Verdingkinder als Zwangsarbeitskräfte – Aufarbeitung, Entschuldigung, Entschädigung stehen noch weitgehend aus

Hunderttausende Kinder wurden in der Schweiz bis 1978 fremdplatziert und in der Landwirtschaft als Zwangsarbeitskräfte eingesetzt.

Im Tages-Anzeiger von heute berichtet Simone Rau über die schleppende Aufarbeitung dieser unsäglichen Geschichte.

Zu Wort kommt unter anderem die Historikerin Loretta Seglias, die sich seit Jahren mit der Fremdplatzierungspraxis in der Schweiz beschäftigt. Sie interviewte im Rahmen eines vom Nationalfonds mitfinanzierten Projekts 280 frühere Verdingkinder. Daraus entstand das viel beachtete Buch «Versorgt und vergessen. Ehemalige Verdingkinder erzählen».

Was es brauchte, sagt die Historikerin, sei eine umfassende Aufarbeitung der Vergangenheit, zumal viele Betroffene bereits im betagten Alter stünden. Während die Aufarbeitung in zahlreichen europäischen Ländern im Gang oder abgeschlossen sei, stehe sie in der Schweiz noch aus. Zudem müsse die Aufarbeitung auf sämtliche fürsorgerische Zwangsmassnahmen ausgedehnt werden – also neben Verdingkindern auch Heim- und Pflegekinder, administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und -kastrierte sowie Zwangsadoptierte umfassen.

Zusammen mit 29 Forschenden unterschiedlicher Disziplinen hat Loretta Seglias daher eine Stellungnahme zum weiteren möglichen Vorgehen der offiziellen Schweiz verfasst.

„Ziel dieser Resolution ist ein runder Tisch, an dem Vertreter von Betroffenen, Bund und Kantonen, der Landeskirchen, von privaten Sozialinstitutionen und Wohlfahrtsverbänden sowie der Wissenschaft die Forderungen diskutieren – und konkrete Vorschläge ausarbeiten.“

Zu den Unterzeichnenden zählen unter anderem die Historiker Philipp Sarasin, Markus Furrer und Brigitte Studer, die Psychologen Verena Kast und Andreas Maercker sowie mehrere Soziologen, Theologen und Erziehungswissenschaftler aus der ganzen Schweiz.

„Im Raum stehen folgende Forderungen:

– Entschuldigung durch Behördenvertreter sowie kirchliche und private Institutionen

– umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung, einschliesslich entsprechender Lehrmittel

– eine Anlaufstelle für Betroffene

– ein Kompetenzzentrum als Informations- und Dokumentationsplattform

– uneingeschränkte Akteneinsicht sowie Aufbewahrungspflicht entsprechender amtlicher Akten

– ein Härtefallfonds für Betroffene

– Zahlung finanzieller Entschädigungen.“

Auf den grössten Widerstand dürften bei den Behörden die geforderten finanziellen Entschädigungen stossen, schreibt Simone Rau. Das Netzwerk Verdingt zum Beispiel verlange eine Wiedergutmachung von 120’000 Franken pro Betroffenen.

„Bei heute noch rund 10’000 lebenden einstigen Verdingkindern entspräche das 1,2 Milliarden Franken. Eine beachtliche Summe. Nur: Laut dem «SonntagsBlick», der die Summe des verursachten Schadens im Verdingkinderwesen zusammen mit dem Chefökonomen einer Grossbank ausrechnete, hat die schweizerische Landwirtschaft über die Jahre Gratisarbeit in der Höhe von 20 bis 65 Milliarden Franken erhalten – von Kindern.“

Quelle, auch der Zitate:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Verdingt-versorgt-vergessen/story/17041231

Und Ausserdem:

Stichwort Verdingung im Historischen Lexikon der Schweiz

Wikipedia-Artikel „Verdingung“

Kommentar & Ergänzung:

Dieses wichtige Thema darf in den Medien und in der Bevölkerung – also bei den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern – nicht in Vergessenheit geraten. Nur eine wache Öffentlichkeit bietet einigermassen Gewähr, dass diese vielfach menschenrechtswidrige und diskriminierende Armuts- und Bevölkerungspolitik und ihre Folgen nicht unter den Tisch gekehrt werden.

Wir werden meines Erachtens medial zugemüllt mit Belanglosigkeiten. Seitenlange Spekulationen über eine möglicherweise eventuell oder auch nicht bevorstehende Hochzeit von Angelina Jolie und Bratt Pitt finde ich ziemlich irrelevant. Füllmaterial ohne Bedeutung. Und eine Blick-Schlagzeile wie „SBB-Chef Andreas Meyer – ganz privat“ finde ich wirklich zum Heulen. Was geht denn das die Schweiz an? Und wer interessiert sich für so etwas? – Meinem Eindruck nach bekommt solcher Medienmüll immer mehr Gewicht. Ich frage mich, welche Bedürfnisse damit eigentlich gedeckt werden. Und ich hoffe, dass genügend Bürgerinnen und Bürger auch an komplexeren Themen interessiert bleiben, die für unser gesellschaftliches Zusammenleben von Bedeutung sind.

Daher vielen Dank an Simone Rau und den Tages-Anzeiger für diesen relevanten Artikel heute.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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