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Aromatherapie: Jasmin-Duftstoff wirkt wie Valium

Gesundheitliches

Avatar-FotoMartin Koradi05.08.2010

Benzodiazepine (z.B. Valium), Barbiturate und Narkosemittel wie Propofol wirken über spezifische Haftstellen an Rezeptoren, die an Synapsen im Gehirn liegen und die Wirkung des hemmenden körpereigenen Botenstoffs GABA (Gamma-Aminobuttersäure) steigern. Um selbst wie GABA zu wirken, müssten die Medikamente sehr hoch dosiert werden, schon geringere Dosierungen genügen jedoch, um die Wirkung der körpereigenen GABA um das Zwei- bis Dreifache zu verstärken.

Wissenschaftler haben jetzt in einer großen Screeningstudie mehrere hundert Duftstoffe hinsichtlich ihrer Wirkung auf GABA-Rezeptoren von Mensch und Maus getestet. Die beiden Duftstoffe Vertacetal-coeur (VC) und die chemische Variante (PI24513) wirkten am stärksten: Sie konnten die GABA-Wirkung um mehr als das Fünffache verstärken und wirken somit ähnlich stark wie die bekannten Medikamente.

Jasmin-Duftstoff Vertacetal-couer

Der Jasmin-Duftstoff Vertacetal-couer bindet im Gehirn an den gleichen Rezeptor wie Benzodiazepine (z. B. Valium, Lexotanil, Seresta, Temesta), Barbiturate und das Narkotikum Propofol. Zumindest bei Mäusen konnten Wissenschaftler im Journal of Biological Chemistry (2010, doi: 10.1074/jbc.M110.103309) eine sedative Wirkung nachweisen. Die Forschungsgruppe um Olga Sergeeva von der Universität Düsseldorf kann jetzt aufzeigen, dass Vertacetal-coeur (oder die chemische Variante PI24513) die Aktivität einer (von 19 bekannten) Varianten des GABA-Rezeptors moduliert.

Die Varianten des GABA-Rezeptors sind im Schlaf-Wach-Zentrum des Hypothalamus lokalisiert. Die Aktivität der “schlafaktiven” Rezeptoren wurde in den Duft-Experimenten in gleichem Maße verstärkt wie durch Benzodiazepine, Barbiturate oder Propofol.

Sedativum

Dies muss nicht unbedingt heissen, dass Jasmin (in entsprechenden Dosierungen) als Sedativum oder gar als Narkotikum angewendet werden könnte. Eine gewisser beruhigender Effekt wurde indes bei Versuchstieren beobachtet, die in einem Plexiglaskäfig einer höheren Konzentration der Jasmin-Duftstoffe ausgesetzt waren.

Die Mäuse stellten jede Aktivität ein und saßen ruhig in der Ecke, schreiben die Wissenschaftler, die sich auch beim Menschen eine angstlösende, beruhigende, erregungs- und aggressionsdämpfende oder schlafanstoßende Wirkung vorstellen können. Belegen lässt sich dies durch tierexperimentelle Untersuchungen allerdings nicht. Dazu wären klinische Studien nötig.

Durch die Veränderung der chemischen Struktur der Duftmoleküle wollen die Wissenschaftler nun versuchen, noch stärkere Wirkung zu erreichen.

Quellen:

www.aerzteblatt.de

https://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/pm2010/pm00222.html.de

https://www.jbc.org/content/early/2010/05/28/jbc.M110.103309.full.pdf#page=1&view=FitH

Sergeeva, O. A., et al.: J. Biol. Chem., Online-Vorabpublikation, DOI: 10.1074/jbc.M110.103309

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de

Kommentar & Ergänzung: Aromatherapie: Jasmin-Duftstoff wirkt wie Valium

Es gibt in der Aromatherapie eine Vielzahl von Aussagen über die Beeinflussung von ganz spezifischen Gefühlszuständen, wobei meistens völlig ungeklärt bleibt, ob die versprochenen Wirkungen auch tatsächlich eintreten. Klar ist aber, dass es Duftstoffe bzw. ätherische Öle gibt, die anregende oder beruhigende Effekte auslösen.

Dass ein Jasmin-Duftstoff ähnlich beruhigende Wirkungen zeigt wie Benzodiazepine bzw. Valium, ist daher durchaus denkbar.

Zurecht schränkt das „Ärzteblatt“ aber ein, dass tierexperimentelle Untersuchungen noch kein Beleg für eine Wirksamkeit beim Menschen sind.

Im Text ist die Rede von inhalativen beruhigenden Effekten auf lebende Mäuse und von Untersuchungen an Rezeptoren, die an isolierten Geweben stattfinden müssen. Offen bleibt meiner Ansicht nach hierbei, ob die inhalativen Effekte ebenfalls über die beschriebene Rezeptor-Theorie erklärt werden kann. Es könnte sich auch um zwei verschiedene Wirkungsmechanismen handeln.

Zwiespältig erscheint mir der Hinweis auf den Versuch, durch Veränderung der Jasminduft-Moleküle noch stärkere Wirkungen zu erzielen. Dabei könnte es auch um eine bessere Patentierbarkeit gehen, sind doch modifizierte Naturmoleküle eher als Erfindungen schützbar als Originalmoleküle aus der Natur. Ausserdem wird mit der angestrebten erhöhten Wirkung wohl auch ein erhöhtes Risiko von Nebenwirkungen einhergehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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