Präparate mit Beinwellwurzel-Extrakt gelten bei Muskel- und Gelenkbeschwerden als pflanzliche Alternative zur Standardtherapie mit Diclofenac (Voltaren®). Eine Studie zeigt, dass das Heilpflanzen-Präparat in puncto Wirksamkeit den Vergleich nicht zu scheuen braucht.

»Ein gutes Modell für schmerzhafte Muskel- und Gelenkbeschwerden ist die Sprunggelenksverletzung«, sagte Dr. Helmut Pabst, Vizepräsident des Bayerischen Sportärzteverbandes, an einer Pressekonferenz. Denn hier zeigen sich wie bei einer Entzündung die klassischen Symptome Schmerz, Rötung und Schwellung in Kombination mit einer Funktionsstörung. Als Sofortmaßnahme sollte der Betroffene die PECH-Regel befolgen: Pause – Eis – Compression – Hochlagern. »Diese wird allerdings im Alltag wenig beherzigt«, hielt der Mediziner fest. Das Ergebnis sei dementsprechend ein stark geschwollenes Sprunggelenk, das in seiner Bewegung schmerzhaft reduziert ist. Wichtig bei einem solchen Ereignis sei es, den Schmerz zu bekämpfen. Zwar seien Schmerzen primär als Warnsignal des Körpers bei Überlastung zu werten. Lang anhaltende oder sehr starke Schmerzen könnten aber zu einer Fehlbelastung der Muskeln und Gelenke führen. Üblicherweise neige der Patient zu einer oralen Behandlung, aber auch örtlich angewandte Arzneimittelzubereitungen hätten sich in klinischen Studien als sehr gut wirksam erwiesen. »Mittel der Wahl ist oftmals Diclofenac in Form von Gel oder Pflaster«, hielt Pabst fest. Er befürworte aber eine Salbe mit Beinwellwurzelextrakt. Klinische Studien würden belegen, dass sie mindestens ebenso wirksam und verträglich sei und ein direkter Vergleich zeige, dass das Phytopharmakon in puncto Wirksamkeit dem nicht-steroidalen Antirheumatikum Diclofenac in einigen Teilbereichen sogar überlegen ist.

Raschere Schmerzlinderung

An der randomisierten kontrollierten Studie nahmen 164 Patienten teil, die an einer unkomplizierten Sprunggelenksverletzung litten. Während einer Woche wurde die verletzte Stelle täglich entweder mit Beinwell-Salbe oder Voltaren® Schmerzgel behandelt. Primärer Endpunkt war die Verminderung der Schmerzreaktion gegenüber einem definierten Druck auf die Verletzung. Zu den sekundären Wirksamkeitskriterien gehörten das subjektive Schmerzempfinden in Ruhe und Bewegung, die Schwellung des Knöchels sowie die Wirksamkeitsbeurteilung der Ärzte und Patienten.

Das Resultat: Die Beinwellwurzelextrakt-Salbe war dem Diclofenac-Gel mindestens ebenbürtig. So verminderte sich der Druckschmerz in der Beinwellwurzelextrakt-Gruppe um 81 und in der Diclofenac-Gruppe um 75 Prozent. Auch in den sekundären Endpunkten erwiesen sich beide Behandlungen mindestens vergleichbar wirksam. Sowohl der Ruheschmerz (Beinwellwurzelextrakt minus 92 Prozent versus Diclofenac minus 85 Prozent) als auch der bewegungsabhängige Schmerz (Beinwellwurzelextrakt minus 83 Prozent versus Diclofenac minus 72 Prozent) sowie auch die Gelenkschwellung (Beinwellwurzelextrakt minus 80 Prozent versus Diclofenac minus 69 Prozent) reduzierten sich signifikant. Ärzte und Patienten beurteilten beide Präparate als sehr gut oder gut wirksam, wobei sie den Beinwellwurzelextrakt noch positiver als das Diclofenac-Gel einstuften (78 und 84 Prozent versus 61 und 71 Prozent).

Hinsichtlich einer potenziellen Überlegenheit einer der beiden Behandlungen zeigte sich ein signifikanter Unterschied zugunsten der Beinwellsalbe in den Parametern Druckschmerz, Bewegungsschmerz sowie Ärzte- und Patienten-Beurteilung. Pabsts Fazit: »Das Phytopharmakon ist in seiner Wirksamkeit dem synthetischen Arzneistoff eine Nasenlänge voraus.«

Quelle: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=7515?
Beitrag erschien in Ausgabe 52/2008

Kommentar:

– Bei der beschriebene Studie wurde als Beinwell-Präparat Kytta-Salbe® eingesetzt. Genau genommen kann man die Resultate der Studie nicht auf andere Beinwell-Präparate übertragen. In dieser Hinsicht ist die Situation bei Phytotherapeutika komplexer als bei synthetischen Medikamenten. Eine Tablette Aspirin enthält 0,5 g Acetylsalicylsäure (ASS). Man kann davon ausgehen, dass ein Nachahmermedikament (Generikum), das ebenfalls diese Menge ASS enthält, im Grossen und Ganzen eine identische Wirkung zeigt. Phytotherapeutika sind aber sehr viel komplexer zusammengesetzt und je nach Herstellungsweise enthalten sie die Inhaltsstoffe der verwendeten Heilpflanzen in unterschiedlichen Konzentrationen. So kann man nicht einfach Studienergebnisse eines bestimmten Beinwellpräparates auf andere übertragen. Damit ist nicht gesagt, dass andere Beinwell-Salben keine Wirkung haben, sondern nur, dass man aus dieser Studie über andere Präparate keine Aussage machen kann. Kytta dürfte aber nicht das einzige Beinwell-Produkt sein, das eine Wirkung zeigt.

– Kytta-Salbe® ist ein Produkt des Pharmakonzerns Merck. Man sieht daran: Auch viele grosse Pharmakonzerne haben ihr “Phytotherapie-Töchterchen”. Das ist eigentlich gar nicht so schlecht. Jedenfalls kann man das in der Naturheilkunde-“Szene” ziemlich beliebte Schwarz-Weiss-Schema – hier die böse Pharmaindustrie, dort die sanften Naturheilmittelhersteller – schon längst nicht mehr so klar präsentieren. Mir selbst sind natürlich kleinere Hersteller durch‘s Band weg sympathischer. Allerdings muss man sagen: Merck ist mit seiner Kytta®-Salbe bezüglich Beinwell-Forschung führend und das kontinuierlich seit Jahren. Wer dafür ist, dass mehr investiert wird in die Erforschung der Heilpflanzen, müsste eigentlich Produkte von solchen Firmen vorziehen, welche den Aufwand für die Forschung leisten. Ich höre in der Naturheilkunde-“Szene” immer wieder Leute klagen darüber, wie wenig die Pharmaindustrie auf die Erforschung von Heilpflanzen setze. Die gleichen Leute kaufen und verwenden aber in der Regel Produkte von “Trittbrettfahrern”, die kaum Eigenleistung vorzuweisen haben. Das scheint mir ziemlich inkonsequent.

– Die beschriebene Studie vergleicht Kytta®-Beinwellsalbe mit Voltaren-Gel, der als Standardtherapie gilt. Schön, wenn das Beinwell-Präparat dem Diclofenac eine Nasenlänge voraus ist. Diese Art von Studien wird häufig gemacht. Sie haben aber eine Schwachstelle: Sprunggelenksverletzungen heilen in aller Regel auch von selber. Es könnte sein, dass der Voltaren-Gel kaum etwas zur Heilung beiträgt und die beobachtete Besserung einfach dem natürlichen Heilungsverlauf entspricht. Dann wäre natürlich die Schlussfolgerung, dass Beinwellsalbe leicht besser wirkt als Diclofenac-Gel, nicht wahnsinnig aussagekräftig. Es müsste eigentlich zur Klärung der Sachlage noch ein Vergleich mit einer Placebo-Salbe her.

– Aber immerhin: Gehen wir davon aus, dass Voltaren-Gel wirkt und Beinwellsalbe etwa gleich gute Effekte zeigt. Wenn das stimmt, dann wäre das ein starkes Argument dafür, Diclofenac-Gels durch Beinwell-Präparate zu ersetzen.
Diclofenac ist als Wirkstoff nämlich nicht ganz unproblematisch. Es handelt sich um ein sehr stabiles, langlebiges Molekül, das auch ökologische Folgeschäden auslösen könnte.
In Südasien verendeten vor einigen Jahren mehrere Millionen Greifvögel an Diclofenac. Der Wirkstoff wurde Rindern in großen Mengen über das Futter zugeführt. Geier fraßen deren Kadaver und nahmen so das Diclofenac in ihren Organismus auf. Bei vielen der Vögel bewirkte dies Nierenversagen und schließlich den Tod. Es handelt sich hier um den ersten dokumentierten Fall, in dem ein Medikament eine derartige ökologische Katastrophe auslöste. Die indische Bundesregierung erliess daraufhin ein landesweites Anwendungsverbot für Diclofenac bei der Behandlung von Vieh. Die Landwirte und Tierärzte bekamen ein halbes Jahr Zeit, um auf andere Wirkstoffe zu wechseln. Da die Wirkungsweise vieler Alternativen jedoch Diclofenac ähnelt, werden die Auswirkungen auf Geier und andere wild lebende Tiere genau zu beobachten sein.
Bei uns in Mitteleuropa muss man allfällige ökologische Auswirkungen von Diclofenac durch die Anwendung beim Menschen im Auge behalten.
Vom eingenommenen Diclofenac verlassen 70 Prozent den Körper unverändert. Bei Diclofenac-Gel werden etwa 6 % des Wirkstoffes durch die Haut resorbiert, wovon dann auch wieder 70% unverändert ins Abwasser gehen. Und der überwiegende Rest des Wirkstoffes aus dem Gel bleibt auf der Haut und gelangt via Duschen und Waschen in die Gewässer.

In Deutschland werden circa 90 Tonnen Diclofenac pro Jahr verbraucht, wodurch schätzungsweise 63 Tonnen Diclofenac über den Urin in den Wasserkreislauf gespült werden. Da Kläranlagen nicht darauf ausgelegt sind, Medikamente herauszufiltern, gelangen diese weitgehend ungehindert in die Umwelt und über die Oberflächengewässer auch wieder ins Trinkwasser. Eine direkte Gefährdung des Menschen soll damit nicht verbunden sein, weil die Umweltkonzentrationen sehr weit unter den dafür nötigen Dosen liegen.

Beispielsweise sei in 25 Millionen Liter Trinkwasser gerade mal eine Tagesdosis Diclofenac enthalten. Doch Entwarnung kann trotzdem nicht gegeben werden. Es gibt keine Erfahrungen mit der Langzeitaufnahme von geringen Medikamentenmengen, wie sie im Trinkwasser auftreten. Spätfolgen können darum nicht ausgeschlossen werden. In der Nähe von Klärwerken wurden mitunter offenbar deutlich höhere Wirkstoffmengen gefunden, und die Effekte auf die verschiedenen Biotope sind meist kaum untersucht. “Diclofenac führt in Experimenten auch bei einigen Fischarten zu Nierenschäden. Allerdings ist die Analyse von Populationseffekten in freien Gewässern aufgrund der Vielzahl von Einflüssen schwierig”, stellt Klaus Kümmerer fest. Er ist Professor im Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg und Leiter eines Projekts der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) zu Arzneimittelrückständen in der Umwelt.
(Quelle für diesen Abschnitt: Meißner, Marc;
Arzneimittel in der Umwelt: Natur als Medikamentendeponie;
Dtsch Arztebl 2008; 105(24): A-1324)

Ich will keineswegs dramatisieren und auf Alarmismus machen. Meines Erachtens sprechen solche Erkenntnisse aber sehr dafür, die Beinwell-Salbe dem Diclofenac-Gel vorzuziehen, wenn Beinwell wirklich gleich wirksam sein sollte. Es deutet nämlich sehr viel darauf hin, dass die Ökosysteme mit den im Beinwellextrakt enthaltenen Substanzen umgehen können. Naturstoffe sind den Pflanzen und Tieren seit Jahrmillionen vertraut. Das heisst nicht, dass alles harmlos ist, was aus der Natur stammt: es wäre auch ein Fehler, die Natur durch eine harmonisierende Brille zu idealisieren. Doch werden Naturstoffe in aller Regel nach einer gewissen Zeit in der Umwelt wieder abgebaut und viele Organismen haben gelernt (lernen müssen), wie sie kleine Mengen toxischer Naturstoffe entgiften können.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

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