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Zuviele ungeeignete Medikamente bei Pflegeheimbewohnern

Senioren in Pflegeeinrichtungen bekommen oft für sie ungeeignete Arzneimittel oder Arzneimittel-Kombinationen. Das haben Rechtsmediziner entdeckt, die verstorbene Bewohner dieser Einrichtungen für eine Studie obduziert haben.

Betagte Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen leiden häufig gleich an mehreren Krankheiten und müssen darum verschiedene Arzneimittel einnehmen. Eine solche Medikation braucht aufmerksame Planung, denn es kann rasch zu Wechselwirkungen der verschiedenen Wirkstoffe kommen. Darüber hinaus sind einige Medikamente generell nicht für sehr alte Menschen geeignet: Sie stehen deshalb auf der sogenannten Priscus-Liste.

Nicht alle Pflegeinstitutionen prüfen aber die Medikation ihrer Bewohner sorgfältig genug. Das konnte eine Wissenschaftlergruppe am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigen. Die Mediziner obduzierten 100 Bewohner von Altenheimen, die auch dort verstorben waren. Urin, Blut und Haare der Toten wurden in einem forensisch-toxikologischen Labor auf Medikamentenrückstände untersucht.

Sie wollten herausfinden, ob und wie oft die Verstorbenen für sie ungeeignete Medikamente eingenommen hatten, ob Medikamente überdosiert oder als freiheitsentziehende Maßnahme genutzt, also Patienten damit »ruhiggestellt« wurden.

Die Wissenschaftler untersuchten aber auch, ob die Gabe von Medikamenten gar für Todesfälle verantwortlich war.

Die Studie wird erst im Jahr 2019 abgeschlossen, doch die Forscher um Sabine Gleich haben nun schon erste Resultate publiziert. Demnach nahmen die untersuchten 100 Toten durchschnittlich 5 Medikamente ein. Der höchste Wert bei einem Bewohner waren 12 unterschiedliche Präparate.

Beinahe jeder zweite Bewohner (47 Prozent) nahm Antipsychotika, jeder dritte (30 Prozent) Antidepressiva.

Ein Viertel der verstorbenen Bewohnerinnen und Bewohner  (22 Prozent) hatte Hypnotika oder Sedativa eingenommen – eine Arzneimittelgruppe, die genäss Priscus-Liste für dieses Lebensalter kontraindiziert ist.

Die Studienautoren schreiben, dass die Medikamentenkombinationen in mehreren Fällen nicht den Leitlinien der Fachgesellschaften zu entsprechen scheinen. Sie fanden Hinweise auf eine gleichzeitige Verordnung mehrerer Opioidanalgetika sowie mehrerer oder langwirksamer Hypnotika. Auch hatten zahlreiche Bewohner verschiedene zentralnervös wirksame Substanzen eingenommen, was immer mit einem hohen Risiko für Nebenwirkungen und Interaktionen verbunden ist.

Bei den Antipsychotika waren die beiden am häufigsten gefundenen Substanzen Pipamperon und Risperidon, bei den Antidepressiva Mirtazapin und Citalopram, bei den Opioidanalgetika Tilidin und Fentanyl. Hatten die Verstorbenen Hypnotika eingenommen, dann besonders häufig Lorazepam oder Oxazepam. Bei den Antikonvulsiva lagen Pregabalin und Gabapentin an der Spitze.

Die Wissenschaftler werten zurzeit noch zusätzliche Details anhand von weiteren Blut- und Haarproben aus und analysieren die Medikationspläne der obduzierten Patienten. Für das kommende Jahr planen sie eine ausführliche Fachpublikation.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/zu-viele-ungeeignete-medikamente/

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Medikation bei älteren Menschen ist oft anspruchsvoll, insbesondere wenn mehrere Erkrankungen gleichzeitig vorliegen. Je höher dann die Zahl der verordneten Medikamente, desto schwieriger wird es, die potentiellen Wechselwirkungen zu überblicken.

Die Mitteilung der Forscher aus München bestätigt den Eindruck, dass hier nicht immer alles otimal läuft und oft zuviel verordnet wird. Wir können also gespannt sein auf den vollständigen Forschungsbericht.

Zur erwähnten Priscus-Liste:

Die im Herbst 2010 eingeführte Priscus-Liste kann Ärzten und Apothekern bei einer seniorengerechten Auswahl von Medikamenten helfen. Die Priscus-Liste umfasst 83 Wirkstoffe, die als potenziell ungeeignet für geriatrische Patienten gelten.

Alternativ verweist die Priscus-Liste auch auf Phytopahrmaka.

Bei Schlafstörungen schlägt sie alternativ hoch dosierte Baldrianpräparate oder nichtmedikamentöse Therapie (Schlafhygiene) vor.

Siehe dazu:

Schlafstörungen: Senioren profitieren von pflanzlichen Schlafhilfen

Baldrian als verträgliche Schlafhilfe für Senioren bestätigt

Eine Erläuterung zum Sinn und Zweck der Priscus-Liste finden sie hier:

Priscus Erläuterung

Zur Priscus-Liste direkt geht’s hier:

Priscus-Liste

P.S.:

Phytopharmaka bzw. Heilpflanzen-Anwendungen sind im Pflegeheim in gewissen Situationen eine prüfenswerte Option – für Pflegefachleute, aber auch für Personen aus Medizin und Naturheilkunde biete ich mit der Phytotherapie-Ausbildung einen fundierten Lehrgang an, um professionelles Wissen in diesem Bereich zu erwerben.

 

Johannisblütenöl und Orangenblütentee als Abendritual

Im “Migros Magazin” (8. Oktober 2018) wird die Skirennfahrerin Michelle Gisin aus Engelberg (Obwalden) portraitiert. Dabei kommt die Athletin auch auf Naturheilmittel zu sprechen: “Habe ich Schmerzen, trage ich Quarkwickel auf.”

Sie erwähnt ausserdem das Johannisblütenöl:

“Damit reibe ich mich vor dem Schlafengehen von Kopf bis Fuss ein. Dann trinke ich einen Orangenblütentee und ab in die Federn.”

Interessantes Abendritual. Johannisöl aus den Johanniskrautblüten wird durch Auszug mittels (meisten) Olivenöl hergestellt. Von der ESCOP wird es empfohlen zur Behandlung leichter Haut­entzündungen (z. B. Sonnenbrand) oder zur Heilung kleiner Wunden. 

Eine direkte beruhigende Wirkung durch die Haut scheint mir sehr unwahrscheinlich, aber eine Einreibung am Abend ist eine schöne Idee.

Orangenblütentee hat sich als Abendtee in der Schweiz vor allem in Pflegeinstitutionen durchgesetzt. In Pflegeheimen und Kliniken wird Orangenblütentee gereicht als Einschlafhilfe. Interessanterweise ist diese Anwendung in Pflegeinstitutionen in Deutschland und Österreich viel weniger gebräuchlich.

 Die Wirksamkeit von Orangenblütentee als Einschlafhilfe wurde allerdings nie genauer untersucht und in der Phytotherapie-Fachliteratur taucht die Pflanze in der Regel gar nicht auf.

Orangenblüten enthalten aber zirka 0,2-0,5 % ätherisches Öl mit hauptsächlich Monoterpenen (Linalylacetat, alpha-Pinen, Limonen, Linalool, Nerol, Geraniol), ausserdem Anthranilsäuremethylester und Bitterstoffe.
Die Zusammensetzung des ätherischen Öles zeigt damit gewisse Ähnlichkeit mit dem Lavendelöl (Linalylacetat, Limonen, alpha-Pinen, Linalool, Geraniol). Da für Lavendelöl eine beruhigende Wirkung bei Unruhe und Einschlafstörungen gut belegt ist, kann eine solche Wirkung auch für den Orangenblütentee vermutet werden. Es würde sich dann beim Trinken von Orangenblütentee dann quasi um eine Aromatherapie via Duftebene handeln. Darum wäre wohl die Empfehlung sinnvoll, den Orangenblütentee langsam schluckweise zu trinken, damit das ätherische Öl gut auf die Geruchsrezeptoren einwirken kann.

In der Natur entfalten Orangenblüten einen betörenden Duft. Das habe ich bei Velotouren durch Orangenfelder in China selber eindrücklich erlebt. In Spanien wird die Costa del Azahar als Küste der Orangenblüten bezeichnet und verdankt diesen Namen den grossen Orangenhainen, die unweit von der Küste wachsen und mit dem Orangenblütenduft zum Teil die ganze Umgebung erfüllen.

Mehr zum Orangenblütentee gibts hier:

Orangenblütentee bei Einschlafstörungen

Wie weit bei Michelle Gisins Abendritual mit Johannisblütenöl und Orangenblütentee auch Wirkstoffe aus den Pflanzen zur Wirkung kommen, ist also weitgehend ungeklärt.

Einschlafrituale haben aber auch für sich einen Wert und sollten in dieser Hinsicht nicht unterschätzt werden.

 

 

 

Was ist Karkade-Tee?

Karkade-Tee wird hergestellt aus den getrockneten Blüten des Hibiscus sabdariffa, einer Pflanze aus der Familie der Malvengewächse (Malvaceae).

Hier ein Foto der getrockneten Blüten auf Wikipedia.

Der Name Karkade bzw. Karkadeh stammt aus der arabischen Sprache. In Deutschland sind die Blüten von Hibiscus sabdariffa auch unter der Bezeichnung Malventee bekannt, was aber ungenau ist, weil verschiedene Malvengewächse als Kräutertee verwendet werden (zum Beispiel die Blüten von Malva silvestris, Grosses Chäslichrut, gegen trockenen Reizhusten).

Karkade-Tee ist als Getränk in Ägypten und im Sudan sehr beliebt und wird heiß oder kalt getrunken.

Bei uns gilt er wegen des säuerlich-fruchtigen Geschmacks kalt getrunken vor allem als Durstlöscher im Sommer.

Die Karkadeblüten enthalten verschiedene Fruchtsäuren, insbesondere Hibiscussäure, Zitronensäure, Äpfelsäure und Weinsäure, ausserdem Ascorbinsäure (Vitamin C).

Interessant aus phytotherapeutischer Sicht ist aber vor allem der hohe Gehalt an Anthocyanen, der für die intensiv rote Farbe des Karkadetees verantwortlich ist.

Anthocyane sind Radikalfänger, wirken also als Antioxidanzien. Sie sollen im Organismus die Sehvorgänge verbessern, entzündungshemmend und gefäßschützend wirken. Allerdings werden sie nur schlecht in den Körper aufgenommen, was ihre Wirksamkeit beschränken dürfte.

Anthocyane sind aber mit Sicherheit ein wertvoller Bestandteil einer vielfältigen Ernährung. Sie kommen als Farbstoff auch in vielen blauen Früchten vor, zum Beispiel in Heidelbeeren, Brombeeren, Aronia-Beeren, Schwarzen Johannisbeeren, Beeren des Schwarzen Holunders.

Im Karkade-Tee sind die Anthocyane sehr wahrscheinlich auch verantwortlich für möglicherweise vorhandene Heilwirkungen.

Kleinere Studien geben nämlich Hinweise darauf, dass die regelmässige Einnahme von Karkade-Tee eine leichte Blutdrucksenkung bewirken könnte.

Sieh dazu:

Karkade-Tee senkt systolischen Blutdruck um 13 mmhg

Forscher aus Taiwan zeigten zudem an Ratten, dass Karkade den Spiegel an LDL-Cholesterin deutlich senkt. Allerdings ist bisher ungeklärt, ob ein solcher Effekt auch bei Menschen auftritt.

Siehe dazu:

Hibiskus: Karkade gegen erhöhtes Cholesterin

Karkadeblüten sind zudem als Farbgeber in vielen Hagebutten-Beuteltees enthalten.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Heilpflanzen bei Hämorrhoiden

Die Zeitung „Kurier“ veröffentlicht einen fundierten Artikel zum Thema:

„Hämorrhoiden: Was wirklich hilft“

Darin bekommen auch Heilpflanzen-Anwendungen einen wichtigen Platz.

Hier die entsprechende Passage:

„Empfohlene Heilpflanzen

Pflanzliche Substanzen werden vor allem in Form von Salben und Cremes zur Linderung von Juckreiz und Schmerzen eingesetzt. Dazu werden meist die ätherischen Öle, die Pflanzenfarbstoffe (Flavonoide) sowie seifenähnliche Inhaltsstoffe (Saponine) verarbeitet. Bei Hämorrhoidalleiden haben sich die Inhaltsstoffe aus Kamille, Ringelblume, Kornblume, Rosskastanie und Asiatischem Wassernabel bewährt. Bäder aus Eichenrinde oder Kamille wirken z.B. entzündungshemmend und stillen den Juckreiz. Zur Pflege der Analhaut eignen sich Mandel- und Jojobaöl.“

Quelle:

https://kurier.at/wellness/haemorrhoiden-das-leiden-ueber-das-keiner-sprechen-moechte/400128260

Kommentar & Ergänzung:

Bei entzündeten Hämorrhoiden ist vor allem das Eichenrinden-Sitzbad wirksam.

Ringelblume und Kamille sind als Bestandteile von Hämorrhoidensalben sinnvoll, Hamamelissalbe würde ich noch als zusätzliche sinnvolle Alternative sehen.

Die Erwähnung von Kornblume kann ich aus der Phytotherapie-Fachliteratur nicht nachvollziehen.

Bei der Rosskastanie würde ich anstelle einer Rosskastaniensalbe darüber nachdenken, ob nicht eine Einnahme von Rosskastanien-Extrakt sinnvoller wäre.

Die Wirksamkeit von innerlich angewendetem Rosskastanien-Extrakt ist zwar bei Hämorrhoidenleiden nicht untersucht worden. Es gibt dazu aber gute Studien für eine Wirksamkeit bei Venenschwäche (Veneninsuffizienz). Weil Hämorrrhoiden zum Venensystem gehören, ist es aber denkbar, dass die Einnahme von Rosskastanien-Extrakt auch günstig bei Hämorrhoiden wirkt.

Bei Hämorrhoiden ist es zudem wichtig, für weichen Stuhlgang zu sorgen. Das lässt sich meistens gut erreichen durch pflanzliche Quellmittel mit Schleimstoffen, zum Beispiel mittels Flohsamen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Zimt zur Vorbeugung von Alzheimer?

T-online publiziert 10 Tipps zur Vorbeugung von Alzheimer. Hier lässt sich gut zeigen, wie locker und auf schwacher Basis solche Tipps oft verteilt werden.

Beispiel:

„Werden Sie verrückt nach Zimt

Auch der Insulinspiegel beeinflusst die Leistung unserer grauen Zellen. Studien haben belegt, dass Zimt den Insulinspiegel stabil halten und so auch Alzheimer vorbeugen kann.

Jean Carper: 100 simple things you can do to prevent alzheimer’s and age-related memory loss“

Quelle:

https://www.t-online.de/gesundheit/

 

Kommentar & Ergänzung:

Ja, bei Zimt gibt es eine kleine Studie aus Pakistan. Sie zeigt, dass 2 Gramm Zimt pro Tag den Blutzucker senken kann. Allerdings könnte es sein, dass bei den Probanden in Pakistan der Blutzuckerspiegel  nicht optimal eingestellt war. Denn in grössere Studien an anderen Orten wirkte Zimt nicht eindeutig besser als ein Scheinmedikament.

Schon die Aussage, dass Studien belegt haben, „dass Zimt den Insulinspiegel stabil halten“ kann, ist gewagt.

Und daraus dann sogleich auf eine vorbeugende Wirkung gegen Alzheimer zu schliessen, ist ausgesprochen fragwürdig. Dafür gibt es keinerlei Anzeichen oder gar Belege.

Die Empfehlung richtet sich zudem nicht an Diabetes-Kranke, sondern an die Allgemeinheit. Ob Zimt bei Gesunden irgendeine positive Wirkung auf den Blutzucker hat, ist ungeklärt.

Zudem wäre für eine Vorbeugung gegen Alzheimer wohl eine Langzeitanwendung über Jahrzehnte nötig. Zwischendurch mal ein paar Prisen Zimt am Milchreis reicht nicht.

Unrealistisch diese Vorstellung. Die Empfehlung ist für die Mülltonne.

Aber vor Alzheimer haben verständlicherweise viele Leute Angst, und so kommen Tipps zur Vorbeugung halt gut an.

Leider ist Vorbeugung hier aber nur sehr begrenzt möglich: Ausgewogene Ernährung, regelmässige Bewegung, soziale Kontakte pflegen, das Gedächtnis brauchen, damit es möglichst lange fit bleibt…..das wär’s dann wohl.

Phytotherapeutisch steht beim Thema Demenz / Alzheimer Ginkgo-Extrakt im Zentrum.

Allerdings konnte auch mit Ginkgo-Extrakt eine vorbeugende Wirkung gegen Demenz / Alzheimer bisher in Studien nicht belegt werden, eine positive Wirkung im Frühstadium der Demenz allerdings schon – aber nur für einen bestimmten Ginkgo-Extrakt.

Weitere Infos zu Zimt & Diabetes:

Zimt bei Diabetes: Zum aktuellen Stand des Wissens

Zimt zur Senkung des Blutzuckers bei Diabetes

Weitere Infos zu Ginkgo und Demenz / Alzheimer:

Ginkgo: Nicht alle Zubereitungsarten sind gleichwertig

S3-Leitlinie Demenzen: Empfehlung für Gingko-Extrakt 

Gingko-Extrakt bei Demenz mindestens acht Wochen lang einnehmen 

Meta-Analyse bestätigt nutzen von Ginkgo-Extrakt bei Alzheimer

 Ginkgo lindert Begleitsymptome bei Demenz

Gem-Studie: Ginkgo biloba ohne kognitiven Effekt – und nun?

 

 Metastudie zeigt: Alzheimer-Kranke können von Ginkgo-Extrakt profitieren

Ginkgo-Studie findet keine vorbeugende Wirkung gegen Demenz

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie/ Pflanzenheilkunde

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Weißdorn zur Arzneipflanze des Jahres 2019 gekürt

Der Weißdorn (Crataegus spec.) wird seit Generationen als Arzneipflanze zur Unterstützung von Herz und Kreislauf eingesetzt. Wegen zahlreicher neuer Erkenntnisse zu den Wirkungen und der Bedeutung für die Pflanzenheilkunde wurde Weißdorn vom Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2019 gewählt.

 

Reichhaltige Kulturgeschichte des Weißdorns

Sagen und Mythen haben dem Weißdorn schon vor über 1.000 Jahren wundersame Fähigkeiten zugeschrieben. Dornröschen soll durch den Weißdorn in ihren hundertjährigen Schlaf gefallen sein.

Weißdorn galt jedoch auch als Zuhause der guten Feen und war der christlichen Zeit ein Zeichen für Hoffnung. Einer Legende nach soll selbst die Dornenkrone Jesu aus Weißdorn bestanden haben, woher wahrscheinlich die Assoziation mit Leben und Tod stammt.

Weißdorn beeindruckt aber nicht nur mit den zahkreichen Erwähnungen in der Sagenwelt, sondern auch durch die seit Jahrhunderten andauernde medizinische Anwendung und seine damit assoziierte Kraft. So wurden bereits in der Antike Weißdorn-Arten medizinisch genutzt, zum Beispiel gegen Durchfall, Koliken und zur Blutstillung. Verschiedene nordamerikanische Stämme sollen schon die herzschützende Wirkung des Weissdorns gekannt und geschätzt haben. Erste Untersuchungen zur Heilkraft des Weißdorns wurden 1896 in den USA durchgeführt. Gerhard Madaus schreibt in seinem renommierten „Lehrbuch der biologischen Heilmittel“ von 1938:

„Crataegus ist ein ausgezeichnetes Kardiakum [Herzmittel], das als fast unübertreffbar bei beginnender Myokardschwäche, namentlich im Alter und bei akuten Infektionskrankheiten bezeichnet werden kann.“

Ab den 1970er Jahren waren viele Anwendungen für Weißdornextrakt bekannt, wie beispielsweise bei Altersherz, Belastungsherz, Hochdruckherz mit und ohne Schwächeerscheinungen, leichtere Grade von Koronarinsuffizienz, Herzmuskelschwäche nach Infektionskrankheiten, Rhythmusstörungen, Durchblutungsstörungen des Gehirns und Herzinfarkt (Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, 1973). 1994 wurden dann auf der Grundlage vorliegender wissenschaftlicher Daten für Weißdornblätter mit Blüten von der für Arzneipflanzen zuständigen Kommission E des damaligen Bundesgesundheitsamtes das Anwendungsgebiet der nachlassenden Leistungsfähigkeit des Herzens entsprechend Stadium II nach NYHA festgelegt.

Weißdornextrakt als traditionelles Arzneimittel zugelassen

Die deutsche Zulassungsbehörde stufte Weissdornblätter mit Blüten im Jahr 2016 aufgrund der langjährigen Erfahrungen, der Unbedenklichkeit und der guten Verträglichkeit des Wirkstoffes als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein.

Gründend auf langjähriger Erfahrung können Weißdornblätter mit Blüten auch bei zeitweilig auftretenden nervösen Herzbeschwerden (z. B. Herzklopfen, durch Ängste ausgelöste Extrasystolen) angewendet werden, wenn ärztlicherseits eine ernsthafte Erkrankung ausgeschlossen wurde. Befürwortet wird zudem der Einsatz bei leichten Symptomen von Stress und als Schlafhilfe. Auf Grund der bekannten Wirkungen könnte der Weißdornextrakt nicht nur bei funktionellen (nicht organisch bedingten) Herzbeschwerden, sondern gerade auch bei ersten Anzeichen einer Herzinsuffizienz und zur Vorbeugung einer Herzschwäche sinnvoll eingesetzt werden. Für die Herstellung von Arzneimitteln aus Weißdorn werden die Blätter zusammen mit den leuchtend-weißen Blüten der Weißdornsträucher oder -bäume verwendet. Sie enthalten wichtige sekundäre Pflanzenstoffe, wie die oligomeren Procyanidine, die für die Wirkung zuständig sind. In Mitteleuropa sind mehrere Arten des Weißdorns heimisch, darunter auch der Eingriffelige Weissdorn (Crataegus monogyna Jacq.) und der Zweigriffelige Weißdorn (Crataegus laevigata(Poir.) DC), die beide zur Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka) verwendet werden.

Vielfältige Wirkungen von Weißdorn auf Herz und Blutgefäße

Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, wie Weißdornextrakt die Herz- und Kreislauffunktion unterstützt. Die pflanzlichen Wirkstoffe wirken sich positiv auf die Pumpkraft des Herzens aus. Die Durchblutung der Herzkranzgefäße und des Herzmuskels wird erhöht, indem die Produktion des gefäßerweiternden Botenstoffs Stickstoffmonoxid (NO) angeregt und dessen Abbau gehemmt wird. Durch die Verbesserung der Kontraktionskraft des Herzens, die Verbesserung der Erregungsleitung und die Steigerung der Reizschwelle kann Weißdornextrakt zudem vor Herzrhythmusstörungen schützen. Ebenso kann der Extrakt aus Weißdornblättern mit Blüten die Blutgefäße elastisch halten und dadurch dem altersbedingten Verlust der Elastizität der Arterien entgegen wirken. Auch werden die krankheitsbedingten Störungen der Endothelfunktion (Endothel = Gefäßinnenwand der Blutgefäße) reduziert und der periphere Gefäßwiderstand vermindert. Es kommt zu einer Verbesserung der Belastbarkeit und Kurzatmigkeit bei Belastung tritt später ein. Durch aktuelle Untersuchungen liess sich zeigen, dass die Lebensqualität von Patienten unter Einnahme von Weißdornextrakt sich verbesserte und die körperliche Leistungsfähigkeit zunahm (Härtel et al., 2014).

Literatur

  1. Gündling PW: Weißdorn – neue Erkenntnisse zu einer alten Heilpflanze. Ein Multitalent für Herz und Kreislauf. EHK 2017; 66: 208-214.
  2. Härtel S, Kutzner C, Burkart M, Bös K: Einfluss von Training und Crataegus-Extrakt WS 1442 auf körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität bei leichter Herzinsuffizienz – eine randomisierte kontrollierte Studie. Z Phytother 2012 (Suppl 1): 17.
  3. Härtel S, Kutzner C, Westphal E et al.: Effects of endurance exercise training and Crataegus extract WS®_1442 in patients with heart failure with preserved ejection fraction – a randomized controlled trial. Sports 2014; 2(3): 59–75.
  4. Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. Vollständige (vierte) Neuausgabe, hersg. von P.H. List und L. Hörhammer, Springer-Verlag Berlin, Heidelberg, New York, Bd. 4 1973: 330.
  5. Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC): European Union herbal monograph on Crataegus spp., folium cum flore. EMA/HMPC/159075/2014. 5 April 2016.
  6. Holubarsch CJF, Colucci WS, Eha J: Benefit-risk assessment of Crataegus extract WS 1442: An evidence-based review. Am J Cardiovasc Drugs 2018; 18: 25-36.
  7. Madaus G: Lehrbuch der biologischen Heilmittel, Thieme-Verlag Leipzig 1938, S. 1119.
  8. Pittler MH, Guo R, Ernst E: Hawthorn extract for treating chronic heart failure. Cochrane Database Syst Rev. 2008; (1): CD005312.
  9. Wegener T. et al.: Stellenwert von Weißdornextrakt in der hausärztlichen Praxis – eine aktuelle Standortbestimmung. MMW-Fortschritte der Medizin 2018; 160 (54): 1-7.

    Foto: Copyright (iStock) – das Foto ist für die Aktion Weißdorn als Arzneipflanze des Jahres 2019 freigegeben.

Quelle:

Medienmitteilung Interdisziplinärer Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg.

 

Kommentar & Ergänzung:

Weissdorn ist die wichtigste Heilpflanze der Phytotherapie für das Herz.

Weissdorn ist gut verträglich und eignet sich für Langzeitanwendung.

Weissdorntee und Weissdornextrakt sollten mindestens über einen Zeitraum von 3 Monaten regelmässig angewandt werden.

Weissdorn ist vielfältig wissenschaftlich untersucht worden, wobei bei einigen dieser Forschungsergebnisse nicht so ganz klar ist, wie weit sie über die experimentelle Situation hinaus auch für Patienten in der Praxis klinisch relevant sind. Das drückt sich auch darin aus, dass die Zulassung nur als „traditionell“ (Kategorie „traditional use“) und nicht als wissenschaftlich belegt (Kategorie „well-established use“ = anerkannte medizinische Wirkung und akzeptierte Unbedenklichkeit) möglich wurde. Das ist etwas enttäuschen. Es ist aber immer schwierig, milde Wirkungen in einer Studie statistisch sicher zu belegen, nur schon, weil dazu grosse Probandenzahlen nötig sind.

Wie in der Medienmitteilung erwähnt, werden vom Weissdorn für die Herstellung pflanzlicher Arzneimitttel in der Regel die Blätter und Blüten gemischt verwendet. Die Weissdornfrüchte enthalten aber auch Wirkstoffe (oligomere Procyanidine und Flavonoide) und kommen gelegentlich auch in Präparaten zum Einsatz, zum Beispiel für Weissdorntinktur).

Weißdornfrüchte sind roh essbar, schmecken säuerlich-süß, sind jedoch sehr mehlig. Sie lassen sich zu Kompott oder Gelee verarbeitet und eignen sich dabei auch zum Mischen mit anderen Früchten, weil sie gut gelieren.

Weissdorn ist aber auch ein wertvoller Strauch oder Baum für die Tierwelt. Vögel fressen im Herbst sehr gerne die leuchtend roten Früchte, und für Insekten ist der Weissdorn eine wichtige Nahrungsquelle, zum Beispiel als Futterpflanze für 54 verschiedene Schmetterlingsraupen-Arten. Weissdorn eignet sich daher sehr gut als einheimischer Strauch in Hecken.

Zu beachten ist dabei aber, dass Weissdorn den Feuerbrand übertragen kann, eine gefährliche, durch das Bakterium Erwinia amylovora verursachte Pflanzenkrankheit, die vor allem Kernobstgewächse befällt und sich seuchenartig schnell ausbreiten kann. Deshalb wird für die ganze Schweiz empfohlen, in definierten Schutzobjekten (Hochstammobstgärten, Baumschulen, Obstanlagen und andere definierte Objekte) in im Umkreis von 500 m darum herum auf das Anpflanzen von Weissdorn-Arten zu verzichten.

Dieser Empfehlung liegt ein Konses zugrunde zwischen schweizerischen Natur- und Vogelschutzverbänden, dem BAFU und dem Eidgenössischen und Kantonalen Pflanzenschutzdienst.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Bewegung reduziert Risiko für schwere Schlaganfälle

Menschen, die sich regelmäßig bewegen, haben ein geringeres Risiko für schwere Schlaganfälle als körperlich Inaktive. Dazu sind keine sportlichen Höchstleistungen nötig: Eine halbe Stunde Spazierengehen am Tag reicht für eine Halbierung des Risikos.

Körperliche Bewegung reduziert bekanntermaßen das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Doch wenn es trotzdem zum Schlaganfall kommt, sind Aktive auch besser dran als Bewegungsmuffel. Zu diesem Ergebniss kommen schwedische Wissenschaftler in einer Studie, die im Fachjournal »Neurology« publiziert wurde. Das Team um Dr. Malin Reinholdsson von der Sahlgrenska Universität in Göteborg untersuchte dazu 925 Patienten, die zwischen 2014 und 2016 an der dortigen Universitätsklinik aufgrund eines erstmaligen Schlaganfalls behandelt worden waren. Die Patienten lieferten den Forschern dabei Angaben zu Art und Umfang ihrer körperlichen Aktivität vor dem Schlaganfall. Dies korrelierten die Wissenschaftler mit der Schwere der Symptome.

Es zeigte sich dabei, dass bereits leichte körperliche Aktivität – zum Beispiel vier Stunden Spazierengehen pro Woche – verglichen mit körperlicher Inaktivität einen nennenswerten Schutz vor schweren Schlaganfällen bot. Das traf ebenso zu für moderate körperliche Aktivität, zwei bis drei Stunden Joggen oder Schwimmen in der Woche. In beiden Aktivitätsgruppen lag der Anteil der Patienten mit einem schweren Schlaganfall bei 3 Prozent, bei den Inaktiven war er dagegen mit 6 Prozent doppelt so hoch.

»Einmal eine halbe Stunde oder zweimal eine Viertelstunde Spazierengehen am Tag reicht aus, um das Risiko für einen schweren Schlaganfall zu senken«, schreibt Seniorautorin Professor Dr. Katharina Stibrant Sunnerhagen in einer Mitteilung der Universität. Sie unterstreicht, dass die Schwere eines Schlaganfalls entscheidend dafür ist, wie rasch sich ein Patient davon wieder erholt. Nach einem milden Schlaganfall müsse ein Patient vielleicht eine Woche im Krankenhaus bleiben, könne dann die Reha zu Hause fortsetzen und habe gute Chancen, in sein normales Leben und auch die Arbeit zurückzukehren. Nach einem schweren Schlaganfall müssen die Betroffenen deutlich länger stationär behandelt werden und anschließend unter Umständen ins Pflegeheim.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/dem-schlaganfall-davonspazieren/

DOI: 10.1212/WNL.0000000000006354

 

Kommentar & Ergänzung:

Bewegung ist vielfältig vorbeugend und gesunderhaltend. Dabei zeigt sich in Studien immer wieder, dass es dabei nicht auf körperliche Höchstleistungen ankommt, sondern mehr um moderate, aber regelmässige Bewegung. Schon leichte Bewegung verbessert zum Beispiel das Gedächtnis im Alter.

Bewegung ist ein traditionelles Grundprinzip der Naturheilkunde und eine Säule im 5-Säulen-Modell nach Kneipp (neben Heilpflanzen-Anwendungen, Ernährung, Hydrotherapie, Lebensordnung).

Bezüglich Schlaganfall gibt es auch Hinweise, das sich das Risiko auch über die Ernährung ein Stück weit beeinflussen lässt. Einen vollständigen Schutz kann man allerdings nicht erwarten.

Siehe auch:

Fischölkapseln schützen nicht vor Herzinfarkt und Schlaganfall

Kaffeegenuss in Massen reduziert Schlaganfallrisiko

Zitrusfrüchte gegen Schlaganfall

Kann Olivenöl Schlaganfällen vorbeugen?

Weisses Obst und Gemüse schützt vor Schlaganfällen

Grüntee und Schwarztee: Schutz vor Schlaganfall?

Man muss aber leider auch sagen, dass viele dieser Ernährungsstudien von begrenzter Aussagekraft sind und eher Hinweise liefern als sichere Belege.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Kann man Vogelbeeren essen?

Der Vogelbeerbaum (Eberesche, Sorbus aucuparia) fällt im Herbst auf durch seine leuchtend orange-roten Früchte. Sie werden oft als giftig angesehen, was aber nicht richtig ist. Die Beeren sind roh wenig schmackhaft und enthalten Parasorbinsäure, die zu Magenproblemen führen kann. Durch Kochen wird die Parasorbinsäure in Sorbinsäure umgewandelt, die gut verträglich ist. Gekochte Beeren können deshalb auch in größeren Mengen gegessen werden.

Durch die ersten Fröste wird die Parasorbinsäure ebenfalls zu Sorbinsäure abgebaut, wodurch die Früchte ihren bitteren Geschmack verlieren und leicht süßlich werden.

Es empfiehlt sich jedoch, die Beeren vor dem Verzehr zu kochen. Auf diese Art bekömmlich gemacht, sind sie vielseitig einsetzbar und schmecken als Konfitüre, Kompott, Sirup, Chuttney oder auch in Gebäck.

Vogelbeerschnaps hat in einigen Regionen Österreichs eine lange Tradition, so in Tirol, in der Region Salzburg und in der Steiermark. Beim Destillieren wird die Parasorbinsäure durch das Erhitzen vollständig abgebaut.

Sorbinsäure (E 200) wird übrigens als Konservierungsmittel für Lebensmittel verwendet.

Im „keltischen Baumkreis“ (keltischen Baumhoroskop) gehört die Eberesche zu den Lebensbäumen. Allerdings ist der keltische Baumkreis eine freie Erfindung des keltischen Neopaganismus (siehe dazu Wikipedia) aus dem 20. Jahhundert und hat mit den Kelten nichts zu tun.

Die Eberesche ist eine gute Nahrungsquelle für Vögel, Insekten und Säugetiere. Die Früchte wurden früher zur Schweinemast verwendet, was zum Namen Eberesche geführt haben könnte (Eber = das männliche Schwein). Wahrscheinlicher kommt der Name aber davon, dass die Blätter der Eberesche denjenigen der Gemeinen Esche (Fraxinus excelsior) ähneln, obwohl die beiden Pflanzenarten nicht verwandt sind.

Der Name Vogelbeeren stammt daher, dass die roten Beeren früher häufig als Köder beim Vogelfang eingesetzt wurden.

Weitere Infos auch zur Bedeutung der Vogelbeeren für die Tierwelt hier:

Sind Vogelbeeren giftig?

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Krebstherapie: Bittere Aprikosenkerne, Amygdalin, „Vitamin B17“ – unwirksam und in höheren Dosen giftig

Erneute Warnung vor Bitteren Aprikosenkernen als untaugliches Mittel zur alternativen Krebstherapie. Sie werden schon seit langem in der Alternativmedizin als Krebsheilmittel propagiert, auch unter dem Namen Amygdalin, Laetrile  oder „Vitamin B17“.

Bittere Aprikosenkerne enthalten einen relativ hohen Gehalt an Amygdalin. Von diesem cyanogenen Glycosid spaltet sich während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab. Bei Einnahme grösserer Mengen besteht das Risiko einer Blausäurevergiftung.

Bittere Aprikosenkerne werden hauptsächlich zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen. Es gibt aber bisher keine wissenschaftlichen Belege zur vorbeugenden oder heilenden Wirksamkeit bei Krebs. Amygdalin ist als giftige Substanz ohne Effekte bei der Krebstherapie einzustufen.

Von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Gemäss ToxInfoSuisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten. Gemäss EFSA sollen Erwachsene nicht mehr als 1 grossen oder 3 kleine bittere Aprikosenkerne einnehmen. Bei kleinen Kindern ist die Menge auf maximal einen halben kleinen Aprikosenkern limitiert.

Arzneimittel mit Amygdalin oder seinen Derivaten (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) sind weder in der Schweiz noch in den Nachbarländern zugelassen und als bedenklich einzustufen. Trotzdem werden sie seit einiger Zeit wieder vermehrt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“ – als alternatives Heilmittel in der Krebstherapie und zur Tumorvorbeugung beworben und eingesetzt.

Literatur:

_ANSES: Amandes d’abricot : un risque d’intoxication au cyanure, 27.07.2018

_Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

_BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5144&NMID=5144&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Solche Warnungen erreichen allerdings diejenigen Leute kaum, die von der Wirksamkeit Bitterer Aprikosenkerne überzeugt sind. Es gibt da eine „Szene“, die für Argumente nicht mehr offen ist.

Das kann tödlich enden, wie in diesem Beispiel:

Alternativmedizin bei Krebs – gefährliche Esoterik

Aprikosenkerne gegen Krebs (Video)

Oder es kann zu Vergiftungen führen:

Aprikosen-Extrakt: Mann erleidet Zyanid-Vergiftung durch Alternativmedizin

Hier gibt es weitere Infos:

Unsinnige Krebstherapie: Bittere Aprikosenkerne

 

Amygdalin / “Vitamin B17” als angebliches Krebsmittel: alt, unwirksam und wieder aktuell

 

Alternative Krebstherapie mit Amygdalin: Bittere Aprikosenkerne / “Vitamin B17” – unwirksam und toxisch

 

Ausführlichere Informationen auf Onkopedia.

Die Anpreiser dieser Methode berufen sich meist nur auf vollkommen unkontrollierte Anekdoten und verschanzen sich dann zum Beispiel hinter Sprüchen wie: Wer heilt hat recht!

Das aber ist ein irreführender Kurzschluss.

Siehe:

Komentärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (2)

 

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkei

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

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Hausmittel bei Schnupfen und Halsschmerzen

Das Magazin „Stern“ berichtet über „natürliche Medizin“ in einem Artikel mit dem Titel:

„Diese Hausmittel helfen gegen Erkältung.“

Leider kommt der Text ungenau und etwas willkürlich daher. Aber schauen wir uns eine Passage detaillierter an:

„Die Naturapotheke hat einiges im Angebot: Läuft die Nase, können Tabletten oder Lösungen von Echinacea, Thuja, Eupatorium oder Kamille helfen. Bei Halsschmerzen bieten sich Wilde Malve, Salbei, Eibisch, Echte Kamille, Arnika, Tausendgüldenkraut und Enzian zum Gurgeln an.“

Quelle:

https://www.stern.de/gesundheit/grippe/therapie/erkaeltung—die-besten-hausmittel-3215640.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Schnupfen:

Echinacea (Sonnenhut), Eupatorium (Wasserdost) und Thujawerden als Immunstimulanzien eingesetzt. Wenn die Nase läuft, ist es dafür allerdings meist schon zu spät. Wenn akute angewendet, dann bei den allerersten Symptomen. Am besten untersucht ist Echinacea, wobei die Ergebnisse immer noch nicht eindeutig sind.

Thuja (Abendländischer Lebensbaum, Thuja occidentalis) wird phytotherapeutisch selten angewendet, dann aber in genau dosierbaren Extrakten (in Esperitox Präparaten), die auf einen bestimmten Gehalt an Inhaltsstoffen eingestellt sind. Thuja ist nämlich eine Giftpflanze. Das sollte meines Erachtens in einem solchen Text erwähnt werden, damit nicht irgendwer auf die Idee kommt, einen Kräutertee aus Thuja zu brauen. Thuja enthält ein ätherisches Öl mit dem Hauptbestandteil Thujon.

Nach der Einnahme giftiger Pflanzenbestandteile kann es zu Schleimhautreizungen kommen und zu Magen-Darm-Beschwerden mit Übelkeit, Brechreiz, Blähungen und Durchfall. In seltenen Fällen traten Schäden an Nieren und Leber sowie Krampfanfälle auf. Bei Tieren kann der Verzehr zum Tod führen. Zu Vergiftungen kommt es insbesondere, wenn Heckenschnitt mit Thuja auf Weideplätzen entsorgt wird.

Thuja wird in Europa häufig angepflanzt, hauptsächlich als zypressenähnlicher Baum auf Friedhöfen und als ganzjährig blickdichte Hecke in Gartenumfriedungen.

Äusserlich wird Thuja-Tinktur aufgrund der hautreizenden Wirkung manchmal punktuell gegen Warzen eingesetzt. Dabei kann es aber auch zu unerwünschten Hautirritationen kommen.

Da Thuja in der Homöopathie als wichtiges Mittel gilt, wird es gerne als Globuli verabreicht. Weil dann die Ausgangssubstanzen in der Regel mindestens 1: 1 000 000 mal verdünnt werden, sind keine Inhaltsstoffe mehr vorhanden, die toxisch wirken könnten. Eine Wirksamkeit ist aber wie bei allen Homöopathika nicht belegt.

Kamille (Matricaria recutita) kann sinnvoll sein bei Schnupfen, doch fehlt hier der Hinweis, dass die Pflanze am besten als Inhalation angewendet wird. Kamillentee ist sinnlos bei Schupfen.

 

Halsschmerzen:

Wilde Malve (Malva silvestris) und Eibisch (Althaea officinalis) enthalten Schleimstoffe, die bei Halsschmerzen reizlindernd und schützend auf Schleimhäute wirken können. Ihnen fehlen aber Eigenschaften, die bei Halsschmerzen wichtig sind, nämlich antimikrobielle Wirkungen, wie sie Salbei zeigt, und direkt entzündungswidrige Wirkungen, wie sie Kamille entfaltet.

Salbei (Salvia officinalis) vereinigt antimikrobielle Wirkungen (durch ätherisches Salbeiöl) und entzündungswidrige Wirkungen (durch Lamiaceen-Gerbstoffe).

Arnika  (Arnica montana) ist eher unüblich bei Halsschmerzen, aber wegen entzündungswidrignen Effekten nicht unplausibel.

Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea) und Enzian (Gentiana lutea) enthalten vor allem Bitterstoffe, die bei verschiedenen Verdauungsstörungen eingesetzt werden. Ihre Anwendung bei Halsschmerzen ist unplausibel und durch die Phytotherapie-Fachliteratur nicht gedeckt.

Die Berichterstattung über Anwendungsmöglichkeiten und Wirkungen von Heilpflanzen in den Medien ist von sehr unterschiedlicher Qualität und mehrheitlich fragwürdig.

Erwerben Sie sich eigenes und fundiertes Wissen. zum Beispiel in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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