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ADHS: Wirkungen und Risiken von Ritalin weiter unklar

Die größte Metastudie zu Methylphenidat zeigt insbesondere Lücken und fehlendes Wissen.

Schlechte Daten und zahlreiche Nebenwirkungen: Wie gut der Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat wirklich gegen ADHS hilft, bleibt auch weiterhin ungeklärt.

Die bisher umfangreichste Metastudie bestätigt nämlich insbesondere die Vielzahl der Nebenwirkungen. Wegen extrem schlechter Qualität der bisherigen Studien sei jedoch weder das Ausmaß der günstigen Effekte noch das Risiko für schwerwiegende Folgen einzuschätzen, so die Wissenschaftler der Cochrane Collaboration. Sie legen den Ärzten daher besondere Vorsicht nahe bei der Verschreibung des Wirkstoffs.

Bei Kindern und Jugendlichen ist die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung ADHS inzwischen die häufigste psychische Störung – etwa fünf Prozent von ihnen sind davon betroffen. Um die Symptome dieser Störung zu lindern, erhalten zahlreiche ADHS-Betroffene den Wirkstoff Methylphenidat verschrieben, der unter dem Markennamen Ritalin bekannt ist. Doch dieses mit Amphetaminen verwandte Präparat greift tief in den Hirnstoffwechsel ein – und verursacht deshalb auch akute Nebenwirkungen.

Längerfristige Folgen von Ritalin unklar

Welche Folgen die Einnahme von Ritalin und Co insbesondere längerfristig hat, ist bisher zum grossen Teil unklar. Einige Untersuchungen deuten auf verstärkte Schlafprobleme und Appetitlosigkeit durch Methylphenidat hin. Bei Ratten löst dieser Wirkstoff bei Einnahme im Jugendalter sogar bleibende Defizite in der Lernfähigkeit und Plastizität des Gehirns aus, wie Wissenschaftler entdeckten.

Um diese ungewisse Situation zu klären hat nun die Cochrane Collaboration die bisher umfangreichste Metaanalyse zu Methylphenidat bei ADHS durchgeführt. Die Wissenschaftler um Ole Jakob Storebø von der Universität von Süddänemark werteten dafür 185 randomisierte Studien aus, an denen insgesamt über 12.000 Kinder und Jugendliche teilgenommen hatten. Neben den Resultaten zu den Nebenwirkungen und Folgen prüften die Forscher dabei auch die Qualität der Studien.

Wenig harte Belege für die Wirkung von Ritalin & Co

Das Resultat der Metastudie deutet darauf hin, dass Methylphenidat zumindest gegen die Symptome der ADHS zu wirken scheint – wenn auch nicht überzeugend stark.

Die Mehrheit der ausgewerteten Studien kam zwar zum Schluss, dass sich durch Methylphenidat das Verhalten und die Lebensqualität der Kinder verbesserten. Durchschnittlich bewirkte die Behandlung aber nur eine Besserung um 9,6 Punkte auf der 72-stufigen ADHS-Skala, wie die Wissenschaftler schreiben.

Das ist nicht viel, denn eine Veränderung von 6,6 Punkten gilt als das Minimum, ab dem überhaupt eine Wirkung zugesprochen wird.

Hinzu komme, wie die Cochrane-Wissenschaftler betonen, dass die niedrige Qualität der zugrundeliegenden Belege bedeute, „dass wir nicht sicher sein können, wie groß dieser Effekt tatsächlich ist”.

Auch Koautorin Camilla Groth von der dänischen Herlev Universitätsklinik sagt:

“Unsere Erwartungen an diese Therapie sind wahrscheinlich größer als sie sein sollten.“

Die Forscher vermuten, das diese Behandlung zwar einigen Kindern helfen könnte. Sie können aber nicht sagen, bei welchen das der Fall sein wird.

Nebenwirkungen von Methylphenidat wahrscheinlich unterschätzt

Ähnlich präsentiert sich die Lage bei den Nebenwirkungen: Die Metaanalyse bestätigte, dass Kinder, die mit Ritalin behandelt werden, 60 Prozent öfter unter Schlaflosigkeit und 266 Prozent öfter unter Appetitstörungen leiden. Ebenso treten Kopfschmerzen, Zwangshandlungen, Ticks und obsessives Grübeln bei Gabe von Methylphenidat vermehrt auf, wie die Wissenschaftler feststellten.

Schwere Nebenwirkungen wie Psychosen, Infekte oder Ohnmachten sollen dagegen nicht häufiger vorkommen.

Nur neun von 185 Studien gaben jedoch überhaupt an, ob es schwere Nebenwirkungen gegeben hatte. Daher können die Forscher nicht ausschließen, dass die negativen Folgen schlimmer sind als sie berichten.

Eine bereits begonnene zweite systematische Metaanalyse deute jedenfalls darauf hin, dass durchaus schwere Nebenwirkungen bei Ritalingabe auftreten können. In einem Fall erhöhte sich sogar das Risiko für plötzliche Todesfälle bei Jugendlichen, berichten die Wissenschaftler.

Langzeitfolgen weiterhin ungenügend geklärt

Bei den nun ausgewerteten Studien bekamen die Kinder und Jugendlichen maximal sechs Monate lang Methylphenidat, oft aber auch deutlich kürzer.

Belege für die Langzeit-Effekte von Methylphenidat auf Kinder und Jugendliche mit ADHS fehlen, stellen die Forscher fest. Es sei gut möglich, dass die positive Wirkung bei längerer Einnahme zurückgehe und das Risiko für schädliche Folgen steige.

Wenn man die tatsächlichen Wirkungen der Ritalin-Therapie bei ADHS einschätzen wolle, brauche es dringend besser entworfene und längere Studien.

Die Forscher sprechen ein konkretes Qualitätsproblem vieler Studien an: Bei den meisten Methylphenidat-Studien sei es trotz Verblindung möglich, zu erkennen, ob ein Kind zur Therapie oder zur Kontrollgruppe gehört – nur schon aufgrund der enorm häufigen Nebenwirkungen. Wenn aber die behandelten Kinder, ihre Eltern oder die verschreibenden Ärztinnen und Ärzte erkennen, wer das Medikament bekommt und wer das Placebo, dann verfälscht das die Ergebnisse.

Verschreibung von Ritalin & Co. gut abwägen

Aufgrund der Ergebnisse ihrer Metastudie empfehlen die Forscher den Ärzten, bei der Verschreibung von Methylphenidat sehr vorsichtig zu sein. Sie sollten die schlechte Qualität der Daten berücksichtigen, die Behandlung sehr sorgfältig überwachen und die Vorteile und Risiken gut abwägen.

ADHS-Betroffenen raten die Wissenschaftler allerdings dringend davon ab, Ritalin nun eigenmächtig abzusetzen. Bevor sie einen solchen Schritt tun, sollten Patienten und ihre Eltern dies unbedingt mit ihrem Arzt besprechen.

Es könne auch gute klinische Gründe geben, eine solche Behandlung fortzusetzen, wenn ein Kind oder Jugendlicher gute Erfahrungen mit Methylphenidat gemacht hat und keine Nebenwirkungen erfährt.

(Cochrane Database of Systematic Reviews, 2015; doi: 10.1002/14651858.CD009885.pub2)

Quelle:

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-19568-2015-11-25.html

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD009885.pub2/abstract;jsessionid=C0148E7D718051EEAC110C1A03556B2C.f03t01

Kommentar & Ergänzung:

Rund um den Einsatz von Ritalin werden heftige Auseinandersetzungen geführt, wobei sich nicht selten ein Pro- und ein Contra-Lager ziemlich unversöhnlich gegenüber stehen.

Wahrscheinlich sind Extrempositionen nicht hilfreich und es spricht viel dafür, ein Medikament wie Ritalin nur in sehr gut begründeten Fällen einzusetzen, aber auch nicht total zu Verteufeln.

Erstaunlich ist aber schon, dass die renommierte Cochrane Collaboration die Datenlage als derart schlecht einstuft und die Langzeitfolgen derart schlecht geklärt sind. Das ist eine ziemlich harte Kritik.

Es gibt ja immer wieder einmal Kritik an den wissenschaftlichen Belegen zur Wirksamkeit von Heilpflanzen und wer sich mit Phytotherapie befasst, sollte sich damit auseinandersetzen.

Aber wie das Beispiel Ritalin zeigt, gibt es auch scheinbar etablierte synthetische Medikamente, bei denen die wissenschaftlichen Belege durchaus fragwürdig sind.

ADHS ist aber auch ein schwieriges Thema – mit einem Dschungel von Ratschlägen, deren Qualität oft nur schwer zu durchschauen ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

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Palliativmedizin: Cannabinoide gegen Appetitlosigkeit, Übelkeit und Schmerzen

Wenn schwerkranke Menschen an Appetitlosigkeit, Übelkeit und Schmerzen leiden, können Cannabinoide hilfreich in der Palliativtherapie sein.

Lebensqualität sei das herausragende Ziel für Menschen am Lebensende, sagte Professor Dr. Andreas S. Lübbe von der Palliativstation in Bad Lippspringe beim Münchner Fachpresse-Workshop Supportivtherapie.

Starke Schmerzen, Appetitlosigkeit (Anorexie), Fatigue, Erbrechen und Übelkeit belasten zahlreiche Kranke enorm – und auch ihre Angehörigen.

Wenn Patientinnen oder Patienten nicht essen können oder wollen kann das zu starkem Gewichtsverlust und zu krankhafter, starker Abmagerung (Kachexie) führen.

Cannabis kann unter anderem den Appetit anregen. Dronabinol-Tropfen enthalten THC und können deshalb Appetit und Geschmackserleben anregen und Übelkeit vermindern.

Lübbe nannte die Cannabinoide als einen Baustein zur medikamentösen Behandlung der Anorexie (Appetitlosigkeit).

Derzeit gibt es in Deutschland nur ein entsprechendes Fertigarzneimittel auf dem Markt: den Mundspray Sativex® zur Behandlung der mittelschweren bis schweren Spastik bei MS-Patienten.

Eine Alternative dazu bietet die Dronabinol-Rezeptursubstanz, die in Apotheken gemäß NRF-Vorschrift zu öligen Tropfen (25 mg/ml) oder Kapseln (2,5 oder 5 oder 10 mg/Kapsel) verarbeitet werden kann. Informationen zur Rezeptur stellt der Hersteller unter www.bionorica-ethics.de zur Verfügung.

Das Rezepturarzneimittel muss von einem Arzt oder einer Ärztin auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet werden.

Als Indikationen für Dronabinol gelten unter anderem Übelkeit, Erbrechen und Anorexie bei Krebs- oder Aidspatienten sowie Spastizität und Hypersalivation (vermehrter Speichelfluss).

Ebenso gebe es eine hohe Evidenz bei Patienten mit Kachexie-Syndrom, sagte Lübbe. Dronabinol könne Appetit und Geschmackserleben anregen und Übelkeit mildern.

Appetitanregung und Muskelrelaxation sind laut Hersteller die Hauptwirkungen von Dronabinol.

Weniger ausgeprägt sind die Effekte gegen Übelkeit und Erbrechen, gegen Schmerzen und Angst, sowie die beruhigenden und entzündungswidrigen Wirkungen.

Dronabinol kommt darüber hinaus zur Anwendung bei Schmerzen anstelle von oder ergänzend zu Opioiden. Lübbe hält dies vor allem für sinnvoll, wenn Patienten an weiteren Symptomen leiden, gegen die Cannabinoide wirksam sind. Als Beispiele erwähnte er Übelkeit, Anorexie, Spastizität, Hypersalivation und Schlafstörungen.

Zur Appetitstimulation sollte man mit einer tiefen Dosis anfangen und langsam auftitrieren. Das bedeutet: Zu Beginn zweimal täglich einen bis drei Tropfen der öligen Lösung (0,83 bis 2,5 mg) geben und alle drei Tage steigern. Lübbe sagte, dass die meisten Patienten nicht mehr als 10 mg pro Tag brauchen.

Höhere Dosierungen kommen in der Regel zur Anwendung bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen sowie zur Schmerzbehandlung.

Als unerwünschte Wirkungen können typischerweise auftreten: Schwindel (mehr als 10 Prozent der Patienten) sowie Müdigkeit, Amnesie, Dysarthrie (Sprechstörungen) und affektive Störungen.

Kontraindikationen für Dronabinol sind psychiatrische Erkrankungen wie Psychosen, Panikattacken oder Depression sowie Krampfanfälle und Epilepsie in der Anamnese.

Lübbe hält Cannabinoide für eine Bereicherung in der Palliativmedizin und verlangte »mehr Mut zum Einsatz«.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=57248

Kommentar & Ergänzung:

Weitere Informationen zu Dronabinol, Sativa-Öl und Sativex finden Sie hier:

Dronabinol / THC vermindert Dickdarmbewegungen bei Reizdarmpatienten

Cannabis-Medikamente bereichern Schmerztherapie und Palliativmedizin / Palliative Care

Neues Cannabismedikament in der Schweiz (Sativa-Öl)

Cannabis für Patienten in der Schweiz legal erehältlich (Dronabinol / Cannabistinktur)

Cannabis-Wirkstoffe neben THC zunehmend auch Cannabidiol (CBD) im Fokus

Cannabis-Kapseln besser wirksam als ein Joint

 

Cannabis-Wirkstoff gegen Epilepsie erforscht

Cannabis als Heilmittel – Zulassung für Sativex-Spray in Deutschland

Cannabis als Heilpflanze – es tut sich was

Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie begrüsst erleichterte Zulassung für Cannabis-Medikamente

 

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Cannabis-Wirkstoffe: Neben THC zunehmend auch Cannabidiol (CBD) im Fokus

„Die Presse“ in Österreich publizierte vor kurzem einen Artikel von Stephan Müller zur medizinischen Anwendung von Cannabis.
Dabei wird als Cannabis-Wirkstoff interessanterweise nicht wie meist üblich das THC ins Zentrum gerückt, sondern das Cannabidiol (CBD).
Tetrahydrocannabinol (THC) wird immer wieder als Hauptwirkstoff der Cannabispflanze dargestellt. Cannabis enthält aber 66 verschiedene Cannabinoide mit unterschiedlicher Wirkung.
Bei THC ist der therapeutische Einsatz in manchen Situationen schwierig durch den berauschenden Effekt. Zudem erreichen nicht alle Patientinnen und Patienten mit einem reinen THC-Präparat – in der Schweiz als Dronabinol im Handel – ein befriedigendes Behandlungsergebnis.
Im Gegensatz zu THC entwickelt CBD keine Rauschwirkung.
Im Gegenteil: CBD soll gemäss neueren Studien den Rauscheffekt des THC’s neutralisieren oder zumindestens abschwächen. Darüber hinaus soll es auch eine krebs- und entzündungshemmende Wirkung haben. Schon länger bekannt sei dessen entkrampfende, angstlösende und Übelkeit lindernde Wirkung. Außerdem sei CBD wenig toxisch und nebenwirkungsarm, betont der Pharmazeut Rudolf Brenneisen, Spezialist für Cannabis an der Universität Bern.
Lange hat sich die Forschung rund um die Anwendung von Cannabis in der Medizin laut Brenneisen hauptsächlich auf den Wirkstoff THC konzentriert. Cannabinoide wurden bisher vor allem gegen neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Epilepsie, gegen die Nebenwirkungen von Chemotherapien oder gegen chronische Schmerzen eingesetzt. Die Entdeckung des CBD und dessen Wirkkraft verlieh der Cannabisforschung international neuen Schwung, sagt Brenneisen. Für das natürliche Heilmittel Cannabis eröffnen sich dadurch immer neue Forschungsansätze, zum Beispiel die Anwendung bei Brustkrebs oder Psychosen. Medizinalcannabis hat in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen.
Eine Folge dieser Cannabis-Forschung ist die Einführung von Sativex – ein Medikament mit einer Kombination von THC und CBD, zur Linderung von Schmerzen und Beschwerden bei Multipler Sklerose beitragen kann.
Trotz dieser Fortschritte bei der Zulassung von Cannabis-Medikamenten wünscht sich Cannabisspezialist Brenneisen endlich eine „Entkriminalisierung, vielleicht sogar die partielle Legalisierung von Konsum und Handel“. Denn der Einsatz von natürlichen Cannabinoiden, die unter kontrollierten Bedingungen hergestellt werden, sei für die medizinische Verwendung geeignet. Zumal es auch zahlreiche Patienten gebe, die gezielt danach fragten, hauptsächlich im Bereich Krebs.
Quelle:
http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/1556828/Cannabis-wird-als-Heilpflanze-salonfaehig?_vl_backlink=/home/leben/gesundheit/index.do
Kommentar & Ergänzung:
Zu Sativex siehe:
Zu Dronabinol:
Wikipedia schreibt zur Pharmakologie von  Cannabidiol:
„Cannabidiol bindet an die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 agonistisch, jedoch kann es deren Aktivität über einen ungeklärten Mechanismus auch blockieren. Es wirkt jedoch als Antagonist an dem G-Protein gekoppeltem Rezeptor GPR55, dessen physiologische Rolle noch nicht geklärt ist.
CBD wird als Spasmolytikum bei multipler Sklerose eingesetzt. CBD wirkt immunsupprimierend und wird zur Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen verwendet. Eine Verwendung bei affektiven Störungen wird untersucht. CBD ist Bestandteil des arzneilich genutzten Hanfextrakts Nabiximols.“
Der Artikel in der „Presse“ spricht auch eine mögliche krebshemmende Wirkung von Cannabidiol an und erwähnt als Beispiel den Brustkrebs. Cannabidiol und andere Cannabinoide stehen immer wieder im Fokus der Forschung und tauchen in diesem Zusammenhang in Medienberichten auf. CBD soll beispielsweise bei Brustkrebs, Prostatakrebs, Gehirntumor und Leukämie wirksam sein und Krebszellen töten.
Natürlich ist es zu begrüssen, wenn THC, Cannabidiol und andere Cannabinoide erforscht werden. Die Meldungen darüber sind aber oft fragwürdig. So basieren die Meldungen über krebshemmende Wirkungen von Cannabidiol überwiegend auf Laborversuchen mit isolierten Zellen, teilweise auf Tierversuchen und nur in sehr geringem Mass auf Untersuchungen an Menschen. Daraus eine Meldung wie beispielsweise „Cannabidiol wirksam gegen Prostatakrebs“ zu basteln ist einfach nicht zulässig. Im Labor lassen sich isolierte Zellen verhältnisweise einfach zerstören. Ob aber aus solchen Erkenntnissen ein wirksames Medikament gegen Tumorerkrankungen entwickelt werden kann, ist in den meisten Fällen noch eine ganz und gar offene Frage – und braucht in der Regel auf jeden Fall viel Zeit.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Cannabis-Wirkstoff THC lindert Appetitlosigkeit während Tumortherapie

Tetrahydrocannabinol, der rauschauslösende Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, der beim Konsum von Cannabis die berühmten Essanfälle bewirkt, könnte einer Studie zufolge auch in der Krebsbehandlung hilfreich sein. Tetrahydrocannabinol (THC) kann den Appetit von Krebspatienten anregen, wie die Studie zeigte.

Eine Krebserkrankung oder die damit einhergehende Therapie führe häufig dazu, dass der Patient keinen Appetit mehr habe und zu wenig esse, schreibt Wendy Wismer von der kanadischen Universität Alberta in der Studie. “Lange Zeit hat man gedacht, dass man nichts dagegen tun kann.” Eine erste Vergleichsstudie habe jetzt jedoch gezeigt, dass der im Cannabis enthaltene Wirkstoff THC auch den Appetit von Krebspatienten steigere.

Die Forscher aus der kanadischen Provinz Alberta untersuchten die Wirkung von THC an 21 Patienten, die wegen eines fortgeschrittenen Tumors mit einer Chemotherapie behandelt worden waren. Wie die Wissenschaftler berichteten, gaben sie einem Teil der Versuchsgruppe 18 Tage lang Tabletten mit Tetrahydrocannabinol, die anderen Patienten erhielten eine gleich aussehende Pille ohne Wirkstoffe. Bei der Auswertung berichteten 73 Prozent der Cannabis-Patienten, sie hätten ihr Essen wieder lieber gemocht, und 55 Prozent erklärten, das Essen schmecke ihnen auch besser. In der Vergleichsgruppe ohne THC sagten dies nur 30 beziehungsweise zehn Prozent der Probanden. Die Tumorpatienten in der “echten” Gruppe gaben darüber hinaus an, dass sie durch das THC entspannter seien und besser schliefen.

Bis anhin sei Krebspatienten häufig empfohlen worden, sie sollten sich an möglichst neutrales, farbloses und kaltes Essen halten, wenn sie den Geruch oder den Geschmack von Speisen nach einer Chemotherapie nicht aushielten, schildert Wismer. Die Ärzte sollten stattdessen über eine Behandlung mit dem Cannabis-Wirkstoff nachdenken, um ihre Patienten bei der anstrengenden und kräftezehrenden Krebstherapie zum Essen anzuregen, riet die Forscherin. Alle Studienteilnehmer hätten die Tabletten gut vertragen, Nebenwirkungen seien keine aufgetreten. Publiziert wird die Studie in den “Annals of Oncology”, der Fachzeitschrift der European Society for Medical Oncology in der Schweiz.

Quelle:

http://de.news.yahoo.com/2/20110223/twl-cannabis-wirkstoff-appetitfoerdernd-d044675.html

Kommentar & Ergänzung:

Cannabis gehört zu den Heilpflanzen, bei denen sowohl Risiken als auch Chancen sehr genau im Auge behalten werden müssen.

Zu den Risiken zählt offenbar eine erhöhte Anfälligkeit für Psychosen.

Siehe dazu:

Cannabis & Psychose

Cannabis &  Psychoserisiko

Cannabis – Psychoserisiko nicht unterschätzen

Heikel scheint in diesem Zusammenhang vor allem frühzeitiger Cannabis-Konsum im Jugendalter und der längerdauernde, intensive, unkontrollierte Konsum.

Es gibt aber Patientinnen und Patienten, die von Cannabis sehr profitieren, und bei solchen genau definierten  Indikationen ist Cannabis eine prüfenswerte  Behandlungsoption.

Erwähnt seien die Linderung von Spastik bei Multipler Sklerose und die Linderung von Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie.

Siehe dazu:

US-Studie: Hasch wirksam gegen Spastik bei Multipler Sklerose

Cannabis-Extrakt hilft bei Multiple Sklerose

Nun scheint also auch die schon lange bekannte günstige Wirkung von Cannabis gegen Appetitlosigkeit bei Chemotherapie durch eine Studie belegt zu sein. Allerdings sind 21 Studienteilnehmer statistisch gesehen nicht gerade eine grosse Zahl, wodurch sich Verzerrungen im Resultat ergeben können.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Baldrian als verträgliche Schlafhilfe für Senioren bestätigt

Weil die Menschen in Europa immer älter werden, bekommen Medikamente in ihrem Leben eine immer wichtigere Rolle. Wie wichtig, belegt die Statistik: In Deutschland nimmt jeder Kassenpatient über 60 Jahre im Durchschnitt drei Arzneimittel pro Tag ein! Das Problematische dabei: Zahlreiche dieser Medikamente sind ausgerechnet bei älteren Menschen mit Nebenwirkungen und sogar gefährlichen Risiken verbunden. Eine Arbeitsgruppe um die Wuppertaler Pharmakologin Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann hat jetzt zum ersten Mal eine für Deutschland gültige Liste von Arzneistoffen erstellt, die bei älteren Menschen wenn möglich vermieden werden sollten.

Die soeben publizierte PRISCUS-Liste (Dtsch.Arztebl. Int. 2010; 107(31-32): 543-51, www.priscus.net) liest sich wie ein Katalog der am häufigsten verordneten synthetischen Medikamente. 83 Arzneimittel haben die an der Beurteilung mitwirkenden 38 Experten aus acht verschiedenen Fachrichtungen als für ältere Menschen „potentiell inadäquate Medikamente“(PIM) eingestuft. Dazu zählen die in Deutschland besonders oft verordneten Schlaf- und Beruhigungsmittel Benzodiazepine, Z-Substanzen, Chloralhydrat und Diphenhydramin. Sie gefährden die Alltagssicherheit und das Reaktionsvermögen und sind eine häufige Ursache von schweren Stürzen. Benzodiazepine beispielsweise steigern das Risiko von Knochenbrüchen bei älteren Patienten um 50 bis 110 Prozent! Gefürchtet sind jedoch auch ihre unerwünschten Wirkungen auf die Psyche: Sie reichen von paradoxen Reaktionen wie Unruhe und Reizbarkeit bis hin zu Depressionen und Psychosen.

Als eine der wenigen therapeutischen Alternativen, welche ohne unangemessene Risiken auch bei älteren Patienten angewendet werden können, nennt die PRISCUS-Liste pflanzliche Arzneimittel mit Baldrian. Die beruhigende und Schlaf anstoßende Wirkung von Baldrian-Extrakten ist in randomisierten und kontrollierten wissenschaftlichen Studien gut dokumentiert. In keiner dieser Untersuchungen zeigte sich ein Hinweis auf eine Verschlechterung der Konzentration, der Reaktionsgeschwindigkeit, der Wahrnehmung oder der Wachheit. Eine Erhöhung der Sturzgefahr muss nach Einnahme von Baldrian-Extrakten ebenfalls nicht befürchtet werden. Weil Baldrian-Extrakt den Schlafrhythmus nicht störet und nicht abhängig machen, können diese Heilpflanzen-Präparate im Gegensatz zu Benzodiazepinen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Quelle:

www.phytotherapie-komitee.de    KFN 14/2010 – 19.08.2010

Kommentar & Ergänzung:

Die erhöhte Sturzgefahr bei älteren Menschen durch Schlafmittel oder Beruhigungsmittel sind ein ernsthaftes Problem. Heilpflanzen-Präparate auf der Basis von Baldrian-Extrakt, eventuell in Kombination mit Hopfen-Extrakt, Melissen-Extrakt oder Passionsblumen-Extrakt,  sind in vielen Fällen eine sichere und empfehlenswerte Alternative.

Zu beachten ist dabei aber:

Um das Potenzial von Baldrian optimal zu nutzen, scheint die Einnahme über längere Zeit sinnvoll zu sein, darauf deuten jedenfalls klinische Studien hin.

Die Qualität der Baldrian-Zubereitungen ist sehr unterschiedlich. Gut mit Patienten-Studien belegt sind die beruhigenden und schlafanstossenden Wirkungen nur für eine kleine Zahl von Baldrian-Präparaten auf der Grundlage von Trockenextrakten.

Baldriantinktur muss ausreichend stark dosiert werden. Die Dosierung ist abhängig von der Herstellungsweise der jeweiligen Tinktur: Frischpflanzentinkturen zum Beispiel enthalten in der Regel geringere Wirkstoffmengen als Tinkturen nach Arzneibuch aus getrockneten Baldrianwurzeln und müssen daher höher dosiert werden. Für die heute oft propagierten Tiefstdosierungen von zum Beispiel 3 mal täglich 3 – 5 Tropfen Baldriantinktur gibt es keinerlei Hinweise auf eine Wirkung, die über Placebo hinaus geht. Diese Tiefstdosierungs-Empfehlungen gehen zurück auf einen Hersteller von Pflanzentinkturen, der seine Produkte für 10mal wirksamer hält als vergleichbare Produkte der Konkurrenz. Sieht nach Selbstüberschätzung aus.

Es gibt jedenfalls meines Erachtens keine auch nur ansatzweise überzeugenden Argumente für die Richtigkeit dieser Behauptung und damit für die Tiefstdosierungen. Konsumentinnen und Konsumenten sollten daher wachsam und kritisch bleiben, damit sie nicht Naturheilmittel mit stolzem Preis aber fragwürdiger Qualität kaufen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie in der Psychiatrie – Weiterbildung und Kurse für die Pflege in Winterthur

Phytotherapie im Sinne einer fundierten, professionellen Anwendung von Heilpflanzen findet zunehmende Akzeptanz in der Psychiatrie:

“Die Phytotherapie erfreut sich grosser Beliebtheit. Patienten
verlangen mehr und mehr natürliche Behandlungsalterna-
tiven für ihre Beschwerden. Das gilt besonders im Bereich
von Psychiatrie und Psychotherapie, wo Arzneipflanzen eine
wichtige Rolle spielen können, als erster therapeutischer
Ansatz bei leichten Beschwerden oder als adjuvante Thera-
pie.”

Das schreiben Prof. Matthias Hamburger, Pharmazeutische Biologie Universität Basel, und Dr. med. Andrea Jakobitsch, prakt. Ärztin und FMH Psychiatrie/Psychotherapie. Gefunden habe ich diese Aussage in einer Einladung zur Weiterbildung im Botanischen Garten Brüglingen (Basel). Ziel der Veranstaltung war es, mittels Referat und Führung im Kräutergarten den Ärztinnen und Ärzten Wissen zu vermitteln über Heilpflanzen, die im Bereich der Psyche eine Wirkung entfalten.

Auch die phytotherapeutische Fachliteratur hat sich schon seit längerem intensiv mit der Anwendung von Heilpflanzen-Präparaten in der Psychiatrie auseinandergesetzt.
So schreibt beispielsweise Prof. Dr. Volker Fintelmann im “Lehrbuch der Phytotherapie” (2006):

“Ein als sensationell empfundener Durchbruch in der modernen Pharmakotherapie war die Entwicklung völlig neuartiger Psychopharmaka, besonders der Tranquilizer, aber auch der Neuroleptika und der trizyklischen Antidepressiva. Die gesamte Therapie psychiatrischer Krankheitsbilder wurde durch diese Arzneimittel revolutioniert. So verwundert es nicht, dass traditionelle Phytotherapeutika vom Typ des Baldrians oder des Hopfens oder auch die stark wirksamen Arzneimittel aus dem Opium immer mehr in den Hintergrund gedrängt und bestenfalls als plazeboartige Medikamente eingeordnet und belächelt wurden. Inzwischen ist die Euphorie über die Wirkungen moderner Psychopharmaka einer wesentlich sachlicheren Denkweise gewichen, wozu auch kritische Bewertungen in der Fach- und Laienpresse beigetragen haben. Heute wendet man sich vorsichtig wieder den “alten” Phytotherapeutika zu, die teilweise in wesentlich besserer Galenik als Fertigarzneimittel ihre Wirksamkeit auch unter den Bedingungen kontrollierter Studien erwiesen haben….Der grosse Nachteil moderner, synthetischer Psychopharmaka besteht vor allem in Gewöhnung und Abhängigkeit, die auch zur Sucht führen können. Das plötzliche Absetzen einer Langzeittherapie beispielsweise mit Tranquilizern führt zu schweren Entzugserscheinungen bis hin zu psychotischen Zuständen. Auch wurde man im Zusammenhang mit der Langzeiteinnahme auf auffällige Persönlichkeitsveränderungen aufmerksam.
Manche dieser Medikamente werden auch als Ersatzdrogen auf dem Drogenmarkt gehandelt. Gerade bei den nervösen und psychogenen Erkrankungen oder Befindensstörungen wird immer wieder beobachtet, dass pflanzliche Mittel viel eher regulierend als verdrängend oder betäubend wirken. Körpereigene Funktionen werden geordnet, Selbstheilungskräfte angeregt. Man wird fast immer – mit Ausnahme ganz besonderer Persönlichkeitsstrukturen – eine auch über längere Zeit mit bis in die Psyche hinein wirksamen Phytotherapeutika durchgeführte Behandlung absetzen können, wenn die Symptomatik des Behandelten eine weitere Einnahme nicht mehr notwendig macht, ohne dass es zu entsprechenden Entzugserscheinungen kommt. Hierin liegt der eindeutige Vorteil gegenüber den synthetischen Psychopharmaka. Allerdings sind die pflanzlichen Arzneimittel fast nie als Akutmittel einsetzbar, und es existieren keine echten pflanzlichen Hypnotika oder Narkotika, sieht man vom Opium ab.”

Fintelmann spricht sich für eine abwägende, nicht dogmatisch festgelegte Haltung aus, bei welcher aus der jeweiligen Situation des Patienten heraus zu entscheiden ist, ob ein synthetisches oder ein phytotherapeutisches Arzneimittel passender ist. Diese auf beide Seiten hin offene Haltung entspricht meines Erachtens sehr den Voraussetzungen, wie sie in der Psychiatrie gegeben sind. Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Kliniken profitieren, wenn ihnen beide Optionen offen stehen, und wenn sie sich selber auch auf die jeweils angemessenere Option einlassen können.
Das heisst aber auch, dass sich eine differenzierte Haltung gegen Dogmatismus auf beiden Seiten wenden muss.
Es gibt eine dogmatische Nicht-Anerkennung bei manchen MedizinerInnen. Sie sind nicht bereit zu sehen, dass es inzwischen eine ganze Anzahl von gut belegten Phytopharmaka gibt, die in gewissen Situationen eine gute Wahl sein könnten.
Und es gibt dogmatische Haltungen bei manchen Leuten aus dem Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin, die alle synthetischen Psychopharmaka verteufeln und damit meines Erachtens die Realität vieler psychiatrischer Erkrankungen völlig verkennen.
Es geht aber – ganz im Sinne von Fintelmann – nicht um Entweder-Oder, sondern um diejenige Variante, die der individuellen Situation des kranken Menschen am besten gerecht wird.

Fintelmann schreibt weiter:

“Dabei kann davon ausgegangen werden, dass für akute Befindensstörungen die Synthetika besser geeignet sind, für die Langzeitanwendung dagegen Phytotherapeutika grosse Vorteile bieten. Die Prämedikation für operative oder diagnostische Eingriffe wäre heute ohne die Möglichkeit synthetischer Psychopharmaka überhaupt nicht denkbar. Das Gleiche gilt auch für die Behandlung echter Psychosen. Bei den vielfältigen Angst- und Unruhezuständen, den immer häufigeren reaktiven depressiven Verstimmungszuständen oder den vielfältigen vegetativen Dysregulationen sind jedoch die Phytotherapeutika Mittel der ersten Wahl.”

Die Aussagen von Hamburger/Jakobitsch und Fintelmann zeigen meiner Ansicht nach deutlich, dass es sinnvoll ist, wenn die Phytotherapie in der Psychiatrie einen professionellen Platz bekommt.
Dabei geht es aber nicht nur um die Behandlung von psychischen Leiden im engeren Sinn. Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Kliniken erkranken ja auch an Erkältungen, Blasenentzündungen, Ekzemen, Herzschwäche, Prostatabeschwerden, Wunden, Arthrose etc. – an allem, was Menschen an Krankheiten halt haben können. Und gerade Menschen in den psychiatrischen Kliniken, die oft nicht ohne starke Medikamente auskommen, sind dann dankbar, wenn sie für andere Beschwerden eine “sanfte” Therapie erhalten können.

Phytotherapie in der Psychiatrie für die Pflege – Weiterbildung in Winterthur

Bei der Umsetzung von Phytotherapie in die Psychiatrie können Pflegepersonen eine wichtige Rolle spielen. Es ist klar, dass psychiatrische Erkrankungen fachärztliche Behandlung brauchen. Doch es sind Pflegepersonen, die näher und konstanter bei den Patientinnen und Patienten sind. Das prädestiniert Pflegende zur Umsetzung von Phytotherapie-Angeboten in den Kliniken. Voraussetzung ist aber, dass die Pflegenden sich das nötige Wissen in einer fundierten Phytotherapie-Ausbildung angeeignet haben.

Qualitätssicherung nötig

Wenn nun zunehmend und erfreulicherweise Phytotherapie in die Psychiatrie einfliesst, sollte aber die Qualitätssicherung nicht aus den Augen verloren werden. Neben einer fundierten Ausbildung braucht es dazu auch entsprechende Konzepte. Und weil es im Bereich der Pflanzenheilkunde sehr grosse Qualitätsunterschiede gibt, braucht es Heilpflanzen-Präparate mit gut dokumentierter, belegter Wirksamkeit. Wenn Kliniken nun damit beginnen, Pflanzentinkturen in Dosierungen von 3 mal täglich 3 Tropfen zu verabreichen, so ist das hoch fragwürdig. Diese Dosierungen liegen sehr weit unter den Empfehlungen phytotherapeutischer Fachgremien und es gibt keinerlei Belege dafür, dass die Wirkung über einen Placebo-Effekt hinausgeht. Blind den Versprechungen des Herstellers glauben reicht einfach nicht.
Wenn Kliniken solche Pseudotherapien anbieten fragt es sich, ob sie sich damit nicht einfach aus kommerziellen Gründen ein “grünes” Mäntelchen umlegen.
Nun kann man natürlich einwenden, dass auch ein Placebo-Effekt für die Patientinnen und Patienten nützlich ist – und das stimmt zweifellos. Ziel jeder Behandlung müsste aber sein, über den bei jeder Behandlung vorhandenen Placebo-Effekt hinaus eine Wirkung mit den Medikament selber zu erreichen. Dieses “Mehr” muss dokumentiert sein und nicht nur mit schönen Geschichten beschworen werden. Placebo können sehr eindrückliche Wirkungen zeigen, doch ist eine reine Placebo-Therapie oft ethisch fragwürdig und bewegt sich nicht selten am Rande des Betruges.
Psychiatrie-Patientinnen und -Patienten haben ein Recht auf Phytopharmaka mit belegter Wirksamkeit oder dann mindestens in Dosierungen, die den Empfehlungen der Fachgremien entsprechen.

Das zitierte Buch von Fintelmann/Weiss “Lehrbuch der Phytotherapie” finden Sie im Buchshop in der Abteilung Phytotherapie-Fachbücher.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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