Ginkgo-Extrakte zählen zu den am besten untersuchten und belegten Heilpflanzen-Präparaten in der Phytotherapie.
Seit einiger Zeit werden nun in zunehmendem Maße auch Teemischungen angeboten, die in unterschiedlichen Mengen Ginkgoblätter enthalten. Dabei wird suggeriert, dass das Trinken dieser Tees ähnlich wie Ginkgoextrakt-haltige Arzneimittel, positive Wirkungen auf die mentale Leistungsfähigkeit hat. Untersuchungen des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker (ZL) zeigen jedoch, dass damit Gesundheitsrisiken verbunden sein können.

Ginkgo-Extrakte gehören seit Jahren zu den meist eingenommenen Heilpflanzen-Präparaten in Europa. Der Trockenextrakt aus Ginkgo-biloba-Blättern enthält als wirksamkeitsrelevante Inhaltsstoffe im Vergleich zum Gehalt der Blätter auf circa das 50-Fache angereicherte Ginkgoflavonglykoside und Terpenlactone (Ginkgolide, Bilobalid). Wie in zahlreichen Studien gezeigt wurde, sind diese pharmakologisch aktiven neuroprotektiven Inhaltsstoffe unter anderem wirksam bei nachlassender Konzentrations- und Gedächtnisleistung. Weil Ginkgo-Präparate wegen ihrer guten Wirksamkeit und Verträglichkeit in der Bevölkerung einen guten Ruf haben, versuchen Internethändler und Lebensmittelhersteller zunehmend intensiver, unter Vermeidung der hohen Hürden einer Arzneimittelzulassung an dem guten Ruf von Ginkgo-Präparaten zu partizipieren, indem sie Ginkgoblätter in Teemischungen und als Nahrungsergänzungsmittel anbieten. Im Unterschied zu Ginkgo-Arzneimitteln liegen aber für Ginkgoblätter-haltige Teemischungen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über deren Wirkungen im Organismus vor, auch nicht über deren Lebensmittelsicherheit.

Das Deutsche und das Europäische Arzneibuch schreiben aus Gründen der Arzneimittelsicherheit vor, dass die in Ginkgoblättern mit bis zu 2 Prozent vorkommenden potenziell gesundheitsschädlichen Ginkgolsäuren bei der Herstellung von arzneilich verwendeten Ginkgoextrakten auf das technisch Machbare zu reduzieren sind. Angesichts der vermehrt auf den Markt kommenden Teeprodukte mit Ginkgoblättern hat das ZL deren Gehalte an Ginkgolsäuren untersucht.

Ginkgolsäuren gehören zu den Alkyl- und Alkenylphenolcarbonsäuren. Sie besitzen ein hohes allergenes Potenzial und zeigen in pharmakologisch-toxikologischen Untersuchungen auch cytotoxische, neurotoxische und mutagene Wirkungen. Daher wurde im Europäischen und Deutschen Arzneibuch der zulässige Gehalt an Ginkgolsäuren in arzneilich verwendeten Ginkgo-Trockenextrakten auf 5 ppm (parts per million) limitiert. Weil von der zuständigen Bundesbehörde (BfArM) Ginkgo-Arzneimittel ab einer unteren therapeutisch wirksamen Tagesdosis von 120 mg bis zu einer oberen Tagesdosis von 240 mg Ginkgo-Trockenextrakt bewilligt werden, entspricht der Grenzwert für Ginkgolsäuren von 5 ppm im Rahmen einer Arzneimittel-Einnahme von 120 bis 240 mg Extrakt einer maximalen Menge von 0,6 bis 1,2 µg Ginkgolsäuren pro Tag.

Das ZL untersuchte nun neun verschiedene Ginkgoblätter-haltige Teeprodukte auf den Gehalt an Ginkgolsäuren.
Alle im Rahmen der Studie untersuchten Teeaufgüsse enthielten unter Berücksichtigung einer für Ginkgoextrakt-haltige Arzneimittel zulässigen maximalen Tagesdosis von 1,2 µg (entsprechend dem Grenzwert der Arzneibücher von 5 ppm) unzulässig hohe und gesundheitsbedenkliche Gehaltswerte an Ginkgolsäuren und dies in nur einer einzigen Tasse Tee. Der Gehalt an Ginkgolsäuren schwankte in den Teemischungen sehr stark. Neben den unterschiedlichen, vielfach jedoch nicht deklarierten Mengen an zugesetzten Ginkgoblättern spielte dabei wohl das jeweilige Anbaugebiet eine Rolle sowie die Verarbeitung der Blätter nach der Ernte.

Ginkgolsäuren zeigen eine verhältnismässig schlechte Wasserlöslichkeit. Die Untersuchung des ZL zeigt jedoch, dass sie trotzdem in unzulässig hohen Mengen in den Teeaufguss übergehen.
Dabei spielte es keine wesentliche Rolle, welche Ausgangskonzentration der Ginkgolsäuren in der Teemischung vorlag oder wie lange die Ziehzeit des Tees war.

Bei allen untersuchten Teeprodukten wurde im wässrigen Teeaufguss die für Arzneimittel zulässige höchste Tagesdosis an Ginkgolsäuren von 1,2 µg überschritten. Im Extremfall wird beim Trinken von nur einer Tasse Teeaufguss die für Arzneimittel zulässige Tageshöchstdosis um mehr als das 80-Fache überschritten. Eine gesundheitliche Unbedenklichkeit, wie sie für Lebensmittel verlangt werden muss, ist bei der Einnahme von solch hohen Mengen an Ginkgolsäuren nicht gegeben, dies erst recht nicht, wenn täglich mehrere Tassen Teeaufguss getrunken werden. Die Autoren der Studie beurteilen deshalb den Konsum von Teeaufgüssen mit solchen Mengen an Ginkgolsäuren als kritisch, zumal ein ernährungsphysiologischer oder therapeutischer Nutzen nicht belegt ist.
Quelle: Pharmazeutische Zeitung 46/2008

Kommentar: Die Apothekerschaft hat natürlich ein Interesse daran, die Verwendung von Ginkgo-Tee aus dem Lebensmittelhandel kritisch unter die Lupe zu nehmen. Das ist schliesslich eine Konkurrenz zu den verhältnismässig teureren Ginkgo-Extrakten aus der Apotheke. Mit diesem Argument könnte man den Ginkgo-Tee nun “retten”. Andererseits wäre es aber naiv zu glauben, Heilpflanzen seien grundsätzlich ohne Risiko. Ginkgolsäuren scheinen tatsächlich nicht gerade bekömmlich zu sein und weil sie für die therapeutische Wirkung offenbar bedeutungslos sind, scheint es jedenfalls vernünftig, sie bei der Herstellung von Ginkgo-Extrakten zu minimieren.
Mit Ginkgoblätter-Tee gibt es nicht nur keine Untersuchungen zu Wirksamkeit und Verträglichkeit, sondern auch keine langjährigen Erfahrungen aus der traditionellen Medizin. So spricht einiges dafür, auf die Einnahme von Ginkgoblätter-Tee zu verzichten – zumindestens auf eine Einnahme über längere Zeit.
Freuen wir uns doch einfach ästhetisch an den schönen und faszinierenden Ginkgo-Blättern.

Liegen ernsthafte Krankheiten vor zum Beispiel im Bereich von Demenz oder PAVK (Periphere Arterielle Verschlusskrankheit), kommt sowieso nur noch Ginkgo in Form von Extrakten in Frage, weil nur diese in ihrer Wirksamkeit belegt sind.
Weil die Ginkgolsäuren lipophil sind, dürften sie sich übrigens gut lösen in den alkoholischen Tinkturen. Das müsste meines Erachtens auch noch diskutiert und berücksichtigt werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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