Ein Versuch, der Entwicklung von Morbus Alzheimer durch die Einnahme von Ginkgo-Extrakten vorzubeugen, ist in einer großen randomisierten Studie gescheitert. Gemäss der Veröffentlichung im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2008; 300: 2253-2262) war das Präparat eines deutschen Herstellers wirkungslos.??

Auch in den USA erfreuen sich Extrakte aus den Blättern von Ginkgo biloba großer Popularität. Laut einer Umfrage sollen 4,5 Millionen Erwachsene dort regelmäßig das pflanzliche Mittel einnehmen, in der Hoffnung, dass es kognitive Funktionen und Gedächtnis im Alter erhalten möge. Zu den populären Anwendungsgebieten zählt die Vorbeugung der Alzheimerdemenz, welche Gegenstand der Ginkgo Evaluation of Memory-Studie war. Nach Angaben des Sponsors, dem US-National Center for Complementary and Alternative Medicine, handelt es sich um die größte klinische Studie, die jemals zu den Auswirkungen von Ginkgo-Extrakten auf die Entwicklung der Demenz durchgeführt wurde.??

An der Studie nahmen an fünf akademischen Zentren in den USA 3‘069 Senioren im Alter von 75 Jahren oder älter teil, die entweder geistig gesund waren oder bei denen eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) vorlag, die als mögliche Vorstufe der Alzheimerdemenz eingestuft wird. Die Teilnehmenden schluckten zweimal täglich entweder ein Placebo oder ein Gingko-Präparat, das die Firma Schwabe zur Verfügung gestellt hatte. Auch die Dosierung von 240 mg/Tag habe den derzeitigen Empfehlungen entsprochen, berichten Steven DeKosky von der Universität Pittsburgh und Mitarbeiter, die das Resultat der Studie vorstellten.??Während der Studiendauer von im Schnitt 6,1 Jahren erkrankten 523 Teilnehmer an einer Demenz. Von ihnen hatten 246 Placebo und 277 den Ginkgo-Extrakt geschluckt. Das Erkrankungsrisiko war in der Ginkgo-Extrakt-Gruppe sogar um 12 Prozent höher. Diese Differenz war jedoch statistisch nicht signifikant und dürfte daher ein Zufallsergebnis gewesen sein. Auch in der Untergruppe der Senioren mit MCI, in der die Fachleuten am ehesten einen Effekt erwartet hätten, traten tendenziell mehr Demenzerkrankungen auf.

Das einzig positive Resultat war, dass sich der Ginkgo-Extrakt als sicher erwiesen. Es zeigte sich kein erhöhtes Blutungsrisiko, anders als dies frühere Einzelfallberichte befürchten ließen. Im Sicherheitsprofil gebe es keine Differenzen zu Placebo, stellten die Autoren fest.

Der Hersteller Schwabe schreibt in einer Stellungnahme unter anderem, man könne nicht erwarten, dass eine Behandlung bei im Durchschnitt 79 Jahren alten Personen noch eine Wirkung zeige, weil die Schäden an den Nervenzellen sich schon etwa 15 bis 20 Jahre vor dem Manifestwerden der Erkrankung entwickeln.
Quelle: www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp
Originalpublikation:
http://jama.ama-assn.org/cgi/content/short/300/19/2253
Kommentar:
Ärgerlich finde ich nicht diese Studie, sondern die stark verkürzte und verfälschte Darstellung in den populären Kurzfutter-Gratiszeitungen. Hier erschien die Meldung überwiegend unter dem Schlagwort “Ginkgo wirkt nicht”.
Diesen Schluss zu ziehen ist aber eine starke Verzerrung. Die Studie sagt nur, dass Ginkgo unter den untersuchten Bedingungen – zum Beispiel dem Durchschnittsalter von 79 Jahren – keinen vorbeugenden Effekt gegen die Entstehung von Alzheimer zeigt. Wer sich seriös mit Phytotherapie befasst, hat aber auch nie einen solchen präventiven Effekt behauptet. Es gibt Studien mit einer günstigen Wirkung im Frühstadium von Demenz. Wissenschaftlich gesehen ist also die neue Studie aus Pittsburgh ein wichtiger Diskussionsbeitrag, aber keinesfalls ein endgültiges Urteil über Ginkgo im Gesamten. Meines Erachtens sollten Kurzfutter-Gratiszeitungen solche Meldungen besser ganz weglassen, wenn sie keinen Platz für eine differenzierte Darstellung haben.
Ich selber bin gar nicht traurig darüber, dass Ginkgo biloba in der Pittsburgh-Studie keinen präventiven Effekt zeigt. Ich bin sowieso skeptisch, wenn jeder älter werdende Mensch vorbeugend irgend welche Mittelchen schlucken soll – egal, ob es sich dabei nun um Heilpflanzen-Präparate, Vitaminpillen oder synthetische Medikamente handelt. Älterwerden ist noch kein behandlungsbedürftiger Zustand. Eine Medikalisierung des Älterwerdens lenkt nur von Wichtigerem ab. Beim Thema “Gehirn” beispielsweise davon, dass das Gehirn am ehesten dann fit bleibt, wenn man es vielfältig benutzt. Dass die Hersteller von Ginkgo-Produkten den vorbeugenden Einsatz begrüssen würden, ist wohl verständlich. Ihr Marktpotenzial würde sich vervielfachen verglichen mit dem eng begrenzten Einsatz im Frühstadium der Demenz.
Zwei Punkte möchte ich noch festhalten zu der beschriebenen Ginkgo-Studie:
Erstens: Es wurde ein hochklassiger Ginkgo-Extrakt verwendet. Das ist nicht selbstverständlich. Bei einer US-Studie zu Echinacea beispielsweise wurde einfach Kapseln mit Echinacea-Pflanzenpulver verwendet, obwohl ein solches Produkt gar nicht im Handel war. Das ist Schabernack. Es ist wichtig, dass die besten Heilpflanzen-Präparate sich den klinischen Studien stellen.
Zweitens: Die Studie hatte einen neutralen Sponsor. Sie war nicht abhängig von der Hersteller-Firma. Es gibt aber auch keinen Grund für die Unterstellung, hier sei die böse Medizin oder die Pharmaindustrie am Werk, um wieder einmal die sanfte Pflanzenheilkunde kaputt zu machen. Solche Verschwörungstheorien sind in der Naturheilkunde-Szene meist viel zu schnell zur Hand und werden gerne dazu benutzt, um unangenehme Kritik abzuwehren.
Ich bin im Gegensatz dazu mit Nachdruck der Meinung, dass wir uns auch mit kritischen Studien ernsthaft auseinander setzen sollten. Allerdings so differenziert wie möglich und mit allen Facetten, die ein Thema hergibt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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