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Was ist Oscillococcinum®?

Oscillococcinum ist ein Homöopathikum, das häufig zur Vorbeugung und Behandlung von Grippe und grippalen Infekten empfohlen wird. In homöopathischen Praxen, aber auch in manchen Apotheken, wird das Präparat auch als homöopathische Grippeimpfung propagiert.

Oscillococcinum wird von der französischen Pharmafirma Boiron produziert, einem der weltweit grössten Hersteller von Homöopathika. Für das Jahr 2009 gab Boiron einen weltweiten Umsatz von 526 Millionen Euro an und einen Gewinn von 91 Millionen Euro.

Zur Entstehungsgeschichte von Oscillococcinum®

Oscillococcinum geht auf den französischen Arzt Joseph Roy zurück, der während des Ersten Weltkriegs als Lazarettarzt arbeitete. Er glaubte, in Ausscheidungen von Opfern der Spanischen Grippe in seinem Mikroskop Bakterien beobachtet zu haben, die er für die Erreger der Grippe hielt. Roy beschrieb kugelförmige Gebilde verschiedener Größe, die rasche, schwingende Bewegungen machten und die er für Mikroben hielt. Aus diesem Grund nannte er seine Entdeckung Oszillokokken – schwingende Bakterien. Später meinte er, sie auch noch im Blut und den Tumoren von Krebspatienten entdeckt zu haben. Da Roy diese „ Oszillokokken“ besonders häufig in der Leber von Enten zu finden glaubte, wird Oscillococcinum konsequenterweise aus Entenleber und Entenherz hergestellt.

Im homöopathischen Fachjargon heisst das dann Anas barbariae hepatis et cordis extractum 200 K.

Biologisch ist der Artname falsch, weil eigentlich die Moschusente Cairina moschata (frz. Canard de Barbarie) gemeint ist, die zur Gattung Cairina und nicht Anas gehört.

Bestandteile der Entenorgane sind – zur Beruhigung der Veganer  –  im fertigen Homöopathikum wegen der hochgradigen Verdünnung mit keinem einzigen Molekül mehr enthalten: 200 K ( K= nach Korsakow) entspricht einer Potenz von C200, also einer Verdünnung von 1 : 10400.

Es lässt sich im Nachhinein nicht klären, was genau Roy in seinem Mikroskop beobachtet hatte. In der Zwischenzeit wurde jedoch klar, dass weder Krebs noch die Grippe noch eine der anderen Krankheiten, für die Roy seine Oszillokokken als Verursacher vermutete, überhaupt durch Bakterien ausgelöst werden. Grippe wird durch Viren verursacht, die bedeutend kleiner als Bakterien sind. In einem optischen Mikroskop, wie es Roy zur Verfügung stand, lassen sich Grippeviren nicht beobachten. Erst um das Jahr 1930 herum gelang die Darstellung von Viren mit Hilfe der Elektronenmikroskopie.

Roys Beobachtungen konnten von keinem anderen Mikrobiologen bestätigt werden.

Zudem ist bis heute kein Bakterium bekannt, das in Entenleber zu finden ist und Grippe bewirken kann. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass Roy in seinem Mikroskop Luftbläschen beobachtete, deren Zittern durch die thermische Brown’sche Molekularbewegung verursacht wurde.

Da die Ausgangssubstanz „Entenleber & Entenherz“ nichts enthält, was eine Grippe oder vergleichbare Symptome wie eine Grippe auslösen könnte, kann das durch Prüfung am Gesunden nach homöopathischen Regeln erstellte Arzneimittelbild für Oscillococcinum® auch nicht auf die Anwendung bei Grippe passen. Das Präparat widerspricht somit sogar den Prinzipien der Homöopathie.

Wie ein Arzneimittelbild aus der Arzneimittelprüfung am Gesunden entsteht, wird in diesem Blog-Beitrag beschrieben:

Homöopathie-Forschung: Arzneimittelprüfung mit Okoubaka

Nun wird Oscillococcinum® aber oft auch als Vorbeugung gegen Grippe empfohlen, nicht selten sogar im Sinne einer alternativen Grippeimpfung. Das Prinzip der Vorbeugung und das Prinzip der Impfung stehen jedoch in fundamentalem Widerspruch zum Homöopathie-Modell, wie es der Gründer Samuel Hahnemann (1755 – 1843) postuliert hat.

Dieses heute noch zum Kernbestand der Homöopathie gehörende Modell setzt eine vorhandene, akute Krankheit voraus. Hahnemann war der Auffassung, dass von der “Krankheit”, der “verstimmten geistigen Lebenskraft”, die Summe der äußerlich sichtbaren Symptome zu wissen sei. Seines Heilmethode ist dann die Suche nach dem Mittel, das der “verstimmten geistigen Lebenskraft” exakt entgegenwirken möge (§§ 17 und 18 des Organon). Beim gesunden Menschen, der einer Grippe vorbeugen oder sich homöopathisch “impfen” lassen möchte,  ist diesbezüglich aber gar nichts verstimmt. Eine homöopathische “Impfung” kann hier also auch nichts bewirken. Detaillierter beschrieben werden diese Zusammenhänge in einem Beitrag auf dem Portal Netzwerk-Homöopathie:

“Homöopathische Impfungen” – gibt es das?

Schon die Entwicklungsgeschichte von Oscillococcinum® ist also ausgesprochen fragwürdig. Sie basiert auf einer ganzen Reihe von krassen und zum Teil zeitbedingten Irrtümern. Würden die Käuferinnen und Käufer dieses Produktes die Entwicklungsgeschichte kennen, würden wohl einige von ihnen den Kaufentscheid überdenken. Aber Transparenz beim Endverbraucher zu schaffen scheint nicht im Interesse des Herstellers und der Apotheken.

Zur Herstellung von Oscillococcinum®

Norbert Aust weist in seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ eindrücklich nach, dass Oscillococcinum® gar nicht so hergestellt werden kann, wie es auf der Packung steht:

„Oscillococcinum ist ein homöopathisches Präparat aus dem Extrakt von Leber und Herz einer bestimmten Entenart, das in der Potenz K200 angeboten wird. Dabei handelt es sich um eine Korsakoff-Potenz, die in Verdünnungsschritten 1:100 in einem speziellen vereinfachten Verfahren hergestellt wird. Sie entspricht somit einer Verdünnung von 1:10^400. Die letztere Zahl ist eine Eins mit 400 Nullen und mit keiner Anschauung der Welt plausibel zu machen. Die Anzahl der Atome im Universum beträgt nur etwa 10^80. Wenn auch nur eine einzige Ente je auf Erden verschieden wäre und sich ihr Herz und ihre Leber nach der Zersetzung im gesamten Wasservorrat der Erde verteilt hätte, entspräche das einer Verdünnung von vielleicht D23. Folge: K200 entsprechend D400 ist nicht herstellbar, weil man kein Wasser zur Verfügung haben kann, das hinreichend wenig (!) Entenleber enthält. Selbst wenn es im gesamten Universum nur ein einziges ‚Entenleberwirkstoffmolekül‘ gäbe, wäre dies nur eine Potenz von etwa K39 oder K40, je nach Größe dieses Moleküls.“

Zur Studienlage betreffend Oscillococcinum®

Boiron hat mit Oscillococcinum® einige Studien durchgeführt. Die unabhängige Cochrane Collaboration hat die Studien in einer Metaanalyse analysiert und kommt zum Schluss, dass die vorliegenden Studiendaten die Anwendung nicht unterstützen.

Auch die Homöopathie-nahe Carstens-Stiftung hält es für zweifelhaft, „dass Oscillococcinum® bei grippalen Effekten über Placeboeffekte hinaus wirkt.“

Eine detaillierte Darstellung der Studienlage mit Quellenangaben gibt’s hier bei Homöopedia:

Studienlage zu Oscillococcinum®

In den USA wurde Boiron mittels Sammelklage wegen irreführender Werbung angeklagt, strebte vor Gericht einen Vergleich an und zahlte fünf Millionen US-Dollar an unzufriedene Kunden zurück, um ein Urteil zu vermeiden.

In der Schweiz warnte die Arzneimittelbehörde Swissmedic schon 2011 in einem Newsletter, dass Oscillococcinum® selbst von Fachpersonen vermehrt zur homöopathischen Grippeimpfung empfohlen wurde. Swissmedic bezeichnete solche Empfehlungen als irreführend und für Risikopersonen gesundheitsgefährdend.

Im Jahr 2011 versuchte Boiron, einen italienischen Blogger mit Drohbrief und Klageandrohung einzuschüchtern, weil er sich kritisch zu Oscillococcinum® geäussert hatte.

Das Präparat ist also insgesamt fragwürdig. Und noch fragwürdiger ist, dass manche Apotheken ein solches Präparat aktiv verkaufen.

Wer heilt hat Recht?

Das wird aber viele Leute nicht davon abhalten, Oscillococcinum® für wirksam zu halten, nach dem Motto: „Mir hilft es halt!“ oder „Wer heilt hat Recht!“.

Siehe dazu: 

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin:Wer heilt hat Recht (2)

Die Erfahrung, dass jemand nach Einnahme von Oscillococcinum® von einer Grippeerkrankung gesund wird, ist durchaus ernst zu nehmen. Die Interpretation dieser Erfahrung, wonach diese Genesung durch die Einnahme von Oscillococcinum® verursacht wurde, lässt sich aber mit sehr guten Gründen in Frage stellen. Grippe und  „grippale Erkrankungen“, bei denen Oscillococcinum®  eingesetzt wird, bessern in der Regel auch von selbst.  Sagt jemand „Mir hilft es halt!“, dann wäre die Person zu fragen, ob sie sicher ist, dass die Erkrankung ohne Oscillococcinum®  länger gedauert hätte. Bejaht die Person die Frage, dann wäre nachzufragen, woher sie das weiss. An dieser Stelle lauert nämlich ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss: Die Gleichzeitigkeit zweier Vorgänge (Gesundwerden &  Oscillococcinum®-Einnahme) wird irrtümlich als Ursache-Folge-Beziehung interpretiert (Gesundwerden wegen Oscillococcinum®-Einnahme).

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der “Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss” als häufige Irrtumsquelle

 

Quellen:

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oscillococcinum

https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Boiron

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=844

Mehr kritische Reflexion nötig

Ich bewege mich seit mehr als 40 Jahren im Umfeld von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Alternativmedizin. In dieser Zeit ist mir immer klarer geworden, dass es in diesen Bereichen fundamental an kritischer bzw. selbstkritischer Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Methoden mangelt. Es spielt oft kaum eine Rolle, ob eine Heilungsversprechung wahr ist, wenn sie ins eigene Konzept passt. Das führt nicht selten zur Täuschung und manchmal auch zur Gefährdung von Patientinnen und Patienten.

Weiteres dazu hier:

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

P. S.:

Hier noch ein Hinweis aufgrund meiner Erfahrung, dass ich auf solche Beiträge jeweils ein paar Mails bekomme mit der Frage, wieviel dem Autor als “Pharmaknecht” von der Pharmaindustrie für diesen Artikel bezahlt wurde:

Nein, liebe Verschwörungstheoretiker, dieser Beitrag wurde ohne finanzielle Beteiligung der Pharmaindustrie verfasst.😉

 Zudem weise ich darauf hin, dass auf dieser Website auch kritische Texte zu kritikwürdigen Aspekten der Pharmaindustrie vorhanden sind….

Blick ins Pflanzenlexikon: Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera)

Das Drüsige Springkraut (Foto auf Wikipedia) ist ein Neophyt, der ursprünglich aus dem Himalaya stammt und ursprünglich als Zierpflanze verwendet wurde. Seit etwa 50 Jahren ist die schöne Pflanze in weiten Teilen der Welt vollkommen eingebürgert, vor allem in Weiden-Auenwäldern, im Auengebüsch und an Ufern. Sie liebt nasse, nährstoffreiche Böden.

Auf Wikipedia ist die Ausbreitungsgeschicht von Impatiens glandulifera beschrieben:

„Die ursprünglich aus dem Himalaya stammende Art wurde 1839 aus Kaschmir erstmals nach England importiert und gelangte von dort als Zierpflanze auf den europäischen Kontinent………….Elf Jahre nach der Einführung als Gartenzierpflanze waren bereits erste wild vorkommende Pflanzen zu beobachten, in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts konnten bereits Verwilderungen in Frankreich, an der deutschen sowie der niederländischen Nordseeküste festgestellt werden, bald auch am Oberrhein abwärts von Basel. Heute ist sie nahezu auf dem gesamten europäischen Kontinent verbreitet.“

Das Drüsige Springkraut wird nach seinere asiatischen Herkunft auch Indisches Springkraut genannt. Es verdrängt die einheimische Vegetation an manchen Stellen, insbesondere in Feuchtgebieten und an Flussläufen, und wird daher aus Naturschutzgründen manchmal bekämpft.

 Allerdings ist sie spät im Jahr noch eine gute Nahrungsquelle für Bienen (Bienenweide), was für die Natur positiv vermerkt werden kann. Das Drüsige Springkraut liefert etwa vierzigmal so viel Nektar wie eine vergleichbare einheimische Pflanze und bietet drüber hinaus hochwertigen Pollen an.

Der lateinische Name Impatiens bedeutet übrigens „Ungeduld“. Er kommt wahrscheinlich vom Schleudermechanismus der reifen Früchte, der schon bei geringer Berührung ausgelöst wird.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde hat das Drüsige Springkraut keine Bedeutung. Das hängt wohl damit zusammen, dass es sich erst verhältnismässig spät bei uns ausgebreitet hat.

Im System von Edward Bach (1886-1936) hat das Drüsige Springkraut als Bachblüte Nr. 18 Impatiens eine Bedeutung und wird unter anderem bei Schlafstörungen, Unruhe und Nervosität empfohlen. Dieser Einsatz basiert ausschliesslich auf der Idee von Edward Bach und hat keinen Anschluss an Erfahrungen traditioneller Pflanzenheilkunde oder an die wissenschftliche Phytotherapie. Aufgrund der Herstellungsweise der Bachblüten-Präparate sind darin auch keine Wirkstoffe vorhanden. Es gibt keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die Wirkung von Impatiens und anderen Bachblüten-Präparaten über Placebo hinaus geht. Studien gibt es dazu aber meines Wissens nur zu Prüfungsangst und zu ADHS. Siehe dazu:

Studie untersucht Bachblüten-Wirkung bei Prüfungsangst und ADHS

Wenn Sie die Pflanzenwelt „out-door“ kennenlernen möchten, dann biete ich dazu von Mai bis Juli ein vielfältiges Programm mit Kräuterwanderungen an.

Und falls Sie interessiert sind an fundiertem Wissen über Pflanzenheilkunde / Phytotherapie, dann empfehle ich Ihnen meine Lehrgänge Heilpflanzen-Seminar und Phytotherapie-Ausbildung.

 

Schmerzmittel: Entzündungswidrige Ernährung statt Ibuprofen und Diclofenac?

Das Magazin „Focus“ publiziert einen Artikel unter dem Titel:

„Statt Ibuprofen und Diclofenac

Alternative zu Schmerzmitteln: Wie Sie Entzündungen wegessen können

In der Einleitung schreibt die Autorin:

„Knie entzündet, Schulter schmerzt? Mediziner sehen darin noch nicht zwangsläufig einen Grund, zu Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder Diclofenac zu greifen – viel zu stark seien die Nebenwirkungen. Viele plädieren stattdessen auf eine entzündungshemmende Ernährung – FOCUS Online zeigt, wie die aussehen könnte.“

Was ist davon zu halten? Schauen wir uns den Text genauer an.

Die Autorin weist darauf hin, dass viele Patienten bei Entzündungen schnell zu Schmerzmitteln wie Ibuprofen und Diclofenac greifen und zitiert dann den Spormediziner Klaus Pöttgen, der davon abrät: „Die Nebenwirkungen dieser Medikamente sind viel zu stark“. Stattdessen empfiehlt Pöttgen eine „regenerative Sporternährung“ – also Lebensmittel, die Entzündungen hemmen sollen.

Fünf dieser Lebensmittel empfiehlt Focus online:

Sauerkirschen, Zitronen, Ananas, Kurkuma, Omega-3-Fettsäuren aus Ölen.

Grundsätzlicher Kommentar:

  1. Dass Entzündungen sich über die Ernährung hemmen lassen, ist vorstellbar und es gibt einige Hinweise für eine solche Wirkung.
  2. Entzündungshemmer aus der Gruppe der NSAR wie Ibuprofen und Diclofenac können tatsächlich ernsthafte Nebenwirkungen und Risiken haben, insbesondere bei höherer Dosierung und bei längerdauernder Einnahme.

 

Heikel an diesem Artikel ist die Absolutheit der Aussage.

Bei hoch entzündeten Gelenken – zum Beispiel in einem Polyarthritis-Schub – reicht die entzündungshemmende Wirkung über die Ernährung in der Regel nicht aus. In solchen Fällen kann es wichtig sein, die Entzündung mit stark wirkenden Medikamenten wie Ibuprofen oder Diclofenac herunterzuholen, weil dadurch das Gelenk vor knorpelzerstörenden Enzymen geschützt werden kann. Ersetzt man auch in solchen Phasen Entzündungshemmer durch eine entzündungshemmende Ernährung, können Schäden am Gelenk die Folge sein. Eine unterstützende Wirkung der entzündungshemmenden Ernährung ist aber auch in hoch akuten Phasen möglich.

Ist die akute Entzündung abgeklungen, kann die entzündungshemmende Ernährung dazu beitragen, die Dosierung der NSAR herunterzufahren und in Phasen zwischen den Schüben möglichst ganz darauf zu verzichten.

Der Focus-Artikel vermittelt irreführenderweise den Eindruck, dass die entzündungshemmende Ernährung NSAR wie Ibuprophen oder Diclofenac immer ersetzen kann.

Es geht aber nicht um ein entweder-oder, sondern darum, in jeder Phase das passende einzusetzen.

Auch die Empfehlungen im Einzelnen werfen ein paar Fragen auf.

Zu den Sauerkirschen schreibt „Focus“:

„Die kleinen roten Früchte sind wahre Energiebomben: Sauerkirschen enthalten Antioxidantien, Vitamin C und sogenannte Anthocyanidine, die Entzündungen lindern können.“

Zum Thema Entzündungshemmung mit Sauerkirschen gibt es tierexperimentelle Studien und eine kleine Studie mit Menschen, die aber keine eindeutigen Ergebnisse liefern. Anthocyane wirken entzündungswidrig. Sie werden aber nur schlecht in den Körper aufgenommen, so dass es wichtig wäre zu wissen, wieviel Sauerkirschen bzw. Sauerkirschensaft enzunehmen ist, um eine merkbare Wirkung auszulösen. Hier sind noch viele Fragen offen.

Zu Zitronen schreibt Focus:

„Dass Zitronen einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben, ist längst kein Geheimnis mehr. Aber auch Entzündungen kann die Frucht bekämpfen. Für den optimalen Effekt reibt man aber nicht die Frucht selbst, sondern besonders die Schale einer Bio-Zitrone in das gewünschte Gericht.“

Zitronenschalen enthalten die bitter schmeckenden Flavonoide Neohesperidin und Naringenin, sowie das nicht bittere nicht  Rutin; Hydroxycumarine, Furanocumarine, Zitronensäure und Pektine.

Dazu sind mir keine Untersuchungen bekannt. Flavonoide wirken als Radikalfänger und steigern zum Teil auch die Kapillarresistenz. Ein Effekt auf Entzündungen ist meines Erachtens vollkommen unklar, nicht zuletzt auch deshalb, weil wohl nur wenige Menschen die bitterschmeckenden Zitronenschalen in den nötigen Mengen regelmässig einnehmen werden.

Zu Ananas schreibt Focus:

„Ebenfalls nicht zu verachten ist die Kraft der Ananas: Sie enthält ein Enzym, das bei Entzündungen hilft – und nebenbei auch die Verdauung anregt.“

Das erwähnte Enzym heisst Bromelain. Es wurde in klinischen Studien bei Gelenkbeschwerden gegen Placebo und gegen NSAR untersucht, wobei nur etwa jede zweite Studie nicht negativ ausfällt. Das ist nicht gerade überzeugend. Ein sicherer Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit von Bromelain konnte jedenfalls noch nicht erbracht werden. In diesen Studien wurde Bromelain in Form von magensaftresistenten Dragees oder Filmtabletten verabreicht, weil dieses Enzym bereits im Magen bereits zum grössten Teil verdaut wird. Warum erwähnt Focus diese bedeutende Einschränkung nicht?

Zu Kurkuma schreibt Focus:

„Kurkuma ist ein Hauptbestandteil von Currypulver. Dem aus Südasien stammenden Gewürz schreibt Sportexperte Pöttgen ebenfalls entzündungshemmende Eigenschaften zu. Der Körper kann es gut aus dem Currypulver, bei akuten Entzündungen aber besser in Form von Dragees aufnehmen.“

Kurkuma als Gewürz stammt von der Wurzel von Curcuma longa (Gelbwurz) und enthält als Hauptwirkstoff den gelben Farbstoff Curcumin.

Curcumin ist ein intensiv wissenschaftlich untersuchter Naturstoff. In Laborexperimenten zeigt Curcumin entzündungswidrige Effekte. Ob diese Wirkung auch im menschlichen Organismus in relevanter Intensität auftritt, ist nicht bekannt. In deutlichem Gegensatz zu den Ausführungen auf Focus online ist die Aufnahmerate aus dem Verdauungstrakt in den Organismus nämlich sehr gering. Erhitzung oder Auflösung in Öl erhöht die Bioverfügbarkeit von in Lebensmitteln enthaltenem Curcumin.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Curcumin in klinischen Studien bei Arthrosepatienten sowohl die Schmerzen verringern als auch die Beweglichkeit verbessern kann. Der Erfolg der klinischen Studien hängt wegen der geringen Bioverfügbarkeit von Curcumin stark von der eingesetzten Curcumin-Formulierung ab, den verwendeten Präparaten werden nämlich oft Substanzen wie Piperin (einem Bestantteil des Pfeffers) zugesetzt, um die Aufnahmefähigkeit zu verbessern.

Siehe:

https://www.liebertpub.com/doi/10.1089/jmf.2016.3705

Zu Omega-3-Fettsäuren aus Ölen schreibt Focus:

„Ebenfalls entzündungshemmend wirken Omega-3-Fettsäuren. Es steckt in Lein-, Oliven- und Rapsöl. Auch Wildlachs ist reich an Omega-3-Fettsäuren. Doch Seefisch sollten Sie allgemein mit Vorsicht genießen: Die Tiere sind heutzutage stark mit Quecksilber und anderen schädlichen Stoffen belastet.“

Omega-3-Fettsäuren wurden vor allem in Form von Fischöl-Präparaten untersucht. In der Mehrzahl der Studien konnten Präparate mit Omega-3-Fettsäuren Schmerzen und andere Symptome bei rheumatoider Arthritis nicht verbessern. Die Resultate sind teilweise jedoch widersprüchlich. Ob eine fischreiche Ernährung wirksam ist, wurde bisher nur ungenügend untersucht.

Insgesamt werden die Möglichkeiten der empfohlenen Mittel im Focus-Artikel also sehr übersteigert und unkritisch dargestellt. Aber ein solcher Text spricht natürlich die Besucherinnen und Besucher der Website an und generiert bestimmt viele Klicks, was die Werbeeinnahmen von Focus sprudeln lässt.

Quelle der Zitate:

https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/entzuendungshemmende-ernaehrung-so-essen-sie-entzuendungen-einfach-weg_id_9199459.html

Artischockenextrakt wirkt günstig bei Fettleber – in einer Pilotstudie

Die Wirksamkeit eines Extraktes aus den Blättern der Artischocke gegen nicht-alkoholische Fettleber wurde erstmals in einer Studie an Patienten untersucht.

Weltweit nimmt die Zahl der Menschen zu, die unter einer nicht-alkoholischen Fettleber (Steatosis hepatis) leiden. Sie wird im Unterschied zur alkoholischen Fettleber durch eine zu hohe Energiezufuhr über die Nahrung ausgelöst. Dabei kommt es zu Fetteinlagerungen in den Leberzellen, wodurch deren Funktion beeinträchtigt und Entzündungen (Fettleberhepatitis/Steatohepatitis) hervorgerufen werden können. Zentral für die Behandlung dieser ernährungsbedingten Leberverfettung ist bisher eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten sowie regelmäßige körperliche Bewegung mit dem Ziel einer Gewichtsverminderung. Die  Normalisierung des Fettstoffwechsels kann mit verschiedenen pflanzlichen Arzneimitteln unterstützt werden, wozu auch der Artischockenextrakt zählt. Ob solche Extrakte auch für die Behandlung der nicht-alkoholischen Fettleber erfolgreich eingesetzt werden können, wurde bisher nicht an Patienten untersucht.

Das hat eine Forschergruppe aus Qatar und dem Iran nun mit einer randomisierten, doppelt verblindeten, placebokontrollierten Pilotstudie nun getan.

Die Wissenschaftler teilten erwachsene Patienten mit diagnostizierter Steatohepatitis Grad 1 bis 3 auf zwei Gruppen auf. Die Probaden der Verumgruppe bekamen über einen Zeitraum von acht Wochen dreimal täglich 200 mg Artischockenblattextrakt, standardisiert auf einen Gehalt von 2 mg des aktiven Inhaltsstoffes Cynarin. Der Kontrollgruppe wurden entsprechende Placebo-Tabletten verabreicht. Beim Start und am Schluss der Studie wurden die anthropometrischen Daten Gewicht, Bauchumfang, Body-Mass-Index (BMI) und der Blutdruck der Testpersonen erfasst. Zudem wurden im nüchternen Zustand zum einen mittels Lebersonographie der Grad der Leberverfettung erhoben und zum anderen Blutproben entnommen zur Feststellung der Werte von Glucose, Insulin, glykiertes Hämoglobin, Gesamt-, LDL- und HDL- Cholesterin, Triglyzeride, der Leberenzyme Alanin-Aminotransferase, Aspartat-Aminotransferase und Phosphatase sowie Bilirubin und Harnsäure.

Ausgewertet wurden die Daten von 81 (Artischockenextrakt: 41, Placebo: 40) von anfänglich 100 Probanden. Nach achtwöchigem Behandlungsverlauf lag die Reduktion des BMI und des Bauchumfangs in der Verumgruppe signifikant höher als in der Placebogruppe. Ebenso liessen sich am Schluss der Studie durch Sonographie signifikante Differenzen zwischen den Gruppen zugunsten des Artischockenblattextraktes festgestellen. 81,6 % der mit Artischockenextrakt behandelten Patienten zeigten eine Verbesserung, bei 18,4 % blieb der Zustand unverändert im Vergleich zur ersten Untersuchung.

In der Placebogruppe zeigte der Zustand der Leber bei 5 % der Patienten im Studienverlauf eine Verbesserung, bei 67,5 % trat keine Veränderung auf, und bei 27,5 % war eine Verschlechterung festzustellen. Die Blutzucker- und Insulinwerte wurden von der Artischockenextrakt-Behandlung nicht beeinflusst. Dagegen sanken die Leberenzymwerte (für Phosphatase nicht signifikant), der Gesamt-Bilirubinwert, der Harnsäurewert sowie alle Blutfettwerte signifikant verglichen mit Placebo. Im Verlauf der Studie traten keinerlei unerwünschte Wirkungen auf.

Quelle:

https://www.carstens-stiftung.de/artikel/artischockenextrakt-gegen-fettleber.html

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29520889

Panahi Y, Kianpour P, Mohtashami R, Atkin SL, Butler AE, Jafari R, Badeli R, Sahebkar A. Efficacy of artichoke leaf extract in non-alcoholic fatty liver disease: A double-blind randomized controlled trial. Phytother Res 2018; 32(7): 1382-1387.

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Carstens-Stiftung, die diese Studie auf ihrem Portal vorstellt, interpretiert die Ergebnisse in ihrem Kommentar so, dass die Einnahme eines Artischockenblattextraktes eine erfolgversprechende Behandlungsoption für Patienten mit Fettleber sein kann. Sie weist aber auch auf kleinere Unstimmigkeiten im Artikeltext hin betreffend der eingeschlossenen, ausgeschiedenen und letztlich analysierten Patientenzahlen. Die statistische Auswertung sei dadurch nicht eindeutig nachvollziehbar. Der Kommentar kommt aber auch zum Schluss, dass die Grundaussage der Studie von diesen statistischen Ungenauigkeiten unberührt bleiben dürfte.

Bei solchen Meldungen muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass mit einer Pilotstudie nie einwandfrei Wirksamkeit belegt werden kannn.

Pilotstudien werden durchgeführt in einer frühen Phase der Forschung mit Patienten (klinische Forschung). Es sind meisten kurzzeitige, preisgünstige Studien mit einen kleinen Zahl von Probanden. Sie dienen eher einer ersten Erkundung des Therapiekonzepts und des Studienaufbaus. Zeigen sich positive Ergebnisse, braucht es grösser angelegte Studien, um eine Wirksamkeit zu belegen und allenfalls auch ein Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Behandlungskonzepten zu zeigen.

Welche Wirkungen von Artischockenblattextrakt werden in der Phytotherapie-Fachliteratur anerkannt.

Die ESCOP-Monografie führt als belegte Anwendungsbereiche auf:

„Verdauungsstörungen wie Magenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl, Flatulenz und Gallenbeschwerden; Unterstützung einer Niedrigfettdiät zur Behandlung einer leichten Hyperlipidämie.“

Um die Studie besser einschätzen zu können, wären auch genaue Informationen  zum verwendeten Artischockenextrakt nötig. Solche Extrakte können auf unterschiedliche Art hergestellt werden – zum Beispiel mit Wasser oder Alkohol (Äthanol) als Lösungsmittel. Das kann den Gehalt an Inhaltsstoffen qualitativ und quantitativ stark beeinflussen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Apothekerin verbannt Homöopathika aus dem Laden

Eine Apothekerin in Weilheim (Deutschland) hat mit sofortiger Wirkung ihr Regal mit homöopathischen Mitteln geräumt, weil sie es nicht länger mit ihrem Gewissen vereinbaren kann, Globuli zu verkaufen.

Das Portal Apotheke Adhoc schreibt dazu:

«Der Wendepunkt kam vor rund zwei Wochen im Notdienst. „Ein Kunde hat mich wegen Arnika-Globuli rausgeklingelt“, erzählt sie. Der Mann hatte nach einem Haushaltsunfall Verbrennungen. Die Apothekerin riet ihm, ins Krankenhaus zu fahren. Das wollte der Mann nicht, er vertraute auf die Kraft der Arnika. „Ich habe ihm in einer gefährlichen Situation etwas gegeben, das ihm überhaupt nicht hilft“, erklärt Hundertmark. Diesen Zweifeln möchte sie sich nicht länger aussetzen.

Das Homöopathie-Regal in ihrer Bahnhof-Apotheke hat sie deshalb in der vergangenen Woche rigoros geleert, die Ware geht nun an die Lieferanten zurück. Es war kein spontaner Entschluss: „Ich habe mich mit diesem Thema schon länger beschäftigt. Wir sind als Apotheker angehalten, leitliniengerecht zu beraten. Bei Homöopathie tun wir das nicht. Schulmedizin und Homöopathie werden bei der Abgabe unterschiedlich behandelt.“»

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/nie-wieder-globuli/

Kommentar & Ergänzung:

Dass „Schulmedizin“ und Homöopathie bei der Abgabe unterschiedlich behandelt werden, stimmt natürlich. Der Unterschied besteht aber schon bei der Zulassung als Heilmittel, bei der Homöopathika grundsätzlich von Wirksamkeitsnachweis befreit sind.

Dieser Entscheid der Apothekerin ist hart, aber ehrlich. Sie begründet ihn damit, das es „keine evidenzbasierten Studien“ gibt: „Ich gebe die Globuli ab, ohne die Kunden darauf aufmerksam zumachen, dass sie eventuell nur ein Placebo kaufen.“

Dass qualitativ gut gemachte Studien gegen einen spezifischen Effekt der Globuli sprechen, ist inzwischen hinlänglich belegt. Dass manche Patienten vom „Gesamtkonzept“ Homöopathie profitieren können, lässt sich allerdings auch zeigen. Zum Beispiel in dieser Studie:

Wirkt Homöopathie? Und wenn ja: wie?

Die erwähnten Arnika-Globuli wurden sehr oft bezüglich ihrer Wirksamkeit bei stumpfen Verletzungen untersucht. Auch zwei Autoren, die der Homöopathie nahe stehen, haben bei der Auswertung von insgesamt 49 Studien statistisch keinen Unterschied zu Placebo nachweisen können. Die interpretierten Behandlungserfolge dürften durch den natürlichen Heilungsverlauf der Verletzung zustande kommen.

Homöopathie: Arnika-Globuli bei stumpfen Verletzungen von Weichteilen wirksam?

 

Allerdings muss man zur Leerräum-Aktion dieser Apothekerin noch sagen, dass nicht nur den Homöopathika die Bestätigung der Wirksamkeit durch Studien fehlt. Das betrifft genauso Bach-Blüten, Schüssler-Salze, einen Teil der Heilpflanzen-Präparate und einen Teil der synthetischen Arzneimittel.

Eine Apotheke oder Drogerie, die ausschliesslich Arzneimittel verkauft, deren Wirksamkeit durch hochwertige Studien belegt ist, wird wohl nicht sehr lange überleben.

Wichtig scheint mir Transparenz. Die Kundinnen und Kunden sollten in Apotheken und Drogerien informiert werden, ob und wie gut die Arzneimittel bezüglich Wirksamkeit belegt sind. Hier hapert es aber oft.

Und viele Kundinnen und Kunden sind sehr schlecht informiert, beziehen ihr Wissen ausschliesslich aus der Werbung oder vertrauen dem beliebten Kurzschluss:

„Wer heilt hat Recht!“

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – wer heilt hat Recht?

Wer sich in diesen Bereichen zurecht finden will, kommt nicht darum herum, sich eigenes Wissen anzueignen.

Eine Möglichkeit dazu sind meiner Lehrgänge – die Phytotherapie-Ausbildung und das Heilpflanzen-Seminar.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Homöopathie bei Sportverletzungen: Medizin-Transparent untersucht Traumeel

Bei Sportverletzungen kommt oft das homöopathische Mittel Traumeel als Salbe oder Gel zur Anwendung.

Das Portal Medizin-Transparent hat die Studienlage zu dieser Behandlung unter die Lupe genommen und kommt zum Schluss, dass Belege für eine Wirksamkeit fehlen. Die genauen Begründungen dazu sind hier zu finden.

Aus phytotherapeutischer Sicht ist interessant, dass Traumeel zwar als Homöopathikum angepriesen wird, in der Realität aber eher als homöopathisch-phytotherapeutisches Mischprodukt angesehen werden könnte.

Laut Packungsprospekt hat Traumeel Gel pro 1 g folgende Zusammensetzung:

Achillea millefolium TM 0.9 mg, Aconitum napellus D1 0.5mg, Arnica montana D3 15 mg, Atropa belladonna D1 0.5 mg, Bellis perennis TM 1 mg, Calendula officinalis TM 4,5 mg, Chamomilla recutita TM 1,5 mg, Echinacea angustifolia TM 1,5 mg, Echinacea purpurea TM 1,5 mg, Hamamelis virginiana TM4,5 mg, Hepar sulfuris D6 0,25 mg, Hypericum perforatum D6 0,9 mg, Mercurius solubilis Hahnemanni D12 0,4 mg, Symphytum officinale D4 1mg, Zusätzliche Hilfsstoffe: Salbe: Cetylstearylalkohol, dickflüssiges Paraffin, weisses Vaselin, Alkohol 13.8 Vol%, Wasser Gel: Carbopol 980, Alkohol 25 Vol%, Wasser

Was sehen wir da?

Neben homöopathisch verdünnten Bestandteilen (erkennbar an den D-Bezeichnungen) enthält der Traumeel Gel folgende Urtinkturen nach homöopathischem Arzneibuch:

Achillea millefolium TM – Schafgarbentinktur

Bellis perennis TM – Gänseblümchentinktur

Calendula officinalis TM – Ringelblumentinktur

Chamomilla recutita TM – Kamillentinktur

Echinacea angustifolia TM – Sonnenhuttinktur aus Schmalblättrigem Sonnenhut

Echinacea purpurea TM – Sonnenhuttinktur aus Purpur-Sonnenhut

Hamamelis virginiana TM4 – Hamamelistinktur (Zaubernuss)

Kommentar:

TM bedeutet „Teinture-mère“ und im deutschen Sprachraum „Urtinktur“.

Urtinkturen werden nach den Regeln des Homöopathischen Arzneibuchs (HAB) hergestellt und sind im allgemeinen Frischpflanzentinkturen. Weil sie dem HAB entsprechen, kann man sie zwar als „homöopathisch“ bezeichnen. Sie sind aber eigentlich nur die Ausgangsbasis für die Herstellung von Homöopathika und wurden noch keiner Verdünnung (homöopathisch „Potenzierung“) unterzogen.

Daher enthalten sie noch Wirkstoffe in relevanter Menge und können auch als phytotherapeutische Tinkturen aufgefasst und beurteilt werden.

Den Unterschied zwischen homöopathischen und phytotherapeutischen Bestandteilen sieht und kommentiert auch Medizin-Transparent:

„In homöopathischen Arzneimitteln sind Substanzen üblicherweise so stark verdünnt, dass sie keine Wirkung mehr besitzen können. Oft sind sie auch im Labor nicht mehr nachweisbar. Solche Mittel wirken nachweisbar nicht besser als wirkstofflose Scheinmedikamente (Placebo)………

Dass Traumeel in Gel- oder Salbenform eine Wirkung haben könnte, die über eine angenehme und bei Sportverletzungen empfohlene Kühlung hinausgeht, ist dennoch prinzipiell denkbar.

Der Grund: Traumeel als Salbe oder Gel enthält neben stark verdünnten Substanzen in „homöopathischen“ Mengen auch Pflanzenextrakte in deutlich höheren Konzentrationen, etwa von Ringelblume, Hamamelis und Echinacea. Die Menge dieser pflanzlichen Stoffe könnte ausreichen, um – zumindest theoretisch – wirksam zu sein.

Ob in Traumeel tatsächlich eine geeignete und ausreichend dosierte Mischung von Pflanzenstoffe steckt, um bei Sportverletzungen helfen zu können, müsste allerdings erst in gut gemachten, ausreichend großen Studien geklärt werden.“

Gut. Dann schauen wir uns diese „Pflanzenextrakte“ einmal genauer an. Grundsätzlich ist zu sagen, dass Frischpflanzentinkturen eher geringere Wirkstoffmengen enthalten als Tinkturen aus getrockneten Pflanzen, wie sie die staatlichen Arzneibücher (Pharmakopöe) vorziehen. Aus wirkstoffkundlicher Sicht würde deshalb viel dafür sprechen, in einem solchen Produkt Tinkturen aus getrockneten Pflanzen zu verwenden.

Was ist nun von den einzelnen Bestandteilen zu halten?

Schafgarbentinktur:  Wird innerlich vor allem als Bittermittel bei Verdauungsstörungen angewendet. Die Schafgarbe hat aber traditionell auch einen Ruf als Wundheilmittel. Zwar wurde die Wirksamkeit in dieser Hinsicht nie untersucht. Das ätherische Schafgarbenöl enthält aber als Hauptbestandteil Chamazulen, das auch Hauptbestandteil im Kamillenöl ist und zu dessen wundheilender Wirkung beiträgt. Das lässt eine wundheilende Wirkung der Schafgabe zumindestens theoretisch als möglich erscheinen.

Gänseblümchentinktur: Zu allfälligen Wirkungen der Gänseblümchentinktur bei Wunden oder Sportverletzungen gibt es keine fundierten Belege.

Ringelblumentinktur: Der Ringelblume bescheinigt die Phytotherapie-Fachliteratur eine wundheilende Wirkung (granulationsfördernd, epithelisierungsfördernd), wofür es auch Hinweise aus Studien gibt. Allerdings geht es bei diesen Hiweisen um Wundheilungsförderung auf der Haut, während bei Sportverletzungen stumpfe Verletzungen wie Prellungen, Verstauchungen, Blutergüsse im Vordergrund stehen (also Verletzungen ohne Durchtrennung der Haut).

Kamillentinktur: Auch für Kamille git es Hinweise aus Studien für eine wundheilende Wirkung (granulationsfördernd, epithelisierungsfördernd), allerdings wurde in der Regel Kamillenextrakt untersucht (Kamillosan) und nicht Kamillentinktur, die weniger Wirkstoffgehalt hat.

Sonnenhuttinktur (Echinaceatinktur): Echinacea ist heute ja vor allem als Mittel zur Aktivierung des Immunsystems bekannt. In der ersten Hälfte des 20. Jahhunderts hatte die Pflanze einen Ruf als Wundheilmittel. Im „Dritten Reich“ wurde das Echinacea-Präparat Echinacin im Konzentrationslager Buchenwald zur Behandlung von absichtlich gesetzen Brandwunden bei Gefangenen eingesetzt. Über diese abscheulichen Menschenversuche sind keine näheren Details bekannt. Es ist aber möglich, dass Echinacea eine wundheilende Wirkung hat. Die ESCOP-Kommission bestätigt für Präparate aus Echinacea purpurea die äusserliche Anwendung unterstützend bei oberflächlichen Wunden.

Hamamelistinktur: Hamamelis wird eingesetzt bei leichten Hautverletzungen, Entzündungen von Haut une Schleimhaut sowie in Cremen zur Hautpflege bei Neurodermatitis.

Zusammengefasst: Einige der pflanzlichen Inhaltsstoffe zum Beispiel aus Ringelblume und Kamille haben eine Wirkung auf die Haut und wirken wundheilend. Daraus lässt sich aber nicht automatisch eine Wirksamkeit bei stumpfen Verletzungen ableiten. Es ist nicht klar, ob Wirkstoffe aus Ringelblumen, Echinacea, Kamille oder Hamamelis bis in gequetschtes Gewebe eindringen.

Medizin-Transparent stellt ausserdem die Frage, ob in Traumeel eine „ausreichend dosierte Mischung von Pflanzenstoffen steckt“, um eine Wirkung zu erzielen. Sehr gute Frage, die oft vernachlässigt wird.

Beispiel Calendula: In phytotherapeutischen Calendulacremen werden in der Regel 1 – 2 g Ringelblumentinktur in 10 g Salbe eingearbeitet, also 100 – 200 mg pro Gramm. In Traumeel: 4,5 mg pro Gramm. Das ist krass wenig.

Bei Kamillensalbe und Hamamelissalbe liegen die Konzentrationen von Tinktur etwa bei 10 % = 100mg pro Gramm, wenn konzentriertere Extrakte zum Einsatz kommen etwa 5 %.

Verglichen mit üblichen phytotherapeutischen Präparaten sind die Konzentrationen in Traumeel also ausgesprochen tief.

Soweit mein Kommentar zu den phytotherapeutisch relevanten Ingredienzien von Traumeel. Die Tatsache, dass irgendeine Pflanze in einem Produkt vorkommt, heisst also noch lange nicht, dass sie auch wirklich zur Wirksamkeit beiträgt. Im vorliegenden Beispiel passen die Pflanzen phytotherapeutisch überwiegend nicht zum Anwendungsgebiet und sind in viel zu kleiner Menge vorhanden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

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Ingwer gegen Reisekrankheit

Die Ingwerwurzel ist als Mittel gegen Reisekrankheit inzwischen ziemlich etabliert:

„Ein bekanntes und gut wirksames Hausmittel ist Ingwer. Am besten hilft die Wurzel in Kapselform (Zintona). Der Vorteil: Im Vergleich zu Dimenhydrinat macht Ingwer nicht müde und schränkt das Reaktionsvermögen nicht ein.

Zwischendurch sind auch Bonbons mit Pfefferminz oder Ingwer erlaubt, die der Übelkeit entgegen wirken können. Wer auf große Fahrt geht, sollte auch auf seine Flüssigkeitsreserven achten. Getränke wie Milch oder Kaffee sind tabu, geeignet sind hingegen Tee aus Ingwer oder Pfefferminze sowie Wasser ohne Kohlensäure.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/pta-live/nachricht-detail-pta-live/fuenf-tipps-reiseuebelkeit-kinetosen-reisekrankheit-so-wird-kindern-nicht-uebel/?tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=2&cHash=ceb156c23be026f5a24e214b0ddf224f

 

Kommentar & Ergänzung:

Ingwer ist ein beliebtes Gewürz, das auch in Curry-Mischungen auftaucht und zur Verfeinerung von Speisen wie Lebkuchen, Milchreis oder Obstsalat eingesetzt werden kann.

Traditionell wird Ingwer gern bei Verdauungsstörungen angewendet. Für die Wirksamkeit gegen Reisekrankheit sprechen Resultate aus einigen kleineren Studien.

Als belegt gilt auch ein moderater Effekt zur Linderung von postoperativem Erbrechen.

Zudem gibt es Hinweise auf eine Wirkung gegen Erbrechen bei Chemotherapie.

Siehe dazu:

Onkologie / Palliative Care: Ingwer gegen erbrechen bei Chemotherapie

Ingwer scheint auch Entzündungen hemmen zu können.

Der Inhaltsstoff Gingerol hemmt das Enzym Cyclooxygenase-2, welches Entzündungsreaktionen z. B. bei Arthrose und Rheuma fördert.

In einer iranischen Studie von Haghighi/Khalva/Toliat/Jallaei aus dem Jahr 2005 konnte bei Arthrose-Patienten mit Ingwer-Auszügen die gleiche Schmerzlinderung wie mit Ibuprofen erzielt werden. Wenn das stimmt, dann ist das sehr interessant. Allerdings kann ich die Qualität dieser Studie nicht beurteilen und aus dem Iran scheinen zum Thema Naturheilkunde eigenartigerweise nur Studien mit positiven Resultaten zu kommen.

Es gibt allerdings eine Metaanalyse dänischer Forscher, die ebenfalls zum Schluss kommt,  dass die Behandlung mit Ingwer bei Arthrose die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit verbessern kann.

Die Überlegenheit gegenüber Placebo zeigte sich bei Dosierungen von 500 – 1000 mg Ingwer pro Tag, das entspricht 2 bis 4 Kapseln Zintona / Tag.

Siehe dazu:

Metaanalyse: Ingwer lindert Schmerzen bei Arthrose

Zur Wirksamkeit und Sicherheit von Ingwer bei Schwangerschaftserbrechen gehen die Ansichten auseinander.

Sieh dazu:

Ingwer bei Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Rosmarin gegen Ängste, schlechten Schlaf und Depressionen wirksam?

Eine Studie aus dem Iran kommt zum Schluss: Wer regelmäßig Rosmarin einnimmt, schneidet in Gedächtnistests besser ab, ist weniger ängstlich und schläft besser.

Rosmarin ist ein beliebtes Gewürz zu Kartoffeln, Fleisch oder Pilzen.

Über den aromatischen Effekt in Speisen hinaus ist Rosmarin aber auch eine Heilpflanze mit langer Tradition.

Die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ schreibt dazu:

„Diverse Studien haben bereits eine antioxidative und antibakterielle Wirkung, sowie Effekte gegen Krebs, Entzündungen, Diabetes und Schmerzen beschrieben. Auch auf die Alzheimererkrankung, Depressionen und Ängste soll Rosmarin positiv wirken.“

Iranische Wissenschaftler der Kerman University of Medical Sciences haben nun untersucht, wie sich Rosmarin auf die Gedächtnisleistung, Ängste, Depressionen und Schlafqualität von jungen Erwachsenen auswirkt. Dazu unterteilten sie die 68 Teilnehmer in zwei Gruppen: eine Gruppe bekam täglich zweimal 500 Milligramm Rosmarin zur Einnahme, der anderen Gruppe wurde stattdessen ein Placebo verabreicht.

Die Studie wurde doppelblind durchgeführt und dauerte einen Monat.

„Doppelblind“ bedeutet, dass weder die Versuchspersonen, noch die Verteiler der Wirkstoffkapseln wussten, ob jeweils Rosmarin oder das Placebo in den Kapseln enthalten war.

Die Effekte dieser Nahrungsergänzung mit Rosmarin wurden mit Gedächtnistests und standardisierten Befragungsbögen zu Depressions- und Angstsymptomen sowie der Schlafqualität beim Start der Studie und nach Ende des Behandlungsmonats ermittelt.

In allen Bereichen verbesserten sich die Werte der Studenten, die Rosmarin bekommen hatten, gegenüber denjenigen Studenten, die das Placebo eingenommen hatten. Nur die Schlafdauer sowie die sogenannte Schlaflatenz, also die Zeit, die man braucht, um einzuschlafen, veränderten sich mit der Rosmarin-Zulage nicht. Beim Start der Studie wurden 42 der Studenten als ‚normal‘ ängstlich eingestuft, bei 26 Studenten fanden sich dagegen Symptome einer mindestens milden Angststörung (zwölf in der Rosmaringruppe, 14 in der Placebogruppe).

Nach dem Behandlungsmonat stuften die Forscher nur noch sechs der Studenten der Rosmaringruppe als stärker ängstlich als normal ein, während in der Placebogruppe auch weiterhin 14 Studenten Symptome einer Angststörung zeigten.

In der Angst- und Depressionsskala verminderten sich sowohl die Ängste als auch die Depressionen der Studenten der Rosmaringruppe um knapp zwei Punkte, während die der Placebogruppe stabil blieben.

Mit Hilfe des Schlaffragebogens wiesen die Forscher der individuellen Schlafqualität einen Wert (von 0 bis 21) zu. Bei Werten über fünf Punkten wurde die Versuchsperson in dieser Befragung zu den “schlechten” Schläfern gezählt. Zu den guten Schläfern gehörten zu Studienbeginn 28 Studenten (16 in der Rosmaringruppe, zwölf in der Placebogruppe), zu den schlechten Schläfern insgesamt 40 Studenten (18 in der Rosmaringruppe, 22 in der Placebogruppe).

Nach der Behandlung waren nur noch 13 der Studenten aus der Rosmarin-Gruppe schlechte Schläfer. In der Placebogruppe waren von den Versuchspersonen noch 18 schlechte Schläfer. Im Vergleich zeigten sich also unabhängig von der jeweiligen Behandlung Verbesserungen im Schlafmuster bei manchen Teilnehmern. Die Bewertungen der Schlafqualität besserten sich jedoch messbar in der Rosmaringruppe im Durchschnitt um zwei Punkte mit der Behandlung, die Werte der Placebogruppe verhielten sich dagegen stabil. Auch in verschiedenen Gedächtnistests schnitten die Studenten der Rosmaringruppe messbar besser ab (von 35,53 auf 30,65 Punkte), während die Werte der Placebogruppe dagegen weitgehend stabil blieben (vorher 35,5 Punkte, nachher 35,59 Punkte).

Die günstigen Wirkungen des Rosmarins werden insbesondere dem ätherischen Öl und seinen Bestandteilen zugesprochen, beispielsweise Kampher oder Phenolen wie Carnosol oder Rosmarinsäure. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler lautet: Vor allem bei einer Erkrankung, die sich auf Schlaf, Ängste, Depressionen und das Gedächtnis auswirkt, wie zum Beispiel der Alzheimerdemenz, wäre die Rosmarin-Nahrungsergänzung zumindest eine Option, die nach Absprache mit dem Arzt auch unbedenklich sein sollte.

Quelle:

https://derstandard.at/2000085051533/Rosmarin-hilft-gegen-Aengste-schlechten-Schlaf-und-Depressionen

Originalpublikation: Effects of Rosmarinus officinalis L. on memory performance, anxiety, depression, and sleep quality in university students: A randomized clinical trial.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29389474

Kommentar & Ergänzung:

Diese Studie bringt auf den ersten Blick sehr attraktive Ergebnisse. Nur schon mit Stichworten wie Alzheimer, Depressionen und Ängste hat man die Aufmerksamkeit der Menschen rasch geweckt.

Und es ist natürlich verlockend, solche Aussagen 1:1 zu übernehmen.

Aber wir müssen schon genauer hinschauen.

Die Studie ist von den Teilnehmerzahlen her sehr klein und daher wird sie schon aus statistischen Gründen keine einwandfeien Belege liefern können.

Aus dem Iran kommen in letzter Zeit laufend derart kleine Studien zu Heilpflanzen-Anwendungen, die sensationelle Wirkungen gefunden haben wollen, für die bisher in der Fachliteratur keine Ansatzpunkte zu sehen sind.

Ich erinnere mich im Zusammenhang mit Iran zudem an eine Aussage von Roman Huber, dem Leiter des Zentrums für Naturheilkunde der Uniklinik Freiburg, der in einem Interview mit der „Badischen Zeitung“ darauf hinwies, dass aus dem Iran und aus China in Sachen Naturheilkunde eigentlich nur positive Studienergebnisse publiziert werden (Quelle hier)

Das ist zumindestens eigenartig, denn wo Wissenschaft ergebnisoffen betrieben wird, müssten auch negative Resultate auftauchen.

Die Aussagekraft der Studie wird auch eingeschränkt durch den Umstand, dass hier offenbar einfach Studenten als Versuchspersonen eingesetzt wurden, nicht etwa Patienten mit klar definierten Erkrankungen.

Damit will ich dem Rosmarin nicht den Status als Heilpflanzen absprechen, aber solche Wischi-Waschi-Studien, die einfach mal sehr weitreichend eine positive Wirkung bei Schlafproblemen, Angst, Depression und Alzheimer in den Raum stellen, sind fragwürdig.

Rosmarinblätter werden in der Phytotherapie-Fachliteratur vor allem zur Linderung von Verdauungsbeschwerden angewendet und äausserlich als Rosmarinöl in einer Fettgrundlage zu Einreibungen bei Gelenkschmerzen.

Rosmarinöl gilt zudem als belebendes Mittel (Analeptikum) bei Kreislaufbeschwerden, insbesondere bei Müdigkeit auf Grund von niederem Blutdruck. Für diese analeptischen Effekte wird in der Regel Rosmarinöl in verschiedenen Formen eingeatmet. In der iranischen Studie wurde aber offensichtlich Rosmarin in Kapseln eingenommen, so dass dieser Effekt über die Duftebene nicht wirksam werden kann.

Rosmarin wird aufgrund seiner antimikrobiellen Wirkung als Konserrvierungsmittel und Antioxidans in der Lebensmittelindustrie eingesetzt (z. B. bei Fleisch und Fett). Eine wichtige Rolle spielt dabei das antimikrobiell wirkende Carnosol.

Dass Rosmarin gegen Krebs und Diabetes helfen kann, wie das einleitende Zitat aus dem „Standard“ antönt, wird im Übrigen von keinerlei fundierten Belegen gestützt. Tumorhemmende Wirkungen wurden zwar im Labor gefunden, aber das it weit weg von einer erfolgreichen Anwendung bei Krebspatienten.

Insgesamt wird in diesem „Standard“-Artikel also ziemlich viel heisse Luft transportiert.

Dass Rosmarin aber schon seit langem geschäzt wird, zeigt die Beschreibung der Pflanze durch Otto Brunfels (Botaniker, Stadtarzt von Bern, 1488 1534):

„Stercket die Memory, das ist die gedächtnüss,

behütet vor der pestilentz,

erwärmet das marck in den beynen.

Bringet die sprach härwider,

macht keck und hertzhafftig,

mach jung geschaffen,

retardiert das Alter, so man es allen tag trincket,

ist ein theriacks für alles gyfft….“

Da taucht also schon das Anti-Aging auf und die Verbesserung des Gedächtnisses auch…….

Aber Tradition hat auch nicht immer Recht.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: hat Tradition Recht?

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Lavendel bei Unruhe und Einschlafstörungen

Das Magazin „Stern“ empfiehlt in einem Artikel über Hausmittel Lavendel bei Unruhe und Einschlafstörungen:

„Den Blüten des Lavendelstrauchs wird eine allgemein beruhigende Wirkung nachgesagt. Diese Einschätzung teilen auch Wissenschaftler: Die Kommission-E-Experten empfehlen Lavendel gegen Unruhezustände und Einschlafstörungen. Für den Effekt verantwortlich ist offenbar das ätherische Blütenöl. Es entspannt das zentrale Nervensystem und beruhigt die Atemwege.“

Als konkrete Anwendungsmöglichkeiten stellt der Text zwei Varianten des Lavendelbades vor:

„Eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen sechs bis zehn Tropfen Lavendelöl in etwas Sahne einrühren und ins warme, nicht zu heiße Badewasser geben. Eine Temperatur von 37 Grad ist ideal.

Als Alternative empfehlen sich getrocknete Lavendelblüten: 50 bis 60 Gramm mit einem Liter siedendem Wasser übergießen, 20 Minuten ziehen lassen, abseihen und in das Badewasser gießen.

Nicht länger als 15 Minuten baden. Im Anschluss ruhen.“

Quelle:

http://www.stern.de/gesundheit/grippe/erkaeltung–ohrenschmerzen–halsschmerzen–diese-hausmittel-helfen-6565438.html#mg-1_1507550522595

 

Kommentar & Ergänzung:

Das sind keine schlechten Empfehlungen. Ergänzend könnte man noch auf weitere Anwendungsvarianten von Lavendelblüten bzw. Lavendelöl hinweisen:

– Lavendelöl kann direkt im Raum verdunsten und eingeatmet werden (ein paar Tropfen auf ein Papertaschentuch geben und in den Raum legen).

– Lavendelblüten können zu Lavendelsäckchen verarbeitet und unters Kopfkissen gelegt werden.

– Ein paar Tropfen Lavendelöl können mit Mandelöl oder Bodylotion gemischt für Einreibungen und Massagen eingesetzt werden.

– Die Phytotherapie setzt Lavendelöl in Kapselform auch innerlich ein bei leichten Angststörungen.

– Äusserlich wirkt Lavendelöl auch gegen Hautpilze, zum Beispiel bei Fusspilz.

Der Hinweis auf eine beruhigende Wirkung auf die Atemwege ist fragwürdig.

Siehe auch:

Lavendelöl-Kapseln gegen Angst und Depressionen

Lavendelöl-Präparat bei Angststörungen

Lavendelöl gegen Hautpilze

Lavendelöl lindert Menstruationsbeschwerden

Studie bestätigt Wirksamkeit von Lavendelöl-Kapseln Lasea bei Angststörungen

Lavendelöl bessert Migränekopfschmerz effektiver als Placebo

Lavendelöl wirksam gegen Hautpilze

Pflanzenheilkunde: Kräuterkissen für guten Schlaf

Und hier gibts eine Broschüre zu Anwendungsmöglichkeiten von Lavendelblüten / Lavendelöl.

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Homöopathie: Arnika-Globuli bei stumpfen Verletzungen von Weichteilen wirksam?

Bei Heilpflanzen-Anwendungen kommt es immer auch auf die Form an, in welcher sie eingesetzt werden. Dabei kommt es in den Medien oft zu verwirrenden bis irreführenden Aussagen. Auch werden homöopathische und phytotherapeutische Anwendungen oft verwechselt.

Schauen wir uns dazu ein Beispiel an:

Die österreichische „Kronenzeitung“, ein Boulevardblatt von fundamental fragwürdigem Niveau, berichtet über die Anwendung von Arnika-Globuli:

« “Arnika ist wohl eines der bekanntesten homöopathischen Mittel für Sportler. Es lindert Schmerzen, verhindert massive Schwellungen sowie Blutergüsse und beschleunigt den Heilungsprozess”, erklärte der Wiener Orthopäde und Sportmediziner Dr. Karl- Heinz Kristen auf einer Pressekonferenz. “Typischerweise zu verwenden bei stumpfen Verletzungen von Weichteilen mit Gewebeeinblutungen, Verschlimmerung durch Bewegung, Ruhelosigkeit und Verbesserung durch Kälte, z.B. bei Prellungen oder Zerrungen.” »

Quelle:

 

http://www.krone.at/gesund-fit/mit-homoeopathie-durch-die-warme-jahreszeit-ausflug-und-reise-story-562777

Kommentar & Ergänzung:

Interessant wäre zu erfahren, welche Firma die Pressekonferenz veranstaltet hat, doch leider hält die Journalistin das offenbar nicht für mitteilungswert.

Arnika-Globuli werden oft empfohlen bei stumpfen Verletzungen wie Prellungen, Verstauchungen, Blutergüssen etc.

Die Schwierigkeit bei der Beurteilung von Behandlungserfolgen bei solchen Verletzungen liegt darin, dass im Einzelfall nicht gewusst werden kann, wie der Heilungsverlauf ohne Behandlung vonstatten gegangen wäre.

Aus diesem Grund macht man Studien, in denen die eine Gruppe mit Arnika-Globuli behandelt wird, und eine andere Gruppe mit einem Scheinmedikament (Placebo). So lässt sich unterscheiden, ob die Besserung mit Arnika-Globuli rascher eintritt als wenn man ohne Behandlung auf die natürlichen Selbstheilungskräfte setzt.

Solche kontrollierten Studien wurden mit Arnika-Globuli in namhafter Zahl durchgeführt.

Studien unterscheiden sich aber häufig stark in ihrer Qualität und nicht selten auch im Ergebnis. Wenn man eine verlässlichere Aussage bekommen will, fasst man daher die Resultate der qualitativ besten Studien in einer Metaanalyse zusammen. Das wurde für Arnika-Globuli bereits 1998 von Ernst & Pittler gemacht. Acht Studien wurden für die Metaanalyse ausgewertet:

Arch Surg. 1998 Nov;133(11):1187-90.

Efficacy of homeopathic arnica: a systematic review of placebo-controlled clinical trials.

Ernst E1, Pittler MH.

Die Autoren fanden keinen Unterschied zwischen der Placeo-Gruppe und der Arnika-Globuli-Gruppe:

„RESULTS: Eight trials fulfilled all inclusion criteria. Most related to conditions associated with tissue trauma. Most of these studies were burdened with severe methodological flaws. On balance, they do not suggest that homeopathic arnica is more efficacious than placebo.

CONCLUSION: The claim that homeopathic arnica is efficacious beyond a placebo effect is not supported by rigorous clinical trials.“

Quelle:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9820349?dopt=Abstract

Langversion hier.

http://www.crd.york.ac.uk/CRDWeb/PrintPDF.php?AccessionNumber=11998002055&Copyright=Database+of+Abstracts+of+Reviews+of+Effects+%28DARE%29%3Cbr+%2F%3EProduced+by+the+Centre+for+Reviews+and+Dissemination+%3Cbr+%2F%3ECopyright+%26copy%3B+2017+University+of+York%3Cbr+%2F%3E

 

Während also Ernst & Pittlersich auf die acht qualitativ besten Studien beschränkten, habe im Jahr 2005 Rainer Lüdtke und Daniela Hacke alle prospektiven, kontrollierten Studien ausgewertet, bei denen Arnika homöopathisch verordnet wurde (insgesamt 49 Studien). Lüdtke und Hacke arbeiten bzw. arbeiteten für die Carstens-Stiftung, die sich der Förderung der Homöopathie verschrieben hat. Die Studie mit dem Titel „Zur Wirksamkeit des homöopathischen Arzneimittels Arnica montana“  kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:

„Eine Wirksamkeit homöopathischer Arnika ist statistisch nicht nachzuweisen, aber auch nicht auszuschließen. Die Ergebnisse weisen eine hohe Heterogenität auf, die auch durch die Meta-Regression nicht eliminiert wird.“

Quelle:

Wiener Medizinische Wochenschrift

November 2005, Volume 155, Issue 21, pp 482–490

http://link.springer.com/article/10.1007/s10354-005-0227-8?no-access=true

Oft zeigen sich in qualitativ schlechteren Studien positive Ergebnisse, die sich in gut gemachten Studien nicht reproduzieren lassen. Aber selbst mit Einbezug dieser schlechteren Studien konnten die Autoren, die zudem der Homöopathie zugewandten sind, keine überzeugenden Resultate finden.

Erstaunlich ist meines Erachtens, dass diese doch sehr eindeutige Studienlage in der Verordnungspraxis offenbar keine Beachtung findet. Arnika-Globuli gehören nach wie vor zu den am häufigsten angewandten Homöopathika.

Die Empfehlung von Arnika-Globuli bei stumpfen Verletzungen müsste eigentlich „tot“ sein, wenn aus der Studienlage Konsequenzen gezogen würden.

Passend zum Thema ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe.

Zitat des Tages von Johann Wolfgang von Goethe

Und wie sieht die Situation bezüglich Arnika in der Phytotherapie aus?

Die Phytotherapie-Fachliteratur lehnt die innerliche Anwendung von Arnika ab, weil die Sicherheit nicht ausreichend geklärt ist.

Phytotherapeutisch wird Arnika daher nur äusserlich angewendet – vor allem als Arnikagel oder in Form von verdünnter Arnikatinktur – zum Beispiel bei Verletzungs- und Unfallfolgen wie Hämatomen, Prellungen, Quetschungen; bei rheumatischen Muskel- und Gelenksbeschwerden und bei Entzündungen als Folge von Insektenstichen.

Schaut man sich hier die Studienlage an, ist das Fazit ebenfalls nicht so eindeutig. Das hängt auch damit zusammen, dass phytotherapeutische Arnikapräparate in sehr unterschiedlicher Qualität im Handel sind. Homöopathische Arnika-Globuli sind dagegen sehr eindeutig definiert, so dass Studienergebnisse gut auf die Arnika-Globuli aller Hersteller übertragen werden können.

Bei phytotherapeutischen Arnikapräparaten sind die Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Zubereitungsformen und Markenprodukten so gross, dass Studienergebnisse mit einem Präparat nicht ohne weiteres auf andere Präparate übertragen werden können. Das macht eine generelle Bewertung der Studienlage schwierig. Eine Studie gilt daher eigentlich nur für das Präparat, das gerade untersucht wurde.

Das Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ schreibt zur Studienlage für die äusserliche Anwendung von Arnikapräparaten:

„In einer klinischen Doppelblindstudie zum Wirksamkeitsnachweis von Arnika-Salbe und Arnika-Gel bei chronischer Veneninsuffizienz konnten signifikant positive Effekte nachgewiesen werden. In einer klinischen Studie mit Patienten mit Osteoarthritis an den Händen konnte bei Behandlung mit Ibuprofen-Gel oder mit Arnika-Gel in beiden Gruppen eine vergleichbare Verbesserung von Beweglichkeit und Schmerzreduktion festgestellt werden. Eine systematische Auswertung von 11 Studien zur topischen Anwendung von Arnika-Zubereitungen in der Behandlung von Schmerzen, Schwellungen und hämatomen kommt zum Schluss, dass eine Tendenz zu Wirksamkeit gegeben ist, aber weitere Studien – eventuell auch mit höheren Dosierungen – wünschenswert wären.“

Klar ist: In der Phytotherapie braucht es ziemlich viel fundiertes Wissen, um ein geeignetes Präparat und eine geeignete Zubereitungsform auszuwählen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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