevanz von Information zu einem Element der Allgemeinbildung werden. Jeder Bürger und jede Bürgerin müsste die Kompetenzen erwerben, um Informationen auf ihre Richtigkeit oder Falschheit hin zu überprüfen. Das scheint mir als Ziel zwar sinnvoll, aber wohl kaum voll erreichbar. Schon gar nicht in Staaten mit tiefem Bildungsniveau und desolater Medienlandschaft wie Myanmar, wo Desinformation via Facebook zu systematischen Massakern an der Rohingya-Minderheit geführt hat.

Aber auch in Europa lässt die tiefgreifende Medienkrise daran zweifeln, ob ein Appell an die Verantwortung des Einzelnen ausreicht, um den Desinformationen und Falschmeldungen etwas entgegen zu setzen.

Es wird daher meines Erachtens nötig sein, die sogenannten „Sozialen Medien“ und den Staat in die Verantwortung einzubinden, wobei nach Lösungen zu suchen ist, die das Risiko für Machtmissbrauch begrenzen:

Es ist zu prüfen, ob Facebook, Google und Twitter dem Presserecht unterstellt werden können, wie es zum Beispiel Corinna Milborn & Markus Breitenecker in ihrem Buch fordern („Chance the Games“ – Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern).

Der Staat kann und soll optimale Bedingungen schaffen für unabhängige Medien – sowohl zeitgemässe Service-public-Medien als auch Privatmedien. Und er kann und soll in politische Bildung und Medienkompetenz investieren.

Hier ausführlichere Texte von mir zum Thema:

Triumph der Meinung über Fakten, Wahrheit und Fachwissen – das kann nicht gut gehen!

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern     (zur Medienkrise)

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

 

P. S.: Bullshit-Resistenz braucht’s nicht nur in der Politik. Bullshit gibt’s überall. Die Versprechungen der Kosmetik-Industrie beispielsweise sind weitgehend Bullshit. Aber auch im Bereich der Alternativmedizin und Naturheilkunde ist es eine grosse Herausforderung, reele Aussagen von Bullshit zu unterscheiden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Philosophische Anmerkungen zum Umgang mit Pflanzen und zur Signaturenlehre

Das folgenden Zitat stammt vom französischen Philosophen Alain (1868 – 1951). Es spricht ein sehr interessantes und grundlegendes Phänomen in unserem Umgang mit Pflanzen an und hat damit auch Bedeutung für die Pflanzenheilkunde:

„Ein Mann, der die Samen seiner Kapuzinerkresse bekämpfte, um Platz zu schaffen für andere Blumen, sagte naiv: „Sie verstecken sich, sehen Sie. Seit ich ihnen den Kampf angesagt habe, haben sie sich alle unter einem Blätterdach versteckt. Sie lernen es, sich meinen Blicken zu entziehen, wie Tiere es tun würden.“ Von Natur sind wir alle Dichter, und wir beurteilen zunächst alle Dinge nach unseren politischen Ideen. In der Tat blieben nach einigen Tagen nur noch die Samenkörner, die durch ihre günstige Lage den wachsamen Gärtner getäuscht hatten. Ich erinnere mich, dass ich, als ich in einem Frühjahr von allen Seiten von einem stark wuchernden Unkraut angegriffen wurde, dessen Blätter denen der Veilchen ähnelten, fast gedacht hätten, es zöge sich in die Veilchenstauden zurück. Der erste Gedanke, der uns kommt, ist immer ein ungezügelter Gedanke; und ich wurde einen Augenblick lang von der törichten Idee ergriffen, es stecke eine pflanzliche List dahinter. Tatsächlich aber wuchs diese Pflanze fast überall; die Nachbarschaft der Veilchen bewahrte sie eine gewisse Zeit vor der Hacke.

Als Darwin auf den Gedanken kam, auf einer schottischen Weide ein kleines Stück einzufrieden, um es vor dem Vieh zu schützen, und bald Kiefern darauf wachsen sah, hätte man auch sagen können, dass die Samen der Kiefer, als sie die Einfriedung bemerkten, sich sogleich darein flüchteten. Aber Kiefern wuchsen auf der ganzen Weide; und Darwin hatte diese Sprosse wohl bemerkt, die durch die Hufe und Zähne des Rindviehs ständig knapp über dem Boden gehalten wurden. Auf den durch den Krieg unbestellten Feldern, die sich zwischen Artillerie und Infanterie erstrecken, habe ich mehr als eine Feststellung getroffen, und besonders habe ich in einem Luzernenfeld einen kleinen Wald von Hagebuchen gesehen, der dort wuchs; diese Wahrnehmung rief in meinem Geist die Feststellung Darwins wach, die so einfach ist, der es für mich aber an Anschauung fehlte. Grosse Gedanken haben etwas Kindliches, das bewirkt, dass die Schöngeister immer an ihnen vorbeigehen, ohne sie zu sehen.

Man kann also die Ökonomie eines Instinktes der Pflanzen aufstellen, die darin bestände, dass sie ein günstiges Gelände, Schutz und Licht suchen und finden. Nur metaphorisch wird man sagen, dass die Gänseblümchen einen besonnten Hang erstürmen; ihre kriechenden Stengel und ihre Samen wachsen besser auf dieser Seite. Die Winde ringelt sich in einer einzigen Nacht um einen vergessenen Spazierstock; aber sie stürzt sich nicht auf diese Stütze, um sich zum Licht zu erheben; nur da der Teil des Stengels, der auf einen festen Körper trifft, sich weniger schnell entwickelt als der freie Teil, wird der Stengel nach der Form des Stocks gebogen. Alle diese Wesen leben, so gut sie können, oder gehen ein, und ihre Formen drücken Bedingungen aus. Diese Idee führt weit; und beachten Sie, dass sie uns von der Inhärenz abwendet, wie der Schatten Platons sagte, als er die Verhältnisse des Lebens nicht so sehr durch die Eigenschaften der Pflanze als durch ihre Beziehung zur Nachbarschaft erklärte; zur Umwelt, dem Schatten, der Sonne, dem Wind, den anderen Pflanzen und Tieren, Insekten, Vögeln, Vieh, die mit der Pflanze ein einziges Wesen bilden. Ebenso bilden die Gezeiten mit der Sonne und dem Mond eine einzige Tatsache; und der Tag bildet mit der Nacht und der Mondfinsternis eine einzige Tatsache. Nach dieser Abfolge unserer Ideen in der Geschichte der Wissenschaften kann man eine neue Idee beurteilen, nicht allein nach der Erfahrung; denn die Erfahrung bestätigt oft eine törichte Idee, wie meine Beispiele zeigen. Deshalb folgte Descartes dem Königsweg, als er den Tieren jegliches Denken bestritt; denn man unterstellt den Tieren und sogar den Menschen immer zuviel Denken. Und man muss viele Abstriche machen an der List der Politiker wie an der List der Pflanzen; die Ursachen sind immer einfacher, als man annimmt, und überdies die letzten, an die man denkt; aber daraus entspringt auch eine Sicherheit des Tuns, sobald man die Ursachen erkennt. Um den Ungeduldigen zu beruhigen, bieten Sie ihm einen Sessel an.“

  1. Mai 1922

 

Alain (eigentlich Emile Auguste Chartier), Philosoph, 1868 – 1951,

Zitat aus: Sich beobachten heisst sich verändern, Insel Taschenbuch 1994

 

Kommentar & Ergänzung

Alain beschreibt in diesem Text ein interessantes Phänomen: Wir Menschen neigen dazu, die Natur zu vermenschlichen. Wir unterstellen beispielsweise den Pflanzen menschliche Verhaltensweisen, zum Beispiel eine List, oder Gefühle wie Sympathie und Fröhlichkeit. Dadurch reduzieren wir Fremdheit diesen Lebewesen gegenüber. Denn in menschliche Regungen können wir uns besser einfühlen. Allerdings bleibt der ganze Vorgang eine Unterstellung. Und so sind wir dann in der Begegnung mit diesen Pflanzen nur mit eigenen Teilen (Projektionen) in Kontakt, die wir den Pflanzen vorgängig unterschoben haben. Wer Pflanzen wirklich begegnen will, darf sie meines Erachtens nicht durch solche Unterstellungen vermenschlichen. Das setzt aber voraus, dass wir auch die Fremdheit und Andersartigkeit der Pflanzen akzeptieren und ihr auf diesem Hintergrund gegenüber treten.

Solche Vermenschlichungen von Pflanzen durch Unterstellungen passieren heutzutage rasch im Umfeld von Büchern, die Kommunikation und soziales Verhalten bei Pflanzen beschreiben, wie sie zum Beispiel Florianne Köchlin und Peter Wohlleben verfasst haben. Darin werden durchaus interessante Phänomene beschrieben. Aber die Formulierungen legen es oft nahe, den Pflanzen bewusste Ziele, soziales Verhalten oder List zu unterstellen. Da stellt sich dann die Frage, ob solche Beschreibungen noch pflanzengerecht sind.

Alain’s kleine Pflanzengeschichte drückt zudem aus, dass die Form der Pflanzen und der Ort, an dem sie jeweils wachsen, von ihren Lebensbedingungen bestimmt werden. Dieser gut dokumentierte Zusammenhang scheint bei manchen Vertreterinnen und Vertretern der Pflanzenheilkunde unbekannt zu sein. So hört man zum Beispiel immer wieder ernsthaft die Behauptung, dass diejenigen Heilpflanzen, die in meinen Garten kommen, auch diejenigen sind, welche ich brauche um gesund zu werden. Diese Überzeugung hat einen grossen „Vorteil“: Sie verleiht absolute Sicherheit darüber, welche Heilpflanze ich gerade brauche – und zwar ohne dass ich nachdenken oder etwas über Heilpflanzen lernen muss….und es ist ja auch schön, dass da jemand kommt, und sich um mich kümmert, und das ganz ohne Ansprüche zu stellen.

Im Ernst: Wir sollten bescheiden genug sein, um zu erkennen, dass wir nicht so bedeutend sind für die Pflanzen, dass sie sich um uns kümmern und zu uns kommen, wenn wir sie brauchen. Pflanzen wachsen genau dort, wo sie für sich günstige Bedingungen finden.

Und Pflanzen wachsen mit ihren Formen und Farben auch nicht so, dass sie uns dadurch mitteilen, welche Heilkräfte sie für uns bereithalten. Diese heute wieder manchmal zu hörende oberflächliche Neuauflage einer Signaturenlehre aus der Renaissance übersieht, dass die Formen und Farben der Pflanze sich genau so entwickeln, wie die Pflanze es für sich braucht – nicht für uns.

Doch auch mit diesen Erkenntnissen können wir uns an Pflanzen freuen, sie als Heilpflanzen mit Respekt nutzen und über ihre Schönheit und ihre faszinierende Lebensweise staunen.

 

[Buchtipp] „Freiheit gehört nicht nur den Reichen “ von Lisa Herzog

Verlagsbeschreibung

Die Ökonomin und Philosophin Lisa Herzog  mit einem Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus

Freiheit ist mehr als die Freiheit, zu wirtschaften. Dieses Buch stellt dar, wie Liberalismus heute gedacht werden muss, damit er nicht im Widerspruch zu Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und einem gelingenden Leben steht. Freiheit, so das Plädoyer, muss vielschichtiger verstanden werden, um zu sehen, welche Rolle Märkte für eine gute Gesellschaft spielen können. Jenseits des politischen Schubladendenkens wird das Bild einer Gesellschaft entworfen, die allen Mitgliedern ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht und dabei mit den begrenzten Ressourcen der natürlichen Welt vereinbar ist.
Das Buch führt in zentrale Themen der Ideengeschichte, Wirtschaftstheorie und Sozialphilosophie ein und legt die Denkmuster offen, die viele heutige Debatten prägen. Unter anderem geht es um die Frage nach einem realistischen Menschenbild jenseits des homo oeconomicus, um das Verhältnis negativer, positiver und republikanischer Freiheit und um die Frage, wie eine Politik aussehen kann, die sich auch jenseits des Wachstumszwangs an einem selbstbestimmten Leben für alle Menschen orientiert. Nicht zuletzt zeigt das Buch auf, wie mit einem zeitgemäßen Freiheits- und Menschenbild Märkte wieder in den Dienst einer gerechten Gesellschaft gestellt werden können.  Zum Shop

Zur Autorin Lisa Herzog

Lisa Herzog ist Professorin für Politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik / Technischen Universität München. Ihre Forschung verbindet Philosophie und Ökonomie, z. B. in dem Buch “Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus”.

Kommentar von Martin Koradi

Als Philosophin und Ökonomin ist Lisa Herzog bestens gerüstet für dieses Thema und es gelingt ihr ausgezeichnet, wirtschaftliches und philosophisches Wissen zu verknüpfen. Dabei bleibt sie immer gut lesbar und verständlich.

Der Wirtschaftsliberalismus hat unter anderem durch die Finanzkrise 2008 und durch wiederkehrende Exzesse in weiten Kreisen an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Um von breiten Schichten akzeptiert und getragen zu werden, muss er aufzeigen, dass nicht nur eine kleine Finanzelite von ihm profitiert, sondern dass er allen zu Gute kommt. Dazu muss der Liberalismus neu gedacht und aktualisiert werde, und zu dieser Debatte leistet Lisa Herzog mit ihrem Buch einen Beitrag. Sie zeigt dabei auch die Vielschichtigkeit des Freiheitsbegriffs auf.

In der philosophischen Tradition hat sich um diesen Begriff herum eine Dreiteilung entwickelt:

Im ersten Bereich wird Freiheit gesehen als Abwesenheit von Hindernissen und Zwang.

Im zweiten Bereich meint Freiheit Selbstbestimmung und die damit verbundene Fähigkeit, eigene Ziele setzen und verfolgen können.

Im dritten Bereich wird Freiheit betrachtet im Sinne der politischen Freiheit, die den Menschen die Möglichkeit gibt, Teil eines Gemeinwesens zu sein und in diesem Rahmen gemeinsam die Spielregeln festzulegen, nach denen man leben will. 

Diese verschiedenen Facetten der Freiheit und ihre vielfältigen Beziehungen zum “Markt” stellt Lisa Herzog gut nachvollziehbar dar.

Die Theorien der Ökonomie sind zwar meistens heftig umstritten und keineswegs so gut belegt, wie die Ökonominnen und Ökonomen es wohl gerne hätten und oft auch darstellen. Nicht nur trotzdem, sondern gerade auch deswegen geht die Diskussion um Liberalismus und Wirtschaft alle etwas an, nicht nur ökonomische Fachleute. Wer nicht gerade ein Studium in diese Richtung absolviert, bekommt von diesen Themen aber meistens erbärmlich wenig mit. Das Buch von Lisa Herzog bietet dazu einen guten Einstieg und liefert zudem auch Orientierungshilfen in vielen politischen Fragen.

 

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung: Kann man heute noch liberal sein wollen?
    Was hat “Liberalismus” mit “Freiheit” zu tun?
    Die soziale Dimension der Freiheit
    Das Bild vom guten Markt
    Ausblick
    Dank
    Liberalismus ohne Psychologie – Wie ein einseitiges Menschenbild den Liberalismus unfreiwillig herzlos machte
    Einleitung
    Die Herren des Vertrags
    Ein “realistisches” Menschenbild?
    Echte Menschen – Was die Verhaltensökonomie uns lehrt
    Die Befähigung zur Freiheit
    III. Liberalismus ohne Gerechtigkeit – Wie “soziale Gerechtigkeit ” zum Unwort wurde, und was sie heute bedeuten könnte
    Einleitung
    Die Facetten von Freiheit
    “Verdienst” im Markt
    “Verdienst” im Staat
    Eine neuer Sinn von sozialer Gerechtigkeit
    IV. Liberalismus ohne Komplexität – Wie der Liberalismus soziale Strukturen vernachlässigte
    Einleitung
    Die Rolle sozialer Normen
    Freiheit und Komplexität
    Formelle und informelle Machtstrukturen
    Umbau auf hoher See
    V. Liberalismus ohne Endlichkeit – Wie der Liberalismus die
    Umwelt vergaß, und warum ein Umsteuern uns zufriedener machen könnte
    Einleitung
    Wirtschaften in einer endlichen Welt
    Wozu das Ganze – die Frage nach dem Sinn
    Und der Rest der Welt?
    VI. Schluss: Unterwegs zu einem zeitgemäßen Liberalismus
    Anmerkungen

Von Lisa Herzog gibt es auch zwei Sendungen der”Sternstunde Philosophie”:

Lisa Herzog: Was ist schlecht an Ungleichheit?

Markt, Macht und Freiheit

 

 

 

Friede der Kreatur (1878), von Gottfried Keller

Spinnen waren mir auch zuwider

All meine jungen Jahre,

Liessen sich von der Decke nieder

In die Scheitelhaare,

Sassen verdächtig in den Ecken

Oder rannten, mich zu erschrecken,

Über Tischgefild und Hände,

Und das Töten nahm kein Ende.

 

Erst als schon die Haare grauten,

Begann ich sie zu schonen,

Mit den ruhiger Angeschauten

Brüderlich zu wohnen;

Jetzt mit ihren kleinen Sorgen

Halten sie sich still geborgen,

Lässt sich einmal eine sehen,

Lassen wir uns weislich gehen.

 

Hätt ich nun ein Kind, ein kleines,

In väterlichen Ehren,

Recht ein liebliches und feines,

Würd ich’s mutig lehren,

Spinnen mit dem Händchen fassen

Und sie freundlich zu entlassen;

Früher lernt’ es Frieden halten,

Als es mir gelang, dem Alten!

 

Gottfried Keller (1819 – 1890), Schweizer Dichter und Politiker

 

Kommentar & Ergänzung:

Sie fragen sich, was ein solches „Spinnen-Gedicht“ auf einer Pflanzenheilkunde-Website zu suchen hat?

Lassen Sie mich das erklären und dazu ein wenig ausholen:

Wer Heilpflanzenkunde nur am Pult oder vor dem Computer betreibt, verpasst einen ganz wesentlichen Aspekt. Heilpflanzen muss man auch in ihrem Lebensraum kennen lernen.

Nur so entsteht ein anregender Kontakt und eine lebendige Beziehung zur Pflanzenwelt. Es geht dabei nicht um ein abgehobenes „Eso-Gesäusel“. Es geht nicht um eine fragwürdige „Vermenschung“ der Pflanzen, die ihnen Dialogfähigkeit, Sprachfähigkeit und Emotionalität unterschiebt. Mensch bleibt Mensch und Pflanze bleibt Pflanze. Sehr unterschiedliche Welten. Trotzdem kann der Mensch in Kontakt treten, Beziehung aufnehmen, mich auf eine anregende Begegnung einlassen.

Vielleicht machen gerade die Unterschiede zwischen Mensch und Pflanze die Qualität dieser Beziehung aus. Kontakt entsteht aus der Wertschätzung der Unterschiede (sagt die Gestalttherapie) und das Spezielle an der Natur ist, dass sie keine Meinung über uns hat (sagt Nietzsche).

Wer sich nun achtsam auf der Suche nach Heilpflanzen in der Natur bewegt, wird hoffentlich irgendwann merken: Es gibt auch viele Pflanzen, die keine heilkundliche Verwendung finden.

Ist es nicht eigenartig, wenn wir uns nur isoliert für Heilpflanzen interessieren, also für das, wovon wir uns einen direkten Nutzen versprechen? Daran schliessen sich knifflige Fragen an: Warum sind Heilpflanzen Heilpflanzen geworden und Nicht-Heilpflanzen Nicht-Heilpflanzen geblieben?

Mein Wunsch: Beachten wir die Nicht-Heilpflanzen mit gleich viel Interesse wie die Heilpflanzen. Und wer das nicht ganz ohne Eigennutz vermag: Zu mindestens ästhetisch bieten uns auch die Nicht-Heilpflanzen sehr viel Genuss.

Wer sich nun also nicht nur auf die Heilpflanzen fixiert, sondern offen ist für die Pflanzenwelt überhaupt, wird irgendwann hoffentlich bemerken: Mit und auf den Pflanzen und um sie herum gibt es ganz viel zu entdecken, was da „kreucht und fleucht“. Wunderschöne oder schlichtere Schmetterlinge….. die muss man ja nicht alle mit Namen ansprechen können (es gibt rund 3000 Arten in Mitteleuropa).

Aber warum kennen sehr viele Menschen – auch naturheilkundlich interessierte – nicht einmal mehr die häufigsten und auffälligsten? Schmetterlinge sind faszinierend von ihrer Lebensweise her und von ihren Farben und Formen eine Augenweide. Immerhin sind sie im Reich der Insekten für die Menschen noch so etwas wie Sympathieträger.

Aber Käfer? – Da kommen wir schon in schwierigere Gefilde. Auch hier gilt: Man muss sie nicht alle mit Namen ansprechen können (es gibt mehr als 8000 Käferarten in Mitteleuropa). Aber wenn man sich einmal Zeit nimmt und einen Käfer von nah anschaut – zum Beispiel die Fühler unter der Lupe oder mit dem Binokular-Mikroskop: Eine ganz neue Welt tut sich auf. Wunderbare Formen und schillernde Farben.

Und erst die Wanzen! – Wanzen? – Ja genau – die verdanken ihren schlechten Ruf der Bettwanze. Auf den Pflanzen gibt es aber ganz harmlose Wanzen mit einem exzellenten Farbdesign. Schauen Sie sich mal die Streifenwanze an in den Bildergalerien von Flims und Jeizinen. Sie könnte locker einen Design-Wettbewerb gewinnen. Aber auch hier muss sich niemand einen Stress daraus machen, alle Wanzen zu kennen (es gibt etwa 700 Wanzenarten in Mitteleuropa, darunter auch einige ausgesprochene „beauties“).

Und jetzt noch die Spinnen. Hier kommen wir beziehungsmässig in ziemlich desolates Gelände. Spinnenfreunde lassen sich meist an einer Hand abzählen (Spinnenfreundinnen an einer halben). Aber ehrlich: Was wissen Spinnenverächter überhaupt von Spinnen: hoch faszinierende Jagdstrategien, perfekte Balzrituale für ein „unfallfreies“ Rendez-vous (Spinnenmännchen müssen ihrer Angebeteten klar machen, dass es jetzt nicht ums Fressen geht….),  eindrückliche Netzbaukunst.

Und wer schon mal einer Spinne in ihre acht Augen geschaut hat….das kann ausprobieren, zum Beispiel mit meinem Binokular-Mikroskop, das ich an den Wochenend- und Wochenkursen dabei habe. Dieses Binokular-Mikroskop hat schon manche Spinnenabneigung in unverhohlene Faszination verwandelt. Und schlussendlich: Haben Sie die Springspinne schon gesehen, die in Ihrer Wohnung lebt? Die Zitterspinne? Die grosse Hauswinkelspinne? Alles sehr regelmässige Nachbarn des Menschen, mit interessanter Lebensweise. Warum eigentlich sind Mensch und Spinne sich so fremd?

Damit sind wir wieder beim Gedicht von Gottfried Keller. Ich wollte Ihnen zeigen: Pflanzenheilkunde kann auch ein Einstieg und ein Weg sein, um die Vielfalt der Natur genauer wahrzunehmen, um Beziehungen zu knüpfen zu unterschiedlich Lebewesen aus Pflanzen- und Tierwelt. Das führt schliesslich über die erweiterte Wahrnehmung zu einer Bereicherung der Welt, in der wir leben.

Nicht die Welt wird reicher – sie ist heute schon voller kleiner Wunder am Wegrand – nur laufen die meisten Menschen ziemlich blind durch die Gegend. Wer Pflanzen und Tiere aber einmal genau wahrgenommen hat, wird ihnen immer wieder begegnen. Dadurch kann sich auch eine tragfähigere Verankerung in der Welt entwickeln, eine Beheimatung in der Natur sozusagen.

Aus diesen Gründen scheint es mir wichtig, auf Heilpflanzen-Exkursionen zwar die Heilpflanzen (und andere Pflanzen) ins Zentrum zu stellen, aber auch die Augen offen haben für die kleinen Wunder aus der Tierwelt.

Schauen Sie sich im Kurskalender doch mal die Daten und Orte für meine Kräuterwanderungen an.

 

Krankheit und die Gesetze der Natur

«Vielleicht noch etwas ganz Anderes. Ich bin Naturärztin. Ich möchte nur sagen: Die Gesetze der Natur bieten immer eine Lösung.»

Anonyme Naturärztin aus dem Publikum an den Tumortagen Winterthur 2008

 

Ergänzung & Kommentar:

Diese Aussage fiel im Rahmen der öffentlichen Veranstaltung „Alles Liebe….“. Während dem berührenden, interaktiven Theaterstück hatten sich Krebskranke und Theaterleute sehr engagiert und differenziert mit den schwierigen Rollen der Tumorkranken in den Spannungsfeldern von Medizin, Familie und Beruf auseinandergesetzt. Der Satz kam ganz am Ende der dichten zwei Stunden – die Moderatorin hatte schon zum Schlusswort angesetzt.

Warum wohl kam dieser Satz im allerletzten Moment? War es einfach Feigheit? Zu diesem Zeitpunkt hatte jedenfalls niemand mehr die Möglichkeit, auf diese Aussage zu reagieren, weder die Betroffenen, noch die Theaterleute noch das organisierende Team vom Tumorzentrum am Kantonsspital Winterthur. Oder war es eher die missionarisch angehauchte, selbstgerechte Äusserung einer Person, welche sich schon im Besitz der Wahrheit wähnt und daher nicht auf Dialog, Austausch und Auseinandersetzung angewiesen ist?

Eine solche Aussage jedenfalls zeugt meines Erachtens von einer eindrücklichen ideologischen Verblendung und sie reduziert die ausserordentlich komplexe Situation einer Krebserkrankung auf einen simplen Slogan.

Die Gesetze der Natur, das würde für die allermeisten der im Saal anwesenden Tumorkranken bedeuten: Der Krebs wächst, die kranke Person stirbt – und das möglicherweise qualvoll. Jede effektive Bekämpfung des Tumors und jede Linderung der Beschwerden verstösst in diesem Sinne gegen die Natur. Denn der Tumor selbst ist auch Natur. Vor dieser für uns brutalen Seite der Natur verschliessen meiner Erfahrung manche Naturärzte und Naturärztinnen die Augen. Sie sind einer sehr einseitigen Idealisierung der Natur verhaftet (und reden dabei oft von Ganzheitlichkeit….).

Darüber hinaus behauptet die Naturärztin mit ihrer Aussage implizit aber auch: Wer die Gesetze der Natur erkennt und annimmt, wird seinen Krebs los. Die Gesetze der Natur bieten ja immer eine Lösung. Darin enthalten ist umgekehrt die Botschaft, dass alle, die ihren Krebs noch haben, halt einfach noch nicht soweit sind.

Meines Erachtens steckt in solchen Sätzen eine masslose Arroganz – schön versteckt hinter der helfend-heilerischen Pose. Das ist ein Schlag ins Gesicht von Betroffenen, die sich tagtäglich bemühen, ihre schwierige Situation so gut wie möglich zu bewältigen und mit Hoffnung, Resignation, Wut, Angst und Trauer umgehen müssen.

Und es ist auch ein Schlag ins Gesicht von Pflegenden, Ärztinnen und Ärzten, die sich täglich in diesem anspruchsvollen Bereich engagieren. Keine Frage, dass im medizinischen Bereich auch manches schief läuft. Es gibt in Pflege und Medizin aber auch viele Fachleute, die immer wieder versuchen, das beste zu geben im Bewusstsein, dass beim Thema Krebs oft auch das beste nicht gut genug ist – und die immer wieder an Grenzen stossen bei sich selbst, bei den Tumorkranken und mit den medizinischen und pflegerischen Möglichkeiten.

Und da kommt dann so eine Naturärztin und sagt einem ganzen Saal von Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten mit einem Satz, was für Idioten sie doch alle sind und wie einfach all die Probleme sich doch lösen liessen, wenn man die Gesetze der Natur erkennen und befolgen würde.

Erschütternd ist dabei für mich, dass auch viele Ausbildungsinstitute für NaturärztInnen, HeilpraktikerInnen etc. solch destruktive Grundhaltungen bei ihren Lernenden fördern.

Ich treffe im Bereich von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Pflanzenheilkunde immer wieder auf Anmassungen dieser Art, wie sie sich in obigem Zitat ausdrückt.

Das ist einer der Gründe dafür, warum ich in den letzten 30 Jahren einen immer kritischeren Blick entwickelt habe, was diese Bereiche betrifft.

Ich bin überzeugt davon, dass im Bereich von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Pflanzenheilkunde tief greifende Veränderungen nötig sind, wenn sie wirklich zum Wohl von Patientinnen und Patienten wirken wollen:

Weniger Heilslehren, weniger fraglose Gläubigkeit gegenüber wunderbaren Heilungsgeschichten, weniger pauschale Feindbild-Produktion gegenüber Medizin und Wissenschaft, weniger Allmachtsphantasien, dafür mehr selbstkritische Auseinandersetzung, überzeugendere Anerkennung eigener Grenzen und zumindestens erste Schritte in Richtung einer Qualitätskontrolle, die bis heute weitestgehend fehlt.

Das wäre jedenfalls ein guter Anfang.

Leider gibt es gerade beim Stichwort „alternative Krebstherapien“ jede Menge an Allmachtsphantasien von „Heilerinnen“ und „Heilern“, die schwer kranke Menschen mit haltlosen Versprechungen in die Irre führen. Unter diesen verantwortungslosen Scharlatanen gibt es aber – das muss festgehalten werden, nicht nur Naturheilpraktikerinnnen und Naturheilpraktiker, sondern nicht selten auch „alternativ“ praktizierende Ärztinnen und Ärzte. Das hat eine Recherche des Magazins „Stern“ eindrücklich gezeigt. Dazu hat sich ein stern-Team von 20 Alternativheilern beraten lassen und kommt zum Schluss: „Achtung, Lebensgefahr!“

Siehe auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde – warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Komplementärmedizin: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?

Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

 

Komplementärmedizin: Genauer Nachdenken – Differenzierter argumentieren

Mehr Kontroverese in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde: Nachfragen stat blind glauben

John Stuart Mill über Irrtum und Erfahrung

Hier ein interessantes Zitat von John Suart Mill über Irrtum und Erfahrung:

“….Quelle alles Achtenswerten im Menschen….dass er seine Irrtümer korrigieren kann. Er ist fähig, seine Missgriffe durch Diskussion und Erfahrung richtigzustellen. Nicht durch Erfahrung allein: Diskussion tut not, um zu zeigen, wie die Erfahrung zu deuten ist. Falsche Urteile und Bräuche geben allmählich den Tatsachen und Überlegungen Raum…Sehr wenige Tatsachen sind imstande, ihre eigene Geschichte zu erzählen…”

John Stuart Mill, 1806–1873, Philosoph, Psychologe und Soziologe; Über die Freiheit, Reclam 2004

 

Kommentar & Ergänzung:

Erfahrungen sprechen nicht für sich, wir müssen sie erst zum Sprechen bringen. Jede Erfahrung ist mit verschiedenen Deutungen kompatibel. Das gilt auch für Erfahrungen mit Heilmitteln und Heilmethoden. Wenn daher von „Erfahrungsmedizin“ die Rede ist, so sagt das noch gar nichts aus. Erfahrung allein kann uns nicht sicher zeigen, ob ein Heilmittel hilft oder nicht. So zeigte sich beispielsweise in der Medizingeschichte immer wieder, dass sich Irrtümer über Jahrhunderte halten können und trotz aller Erfahrung nicht erkannt werden. Erfahrung bringt den Irrtum nicht mit Gewissheit zu Tage.

Entscheidend ist, und das sagt Mill deutlich, wie wir mit unseren Erfahrungen umgehen. Nötig ist eine kritische Diskussion aller Erfahrungen, ein Distanznehmen von eigenen Erfahrungen, um sie zu reflektieren, mit anderen Erfahrungen zu vergleichen und einzuordnen.

Wenn mir also jemand sagt, dass Heilmittel XY seiner Erfahrung nach bei Krankheit Z hilft, dann frage ich immer genau nach, wie diese Erfahrung gemacht wurde, wie sie zustande kam, und wie der betreffende Mensch sich mit seiner Erfahrung auseinander gesetzt hat. Die Antwort auf diese Fragen ist oft enttäuschend.

Es fehlt häufig jede Distanz zur eigenen Erfahrung, jedes Bewusstsein dafür, dass Erfahrung täuschungsanfällig ist und jede fundierte Auseinandersetzung mit der eigenen Erfahrung, nicht nur bei Laien, sondern auch bei Fachleuten aus Apotheken oder Drogerien, bei Praktizierenden und Lehrenden der Naturheilkunde.

Wir brauchen in diesen Bereichen mehr Bewusstsein über die eigene Irrtumsanfälligkeit und mehr krtische Auseinandersetzung mit „Erfahrungen“. Das sind Kompetenzen, die ich auch in meinen Lehrgängen zu vermitteln suche, in der Phytotherapie-Ausbildung und im Heilpflanzen-Seminar.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

 

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Vom Umgang mit Erfahrung in der Pflanzenheilkunde

 

 

Sind Edelkastanie und Rosskastanie verwandt?

Nein, Edelkastanie und Rosskastanie sind nicht verwandt und zeigen grosse Unterschiede. Hier dazu etwas mehr:

Edelkastanie (= Esskastanie, = Marroni; Castanea sativa)

Die Edelkastanie gehört zur Familie der Buchengewächse und gedeiht bei uns vor allem in den eher wärmeren Regionen, in der Schweiz natürlich insbesondere im Kanton Tessin. Die Früchte der Edelkastanie werden als Marroni geröstet und zu Vermicelles verarbeitet. Botanisch handelt es sich bei den Edelkastanien-Früchten um echte Nüsse.

Im Tessin war die Edelkastanie über Jahrhunderte hinweg ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Sie sind reich an Stärke und arm an Fett.

100 Gramm Edelkastanien enthalten nur 2 Gramm Fett, das einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren aufweist. Wegen dem tiefen Fettanteil liefern Edelkastanien im vergleich zu anderen Nüssen nur wenig Kalorien – etwas 200 Kilokalorien pro 100 Gramm. Edelkastanien sind sehr vielseitig in der Küche verwendbar. Da sie kein Gluten enthalten, sind sie auch für Menschen geeignet, die an einer Zöliakie leiden.

Edelkastanienblätter enthalten Gerbstoffe (hauptsächlich Ellagitannine) und Flavonoide. In der traditionellen Pflanzenheilkunde sollen sie manchenorts gegen Husten, zur Wundbehandlung und bei Durchfall eingesetzt worden sein. Fundiertere Erkenntnisse dazu gibt es meines Wissens allerdings nicht. Wegen den Gerbstoffen wäre eine Wirkung gegen Durchfall plausibel, doch gibt es vielen Heilpflanzen, die Gerbstoffe enthalten und zur Behandlung von Durchfall geeignet sind, zum Beispiel Tormentillwurzel (= Blutwurz) oder  Schwarztee. In der Phytotherapie-Fachliteratur kommt die Anwendung von Edelkastanienblättern nicht vor, weil dazu keine fundierten Erkenntnisse vorliegen.

Neue Laboruntersuchungen mit einem Extrakt aus Edelkastanienblättern belegen allerdings eine antibakterielle Wirksamkeit selbst gegen Staphylococcus aureus (MRSA-Bakterien). Der Artikel dazu wurde im Fachmagazin PLOS publiziert (Quelle: doi:10.1371/journal.pone.0136486). Es handelt sich allerdings um eine Laboruntersuchung. Die Bedeutung der Ergebnisse für die Welt ausserhalb des Reagenzglases ist umklar.

In der „Dr. Bach Blütentherapie“ wird die Edelkastanie als „Bachblüte Nr. 30  Sweet Chestnut“ eingesetzt, beispielsweise bei „tiefster Verzweiflung, Ausweglosigkeit und Seelenqual“, aber auch bei „akuter Hoffnungslosigkeit, äußerster Depression, extremen seelischen Leiden“ sowie bei „seelischem oder körperlichem Zusammenbruch“ (zusammengestellt aus der Bachblüten-Literatur).

Wie immer bei der Bach-Blütentherapie sind die Beschreibungen der Zustände, bei denen die Bachblüten eingesetzt werden hoch dramatisch, bildhaft und weitläufig, so dass viele Menschen sich an irgendeinem Punkt damit identifizieren können. Und wie immer bei der Bach-Blütentherapie gibt es für diese hochtrabenden Versprechungen keine Belege.

In der Homöopathie wird die Edelkastanie unter dem Namen Castanea vesca eingesetzt, das ist ein Synonym für Castanea sativa. Unter diesem Namen taucht die Edelkastanie im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) auf und wird homöopathisch zum Beispiel bei Krampfhusten und Enddarmentzündungen eingesetzt. Belege für eine Wirksamkeit gibt es wie bei den anderen Homöopathika nicht.

 

Rosskastanie (Aesculus hippocastanum)

Die Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) ist auf dem Balkan heimisch und wird in Mitteleuropa verbreitet angepflanzt – zum Beispiel in Parkanlagen und Biergärten.

Den Namen Rosskastanie bekam die Pflanze, weil die Rosskastaniensamen von den Osmanen als Pferdefutter und als Heilmittel gegen Pferdehusten mitgeführt wurden und so nach Mitteleuropa gelangten.

Rosskastaniensamen werden auch zur Winterfütterung von Rothirschen und Rehen verwendet. Die Rosskastanienblüten produzieren ausgiebig Nektar und Pollen und sind damit eine gute Bienenweide.

Rosskastaniensamen sind wie Edelkastanien reich an Stärke, eigenen sich aber nicht als Nahrungsmittel. Sie enthalten ein Gemisch aus Saponinen, das als Aescin bezeichnet wird. Diese Saponine verleihen den Rosskastaniensamen schäumende Eigenschaften. Extakte aus den Samen werden deshalb Shampoos und Waschmitteln zugesetzt.

Wegen dem Aescin-Gehalt sind Rosskastaniensamen in der Phytotherapie ein wichtiges Mittel zur Linderung von Stauungen (Ödeme) bei Venenschwäche (Veneninsuffizienz).

Zu diesem Zwecker werden Trockenextrakte aus Rosskastaniensamen oder reine Aescin-Präparate für die innerliche Einnahme hergestellt, zum Beispiel Aesculaforce / Aesculamed / Venostasin. Für diese Präparate gibt es Wirksamkeitsbelege durch klinische Studien.

Siehe dazu:

Rosskastanienextrakt als Venenmittel

Textsammlung zu Rosskastanie im Heilpflanzen-Infoportal

Venenerkrankungen: Wirksamkeit von Rosskastanienextrakt erneut bestätigt

Pharmawiki: Rosskastanienextrakt bei Venenleiden

Cochrane-Studie zu Rosskastanienextrakt bei Venenbeschwerden

In der Bach Blütentherapie wird die Rosskastanie als „Bachblüte Nr. 35 White Chestnut“ verwendet, unter anderem bei „Zwangsgedanken, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen“ sowie „Kopfschmerzen infolge geistiger Überbeanspruchung“

(Zusammenstellung aus Bach-Blüten-Literatur).

Hier gilt das gleiche wie bei der Edelkastanie:

Wie immer bei der Bach-Blütentherapie sind die Beschreibungen der Zustände, bei denen die Bachblüten eingesetzt werden, hoch dramatisch, bildhaft und weitläufig, so dass viele Menschen sich an irgendeinem Punkt damit identifizieren können.

Und wie immer bei der Bach-Blütentherapie gibt es für diese hochtrabenden Versprechungen keine Belege.

Bei der hier besprochenen Aesculus hippocastanum handelt es sich im übrigen um die Weissblühende Rosskastanie. In Parkanlagen ist auch die Fleischrote Rosskastanie anzutreffen (Aesculus × carnea). Sie ist eine Kreuzung zwischen der von der Balkanhalbinsel stammenden Gewöhnlichen Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) und der nordamerikanischen Roten Rosskastanie (Aesculus pavia).

In der Phytotherapie wird sie nicht verwendet.

In der Bach Blütentherapie wird Aesculus carnea als „Bachblüte Nr. 25 Red Chestnut“ eingesetzt, unter anderem bei  „übertriebenen Sorgen und Ängsten um andere“ sowie bei „übertriebener Fürsorglichkeit und neurotischem Mitleid“ und „selbstlose Sorgen und Kummer“.

Wie immer bei der Bach-Blütentherapie sind die Beschreibungen der Zustände, bei denen die Bachblüten eingesetzt werden, hoch dramatisch, bildhaft und weitläufig, so dass viele Menschen sich an irgendeinem Punkt damit identifizieren können.

Und wie immer bei der Bach-Blütentherapie gibt es für diese hochtrabenden Versprechungen keine Belege. Die Beschreibungen sind willkürlich und entstammen der Fantasie des Erfinders.

Wer fundiertes Wissen über Heilpflanzen-Anwendungen erwerben möchte, kann das in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

 

Was ist Oscillococcinum®?

Oscillococcinum ist ein Homöopathikum, das häufig zur Vorbeugung und Behandlung von Grippe und grippalen Infekten empfohlen wird. In homöopathischen Praxen, aber auch in manchen Apotheken, wird das Präparat auch als homöopathische Grippeimpfung propagiert.

Oscillococcinum wird von der französischen Pharmafirma Boiron produziert, einem der weltweit grössten Hersteller von Homöopathika. Für das Jahr 2009 gab Boiron einen weltweiten Umsatz von 526 Millionen Euro an und einen Gewinn von 91 Millionen Euro.

Zur Entstehungsgeschichte von Oscillococcinum®

Oscillococcinum geht auf den französischen Arzt Joseph Roy zurück, der während des Ersten Weltkriegs als Lazarettarzt arbeitete. Er glaubte, in Ausscheidungen von Opfern der Spanischen Grippe in seinem Mikroskop Bakterien beobachtet zu haben, die er für die Erreger der Grippe hielt. Roy beschrieb kugelförmige Gebilde verschiedener Größe, die rasche, schwingende Bewegungen machten und die er für Mikroben hielt. Aus diesem Grund nannte er seine Entdeckung Oszillokokken – schwingende Bakterien. Später meinte er, sie auch noch im Blut und den Tumoren von Krebspatienten entdeckt zu haben. Da Roy diese „ Oszillokokken“ besonders häufig in der Leber von Enten zu finden glaubte, wird Oscillococcinum konsequenterweise aus Entenleber und Entenherz hergestellt.

Im homöopathischen Fachjargon heisst das dann Anas barbariae hepatis et cordis extractum 200 K.

Biologisch ist der Artname falsch, weil eigentlich die Moschusente Cairina moschata (frz. Canard de Barbarie) gemeint ist, die zur Gattung Cairina und nicht Anas gehört.

Bestandteile der Entenorgane sind – zur Beruhigung der Veganer  –  im fertigen Homöopathikum wegen der hochgradigen Verdünnung mit keinem einzigen Molekül mehr enthalten: 200 K ( K= nach Korsakow) entspricht einer Potenz von C200, also einer Verdünnung von 1 : 10400.

Es lässt sich im Nachhinein nicht klären, was genau Roy in seinem Mikroskop beobachtet hatte. In der Zwischenzeit wurde jedoch klar, dass weder Krebs noch die Grippe noch eine der anderen Krankheiten, für die Roy seine Oszillokokken als Verursacher vermutete, überhaupt durch Bakterien ausgelöst werden. Grippe wird durch Viren verursacht, die bedeutend kleiner als Bakterien sind. In einem optischen Mikroskop, wie es Roy zur Verfügung stand, lassen sich Grippeviren nicht beobachten. Erst um das Jahr 1930 herum gelang die Darstellung von Viren mit Hilfe der Elektronenmikroskopie.

Roys Beobachtungen konnten von keinem anderen Mikrobiologen bestätigt werden.

Zudem ist bis heute kein Bakterium bekannt, das in Entenleber zu finden ist und Grippe bewirken kann. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass Roy in seinem Mikroskop Luftbläschen beobachtete, deren Zittern durch die thermische Brown’sche Molekularbewegung verursacht wurde.

Da die Ausgangssubstanz „Entenleber & Entenherz“ nichts enthält, was eine Grippe oder vergleichbare Symptome wie eine Grippe auslösen könnte, kann das durch Prüfung am Gesunden nach homöopathischen Regeln erstellte Arzneimittelbild für Oscillococcinum® auch nicht auf die Anwendung bei Grippe passen. Das Präparat widerspricht somit sogar den Prinzipien der Homöopathie.

Wie ein Arzneimittelbild aus der Arzneimittelprüfung am Gesunden entsteht, wird in diesem Blog-Beitrag beschrieben:

Homöopathie-Forschung: Arzneimittelprüfung mit Okoubaka

Nun wird Oscillococcinum® aber oft auch als Vorbeugung gegen Grippe empfohlen, nicht selten sogar im Sinne einer alternativen Grippeimpfung. Das Prinzip der Vorbeugung und das Prinzip der Impfung stehen jedoch in fundamentalem Widerspruch zum Homöopathie-Modell, wie es der Gründer Samuel Hahnemann (1755 – 1843) postuliert hat.

Dieses heute noch zum Kernbestand der Homöopathie gehörende Modell setzt eine vorhandene, akute Krankheit voraus. Hahnemann war der Auffassung, dass von der “Krankheit”, der “verstimmten geistigen Lebenskraft”, die Summe der äußerlich sichtbaren Symptome zu wissen sei. Seines Heilmethode ist dann die Suche nach dem Mittel, das der “verstimmten geistigen Lebenskraft” exakt entgegenwirken möge (§§ 17 und 18 des Organon). Beim gesunden Menschen, der einer Grippe vorbeugen oder sich homöopathisch “impfen” lassen möchte,  ist diesbezüglich aber gar nichts verstimmt. Eine homöopathische “Impfung” kann hier also auch nichts bewirken. Detaillierter beschrieben werden diese Zusammenhänge in einem Beitrag auf dem Portal Netzwerk-Homöopathie:

“Homöopathische Impfungen” – gibt es das?

Schon die Entwicklungsgeschichte von Oscillococcinum® ist also ausgesprochen fragwürdig. Sie basiert auf einer ganzen Reihe von krassen und zum Teil zeitbedingten Irrtümern. Würden die Käuferinnen und Käufer dieses Produktes die Entwicklungsgeschichte kennen, würden wohl einige von ihnen den Kaufentscheid überdenken. Aber Transparenz beim Endverbraucher zu schaffen scheint nicht im Interesse des Herstellers und der Apotheken.

Zur Herstellung von Oscillococcinum®

Norbert Aust weist in seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ eindrücklich nach, dass Oscillococcinum® gar nicht so hergestellt werden kann, wie es auf der Packung steht:

„Oscillococcinum ist ein homöopathisches Präparat aus dem Extrakt von Leber und Herz einer bestimmten Entenart, das in der Potenz K200 angeboten wird. Dabei handelt es sich um eine Korsakoff-Potenz, die in Verdünnungsschritten 1:100 in einem speziellen vereinfachten Verfahren hergestellt wird. Sie entspricht somit einer Verdünnung von 1:10^400. Die letztere Zahl ist eine Eins mit 400 Nullen und mit keiner Anschauung der Welt plausibel zu machen. Die Anzahl der Atome im Universum beträgt nur etwa 10^80. Wenn auch nur eine einzige Ente je auf Erden verschieden wäre und sich ihr Herz und ihre Leber nach der Zersetzung im gesamten Wasservorrat der Erde verteilt hätte, entspräche das einer Verdünnung von vielleicht D23. Folge: K200 entsprechend D400 ist nicht herstellbar, weil man kein Wasser zur Verfügung haben kann, das hinreichend wenig (!) Entenleber enthält. Selbst wenn es im gesamten Universum nur ein einziges ‚Entenleberwirkstoffmolekül‘ gäbe, wäre dies nur eine Potenz von etwa K39 oder K40, je nach Größe dieses Moleküls.“

Zur Studienlage betreffend Oscillococcinum®

Boiron hat mit Oscillococcinum® einige Studien durchgeführt. Die unabhängige Cochrane Collaboration hat die Studien in einer Metaanalyse analysiert und kommt zum Schluss, dass die vorliegenden Studiendaten die Anwendung nicht unterstützen.

Auch die Homöopathie-nahe Carstens-Stiftung hält es für zweifelhaft, „dass Oscillococcinum® bei grippalen Effekten über Placeboeffekte hinaus wirkt.“

Eine detaillierte Darstellung der Studienlage mit Quellenangaben gibt’s hier bei Homöopedia:

Studienlage zu Oscillococcinum®

In den USA wurde Boiron mittels Sammelklage wegen irreführender Werbung angeklagt, strebte vor Gericht einen Vergleich an und zahlte fünf Millionen US-Dollar an unzufriedene Kunden zurück, um ein Urteil zu vermeiden.

In der Schweiz warnte die Arzneimittelbehörde Swissmedic schon 2011 in einem Newsletter, dass Oscillococcinum® selbst von Fachpersonen vermehrt zur homöopathischen Grippeimpfung empfohlen wurde. Swissmedic bezeichnete solche Empfehlungen als irreführend und für Risikopersonen gesundheitsgefährdend.

Im Jahr 2011 versuchte Boiron, einen italienischen Blogger mit Drohbrief und Klageandrohung einzuschüchtern, weil er sich kritisch zu Oscillococcinum® geäussert hatte.

Das Präparat ist also insgesamt fragwürdig. Und noch fragwürdiger ist, dass manche Apotheken ein solches Präparat aktiv verkaufen.

Wer heilt hat Recht?

Das wird aber viele Leute nicht davon abhalten, Oscillococcinum® für wirksam zu halten, nach dem Motto: „Mir hilft es halt!“ oder „Wer heilt hat Recht!“.

Siehe dazu: 

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin:Wer heilt hat Recht (2)

Die Erfahrung, dass jemand nach Einnahme von Oscillococcinum® von einer Grippeerkrankung gesund wird, ist durchaus ernst zu nehmen. Die Interpretation dieser Erfahrung, wonach diese Genesung durch die Einnahme von Oscillococcinum® verursacht wurde, lässt sich aber mit sehr guten Gründen in Frage stellen. Grippe und  „grippale Erkrankungen“, bei denen Oscillococcinum®  eingesetzt wird, bessern in der Regel auch von selbst.  Sagt jemand „Mir hilft es halt!“, dann wäre die Person zu fragen, ob sie sicher ist, dass die Erkrankung ohne Oscillococcinum®  länger gedauert hätte. Bejaht die Person die Frage, dann wäre nachzufragen, woher sie das weiss. An dieser Stelle lauert nämlich ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss: Die Gleichzeitigkeit zweier Vorgänge (Gesundwerden &  Oscillococcinum®-Einnahme) wird irrtümlich als Ursache-Folge-Beziehung interpretiert (Gesundwerden wegen Oscillococcinum®-Einnahme).

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der “Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss” als häufige Irrtumsquelle

 

Quellen:

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oscillococcinum

https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Boiron

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=844

Mehr kritische Reflexion nötig

Ich bewege mich seit mehr als 40 Jahren im Umfeld von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Alternativmedizin. In dieser Zeit ist mir immer klarer geworden, dass es in diesen Bereichen fundamental an kritischer bzw. selbstkritischer Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Methoden mangelt. Es spielt oft kaum eine Rolle, ob eine Heilungsversprechung wahr ist, wenn sie ins eigene Konzept passt. Das führt nicht selten zur Täuschung und manchmal auch zur Gefährdung von Patientinnen und Patienten.

Weiteres dazu hier:

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

P. S.:

Hier noch ein Hinweis aufgrund meiner Erfahrung, dass ich auf solche Beiträge jeweils ein paar Mails bekomme mit der Frage, wieviel dem Autor als “Pharmaknecht” von der Pharmaindustrie für diesen Artikel bezahlt wurde:

Nein, liebe Verschwörungstheoretiker, dieser Beitrag wurde ohne finanzielle Beteiligung der Pharmaindustrie verfasst.😉

 Zudem weise ich darauf hin, dass auf dieser Website auch kritische Texte zu kritikwürdigen Aspekten der Pharmaindustrie vorhanden sind….

[Buchtipp] „Change the Game – Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern,“ von Corinna Milborn, Markus Breitenecker

 

Worum gehts?

Macht und Einfluss von Google und Facebook auf Einzelne 

Macht und Einfluss von Google und Facebook auf Einzelne

 

 

Verlagsbeschreibung

Im Silicon Valley haben einige wenige Tec-Giganten globale Medienmonopole aufgebaut. Konzerne wie Google oder Facebook machen uns süchtig und sind nur auf den ersten Blick kostenlos, bequem und attraktiv. Die renommierte Journalistin Corinna Milborn und der Mediengründer Markus Breitenecker zeigen auf, wie die Machtkonzentration der Plattformkonzerne unsere Demokratie zerstört und benennen, was wir dagegen tun können. Sie entwickeln neue Ideen für einen öffentlich-rechtlichen Auftrag, der die europäischen Medien dabei unterstützt, eigene (Social-) Media-Destinationen mit Qualitätsanspruch zu entwickeln und dabei auf Kooperation statt Konkurrenz setzt, um gegen die US-Tec-Monopole zu bestehen.

Bestellen bei Buchhaus.ch: Zum Shop

Aus Buchbesprechungen

“Das heimische Medienduo präsentiert Ideen für eine Neuordnung perverser Geschäftsmodelle und liefert mit dem Band eine kompakte Zusammenfassung zur aktuellen Medienkrise.”
Michaela Knapp, trend. Das Wirtschaftsmagzin.

„Die Euphorie ist vorbei. Zumindest bei zwei Schwergewichten der österreichischen Medienlandschaft: Corinna Milborn (…) und Markus Breitenecker (…) haben gemeinsam ein viel erwartetes Buch über die Dominanz der internationalen Digitalkonzerne wie Facebook und Google geschrieben. Und das Urteil der beiden Medienexperten fällt zutiefst kritisch aus.“

„’Change the Game’ liest sich wie der Schlachtplan zur Rückeroberung europäischer Mediensouveränität.”
Anna-Maria Wallner, Die Presse

Zur Autorin / zum Autor

Corinna Milborn ist Journalistin, TV-Moderatorin und renommierte Autorin. Seit 2013 ist sie Informations-direktorin der Sendergruppe ProSieben, Sat.1, Puls4-Österreich, 2017 wurde sie zur “Journalistin des Jahres” gekürt.

Markus Breitenecker ist Gründer von PULS_4 und des Digital-Festivals 4GAMECHANGERS. Er ist CEO von ProSieben, Sat.1, PULS 4 in Österreich und wurde mehrmals zum “Medienmanager des Jahres” gewählt.

Kommentar von Martin Koradi

Dieses Buch ist sehr ergiebig und informativ. Wer wissen will, wie Facebook, Google und YouTube funktionieren – und worauf es dabei ankommt, bekommt hier Auskunft.

Milborn und Breitenecker (M&B) beschreiben eindrücklich, wie diese “sozialen” Plattformen in grossem Stil Werbegelder absaugen und dadurch dem Qualitätsjournalismus die ökonomische Grundlage radikal entziehen. Das allein ist schon gefährlich für die Demokratie. Und die Spiesse sind zugunsten der monopolhaften Plattformen sehr ungleich lang. M&B plädieren meines Erachtens überzeugend dafür, die “Sozialen Medien” unter die Mediengesetzgebung zu stellen, damit sie Verantwortung übernehmen müssen für die Medieninhalte, die sie verbreiten, so wie das Zeitungen und TV-Stationen und Radio-Stationen auch müssen.

M&B sind langjährige Kaderpersonen im Privat-TV-Bereich. Umso erstaunlicher ist es, dass sie von der Wichtigkeit öffentlich-rechtlicher Medien auch für die Zukunft überzeugt sind und dazu detaillierte und gut überlegte Vorschläge machen. Sie sehen für die Öffentlich-Rechtlichen eine wichtige Funktion zum Ausgleich des Marktversagens im Bereich qualitativ hochstehender Medien. Öffentlich-rechtliche Medien sollten nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil ausgebaut werden, aber mit einem modifizierten und modernisierten Auftrag, der an das digitale Zeitalter angepasst ist. Diese Vorschläge sind sehr bedenkenswert.

Es braucht sehr grosse Anstrengungen von öffentlich-rechtlichen und privaten Medien, damit Europa den US-amerikanischen Tech-Monopolen aus dem Silicon Valley etwas entgegensetzen kann mit Alternativen, die Datensicherheit und Qualitätsjournalismus ermöglichen.

Diese Buch bietet sehr viel aktuelles Wissen zu Medienkompetenz und Medienpolitik. Sehr empfehlenswert.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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[Buchtipp] „Fake statt Fakt – Wie Populisten, Bots und Trolle unsere Demokratie angreifen,“ von Ute Schaeffer

 

Worum gehts?

Fake News und Propaganda

Populismus und Demokratie

Ein ausgezeichnetes Buch über die Gefährdung der Demokratie durch Bots, Trolle und Fake News.

 

 

 

Verlagsbeschreibung

Inhalt:

Die digitale Manipulation
Der öffentliche Raum hat sich fundamental verändert. Was als Tweet oder Post beginnt, führt zu praktischer Gewalt und hat unmittelbaren Einfluss auf Wahlergebnisse. Ein regelrechter Informationskrieg ist entstanden, der unsere Gesellschaft spalten und demokratische Institutionen unglaubwürdig machen soll. Es geht um Stimmungen, nicht um Fakten. Populisten und Extremisten brauchen eine Story: mit Opfern und Tätern, klaren Feinden und Helden. Somit sind die Echo- und Meinungsräume im Internet ein Biotop für beide. Ute Schaeffer hat sich fast zwei Jahre undercover in diese Räume begeben. Sie beschreibt die Akteure hinter den Kampagnen, analysiert die Storys und zeigt, auf welche Weise die Funktionen des Netzes die Wirkung der Propaganda verstärken.

Hier bestellen beim Buchhaus: Zum Shop

Zusammenfassung

Aufgedeckt von einer der versiertesten Journalistinnen Deutschlands: Mechanismen und Akteure hinter den Fake News, die die öffentliche Meinung manipulieren.

Aus Buchbesprechungen

“Schaeffer warnt davor, auszublenden, was im Netz verhandelt wird. ”
emotion 1. Juli 2018

»Das Buch liefert wesentliche Informationen zum Hintergrund und viele Diskussionsansätze. «
3. September 2018, Hessischer Bildungsserver

»Sie analysiert, wie Meinungen gemacht werden, und zeigt auf, warum dies für die Demokratie gefährlich ist. «
30. Juli 2018, Martina Dannert, ekz-bibliotheksservice

»Wichtigste Voraussetzung für eine wirksame Abwehr ist die Kenntnis der Mechanismen, mit denen die Netz-Fälscher in Politik, Werbung und Medien verfahren. Hierfür liefert der Band wertvolle Hilfe. «
11. Juli 2018, Badische Neueste Nachrichten

»Was Schaeffer schreibt, verwundert wenig, macht aus einem Ahnen aber durch sorgfältiges und umfassendes Ausleuchten ein Wissen. «
3. Juli 2018, Goslarsche Zeitung

»Schaeffer entdeckte zu ihrem Bedauern professionelle Content- und Vertriebsstrategien sowie viel Desinformation. Aber mit Blick auf den etablierten Journalismus hat sie auch einiges nachdenklich und selbstkritisch gemacht.«
13. Juni 2018, Frank Hauke-Steller, kress news

»Gegenmaßnahmen für eine resiliente Demokratie …«
6. Juli 2018, Wolfgang Taus, Wiener Zeitung

»Sie zeigt dabei, wie Sprache Wirklichkeit umstülpen kann. «
18. Juni 2018, www.kultur-punkt.ch

»Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, also bedarf es wirksamer Gegenmaßnahmen, um uns und unsere Demokratie zu schützen. Solide Informationen über das Geschehen im Netz sind der erste wichtige Schritt – und dazu leistet die Autorin einen wesentlichen und wichtigen Beitrag!«
17. Juni 2018, Dietmar Langusch, www.lehrerbibliothek.de

»Eine ihrer Erkenntnisse lautet, dass sich eine immer größere werdende Gegenöffentlichkeit in eigenen Echokammern bildet. «
1. Juni 2018, Team Vorarlberg – Standpunkte für Wirtschaft und Gesellschaft

»Schaeffer entdeckte zu ihrem Bedauern professionelle Content- und Vertriebsstrategien sowie viel Desinformation. Aber mit Blick auf den etablierten Journalismus hat sie auch einiges nachdenklich und selbstkritisch gemacht.«
13. Juni 2018, Frank Hauke-Steller, kress news

Zur Autorin Ute Schaeffer

Ute Schaeffer war Chefredakteurin der Deutschen Welle und ist heute Leiterin Medienentwicklung und stellvertretende Direktorin der DW-Akademie. Sie hat lange Jahre aus Afrika, Osteuropa und den arabischen Staaten Bericht erstattet und kennt viele Herkunftsregionen der Flüchtlinge persönlich.

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch von Ute Schaeffer ist sehr ergiebig und  geht meines Erachtens weit über das Thema „Fake statt Fakt“ hinaus. Die Autorin liefert einen hautnahen Einblick in die Kommunikations- und Marketingstrategien der AfD und der Identitären Bewegung. Überaus erkenntnisreich und gut lesbar. Die demagogischen Strategien und auch die Verführungskraft werden dadurch auf vielfältigen Ebenen sichtbar. Für meinen Geschmack zitiert das Buch die demagogischen Slogans fast zu häufig. Man sollte Lügengeschichten nicht zu oft wiederholen und sie bei jeder Gelegenheit konsequent widerlegen. Aber eindrücklich ist dieser Einblick allemal.

Schaeffers Buch zeigt auch, wie konsequent rechtpopulistische und rechtsextreme Akteure mit Falschmeldungen demokratische Istitutionen diskreditieren und damit ihre eigene Agenda verfolgen.

Ein eigenes Kapitel ist der Einflussnahme der Kreml-Propaganda gewidmet, die konsequent rechtspopulistische und rechtsextreme Akteure unterstützt und gezielt Misstrauen, Konflikte und Polarisierung in demokratischen Staaten schürt.

Ein weiteres Kapitel handelt vom Einfluss  türkischer TV-Stationen als Multiplikatoren der AKP-Politik in Deutschland.

Auch der raffinierte Medien-Dschihad des IS wird in einem eigenen Kapitel vorgestellt.

Und dann- ein absolutes Zukunftsthema – geht es um Big Data, Microtargeting und Profiling am Beispiel des Wahlkampf Donald Trumps. Hier kommt etwas auf uns zu, das grosse Aufmerksamkeit erfordert, weil dadurch demokratische Prozesse vollständig unterspülen kann.

Ute Schaeffer beschliesst ihr Buch mit ein paar Vorschlägen, wie wir die digitale Öffentlichkeit gestalten können.

Das Thema verlangt meines Erachtens darüber hinaus aber von uns allen Nachdenken und Aktivwerden, um diesen Herausforderungen demokratischer Gesellschaften Widerstand entgegen setzen zu können.

Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis von „Fakt statt Fakt“ finden Sie anschliessen sweiter unten.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen

 

Inhaltsverzeichnis

TEIL 1

WIR GEGEN DIE ANDEREN – DIE GEGENÖFFENTLICHKEIT IM NETZ

Umzug in die andere Echokammer. Die Recherche    13

Fake statt Fakt – das heißt was? ∙ Mitmachen und erleben – nicht mehr nur kommunizieren ∙ Warum das Buch zum Thema? ∙

Radikalisierung über das Netz ∙ Wie Sprache Wirklichkeit verändert ∙
Der Selbstversuch
Eine Gegenöffentlichkeit schaffen –

Medien der Neuen Rechten im Netz       25

Die Akteure – von der nationalkonservativen Traditionsmarke bis zum Blog ∙ Protest aus dem Nichts – Emotionen füllen nachrichtenarme Zeiten ∙ Tendenzmedien und Politik-PR
– verbreitet wird vor allem Werbung ∙ Die Medien der Neuen Rechten ∙ Mitmachen und erleben – jeder kann aktiv werden ∙ Echokammer-Live: mein Besuch auf der Compact–Konferenz 2016 ∙ Vielfältiges Angebot: vom Verschwörungsportal bis zum anonymen Fake-Blog ∙ Gemeinsam sind wir stark: die rechte Filterblase ∙ Die Strategie ∙ Reichweite erhöhen: Social Bots in der digitalen Gegenöffentlichkeit ∙ Inhaltliche Schlagseite – Fake als redaktionelles Mittel ∙ Schlüsselthemen: Flüchtlinge und Terror ∙ Emotion als Verstärker

Die Grenze des Sagbaren verschieben    62

Die rechte Brille, mit der ich die Welt betrachte ∙ Katalysator-Themen ∙Die Erzählungen in der rechten Echokammer ∙ Alles darf gesagt werden – ?

Die »Wir-gegen-die!«-Kommunikation der AfD: Provokation und Protest statt Programm und Problemlösung  106

Der direkte Draht zum Volk – Soziale Medien als ideales Medium der Populisten ∙ Tabubruch durch Spitzenpolitiker ∙ Eskalation zur besten Sendezeit: die AfD und die »Systemmedien« ∙ Deutungshoheit durch hohe Frequenz ∙ Zielgruppengerechte Ansprache: Emotionen schaffen, um sie zu bedienen ∙ Protest braucht Feinde ∙ Mit wenigen Themen punkten ∙ Provokation um jeden Preis ∙ Die Echokammern der AfD: Einladung für rechtsextreme Positionen ∙ Menschenrechte? Ja, aber nicht für alle! ∙ Die Twitterstrategie der AfD ∙ Reichweite über Contentsharing ∙ Parolen statt Programm

Rechtsextremer Flashmob –die Identitäre Bewegung   135

Digitaler Flashmob – Sponti-Aktionen online und offline ∙ Netz- Avantgarde und Widerstandsgruppe ∙ Die Kriegserklärung: die IB als europäische Marke ∙ Der rote Faden identitärer Erzählungen ∙ Etikettenschwindel: die »Wortschmiede« der Identitären ∙ Genderwahn bei der IB ∙ Wie aus abstrakten Begriffen Botschaften und Aktionen werden

Bericht aus der Echokammer – Erfahrungen nach zwei Jahren Selbstversuch  155

Persönlichkeitsspaltung zu Recherchezwecken ∙ Keine Ideologie ohne Erzählung ∙ Einheitsmeinung statt Meinungsvielfalt

TEIL 2

AKTEURE VON AUSSEN

Alte Methoden, digitale Technik – und eine Botschaft der Stärke. Die (Des-)Informationsarbeit des Kreml   167

Russlands digitale Medienstrategie für Westeuropa ∙ Russische Medien als Teil der Gegenöffentlichkeit in Deutschland ∙ Die Rollenverteilung – das starke Russland, das schwache Europa ∙ Alte Methoden, neue Technik ∙ Digitale Verstärker: Vernetzung mit Plattformen der Neuen Rechten ∙ Politische Verbindungen zu Rechtspopulisten in Deutschland ∙ Regieanweisungen der Politik: Schlüsselbegriffe und Themen ∙ Politische Destabilisierung – und Polarisierung der öffentlichen Meinung ∙ Die Kampagne #unserelisa. Die Kampagne #lügenpresse ∙ Medien im Zensurstaat Russland: Information als Herrschaftsinstrument ∙ (Des-)Information als Waffe im hybriden Krieg ∙ Informationen als Waffe – die Strategie des Verteidigungsministeriums ∙ Die Ukraine als Testfall des hybriden Krieges ∙ Agendasetting im Krieg: Anweisungen des Kreml für die Ostukraine ∙ Die Ukraine-Erzählung in den russischen Auslandsmedien ∙ Politisches Marketing: Trolle im Dienste der Politik ∙ Die Wirkung: Misstrauen und Verunsicherung

Deutschland ist der Feind der Türkei – wie Erdoğan über seine Medien die deutsche Öffentlichkeit polarisiert        204

Die deutsch-türkische Beziehungskrise 2016/17 ∙ Türkische TV – Sender als Multiplikatoren der AKP-Politik in Deutschland ∙ Türken in Deutschland – für Erdoğan wichtige politische Zielgruppe ∙ Das Netzwerk der AKP in Deutschland ∙ Die Proteste im Gezipark 2013 – der Beginn einer neuen AKP-Medienstrategie ∙ Erdoğans Trolle ∙

Medien stramm auf Erdoğan-Kurs ∙ Der Stoff, aus dem die Erzählungen der AKP sind ∙ Deutschland steht auf Seiten der Feinde der Türkei und unterstützt den Terror ∙ Die Türken werden wegen ihres Glaubens, ihrer Werte, ihrer Identität beschimpft ∙ Medien und Politik verbreiten Lügen über die Türkei ∙ Deutschland ähnelt der Nazidiktatur, es herrscht Rassismus ∙ »Nazimädchen Merkel« – das Echo der Botschaften Erdoğans in den Sozialen Medien ∙ Die freiwilligen Unterstützer im Netz

Der Medien-Dschihad des IS – Informationen als Werkzeug des Terrors   229

Radikalisierung vor dem Computer – wie Dschihadisten in Deutschland angeworben werden ∙ Anis Amri – Berlin, Anschlag auf den Breitscheidplatz 19. 12. 2016 ∙ Ohne digitale Medien kein globaler Dschihad des IS ∙ Wer radikalisiert sich? ∙ Dschihad und Terror in Echtzeit – den Schrecken multiplizieren ∙ Kein Weltreich ohne internationale Propaganda – die Entwicklung seit 2014 ∙ Die Medienstrategie des globalen Dschihad ∙ Informationen als Waffe im Kampf gegen die »Kreuzzügler« ∙ Flexible Wege zum Kunden ∙ Moderne mediale Verpackung ∙ Der Kampf findet auch auf dem Schlachtfeld der Medien statt ∙ Die Medienunternehmen des digitalen Kalifats ∙ Medienplattformen für unterschiedliche Zielgruppen ∙ Der Terror-Ticker Amaq – die Nachrichtenagentur des IS ∙ Die Zielgruppen des IS ∙ Die Erzählung für die Zielgruppen in Deutschland: Komm raus aus Isolation und Ungerechtigkeit und werde ein Held! ∙ Scharia statt Demokratie – die verfassungsfeindliche Botschaft kommt bei den Nutzern in Deutschland an

Big Data, Microtargeting, Profiling – wie mit Donald Trump ein Populist Präsident wurde   254

Die Marke Trump: made by social media ∙ Die Fiktionalisierung der Politik ∙ Der Twitter-Präsident: Politik in 140 Zeichen ∙ Mobilisierung durch Provokation: Trumps Angriff auf Staat und Medien ∙ Alternative Medien verbreiten alternative Fakten ∙ Medium gegen das Establishment:

Breitbart.com ∙ Das Internet als Schlüsseltechnologie für das Erstarken der Alt-Right-Bewegung ∙ Die technischen Zutaten für den Erfolg von Trump ∙ Warum ein Trump-Wahlkampf in Deutschland (noch) nicht funktioniert ∙ Wahlkampf via Direktmarketing ∙ Kommerzielle Trolle in Mazedonien machen Werbung für Trump

Digitales Marketing – wie das Netz mir hilft, an den Fakten vorbeizusehen   278

Wie Facebook gläserne Nutzer serviert ∙ News oder Marketing? – Wenn die Gesetze der Werbung den Stellenwert von Informationen bestimmen ∙ Eine gute Platzierung bei Google schafft Reichweite ∙ Algorithmen bestimmen, was ich sehe – bestimmen sie auch, wie ich mich verhalte? ∙ Kinderleicht: Facebook-Werbung schalten ∙ Werbung leicht gemacht: Erstwähler über Facebook für die AfD begeistern ∙ Achtung ansteckend! Warum sich vor allem Gefühle so gut im Netz verbreiten lassen und warum Soziale Medien so wirkungsvolle Verstärker sind ∙ Roboter, die sich verhalten wie Menschen: Social Bots

Kein Algorithmus der Welt wird uns das kritische Denken abnehmen  289

Wie groß ist der politische Schaden? ∙ Es geht um einen anderen Gesellschaftsentwurf ∙ Weltvereinfachungsformeln für eine komplexe Welt ∙ Desinformation als Mittel zum Zweck ∙ Postfaktisch ist nicht neu ∙ Digitales Agendasetting und Meinungsbildung ∙ Und nun? Digitale Öffentlichkeit gestalten – ein paar Vorschläge ∙ Der digitale Strukturwandel ist eine großartige Chance auf mehr Demokratie

Anhang   315

Anmerkungen ∙ Quellen ∙ Glossar ∙ Dank