Beiträge

Was ist Oscillococcinum®?

Oscillococcinum ist ein Homöopathikum, das häufig zur Vorbeugung und Behandlung von Grippe und grippalen Infekten empfohlen wird. In homöopathischen Praxen, aber auch in manchen Apotheken, wird das Präparat auch als homöopathische Grippeimpfung propagiert.

Oscillococcinum wird von der französischen Pharmafirma Boiron produziert, einem der weltweit grössten Hersteller von Homöopathika. Für das Jahr 2009 gab Boiron einen weltweiten Umsatz von 526 Millionen Euro an und einen Gewinn von 91 Millionen Euro.

Zur Entstehungsgeschichte von Oscillococcinum®

Oscillococcinum geht auf den französischen Arzt Joseph Roy zurück, der während des Ersten Weltkriegs als Lazarettarzt arbeitete. Er glaubte, in Ausscheidungen von Opfern der Spanischen Grippe in seinem Mikroskop Bakterien beobachtet zu haben, die er für die Erreger der Grippe hielt. Roy beschrieb kugelförmige Gebilde verschiedener Größe, die rasche, schwingende Bewegungen machten und die er für Mikroben hielt. Aus diesem Grund nannte er seine Entdeckung Oszillokokken – schwingende Bakterien. Später meinte er, sie auch noch im Blut und den Tumoren von Krebspatienten entdeckt zu haben. Da Roy diese „ Oszillokokken“ besonders häufig in der Leber von Enten zu finden glaubte, wird Oscillococcinum konsequenterweise aus Entenleber und Entenherz hergestellt.

Im homöopathischen Fachjargon heisst das dann Anas barbariae hepatis et cordis extractum 200 K.

Biologisch ist der Artname falsch, weil eigentlich die Moschusente Cairina moschata (frz. Canard de Barbarie) gemeint ist, die zur Gattung Cairina und nicht Anas gehört.

Bestandteile der Entenorgane sind – zur Beruhigung der Veganer  –  im fertigen Homöopathikum wegen der hochgradigen Verdünnung mit keinem einzigen Molekül mehr enthalten: 200 K ( K= nach Korsakow) entspricht einer Potenz von C200, also einer Verdünnung von 1 : 10400.

Es lässt sich im Nachhinein nicht klären, was genau Roy in seinem Mikroskop beobachtet hatte. In der Zwischenzeit wurde jedoch klar, dass weder Krebs noch die Grippe noch eine der anderen Krankheiten, für die Roy seine Oszillokokken als Verursacher vermutete, überhaupt durch Bakterien ausgelöst werden. Grippe wird durch Viren verursacht, die bedeutend kleiner als Bakterien sind. In einem optischen Mikroskop, wie es Roy zur Verfügung stand, lassen sich Grippeviren nicht beobachten. Erst um das Jahr 1930 herum gelang die Darstellung von Viren mit Hilfe der Elektronenmikroskopie.

Roys Beobachtungen konnten von keinem anderen Mikrobiologen bestätigt werden.

Zudem ist bis heute kein Bakterium bekannt, das in Entenleber zu finden ist und Grippe bewirken kann. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass Roy in seinem Mikroskop Luftbläschen beobachtete, deren Zittern durch die thermische Brown’sche Molekularbewegung verursacht wurde.

Da die Ausgangssubstanz „Entenleber & Entenherz“ nichts enthält, was eine Grippe oder vergleichbare Symptome wie eine Grippe auslösen könnte, kann das durch Prüfung am Gesunden nach homöopathischen Regeln erstellte Arzneimittelbild für Oscillococcinum® auch nicht auf die Anwendung bei Grippe passen. Das Präparat widerspricht somit sogar den Prinzipien der Homöopathie.

Wie ein Arzneimittelbild aus der Arzneimittelprüfung am Gesunden entsteht, wird in diesem Blog-Beitrag beschrieben:

Homöopathie-Forschung: Arzneimittelprüfung mit Okoubaka

Nun wird Oscillococcinum® aber oft auch als Vorbeugung gegen Grippe empfohlen, nicht selten sogar im Sinne einer alternativen Grippeimpfung. Das Prinzip der Vorbeugung und das Prinzip der Impfung stehen jedoch in fundamentalem Widerspruch zum Homöopathie-Modell, wie es der Gründer Samuel Hahnemann (1755 – 1843) postuliert hat.

Dieses heute noch zum Kernbestand der Homöopathie gehörende Modell setzt eine vorhandene, akute Krankheit voraus. Hahnemann war der Auffassung, dass von der “Krankheit”, der “verstimmten geistigen Lebenskraft”, die Summe der äußerlich sichtbaren Symptome zu wissen sei. Seines Heilmethode ist dann die Suche nach dem Mittel, das der “verstimmten geistigen Lebenskraft” exakt entgegenwirken möge (§§ 17 und 18 des Organon). Beim gesunden Menschen, der einer Grippe vorbeugen oder sich homöopathisch “impfen” lassen möchte,  ist diesbezüglich aber gar nichts verstimmt. Eine homöopathische “Impfung” kann hier also auch nichts bewirken. Detaillierter beschrieben werden diese Zusammenhänge in einem Beitrag auf dem Portal Netzwerk-Homöopathie:

“Homöopathische Impfungen” – gibt es das?

Schon die Entwicklungsgeschichte von Oscillococcinum® ist also ausgesprochen fragwürdig. Sie basiert auf einer ganzen Reihe von krassen und zum Teil zeitbedingten Irrtümern. Würden die Käuferinnen und Käufer dieses Produktes die Entwicklungsgeschichte kennen, würden wohl einige von ihnen den Kaufentscheid überdenken. Aber Transparenz beim Endverbraucher zu schaffen scheint nicht im Interesse des Herstellers und der Apotheken.

Zur Herstellung von Oscillococcinum®

Norbert Aust weist in seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ eindrücklich nach, dass Oscillococcinum® gar nicht so hergestellt werden kann, wie es auf der Packung steht:

„Oscillococcinum ist ein homöopathisches Präparat aus dem Extrakt von Leber und Herz einer bestimmten Entenart, das in der Potenz K200 angeboten wird. Dabei handelt es sich um eine Korsakoff-Potenz, die in Verdünnungsschritten 1:100 in einem speziellen vereinfachten Verfahren hergestellt wird. Sie entspricht somit einer Verdünnung von 1:10^400. Die letztere Zahl ist eine Eins mit 400 Nullen und mit keiner Anschauung der Welt plausibel zu machen. Die Anzahl der Atome im Universum beträgt nur etwa 10^80. Wenn auch nur eine einzige Ente je auf Erden verschieden wäre und sich ihr Herz und ihre Leber nach der Zersetzung im gesamten Wasservorrat der Erde verteilt hätte, entspräche das einer Verdünnung von vielleicht D23. Folge: K200 entsprechend D400 ist nicht herstellbar, weil man kein Wasser zur Verfügung haben kann, das hinreichend wenig (!) Entenleber enthält. Selbst wenn es im gesamten Universum nur ein einziges ‚Entenleberwirkstoffmolekül‘ gäbe, wäre dies nur eine Potenz von etwa K39 oder K40, je nach Größe dieses Moleküls.“

Zur Studienlage betreffend Oscillococcinum®

Boiron hat mit Oscillococcinum® einige Studien durchgeführt. Die unabhängige Cochrane Collaboration hat die Studien in einer Metaanalyse analysiert und kommt zum Schluss, dass die vorliegenden Studiendaten die Anwendung nicht unterstützen.

Auch die Homöopathie-nahe Carstens-Stiftung hält es für zweifelhaft, „dass Oscillococcinum® bei grippalen Effekten über Placeboeffekte hinaus wirkt.“

Eine detaillierte Darstellung der Studienlage mit Quellenangaben gibt’s hier bei Homöopedia:

Studienlage zu Oscillococcinum®

In den USA wurde Boiron mittels Sammelklage wegen irreführender Werbung angeklagt, strebte vor Gericht einen Vergleich an und zahlte fünf Millionen US-Dollar an unzufriedene Kunden zurück, um ein Urteil zu vermeiden.

In der Schweiz warnte die Arzneimittelbehörde Swissmedic schon 2011 in einem Newsletter, dass Oscillococcinum® selbst von Fachpersonen vermehrt zur homöopathischen Grippeimpfung empfohlen wurde. Swissmedic bezeichnete solche Empfehlungen als irreführend und für Risikopersonen gesundheitsgefährdend.

Im Jahr 2011 versuchte Boiron, einen italienischen Blogger mit Drohbrief und Klageandrohung einzuschüchtern, weil er sich kritisch zu Oscillococcinum® geäussert hatte.

Das Präparat ist also insgesamt fragwürdig. Und noch fragwürdiger ist, dass manche Apotheken ein solches Präparat aktiv verkaufen.

Wer heilt hat Recht?

Das wird aber viele Leute nicht davon abhalten, Oscillococcinum® für wirksam zu halten, nach dem Motto: „Mir hilft es halt!“ oder „Wer heilt hat Recht!“.

Siehe dazu: 

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin:Wer heilt hat Recht (2)

Die Erfahrung, dass jemand nach Einnahme von Oscillococcinum® von einer Grippeerkrankung gesund wird, ist durchaus ernst zu nehmen. Die Interpretation dieser Erfahrung, wonach diese Genesung durch die Einnahme von Oscillococcinum® verursacht wurde, lässt sich aber mit sehr guten Gründen in Frage stellen. Grippe und  „grippale Erkrankungen“, bei denen Oscillococcinum®  eingesetzt wird, bessern in der Regel auch von selbst.  Sagt jemand „Mir hilft es halt!“, dann wäre die Person zu fragen, ob sie sicher ist, dass die Erkrankung ohne Oscillococcinum®  länger gedauert hätte. Bejaht die Person die Frage, dann wäre nachzufragen, woher sie das weiss. An dieser Stelle lauert nämlich ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss: Die Gleichzeitigkeit zweier Vorgänge (Gesundwerden &  Oscillococcinum®-Einnahme) wird irrtümlich als Ursache-Folge-Beziehung interpretiert (Gesundwerden wegen Oscillococcinum®-Einnahme).

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der “Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss” als häufige Irrtumsquelle

 

Quellen:

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oscillococcinum

https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Oscillococcinum

https://www.psiram.com/de/index.php/Boiron

http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=844

Mehr kritische Reflexion nötig

Ich bewege mich seit mehr als 40 Jahren im Umfeld von Naturheilkunde / Komplementärmedizin / Alternativmedizin. In dieser Zeit ist mir immer klarer geworden, dass es in diesen Bereichen fundamental an kritischer bzw. selbstkritischer Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Methoden mangelt. Es spielt oft kaum eine Rolle, ob eine Heilungsversprechung wahr ist, wenn sie ins eigene Konzept passt. Das führt nicht selten zur Täuschung und manchmal auch zur Gefährdung von Patientinnen und Patienten.

Weiteres dazu hier:

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

P. S.:

Hier noch ein Hinweis aufgrund meiner Erfahrung, dass ich auf solche Beiträge jeweils ein paar Mails bekomme mit der Frage, wieviel dem Autor als “Pharmaknecht” von der Pharmaindustrie für diesen Artikel bezahlt wurde:

Nein, liebe Verschwörungstheoretiker, dieser Beitrag wurde ohne finanzielle Beteiligung der Pharmaindustrie verfasst.😉

 Zudem weise ich darauf hin, dass auf dieser Website auch kritische Texte zu kritikwürdigen Aspekten der Pharmaindustrie vorhanden sind….

Cannabis als Heilmittel gegen Krebs: Grosse Versprechungen und Erwartungen, aber keine sicheren Belege

Wirkstoffe aus Cannabis sind nicht nur für Kiffer interessant. Sie können auch bei verschiedenen Krankheiten wirksam eingesetzt werden. In letzter Zeit hört man immer wieder, dass Cannabis auch gegen Krebs helfen soll.

„Cannabis soll Polo (71) heilen“, titelte die Boulevard-Zeitung zu einer Cannabis-Behandlung des Mundart-Rockers Polo Hofer, der inzwischen an seinem Lungenkrebs gestorben ist. Als „alternatives Krebsheilmittel“ bezeichnete die „Blick“ Cannabis gar. Das ist sehr reisserisch ausgedrückt, wie es sich für eine wackere Boulevard-Zeitung eben gehört. Siehe dazu:

Cannabis als alternatives Krebsheilmittel

Dass Cannabis sogar gegen den Krebs selber helfen könne, wird immer wieder auch in Internetforen oder in Social-Media-Gruppen behauptet, oft begleitet von  emotionalen Fallberichten.

Derartige „Informationen˝ sprechen Patienten oder deren Angehörige nicht selten stark an – gerade dann, wenn konventionelle Krebstherapien nicht die erhofften Erfolge erzielen und sich die Betroffenen in einer Ausnahmesituation befinden.

Der Frage, ob Cannabis als Krebsheilmittel wirksam ist, ging das Portal Medizin-Transparent in einer Recherche nach.

Die kurze Antwort: wissenschaftliche Belege für eine solche Wirkung am Menschen fehlen.

Experimente mit Zellen und Tieren haben zwar einige viel versprechende Hinweise geliefert. Tetrahydrocannabinol (THC) und weitere Substanzen aus Cannabis können das Wachstum und die Blutgefäßversorgung von Tumoren bremsen – zumindest im Labor bei Zellen und bei Versuchstieren. Dabei bleibt noch zu klären, ob Hanf-Substanzen auch Krebspatienten helfen können und ob eine solche Anwendung sicher wäre.

Für verlässliche Aussagen über eine Anti-Krebs-Wirkung von Cannabis und über die Sicherheitsrisiken beim Menschen fehlt bisher die Grundlage in Form von gut gemachten Studien. Bis auf eine kleine Pilotstudie aus dem Jahr 2002 in Spanien mit neun unheilbar kranken Gehirntumor-Patienten gibt es zur Zeit (noch) keine publizierten Untersuchungen.

Die neun Probanden dieser Studien waren Patienten mit einem Glioblastoma multiforme, also mit einem bösartigen Gehirntumor. Sie waren lebensbedrohlich erkrankt und hatten sich schon diversen Therapien unterzogen.

Patienten mit dieser Krebsform haben leider keine gute Prognose undv können bislang nicht durch Operationen, Bestrahlung oder Chemotherapie geheilt werden. Der Tumor kommt wieder, auch wenn er sich zurückdrängen lässt  – mal früher, mal später.

Das Wissenschaftlerteam schob Röhrchen direkt in den Schädel der Patienten, die am Gehirn operiert worden waren. Über diese Verbindung sollte eine THC-Lösung direkt an die Tumorzellen geleitet werden.

Mit diesen Experimenten wollten die Autoren dieser 2006 veröffentlichten Pilotstudie in erster Linie klären, ob die Verabreichung von THC mit besonderen Risiken verbunden ist. Die Sicherheit stuften die Wissenschaftler dann auch als zufriedenstellend ein.

Die Überlebensdauer der Patienten scheint diese Intervention wohl nicht entscheidend verändert zu haben. Sie starben im Durchschnitt 24 Woche nach dem Start der Tests. Aufgrund des Pilotcharakters der Studie (geringe Probandenzahl, fehlende Verblindung, fehlende Kontrollgruppen) erscheint es allerdings kaum möglich, hier eventuelle Wirkungen verlässlich aufzuspüren und richtig einzuordnen.

Seit der Publikation der Resultate aus dieser Studie im Jahr 2006 sind keine weiteren Untersuchungen von experimentellen Cannabis-Therapien an Krebspatienten zu verzeichnen.

Aus dieser Pilotstudie lassen sich daher keine verlässlichen Aussagen bezüglich einer Wirksamkeit gegen Krebs ziehen

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirkung von Cannabis gegen Krebs beschränken sich daher sehr weitgehend auf Laborbefunde und einzelne Fallberichte, die ebensowenig aussagekräftig sind.

Cannabinoide als charakteristische Inhaltsstoffe von Cannabis sind medizinisch jedoch durchaus interessant, weil sie verschiedene Abläufe im Körper beeinflussen können, zum Beispiel im Immunsystem und im Nervensystem.

Es gibt inzwischen auch einige Medikamente, für die einzelne Cannabis-Wirkstoffe künstlich nachgebildet worden sind. Beim bekanntesten dieser Cannabinoide handelt es sich um Tetrahydrocannabiol, kurz THC.

Cannabis-Tabletten oder Cannabis-Mundsprays werden etwa gegen Muskelverspannungen bei Multipler Sklerose, gegen chronische Schmerzen oder gegen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei HIV/Aids eingesetzt.

Vergleichsweise gut belegt ist auch ein gewisser Nutzen für Patienten mit chronischen Schmerzen. Dies berichteten zum Beispiel die Autoren einer 2015 publizierten Übersichtsarbeit samt Meta-Analyse. Sie haben dazu 79 Cannabis-Studien zu unterschiedlichen Krankheitsbildern mit rund 6500 Teilnehmern ausgewertet.

Auch Krebspatienten bekommen zu therapeutischen Zwecken mit unter Hanf-Wirkstoffe. Diese können zur Linderung von Nebenwirkungen der Krebstherapie beitragen: Cannabinoide helfen mitunter gegen die durch Chemotherapie ausgelöste Übelkeit samt Erbrechen, wenn andere (ältere!) Medikamente nicht wirken.

Zu diesem Schluss kommen jedenfalls die Verfasser einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration. Allerdings sind die Befunde aus dieser Publikation durchaus mit Vorsicht zu genießen – denn die Wissenschaftler haben bei ihrer Auswertung nur ziemlich alte Studien und Medikamente (1980er, 1990er) berücksichtigt.

Die Recherche von Medizin-Transparent hat dementsprechend ergeben:

Es wurden zwar etliche Studien zu Cannabis und Krebs publiziert. Es handelt sich aber dabei weitestgehend um Untersuchungen mit Zellen oder an Tieren (Mäuse, Ratten).

Bei diesen Experimenten zeigte sich, dass Cannabis-Substanzen (wie übrigens zahlreiche andere Substanzen auch) diverse Effekte auf Krebszellen und Tumoren von Tieren zeigen können. Cannabis-Substanzen bewirkten zum Beispiel das Absterben von Krebszellen, verhinderten die Ausbreitung von Krebszellen (Metastasierung), bremsten das Tumorwachstum oder hemmten die Blutversorgung von Tumoren.

Obwohl diese Befunde verheißungsvoll erscheinen mögen, ist es nicht möglich, von diesen präklinischen Studien mit Zellen und Tieren ohne weiteres auf eine günstige Wirkung für den tumorkranken Menschen zu schließen.

Und die erwähnte Untersuchung mit neun unheilbar erkrankten Krebspatienten ist als Pilotstudie nicht geeignet, um Aussagen über die Wirksamkeit von THC gegen Krebs zu treffen.

Daher muss als unbekannt gelten, ob Cannabis eine heilende oder zumindest lindernde Anti-Krebs-Wirkung hat bzw. für welche Krebsformen eine solche Wirkung eventuell denkbar ist.

Offen bleibt auch, ob einzelne Cannabis-Substanzen oder ein Wirkstoffgemisch besser geeignet sein könnten. Des weiteren fehlen verlässliche Informationen zu erforderlicher Dosis oder zu den Risiken bei einer Langzeiteinnahme von Cannabinoiden bei Krebspatienten. Ebenso ist nicht geklärt, wie die Cannabis-Substanzen wohl am besten eingenommen werden sollten – also zum Beispiel in Form von Mundspray, Tabletten oder Tee.

Es gibt also bei diesem Thema gewaltige Wissenslücken.

Medizin-Tansparent kann daher nicht bestätigen, dass einzelne oder mehrere Cannabis-Substanzen wirksame Anti-Krebs-Mittel sind. Die Wissenchaftler können eine positive Wirkung aber auch nicht rigoros ausschließen.

Inzwischen sollen laut Studienregister Clinicaltrials.gov  aber einige Untersuchungen mit menschlichen Probanden laufen. Es gibt offenbar etliche Wissenschaftler, die überprüfen möchten, was Cannabis-Substanzen tatsächlich gegen Krebs und andere Erkrankungen bewirken können.

Quelle

 

Kommentar & Ergänzung:

Naturstoffe werden in grosser Zahl auf eine mögliche Wirksamkeit gegen Krebs untersucht. Viele davon zeigen im Labor auch eine positive Wirkung, indem sie zum Beispiel im Reagenzglas Krebszellen töten können. Solche experimentellen Ergebnisse finden oft rasch den Weg in die Medien und werden manchmal unkritisch und vorschnell als Durchbruch in der Krebsbehandlung herumgereicht.

Dass Krebspatientinnen und Krebspatienten mit ihren verständlichen Hoffnungen auf Heilung auf solche Meldungen ansprechen, ist gut nachvollziehbar.

Krebspatientinnen und Krebspatienten sind aber keine Reaganzgläser. Ein lebendiger Organismus ist um ein Vielfaches komplexer als eine überschaubare experimentelle Laborsituation. Deshalb lassen sich Laborergebnisse nicht einfach die Krebsbehandlung übertragen. Es braucht klinische Studien mit Krebspatientinnen und Krebspatienten, um die Wirksamkeit einer Substanz zu belegen.

Wer über die Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis und anderen Heilpflanzen Bescheid wissen möchte, kann sich dazu das nötige Wissen erwerben in meinen Lehrgängen, der Phytotherapie-Ausbildung und dem Heilpflanzen-Seminar.

 

Pflanzliche Präparate bei Wechseljahrsbeschwerden: Ökotest beurteilt nur Traubensilberkerze mit „gut“

Die Hormonersatztherapie gegen Wechseljahresbeschwerden hat in der Bevölkerung keinen guten Ruf. Deshalb suchen viele Frauen nach Alternativen. In Apotheken, Drogerien, Reformhäusern und im Internet sind für diesen Zweck zahlreiche Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Ökotest hat mit der pharmazeutischen Hilfe von Professor Manfred Schubert-Zsilavecz aus Frankfurt einige Präparate unter die Lupe genommen.

Am besten schnitten dabei Präparate mit Traubensilberkerzen-Extrakt ab. Allerdings bekam nur das Traubensilberkerzen-Präparat Remifemin® die Note „gut“, weil hier aufgrund einer produktspezifischen Studie die Datenlage besser sei, schreibt Ökotest.

Von den anderen beurteilten Arzneimitteln mit Traubensilberkerze schnitten fast alle „befriedigend“ ab und nur eines mit „mangelhaft“.

Ein Extrakt aus Rhapontikrharbarber konnte die Tester nicht überzeugen, da zwar kleine Studien positive Effekte erkennen liessen, klinische Studien mit höheren Teilnehmerzahlen aber fehlten. Das Urteil  lautete daher nur „ausreichend“.

Bei den Nahrungsergänzungsmittteln überprüfte Ökotest insbesondere solche mit Isoflavonen aus Soja oder Rotklee. Einen Nutzen für gesunde Frauen sahen die Tester bei keinem Mittel. Die Bestnote bekamen hier die Menoflavon® Kapseln mit „ausreichend“.

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/04/30/oekotest-findet-nur-traubensilberkerze-gut/chapter:all

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Beurteilung durch Ökotest zeigt gut, dass die Studienlage bei den untersuchten Präparaten sehr unterschiedlich ist. Und die Studienlage hängt stark davon ab, wieviel ein Hersteller bereit ist in die Forschung zu investieren.

Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln müssen für ihre Produkte keinerlei Wirksamkeitsnachweis erbringen. Entsprechend ist die Motivation für aufwendige Forschung oft nicht sehr gross.

Bei Arzneimitteln sind die Anforderungen höher.

Im allgemeinen wird meines Erachtens viel zu wenig beachtet, dass sich Präparate aus der gleichen Arzneipflanze in ihrer Qualität und Wirksamkeit fundamental unterscheiden können. Im Kontext der Phytotherapie kann man nicht einfach sagen, dass Traubensilberkerze gegen Wechsejahrsbeschwerden wie Wallungen hilft. Man muss immer auch dazu sagen, in welcher Anwendungsform die Pflanze wirksam ist.

Von den überprüften Präparaten gehören die Isoflavone und damit Soja und Rotklee zu den Phytoöstrogenen.

Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) wurde früher auch zu den Phytoöstrogenen gezählt. Heute geht von einem Wirkungsmechanismus via Zentralnervensystem aus.

Das hat den Vorteil, dass jede Beeinflussung des Wachstums von östrogensensitiven Tumoren ausgeschlossen werden kann.

Remifemin besteht aus einem Trockenextrakt aus Cimicifuga-Wurzelstock mit Isopropanol als Lösungsmittel. Für diesen Extrakt ist die Studienlage tatsächlich robust.

In der Schweiz wird bei Wallungen als Phytopharmaka meistens ein Cimicifuga-Präparat von Zeller angewendet:

– Cimifemin® Neo mit 6,5 mg Trockenextrakt (Ze 450)  aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze. Kauf und zahlt man selber in Apotheken und Drogerien.

– Cimifemin uno mit 6.5 mg Trockenextrakt (Ze 450) aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze.

– Cimifemin forte mit 13 mg Trockenextrakt (Ze 450) aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze.

Cimifemin uno und Cimifemin forte werden von der Grundversicherung bezahlt, wenn ein ärztliches Rezept vorliegt.

Für den Cimifemin-Trockenextrakt (Ze 450) gibt es auch positive Studien mit Patientinnen. Für Ze 450 wird aber Äthanol als Auszugsmittel verwendet, weshalb die Ergebnisse der Studien mit dem Isopropanol-Extrakt (Remifemin) nicht auf Cimifemin übertragen werden können.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Grüntee vorbeugend gegen Krebs?

Hier ein “Fundstück” zur oft diskutierten Frage, ob Grüntee vorbeugend gegen Krebs wirksam ist:

“Die Polyphenole, die besonders im Grünen Tee reichlich enthalten sind, haben antimutagene und antioxidative Wirkung und hemmen im Tierversuch die Entstehung und das Wachstum von Tumoren. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass auch beim Menschen das Risiko, an Tumoren zu erkranken, durch regelmässigen Teegenuss verringert wird, allerdings in für einen Mitteleuropaer ungewöhnlich hohen Dosen (10 Tassen/Tag und mehr). Kritiker weisen darauf hin, dass die scheinbaren Wirkungen des Teegenusses auf die Häufigkeit des Auftretens von Tumoren möglicherweise auch auf die unterschiedlichen Essgewohnheiten von Teetrinkern und Menschen, die keinen Tee trinken, zurückzuführen sind.”

Dieses Zitat stammt aus dem Fachbuch “Biogene Arzneimittel” von Teuscher, Melzig und Lindequist.

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2012.

Details zu diesem Buch und eine Bestellmöglichkeit finden Sie im Buchshop. Es handelt sich um ein Fachbuch, das sich fundiert mit der Wirkstoffkunde befasst, die der Phytotherapie zugrunde liegt.

 

Kommentar & Ergänzung:

Das wichtigste der Polyphenole, die für die Wirkung von Grüntee verantwortlich gemacht werden, heisst Epigallocatechingallat (EGCG).

Siehe dazu:

Grüntee-Inhaltsstoff EGCG als Therapieoption gegen Krebs erforscht

 

Experimente im Reagenzglas und Tierversuche können allerdings niemals die Wirksamkeit bei krebskranken Menschen belegen. Auch epidemiologische Studien verschaffen keine Gewissheit. Sie vergleichen Bevölkerungsgruppen. Dabei lässt sich zeigen, dass in den Gruppen mit hohem Grüntee-Konsum weniger Tumorerkrankungen auftreten als in Gruppen mit tiefem oder fehlendem Grüntee-Konsum.

Aber – das Zitat weist darauf hin, ein relevanter Unterschied zeigt sich bei sehr hohen Dosen von etwa 10 Tassen pro Tag. Ausserdem ist bei epidemiologischen Studien nie auszuschliessen, dass für die Unterschiede andere, noch unbekannte Faktoren verantwortliche sind. Grüntee-Trinker unterscheiden sich möglicherweise an mehreren entscheidenden Punkten von Nicht-Grüntee-Trinkern (Lebensstil, Ernährungsweise).

Es spricht viel dafür, dass Grüntee gesund ist und wer ihn gerne trinkt, kann das auch gerne weiter tun. Allerdings werden oft Gesundheitsversprechungen mit dem Grüntee-Konsum verbunden, die sich so nicht belegen lassen. Ein Wundermittel zum Beispiel gegen Krebs ist leider auch der Grüntee nicht.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Curcuma: Wechselwirkungen mit Antikoagulantien? Wirkungen?

Curcuma, auch „indischer Safran“ genannt, ist ein bekanntes Gewürz von intensiv gelber Farbe, welches vor allem in Currymischungen zur Anwendung kommt. Es wird aus dem Wurzelstock von Curcuma longa, einer asiatischen Heilpflanze aus der Familie der Ingwergewächse, gewonnen.

Curcuma enthält reichlich antioxidativ wirksame Polyphenole aus der Gruppe der Curcuminoide, insbesondere Curcumin.

Traditionellerweise wird Curcuma aufgrund seiner antioxidativen, magenstärkenden, gallenflussfördernden und vor allem auch entzündungswidrigen Eigenschaften verwendet.

Curcumin kann die Aktivität der Proteinkinase C reduzieren, welche als Schlüsselenzym am Entzündungsprozess von vielen chronischen Erkrankungen beteiligt ist. Curcuma bzw. Curcumin wird auch als alternative Therapie bei diversen Krankheiten propagiert. Dazu zählen Arthritis, Arthrose, rheumatoide Polyarthritis, Multiple Sklerose, Krebs oder neurologische Erkrankungen (Alzheimer).

Laut bestimmten Literaturquellen hemmt Curcumin in vitro (= im Reagenzglas) die Thrombozytenaggregation (Zusammenballung der Blutplättchen). Eine Hemmung der Thrombozytenaggregation kann die Blutfliesseigenschaften verbessern, aber damit auch die Blutstillung verlangsamen.

Aus diesem Grund ist bei antikoagulierten Patienten Vorsicht angebracht: Die gleichzeitige Einnahme grösserer Curcumamengen und Antikoagulantien könnte die blutverdünnende Wirkung verstärken und das Blutungsrisiko steigern.

Zugrundeliegende Literatur:

VIDAL Le guide des compléments alimentaires p171

Le Moniteur des pharmacies Moniteur 3110/2016/p57

Micromedex® online

 

Quelle:

 

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5455&NMID=5455&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Heilpflanzen können in bestimmten Situationen andere Arzneimittel in ihrer Wirkung beeinflussen – zum Beispiel die Wirkung verstärken oder abschwächen. Man spricht in solchen Fällen von Wechselwirkungen (Interaktionen), wie sie auch sonst zwischen Medikamenten vorkommen.

Darum ist es wichtig, diesen Aspekt auch bei der Anwendung von Heilpflanzen im Auge zu behalten. Allerdings ist es oft gar nicht so einfach, dazu sichere Aussagen zu machen.

Wenn Curcumin in einem Laborexperiment im Reagenzglas die Thrombozytenaggregation hemmt, lässt sich daraus noch nicht der Schluss ziehen, dass diese Interaktion auch im lebendigen menschlichen Organismus auftritt und auch nicht, dass deswegen ernsthafte Störungen der Blutungsstillung bei Menschen auftreten.

Curcumin wird nämlich nur sehr schlecht aus dem Verdauungstrakt in den Organismus aufgenommen. Es ist deshalb ungeklärt, ob Curcumin in einer Konzentration in den Körper gelangen kann, die dort zu solchen Wechselwirkungen führt, ob solche Wechselwirkungen klinisch relevant sind und wieviel Curcuma man einnehmen müsste, um Störungen auszulösen. Die aktuelle Phytotherapie-Fachliteratur vermerkt jedenfalls bei Curcuma unter dem Punkt „Interaktionen“: „keine“.

Man muss aber auch erwähnen, dass diese Einschänkung möglicher Interaktionen auch für die Wirkungen von Curcuma gilt. Auch bei den Wirkungen kann man nicht einfach von (oft beeindruckenden) Laborergebnissen auf die Wirksamkeit bei Menschen schliessen.

Und wenn oben erwähnt aufgeführt ist, dass Curcuma bei Arthritis, Arthrose, rheumatoide Polyarthritis, Multiple Sklerose, Krebs oder neurologische Erkrankungen (Alzheimer) propagiert wird, dann geht oft unter, dass diese Empfehlungen weitgehend auf Laborexperimenten basieren und dass die limitierte Aufnahmefähigkeit in den Organismus die Aussagekraft dieser Ergebnisse einschränkt.

Im Reagenzglas zeigt Curcumin zum Beispiel eindrückliche entzündungswidrige Effekte und tötet Krebszellen ab. Das belegt aber noch nicht, dass es auch gegen Entzündungen oder gegen Krebserkrankungen im menschlichen Körper wirksam ist. Dazu sind belastbare Ergebnisse aus Patientenstudien nötig.

Bei Arthrose kam eine Übersichtsstudie (Metaanalyse), in der mehrere Einzelstudien ausgewertet wurden zum Schluss, dass Cucurmin sowohl die Schmerzen verringern als auch die Beweglichkeit verbessern kann.

Siehe dazu http://online.liebertpub.com/    doi/10.1089/jmf.2016.3705

Bei Krebs dagegen kommt das Portal Medizin-Transparent zu Schluss, dass sich die Wirksamkeit von Curcumin auf der Basis der vorliegenden Patientenstudien nicht belegen lässt.

Siehe dazu: https://www.medizin-transparent.at/curry-gewurz-gegen-krebs

Am ehesten denkbar sind solche Effekte bei Entzündungen oder allenfalls auch Tumoren im Verdauungstrakt, weil Cucurmin so direkt an den Wirkungsort gelangen kann und nicht resorbiert werden muss.

Siehe dazu:

Kurkuma bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

 

Seit einiger Zeit gibt es aber interessante Forschungs- und Entwicklungsarbeiten mit dem Ziel, die Resorbierbarkeit von Curcumin zu verbessern.

Siehe dazu:

Forschung zur Optimierung der Curcumin-Wirkung gegen Krebs

Forschung: Curcumin gegen Alzheimer & Krebs

Wikipedia fasst die Bemühungen um eine verbesserte Bioverfügbarkeit von Curcumin so zusammen:

„Da Curcumin schwer wasserlöslich ist, wird es im Magen-Darm-Trakt nur in einem sehr geringen Maß absorbiert. Durch Erhitzen oder Auflösung in Öl wird die Bioverfügbarkeit von in Lebensmitteln enthaltenem Curcumin erhöht.

Unter Anwendung von Absorptions-Faktoren werden mehrere Ansätze für eine erhöhte Bioverfügbarkeit untersucht. Ein Curcumin-Phospholipid-Komplex hat eine 29-fach höhere Bioverfügbarkeit als herkömmliches Curcumin. Schwarzer-Pfeffer-Extrakt (Piperin) bewirkt eine 20-fache Bioverfügbarkeit von Curcumin und wird in den meisten Nahrungsergänzungsmitteln mit Curcumin eingesetzt.

In einem von der Bundesregierung geförderten Forschungsprojekt an der Universität Hohenheim durchgeführt, wurde Curcumin in Micellen eingebettet, die vom Körper leichter aufgenommen werden, ohne das die Wirkstoffe hierbei chemisch verändert wurden. Vielmehr erzeugt das patentierte Verfahren eine der Natur analoge Struktur dieser Substanzen mit dem Ergebnis, dass die Bioverfügbarkeit gegenüber herkömmlichen Curcumin-Pulvers um das ca. 180-fache höher ist, einhergehend mit einer ca. 6.8-fach schnelleren Absorption im Organismus.“

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Curcumin (Literatur dort)

Die Bioverfügbarkeit sagt etwas aus über den Anteil eines Wirkstoffes, der unverändert im systemischen Kreislauf (insbesondere im Blutkreislauf) zur Verfügung steht. Sie gibt an, wie rasch und in welchem Mass ein Arzneistoff resorbiert wird und am Wirkort zur Verfügung steht.

Bis ein optimal bioverfügbares und in seiner Wirksamkeit gut belegtes Curcumin-Präparat im Handel ist, düfte es allerdings noch einiges an Entwicklungs- und Forschungsarbeit brauchen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Resveratrol bessert in Studie Hormonhaushalt bei Frauen mit Polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS)

Das Polyphenol Resveratrol kommt in Weintrauben und einer Reihe anderer Früchte vor. In einer kleinen randomisierten Studie verbesserte Resveratrol die Hormonwerte von Frauen mit Polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS) deutlich. Die Studie wurde publiziert im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism (2016; doi: 10.1210/jc.2016-1858).

Das PCOS ist mit einer Prävalenz von 6 bis 18 Prozent eine häufige hormonelle Störung von Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter. Prävalenz ist ein Begriff aus der Epidemiologie der aussagt, welcher Anteil der Menschen einer bestimmten Gruppe (Population) zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Krankheit erkrankt ist.

Die meist übergewichtigen Frauen leiden an Zyklusstörungen mit seltener bis ganz ausbleibender Periode und klagen über einen Hirsutismus oder andere Androgenisierungserscheinungen wie Hautunreinheiten oder fettiges Haar. Bei vielen betroffenen Frauen liegt eine Insulinresistenz vor, wodurch das Diabetesrisiko ansteigt. Erhöhte Lipidwerte und Entzündungsparameter wie CRP weisen auf ein gesteigertes kardiovaskuläres Risiko hin.

Die Ursache des PCOS ist nicht genau bekannt. Eine gesteigerte Bildung von männlichen Geschlechtshormonen im Eierstock und auch in den Nebennieren ist ein gemeinsamer Faktor. Eine Therapie mit Antiandrogenen ist in der Regel nicht akzeptabel, und zahlreiche Frauen lehnen auch die Einnahme vTestosteron,Progesteron,klinische Studie,Placebo,on hormonellen Kontrazeptiva ab, von denen eine gute Wirkung erwartet werden kann.

Wissenschaftler der Medizinischen Universität Posen entdeckten bei Experimenten an Thekazellen des Eierstocks, dass Resveratrol die Bildung von Testosteron (nicht jedoch von Progesteron) vermindern kann.

Darum wurde in Kooperation mit Endokrinologen der Universität von Kalifornien in San Diego eine erste klinische Studie durchgeführt, an der in Posen total 30 Frauen mit einem PCOS (nach den Rotterdam-Kriterien) teilnahmen.

Die Probandinnen schluckten über einen Zeitraum von drei Monaten täglich eine Kapsel, die bei der Hälfte der Frauen das Resveratrol-Supplement eines amerikanischen Produzenten und bei der anderen Hälfte ein Placebo enthielt.

Als primärer Endpunkt der Studie legten die Forscher das Gesamt-Testosteron im Serum fest.

Die Wissenschaftler berichten hier von einem deutlichen Rückgang um 23,1 Prozent, während in der Placebo-Gruppe ein Anstieg um 2,9 Prozent gemessen wurde. Resveratrol verminderte nicht nur die Androgenproduktion im Eierstock. Auch die Variante DHEAS (Dehydroepiandrosteron-Sulfat), die hauptsächlich in den Nebennieren heergestellt wird, wurde um 22,2 Prozent vermindert, während sich dieser Wert in der Placebo-Gruppe um 10,5 Prozent erhöhte.

Darüber hinaus kam es zu einer Reduktion der Insulinkonzentration im Serum um 31,8 Prozent. Beim „Insulin Sensitivity Index“ zeigte sich eine Verbesserung um 66,3 Prozent. Die Resveratrol-Supplemente wurden gut vertragen, bis auf zwei Frauen, bei denen vorübergehende Sensibilitätsstörungen auftraten.

Aus den guten Resultaten lässt sich ableiten, dass die Durchführung weitergehender klinischer Studien gerechtfertigt wäre, um einen medizinischen Nutzen von Resveratrol beim PCOS zweifelsfrei zu belegen.

Dass solche grösseren Studien durchgeführt werden, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Der US-Produzent vertreibt sein Resveratrol-Präparat als Nahrungsergänzungsmittel. Daher muss er für dieses Produkt keine Wirksamkeit belegen und deshalb auch keine aufwendigen und teuren Studien vorlegen. Er darf für sein Nahrungsergänzungsmittel aber auch nicht die Behauptung verbreiten, dass es einen klinischen Nutzen bei PCOS habe.

Nur wenn der Hersteller diese Aussage machen will, wird sein Produkt als Arzneimittel zulassungspflichtig und eine grosse Phase 3-Studie mit positivem Ergebnis unverzichtbar.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/71010/PCOS-Resveratrol-bessert-Hormonhaushalt-in-Studie

http://press.endocrine.org/doi/pdf/10.1210/jc.2016-1858

 

Kommentar & Ergänzung:

Resveratrol gehört zu den Polyphenolen und kommt in relativ grossen Mengen in der Haut von roten Weintrauben vor, aber auch in Himbeeren, Maulbeeren, Pflaumen, Erdnüssen und im Japanischen Staudenknöterich, der bei uns als Neophyt Probleme bereitet.

Resveratrol wird diskutiert und erforscht als Antioxidans, Krebsmittel, Anti-Aging-Mittel, Phytoöstrogen. Um die Substanz ist in den letzten Jahren ein gewisser Hype entstanden, was immer eine gewisse Vorsicht in der Bewertung nahelegt. So sind zum Beispiel die Wirkungen gegen Krebs vor allem im Labor an Krebszellen festgestellt worden. Untersuchungen an Krebspatienten, die eine erfolgreiche Anwendung von Resveratrol gegen Tumore belegen könnten, existieren jedoch keine.

PCOS als Forschungsbereich für eine mögliche Anwendung von Resveratrol ist mir neu. Die gemessene Reduktion des Testosteronspiegels ist interessant und könnte für weitere Anwendungsbereiche in Frage kommen.

Die Studie ist mit total 30 Frauen allerdings sehr klein und kann eine Wirksamkeit nicht sicher belegen. Das wird den Hersteller des Nahrungsergänzungsmittels nicht davon abhalten, sie in seine Marketingbemühungen einzubinden.

Die Tagesdosis betrug in der Studie 1500mg Resveratrol in einer Kapsel.

Der Text spricht ein wichtiges Problem pflanzlicher Naturheilmittel an. Werden sie als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, braucht es dazu keinen Wirksamkeitsnachweis. Damit entfällt für die Hersteller meistens auch die Motivation, grosse, beweisende Phase-3-Studien durchzuführen. Ich selber bin nicht strikt gegen die Vermarktung pflanzlicher Präparate als Nahrungsergänzungsmittel. Ich ziehe aber Hersteller von, die ihre Präparate als Arzneimittel anmelden und auch die entsprechenden Phase-3-Studien durchführen. Diesen Forschungsaufwand gilt es meines Erachtens wertzuschätzen. Das ist aber auch aus Kostengründen für viele Firmen nicht zu stemmen.

Eine Phase-3-Studie lohnt sich für den Hersteller auch nicht, weil Resveratrol als Naturstoff nicht patentierbar ist. Die Forschungskosten lassen sich nicht auf den Produktpreis schlagen, weil jeder Konkurrent die Forschungsergebnisse auch für sich nutzen und sein Resveratrol-Präparat ohne Forschungsaufwand günstiger auf den Markt werfen kann. Wenn der Forschungsstand in manchen Bereichen der Phytotherapie ungenügend ist, dann kann das jedenfalls auch mit diesen nachteiligen kommerziellen Bedingungen zu tun haben. Das ist auf alle Fälle nicht einfach eine reine Schutzbehauptung.

Was ist eine Phase-3-Studie:

„Die Phase III umfasst die Studien, welche die für die Zulassung entscheidenden Daten zum Wirksamkeitsnachweis ermitteln. Üblicherweise sind mindestens zwei voneinander unabhängige kontrollierte klinische Studien, die jede für sich einen Nachweis der statistischen Signifikanz der Wirksamkeit erbringen, notwendig. Phase-III-Studien können viele tausend Patienten einschließen und sich über mehrere Jahre erstrecken. In der Regel handelt es sich um randomisierte Doppelblindstudien.“

Quelle: Wikipedia

Zu Resveratrol siehe auch:

Zur Bioverfügbarkeit von Resveratrol

Resveratrol aus Weintrauben als Diabetes-Heilmittel?

Resveratrol aus Rotwein als Entzündungshemmer

Mythos vom gesunden Rotwein bröckelt

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Labkraut bei Maria Treben

Maria Treben (1907 – 1991) war eine österreichische Kräuterbuch-Autorin, die offensichtlich überzeugt davon war, für jede Krankheit eine hilfreiche Heilpflanze zu kennen. Das ist ein starkes Angebot für alle Kranken und solche, die es werden könnten. Es ist daher wenig überraschend, dass Trebens Buch „Gesundheit aus der Apotheke Gottes“ in mehr als 20 Sprachen herausgegeben wurde und eine Gesamtauflage von über acht Millionen Exemplaren erreichte.

Die Ratschläge Maria Trebens sind inzwischen auch reichlich ins Internet gewandert. So findet man dort Listen zu den von Treben empfohlenen Anwendungsgebieten verschiedenen Heilpflanzen. Beim Labkraut beispielweise sieht eine solche Aufstellung so aus:

Belegte Zunge, Bleichsucht, Epilepsie, Furunkel, Gebärmutterbeschwerden, Geschwüre in der Mundhöhle, Geschwüre (bösartige), Gesichtshaut (welke), Grieß- und Steinbeschwerden, Hauterkrankungen, Hautflecken, Hautknötchen, Hautkrankheiten (chronische), Hautleiden (krebsartiges), Hysterie, Knoten, Kropfbildung, Kropfleiden, Lymphdrüsenstörung, Magensäure (zuviel),

Mandelentzündung, Mitesser, Mundgeruch, Nasenschleimhaut-Absonderung, Nervenleiden, Niereneiterung, Nierengrieß und Nierensteine, Nierenleiden, Nierenschrumpfung, Schilddrüsenerkrankung, Seitenstechen

Steinbildung, Stimmbänderlähmung, Tumore, Urinverhaltung, Veitstanz, Wassersucht. Wunden, Zunge (belegte), Zungenerkrankung, Zungenkrebs.

Für keine dieser Empfehlungen gibt es fundierte Belege oder auch nur schon plausible Argumente.

Daher stellt sich die Frage, wie eine solche Indikationslyrik zustande kommt.

Am Ursprung einer solchen ausufernden Liste steht wohl meistens das intensive Bemühen, alle möglichen Hinweise auf eine Wirksamkeit zusammenzutragen, ohne sie einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Dabei bleibt es in der Regel bei der Übernahme von ungeklärten Anekdoten.

Eine kritische Prüfung würde mindestens folgende Punkte berücksichtigen:

1. Den Einfluss des Placebo-Effekts.

2. Die Regression zur Mitte

Gerade bei chronischen Krankheiten gibt es häufig einen schwankenden Verlauf, wobei jede Besserung dem angewendeten Mittel gutgeschrieben wird, obwohl sie mit grosser Wahrscheinlichkeit einfach dem natürlichen Verlauf entspricht. Das ist der Regression-zur-Mitte-Irrtum.

3. Die Tatsache, dass die meisten Erkrankungen von selber bessern und dass im Einzelfall nicht zu unterscheiden ist, ob für eine Besserung der natürliche Verlauf (Selbstheilungskräfte) oder die therapeutische Intervention verantwortlich ist.

4. Die immer mögliche und häufig vorkommende (Selbst)Täuschung der Erfahrung.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

 

Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Warum wir gesund werden (Artikel in der Zeitschrift “Natürlich”)

 

In der Liste mit den Treben-Empfehlungen fallen vage Krankheitsbilder auf. Sie sind ein untrübliches Zeichen für fragwürdige, ungeklärte und unreflektierte Heilungsversprechungen. Beispiele: Gebärmutterbeschwerden, Hauterkrankungen, Knoten, Lymphdrüsenstörung, Nervenleiden, Schilddrüsenerkrankung, Nierenleiden, Wassersucht….

Es gibt beispielsweise ganz verschiedenartige Gebärmutterbeschwerden oder Schilddrüsenerkrankungen. Labkraut hilft in jedem Fall? Egal welche Ursache den Beschwerden zugrunde liegt? Kaum denkbar.

Und eine „Niereneiterung“ mit Labkraut behandeln zu wollen ist nicht nur abenteuerlich, sondern grob fahrlässig. Das gleiche gilt für „Hysterie“ – ganz abgesehen von der fragwürdigen Begrifflichkeit.

Es braucht meines Erachtens mehr kritische Auseinandersetzung bei diesen Themen – sonst werden Patientinnen und Patienten auf Holzwege geführt. Die ungeprüfte Weiterverbreitung von derart fragwürdigen bis fahrlässigen Empfehlungen im Internet oder in Kursen ist unverantwortlich.

Aber es ist natürlich vollkommen unattraktiv zu sagen, dass bezüglich der Wirksamkeit von Labkraut keine glaubwürdigen Erkenntnisse vorliegen. Das will im Grunde genommen kaum jemand hören. Viel toller ist es, wenn man eine Liste mit einer ganzen Reihe von schweren Erkrankungen präsentiert, bei denen Labkraut angeblich helfen soll. Das macht Eindruck…..

Aber fragen Sie sich selbst: Ist es Ihnen letztlich nicht lieber, wenn Sie reinen Wein eingeschenkt bekommen, als wenn Ihnen schöne Geschichten aufgetischt werden? – Es ist einfach die reifere Variante.

Untersucht wurden beim Echten Labkraut (Galium verum) im übrigen sehr wohl die Inhaltstoffe. Gefunden wurden dabei unter anderem Iridoide, Flavonoide (z. B. Rutin), Anthracenderivate, Kaffeesäureester (Chlorogensäure) und Enzyme (Labenzym).

Das Vorhandensein solcher Inhaltsstoffe sagt aber noch nichts Gesichertes darüber aus, ob damit auch eine Wirksamkeit beim Menschen erreicht werden kann.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Antioxidanzien könnten Ausbreitung von Krebs beschleunigen

Antioxidanzien sind Stoffe, die im Körper schädliche freie Radikale abfangen. Sie gelten deshalb als gesund und sollen unter anderem vor Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen schützen.

Inzwischen mehren sich allerdings die Hinweise, dass die schöne Schwarz-Weiss-Einteilung in die bösen freien Radikale einerseits und die guten Antioxidanzien anderseits zu einfach ist.

In diese Richtung deutet auch eine Untersuchung der Universität Göteborg. Sie kommt zum Schluss, dass Tumore bei Mäusen durch Einwirkung von Radikalfängern schneller Metastasen bilden. Die Wissenschaftler warnen nun vor der zusätzlichen Einnahme von Antioxidanzien.

Die schwedische Forschergruppe fand bei Untersuchungen an Mäusen Hinweise darauf, dass Hautkrebs unter der Einwirkung von Antioxidanzien schneller Tochtergeschwulste entwickeln.

Das Team um Martin Bergö von der Universität Göteborg schreibt, dass gentechnisch veränderte Mäuse, die spontan derartige Tumoren entwickeln, bei der Gabe des Antioxidans N-Acetylcystein doppelt so häufig Metastasen in den Lymphknoten bilden. Weitere Versuche mit menschlichen Krebszellen in Zellkultur bestätigten diese Resultate für dieses und ein weiteres Antioxidans. Die Resultate müssen allerdings noch am Menschen bestätigt werden, um weiter reichende Schlüsse zu ziehen, schränkt Bergö ein.

Diese neuen Resultate decken sich mit früheren Erkenntnissen des Wissenschaftlerteams und geben Hinweise darauf, weshalb Antioxidanzien in Studien manchmal sogar Krebs zu fördern scheinen.

Zuvor schon hatten die Wissenschaftler Indizien gefunden , dass Antioxidanzien Lungentumore rascher wachsen lassen.

Obwohl die meisten dieser Erkenntnisse noch vorläufig sind, mahnen die Forscher zur Zurückhaltung bei Antioxidanzien – insbesondere Krebspatienten sollten Vorsicht walten lassen.

Quellen:

http://www.spektrum.de/news/antioxidanzien-treiben-wohl-ausbreitung-von-krebs-voran/1370229?utm_source=zon&utm_medium=teaser&utm_content=news&utm_campaign=ZON_KOOP

http://stm.sciencemag.org/content/6/221/221ra15.full

http://stm.sciencemag.org/content/7/308/308re8.full

 

Kommentar & Ergänzung:

Antioxidanzien sind ein umsatzstarkes Geschäft für Hersteller und Verkäufer. Ausser zur Vorbeugung gegen Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen werden Antioxidanzien auch generell als Anti-Aging-Mittel propagiert. Die Werbung übertreibt wie üblich den Nutzen und spielt die Risiken und Ungewissheiten herunter.

Bekannte Beispiele aus der Gruppe der Antioxidanzien:

Vitamin C, Vitamin E;

Polyphenolische Antioxidanzien wie Resveratrol, EGCG aus Grüntee, Flavonoide wie bspw. Anthocyane;

Carotinoide (Lycopin, Betacarotin, Lutein);

Spurenelemente wie Selen, Kupfer, Mangan und Zink fördern die Aktivität antioxidativer Enzyme.

Als Bestandteile einer vielfältigen Ernährung sind diese Substanzen nützlich und zum Teil sogar unentbehrlich. Aber es ist nicht belegt, dass die Einnahme solcher Substanzen in Nahrungsergänzungsmitteln für die Gesundheit nützlich ist. Anstatt grössere Mengen einzelner Antioxydanzien isoliert einzunehmen ist es höchstwahrscheinlich sinnvoller, eine breite Palette dieser Substanzen als Bestandteil der normalen Ernährung zuzuführen.

Die Zufuhr von Antioxidanzien über spezielle Nahrungsergänzungsmittel wie zum Beispiel von „Burgerstein“ dient meiner Ansicht nach vor allem zur Beruhigung eines schlechten Gewissens, das uns vorher eingeredet wurde. Wer lebt dann schon so gesund, wie es uns all die Ratschläger dringlichst nahelegen?  – Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von Antioxidanzien erscheinen da als leicht erreichbarer Weg, um “Ernährungssünden” aller Art auszugleichen.

Hier ein paar weitere Beiträge, um das allzu schöne Schwarz-Weiss-Bild der guten Antioxydanzien und der bösen freien Radikale differenzierter zu machen:

Antioxidanzien fördern möglicherweise Diabetes

Nicht übertreiben mit Antioxidanzien

Selen kann Prostatakrebsrisiko steigern

 

 

Krebsvorbeugung durch Vitamin E – auf die Form kommt es möglicherweise an

Oxidativer Stress – weniger schädlich als gedacht

 

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidanzien

Schwächen Antioxidanzien die Muskelfunktion?

 

Naturheilkunde: Früchte essen statt “Burgerstein” schlucken

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

Honig verhindert Schleimhautentzündung (Mukositis)

Werden Patienten mit HNO-Tumoren bestrahlt, kann Honig offenbar einer Schleimhautentzündung im Mund-Rachen-Bereich vorbeugen. Zudem scheint Honig auch vor Gewichtsverlust zu schützen.

Eine Mukositis im Mund-Rachenbereich gehört zu den Komplikationen bei Strahlentherapie und Chemotherapie im HNO-Bereich (HNO = Hals-Nasen-Ohren).

Diese Schleimhautentzündungen können dazu führen, dass die Bestrahlung nicht in der gewünschten Dosis oder in den erforderlichen Intervallen erfolgen kann, was die Erfolgsaussichten vermindert. Darüber hinaus kann die Mukositis zu Infektionen mit Bakterien und Pilzen führen, aber auch zu Schmerzen und Problemen beim Essen und Trinken, wodurch ein deutlicher Gewichtsverlust eintreten kann.

Auf diese Folgen weisen Wissenschaftler um Dr. Hye Kyung Cho von der Gachon-Universität in Incheon hin (Laryngoscope 2015, online 16. März).

Da inzwischen oft Honig als nebenwirkungsarmes Mittel zur unterstützenden Wundheilung bei Verbrennungen, Hauttransplantationen, Ulzera und postoperativen Wundinfektionen eingesetzt wird, haben die Wissenschaftler um Cho untersucht, ob es entsprechende Studien auch zur vorbeugenden Anwendung bei Patienten mit Kopftumoren und Halstumoren gibt.

Die Wissenschaftler fanden neun Studien, in denen oral verabreichter Honig gegen Placebo oder gegen keine Therapie verglichen wurde, bei Patienten, die aufgrund eines Kopftumors oder Halstumors eine Strahlentherapie oder Radiochemotherapie (Kombination von Strahlentherapie und Chemotherapie) bekamen.

An den neun Studien hatten total 476 Patienten teilgenommen.

Patienten mit Honigtherapie entwickelten insgesamt signifikant seltener eine moderate bis schwere Mukositis als bei Prophylaxe mit Placebo oder keiner Behandlung.

Die Heterogenität der analysierten Studien war allerdings sehr hoch – in einigen Studien zeigten sich also sehr ausgeprägte Effekte, in anderen praktisch keine.

Die Wissenschaftler trennten nun die Patienten in solche mit Radiochemotherapie und solche mit alleiniger Strahlentherapie. Dabei schienen nur die Patienten mit Radiotherapie signifikant von der Honigprophylaxe zu profitieren, nicht jedoch die mit Radiochemotherapie.

Entwickelte sich eine Mukositis, so trat diese bei Honigtherapie in den ersten drei Behandlungswochen signifikant seltener auf, danach aber nicht mehr.

Mit Honigtherapie seltener Gewichtsverlust

Keine statistisch belastbaren Differenzen zwischen Patienten mit und ohne Honig zeigten sich bei Superinfektionen mit Bakterien und Pilzen, allerdings trat in den Honiggruppen hochsignifikant seltener ein Gewichtsverlust auf.

Hier fand sich in den Resultaten auch keine bedeutsame Heterogenität. Für alle statistisch signifikanten Ergebnisse fanden die Wissenschaftler einen klinisch relevanten Effekt.

Eine orale Honigtherapie vor oder nach Strahlentherapie scheine also in der Lage zu sein, die negativen Auswirkungen einer Strahlentherapie auf Mund- und Rachenschleimhaut zu mildern, schreiben die Wissenschaftler.

Den ausbleibenden Effekt auf das Auftreten von Superinfektionen erklären sich die Forscher damit, dass in den Placebogruppen oft Zuckersirup eingesetzt wurde, der aufgrund seiner osmotischen Eigenschaften möglicherweise ebenfalls das Bakterien- und Pilzwachstum hemmt.

Da an den meisten der Studien nur sehr wenige Patienten teilgenommen hatten, sollten die Resultate mit einer gewissen Zurückhaltung betrachtet und möglichst durch größere Untersuchungen überprüft werden.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/article/885541/hno-radiatio-honig-verhindert-mukositis.html

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/lary.25233/abstract

Kommentar & Ergänzung:

Der Apitherapie (Therapie mit Bienenprodukten) werden sehr viele Heilwirkungen zugesprochen, die zum teil auch fragwürdig sind. Es gibt aber auch sehr interessante Anwendungsbereiche, die zunehmend auch wissenschaftlich erforscht werden.

Dazu gehört auch die Anwendung von Honig gegen Mukositis.

Siehe auch:

Palliative Care & Onkologiepflege: Honig bei Mucositis / Mundschleimhautentzündung

Honig bei Mundschleimhautentzündung infolge Chemotherapie

Palliative Care: Myrrhentinktur bei Mucositis / Mundschleimhautentzündung

Vorbeugung von Mukositis bei Chemotherapie

 

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Kudzuwurzel (Pueraria lobata) gegen „Kater“ nach übermässigem Alkoholkonsum?

Die Kudzuwurzel (Pueraria lobata) wird im Westen als Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung eines „Katers“ nach übersteigertem Alkoholkonsum propagiert. Die Wirksamkeit für diesen Anwendungsbereich ist aber nicht durch Studien belegt.

Im Gegensatz zu den Kudzublüten handelt es sich bei dieser Empfehlung der Kudzuwurzel auch nicht um eine traditionelle Anwendung bei Alkoholvergiftungen. In China werden nämlich die Kudzublüten traditionellerweise bei Alkoholvergiftungen und Alkoholmissbrauch eingesetzt. Kudzublüten sollen gemäss Literaturangaben die Elimination von Acetaldehyd beschleunigen.

Die Kudzuwurzel ist dagegen eine der ältesten Heilpflanzen in der traditionellen chinesischen Medizin und wird dort zur Behandlung von Fieber, Diarrhö, Durst, Diabetes oder arterieller Hypertonie eingesetzt. Wegen ihres reichen Gehalts an Isoflavonen, hauptsächlich Puerarin und Daidzein, soll die Kudzuwurzel auch östrogenartige Eigenschaften besitzen.

Einzelne Pilotstudien mit geringer Teilnehmerzahl weisen darauf hin, dass die Kudzuwurzel möglicherweise den Alkoholkonsum verringern könnte, nicht aber das Verlangen nach Alkohol oder das Auftreten unerwünschter Nebenwirkungen. Der Inhaltsstoff Daidzein hemmt die Acetyldehydrogenase. Im Rahmen der Pilotstudien konnte jedoch kein Antabuseffekt festgestellt werden. Ein solcher könnte sich allenfalls nach längerer Anwendung einstellen.

Die Kudzuwurzel scheint kaum giftig zu sein. Bei anderen Pueraria-Arten wurden allerdings lebertoxische und foetotoxische Wirkungen festgestellt.

Gemäss gegenwärtigem Kenntnisstand wird die Anwendung bei Schwangeren und bei Vorhandensein hormonabhängiger Tumore nicht empfohlen. Bei gleichzeitiger Verabreichung mit Methotrexat verstärkt die Kudzuwurzel dessen Toxizität.

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5172&NMID=5172&LANGID=2

Le Moniteur des Pharmacies no3020/2015/p60

 

Kommentar & Ergänzung:

Wie so oft bei Nahrungsergänzungsmitteln galoppiert die Vermarktung im Eiltempo davon, während die Klärung der offenen Fragen bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit weit hinten nach hinkt.

Siehe auch:

Heilpflanzenkunde – Wirkstoff aus Kudzu gegen Alkoholismus?

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch