„Pillen statt Pflege?“, fragt die „Welt“ in einem bemerkenswerten Artikel und fügt bei: „Viele Demenzkranke erhalten starke Beruhigungsmittel, so genannte Neuroleptika – diese können bei den Betroffenen aber zu Komplikationen, ja sogar zum Tod führen. Das belegen nun gleich mehrere Studien. Verschrieben werden diese Mittel dennoch mehr denn je.“

Einer dänischen Studie zufolge bekommen 60 Prozent der Demenzpatienten in Pflegeheimen im Minimum ein Psychopharmakon, meistens ein Neuroleptikum. Laut Arzneimittel-Report der Gmünder Ersatzkasse (GEK) schlucken etwa 30 Prozent der Demenzpatienten Neuroleptika. Bei den über 80-Jährigen sollen es sogar 35 Prozent sein.

Darum verlangt der Bremer Arzneimittelforscher Gerd Glaeske eine „drastische Senkung“ der Verordnungen: „Sie bedeuten eine erhebliche Gefährdung für Demenzpatienten. Die vorhandenen Therapiehinweise werden nicht ausreichend berücksichtigt – zum Schaden älterer Menschen.”

Die Behandlung von Demenzkranken mit Neuroleptika konfrontiere den Arzt „mit einem therapeutischen Dilemma“, heißt es im GEK-Report. Einerseits wolle man Aggressivität und Verhaltensstörungen der Demenzkranken therapieren, andererseits schränken unzureichende und zum Teil widersprüchliche Daten die therapeutischen Handlungsmöglichkeiten ein. „Es ist davon auszugehen, dass durch einen unkritischen Einsatz von Neuroleptika das Sterblichkeitsrisiko älterer Demenzpatienten signifikant steigt“, hält der Neurologe Marcel Sieberer in der Analyse fest. Eine Neuroleptika-Behandlung sollte deshalb „nur bei entsprechender Schwere der Symptome und bei unzureichender Wirksamkeit aller nicht medikamentöser Maßnahmen erfolgen“. Die „prozentual sogar ansteigenden Verordnungen“ von Neuroleptika seien „durchaus kritisch“ in Frage zu stellen.

Auf ein zusätzliches Problem machen Pharmakologen der Arbeitsgemeinschaft Arzneimitteltherapie bei psychiatrischen Erkrankungen (Agate) in der Zeitschrift „Psychiatrische Praxis“ aufmerksam: Zeigt sich, dass die Verschreibung eines bestimmten Medikaments riskant ist, weicht der Mediziner meist auf ein anderes Mittel aus. Doch das muss nicht besser sein, insbesondere wenn zu der alternativ verwendeten Arznei keine aussagekräftigen Studien existieren. In solchen Fällen werde nur das eine gegen das andere Risiko getauscht.

Die Agate-Forscher werteten Daten von 2424 Demenzpatienten der Jahre 2000 bis 2006 aus und verglichen die Verordnungshäufigkeiten einzelner Wirkstoffe miteinander. Jeder zweite Patient bekam mehr als ein Neuroleptikum. Die Ärzte verschrieben in dieser Zeit nicht weniger, dafür jedoch andere Neuroleptika.

So wurden ab 2004 Olanzapin und Risperidon deutlich weniger verschrieben, dafür mehr Haloperidol und Quetiapin. Das lag daran, dass im Jahr 2003 der Verdacht entstand, die beiden erstgenannten Wirkstoffe seien mit einem erhöhten Sterbe- und Schlaganfallrisiko behaftet. Die Mediziner wichen auf andere Medikamente aus. 2005 tauchten dann erste Hinweise auf, dass die gesamte Substanzklasse – und damit nicht nur Olanzapin und Risperidon – das Hirninfarkt-Risiko erhöht. Eine Studie im „British Medical Journal“ vom vergangenen Jahr bekräftigte den Verdacht: Alle Neuroleptika steigern bei Demenzpatienten das Schlaganfallrisiko.

Quelle:

http://www.welt.de/die-welt/wissen/article4484977/Pillen-statt-Pflege.html

Kommentar & Ergänzung:

Ich bin kein fundamentalistischer Gegner synthetischer Medikamente. Und die Situation rund um die Behandlung und Pflege von Demenzkranken ist oft schwierig und sehr komplex. Trotzdem muss dieser Bericht in der „Welt“ zu denken geben.

Und er regt natürlich an zu Überlegungen, ob die Phytotherapie hier einen nützlichen Beitrag leisten könnte. Bei stark unruhigen Dementen dürften die klassischen peroralen Sedativa aus dem Bereich der Phytotherapie – Baldrian, Melisse, Passionsblume, Hopfen – zu wenig stark wirksam sein.

Melisse als Melissenöl angewendet könnte nützlich sein:

„Als Aromatherapie bei motorischer Unruhe von Demenz-Patienten führt Melissenlotion zu einer Verbesserung der Symptome und der Lebensqualität“

(aus: Phytotherapie bei Hauterkrankungen, Augustin / Hoch, Urban & Fischer 2004, siehe Buchshop)

Eine Melissenlotion lässt sich einfach herstellen durch beifügen von wenigen Tropfen Melissenöl in eine Körperlotion (W/O-Emulsion).

Einzelbeobachtungen sprechen auch für eine Wirksamkeit von Lavendelöl peroral auf Würfelzucker (1-4 Tropfen) .

Siehe dazu auch den Artikel:

Phytotherapie: Lavendelöl gegen Unruhe

Ausführlichere Angaben zu Lavendelöl in der Broschüre „Ätherische Öle in der Pflege – Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Lavendelöl“

Soweit einige Hinweise aus dem Phytotherapie-Blickwinkel. Ich bin mir aber bewusst, dass man in diesem Bereich nicht einfach mit Heilpflanzen-Anwendungen alle Probleme lösen kann!

Der Artikel in der „Welt“ stellt die Verschreibungspraxis sehr kritisch in Frage und diese Kritik scheint auch berechtigt.

Solch kritische Texte  werden allerdings oft allzu leicht für ein pauschales „Schulmedizin-Bashing“ benutzt. Speziell aus dem Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde kommen in solchen Fällen sehr rasch Stimmen im Stil von: Seht her, wir sagen es ja schon immer…..

Dabei wird aber ein wichtiger Aspekt ausgeklammert: Die Kritik an diesen Verordnungen der Mediziner kommt ebenfalls von Medizinern.

Will heissen: In der Medizin gibt es eine Tradition der Auseinandersetzung und der gegenseitigen fachlichen Kritik, die Schritt für Schritt weiter führt. Das gehört zu den Würden von Medizin und Wissenschaft.

Diese Art der fachlichen Auseinandersetzung fehlt meines Erachtens im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde weitgehend. Hier kann – etwas zugespitzt formuliert – jeder behaupten was ihm oder ihr gerade einfällt. Und es scheint manchmal, dass die Gläubigkeit der „Szene“ mit der Absurdheit der Behauptungen ansteigt.

Es gibt kaum „interne“ fachliche, argementengestützte Kritik, auch bei krassen und gefährlichen Fällen wie zum Beispiel der Propagierung von Kardentinktur als Heilmittel gegen Borreliose. Siehe dazu beispielsweise hier.

Mehr differenzierende, argumentengestützte Kontroverse würde im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde meines Erachtens not tun.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch