Das Vertrauen vieler Menschen in die Wirksamkeit von Heilpflanzen-Präparaten ist gross. Und manchmal ist es sogar gerechtfertigt – aber bei weitem nicht immer.
Tatsächlich existieren enorme Qualitätsunterschiede, die jedoch nur mit entsprechendem Fachwissen zu erkennen sind. Diese Unterschiede hängen ganz entscheidend davon ab, wie eine Heilpflanze verarbeitet worden ist.

Genau genommen ist es nämlich beispielweise grundfalsch zu sagen, Johanniskraut wirke gegen Depressionen. Man müsste präziser sagen, dieses bestimmte Johanniskraut-Präparat, also diese bestimmte Form der Herstellung, wirkt gegen Depressionen.

Vor kurzen erzählte mir eine Phytotherapie-Studentin, dass sie in der Drogerie nach Weissdorn gefragt habe

Dazu ist zu sagen: Weissdorn wirkt herzstärkend und fördert die Durchblutung der Herzkranzgefässe. Von allen Heilpflanzen der Phytotherapie ist Weissdorn für diese Wirkungen am besten dokumentiert.
Die Drogistin empfahl nun eine spagyrische Weissdorn-Tinktur. Die Spagyrik ist ein Herstellungsverfahren, das auf alchemistischen Grundsätzen beruht. Ihren Höhepunkt hatte die Spagyrik in der Renaissance. Die Pflanzenteile werden zuerst mit Hefe vergoren, dann wird abdestilliert. Der Destillationsrückstand wird bei hohen Temperaturen verascht. Zum Schluss werden das Destillat und der Veraschungsrückstand zusammengefügt. Zum Teil werden die Produkte heute anschliessend noch “potenziert”, also stark verdünnt und verschüttelt.

Viele Anhängerinnen und Anhänger der Spagyrik halten dieses Verfahren für das einzige, mit dem die Heilkräfte der Pflanzen vollkommen aufgeschlossen werden können. Hier kommt manchmal ein Hauch von Heilslehre ins Spiel.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Phytotherapeutische Heilpflanzen-Präparate (Tinkturen, Extrakte) und spagyrische Tinkturen unterscheiden sich fundamental. Bei der Veraschung werden beim spagyrischen Verfahren durch die hohen Temperaturen viele Inhaltsstoffe zerstört, beispielsweise Alkaloide und Glykoside. Beide Stoffgruppen sind aber oft auch wichtige Wirkstoffe, so zum Beispiel die Glykoside beim Weissdorn.

Darum können phytotherapeutische und spagyrische Tinkturen in ihrer Wirkung nicht gleichgesetzt werden

Die Herzwirkung des Weissdorns ist nur mit phytotherapeutischen Heilpflanzen-Präparaten untersucht und dokumentiert worden. Oft werden nun diese phytotherapeutischen Ergebnisse einfach auf die ganz anders zusammengesetzten spagyrischen Produkte übertragen. Das ist fahrlässig und zeugt von mangelndem Fachwissen. Das geschilderte Beispiel aus der Drogerie ist meines Erachtens ein “Kunstfehler”. Es handelt sich aber nicht um einen Einzelfall, sondern um ein ziemlich verbreitetes Phänomen. Ich könnte zahlreiche ähnliche Beispiele aus Apotheken und Drogerien schildern. Oft wird einfach verkauft, was dem Geschäft am meisten gut tut. Und das nicht einmal böswillig. Man identifiziert sich einfach leichter mit solchen Produkten.

Ich behaupte nun nicht, dass spagyrische Tinkturen völlig wirkungslos seien

Dazu habe ich keine Belege und die Wirkungslosigkeit von irgendetwas ist nur mit einer aufwendigen Doppelblind-Studie vielleicht einigermassen nachzuweisen.
Ich sage nur: Die Spagyrik müsste die Wirksamkeit ihrer Präparate selber dokumentieren und belegen. Ich sage auch nicht, dass Drogerien oder Apotheken keine Spagyrik verkaufen dürfen. Aber ich würde mit Nachdruck verlangen, dass Mitarbeitende in Drogerien und Apotheken ihrer Kundschaft die ganze Palette der Weissdornpräparate vorstellen und dabei auch transparent machen, welche Produkte in ihrer Wirksamkeit geprüft sind und welche nicht. Gerade beim Weissdorn gibt es einige Präparate, die so gut untersucht und dokumentiert sind, dass sie sogar von den Krankenkassen aus der Grundversicherung bezahlt werden, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verschreibt.

Nur wenn der Kundschaft die ganze Palette der Weissdornprodukte vorgestellt wird mit der Information, ob sie dokumentiert sind oder nicht, ist eine fundierte Wahl möglich. Ausschliesslich das am schlechtesten bzw. gar nicht dokumentierte Produkt hinzustellen und das ohne nähere Information, kommt einer Täuschung der Kundin oder des Kunden gleich.
Nach meinen Erfahrungen ist hier auf die Mitarbeitenden in Apotheken und Drogerien – von Ausnahmen abgesehen – kaum Verlass. Und in den Regalen dieser Fachgeschäfte stehen sehr oft Produkte, deren Wirksamkeit gut dokumentiert ist, direkt neben Produkten, die diesbezüglich gar nichts vorzuweisen haben.
Aus diesem Grund kann man Menschen, die sich für Pflanzenheilkunde interessieren, nur empfehlen: Machen Sie sich selber schlau. Setzen Sie sich vertieft mit diesem Thema auseinander und glauben Sie niemals blind, was ihnen versprochen oder angeboten wird.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Seminar für Integrative Phytotherapie (SIP)

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

Am SIP werden Lehrgänge und Kurse durchgeführt in Phytotherapie / Pflanzenheilkunde für Berufsleute aus Krankenpflege, Heilpraktik, Drogerie, Pharmazie, Medizin ( Lehrgang Integrative Phytotherapie), aber auch für interessierte Laien aus anderen Berufen (z.B. das Heilpflanzen-Seminar über 6 Wochenenden). Dabei ist die Frage der Qualität und wie sie sich beurteilen lässt, immer wieder ein wichtiges Thema.
Info: www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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