Oregano gibt nicht nur der Pizza ihren charakteristischen Geschmack. Das Gewürz enthält auch einen Wirkstoff, der unter anderem gegen Entzündungen zu helfen scheint. Das haben Forscher der Universität Bonn und der ETH Zürich entdeckt.

Sie verabreichten die Substanz namens Beta-Caryophyllen (E-BCP) Mäusen, die eine entzündete Pfote hatten. In sieben von zehn Fällen besserten sich durch diese Behandlung die Symptome. E-BCB lasse sich möglicherweise auch gegen Erkrankungen wie Osteoporose oder Arterienverkalkung nutzen, glauben die Forscher. Die Studie erschien am Montag, 23. Juni 2008, in den “Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS). Oregano zählt heute nicht mehr zum engeren Kreis der Heilpflanzen. Es wird heute viel mehr als Gewürzpflanzen verwendet, doch sind die Übergänge zwischen Gewürz- und Heilpflanzen natürlich fliessend.

E-BCP ist ein charakteristischer Inhaltsstoff zahlreicher Gewürz- und Nahrungspflanzen. Man findet die Substanz unter anderem auch in Basilikum, Rosmarin, Zimt und schwarzem Pfeffer. Mit der Nahrung nehmen wir jeden Tag bis zu 200 Milligramm des ringförmigen Moleküls auf.
Unbekannt war bisher, dass es im Organismus sehr erwünschte Wirkungen entfalten kann: “Nach unseren Ergebnissen ist E-BCP entzündungshemmend”, sagt Professor Dr. Andreas Zimmer vom Bonner Life & Brain-Zentrum. “Aber nicht nur das: Experimente an Mäusen haben gezeigt, dass die Substanz sogar bei Osteoporose wirksam ist.”

Beta-Caryophyllen bindet sich spezifisch an bestimmte Empfänger-Strukturen in der Zellmembran, die so genannten Cannabinoid-CB2-Rezeptoren. Die Zelle verändert dadurch ihr Verhalten: Sie schüttet dann zum Beispiel weniger entzündungsfördernde Signalstoffe aus. “Wir haben Mäuse, die unter einer entzündlichen Schwellung der Pfote litten, mit E-BCP behandelt”, erläutert Dr. Jürg Gertsch von der ETH Zürich. “In bis zu 70 Prozent der Fälle klang die Schwellung daraufhin ab.”

Pizza macht nicht bekifft

Damit könnte E-BCP als Ausgangspunkt für neue Arzneimittel in Frage kommen. Besonders attraktiv für Pharmaforscher ist dabei, dass die Substanz in der Natur so verbreitet vorkommt. Dazu gesellt sich jedoch noch ein zweiter Vorteil: Beta-Caryophyllen hat im Gegensatz zu anderen Molekülen, die auf den CB2-Rezeptor wirken, keine berauschende Wirkung.
Der CB2-Rezeptor hat nämlich einen “Bruder” namens CB1, der hauptsächlich Drogenforschern ein Begriff ist. CB1 findet sich unter anderem in den Nervenzellen des Gehirns. An ihn können zum Beispiel bestimmte Inhaltstoffe der Hanfpflanze andocken. Was dann geschieht, wissen Marihuana-Konsumenten genau.

CB1 und CB2 sind zwar keine Zwillinge, aber doch sehr nah verwandt. Substanzen, die CB2 stimulieren, wirken deshalb häufig auch berauschend. Anders E-BCP: Es ist der erste bekannte natürliche Wirkstoff, der spezifisch an CB2 andockt und nicht an CB1 – darum macht Pizza auch nicht high.
Beide Rezeptoren gehören zum so genannten Endocannabinoid-System. Forscher schreiben ihm zunehmend eine bedeutende Rolle bei verschiedenen Erkrankungen zu: Läuft es aus dem Ruder, können vermutlich Herzkrankheiten, Allergien, chronische Schmerzen oder auch Gedächtnisstörungen begünstigt werden. “Endocannabinoide sind Substanzen, die der Körper selbst bildet und die ihn im Gleichgewicht halten”, erklärt Professor Zimmer. Bei einer Entzündung sollen sie wirken wie ein Tritt auf die Bremse und verhindern, dass das Immunsystem zu viel des Guten tut und Abwehrreaktionen außer Kontrolle geraten.

Auch chronische Störungen wie Morbus Crohn – eine Entzündung des Darmtrakts – lassen sich möglicherweise mit E-BCP in den Griff bekommen. “Die Verbindung könnte ein wichtiger Faktor in der Ernährung sein, um derartige Zivilisationskrankungen zu bremsen”, erklärt Dr. Jürg Gertsch. Wer in Zukunft alle Speisen mit Oregano würzt, lebt damit jedoch trotzdem nicht unbedingt gesünder. “Das Endocannabinoidsystem kommt dann zum Zuge, wenn bei Stoffwechselprozessen das Gleichgewicht gestört ist”, betont Professor Zimmer. “Es ist ähnlich wie mit Antidepressiva: Die helfen zwar bei Depressionen. Ein Gesunder bekommt durch sie aber keine bessere Laune.” ?

Quelle: Pressemitteilung Universität Bonn, 23. 6. 2008

Kommentar:

– Auch hier wieder: Die Erkenntnisse über einen entzündungshemmenden Wirkstoff im Oregano sind zwar interessant. Wirkungen im Labor an Mäusen lassen sich aber nicht einfach 1:1 auf die Situation beim kranken Menschen übertragen. Darum sollten solche Ergebnisse immer vorsichtig interpretiert und keine vorschnellen Heilungsversprechen daraus abgeleitet werden.

– Oregano ( = Dost, = Wilder Majoran, = Origanum vulgare) gehörte früher zu den wichtigsten Heilpflanzen im Bereich der Dämonenabwehr. Ihm traute man zudem beinahe universelle Heilwirkungen zu. So lobt beispielsweise 1485 der Mainzer “Gart der Gesuntheit:
“Nym diese Blumen und auch die Bletter und thue sie in ein secklin. Das secklyn sal man wärmen in Wein und es darnach auf das Heupt legen und das Heubt zudecken, also dass man schwitzt. Dis benymbt viel Krankheit der Brust und auch des Hauptes, und sonderlich thut es gut den Astmaticis; das sind die, so schwer keuchen. Wer mit Not zu Stuhl geht und doch gross Gelüst hette, und es doch nicht schaffen mag, also dass ihm alles weh tete, als ging ihm der After aus dem Leib heraus: Der nehme Dostenpulver und streu es darauff, es wirkt bald auff den Leib.”
Solche Angaben lassen sich natürlich nicht einfach 1:1 in die Gegenwart übertragen. Dazu müsste man sich zuerst sehr intensiv mit den Krankheitsvorstellungen des 15. Jahrhunderts befassen und sich dann sorgfältig und auch kritisch mit dem Text auseinandersetzen. Bestimmt aber würde es sich lohnen, den Oregano quasi wieder einmal im Kreise der Heilpflanzen zu begrüssen und vertieft über mögliche Wirkungen und Anwendungsbereiche nachzudenken.

– Oregano ist im der Natur und im Garten eine wertvolle Nektarquelle für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Sein Nektar ist sehr zuckerreich. Er gilt als Bienenweide. Wenn Sie ihm ein schönes Plätzchen im Garten verschaffen, zieht er viele interessante Gäste an.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
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