Vielversprechende Resultate einer Beobachtung

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus werden durch qualitative Beeinträchtigungen in der gegenseitigen Interaktion, der verbalen und nonverbalen Kommunikation charakterisiert und durch ein
merklich beschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen.
Eine Publikation in der Zeitschrift ProMed komplementär 4/2009 beschreibt eine kleine Beobachtungsstudie zur Anwendung von Melissenextrakt bei Autismus. Hier eine Zusammenfassung:

Melisse, so wird berichtet, besitze eine beruhigende und ordnende Wirkung. Aus dem Grund vermuten die Autoren der Studie, dass Melissenextrakt vielleicht wirksam sein könnte bei der Behandlung von Autismus.
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An der Beobachtungsstudie nahmen drei ambulante männliche Patienten teil (16.1-17.3 Jahre; mean=16.7 Jahre; SD=0.4-Jahre). Ihre Intelligenzquotienten bewegten sich zwischen 56 und 88 (72+/?16), gemessen mit der Wechsler Intelligence Scale. Die Diagnose wurde unabhängig voneinander von zwei Psychologen gestellt und bestätigt. Alle Patienten waren frei von zusätzlichen medizinischen oder neurologische Erkrankungen und zudem wenigstens für einen Monat medikamentenfrei. Einer war vorgängig mit Methylphenidat, der andere mit Neuroleptika behandelt worden, beide mit ungünstigem Wirkungs-Nebenwirkungs-Verhältnis. Die Sprache eines Patienten bestand aus einsilbigen Wörtern, die der anderen aus einzelnen Wörtern (10-Wort-Vokabular). Eltern und Mentoren (= die Personen, die den Patienten im Alltag betreuten) bewerteten die Symptome mit der Verhaltens- (ABC) und Symptomkontrolliste. Melissenblätter-Trockenextrakt, (5.0-6.2:1, Auszugsmittel Wasser) in der Dosierung von 2 x 225 mg (2 x 1 Tbl.) wurde einen Monat lang verabreicht. Die pädagogischen Interventionen blieben vor, während und nach dieser Beobachtungsstudie gleich.
Die Bewertungen (Durchschnittswert beider Bewerter) wurden vor und am Ende von der Behandlungsperiode erstellt, wobei zwei Patienten zuerst Melisse, nach einer vierwöchigen Pause Placebo und ein Patient zuerst Placebo, nach einer vier- wöchigen Pause Melisse bekam.
Melisse verbesserte signifikant die ABC-Faktoren Reizbarkeit, Überaktivität, inadaequater Blickkontakt und unpassende Sprache. Die Symptomkontrollistenresultate zeigten eine signifikante Zunahme an Schläfrigkeit, verminderte Aktivität. Kein Patient klagte über Kopfschmerzen oder Magenschmerzen. Obwohl diese kleine Beobachtungsstudie nur einen bescheidenen therapeutischen Effekt von Melisse im akuten Management von Autismus-Patienten zeigte, so wurde doch eine leichte Verbesserung dieser schwer behandelbaren Symptome evident. Weiterführende diesbezügliche Untersuchungen wären nach Meinung der Autoren des Artikels wünschenswert.
Für die Praxis ziehen sie folgendes Fazit:

“Mangelnder Blickkontakt und vor allem die fehlende soziale Interaktion reduzieren die Effizienz pädagogischer Interventionen bei Patienten mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Aus dem Grund sind auch zusätzliche psychopharmakologische Therapien unerlässlich, um die Symptome zu verbessern.
Wir beobachteten bei drei männlichen autistischen Patienten, diagnostiziert nach den ICD-10 Kriterien, den Effekt von Melisse. Die Patienten wurden eingeschlossen, wenn ihr Augenkontakt und ihre Sprache inadäquat für ihren Entwicklungsstand waren.
Reizbarkeit und Stereotypien verbesserten sich leicht während Behandlung mit Melisse.
Zusammenfassend: Melisse war in der kurzfristigen Behandlung bei einigen autistischen Patienten gering, aber doch wirksam.”

Quelle:
http://www.springermedizin.at
H. Niederhofer, ProMed komplementär 4/2009

Kommentar & Ergänzung:

Das ist natürlich tatsächlich eine sehr kleine Studien mit beschränkter Aussagekraft. Die Autoren stellen das selber fest und sind vorsichtig mit ihren Aussagen.
Aus Sicht der Phytotherapie scheint mir interessant, dass hier ein Melissen-Extrakt peroral angewendet wurde. Ich hätte bei dieser Indikation eher die inhalative Anwendung von Melissenöl erwartet.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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